Versuch einer Selbstbefreiung

Kerstin Holzer ergründet in „Monascella“ Monika Manns Lebenskrisen

Man muss sich ver­här­ten, sonst geht man kaputt.“

Die­ser Satz fiel 1986 auf Ca­pri in der Vil­la Mo­na­co­ne, die ih­ren Na­men nicht von Mo­ni­ka Mann, der da­ma­li­gen Be­woh­ne­rin er­hielt, son­dern we­gen ih­res Aus­blicks auf den „Sco­glio di Mo­na­co­ne“, ei­nen Mee­res-Fel­sen vor der Süd­ost­spit­ze der In­sel. Die mitt­le­re Toch­ter aus der be­rühm­ten Fa­mi­lie Mann zog die bit­te­re Bi­lanz nach 75 Le­bens­jah­ren und of­fen­bar­te sie der Jour­na­lis­tin Hel­ga Schalk­häu­ser. Sie schloß den Wunsch an, die­se mö­ge nicht nur ei­nen Ar­ti­kel schrei­ben, son­dern ein gan­zes Buch über sie. Was die Jour­na­lis­tin da­mals ab­lehn­te, er­füllt Kers­tin Hol­zer mit „Mo­nas­cel­la“, ei­nem Buch, das ent­ge­gen sei­nem Un­ter­ti­tel, weit­aus mehr als „Mo­ni­ka Mann und ihr Le­ben auf Ca­pri“ be­han­delt. Zwar war ei­ne per­sön­li­che Be­geg­nung ver­wehrt, Mo­ni­ka Mann starb 1992, doch Hol­zer konn­te auf Brie­fe und an­de­re Text­quel­len zu­rück­grei­fen und führ­te Ge­sprä­che mit Zeit­zeu­gen, un­ter an­de­ren mit Fri­do Mann und ih­rer Vor­gän­ge­rin Schalkhäuser.

In „Mo­nas­cel­la“ steht nicht nur Mo­ni­ka Manns Le­ben auf Ca­pri im Vor­der­grund, das sie von 1954 bis 1986 fast von An­fang an mit An­to­nio Spa­da­ro teil­te, ei­nem Ca­p­re­ser, des­sen Fa­mi­lie Ei­gen­tü­me­rin der Vil­la war, und der eben­falls dort ei­ne Woh­nung be­saß. Zu­nächst nur als Zu­flucht ge­dacht bot Ca­pri Mo­ni­ka die längs­te Pe­ri­ode ei­ner Be­hei­ma­tung. Die Be­zie­hung zu dem Fi­scher­sohn und Mau­rer, der auf­grund ei­ner Herz­schwä­che je­doch eher kon­tem­pla­ti­ven Tä­tig­kei­ten nach­ging, trug da­zu bei. Die­se Span­ne in Mo­ni­kas Le­ben war fried­voll, pro­duk­tiv und wahr­schein­lich ei­ne glück­li­che.  Sie bil­det den Dreh- und An­gel­punkt für Hol­zer, die ähn­lich wie in ih­rem spä­te­ren Buch über den Te­gern­see-Som­mer der Manns, in das Ge­rüst ei­ner bio­gra­phi­schen Epi­so­de Rück­bli­cke und Ein­ord­nun­gen, aber auch Land­schafts­pan­ora­men und lo­kal­his­to­ri­sche Fak­ten ein­fügt. Da­bei va­ri­iert sie je nach Quel­len­la­ge un­ter­schied­li­che Blick­win­kel und In­ter­pre­ta­tio­nen. Hol­zer schil­dert Mo­ni­kas Um­gang mit psy­chi­schen Kri­sen und blickt auf Ur­sa­chen. „Die ers­ten Sät­ze von Ver­gan­ge­nes und Ge­gen­wär­ti­ges lau­ten: »Ich le­be auf ei­ner In­sel. Es ist still da, und die Men­schen ma­chen sich Ge­dan­ken.« Über das Le­ben na­tür­lich, über den »ewi­gen Kampf um das Ge­lin­gen« und über das, was es wirk­lich be­deu­te: »ei­ne Selbstbefreiung«.“

Be­reits als Kind hat­te Mo­ni­ka ei­nen schwe­ren Stand in der Fa­mi­lie. Nicht nur fühl­te sie sich als Mitt­le­re in ste­ter Kon­kur­renz zur äl­te­ren, selbst­be­wuss­ten Eri­ka und zu Va­ters Lieb­ling Eli­sa­beth. Es ge­lang ihr we­ni­ger gut als den an­de­ren Ge­schwis­tern el­ter­li­che An­er­ken­nung zu er­lan­gen. Das „Mön­le“ galt als wun­der­li­che Au­ßen­sei­te­rin. Die fa­mi­liä­re Ab­leh­nung und ei­ne durch häu­fi­ge Tren­nun­gen ge­stör­te Mut­ter­bin­dung führ­ten zu Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und De­pres­sio­nen der Ju­gend­li­chen. „Häus­li­ches Idyll, Wohl­stand, Ge­schwis­ter, Per­so­nal – es ist al­les da. Nur die Mut­ter fehlt oft mo­na­te­lang, vor al­lem in Mo­ni­kas ers­ten Le­bens­jah­ren.“ Auf­ent­hal­te fern der Fa­mi­lie, zu­nächst im Bo­den­see-In­ter­nat Sa­lem, spä­ter in Ber­lin oder Flo­renz wa­ren ver­geb­li­che Ver­su­che der Ab­na­be­lung, die schließ­lich in die Ehe mit dem Kunst­his­to­ri­ker Je­nö Lá­nyi mün­de­ten. Durch die Schiffs­ka­ta­stro­phe von 1940, in der ihr Ehe­mann er­trank und sie nur knapp über­leb­te, wur­de Mo­ni­ka schwer trau­ma­ti­siert. Durch ih­re Fa­mi­lie er­fuhr sie we­der Ver­ständ­nis noch Un­ter­stüt­zung, ab­ge­se­hen von fi­nan­zi­el­ler, die die El­tern al­len ih­ren Kin­dern stets groß­zü­gig ge­währ­te. Dies er­mög­lich­te Mo­ni­ka ein Le­ben auf Ca­pri, das den­noch nicht das glück­lichs­te war, da sie im­mer wie­der ver­such­te, ei­ne Be­zie­hung zum Va­ter, den Ge­schwis­tern und be­son­ders zu ih­rer Mut­ter Ka­tia zu knüp­fen und doch im­mer wie­der aufs Neue dar­an scheiterte.

Ih­re frü­hen Am­bi­tio­nen als Pia­nis­tin wur­den in der Fa­mi­lie kaum ernst­ge­nom­men. Man sprach „hin­ter ih­rem Rü­cken von ei­ner »künst­le­ri­schen Ober­flä­chen­be­ga­bung« (der Va­ter) und ih­rem »Halb­ta­lent­chen« (die Mut­ter).“ Mo­ni­kas Vor­schlag zu ei­ner Fa­mi­li­en-An­tho­lo­gie nach dem Tod des Va­ters wur­de miss­ach­tet und als „Li­kör­idee“ lä­cher­lich ge­macht. Und doch wur­de Mo­ni­ka in ih­rer Zeit auf Ca­pri zur Schrift­stel­le­rin, wie, bis auf Ka­tia, al­le an­de­ren Mit­glie­der der Kern­fa­mi­lie Mann, und wie die­se schrieb sie über ihr Le­ben. Ihr Werk „Ver­gan­ge­nes und Ge­gen­wär­ti­ges“ wid­met sich der Kin­der- und Ju­gend­zeit. „Sehn­süch­tig spürt sie dar­in ih­rer Kind­heit nach, der At­mo­sphä­re im El­tern­haus. Der Si­cher­heit, die die Mut­ter ver­mit­tel­te. Der Au­ra des Va­ters.“ Die­se au­to­bio­gra­phi­sche In­ter­pre­ta­ti­on Mo­ni­kas stellt Hol­zer ei­ner li­te­ra­ri­schen Tho­mas Manns ge­gen­über, den sei­ne Kin­der­schar zu der Er­zäh­lung „Un­ord­nung und frü­hes Leid“ in­spi­rier­te.

Zwi­schen den Rück­bli­cken auf die fa­mi­liä­ren Ver­wer­fun­gen setzt die Au­torin das Le­ben auf Ca­pri in Sze­ne. Mal die per­sön­li­chen Er­fah­run­gen Mo­ni­kas, die vor al­lem durch ih­re Brie­fe fass­bar wer­den. „»Wir ste­hen dar­auf, an­ein­an­der­ge­lehnt, vom Sma­ragd der Wo­gen um­ge­ben, und schau­en den Mö­wen zu: oh­ne die Schwin­gen zu re­gen, ste­hen sie in den Lüf­ten wie wei­ße Fal­ken oder Ad­ler und äu­gen auf den Grund, bis sie sich mit ei­nem Schrei in die Tie­fe stürzen.«“

Mal er­gänzt ein Ka­pi­tel mit dem schö­nen Ti­tel „Ca­pri und Cam­pa­ri“ His­to­ri­sches zu die­sem „Place to Be“ nicht nur der Rei­chen und Schö­nen, son­dern auch der in­tel­lek­tu­el­len Pro­mi­nenz, die wie Sart­re und Gra­ham Gree­ne, spä­tes­tens ab den Fünf­zi­gern die In­sel ansteuern.

Mo­ni­ka Mann ent­zog sich weit­ge­hend die­sem Tru­bel. Sie be­vor­zug­te die Ru­he, die sie auf lan­gen Spa­zier­gän­gen und im Schrei­ben fand. Doch auch dies führ­te zu fa­mi­liä­rer Un­ru­he. Die Ver­öf­fent­li­chung von Mo­ni­kas Au­to­bio­gra­phie kurz nach dem Tod des Va­ters mün­de­te in ei­nen Streit mit Schwes­ter Eri­ka. Die­se fürch­te­te um die von ihr be­an­spruch­te Deu­tungs­ho­heit und muss­te den­noch hin­neh­men, daß Mo­ni­kas Er­in­ne­rungs­buch mehr Er­folg be­schie­den war als ih­rem eigenen.

Nicht nur dar­an er­in­nert Kers­tin Holz­ers le­sens­wer­tes Buch zu Recht. „Der Buch­erfolg er­mög­licht ihr (Mo­ni­ka) re­gel­mä­ßi­ge Bei­trä­ge in deutsch­spra­chi­gen Pu­bli­ka­tio­nen, meist in Schwei­zer Zei­tun­gen, hin und wie­der auch in der ita­lie­ni­schen Zei­tung Il Mun­do, in der Ta­ges­zei­tung Welt oder spä­ter in Kon­kret. Ins­ge­samt 500 Feuil­le­tons und fünf Bü­cher wer­den auf Ca­pri entstehen.“

Kerstin Holzer, Monascella. Monika Mann und ihr Leben auf Capri. Dtv 2022

High-Performer

Verena Keßler schreibt in „Gym“ über den zwanghaften Ehrgeiz einer Frau

Es war nur ei­ne Pha­se, sag­te ich mir. Es wür­de al­les bes­ser wer­den, wenn ich mein Ziel er­reicht hät­te. Wenn ich da wä­re, wo ich hin­ge­hör­te. Wenn ich ge­zeigt hät­te, dass ich nicht nur gut war. Son­dern die Beste.“

 Zu­ge­ge­ben, we­der der Ti­tel noch das Co­ver die­ses Ro­mans ha­ben mich an­ge­spro­chen. An ei­nem Gym ge­he ich höchs­tens vor­bei und wun­de­re mich über die Leu­te auf den Lauf­bän­dern, die egal wie schnell sie ren­nen nicht vom Fleck kom­men, son­dern hin­ter den Glas­schei­ben blei­ben. Und doch war ich nach we­ni­gen Sät­zen mit­ten­drin in Ve­re­na Keß­lers Gym, ei­nem „Pa­last aus glän­zen­den Oberflächen.“

Dort ar­bei­tet die na­men­lo­se Ich-Er­zäh­le­rin, ei­ne Frau in den Drei­ßi­gern, die, wie der Pro­log of­fen­bart, bald die Me­cha­nis­men der Bran­che durch­blickt. Sie steht hin­ter dem Tre­sen zwi­schen Shakes mit Na­men wie „Mus­cle-Hust­le“ oder „Six­pack on the Beach“ und schnell wird klar, daß sie dort hoff­nungs­los un­ter­for­dert ist. „Es er­staun­te mich selbst, wie schnell ich in die­se pas­si­ve Hal­tung hin­ein­ge­fun­den hat­te, wie leicht es mir fiel, all die Din­ge zu igno­rie­ren, die man ver­bes­sern könn­te — Ar­beits­ab­läu­fe, Preis­ge­stal­tung, Kurs­plä­ne. Wann im­mer mir da­zu ein Ge­dan­ke kam, schob ich ihn ein­fach bei­sei­te und er­in­ner­te mich dar­an, dass so et­was von mir nicht er­war­tet wur­de. Ich war nur ei­ne ge­wöhn­li­che Mit­ar­bei­te­rin, nichts weiter.“

Die­se Hoch- oder viel­mehr Tief­stap­le­rin hat ein Ge­heim­nis. Es ist nicht nur die Lü­ge, vor kur­zem ent­bun­den zu ha­ben, mit der sie ih­ren fit­ness­fer­nen Kör­per ka­schiert und den Job er­gat­tert. Manch­mal er­in­ner­te sie sich „an frü­her, als ich mei­ne Kaf­fee­tas­sen nach Fei­er­abend ein­fach in die Bü­ro­kü­che ge­stellt hat­te. Nicht in den Ge­schirr­spü­ler, son­dern auf die Ar­beits­flä­che. Wir al­le hat­ten das so ge­macht, hät­ten nie ei­nen Fin­ger ge­krümmt für et­was, das nicht als billable hour ein­ge­tra­gen wer­den konnte.“

Je tie­fer man durch Keß­lers tem­po­rei­ches wie sub­til iro­ni­sches Er­zäh­len in die­ses Gym, das man doch ei­gent­lich gar nicht be­tre­ten woll­te, hin­ein­ge­zo­gen wird, um­so mehr of­fen­bart sich „High-Per­for­mer“ weiterlesen

Abhängige Verhältnisse

Clare Chambers erzählt in „Scheue Wesen“ von der Macht der Erwachsenen und der Ohnmacht von Kindern

In ALLEN GESCHEITERTEN BEZIEHUNGEN (sic!) gibt es ei­nen zu­nächst noch un­be­merk­ten Punkt, in dem man spä­ter je­doch den An­fang vom En­de er­kennt. Für He­len war es das Wo­chen­en­de, an dem der Ver­steck­te Mann nach West­bu­ry Park kam.“

 Die­ser ers­te Satz in ge­ra­de­zu tol­stoi­schem Ton be­nennt die Haupt­the­men von Cla­re Cham­bers neu­em Ro­man „Scheue We­sen“. Es sind pro­ble­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen, ge­prägt von Ab­hän­gig­kei­ten, und ei­ne kas­par-hau­ser-ar­ti­ge Fi­gur, de­ren at­tri­bu­ier­te Rät­sel­haf­tig­keit das In­ter­es­se der Le­se­rin weckt. Die Ver­lags­an­kün­di­gung, es han­de­le sich „um ei­ne Lie­bes­ge­schich­te aus dem Lon­don der Sech­zi­ger“, greift viel zu kurz und wird der Kom­ple­xi­tät des Ro­mans nicht ge­recht. Um so prä­zi­ser er­scheint mir der dem eng­li­schen Ori­gi­nal ent­spre­chen­de Ti­tel „Scheue We­sen“. Er klingt ge­heim­nis­voll und greift da­durch sein wich­tigs­tes Ge­stal­tungs­ele­ment auf.

Die eng­li­sche Au­torin Cla­re Cham­bers lehr­te Eng­li­sche Li­te­ra­tur in Ox­ford und war als Lek­to­rin tä­tig. Ihr vor­lie­gen­der zwei­ter Ro­man be­ein­druckt durch die klu­ge Kon­struk­ti­on ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Ge­schich­te. Eben­so wie in Cham­bers Erst­ling „Klei­ne Freu­den“ be­geg­nen wir ei­ner be­son­de­ren Frauenfigur.

He­lens Hans­ford ar­bei­tet noch nicht lan­ge als Kunst­the­ra­peu­tin in der psych­ia­tri­schen Kli­nik West­bu­ry Park. Ge­gen den Wunsch ih­rer El­tern hat sie ih­ren Leh­rer­be­ruf auf­ge­ge­ben, be­gibt sich je­doch in ei­ne neue Ab­hän­gig­keit, „Ab­hän­gi­ge Ver­hält­nis­se“ weiterlesen

Protokoll einer Zerrüttung

CoverLjuba Arnautović macht in „Erste Töchter“ aus großen Leben eine kleine Geschichte

Spä­ter hat er über sein Le­ben ein Buch ge­schrie­ben und dar­über, wie po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se mensch­li­che Schick­sa­le bestimmen.“

Die­ses Zi­tat könn­te das Mo­tiv von Lju­ba Ar­n­au­to­vićs Schrei­ben sein und so­mit auch das ih­res Buchs „Ers­te Töch­ter“. Zu­ge­schrie­ben hat sie es Wolf­gang Le­on­hard, ei­ner ih­rer Ne­ben­fi­gur, der durch sei­nen au­to­bio­gra­phi­schen Be­richt „Die Re­vo­lu­ti­on ent­lässt ih­re Kin­der“ be­kannt wur­de. Au­to­bio­gra­phisch ist auch Ar­n­au­to­vićs Werk. Wie be­reits in „Im Ver­bor­ge­nen“ und in „Ju­ni­schnee“ er­zählt die in Wien le­ben­de und 1954 in Kursk ge­bo­re­ne Au­torin von ih­rer Fa­mi­lie, die, so der Klap­pen­text, vom „Dra­ma des 20. Jahr­hun­derts in Wien, Mos­kau und im Gu­lag“ ge­prägt wur­de. Der letz­te Band die­ser Tri­lo­gie fügt Mün­chen als Hand­lungs­ort hinzu.

Dort lebt Karl mit sei­ner neu­en Frau und ei­ner sei­ner ers­ten Töch­ter. Zu­vor hat­te er die­se und ih­re jün­ge­re Schwes­ter erst von de­ren Mut­ter Ni­na, dann von der Er­satz­mut­ter Eri­ka ge­trennt und nun so­gar von­ein­an­der. La­ra geht nach Wien, Lu­na bleibt in Mün­chen. Ei­ne Kon­stel­la­ti­on wie in Erich Käst­ners „Pro­to­koll ei­ner Zer­rüt­tung“ weiterlesen

Willkommen im Auenland“

Markus Thielemann erzählt in „Von Norden rollt ein Donner” auf spannende Weise über die Ambivalenz eines vermeintlichen Idylls

Un­ten drän­gen sich die Tie­re an­ein­an­der. He­ra und Kasch, die bei­den Hüte­hun­de, um­krei­sen den Pulk. Jan­nes blickt hin­un­ter, die Be­we­gun­gen er­in­nern ihn an Bil­der aus ei­ner Do­ku­men­ta­ti­on über den Welt­raum. Wie Mon­de oder Pla­ne­ten krei­sen sie um die Her­de, das Zen­trum des Alls. Und dann schweift er ab: er hat sei­nen ei­ge­nen dunk­len Wan­de­rer, ei­nen Ge­dan­ken, der seit Ta­gen kommt und geht auf el­lip­ti­scher Bahn, des­sen Gra­vi­ta­ti­on drückt und lähmt, bis ihn die Flieh­kraft ein­mal mehr zu­rück in die Nacht schleu­dert: Pa­pa geht zum Arzt.“

Die Welt, in der Jan­nes kreist, ist ei­ne be­grenz­te. Es ist die Hei­de süd­lich von Lü­ne­burg, in der er mit den Schnu­cken des Fa­mi­li­en­be­triebs um­her­zieht. Fa­mi­lie und Tra­di­ti­on ma­chen ihn zum Schä­fer in die­ser ver­meint­lich idyl­li­schen Land­schaft. Ei­ne Su­che nach der ei­ge­nen Iden­ti­tät, wie sie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen un­ter­neh­men, ist un­ter die­sen Um­stän­den nicht nur nicht nö­tig, son­dern un­mög­lich. Das Le­ben scheint vor­ge­zeich­net für den 19-jäh­ri­gen Prot­ago­nis­ten in „Von Nor­den rollt ein Don­ner“, dem zwei­ten und für den dies­jäh­ri­gen Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­ten Ro­man des jun­gen Au­tors Mar­kus Thie­le­mann.

Auch wenn der Ti­tel, wie die ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten und der Ver­lauf der Ge­schich­te zei­gen, in dop­pel­ter Wei­se deut­bar ist, er­zeugt er zu­nächst ei­nen star­ken Be­zug zur Na­tur. Die Na­tur be­stimmt den Be­ruf des Schä­fers, in­dem sie mit Wet­ter und Jah­res­zei­ten den Rhyth­mus dik­tiert. Jan­nes und sei­ne Her­de sind ab­hän­gig von der Flo­ra, dem Ge­dei­hen der Fut­ter­pflan­zen, wie von der Fau­na, die sich im Wohl der Schnu­cken und im Ge­schick der Hüte­hun­de of­fen­bart und mit dem Wolf de­ren Ha­bi­tat be­droht. Jan­nes ist ihm schon Will­kom­men im Au­en­land““ weiterlesen

Zurück zu Mutter Natur

In „Man kann auch in die Höhe fallen“ erzählt Joachim Meyerhoff von der magischen Macht seiner Mutter

Was für ein Spek­ta­kel, dach­te ich, Milch, Blut, Re­gen, Don­ner, Pla­zen­ta und Blit­ze, Mut­ter­glück, neu­es Le­ben und ein nas­ser Mann Mit­te fünfzig.“

Die­ser Satz, der ge­gen En­de von Joa­chim Mey­er­hoffs neu­em Ro­man fällt, kom­pri­miert den In­halt auf wun­der­ba­re Wei­se. Als Prot­ago­nis­ten tau­chen ein Mann Mit­te fünf­zig und sei­ne Mut­ter eben­so auf wie das Thea­ter, des­sen Spek­ta­kel Mey­er­hoff als An­ek­do­ten voll Blitz und Don­ner in­sze­niert, um mit Milch, Blut und Pla­zen­ta, ei­ne be­son­de­re le­bens­lan­ge Ver­bin­dung zu fei­ern. Sie gilt in „Man kann auch in die Hö­he fal­len“, dem sechs­ten Teil der Fa­mi­li­en­ro­man-Rei­he „Al­le To­ten flie­gen hoch“ in be­son­de­rem Ma­ße Mey­er­hoffs Mut­ter wie sei­ner ei­ge­nen Rol­le als Sohn und als Vater.

Mit sei­nen Be­ru­fen, viel­leicht soll­te man bes­ser von Be­ru­fun­gen spre­chen, ha­dert er al­ler­dings eben­so wie mit der deut­schen Haupt­stadt, die nach den Jah­ren in Wien zum neu­en Wohn­ort wur­de. Er möch­te weg von Ber­lin und von sei­nem Busi­ness. Sei­ne Schau­spie­le­rei stellt er eben­so in Fra­ge wie das Schrei­ben, das ihm mit sei­nen au­to­bio­gra­phi­schen Ro­ma­nen bis­lang stets Er­fol­ge be­schert hat. Al­les zerrt an ihm. Er fühlt sich gleich­zei­tig ge­stresst und gelähmt.

Oh­ne wirk­lich zu be­grei­fen, wie es da­zu ge­kom­men war, war ich zu ei­nem Ner­ven­bün­del ge­wor­den, des­sen Un­aus­ge­gli­chen­heit für die mir na­he­ste­hen­den Men­schen mehr und mehr zur Zu­mu­tung wur­de. (…) Angst und Lan­ge­wei­le ver­tru­gen sich ganz aus­ge­zeich­net. Nie hät­te ich es für mög­lich ge­hal­ten, dass man wo­chen­lang auf der fau­len Haut lie­gen und der­art ent­spannt vor sich hin im­plo­die­ren konn­te. Die auf dem So­fa ver­brach­ten Stun­den nah­men bi­zar­re For­men an, und oft wuss­te ich nicht mehr, wo ich auf­hör­te und die Couch be­gann. Wie ein ge­schmol­ze­ner Kä­se war ich in je­de Rit­ze des So­fas hin­ein­ge­flos­sen, hat­te das Sitz­mö­bel mit mir selbst über­ba­cken. Und doch woll­te ich mei­ne Ver­stimmt­heit nicht De­pres­si­on nen­nen oder gar Mid­life­cri­sis, denn es wa­ren ja hand­fes­te Pro­ble­me, die ich hat­te. Seit Wo­chen hat­te ich nichts ge­schrie­ben, und das, ob­wohl sich in mei­nem Kopf die Ge­schich­ten tum­mel­ten. Ber­lin al­ler­dings ent­pupp­te sich als Säu­re­bad, das tag­täg­lich mei­ne In­spi­ra­ti­on zerfraß.“

Viel­leicht ver­mag ei­ne Flucht den Kno­ten lö­sen? Der Er­zäh­ler ent­schei­det sich für nichts Ge­rin­ge­res als die Welt­flucht, die ihn aus der „Zu­rück zu Mut­ter Na­tur“ weiterlesen

Dramarama

Céline Spierers Roman „Bevor es geschah“ erreicht den Verstrickungsgrad griechischer Tragödien

»Ich ha­be et­was mit an­ge­se­hen, was ich nicht hät­te se­hen sol­len«, sagt sie mit er­staun­lich ru­hi­ger Stim­me. On­kel John war­tet, und sein Schwei­gen er­mu­tigt sei­ne Nich­te wei­ter­zu­spre­chen. »Es be­trifft un­se­re Fa­mi­lie. Ich ha­be et­was ge­se­hen, das al­les zer­stö­ren könn­te, wenn ich es erzähle. «“

Das an Dra­men rei­che deut­sche De­büt von Cé­li­ne Spie­rer star­tet mit dem gro­ßen, ein Klein­kind wird in ei­nem Pool auf­ge­fun­den, sein Über­le­ben ist un­ge­wiss. Das Un­glück wird im fran­zö­sisch­spra­chi­gen Ori­gi­nal mit „Noya­de“ klar be­nannt. Die von Si­na de Mal­a­fo­s­se ins Deut­sche über­tra­ge­ne Aus­ga­be trägt den Ti­tel „Be­vor es ge­schah“, was zu­gleich für die Kon­struk­ti­on des Ro­mans steht.
Der Ein­stieg mit un­ge­wis­sem En­de bil­det den Aus­gangs­punkt für ei­nen Rück­blick auf den we­ni­ge Stun­den zu­vor be­gon­ne­nen som­mer­li­chen Brunch, zu dem sich die Fa­mi­lie Hay­nes je­des Jahr im Haus der Mut­ter ver­sam­melt. Ei­gent­lich ha­ben al­le kei­ne Lust da­zu, denn wie das so ist, wenn sich Ge­schwis­ter nebst An­hang im El­tern­haus zu­sam­men­fin­den, stö­ren Er­in­ne­run­gen und Er­war­tun­gen die er­hoff­te Harmonie.
So emp­fin­det es Eli­sa­beth, die Ma­tri­ar­chin, wie ih­re Kin­der sie ins­ge­heim nen­nen, eben­so ihr Sohn Win­s­ton und sei­ne „Dra­ma­ra­ma“ weiterlesen

Gerade noch!

Claire Keegan erzählt in „Reichlich spät“ von einem Geizhals mit rigiden Ansichten

Das war ein Teil des Pro­blems: dass sie nicht hö­ren und gut die Hälf­te der Din­ge auf ih­re Wei­se tun wollte.“

Clai­re Kee­gans Er­zäh­lung „Reich­lich spät“ mag mit ih­ren 64 Sei­ten für ei­ne Mo­no­gra­phie et­was knapp be­mes­sen sein, li­te­ra­risch und emo­tio­nal hin­ge­gen ist sie be­ein­dru­ckend. Ganz und gar nicht pa­the­tisch, eher la­ko­nisch und mit hoch­psy­cho­lo­gi­scher Tie­fe er­zählt Kee­gan die Ge­schich­te ei­ner Be­zie­hung. Die Hand­lung spielt an ei­nem Som­mer­tag in Dub­lin, so­gar das Da­tum wird ge­nannt, der 29. Ju­li. War­um, of­fen­bart erst das Ende.

Der per­so­na­le Er­zäh­ler gibt die Sicht ei­nes Man­nes wie­der, Ca­thel, den wir im ers­ten der vier Ka­pi­tel als ver­drucks­ten und schlecht ge­klei­de­ten Bü­ro­an­ge­stell­ten ken­nen­ler­nen. Drau­ßen, so sein Blick aus dem Fens­ter, ge­nie­ßen die Men­schen den Som­mer. Doch Ca­thel be­arg­wöhnt die Freu­de der an­de­ren eben­so wie den blau­en Him­mel. Er nei­det den Kol­le­gen ih­ren gu­ten Ge­schmack für Gar­de­ro­be und hasst sich selbst we­gen ei­nes klei­nen Miss­ge­schicks am Com­pu­ter. Al­les Schö­ne scheint ihm fern. Ca­thel lei­det an ei­nem Ver­lust. „So vie­les im Le­ben ver­lief rei­bungs­los un­ge­ach­tet des Ge­wirrs mensch­li­cher Ent­täu­schung und des Wis­sens, das al­les ein­mal en­den muss.“ 

Wie es da­zu kam, er­zäh­len die bei­den fol­gen­den Ka­pi­tel in der Rück­schau. Auch die­se folgt aus­schließ­lich durch Ca­thel, dem männ­li­chen Part des Paa­res. Sa­bi­ne se­hen wir eben­falls nur durch sei­nen Blick, der je­doch, dank Kee­gans Kunst, so­viel mehr of­fen­bart, als der Prot­ago­nist sich „Ge­ra­de noch!“ weiterlesen

Kristalle der Ernüchterung“

Julia Schoch forscht in „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ nach den Leerstellen der Liebe

Soll­te ich je­mals ein rich­ti­ges Buch schrei­ben, könn­te es nur eins über dich sein. Wor­über in al­ler Welt, hät­te ich sonst schrei­ben sol­len. Al­le Bü­cher, die ich schrei­ben wür­de, wür­den von dir han­deln, so viel stand fest. (…) Ein Ro­man in ganz ein­fa­chen Wor­ten soll­te es sein. Ein ein­fa­cher Ro­man. Es müss­te et­was sehr Fla­ches, Un­auf­ge­reg­tes sein, dach­te ich, oh­ne ei­ne ge­such­te, kunst­vol­le Form.“

Kann das Selbst­re­fe­ren­ti­el­le der Vor­gän­ger­lek­tü­re über­trof­fen wer­den, frag­ten wir uns beim letz­ten Tref­fen un­se­res Li­te­ra­tur­krei­ses. Ju­lia Scho­ch bringt den Be­weis mit ih­rem neu­en Ro­man, der auf­grund der au­to­bio­gra­phi­schen Aus­rich­tung die­sen Gat­tungs­be­griff viel­leicht gar nicht ver­dient. Nach ih­rem 2022 er­schie­ne­nen Buch „Das Vor­komm­nis“ liegt nun der zwei­te Teil der Tri­lo­gie „Bio­gra­phie ei­ner Frau“ vor.

Das Lie­bes­paar des Jahr­hun­derts“ hat viel von ei­ner psy­cho­lo­gi­schen Be­zie­hungs­ana­ly­se, bei der al­ler­dings nur ein Teil des Paa­res spricht. Doch an­ders als in der Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger, von vie­len Ver­la­gen ver­öf­fent­licht und noch heu­te in Er­in­ne­rung durch Ti­tel wie Ju­dith Jann­bergs „Ich bin Ich“, fühlt sich die Er­zäh­le­rin nicht aus­schließ­lich als Op­fer des Kris­tal­le der Er­nüch­te­rung““ weiterlesen

Streben nach Selbstgeißelung

In „Der gewöhnliche Mensch“ erzählt Lena Andersson Gesellschaftsgeschichte als Individualgeschichte

Er ging hin­aus in den Werk­raum, um sau­ber zu ma­chen, und fühl­te sich ein­sam, wäh­rend er dort stand und das Werk­zeug zu­rück an die rich­ti­gen Ha­ken häng­te. Er hat­te die Stim­mung ver­dor­ben, und es war an ihm, al­les wie­der­gut­zu­ma­chen. Er hat­te nicht dar­um ge­be­ten, so viel Macht zu ha­ben. Die Fa­mi­lie be­griff nicht, wie macht­los er sich fühl­te, wie tief ihn sei­ne Angst vor der Welt durch­drang, in der sie al­le vier leb­ten und er nichts an­de­res woll­te, als dass sei­ne Kin­der nicht vom Weg ab­ka­men. Er ver­such­te die Fall­gru­ben auf­zu­zei­gen, ih­nen recht­zei­tig klar­zu­ma­chen, dass es für nor­ma­le Men­schen kei­nen Spiel­raum zum Trö­deln und für Neu­an­fän­ge gab.“

Wer kennt nicht so eine*n? Ge­rech­tig­keit und Kor­rekt­heit ste­hen bei ihm an ers­ter Stel­le. Al­les wird re­gu­liert und re­gle­men­tiert. Er trinkt nicht, isst ge­sund, fährt nie weg und gibt kaum Geld aus. Sein Hang zur As­ke­se zeigt sich je­doch nicht nur im Kon­sum, son­dern auch im Den­ken, das durch in­ne­re Selbst­kon­trol­le auf engs­ten Bah­nen ver­läuft. Ein sol­ches Le­ben ver­kör­pert das pie­tis­ti­sche Ide­al des Schma­len Wegs. Steil und stei­nig führt er auf den An­dachts­bil­dern ganz nach oben, wo die Folg­sa­men im Him­mel das er­hof­fen, was sie sich auf Er­den ver­sa­gen. An­de­re fin­den auf be­que­me­ren Pfa­den Lust, Ge­nuss und Freu­de. Es mag sein, daß sie das pie­tis­ti­sche Pa­ra­dies nie er­rei­chen, doch wie heißt es so schön, der Weg ist das Ziel.

Rag­nar Jo­hans­son, der Held in Le­na An­ders­sons neu­em Ro­man „Der ge­wöhn­li­che Mensch“ lebt, ob­schon als schwe­di­scher So­zi­al­de­mo­krat athe­is­tisch, die kar­ge Va­ri­an­te. Am Bei­spiel die­ses Zeit­ge­nos­sen liest die zwi­schen Mit­leid und Ab­nei­gung schwan­ken­de Le­se­rin ei­ne Chro­nik der „Stre­ben nach Selbst­gei­ße­lung“ weiterlesen