Scrap

Calla Henkel legt mit „Ein letztes Geschenk“ einen Spannungsroman voll sarkastischer Gesellschaftskritik vor

»Ich ma­che kei­ne Kunst, son­dern Kunst­hand­werk.« Nao­mi leg­te den Kopf schräg. »Was ist der Un­ter­schied?« »Bei Letz­te­rem geht es um den Her­stel­lungs­pro­zess und den spä­te­ren Nut­zen, bei Ers­te­rem um den Markt­wert und ums Ego.« Ich hielt in­ne und sah mich im Re­stau­rant um. »Beim Kunst­hand­werk gibt es kein Ego – je­der kann es er­ler­nen und dar­in zum Meis­ter wer­den. Kunst be­ruht auf der Iso­lie­rung ei­nes Ge­nies, wo­hin­ge­gen Kunst­hand­werk … in­te­ger ist.« Nao­mi schob ih­re Un­ter­lip­pe vor. »Sie hal­ten das al­les hier al­so für Schwach­sinn?« Ich nickte.“

Der Plot von „Ein letz­tes Ge­schenk“, dem zwei­ten Ro­man der ame­ri­ka­ni­schen Au­torin Cal­la Hen­kel, soll nur knapp er­zählt wer­den, da er dem Gen­re der Span­nungs­li­te­ra­tur an­ge­hört. Es­ther, ei­ne be­gab­te Por­trät­künst­le­rin, die aus Frust am Be­trieb in den Wäl­dern North Ca­ro­li­nas hand­ge­bun­de­ne Bü­cher an­fer­tigt, er­hält von ei­ner New Yor­ke­rin Mil­li­ar­dä­rin den Auf­trag zur Her­stel­lung von Scrap­books. Aus den von Nao­mi über Jah­re ge­sam­mel­ten Fo­tos und Do­ku­men­ten sol­len Er­in­ne­rungs­al­ben ent­ste­hen, mit de­nen sie ih­ren Ehe­mann über­ra­schen möch­te. Zu­nächst lehnt Es­ther ab, doch die Um­stän­de zwin­gen sie, den lu­kra­ti­ven Job an­zu­neh­men. Als ih­re Auf­trag­ge­be­rin ver­schwin­det, macht sie sich, ganz im Sin­ne der von ihr ge­lieb­ten True-Crime-Pod­casts, auf ei­ne ge­fähr­li­che Spurensuche.

Was soll mich an ei­nem Ro­man rei­zen, in dem ei­ne zur Buch­bin­de­rin de­gra­dier­te Su­per­künst­le­rin für ei­ne Su­per­rei­che Scrap­books ge­stal­tet? Manch­mal ist die Ant­wort ganz ein­fach, der Co­ver-Blurb und das Wet­ter. Zwar bin ich für Span­nungs­ro­ma­ne eher nicht emp­fäng­lich, für schwar­zen Hu­mor je­doch um­so mehr. Der eig­net sich ganz fa­bel­haft ge­gen ta­ge­lan­gen Re­gen, sub­tro­pi­sche Feuch­tig­keit so­wie an­de­re äu­ße­re wie in­ner­li­che Un­päss­lich­kei­ten. Zu­dem, so war ich ge­wiss, wird von die­sem Ver­lag so man­ches, aber kein schlech­ter Ro­man kommen.

Zu­ge­ge­ben, auf den ers­ten Sei­ten frem­del­te ich ein we­nig, aber dann war ich drin in der höchst­mög­li­chen Ab­ge­lenkt­heit. Man kennt sol­che Zu­stän­de aus dem Bin­ge Wat­ching von Se­ri­en. Ein Ver­gleich, der mir nicht von un­ge­fähr in den Sinn kommt, dar­an er­in­nern nicht nur die un­vor­her­ge­se­he­nen Wen­dun­gen, die das Ge­sche­hen um­len­ken, aber ra­sant wei­ter­trei­ben. Auch das Set­ting äh­nelt dem ei­ner Se­rie wie Re­ven­ge.

Ne­ben dem Block­haus in den Wäl­dern mit Selbst­ge­töp­fer­tem, gibt es Häu­ser in den Hamp­tons mit Kunst und ed­lem In­te­ri­eur. Dort wer­den ab­ge­se­hen von ei­ner eher ge­rin­ge­ren Do­sis Sex&Crime vor­al­lem Ver­lus­te auf­ge­ar­bei­tet und Be­zie­hun­gen durch­leuch­tet. Be­son­ders die zwi­schen El­tern und Kin­dern, wo­bei Müt­ter und Töch­ter ein­deu­tig im Vor­der­grund ste­hen. Das gilt für al­le Frau­en­fi­gu­ren des Ro­mans, was nicht nur dar­an liegt, daß Es­ther, die Ich-Er­zäh­le­rin, Frau­en liebt. In Rück­bli­cken er­zählt die­se ver­letz­te wie stark ver­letz­li­che Fi­gur von ih­rem Vor­le­ben als be­gab­te Ma­le­rin im Schat­ten ei­nes hoch­do­tier­ten Künst­lers wie von ih­rer Kind­heit mit ei­ner pro­ble­ma­ti­schen Mutter.

Da­bei fällt ei­ne ge­wis­se Di­stanz auf, mit de­nen sie ih­re Er­in­ne­run­gen for­mu­liert. Ein Selbst­schutz, der sich oft ge­nug in Sar­kas­mus klei­det, nicht zu­letzt zum Ver­gnü­gen der Le­se­rin. Mit die­sem Hu­mor feit Hen­kel ih­re Hel­din vor dem Le­ben und der Lie­be, de­nen sie fort­an oh­ne Il­lu­si­on und Idea­li­sie­rung ent­ge­gen­sieht. Sei­ten­hie­be auf die ver­schie­de­nen Mi­lieus, in de­nen Es­ther sich um­treibt, nicht aus­ge­schlos­sen. Die Su­per­rei­chen, ver­kör­pert durch Nao­mi und ihr Ge­fol­ge, ent­larvt sie in ih­rem ver­meint­li­chen Äs­the­ti­zis­mus. „Un­se­re Woh­nung hat schwar­zen Par­kett­bo­den und wei­ße Wän­de, kei­ne Kunst, kei­ne Fo­tos, gar nichts. Größ­ten­teils be­geis­tert mich das. Wir sind zwar kei­ne Amish, aber wir mö­gen es clean. Er be­trach­tet un­ser Zu­hau­se als äs­the­ti­sche Oa­se, aber wir wit­zeln manch­mal, dass sein Pu­ris­mus schon an Fa­schis­mus grenzt.“ An­de­rer­seits be­för­dern sie aus Sta­tus-Grün­den ei­ne „hy­per­ka­pi­ta­lis­ti­sche Kunst­welt“, in der der Künst­ler die Selbst­ge­fäl­lig­keit sei­ner Kun­den be­dient und sein Werk pro­sti­tu­iert. „Ich war wie­der die Hof­när­rin, die auf das Wohl­wol­len der Rei­chen an­ge­wie­sen war, und das, ob­wohl ich mir nach un­zäh­li­gen Por­trät­ge­mäl­den im Auf­trag von Mi­cha­el Va­len­ti­ne ge­schwo­ren hat­te, mich nie wie­der ver­trag­lich an ir­gend­wel­che wohl­ha­ben­den Mä­ze­ne zu binden.“

Da­ne­ben be­geg­nen wir al­ter­na­ti­ven Kunst­hand­wer­ke­rin­nen, die sich na­tur­nah selbst­ver­wirk­li­chen, was sie nicht da­von ab­hält, sich bei In­sta­gram zu ver­mark­ten. „An die­sem Berg­hang gab es kei­ne quee­ren Frau­en, aber in As­he­ville wim­mel­te es von Les­ben. Der in­of­fi­zi­el­le Wer­be­slo­gan der Stadt, der wäh­rend ei­nes In­di­go-Girls-Kon­zerts in den Neun­zi­gern ent­stan­den war, lau­te­te: Zehn­tau­send Les­ben kön­nen nicht falsch lie­gen. Und na­tür­lich brau­ten sich al­le die­se Frau­en Kom­bu­cha-Tee, aßen von selbst­ge­töp­fer­tem Ge­schirr, glaub­ten an As­tro­lo­gie und »wan­der­ten gern«.“

Es­ther ist selbst ein Teil die­ser quee­ren Sze­ne in den Blue Ridge Moun­ta­ins, die dort ih­re „les­bi­sche Cot­ta­ge­co­re-Fan­ta­sie“ su­chen, ve­gan und mit Craft­beer ver­steht sich. Dort­hin scheint sich ihr neu­er Nach­bar ver­irrt zu ha­ben, mit dem Hen­kel ein wei­te­res pro­ble­ma­ti­sches Ka­pi­tel der Ge­sell­schaft öffnet.

Durch die­se un­ter­schied­li­chen Krei­se be­wegt sich Es­ther auf der Su­che nach Nao­mi, da­bei fällt ihr de­ren Lieb­lings­buch in die Hän­de, das wie ei­ne Vor­la­ge von Nao­mis Han­deln wirkt, aber auch Be­zü­ge zum vor­lie­gen­den Ro­man auf­weist. „Schließ­lich zog ich Nao­mis Lieb­lings­buch her­vor, Go­ne Girl von Gil­li­an Flynn. Ich hat­te seit dem Col­lege, wo Fran­ken­stein von Ma­ry Shel­ley Pflicht­lek­tü­re ge­we­sen war, kei­ne Er­zähl­li­te­ra­tur mehr ge­le­sen. In mei­nen Au­gen war Fik­ti­on ma­ni­pu­la­tiv und steck­te vol­ler Über­trei­bun­gen. (…) Was mich an dem Ro­man am meis­ten fas­zi­nier­te, war, dass die Hand­lung wie ein Vi­deo­spiel an­ge­legt war, wie ei­ne atem­lo­se Schnitzeljagd.“

Zwi­schen Kunst, Ka­pi­tal und Selbst­su­che ent­wi­ckelt Cal­la Hen­kel Fi­gu­ren, die ih­re Ver­let­zun­gen auf ver­schie­de­ne Wei­se zu kom­pen­sie­ren su­chen. Die­se Ver­stri­ckun­gen be­rei­chert sie auf äu­ßerst span­nen­de Wei­se mit ei­nem Rät­sel, des­sen Lö­sung die Le­se­rin sehr ger­ne folgte.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel „Scrap“, der in sei­ner Mehr­deu­tig­keit kaum über­setz­bar ist. Hät­te man ihn doch über­nom­men. Den deut­schen Ti­tel fin­de ich eben­so wie das Co­ver we­nig pas­send. Doch das nur am Rande.

Calla Henkel, Ein letztes Geschenk, übers. v. Verena Kilchling, Kein&Aber 2024

Transzendentale Trauer

Steve Rasnic Tem verfolgt in „Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort“ bedrückend-fantastische Wege in das Empfinden des Subjekts

Wie vie­le Le­ben, wie vie­le Lei­chen, wie vie­le Er­in­ne­run­gen, wie viel Schmerz pass­ten in ei­ne Welt? Viel­leicht war sie ei­nes Ta­ges voll und sie muss­ten ge­hen, an­statt auf ei­nem Fried­hof zu leben?“

 Wie fühlt es sich an, ein­sam zu sein? Alt zu wer­den? Krank zu wer­den? Zu ster­ben? Es be­ginnt da­mit, daß man kaum mehr den Staub be­wäl­ti­gen kann, der sich un­wei­ger­lich auf Bü­chern wie im ei­ge­nen Ge­hirn fest­setzt und peu à peu al­les un­ter sich be­gräbt. Als ei­ne Art Chro­nik die­ses na­tür­li­chen Vor­gangs, dem wir al­le ent­ge­gen se­hen, las­sen sich die Kurz­ge­schich­ten in „Das lang­sa­me Fal­len von Staub an ei­nem ru­hi­gen Ort“ von Ste­ve Ras­nic Tem le­sen. Der ame­ri­ka­ni­sche Ge­gen­warts­au­tor Tem, 1950 in Vir­gi­nia ge­bo­ren, hat wie sein Über­setz­ter Ger­rit Wust­mann im Nach­wort dar­legt, zahl­rei­che Ro­ma­ne und Kurz­ge­schich­ten ver­öf­fent­licht. Ei­ne deut­sche Über­set­zung stand bis­her aus, die nun der Li­te­ra­tur Qui­ckie Ver­lag in ei­ner Aus­wahl vor­legt. Tems Tex­te ste­hen in der Nach­fol­ge von Franz Kaf­ka, Ray Brad­bur­ry und  Ray­mond Car­ter und zei­gen sur­rea­le Ele­men­te, Weird-Fic­tion und Horror.

Auch in die­sen Kurz­ge­schich­ten fin­den sich Spu­ren von grau­en­vol­ler und ver­rück­ter Phan­ta­sie. Sie stei­gert sich von Ge­schich­te zu Ge­schich­te. Was in der Ers­ten noch als trau­ri­ge Rea­li­tät er­scheint, wird in der Nächs­ten zu „Tran­szen­den­ta­le Trau­er“ weiterlesen

Distanzerfahrung

Iris Wolff erzählt in „Lichtungen“ von „Zugehörigkeit und Fremdsein“

Schon wäh­rend der Ge­sprä­che im Zug war ihm der Ge­dan­ke ge­kom­men, dass al­le Rei­sen­den auf ge­wis­se Wei­se ihr Land ver­tra­ten. Aber durf­ten ein­zel­ne Men­schen und Er­fah­run­gen fürs Gan­ze stehen?“

Ihr Deut­schen lebt in der Stra­ße, seid ganz mit eu­rem Haus ver­wach­sen, zieht die Vor­hän­ge zu, ver­bergt euch im Hof wie ein Fuchs in sei­ner Höh­le. Wir Ru­mä­nen je­doch le­ben auf der Stra­ße, für je­den sicht­bar, an­sprech­bar. Soll­te sich die Stra­ße nei­gen, weg­rut­schen, fal­len wir mit, rut­schen wir mit. Nimmt man euch die Stra­ße, eu­er Haus, was seid ihr dann? – Noch jetzt traf ihn die Un­ter­schei­dung sei­nes Bru­ders in: wir und ihr.“

Im­re war schweig­sam, leb­te für sich. Aber nach Levs Er­mes­sen ta­ten dies al­le: Bre­di­ca, Do­rin, Va­lea, Bu­ni­ca, Fer­ry und auch sei­ne Mut­ter Lis. Das We­sent­li­che teil­ten sie nicht. Selbst bei Ka­to und ihm war das nicht an­ders, auch wenn er sich das manch­mal wünschte.“

Vor kur­zem fiel mir auf dem Dach­bo­den ein Ta­ge­buch in die Hand, ich fing an dar­in zu le­sen und blät­ter­te beim letz­ten Ein­trag be­gin­nend zu­rück. Ganz ähn­lich hat Iris Wolff ih­ren neu­en Ro­man „Lich­tun­gen“ an­ge­legt. Er liest sich wie ein Jour­nal vol­ler Er­leb­nis­se, Be­ob­ach­tun­gen und Ideen und er­zählt sei­ne Ge­schich­te vom En­de her. Da­mit dies auch je­der ver­steht, wer­den die Ka­pi­tel im Count­down ge­zählt. Zu Be­ginn steht die Haupt­fi­gur, Lev, mit Mit­te 30 am En­de sei­ner Ent­wick­lung, so­weit dies den Ro­man be­trifft. Doch wo­von han­delt dieser?

Da ist zum ei­nen die Ge­schich­te zwi­schen dem Mäd­chen Ka­to und dem Jun­gen Lev, die sich als Kin­der be­geg­nen und ei­ne Freund­schaft zu­ein­an­der ent­wi­ckeln, die mit zu­neh­men­dem Al­ter so in­ten­siv wird, daß „Di­stanz­er­fah­rung“ weiterlesen

Kristalle der Ernüchterung“

Julia Schoch forscht in „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ nach den Leerstellen der Liebe

Soll­te ich je­mals ein rich­ti­ges Buch schrei­ben, könn­te es nur eins über dich sein. Wor­über in al­ler Welt, hät­te ich sonst schrei­ben sol­len. Al­le Bü­cher, die ich schrei­ben wür­de, wür­den von dir han­deln, so viel stand fest. (…) Ein Ro­man in ganz ein­fa­chen Wor­ten soll­te es sein. Ein ein­fa­cher Ro­man. Es müss­te et­was sehr Fla­ches, Un­auf­ge­reg­tes sein, dach­te ich, oh­ne ei­ne ge­such­te, kunst­vol­le Form.“

Kann das Selbst­re­fe­ren­ti­el­le der Vor­gän­ger­lek­tü­re über­trof­fen wer­den, frag­ten wir uns beim letz­ten Tref­fen un­se­res Li­te­ra­tur­krei­ses. Ju­lia Scho­ch bringt den Be­weis mit ih­rem neu­en Ro­man, der auf­grund der au­to­bio­gra­phi­schen Aus­rich­tung die­sen Gat­tungs­be­griff viel­leicht gar nicht ver­dient. Nach ih­rem 2022 er­schie­ne­nen Buch „Das Vor­komm­nis“ liegt nun der zwei­te Teil der Tri­lo­gie „Bio­gra­phie ei­ner Frau“ vor.

Das Lie­bes­paar des Jahr­hun­derts“ hat viel von ei­ner psy­cho­lo­gi­schen Be­zie­hungs­ana­ly­se, bei der al­ler­dings nur ein Teil des Paa­res spricht. Doch an­ders als in der Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger, von vie­len Ver­la­gen ver­öf­fent­licht und noch heu­te in Er­in­ne­rung durch Ti­tel wie Ju­dith Jann­bergs „Ich bin Ich“, fühlt sich die Er­zäh­le­rin nicht aus­schließ­lich als Op­fer des Kris­tal­le der Er­nüch­te­rung““ weiterlesen

Verbotene Liebe

In „Schneeflocken wie Feuer“ erzählt Elfi Conrad von früher

Er könn­te häss­lich sein, bö­se, ur­alt, es wür­de nichts än­dern. Kaum ei­ne Frau kann sich ei­nem sin­gen­den, Gi­tar­re spie­len­den Mann ent­zie­hen. Es spielt kei­ne Rol­le mehr, dass es ei­ne Wet­te war, dass ei­ne Halb­star­ke ih­re Rei­ze tes­ten woll­te, dass es sich um die Macht über ei­nen Vor­ge­setz­ten und die Ra­che ei­ner Ge­de­mü­tig­ten han­del­te. (…) Als ich nicht mehr an mich hal­ten kann, zie­he ich mei­ne San­da­let­ten aus. Sprin­ge auf und tan­ze. (…) Flie­gend durch­bre­che ich die ima­gi­nä­re Wand, von der die Gi­tar­ren­ak­kor­de, die Stim­me, der Mann um­ge­ben ist. Drin­ge ein. Der Mann auf dem Stuhl ist die­ser Be­sitz­ergrei­fung aus­ge­lie­fert, an sei­nen Au­gen kann ich es ablesen.“

Ein nicht un­we­sent­li­cher Teil der Tref­fen un­se­res Li­te­ra­tur­krei­ses ge­hört der Fra­ge, wor­über wir beim nächs­ten Mal dis­ku­tie­ren wol­len. Als Grund­la­ge die­nen uns Emp­feh­lun­gen und Lis­ten au­ßer­halb der ver­kaufs­ori­en­tier­ten des „Spie­gel“, die ich, wenn sie mit „Buch­re­port“ un­ter­ge­hen soll­te, nicht ver­mis­sen wer­de. Es lag al­so nicht fern den 30 Li­te­ra­tur­kri­ti­kern des SWR zu fol­gen, die „Schnee­flo­cken wie Feu­er“ von El­fi Con­rad im Sep­tem­ber auf den ers­ten Platz der Bes­ten­lis­te setz­ten. Dass ei­ne un­se­rer Mit­strei­te­rin­nen im glei­chen Al­ter wie die Au­torin ist und wie die­se als Kriegs­flücht­ling im Harz auf­wuchs, hat nicht un­we­sent­lich zu un­se­rer Ent­schei­dung bei­getra­gen. Un­gleich grö­ße­re bio­gra­phi­sche Über­ein­stim­mung weist Con­rad mit ih­rer Prot­ago­nis­tin Do­ra auf. Dass es sich bei „Schnee­flo­cken wie Feu­er“ um ei­nen aus­ge­spro­chen „Ver­bo­te­ne Lie­be“ weiterlesen

Ein Leben lang mittags Pasta und man überlebt alles“

Adriana Altaras jüdisch-deutsch-italienisches Erinnerungsbuch „Besser allein als in schlechter Gesellschaft. Meine eigensinnige Tante“

Im­mer wie­der fängt Adria­na da­von an, ich sol­le nach Deutsch­land kom­men. Dass es mir in ei­nem deut­schen Al­ters­heim schme­cken wür­de, wa­ge ich zu be­zwei­feln. Ich ha­be nichts ge­gen Kar­tof­feln, aber je­den Tag? Mei­ne Schwes­ter Thea lieb­te Kar­tof­feln. Kein Wun­der, dass sie nach Deutsch­land aus­ge­wan­dert ist. Dort ist sie auch ge­stor­ben. Ich will nicht be­haup­ten, die Kar­tof­feln hät­ten ihr ge­scha­det, aber ein län­ge­res Le­ben hat man ein­deu­tig mit Pasta.“

Die Pan­de­mie ist vor­bei, die App ab­ge­schal­tet, je­de Ein­schrän­kung auf­ge­ho­ben. In Pfle­ge­hei­men ist der Zu­gang wie­der un­ein­ge­schränkt mög­lich, le­dig­lich ei­ne Mas­ke müs­sen die Be­su­cher noch tra­gen. Wer wie ich dort ei­nen Men­schen zu be­su­chen hat­te, wird sich an die Stu­fen des Re­gle­ments gut er­in­nern kön­nen. Dem Be­suchs­ver­bot folg­te ein be­grenz­tes Ren­dez­vous an ei­ner dik­ta­tor­lan­gen Ta­fel mit Spuk­schutz­schei­be bis schließ­lich die Kom­bi­na­ti­on aus Test­pflicht, Mas­ke und ei­des­staat­li­cher Ge­sund­heits­er­klä­rung ein Zu­sam­men­sein wie­der mög­lich mach­te. Die­se Pha­sen, die den un­auf­halt­sa­men Ver­fall ei­nes Men­schen be­glei­te­ten und er­schwer­ten, be­schreibt Adria­na Al­ta­ras in ih­ren Ro­man „Bes­ser al­lein als in schlech­ter Ge­sell­schaft“. Der Ti­tel stammt aus der Schatz­kis­te ih­rer Tan­te Jel­ka. Sie lebt im ita­lie­ni­schen Man­tua, ih­re Nich­te in Ber­lin. Die eben­so fer­nen wie un­ter­schied­li­chen Städ­te wur­den für bei­de zur Hei­mat, nach­dem ih­re jü­di­sche Fa­mi­lie vor Jahr­zehn­ten Za­greb ver­ließ. Die schö­ne und stol­ze Jel­ka wur­de in ein La­ger ver­schleppt, von dort ret­te­te sie ein ita­lie­ni­scher Sol­dat und brach­te sie in sein Dorf in Nord­ita­li­en. Mehr aus Dank­bar­keit, denn aus Lie­be hei­ra­te­te sie Gi­or­gio und ar­ran­gier­te sich mit den Verhältnissen.

Durch­hal­ten, nach vor­ne schau­en und das Bes­te dar­aus ma­chen wur­den die Le­bens­prin­zi­pi­en, die der 99-Jäh­ri­gen auch in der Ca­sa di Cu­ra hel­fen. Nach ei­nem lan­gen selbst­be­stimm­ten Le­ben stahl ein Ein Le­ben lang mit­tags Pas­ta und man über­lebt al­les““ weiterlesen

Streben nach Selbstgeißelung

In „Der gewöhnliche Mensch“ erzählt Lena Andersson Gesellschaftsgeschichte als Individualgeschichte

Er ging hin­aus in den Werk­raum, um sau­ber zu ma­chen, und fühl­te sich ein­sam, wäh­rend er dort stand und das Werk­zeug zu­rück an die rich­ti­gen Ha­ken häng­te. Er hat­te die Stim­mung ver­dor­ben, und es war an ihm, al­les wie­der­gut­zu­ma­chen. Er hat­te nicht dar­um ge­be­ten, so viel Macht zu ha­ben. Die Fa­mi­lie be­griff nicht, wie macht­los er sich fühl­te, wie tief ihn sei­ne Angst vor der Welt durch­drang, in der sie al­le vier leb­ten und er nichts an­de­res woll­te, als dass sei­ne Kin­der nicht vom Weg ab­ka­men. Er ver­such­te die Fall­gru­ben auf­zu­zei­gen, ih­nen recht­zei­tig klar­zu­ma­chen, dass es für nor­ma­le Men­schen kei­nen Spiel­raum zum Trö­deln und für Neu­an­fän­ge gab.“

Wer kennt nicht so eine*n? Ge­rech­tig­keit und Kor­rekt­heit ste­hen bei ihm an ers­ter Stel­le. Al­les wird re­gu­liert und re­gle­men­tiert. Er trinkt nicht, isst ge­sund, fährt nie weg und gibt kaum Geld aus. Sein Hang zur As­ke­se zeigt sich je­doch nicht nur im Kon­sum, son­dern auch im Den­ken, das durch in­ne­re Selbst­kon­trol­le auf engs­ten Bah­nen ver­läuft. Ein sol­ches Le­ben ver­kör­pert das pie­tis­ti­sche Ide­al des Schma­len Wegs. Steil und stei­nig führt er auf den An­dachts­bil­dern ganz nach oben, wo die Folg­sa­men im Him­mel das er­hof­fen, was sie sich auf Er­den ver­sa­gen. An­de­re fin­den auf be­que­me­ren Pfa­den Lust, Ge­nuss und Freu­de. Es mag sein, daß sie das pie­tis­ti­sche Pa­ra­dies nie er­rei­chen, doch wie heißt es so schön, der Weg ist das Ziel.

Rag­nar Jo­hans­son, der Held in Le­na An­ders­sons neu­em Ro­man „Der ge­wöhn­li­che Mensch“ lebt, ob­schon als schwe­di­scher So­zi­al­de­mo­krat athe­is­tisch, die kar­ge Va­ri­an­te. Am Bei­spiel die­ses Zeit­ge­nos­sen liest die zwi­schen Mit­leid und Ab­nei­gung schwan­ken­de Le­se­rin ei­ne Chro­nik der „Stre­ben nach Selbst­gei­ße­lung“ weiterlesen

Im „Land der singenden Zitronen”

Azzurro — Eric Pfeils vielstimmiger Lobgesang auf die Canzone

Aus­ge­rech­net ein CDU-Po­li­ti­ker war Eric Pfeils In­itia­ti­ons­meis­ter. Wolf­gang Bos­bach führ­te den da­mals noch sehr jun­gen Pfeil und des­sen El­tern vom be­schau­li­chen Ber­gisch Glad­bach per Bus in die Me­tro­po­le Rom, wo Pfeil von „zu­viel Son­ne, zu viel Hek­tik, zu viel Es­sen, zu viel Schön­heit, zu viel al­les“ ge­flasht wur­de. „Ita­li­en ist ein Zu­viel-Land“, er­kennt er und legt in Az­zur­ro ent­spre­chend viel Mu­sik auf.

Kein Wun­der, daß er 100 ita­lie­ni­sche Songs, un­ge­rech­net der ne­ben­bei er­wähn­ten, für sei­nen mu­si­ka­li­schen Ci­ce­ro­ne aus­wählt. Zu viel, könn­te aus­ru­fen, wer es wie ich mit Meis­ter Busch hält, doch manch­mal un­ter­liegt die Sehn­sucht nach Stil­le der nach Ita­li­en. Ich war schon lan­ge nicht mehr dort, erst kam die Pan­de­mie, dann muss­ten dä­ni­sche Ver­wand­te in Schwe­den be­sucht wer­den. Was bleibt nun im blei­grau­en, feucht­kal­ten Ja­nu­ar, in dem noch nicht ein­mal in der Woh­nung woh­li­ge Wär­me wartet?

Die­se stellt sich per for­tu­na mit Pfeils klei­nem Füh­rer durch die Kul­tur­ge­schich­te der Can­zo­ne so­fort ein. In lo­cke­rem Ton lässt der Mu­sik­jour­na­list dar­in Bel­can­to, Rock und Pop vor­bei fla­nie­ren und gar­niert die­se mit „Im „Land der sin­gen­den Zi­tro­nen”“ weiterlesen

Vom Warten zur Schnecke gemacht

Antonio Muñoz Molina erzählt in „Tage ohne Cecilia“ vom Abdriften eines unzuverlässigen Erzählers

Dank der Ap­ly­sia, ei­nes be­hä­bi­gen Tie­res, das nur über fünf­hun­dert Neu­ro­nen und höchs­tens sie­ben­tau­send Syn­ap­sen ver­fügt, konn­te der Gro­ße Chef von Ce­ci­li­as La­bor die mo­le­ku­la­ren Me­cha­nis­men zur Bil­dung von Kurz- und Lang­zeit­ge­dächt­nis ent­de­cken. Ce­ci­lia hat mich ge­lehrt, mei­ne ge­ne­ti­schen Fa­mi­li­en­ban­de mit Rie­sen­schne­cken, wei­ßen Rat­ten und Frucht­flie­gen zu ak­zep­tie­ren. In ih­rer pri­mi­ti­ven Träg­heit re­agiert die Ap­ly­sia auf Schmerz und lernt aus den Strom­schlä­gen. Ich fra­ge Ce­ci­lia, was die Schne­cke in die­sem Au­gen­blick fühlt, wie sie die Welt wahr­nimmt, was sie sieht, hört und fühlt und ob sie sich an Din­ge er­in­nern kann, ob sie schläft oder wacht, ob sie träumt.“

Sei­ne Ner­ven und Syn­ap­sen, sein Kurz- und Lang­zeit­ge­dächt­nis, kurz die kom­ple­xen Vor­gän­ge sei­nes Hirns ma­chen der Haupt­fi­gur in An­to­nio Mu­ñoz Mo­li­nas Ro­man „Ta­ge oh­ne Ce­ci­lia“ zu schaf­fen. Die in­ne­re Stim­me des Prot­ago­nis­ten, erst am En­de er­fah­ren wir sei­nen Na­men, Bru­no, re­flek­tiert sein Er­le­ben und Er­in­nern, sei­ne Sehn­süch­te und Träu­me. Es han­delt sich um ei­nen äu­ßerst un­zu­ver­läs­si­gen Er­zäh­ler, was im Lau­fe des Ro­mans, der auf knapp 300 Sei­ten ho­he Kom­ple­xi­tät ent­fal­tet, im­mer deut­li­cher wird. Ne­ben der Fra­ge, wo zum Teu­fel Ce­ci­lia bleibt, ent­steht ein „Vom War­ten zur Schne­cke ge­macht“ weiterlesen

Scheinbar ausheimisch“

Warum Anna Kims „Geschichte eines Kindes“ auch als Roman über das Recht auf Abtreibung gelesen werden kann

Ent­we­der be­lü­ge ich mich selbst und ver­leug­ne mei­ne Her­kunft, er­klär­te sie, oder – sie woll­te sich nicht da­von über­zeu­gen las­sen, dass ich in mir haupt­säch­lich mich selbst sah, we­der ei­ne Asia­tin noch ei­ne asia­ti­sche Ös­ter­rei­che­rin, son­dern Fran, sim­ply Fran (…)“

Ich ha­be nie ver­stan­den, war­um die Her­kunft mei­ner Mut­ter schwe­rer wie­gen soll als die mei­nes Vaters.“

Der nüch­tern klin­gen­de Ti­tel, „Ge­schich­te ei­nes Kin­des“, ent­spricht der Form des neu­en Ro­mans von An­na Kim. Sie ver­knüpft dar­in die Er­leb­nis­se der Ich-Er­zäh­le­rin Fran­zis­ka, ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Au­torin, die 2013 ein Jahr als Wri­ter in Re­si­dence am St. Ju­li­an Col­lege in Green Bay ver­bringt, mit Ak­ten­ein­trä­gen aus den 1950er Jah­ren. Die­se schil­dern das Schick­sal Dan­nys, ei­nes zur Ad­op­ti­on frei­ge­ge­be­nen Jun­gen un­kla­rer Her­kunft. Bei­de, Fran­zis­ka und Dan­ny, ver­bin­det, daß sie Schein­bar aus­hei­misch““ weiterlesen