Zwischen Fakt und Interpretation

Ulrike Sprenger bietet in „Das Proust-ABC“ einen kompakten und anregenden Zugang zu Prousts Roman

Die Lek­tü­re er­scheint als ein Vor­gang, bei dem nicht die Welt re­pro­du­ziert wird, die der Au­tor sich beim Schrei­ben vor­ge­stellt hat, son­dern bei dem der Le­ser den Text zum An­lass nimmt, sich dar­aus as­so­zia­tiv ei­ne ei­ge­ne sub­jek­ti­ve Welt zu bauen.“

Je­de Proust-Lek­tü­re wird von Hilfs­mit­teln be­glei­tet. Die­se be­stehen pri­mär aus den Kom­men­ta­ren der Über­set­zun­gen, da­ne­ben aus den Quel­len, den Brie­fen und wei­te­ren Wer­ken Prousts. Zu­dem kann die Le­se­rin zahl­lo­se Wer­ke der Se­kun­där­li­te­ra­tur be­fra­gen oder gar in an­de­re Ro­ma­ne über den Ro­man ein­tau­chen. Bü­cher über Proust und sein Werk bil­den ei­nen reiz­vol­len Kos­mos, in den man sich ger­ne ver­liert. Wer al­ler­dings die Lek­tü­re der Re­cher­che nicht all‘ zu lan­ge un­ter­bre­chen will, ist für knapp ge­hal­te­ne Aus­künf­te dankbar.

Sol­che bie­tet „Das Mar­cel-Proust-Le­xi­kon“ von Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet, das 1992 bei Suhr­kamp er­schien. The­ma­tisch ge­ord­net ver­bin­det es Bio­gra­phi­sches, wie Le­bens­lauf, Fa­mi­lie und Be­zie­hun­gen Prousts, mit fik­tio­na­len Per­so­nen, Or­ten und The­men sei­nes Werks.

Ei­nen ähn­lich kom­pak­ten und doch an­de­ren Zu­gang legt Ul­ri­ke Spren­ger in „Das Proust-ABC“ vor. Das 1997 von Re­clam her­aus­ge­ge­be­ne Werk liegt in ei­ner ak­tua­li­sier­ten Neu­aus­ga­be vor. Alex­an­der Klu­ge ver­or­tet im Vor­wort ganz pan­dä­mie-ak­tu­ell Spren­gers Ge­gen­stand in un­se­re Zeit. Er ver­weist auf Prousts selbst­ge­wähl­te Qua­ran­tä­ne und er­in­nert an die Be­mü­hun­gen von Adri­en Proust, dem Va­ter des Au­tors, der als Arzt und obers­ter Seu­chen­be­kämp­fer, die Cho­le­ra aus Pa­ris her­aus­zu­hal­ten suchte.

Den Auf­bau von Spren­gers Proust-Va­de­me­cum ver­rät der Ti­tel. Dies macht die Hand­ha­bung ein­fach, rasch fin­det sich das Ge­such­te. An­ders als Thi­riets Le­xi­kon er­spart man sich man­che Blät­te­rei und läuft nicht Ge­fahr, sich an an­de­rer Stel­le fest­zu­le­sen. Al­so kei­ne Chan­ce auf Ent­de­ckun­gen, da­für schnel­le In­for­ma­ti­on? Ganz so ist es nicht.

Un­ter den ein­zel­nen Schlag­wor­ten fin­det der In­ter­es­sier­te nicht nur Fak­ten, his­to­ri­sche und li­te­ra­ri­sche Be­zü­ge, son­dern auch In­ter­pre­ta­tio­nen der Au­torin. Die­se klä­ren die Fra­gen, zu­gleich re­gen sie an, den Text aus ei­nem neu­en Blick­win­kel zu entdecken.

In sei­ner al­pha­be­ti­schen Ord­nung trennt das Le­xi­kon nicht zwi­schen Rea­lem und Fik­tio­na­lem. Un­ter den auf­ge­führ­ten Per­so­nen ste­hen Prousts Ver­trau­te Cé­les­te Al­ba­ret ne­ben Mar­cels Ge­lieb­ter Al­ber­ti­ne, Balzac bei Ber­got­te, der his­to­ri­sche Drey­fus ne­ben dem er­fun­den El­stir. Glei­ches gilt für Or­te. Da­ne­ben tau­chen The­men abs­trak­ter Art auf, wie Zeit, Traum, Bo­ta­nik, Er­läu­te­run­gen zu Au­to­bio­gra­phie und Über­set­zung oder es wird Ge­sell­schaft­li­ches be­trach­tet, wie Mo­ra­lis­tik, Sno­bis­mus und Aris­to­kra­tie.

Auch un­we­sent­lich schei­nen­de Din­ge be­le­gen ei­nen Lis­ten­platz. Beim Stich­wort Bir­ne be­gibt Spren­ger sich in den vier­ten Band der Re­cher­che, wo Char­lus mit die­sem ver­meint­lich harm­lo­sen Obst sein Bil­dungs­wis­sen als Macht­ge­po­se in­sze­niert. Un­ter dem Ein­trag Au­to­mo­bil be­schreibt Spren­ger den Ein­fluss die­ser neu­en Fort­be­we­gungs­art auf die Wahr­neh­mung von Be­we­gung in Prousts Roman.

Es feh­len auch nicht die gro­ßen, werk­im­ma­nen­ten Fra­gen. In­wie­weit fin­den sich in der Re­cher­che au­to­bio­gra­phi­sche An­tei­le? Wel­che Be­deu­tung hat die Un­will­kür­li­che Er­in­ne­rung jen­seits der be­rühm­ten Madeleine?

Bei die­sem Aspekt zei­gen sich je­doch auch Wi­der­sprü­che. So wird der Fir­nis­ge­ruch (S. 118) als „deut­lich ne­ga­ti­ve, un­will­kür­li­che Er­in­ne­rung“ be­zeich­net, un­ter dem Stich­wort Sin­ne (S. 264) je­doch als Aus­nah­me von die­ser ab­ge­grenzt. Im glei­chen Ein­trag wer­den Prousts Ver­glei­che von Swanns Vil­la mit ei­ner Tor­te und von der Blü­ten­fül­le des Weiß­dorns mit Zu­cker­guss der „As­so­zia­ti­ons­kraft des Ge­schmacks“ zu­ge­schrie­ben, wo eher ei­ne bild­li­che As­so­zia­ti­on vor­liegt. Doch dies sind nur klei­ne­re Un­stim­mig­kei­ten im Proust-ABC von Ul­ri­ke Spren­ger, die durch ih­ren Mi­kro­kos­mos der be­dacht ge­wähl­ten Stich­wor­te den Ma­kro­kos­mos Proust zu er­schlie­ßen hilft.

Ab­ge­schlos­sen wird das hand­li­che Nach­schla­ge­werk von ei­ner Aus­wahl­bi­blio­gra­phie und ei­nem Stichwortindex.

Ulrike Sprenger, Das Proust-ABC, Reclam Verlag 2021

Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild län­ge­re Ge­schich­ten schwie­rig fin­det. Spra­che scheint sei­ne In­stink­te zu ver­wir­ren, sie er­schwert das blind Ver­ste­hen, das Fin­den, dar­über hin­aus fehlt ihm die Ge­duld, er hat kei­ne Ner­ven für ei­ne län­ge­re Ge­schich­te, letzt­lich hat er viel­leicht schlicht kei­ne Lust. Aber er hat den Blick für das We­sent­li­che, er kann auf den Punkt kommen.“

Die­se Aus­sa­ge der Ich-Er­zäh­le­rin in Ju­dith Her­manns neu­em Ro­man klingt wie das Kon­zept der Au­torin. Da­heim ist wie schon ih­re vo­ri­gen Bü­cher ein Ro­man der kur­zen Stre­cke. Auf knapp zwei­hun­dert Sei­ten er­zählt er ei­ne Ge­schich­te, de­ren selt­sam se­dier­te Stim­mung sich in der Spra­che spie­gelt. Hier schla­gen Sät­ze kei­ne Ka­prio­len, son­dern kom­men in kar­ger Not­wen­dig­keit da­her. Die sprach­li­che La­ko­nie ent­larvt er­schre­ckend klu­ge An­sich­ten über die Be­zie­hun­gen zwi­schen Men­schen, dar­in liegt die Kunst.

Die Er­in­ne­run­gen der un­zu­ver­läs­si­gen Ich-Er­zäh­le­rin, „mög­li­cher­wei­se träu­me ich und ha­be al­les nur ge­träumt“, ste­hen am An­fang. Sie blickt zu­rück auf ihr Le­ben in ei­ner klei­nen Woh­nung an der Aus­fall­stra­ße und der Ar­beit in der Zi­ga­ret­ten­fa­brik. Ei­nes Ta­ges un­ter­bricht ein aben­teu­er­li­ches An­ge­bot die „Zu­hau­se als Zu­flucht und Zucht­haus“ wei­ter­le­sen

Schillernde Persönlichkeiten im Paris der Jahrhundertwende

Julian Barnes betreibt in „Der Mann im roten Rock“ einen Streifzug durch die Belle Époque

Ma­chen wir al­so wei­ter mit dem Greif­ba­ren, dem Spe­zi­fi­schen, dem All­täg­li­chen: dem ro­ten Rock. Denn so bin ich dem Bild und dem Mann zum ers­ten Mal be­geg­net: 2015 in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don als Leih­ga­be aus Ame­ri­ka. (…) Das Mo­dell – der Bür­ger­li­che mit dem ita­lie­ni­schen Na­men – ist 35, sieht gut aus, trägt ei­nen Bart und schaut selbst­be­wusst über un­se­re rech­te Schulter.“

Ju­li­an Bar­nes neu­es Werk, Der Mann im ro­ten Rock, weck­te mein In­ter­es­se durch sei­ne ti­tel­ge­ben­de Fi­gur. Die­se sei, so las ich, ei­ne von Prousts In­spi­ra­ti­ons­quel­len für die Fi­gur des Dok­tor Cot­tard ge­we­sen. Wie die­ser war auch Dr. Sa­mu­el Poz­zi, den der ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler John Sin­ger-Sar­gent im auf­fäl­li­gen ro­ten Haus­ge­wand ver­ewig­te, ein be­rühm­ter Me­di­zi­ner. Sein Fach­ge­biet war al­ler­dings an­ders als das des Proust‘schen Arz­tes die Gy­nä­ko­lo­gie. Bei­de wa­ren Frau­en­hel­den, Cot­tards Er­obe­run­gen sind al­ler­dings we­ni­ger sei­nem Äu­ße­ren zu­zu­schrei­ben. Es gibt al­so wohl so vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen der his­to­ri­schen Per­son Poz­zi und der fik­ti­ven Fi­gur Cot­tard wie es Ge­mein­sam­kei­ten gibt. Das gilt für die meis­ten Per­so­nen, die Proust por­trä­tier­te. Ei­ne Aus­nah­me bil­det viel­leicht Mme Cot­tard, der Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet als Vor­bild Poz­zis Ehe­frau Thé­rè­se  zu­schreibt, „die ganz in ih­ren Pflich­ten als Ge­mah­lin auf­geht und die von ih­rem Gat­ten eben­so be­tro­gen wird“.

Die­se hier in we­ni­gen Zei­len auf­ge­zähl­ten Ei­gen­schaf­ten bil­den die Fa­ma Poz­zis. Er galt als fort­schritt­li­cher Arzt, der sich nicht nur be­ruf­lich den Frau­en wid­me­te, als ex­tra­va­gan­ter Sti­list, was sich in sei­ner Klei­dung eben­so wie in sei­nem Kunst­ge­schmack nie­der­schlägt. Ein Mann, „bei­na­he ein Dan­dy“, so be­rühmt, daß er bei Proust zu fin­den ist.

Bar­nes be­nennt die Be­zü­ge und die Be­zie­hun­gen. Proust selbst tritt in „Der Mann im ro­ten Rock“ auf. Ne­ben Flau­bert, auch er wird im Buch er­wähnt, ist er der Schrift­stel­ler, der den Schrift­stel­ler Bar­nes prägt. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die Bel­le Épo­que. Die Zeit um die Wen­de des vor­letz­ten zum letz­ten Jahr­hun­dert ist die ei­gent­li­che Haupt­dar­stel­le­rin des Bu­ches, das als kul­tur­his­to­ri­sches Es­say be­zeich­net wer­den könnte.

Bar­nes hängt sein Who’s who nicht nur an der Per­son Poz­zi auf. Ei­ne Sze­ne aus dem Jahr 1885 dient ihm als Dreh- und An­gel­punkt. Es ist Ju­ni als drei an­ge­se­he­ne Män­ner der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft in die eng­li­sche Haupt­stadt rei­sen. Ed­mond de Po­lignac, Ro­bert de Mon­tes­quiou-Fe­zen­sac, Sa­mu­el Jean Poz­zi, “ei­ner war ein Prinz, ei­ner ein Graf und der Drit­te war ein ein­fa­cher Bür­ger mit ita­lie­ni­schem Fa­mi­li­en­na­men“. Von Os­car Wil­de ver­mit­telt tref­fen sie Hen­ry Ja­mes, kau­fen schö­ne Din­ge und ver­gnü­gen sich im Crys­tal Pa­lace. Das Sze­na­rio dient Bar­nes als Ein­stieg und er kehrt stets da­hin zu­rück. Dies voll­führt er in Vol­ten, die es ihm er­lau­ben, zu wei­te­ren Per­so­nen und Er­eig­nis­sen zu schwei­fen. Bis­wei­len auch zu an­de­ren Or­ten als Pa­ris, dem Zen­trum des Ge­sche­hens, und dem Ne­ben­schau­platz Lon­don. Man reist in die La­gu­ne von Ve­ne­dig, be­sucht die Fest­spie­le von Bay­reuth, ei­nen Me­di­zin­kon­gress in Edin­burgh oder tourt durch Ame­ri­ka. Und nicht nur man, son­dern wie das letz­te Bei­spiel zeigt auch frau.

Sa­rah Bern­hardt, die be­rühm­tes­te Schau­spie­le­rin der Epo­che, die Ber­ma Prousts, kon­sul­tiert Poz­zi aus Über­see als sie auf ei­ner Tour­nee er­krankt. In jun­gen Jah­ren war sie eng mit dem eben­falls noch sehr jun­gen Poz­zi be­freun­det. Wie eng, da will Bar­nes sich nicht fest­le­gen. Er zieht es vor, die Ge­rüch­te als Ge­rücht zu ver­brei­ten. Je­den­falls nann­te die Bern­hardt Poz­zi „Doc­teur Dieu“ und blieb ihm als Freun­din und als Pa­ti­en­tin verbunden.

Von der Schau­spie­le­rin ver­öf­fent­licht Bar­nes das be­rühm­te Fo­to, das Paul Na­dar von ihr ge­fer­tigt hat. Von den zahl­rei­chen an­de­ren Ge­sell­schafts­grö­ßen, die Bar­nes er­wähnt, fin­den sich klei­ne Fo­tos, die die Fir­ma Po­tin als Sam­mel­bil­chen ih­ren Scho­ko­la­den hin­zu­füg­te. Kul­tur­schaf­fen­de statt Fuß­bal­ler, welch‘ glück­li­che Epo­che! Un­ter den Sam­melns­wer­ten fin­den sich die Brü­der Gon­court, Paul Ver­lai­ne, Co­let­te, An­dré Gi­de, Edith Wharton.

Fol­gen wir der Vi­ta Poz­zis, die Bar­nes in Aus­schnit­ten und aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln prä­sen­tiert. Poz­zi bringt die Me­di­zin vor­an mit Hy­gie­ne und neu­en Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken, er ver­fasst Ge­dich­te und über­setzt Dar­win. Bar­nes blickt auf Poz­zis bra­ve Ehe­frau Thé­rè­se und lässt die ei­gen­wil­li­ge Toch­ter Ca­the­ri­ne auf ih­ren Va­ter bli­cken. Die Kon­struk­tio­nen ma­chen ihm Quel­len wie Brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Zei­tungs­ar­ti­kel, aber auch Ro­ma­ne möglich.

Durch den Ein­blick in in­di­vi­du­el­le Ge­schich­ten ge­lingt Bar­nes die Il­lus­trie­rung ei­ner Epo­che. Ent­wick­lun­gen der Wis­sen­schaft und der Kunst, der li­te­ra­ri­schen, mu­si­ka­li­schen so­wie der Bild­kunst be­geg­nen der Le­se­rin die­ses Buchs. Nicht un­er­wähnt sol­len auch die Aus­füh­run­gen zu ei­nem spe­zi­el­len So­zi­al­ver­hal­ten blei­ben. Das Du­ell, die Sa­tis­fak­ti­ons­quel­le der Ge­kränk­ten, in Eng­land ver­pönt, in Pa­ris noch en vogue, be­leuch­tet Bar­nes aus­führ­lich und nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken für die Fort­set­zung sei­ner Geschichte.

Wie über­haupt nichts oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken in die­ses Buch ge­langt sein wird, das in ge­schick­ten Ver­knüp­fun­gen auf kurz­wei­li­ge Wei­se von der Bes­se­ren Ge­sell­schaft er­zählt und ih­re Stars, ih­re Schön­hei­ten, ih­re Künst­ler und Dan­dys in schö­nen wie schau­er­li­chen Sto­ries und His­tör­chen le­ben­dig wer­den lässt.

Bar­nes zeich­net in „Der Mann im ro­ten Rock“ ein viel­ge­stal­ti­ges Epo­chen­bild, aus dem man man­ches lernt. Sei es Ku­rio­ses über die Nahr­haf­tig­keit des Pep­ton­k­lis­tiers oder Klu­ges über die Lie­be. „Aber es kommt oft vor, dass man „denkt man liebt je­man­den“, be­vor man wirk­lich liebt.“

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock, übers. v. Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch 2021

Muse Melancholie

Steven Price imaginiert in Der letzte Prinzdie Beziehung von Schöpfer und Werk

Manch­mal war es, als hör­te er den Ro­man mit sich re­den. Sein Fürst, den er sich im­mer als vom feh­len­den Glau­ben aus­ge­höhlt ge­dacht hat­te, ent­pupp­te sich viel­mehr als Letz­ter der Gläu­bi­gen. Doch war der Glau­be des Fürs­ten ein Glau­be an die Tra­di­ti­on, an das Schick­sal ei­nes Ge­schlechts, und in sol­chen Au­gen­bli­cken er­kann­te Giu­sep­pe, dass er sich durch die ei­ge­ne Bit­ter­keit hin zu dem Men­schen ge­schrie­ben hat­te, der er gern ge­wor­den wä­re. Sein Fürst stand al­lein, un­ge­rührt, brauch­te nie­man­den, und ge­ra­de des­halb, und weil es kein wah­res Über­le­ben in der Iso­la­ti­on gibt, war die Stär­ke des Fürs­ten das, was ihn zerstörte.“

Der Leo­pard“ oder bes­ser „Il Gat­to­par­do“, — die Wild­kat­ze im Ti­tel, die an­ders als das ge­fleck­te Raub­tier, sich nicht mit Brül­len Re­spekt ver­schaf­fen kann, ent­hüllt das Mot­to des Ro­mans -, ist wohl je­dem italo­phi­len Le­ser be­kannt. Der be­rühm­tes­te ita­lie­ni­sche Ro­man des 20. Jahr­hun­derts schil­dert den Um­schwung der Ver­hält­nis­se, die das Ri­sor­gi­men­to ein Jahr­hun­dert zu­vor in Ita­li­en aus­ge­löst hat­te. Von den Fol­gen des Frei­heits­kampfs un­ter Ga­ri­bal­di er­zählt Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sa, selbst Spross ei­ner ehe­mals mäch­ti­gen Fürs­ten­fa­mi­lie, am Bei­spiel des Adels­ge­schlechts Sa­li­na. Des­sen Ober­haupt, Fürst Fa­bri­zio Sa­li­na, er­kennt weit­sich­tig wie wei­se die ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen, die der po­li­ti­sche Um­bruch her­bei­füh­ren wird. Sein Nef­fe Tan­credi ar­ran­giert sich früh­zei­tig, in­dem er die zu­grun­de ge­hen­de Tra­di­ti­on zu­guns­ten des Er­folgs hin­ter sich lässt, ge­treu sei­nem Wahl­spruch „Wenn al­les blei­ben soll, wie es ist, muss sich al­les än­dern“.

Oft wird die­se Hal­tung und da­mit der Ro­man als Gleich­nis auf die post­fa­schis­ti­schen Ver­hält­nis­se Si­zi­li­ens ge­deu­tet. Eben­so liest man ihn als me­lan­cho­li­sche Re­mi­nis­zenz des Au­tors auf die ei­ge­ne Fa­mi­lie, trägt Don Fa­bri­zio doch Zü­ge von To­ma­sis Ur­groß­va­ter Giu­lio Fa­bri­zio di Lam­pe­du­sa. Auch weist Tan­credi, der ge­lieb­te Nef­fe Don Fa­bri­zi­os, Ähn­lich­kei­ten mit Gio­ac­chi­no Lan­za auf, dem gleich­falls ge­lieb­ten Nef­fen und Ad­op­tiv­sohn Tomasis.

1954 be­gann Giu­sep­pe To­ma­si mit der Ar­beit an sei­nem Ro­man, den er zwei Jah­re spä­ter voll­ende­te. Die Ver­la­ge Mond­ado­ri und Ein­au­di lehn­ten ei­ne Ver­öf­fent­li­chung ab. Erst 1958, ein Jahr nach To­ma­sis Tod, er­schien er durch die Für­spra­che Gi­or­gio Bassa­nis bei Fel­tri­nel­li. Wei­te­re Jahr­zehn­te soll­te es dau­ern, bis der Ro­man end­lich in voll­stän­di­ger Form er­schien, in­klu­si­ve zu­rück­ge­hal­te­ner Passagen.

Die­se ver­schlun­ge­nen Be­zie­hun­gen zwi­schen der Bio­gra­phie To­ma­sis und des­sen Werk mö­gen es sein, die den ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ste­ven Pri­ce zu sei­nem Ro­man Der letz­te Prinz ver­an­lass­ten. Er er­zählt „Mu­se Me­lan­cho­lie“ wei­ter­le­sen

Herd tot. Kühlschrank tot.“

In „Die Stille“ inszeniert Don DeLillo den Systemausfall als absurdes Theater

Die ak­tu­el­le La­ge macht uns klar, dass es nichts zu sa­gen gibt, au­ßer was uns spon­tan in den Kopf kommt und nach­her wis­sen wir das so­wie­so al­le nicht.“

Die Lek­tü­re von Don De­Lil­los „Die Stil­le“ konn­te ich nicht un­vor­ein­ge­nom­men be­gin­nen. „Ei­ne Ka­ta­stro­phe über ei­ne Ka­ta­stro­phe, po­si­tiv: nur 100 Sei­ten und gro­ße Buch­sta­ben“, so das knap­pe State­ment ei­nes Mit­strei­ters aus mei­nem Li­te­ra­tur­kreis. Der tagt mo­men­tan höchs­tens im Chat. Der die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form im­ma­nen­te Te­le­gramm­stil passt in sei­ner kar­gen Un­voll­stän­dig­keit gut zu De­Lil­los neu­em Buch, das wohl kaum als Ro­man be­zeich­net wer­den kann.

Eben­so gut passt da­zu, daß die Aus­sa­ge über ei­ne Mes­sen­ger-App zu mir fand, al­so mit ei­nem Smart­pho­ne no­tiert, ver­sen­det, emp­fan­gen und ge­le­sen wur­de. Da­mit zäh­le ich zu den in die­sem Buch an­ge­spro­che­nen Nut­zern die­ser Tech­nik und soll­te für De­Lil­los Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik emp­fäng­lich sein.

Die Ge­schich­te be­schreibt die Ver­hält­nis­se im Jahr 2022. De­Lil­lo wählt die Dys­to­pie, ei­ne von mir ge­schätz­te Li­te­ra­tur­gat­tung. So fin­den sich Herd tot. Kühl­schrank tot.““ wei­ter­le­sen

Ein hinreißender Hurrikan

In John Grishams „Das Manuskript” ist die Schilderung des Hurrikans spannender als die eigentliche Story

Mit­ten im Sturm, als wä­re das Heu­len, Klap­pern und Knal­len nicht schon ge­nug, be­gann sich ein selt­sa­mer Rhyth­mus her­aus­zu­bil­den: zu­erst ein durch­drin­gen­des Brül­len, das im­mer lau­ter wur­de, dann zog un­ge­fähr im Mi­nu­ten­takt ein Wol­ken­band mit noch stär­ke­ren Wind­bö­en durch, als woll­te es da­vor war­nen, dass drau­ßen auf dem Meer und nicht weit da­hin­ter noch viel Schlim­me­res lauerte.“

Wie schon so oft, be­wegt sich in die­sen Ta­gen wie­der ein Tro­pen­sturm auf die Küs­te Flo­ri­das zu. Eta hat be­reits in Ni­ca­ra­gua, Hon­du­ras und Ku­ba ei­ne Spur der Ver­wüs­tung hin­ter­las­sen und zieht mo­men­tan in den Golf von Me­xi­ko. Dort wird er neue Kraft tan­ken und könn­te als Hur­ri­kan Kurs auf die Fest­land­küs­te Flo­ri­das mit ih­ren un­zäh­li­gen Keys nehmen.

In die­ser In­sel­grup­pe liegt auch Ca­mi­no Is­land, der fik­ti­ve Hand­lungs­ort von John Gris­hams neu­em Ro­man „Das Ma­nu­skript“. Das mon­dä­ne Strand­städt­chen San­ta Ro­sa mit der nicht min­der mon­dä­nen Buch­hand­lung „Bay Books“ ken­nen Gris­ham-Le­ser be­reits aus dem vor we­ni­gen Jah­ren er­schie­ne­nen Vor­gän­ger „Das Ori­gi­nal“. Der Be­sit­zer der Buch­hand­lung, Bruce Ca­ble, do­mi­niert als bi­blio­phi­ler Bon­vi­vant das Li­te­ra­tur­ge­sche­hen weit über das Ei­land hin­aus. Auch dies­mal „Ein hin­rei­ßen­der Hur­ri­kan“ wei­ter­le­sen

Zwischen den Zeiten

In „Das Gartenzimmer“ konstruiert Andreas Schäfer kunstvoll Geschichte

Bei der Vor­stel­lung, dass El­sa Ro­sen den Brief in sei­nem spä­te­ren Zim­mer ge­schrie­ben hat­te, schau­der­te ihm, als kleb­te et­was von den da­ma­li­gen Er­eig­nis­sen an ihm, weil er jah­re­lang in den glei­chen Räu­men ge­lebt und die Aus­düns­tun­gen ih­rer Wän­de ge­at­met hatte.“

Man mag „Das Gar­ten­zim­mer“ von An­dre­as Schä­fer als his­to­ri­schen Ro­man le­sen, der an­hand sei­nes Su­jets, ei­ner Ar­chi­tek­ten­vil­la in Ber­lin-Dah­lem, den Um­bruch vom lan­gen Neun­zehn­ten Jahr­hun­dert in die Wir­ren des Zwan­zigs­ten in Sze­ne setzt. Doch das wä­re zu kurz ge­grif­fen, denn die Ge­schich­te der Vil­la Ro­sen bil­det den An­gel­punkt, um den sich vie­le wei­te­re Ge­schich­ten des Ro­mans drehen.

Er­baut wur­de das Haus, in dem das ti­tel­ge­ben­de Gar­ten­zim­mer ei­ne be­son­de­re Rol­le spielt, im Jahr 1909 von Max Tau­bert. Um­stän­de und Fi­gur hat Schä­fer an den Ar­chi­tek­ten Mies van der Ro­he an­ge­lehnt. Ei­ne Vil­la Ro­sen wird man folg­lich in Ber­lin-Dah­lem ver­geb­lich su­chen. Doch ähn­lich wie die­se „Zwi­schen den Zei­ten“ wei­ter­le­sen

Alte Freundinnen

Charlotte Wood konfrontiert in „Ein Wochenende“ drei Freundinnen mit sich selbst und ihrer in die Jahre gekommenen Freundschaft

So wür­den die Ta­ge oh­ne Syl­vie al­so sein, mit die­ser Di­stanz zwi­schen ih­nen, die sich aus­wei­te­te und ver­tief­te. Sie blieb ste­hen und be­ob­ach­te­te, wie der Ab­stand zu den bei­den an­de­ren im­mer grö­ßer wur­de. Auch sie gin­gen nicht ge­mein­sam. Bis jetzt hat­te sie nie dar­über nach­ge­dacht, dass sich das aus­ge­lei­er­te Gum­mi­band ih­rer Freund­schaft ei­nes Ta­ges auf­lö­sen könn­te. Es schien un­mög­lich. Aber et­was To­tes hat­te sich in ih­re Ge­füh­le für­ein­an­der ein­ge­schli­chen und schien sich auszudehnen.“

Die meis­ten Men­schen ha­ben ei­ne Hand­voll en­ger Freun­de, oft so­gar we­ni­ger. Al­les, was die Zahl drei über­steigt, so scheint es, sprengt den Rah­men. Oft er­wei­sen sich die un­ter­schied­li­chen Ei­gen­ar­ten, Vor­lie­ben, kurz die Per­sön­lich­kei­ten der Freun­de als Stör­fak­tor. Dies zeigt sich bei ge­mein­sa­men Un­ter­neh­mun­gen. Und was macht erst das Al­ter dar­aus? Die lan­gen Jah­re des Le­bens? Die zu­neh­men­de Starrköpfigkeit?

Von ei­ner der­ar­ti­gen Ge­menge­la­ge er­zählt der neue Ro­man der aus­tra­li­schen Au­torin Char­lot­te Wood. Mit sei­nen knapp 300 Sei­ten hat er die rich­ti­ge Län­ge, um sei­ne Le­se­rin­nen wie sei­ne Le­ser — auch wenn im Buch be­haup­tet wird, daß Män­ner kaum „Al­te Freun­din­nen“ wei­ter­le­sen

Halb gekonnter Corona-Roman

Phillip Lewis‘ Rückkehr nach Old Buckram ist das mysteriöse Debüt eines Poe-Adepten

Ich rief den Kell­ner und be­stell­te zwei Co­ro­na mit Li­met­ten­schnitz. Ich woll­te den Ball flach halten.
„Mit wem bist du hier?“, frag­te ich sie. Ich deu­te­te auf mei­nen Tisch, wo J.P., Ty­ler und Will jetzt doch Ra­batz mach­ten. Aber dann frag­te Be­thAnn Sto­ry et­was, die dreh­te sich zu ihr, und ich wuss­te na­tür­lich nicht, ob sie sich wie­der mit mir un­ter­hal­ten wür­de. Trotz­dem war­te­te ich am Tisch, bis das Bier kam. Sto­ry und ich drück­ten un­se­re Li­met­ten in die Fla­schen und pros­te­ten uns zu.““

Co­ro­na-Ro­man könn­te man ka­lau­ernd das De­büt von Phil­lip Le­wis nen­nen, denn es wird ganz schön viel Bier der be­kann­ten me­xi­ka­ni­schen Mar­ke ge­trun­ken, stets ver­se­hen mit ei­nem Schnitz Li­met­te, was der Au­tor nicht mü­de wird zu be­to­nen. Gleich­zei­tig ist der Un­ter­hal­tungs­ro­man ge­eig­net, um oh­ne An­stren­gung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on zu entfliehen.

Den jun­gen Prot­ago­nis­ten ver­trei­ben die fa­mi­liä­ren Ver­hält­nis­se aus sei­ner Hei­mat in den Blue Moun­tains. Doch, Es­ka­pis­mus ist kei­ne Lö­sung, nach ei­ni­gen Jah­ren ent­schließt er sich zur „Rück­kehr nach Old Buck­ram“, um die Ge­scheh­nis­se sei­ner Ver­gan­gen­heit zu klären.

Auf den Ro­man bin ich zu­fäl­lig ge­sto­ßen, es ist mo­men­tan ja aus­rei­chend Zeit zu stö­bern. Als ich ihn dann in Hän­den hielt und die ers­ten Sei­ten ge­le­sen hat­te, stieß ich auf die glei­chen The­men wie im zu­vor ge­le­se­nen Ro­man „Der Freund“, auf Ein­sam­keit, das Schrei­ben und die Li­te­ra­tur, letz­te­res mit zahl­rei­chen Ver­wei­sen auf Schrift­stel­ler und ih­re Wer­ke un­ter­legt. Ne­ben Ed­gar All­an Poe gilt die be­son­de­re Auf­merk­sam­keit des Au­tors Tho­mas Wol­fe und Wil­liam Faulkner.

Das Haupt­su­jet al­ler­dings, von dem der Prot­ago­nist Hen­ry in der Rück­schau er­zählt, ist sein Va­ter Hen­ry L As­ter. Im Lau­fe des Ro­mans wird noch ei­ne wei­te­re Va­ter­fi­gur „Halb ge­konn­ter Co­ro­na-Ro­man“ wei­ter­le­sen

Literatur und Literaten in der Lagune

In seinem Roman „Der von den Löwen träumte“ schildert Hanns-Josef Ortheil sein Schreiben und erzählt von Hemingway in Venedig

Et­was auf­schrei­ben? Et­was von dem, was He­ming­way zu ihm ge­sagt hat­te? Über das Schrei­ben? Über Gott? Über das Be­ten? Viel­leicht war es gar kei­ne schlech­te Idee. An wel­che mar­kan­ten Sät­ze er­in­ner­te er sich denn? O, da gab es viele.“

Der­ar­ti­ge Ge­dan­ken mö­gen im Kopf des­je­ni­gen schwir­ren, der ein Buch über He­ming­way schrei­ben will. Er muss den be­rühm­ten ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­ler ge­kannt ha­ben, gut ge­kannt. Viel­leicht ein Freund, der wie He­ming­way ein Schrift­stel­ler ist. Doch der Freund, den Ortheil in „Der von den Lö­wen träum­te“ He­ming­way zu­ge­sellt, und der dies denkt, ist ein jun­ger Fi­scher aus Ve­ne­dig. Er ist so­gar ei­ne Haupt­fi­gur des Ro­mans. Die zwei­te ist He­ming­way, der im Jahr 1948 die La­gu­nen­stadt in Be­glei­tung sei­ner vier­ten Ehe­frau Ma­ry be­such­te. Auch sie taucht in Ortheils Ver­si­on die­ser bio­gra­phi­schen Be­ge­ben­heit auf, spielt al­ler­dings nur ei­ne klei­ne Rol­le ne­ben Pao­lo, der He­ming­way bei den Er­kun­dun­gen der Was­ser­stra­ßen Ve­ne­digs begleitet.

Das Ti­tel­bild il­lus­triert die Si­tua­ti­on. Ei­ne Fluss­land­schaft mit Boot, blät­ter­lo­se Bü­sche und Bäu­me am Ufer, am Bild­rand ein Ge­bäu­de. He­ming­way, der im Herbst sei­nes Ve­ne­dig-Auf­ent­halts 49 Jah­re zählt, sitzt im Bug ei­nes klei­nen Boots, er hält ein Ge­wehr. Im Heck steht ein jun­ger Mann, er hält das Ruder.

Die Haupt­fi­gu­ren des Ro­mans sind ein­deu­tig männ­lich. Zwar kün­digt der Klap­pen­text He­ming­ways Lie­be zu ei­ner „Li­te­ra­tur und Li­te­ra­ten in der La­gu­ne“ wei­ter­le­sen