Proustscher Super-8-Film

Hilary Mantels Erinnerungsbuch „Von Geist und Geistern“

mantel, geist„Wenn meine frühen Erinnerungen auch bruchstückhaft sind, glaube ich doch nicht, dass sie, zumindest nicht vollständig, Konfabulationen sind, und das glaube ich aufgrund ihrer überwältigenden sinnlichen Kraft. (…) Wenn ich sage: „Ich schmeckte“, dann schmecke ich es, und wenn ich sage: „Ich hörte“, dann hörte ich es. Ich rede nicht von einem proustschen Moment, sondern von einem proustschen Super-8-Film. Jeder kann diese alten Filme in Gang setzen, er braucht nur etwas Vorbereitung und Übung.“

Hilary Mantel ist als Autorin der Romane Wölfe und Falken bekannt, die, entgegen der Erwartung an das Genre des Historischen Romans, höchstes literarisches Niveau besitzen. Beide wurden 2009 und 2012 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet.

Im Frühjahr dieses Jahres hat der Dumont Verlag ihre Autobiographie Von Geist und Geistern vorgelegt, die in Mantels Heimat England bereits 2003 vor den beiden berühmten Werken erschien. Ihr Weg zur Star-Autorin kann folglich nicht das Thema dieses Buches sein. Doch zeigen ihre Erinnerungen bereits, wie sie mit literarischer Begabung und analytischer Fähigkeit diesen Weg einschlägt.

Zudem zeugen sie, so der gut gewählte Titel, vom Geist Hilary Mantels. Auf Geister ganz im gespenstischen Sinne sollte man ebenso gefasst sein. Gleich auf den ersten Seiten schildert „Proustscher Super-8-Film“ weiterlesen

Ehrenwerte Rebellin

Susanne Kippenberger porträtiert in Das rote Schaf der Familie Jessica Mitford und ihre Schwester

HB Kippenberger_978-3-443-24649-2_MR.inddDie Mitford Sisters sind in England eine nationale Legende, außerhalb des Commonwealth allerdings wenig bekannt. Lediglich eine der sechs Töchter von Lord und Lady Redesdale brachte es durch ihre Freundschaft mit Hitler zu historischem Ruhm. Das Schicksal schien diese Verbindung für Unity Mitford bestimmt zu haben. Nicht nur ihr Vorname Valkyrie auch ihre Zeugung im kanadischen Swastika sind Omina, die Aischylos nicht treffender hätte erdichten können. Wie im antiken Drama endet ihre arische Ära fast tödlich. Sie schießt sich am 3.9.39 in den Kopf verzweifelt darüber, daß die Briten Deutschland den Krieg erklärt haben. Dennoch überlebt sie diesen um drei Jahre.

Auch ihre Schwester Diana besitzt ein Faible für Faschisten. Sie heiratet in zweiter Ehe Oswald Mosley, den Gründer der British Union of Faschist. Finanziell unterstützt wurde er von Mussolini, freundlich verbunden waren auch die Mosleys mit ihren braunen deutschen Kameraden. Ihre Trauung fand in Goebbels Privatwohnung statt.

Jessica „Decca“ Mitford war, wie der Titel der Biographie ahnen lässt, politisch gesehen das krasse Gegenteil ihrer beiden Schwestern. Mit 20 pfeift sie auf die Upperclass und folgt ihrer ersten „Ehrenwerte Rebellin“ weiterlesen

Das große Yadayadayada

In „Schöne Seelen“ vereint Philipp Tingler Society-Satire mit Psycho-Persiflage

Tingler„So also war die Gesellschaft beschaffen. Der Eindruck, den ein unbefangener Beobachter hätte empfangen können (wenn es diesen Beobachter nur je gegeben hätte), war folgender: mittelmäßige Menschen von meist zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über die letzten Dinge und ersten Wichtigkeiten zu sprechen, eigentlich nur wechselseitig ihren Aufzug musterten und versuchten, zu taxieren, was diese Fendi-Tasche aus Fohlen, Nerz und Weißgold gekostet haben mochte. (…) Die Gesichter waren mit Hyaluronsäure gefüllt und von Eitelkeit ausgesogen und zeigten oft genug den seligen Ausdruck jener Narren, die sich von ihrer eigenen Beschränktheit nähren, vor vermeintlicher Gesundheit strotzen und dauernd damit beschäftigt scheinen, sich selbst zuzulächeln,…“

Der böse Blick auf die Gesellschaft ist eine beliebte Spielart der Literatur. Dorothy Parker oder Herbert Rosendorfer waren darin Meister, die sich selbst durchaus mit einschlossen. Der Philosoph und Autor Philipp Tingler unternimmt in seinem neuen Roman „ Schöne Seelen“ eine entsprechende Analyse der Schönen und Reichen der Schweiz. Genauer gesagt Genf, „wo der zwinglianische Repressionsdruck seit jeher das Irrewerden begünstigt“.

Dort erliegt in der Schönheitsklinik vor den Toren der Stadt eine Dame nicht „Das große Yadayadayada“ weiterlesen

Gabinetto Segreto der Literatur

Im Dienst der Literatur erforscht Rainer Moritz „Wer hat den schlechtesten Sex“

9783421046444_CoverIm Neapler Museo Nazionale findet sich neben Mosaiken und Malereien aus den vom Vesuv zerstörten Städten ein spezieller Ausstellungsraum. Dieses Gabinetto Segreto war zum Schutz empfindsamer Seelen lange nur mit Sondererlaubnis zu betreten. Wer diese jedoch erhielt, konnte sich an erotischen bis derb sexuellen antiken Artefakten ergötzen. Ein derartiges erotisches Geheimkabinett im literarischen Sinne hat Rainer Moritz zusammengetragen. Der Titel „Wer hat den schlechtesten Sex?“ weist auf die spezifische Ausrichtung seines Sammelgebiets.

Rainer Moritz, Kritiker und Leiter des Literaturhauses Hamburg, wurde nicht erst in seinem Studium der Literaturwissenschaften mit literarischen Feuchtgebieten konfrontiert. Wie viele leidenschaftliche Leser suchte und fand er schon in jungen Jahren die besten Stellen in heimischen Bücherbergen. Seine Initiation erfolgte beim eher soften Sex in „Narziß und Goldmund“, deutlichere Fingerzeige hingegen lieferte ihm Daniel Defoe. Ich gehöre zur gleichen Generation wie Moritz und erinnere mich an ähnliche Erfahrungen. Jedoch stieß ich „Gabinetto Segreto der Literatur“ weiterlesen

Wenig Überraschung bei der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015

Alte Bekannte und zwei Neuentdeckungen

Logo_dbp_15_CMYKDas aktuellste Thema der Longlist, welche die diesjährigen Buchpreis-Jury aus den knapp 200 Titeln zusammengestellt hat, behandelt Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ (Knaus). Im Aufeinandertreffen von jungen Migranten und einem Professor in Kreuzberg zeigt sie einen möglichen Umgang mit Flüchtlingen.

Wie Erpenbeck sind auch die übrigen nominierten Namen wohlbekannt in der deutschen Literaturlandschaft. Es ist also kaum verwunderlich, daß ich in meiner kleinen Longlist-Lotterie einige Treffer verzeichnen kann. Die 5 aus 20 sind der in Heidelberg lebende Ralph Dutli, der in „Die Liebenden von Mantua“ (Wallstein) aus der Liebe „Wenig Überraschung bei der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015“ weiterlesen

Worpswede-Nostalgie

In „Konzert ohne Dichter“ hinterfragt Modick die Rolle von Kunst und Künstler

modick„Ja, warum machte man eigentlich Kunst? Warum malte man Bilder? Warum schrieb man Gedichte? Vogeler überlegte. Vielleicht, weil man geliebt werden will, dachte er. Und weil es Spaß macht.“

 „Und er hat bislang immer geliefert, was man von ihm verlangte, zuverlässig und pünktlich, geschmackvoll und erlesen, als Kunstfigur hat er sich gleich mit in den Kauf gegeben.“

Selbstkritik und Infragestellung seiner Kunst quälen Heinrich Vogeler (1872-1942), den personalen Erzähler in Klaus Modicks Roman Konzert ohne Dichter. Er steht unmittelbar vor seinem größten Erfolg, der Auszeichnung mit der Großen Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft im Juni 1905. Die drei Tage vor diesem Ereignis bilden die Rahmenhandlung, von der aus die Gedanken Vogelers in die Vergangenheit führen.

Sein Selbstbild als Künstler ist angekratzt, nicht nur im Vergleich mit seinem unerreichten Maler-Vorbild Botticelli, dessen Venus er täglich in seinem Atelier vor Augen hat. Hinzu kommt „Worpswede-Nostalgie“ weiterlesen

Identität und Schicksal

Erri de Lucas antike Tragödie „Il giorno prima della felicità“

„I vecchi palazzi contenevano botole murate, passaggi segreti, delitti e amori. I vecchi palazzi erano nidi di fantasmi. (…) Mi figuravo da bambino di essere un pezzo di questo palazzo, mio padre era l’edificio, mia madre il cortile.“

In einem alten Palazzo voller Geheimnisse lebt der Ich-Erzähler aus Erri de Lucas Roman „Il giorno prima della felicità/ Der Tag vor dem Glück“. Das Wohnhaus steht in einer Gasse Neapels, der Stadt am Vesuv, die 700 v. Chr. während der Griechischen Kolonisation gegründet wurde. Relikte ihrer altgriechischen Wurzeln lassen sich in archäologischen Funden fassen und ebenso in der Sprache der Stadt, dem Napoletano.

Der aus Neapel stammenden Autor Erri de Luca tradiert dieses Erbe. Napoletano prägt die Dialoge seines Roman, der in Inhalt und Form einem antiken Stoff gleicht. Wie im Mythos trifft ein Held auf seinen Gegenspieler, beschützt von einer Figur mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Begleitumstände werden wie im antiken Drama als Nebengeschichten kommentiert. Im „Identität und Schicksal“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2015

Juroren, Blogger und eine Longlist

Als der Deutsche Buchpreis 2005 ins Leben gerufen wurde, war er zunächst im Buchhandel kaum bekannt. Eine Suche nach dem Leseprobenheft der Longlist geriet selbst in Universitätsstädten zu einer Jagd. In der virtuellen Welt war das Interesse größer. In den Foren von Buchticket und Die Leselust fand ich Gleichgesinnte, die über die Romane der Longlist diskutieren wollten.

Seitdem hat sich manches verändert. Das Leseprobenheft liegt in den Buchhandlungen bereit, oft neben den Stapeln der nominierten Romane. Die Diskussionen verlagerten sich von den Foren in die Blogs, seit 2013 wird dieser Preis sogar offiziell von Literaturbloggern begleitet. In diesem Jahr dürfen wir gespannt sein auf die Meinungen von Buchrevier,  Buzzaldrins Bücher, Kaffeehaussitzer, Klappentexterin, Lustauflesen,  masuko13 und Sätze&Schätze.

Gleich geblieben sind die Usancen der Preisvergabe. Verlage können aus den von Oktober des Vorjahres bis September publizierten deutschsprachigen Romanen maximal zwei Titel einreichen. Daraus wählt die siebenköpfige Jury zunächst eine Liste mit 20 Romanen, aus der die Shortlist mit sechs Titeln hervorgeht. Der Gewinner wird pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse verkündet.

Die Zusammensetzung der Jury obliegt der Akademie Deutscher Buchpreis und ändert sich jährlich. Schon vor ein paar Jahren fragte ich mich, wann das Reservoir juryfähiger deutscher Literaturkritiker erschöpft sein werde. Zwar gibt es Literaturwissenschaftler, Lektoren, Übersetzer und nicht zuletzt Autoren, die für dieses Amt geeignet wären. Doch wer setzt sich schon gerne zwischen alle Stühle? Zumal sich auch von Autorenseite immer wieder Protest gegen diese Vermarktung der Kultur regt. So hat Ralf Rothmann bereits frühzeitig die Einreichung seines hochgelobten Romans Im Frühling sterben verhindert. Dadurch ist er konsequenter als kritische Schriftstellerkollegen wie Wilhelm Genazino oder Michael Ziegelwagner. Dieser rief im letzten Jahr gar zu einem Picknickprotest der Kandidaten auf.

Der Buchpreis wird wohl bleiben, der schriftstellerischen Schaffensfülle sei’s gedankt. Kreativ ist auch die Akademie, sie wählte in die diesjährige Jury neben den Literaturkritikern Claudia Kramatschek, Ulrike Sárkány, Christopher Schmitt und Bettina Schulte, die beiden Buchhändler Ursula Kloke und Rolf Keussen sowie den Musiker Markus Hinterhäuser.

Wie sie die diesjährige Longlist füllen, erfahren wir am 19. August. Knapp einen Monat später, am 11. September, werden die Shortlistkandidaten bekanntgegeben. Von diesen wird ein einziger am 12 .Oktober den mit 25000 dotierten Deutschen Buchpreis erringen. Die Übrigen werden mit einem pekuniären Trostpflaster und gemischten Gefühlen nach Hause gehen.

Damit die Zeit bis zur Longlist nicht zu lange wird, habe ich eine Mischung aus Lektüre, Vorliebe und Kalkül zusammengestellt, natürlich ohne alle Vorgaben einzuhalten.

 

Atalantes Longlist:

Anna Baar, Die Farbe des Granatapfels, Wallstein

Christine Bilkau, Die Glücklichen, Luchterhand

Nora Bossong, 36,9°, Hanser

Ralph Dutli, Die Liebenden von Mantua, Wallstein

Ludwig Fels, Die Hottentottenwerft, Jung&Jung

Valerie Fritsch, Winters Garten, Suhrkamp

Stefan Gärtner, Putins Weiber, Rowohlt

Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit, Dörlemann

Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp

Gila Lustiger, Die Schuld der anderen, Berlin Verlag

Matthias Nawrat, Die vielen Tode unseres Opas Jurek, Rowohlt

Karl-Heinz Ott, Die Auferstehung, Hanser

Angelika Overath, Sie dreht sich um, Luchterhand

Irene Ruttmann, Adèle, Zsolnay

Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel, C. H. Beck

Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, Suhrkamp

Ruth Schweikert, Wie wir älter werden, S. Fischer

Philipp Tingler, Schöne Seelen, Kein&Aber

Anne Weber, Ahnen, S. Fischer

Feridun Zaimoglu, Siebentürmeviertel, Kiepenheuer&Witsch

 

Hier geht’s zur offiziellen Longlist.

Kaffeeklatsch und Ku-Klux-Klan

Harper Lees wiederentdeckter Erstling „Gehe hin, stelle einen Wächter“ erzählt vom Erwachsenwerden

9783421047199_Cover„Die Hölle war und würde, was Jean Louise betraf, immer ein feuriger Pfuhl sein, dessen Ausmaße ungefähr genauso groß wie Maycomb, Alabama, waren und der von einer fünfzig Meter hohen Mauer umschlossen wurde.(…)

Die Hölle, das ist ewiges Getrenntsein. Was hatte sie bloß getan, dass sie sich den Rest ihres Leben (sic!) nach ihnen sehen musste, heimliche Abstecher in eine lang zurückliegende Zeit unternahm, aber keine Reise in die Gegenwart? Ich bin ihr Blut und ihre Knochen, ich habe in dieser Erde gegraben, das hier ist mein zuhause. Aber nein, ich bin nicht ihr Blut, und der Erde ist es egal, wer in ihr gräbt, ich bin eine Fremde auf einer Cocktailparty.“

Harper Lee wurde durch ihren bislang einzigen, 1960 veröffentlichten Roman „Wer die Nachtigall stört“ weltberühmt. Darin kämpft der Anwalt Atticus Finch in einem kleinen Provinzort in Alabama gegen den Rassismus der Südstaaten. Dieses Maycomb ist unschwer mit Monroeville zu identifizieren, wo Harper Lee 1926 geboren wurde und heute noch lebt.

Den vorliegenden Roman „Gehe hin, stelle einen Wächter“ vollendete Lee 1957, er ging dem eigentlichen Debüt der Autorin voraus. Das Manuskript wurde jedoch von ihrer Lektorin Theresa von Hohoff „Kaffeeklatsch und Ku-Klux-Klan“ weiterlesen

Endzeit-Elegie

Valerie Fritsch beschreibt in „Winters Garten“ mit pathetisch schönen Bildern die Vergänglichkeit

fritsch„Er erinnerte sich an die Sommer bei den Großeltern wie an ein Königreich, aus dem man vertrieben worden war. Er dachte an die Butterblumen und die Marillenknödel. Die handtellergroßen Hollerblüten eingelegt in Zucker. (…) Er rief die Bilder der Wiesen zurück, und ihm schien, als sähe er, wie im Garten gleichermaßen die Köpfe der Löwenzähne und die Häupter der Großeltern erst weiß wurden und dann kahl im Wind der Jahre. Wie diese gesunden Menschen mit den Apfelbacken und den Zahnlücken schrumpften. Wie die ledrigen Bauernhände aufrissen und blaue Adern im Marmor der bleichen Haut der Alten wuchsen. Wie alles alt wurde. Wie vieles verschwand.“

Bildreich, wortgewaltig und poetisch klingen bereits die ersten Seiten von Valerie Fritschs Roman „Winters Garten“. Sie konfrontieren den Menschen mit seiner eigenen Vergänglichkeit, mit der seines Körpers und mit der des Geistes, gespiegelt in seiner Haut, was die Autorin überzeugend auszudrücken weiß.

Das scheint erstaunlich angesichts des Alters von Fritsch, die als weitgereiste Fotografin auf ungewöhnliche Erfahrungen blickt. Auch ihr unlängst auf dem Bachmann-Wettbewerb vorgestellter Text spiegelte dies.

Mit „Winters Garten“ legt sie einen Endzeitroman vor, bei dem die Zivilisationsflucht das „Endzeit-Elegie“ weiterlesen