Unerinnerbarer Horror“

Emmanuel Carrère erzählt in „Yoga“ von seinem Kampf gegen innere Irrlichter

Es ist ein dor­nen­rei­ches Un­ter­fan­gen ei­ner so irr­lich­tern­den Be­we­gung wie der un­se­res Geis­tes zu fol­gen, ihm in die ver­bor­ge­nen Win­kel nach­zu­drin­gen und noch die win­zigs­ten Er­schei­nungs­for­men sei­ner Un­ru­he au­zu­ma­chen und auf­zu­zeich­nen. Meh­re­re Jah­re sind es schon, dass ich mei­nen Ge­dan­ken nur mich selbst zum Ge­gen­stand ge­setzt ha­be, dass ich nichts an­de­res un­ter­su­che und er­for­sche als mich, und er­for­sche ich doch et­was an­de­res, dann nur, um es auf mich zu be­zie­hen.“ (Mon­tai­g­ne)

Ich wür­de ger­ne et­was an­de­res den­ken als das, was ich den­ke, denn was ich den­ke und oft ge­nug auf­ge­zählt ha­be ist sinn­los, es ist im­mer das­sel­be und über­trie­ben selbstbezogen.“(Carrère)

Yo­ga“, der Ti­tel des jüngs­ten von Em­ma­nu­el Car­rè­re ver­fass­ten Ro­mans mag den Le­ser in die fal­sche Rich­tung füh­ren. Man lernt zwar ei­ni­ges über Yo­ga oder bes­ser über Me­di­ta­ti­on, das stil­le sich von al­len in­ne­ren Irr­lich­tern frei ma­chen­de Sit­zen, wie es be­reits in ei­nem Ro­man von Tim Parks be­schrie­ben wur­de. Doch Car­rè­res Auf­ent­halt in ei­nem klos­ter­glei­chen „Ge­he­ge“, wo al­les, was Spaß macht, ver­bo­ten ist, bil­det nur den ers­ten der vier Tei­le des Buchs die­ses auf au­to­fik­tio­na­les Er­zäh­len abon­nier­ten Au­tors. Sei­nem ich-er­zäh­len­den Ro­man-Ego ist be­wusst, daß sei­ne Art al­le Sät­ze mit Ich zu be­gin­nen, zu­min­dest was das Brie­fe­schrei­ben be­trifft, ent­ge­gen al­len Re­geln ist. Re­geln der Höf­lich­keit und der Rück­sicht, ge­gen die auch der Ro­man ver­stößt, wo­von die Le­se­rin al­ler­dings nur se­kun­där und durch mut­maß­li­che Lü­cken er­fährt. Letz­te­re sind das Re­sul­tat ei­nes Pro­zes­ses, den Car­rè­res Ex-Frau Hé­lè­ne De­vynck ge­wann. Als der Au­tor sich mit­tels Vi­pas­sa­na be­müht sei­ne Vrit­ti zu ver­trei­ben und sei­nen Kampf ge­gen „die Be­we­gun­gen, die den Geist er­schüt­tern“ zu ei­nem Buch zu ma­chen, weiß er da­von noch nichts. Noch gilt ein zu­min­dest ge­rin­ger Teil sei­ner Sor­gen der Frau und den ge­mein­sa­men Kindern.

Auch in den fol­gen­den drei Tei­len schil­dert Car­rè­re Si­tua­tio­nen, de­nen er aus­ge­setzt ist und die er mehr durch­lei­det als durch­lebt. „1825 Ta­ge“ lie­gen die Be­ge­ben­hei­ten nach den Ter­ror-Mor­den an der Re­dak­ti­on von Char­lie Heb­do zu­grun­de, de­nen ein Freund zum Op­fer fiel. Sie bie­ten ihm jen­seits der Be­mü­hung um ei­ne Ge­denk­re­de, die die Ge­fähr­tin des Er­mor­de­ten von ihm er­bit­tet, An­lass über de­ren Lie­bes­glück nach­zu­den­ken und sein ei­ge­nes zu hin­ter­fra­gen. Fast schon the­ra­peu­tisch tre­ten zwi­schen Selbst­er­kennt­nis und Le­bens­weis­hei­ten Aus­sa­gen zu Ta­ge, die aus dem Ro­man ent­fern­te In­hal­te an­deu­ten. „Wenn das Le­ben ei­nem ein sol­ches Ge­schenk macht [die wah­re Lie­be], muss man es an­neh­men und be­hü­ten, denn es gibt nichts Wert­vol­le­res und es gibt nur we­ni­ge Per­so­nen, de­nen es ein zwei­tes Mal ge­macht wird, falls man das Pech oder die Dumm­heit hat, es zu ver­spie­len: Das Le­ben ist nach ei­nem sol­chen Feh­ler zwangs­läu­fig ein bit­te­res, schlech­tes Le­ben, ich hät­te viel da­zu zu sagen.“

Das er­zäh­len­de Ich ist im­mer Car­rè­re, bei der Me­di­ta­ti­on, in den Wo­chen nach dem An­schlag und erst recht im drit­ten Teil, der „Ge­schich­te mei­nes Wahn­sinns“. War­um er in ei­ne aku­te Pha­se der De­pres­si­on fällt, bleibt un­ge­sagt. Car­rè­res li­te­ra­ri­sches Cre­do, sei­ne Li­te­ra­tur sei „der Ort, an dem man nicht lügt“, kann er dies­mal nicht ein­hal­ten. Er springt di­rekt zu den psy­chi­schen Fol­gen, die ihn dank der Hil­fe sei­ner Schwes­ter in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik füh­ren. Erst hier er­kennt er sein „neu­ro­ti­sches Elend“, wel­ches ihn fast sein gan­zes Le­ben be­glei­tet. Es ist kein Nor­mal­zu­stand des Le­bens, es be­trifft nicht je­den. Oder stimmt es doch, was ein Pries­ter ihm einst ver­riet, „die Leu­te sei­en viel un­glück­li­cher, als man glaubt“? Nach vier Mo­na­ten in Saint-An­ne be­schließt der Schrift­stel­ler, „mei­ne psych­ia­tri­sche Au­to­bio­gra­phie und mein Es­say über Yo­ga sind ein und das­sel­be Buch“, auch wenn er Er­fah­run­gen wie „un­er­zähl­ba­rer, un­be­schreib­ba­rer, un­be­nenn­ba­rer (…) uner­in­ner­ba­rer Hor­ror“ macht. Viel­leicht ist dies ein Grund, wes­halb er in die­sem höchst­in­ti­men Teil sei­nes Ro­mans, sei­ne Re­por­ta­ge-Re­cher­chen zu Sa­dam Hus­seins Blut-Ko­ran ein­flie­ßen lässt. Ähn­lich dis­pa­rat er­scheint der letz­te auf der grie­chi­schen In­sel Le­ros an­ge­sie­del­te Teil „Die Jungs“. Die Epi­so­de be­ruht auf Er­leb­tem und ist den­noch weit fik­ti­ver ge­stal­tet als die vor­an­ge­hen­den. Der auf ei­ner Nach­bar­in­sel ur­lau­ben­de Er­zäh­ler er­fährt von ei­ner His­to­ri­ke­rin, die auf Le­ros Schreib­kur­se für Flücht­lin­ge gibt. Er schließt sich ihr an und die bei­den un­ter­stüt­zen nicht nur ei­ne Hand­voll jun­ger Män­ner, son­dern sich ge­gen­sei­tig in ih­rer Hilf­lo­sig­keit, was Car­rè­re mit Iro­nie schildert.

Das Mit­tel der Iro­nie zieht sich durch das gan­ze Buch. Sei­ne bes­ten Mo­men­te hat es, wenn der Au­tor über sich selbst spot­tet, über sei­ne Idio­syn­kra­si­en als „la­bi­ler Nar­zisst“.

Man könn­te „Yo­ga“ vor­wer­fen, es sei ein nar­ziss­ti­scher Ro­man, und doch fin­den sich in ihm wei­se Sät­ze über das „in­ne­re Ge­plap­per“, das in der Me­di­ta­ti­on zur Ru­he kommt, über die Iro­nie als Re­me­di­um ge­gen die Trau­rig­keit, über die wah­re Lie­be und nicht zu­letzt über die Li­te­ra­tur als Ort von Wahr­heit und Lüge.

Emmanuel Carrère, Yoga, übers. v. Claudia Hamm, Matthes & Seitz 2022

In Sorrent wird alles besser“

Andrea und Dirk Liesemer erzählen von Nietzsches „Neuanfang im Süden“

End­lich ent­fernt er sich vom Land und tritt die Rei­se auf See an, kann al­les Al­te hin­ter sich las­sen, sich ei­nem Schiff an­ver­trau­en, hat un­ter sich nur noch die Tie­fe des Mee­res. Wenn er dann an ei­nem an­de­ren Ort an­kommt, wird er den fes­ten Bo­den ei­ner an­ders­ar­ti­gen Welt be­tre­ten, um sein Le­ben von Neu­em zu be­gin­nen, sich an der Wei­te des süd­li­chen Him­mels erfreuen.”

An Ta­ge in Sor­rent, dem Ro­man von An­drea und Dirk Lie­se­mer, rei­zen mich der Hand­lungs­ort, den ich gut ken­ne, die Epo­che so­wie das Per­so­nal des Ro­mans. Al­len vor­an Fried­rich Nietz­sche, der sich noch jung, aber durch sei­ne Seh­schwä­che be­ein­träch­tigt, auf Ein­la­dung ei­ner Mä­ze­nin im süd­li­chen Sor­rent er­ho­len möch­te. Sei­ne Be­glei­ter, zwei jun­ge Aka­de­mi­ker, rei­sen als Un­ter­stüt­zer mit ihm und wer­den mit der Zeit zu Lei­dens­ge­nos­sen. Wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se, ist al­len ge­mein­sam das Lei­den an sich selbst.

Gleich zu Be­ginn des Ro­mans be­geg­nen wir Nietz­sche, dem das Au­toren­paar Lie­se­mer in per­so­na­ler Er­zähl­form na­he­kommt. Sei­ne Be­find­lich­kei­ten wäh­rend der be­schwer­li­chen Rei­se, sein Ha­dern mit dem In Sor­rent wird al­les bes­ser““ weiterlesen

Ohne Skrupel und Skalpell

Irene Dische erzählt in Die militante Madonna von einem Ritter von variabler Gestalt

In mei­ner Zeit kann man die Men­schen schon al­lein an ih­ren Zäh­nen aus­ein­an­der­hal­ten. In ih­rer Zeit sind al­le Zäh­ne gleich, und die Schmin­ke wird mit ei­nem Chir­ur­gen­mes­ser auf­ge­tra­gen. Wenn Sie Ihr Los als Mann oder Frau nicht hin­neh­men, schnei­den Sie eben et­was ab oder nä­hen et­was dran. Al­le Sub­ti­li­tät wird ver­bannt. Al­le zar­ten oder stru­deln­den Un­ter­strö­mun­gen wer­den igno­riert. Und das nen­nen Sie „Fort­schritt“!“

Ire­ne Di­sches neu­em Ro­man liegt die Vi­ta ei­ner his­to­ri­schen Per­son zu Grun­de, die an­ders als es der Ti­tel „Die mi­li­tan­te Ma­don­na“ ver­mu­ten lässt, kei­ne Tu­gend­ge­stalt à la Jean D’Arc war. Nein, ei­ne Ma­don­na war der Che­va­lier d’Èon (1728–1810) nicht, eher ei­ne wehr­fä­hi­ge Mi­ner­va, als die er sich einst hat ma­len las­sen. Oder soll­te man bes­ser sa­gen, sie, denn Charles-Ge­neviè­ve-Lou­is-Au­gus­te-An­dré-Ti­mo­thée d’Éon de Be­au­mont wech­sel­te die Iden­ti­tä­ten von Che­va­lier und Che­va­liè­re. Bei­de Rol­len führ­ten ein be­weg­tes Le­ben, an dem ihr In­ha­ber uns Le­ser dank sei­nen Er­in­ne­run­gen teil­neh­men lässt. Di­sche be­dient sich ei­ner Quel­le, der post­hum er­schie­nen Au­to­bio­gra­phie, und formt dar­aus ei­nen Ent­hül­lungs­ro­man, der sehr ver­gnüg­lich zu le­sen ist.

Als „ers­ter Trans­ves­tit der Welt­ge­schich­te“ rühmt der Klap­pen­text den Ich-Er­zäh­ler, der sei­nen, ganz im Stil sei­ner Zeit ge­hal­te­nen Le­bens­be­richt, wie es sich ziemt, mit ei­nen „Vor­spruch“ be­ginnt. Die­ser wen­det sich an Le­ser, die in der zu­künf­ti­gen Mo­der­ne glau­ben, die Gen­der­de­bat­te „Oh­ne Skru­pel und Skal­pell“ weiterlesen

A🏆ypse now”

Daniel Wisser schreibt in „Wir bleiben noch“ über das Schräge und das Schöne unserer Zeit

Vic­tor wur­de klar, dass er die Re­ak­ti­on der Fa­mi­lie un­ter­schätzt hat­te. Doch er hat­te auch sei­nen ei­ge­nen Wi­der­stands­geist un­ter­schätzt. In dem Mo­ment, in dem sei­ne ei­ge­ne Mut­ter ihm sei­ne Kind­heits­fo­tos aus­hän­dig­te, weil sie da­für nach ei­ge­nen Wor­ten kei­nen Platz mehr hat­te, in dem Mo­ment, in dem sie zu­sam­men mit sei­ner Tan­te mit al­len recht­li­chen Mit­teln ge­gen den Letz­ten Wil­len der ei­ge­nen Mut­ter vor­ging, be­gann Vic­tor, sie und ih­re gan­ze Ge­nera­ti­on zu ver­ach­ten. Ih­re El­tern hat­ten kämp­fen müs­sen, da­mit die Kin­der über­leb­ten, da­mit sie zur Schu­le, zur Uni­ver­si­tät ge­hen und im Wohl­stand le­ben konn­ten. Doch als die Ge­nera­ti­on von Vic­tors Mut­ter und Tan­te Mar­ga­re­te in ih­rer Ju­gend ih­re Scheini­dea­le aus­ge­lebt hat­te, wähl­te sie Rechts­par­tei­en und for­der­te die Schein­mo­ral, die sie an ih­ren El­tern kri­ti­siert hat­te, neu­er­dings von ih­ren Nach­kom­men. Da­bei sprach sie über ih­re Ju­gend so we­nig wie die Kriegs­ge­nera­ti­on, der sie ihr Schwei­gen im­mer zum Vor­wurf ge­macht hat­te. Sie hat­te ei­nen ma­xi­ma­len Ge­winn aus dem wach­sen­den Wohl­stand in ih­rer Ju­gend, aus den Ar­beits­be­din­gun­gen der 60er- bis 90er-Jah­re und schließ­lich aus ih­ren Pen­sio­nen, von de­nen die Ge­nera­ti­on ih­rer Kin­der nur träu­men konn­te. Das Frie­dens- und Frei­heits­ge­schwätz, mit dem sie ih­ren El­tern und sich selbst auf die Ner­ven ge­fal­len war, küm­mer­te sie nicht mehr. Die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, die ih­nen ih­ren Wohl­stand ver­schafft hat­ten, küm­mer­ten sie nicht mehr. Sie wa­ren Rechts­po­pu­lis­ten ge­wor­den, weil nun kein Platz mehr war. Ei­ne trä­ge, selbst­ge­rech­te, un­mensch­li­che Generation.“

Wie wür­de Vic­tor die neu­es­ten po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in sei­nem Hei­mat­land Ös­ter­reich kom­men­tie­ren? Über­rascht vom Kor­rup­ti­ons­ver­dacht ge­gen Kurz und Co wä­re der über­zeug­te So­zi­al­de­mo­krat wohl kaum. Des­sen Sicht auf Po­li­tik und un­se­re west­li­che Ge­sell­schaft würzt Wis­ser mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie. Sei­nen Hu­mor gab Wis­ser be­reits in „Die Let­ten wer­den die Es­ten sein“ zu er­ken­nen, ei­ne Pro­duk­ti­on sei­ner Band „Ers­tes Wie­ner Heim­or­gel­or­ches­ter“ und er ver­sieht ihn mit bit­te­ren An­klän­gen in sei­nem neu­en Ro­man „Wir blei­ben noch“.

Die Lust an der sprach­spie­le­ri­schen Sa­ti­re scheint et­was Ös­ter­rei­chi­sches zu sein. Sie prägt die Li­te­ra­tur von Wolf Haas eben­so wie die von Mi­cha­el Zie­gel­wag­ner. Es muss an der Luft oder am viel be­sun­ge­nen Wie­ner-Blut A🏆ypse now”“ weiterlesen

Die Jungfrau Maria von Sidcup

Clare Chambers unterhält in ihrem Roman „Kleine Freuden“ mit erwartbaren wie unerwarteten Wendungen

Klei­ne Freu­den — die ers­te Zi­ga­ret­te des Ta­ges, ein Glas Sher­ry vor dem Mit­tag­essen am Sonn­tag, ei­ne Ta­fel Scho­ko­la­de, so auf­ge­teilt, dass sie ei­ne Wo­che hielt, ein neu er­schie­ne­nes Buch aus der Bi­blio­thek, noch un­be­rührt und ma­kel­los, die ers­ten Hya­zin­then des Früh­lings, ein sau­ber ge­fal­te­ter Sta­pel Bü­gel­wä­sche, der Ge­ruch des Som­mers, der Gar­ten im Schnee, ein Brief­pa­pier-Spon­tan­kauf für ih­re Schub­la­de – das al­les war be­le­bend ge­nug gewesen.“

Klei­ne Freu­den, so der Ti­tel von Cham­bers Ro­man, emp­fin­det die Jour­na­lis­tin Jean eben­so, wenn sie in ih­rer Ko­lum­ne die skur­ri­len Tipps der Le­se­rin­nen ver­öf­fent­licht. Jean lebt mit ih­rer Mut­ter in Hayes na­he Lon­don und ar­bei­tet als ein­zi­ge weib­li­che Re­por­te­rin in der Re­dak­ti­on des an­säs­si­gen Lo­kal­blatts „The Kent Echo“. Im Jahr 1957, der Hand­lungs­zeit des Ro­mans, sind die Rol­len klar ver­teilt. Ne­ben den Haus­halts-Ko­lum­nen fal­len der Jour­na­lis­tin stets die weib­li­chen The­men zu, so auch als ei­nes Ta­ges ein be­son­de­rer Le­ser­brief die Zei­tung erreicht.

Er stammt von Gret­chen Til­bu­ry und be­zieht sich auf ei­nen we­ni­ge Ta­ge zu­vor er­schie­ne­nen Be­richt über Par­the­no­ge­ne­se bei Tie­ren. Die Le­se­rin be­haup­tet, sie sei oh­ne männ­li­che Mit­wir­kung schwan­ger ge­wor­den. Soll­te sich „Die Jung­frau Ma­ria von Sid­cup“ weiterlesen

Zwischen Fakt und Interpretation

Ulrike Sprenger bietet in „Das Proust-ABC“ einen kompakten und anregenden Zugang zu Prousts Roman

Die Lek­tü­re er­scheint als ein Vor­gang, bei dem nicht die Welt re­pro­du­ziert wird, die der Au­tor sich beim Schrei­ben vor­ge­stellt hat, son­dern bei dem der Le­ser den Text zum An­lass nimmt, sich dar­aus as­so­zia­tiv ei­ne ei­ge­ne sub­jek­ti­ve Welt zu bauen.“

Je­de Proust-Lek­tü­re wird von Hilfs­mit­teln be­glei­tet. Die­se be­stehen pri­mär aus den Kom­men­ta­ren der Über­set­zun­gen, da­ne­ben aus den Quel­len, den Brie­fen und wei­te­ren Wer­ken Prousts. Zu­dem kann die Le­se­rin zahl­lo­se Wer­ke der Se­kun­där­li­te­ra­tur be­fra­gen oder gar in an­de­re Ro­ma­ne über den Ro­man ein­tau­chen. Bü­cher über Proust und sein Werk bil­den ei­nen reiz­vol­len Kos­mos, in den man sich ger­ne ver­liert. Wer al­ler­dings die Lek­tü­re der Re­cher­che nicht all‘ zu lan­ge un­ter­bre­chen will, ist für knapp ge­hal­te­ne Aus­künf­te dankbar.

Sol­che bie­tet „Das Mar­cel-Proust-Le­xi­kon“ von Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet, das 1992 bei Suhr­kamp er­schien. The­ma­tisch ge­ord­net ver­bin­det es Bio­gra­phi­sches, wie Le­bens­lauf, Fa­mi­lie und Be­zie­hun­gen Prousts, mit fik­tio­na­len Per­so­nen, Or­ten und The­men sei­nes Werks.

Ei­nen ähn­lich kom­pak­ten und doch an­de­ren Zu­gang legt Ul­ri­ke Spren­ger in „Das Proust-ABC“ vor. Das 1997 von Re­clam her­aus­ge­ge­be­ne Werk liegt in ei­ner ak­tua­li­sier­ten Neu­aus­ga­be vor. Alex­an­der Klu­ge ver­or­tet im Vor­wort ganz pan­dä­mie-ak­tu­ell Spren­gers Ge­gen­stand in un­se­re Zeit. Er ver­weist auf Prousts selbst­ge­wähl­te Qua­ran­tä­ne und er­in­nert an die Be­mü­hun­gen von Adri­en Proust „Zwi­schen Fakt und In­ter­pre­ta­ti­on“ weiterlesen

Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild län­ge­re Ge­schich­ten schwie­rig fin­det. Spra­che scheint sei­ne In­stink­te zu ver­wir­ren, sie er­schwert das blind Ver­ste­hen, das Fin­den, dar­über hin­aus fehlt ihm die Ge­duld, er hat kei­ne Ner­ven für ei­ne län­ge­re Ge­schich­te, letzt­lich hat er viel­leicht schlicht kei­ne Lust. Aber er hat den Blick für das We­sent­li­che, er kann auf den Punkt kommen.“

Die­se Aus­sa­ge der Ich-Er­zäh­le­rin in Ju­dith Her­manns neu­em Ro­man klingt wie das Kon­zept der Au­torin. Da­heim ist wie schon ih­re vo­ri­gen Bü­cher ein Ro­man der kur­zen Stre­cke. Auf knapp zwei­hun­dert Sei­ten er­zählt er ei­ne Ge­schich­te, de­ren selt­sam se­dier­te Stim­mung sich in der Spra­che spie­gelt. Hier schla­gen Sät­ze kei­ne Ka­prio­len, son­dern kom­men in kar­ger Not­wen­dig­keit da­her. Die sprach­li­che La­ko­nie ent­larvt er­schre­ckend klu­ge An­sich­ten über die Be­zie­hun­gen zwi­schen Men­schen, dar­in liegt die Kunst.

Die Er­in­ne­run­gen der un­zu­ver­läs­si­gen Ich-Er­zäh­le­rin, „mög­li­cher­wei­se träu­me ich und ha­be al­les nur ge­träumt“, ste­hen am An­fang. Sie blickt zu­rück auf ihr Le­ben in ei­ner klei­nen Woh­nung an der Aus­fall­stra­ße und der Ar­beit in der Zi­ga­ret­ten­fa­brik. Ei­nes Ta­ges un­ter­bricht ein aben­teu­er­li­ches An­ge­bot die „Zu­hau­se als Zu­flucht und Zucht­haus“ weiterlesen

Schillernde Persönlichkeiten im Paris der Jahrhundertwende

Julian Barnes betreibt in „Der Mann im roten Rock“ einen Streifzug durch die Belle Époque

Ma­chen wir al­so wei­ter mit dem Greif­ba­ren, dem Spe­zi­fi­schen, dem All­täg­li­chen: dem ro­ten Rock. Denn so bin ich dem Bild und dem Mann zum ers­ten Mal be­geg­net: 2015 in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don als Leih­ga­be aus Ame­ri­ka. (…) Das Mo­dell – der Bür­ger­li­che mit dem ita­lie­ni­schen Na­men – ist 35, sieht gut aus, trägt ei­nen Bart und schaut selbst­be­wusst über un­se­re rech­te Schulter.“

Ju­li­an Bar­nes neu­es Werk, Der Mann im ro­ten Rock, weck­te mein In­ter­es­se durch sei­ne ti­tel­ge­ben­de Fi­gur. Die­se sei, so las ich, ei­ne von Prousts In­spi­ra­ti­ons­quel­len für die Fi­gur des Dok­tor Cot­tard ge­we­sen. Wie die­ser war auch Dr. Sa­mu­el Poz­zi, den der ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler John Sin­ger-Sar­gent im auf­fäl­li­gen ro­ten Haus­ge­wand ver­ewig­te, ein be­rühm­ter Me­di­zi­ner. Sein Fach­ge­biet war al­ler­dings an­ders als das des Proust‘schen Arz­tes die Gy­nä­ko­lo­gie. Bei­de wa­ren Frau­en­hel­den, Cot­tards Er­obe­run­gen sind al­ler­dings we­ni­ger sei­nem Äu­ße­ren zu­zu­schrei­ben. Es gibt al­so wohl so vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen der his­to­ri­schen Per­son Poz­zi und der fik­ti­ven Fi­gur Cot­tard wie es Ge­mein­sam­kei­ten gibt. Das gilt für die meis­ten Per­so­nen, die Proust por­trä­tier­te. Ei­ne Aus­nah­me bil­det viel­leicht Mme Cot­tard, der Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet als Vor­bild Poz­zis Ehe­frau Thé­rè­se  zu­schreibt, „die ganz in ih­ren Pflich­ten als Ge­mah­lin auf­geht und die von ih­rem Gat­ten eben­so be­tro­gen wird“.

Die­se hier in we­ni­gen Zei­len auf­ge­zähl­ten Ei­gen­schaf­ten bil­den die Fa­ma Poz­zis. Er galt als fort­schritt­li­cher Arzt, der sich nicht nur be­ruf­lich den Frau­en wid­me­te, als ex­tra­va­gan­ter Sti­list, was sich in sei­ner Klei­dung eben­so „Schil­lern­de Per­sön­lich­kei­ten im Pa­ris der Jahr­hun­dert­wen­de“ weiterlesen

Muse Melancholie

Steven Price imaginiert in Der letzte Prinzdie Beziehung von Schöpfer und Werk

Manch­mal war es, als hör­te er den Ro­man mit sich re­den. Sein Fürst, den er sich im­mer als vom feh­len­den Glau­ben aus­ge­höhlt ge­dacht hat­te, ent­pupp­te sich viel­mehr als Letz­ter der Gläu­bi­gen. Doch war der Glau­be des Fürs­ten ein Glau­be an die Tra­di­ti­on, an das Schick­sal ei­nes Ge­schlechts, und in sol­chen Au­gen­bli­cken er­kann­te Giu­sep­pe, dass er sich durch die ei­ge­ne Bit­ter­keit hin zu dem Men­schen ge­schrie­ben hat­te, der er gern ge­wor­den wä­re. Sein Fürst stand al­lein, un­ge­rührt, brauch­te nie­man­den, und ge­ra­de des­halb, und weil es kein wah­res Über­le­ben in der Iso­la­ti­on gibt, war die Stär­ke des Fürs­ten das, was ihn zerstörte.“

Der Leo­pard“ oder bes­ser „Il Gat­to­par­do“, — die Wild­kat­ze im Ti­tel, die an­ders als das ge­fleck­te Raub­tier, sich nicht mit Brül­len Re­spekt ver­schaf­fen kann, ent­hüllt das Mot­to des Ro­mans -, ist wohl je­dem italo­phi­len Le­ser be­kannt. Der be­rühm­tes­te ita­lie­ni­sche Ro­man des 20. Jahr­hun­derts schil­dert den Um­schwung der Ver­hält­nis­se, die das Ri­sor­gi­men­to ein Jahr­hun­dert zu­vor in Ita­li­en aus­ge­löst hat­te. Von den Fol­gen des Frei­heits­kampfs un­ter Ga­ri­bal­di er­zählt Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sa, selbst Spross ei­ner ehe­mals mäch­ti­gen Fürs­ten­fa­mi­lie, am Bei­spiel des Adels­ge­schlechts Sa­li­na. Des­sen Ober­haupt, Fürst Fa­bri­zio Sa­li­na, er­kennt weit­sich­tig wie wei­se die ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen, die der po­li­ti­sche Um­bruch her­bei­füh­ren wird. Sein Nef­fe Tan­credi ar­ran­giert sich früh­zei­tig, in­dem er die zu­grun­de ge­hen­de Tra­di­ti­on zu­guns­ten des Er­folgs hin­ter sich lässt, ge­treu sei­nem Wahl­spruch „Wenn al­les blei­ben soll, wie es ist, muss sich al­les än­dern“.

Oft wird die­se Hal­tung und da­mit der Ro­man als Gleich­nis auf die post­fa­schis­ti­schen Ver­hält­nis­se Si­zi­li­ens ge­deu­tet. Eben­so liest man ihn als me­lan­cho­li­sche Re­mi­nis­zenz des Au­tors auf die ei­ge­ne Fa­mi­lie, trägt Don Fa­bri­zio doch Zü­ge von To­ma­sis Ur­groß­va­ter Giu­lio Fa­bri­zio di Lam­pe­du­sa. Auch weist Tan­credi, der ge­lieb­te Nef­fe Don Fa­bri­zi­os, Ähn­lich­kei­ten mit Gio­ac­chi­no Lan­za auf, dem gleich­falls ge­lieb­ten Nef­fen und Ad­op­tiv­sohn Tomasis.

1954 be­gann Giu­sep­pe To­ma­si mit der Ar­beit an sei­nem Ro­man, den er zwei Jah­re spä­ter voll­ende­te. Die Ver­la­ge Mond­ado­ri und Ein­au­di lehn­ten ei­ne Ver­öf­fent­li­chung ab. Erst 1958, ein Jahr nach To­ma­sis Tod, er­schien er durch die Für­spra­che Gi­or­gio Bassa­nis bei Fel­tri­nel­li. Wei­te­re Jahr­zehn­te soll­te es dau­ern, bis der Ro­man end­lich in voll­stän­di­ger Form er­schien, in­klu­si­ve zu­rück­ge­hal­te­ner Passagen.

Die­se ver­schlun­ge­nen Be­zie­hun­gen zwi­schen der Bio­gra­phie To­ma­sis und des­sen Werk mö­gen es sein, die den ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ste­ven Pri­ce zu sei­nem Ro­man Der letz­te Prinz ver­an­lass­ten. Er er­zählt „Mu­se Me­lan­cho­lie“ weiterlesen

Herd tot. Kühlschrank tot.“

In „Die Stille“ inszeniert Don DeLillo den Systemausfall als absurdes Theater

Die ak­tu­el­le La­ge macht uns klar, dass es nichts zu sa­gen gibt, au­ßer was uns spon­tan in den Kopf kommt und nach­her wis­sen wir das so­wie­so al­le nicht.“

Die Lek­tü­re von Don De­Lil­los „Die Stil­le“ konn­te ich nicht un­vor­ein­ge­nom­men be­gin­nen. „Ei­ne Ka­ta­stro­phe über ei­ne Ka­ta­stro­phe, po­si­tiv: nur 100 Sei­ten und gro­ße Buch­sta­ben“, so das knap­pe State­ment ei­nes Mit­strei­ters aus mei­nem Li­te­ra­tur­kreis. Der tagt mo­men­tan höchs­tens im Chat. Der die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form im­ma­nen­te Te­le­gramm­stil passt in sei­ner kar­gen Un­voll­stän­dig­keit gut zu De­Lil­los neu­em Buch, das wohl kaum als Ro­man be­zeich­net wer­den kann.

Eben­so gut passt da­zu, daß die Aus­sa­ge über ei­ne Mes­sen­ger-App zu mir fand, al­so mit ei­nem Smart­pho­ne no­tiert, ver­sen­det, emp­fan­gen und ge­le­sen wur­de. Da­mit zäh­le ich zu den in die­sem Buch an­ge­spro­che­nen Nut­zern die­ser Tech­nik und soll­te für De­Lil­los Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik emp­fäng­lich sein.

Die Ge­schich­te be­schreibt die Ver­hält­nis­se im Jahr 2022. De­Lil­lo wählt die Dys­to­pie, ei­ne von mir ge­schätz­te Li­te­ra­tur­gat­tung. So fin­den sich Herd tot. Kühl­schrank tot.““ weiterlesen