Kunstgeschichtliche Mystifizierungen“

In „Dius“ erzählt Stefan Hertmans von einer Freundschaft, die von schöpferischen und geistigen Kunsterfahrungen geprägt wird

Darf ich rein­kom­men? Ich ha­be ei­ne Über­ra­schung für Sie.

Dass ein Stu­dent an der Tür des Do­zen­ten klin­gelt, als wä­re er ein rei­cher, frei­gie­bi­ger On­kel, war der­art un­ge­wöhn­lich, dass es mich ei­nen Mo­ment lang ver­wirr­te. Di­us sah mich mit ei­nem An­flug hei­te­rer Ar­ro­ganz ab­war­tend an. Ich hät­te ihn jetzt höf­lich weg­schi­cken und streng ta­deln kön­nen, dass es höchst un­an­ge­bracht sei, auf die­se Wei­se in die Pri­vat­sphä­re ei­nes Do­zen­ten ein­zu­drin­gen, doch be­vor ich merk­te, was ich tat, hat­te ich ihn mit ei­ner Ges­te, die zum Aus­druck brin­gen soll­te, dass ich wohl kei­ne an­de­re Wahl hät­te, schon auf­ge­for­dert ein­zu­tre­ten. Da­mit war der Ton gesetzt.“

In un­wi­der­steh­li­cher Selbst­ge­wiss­heit tritt Di­us in Ste­fan Hertmans gleich­na­mi­gen Ro­man sei­nem Do­zen­ten An­ton ge­gen­über. Bei­de ken­nen sich aus der Kunst­aka­de­mie. Wäh­rend der me­lan­cho­li­sche An­ton Vor­le­sun­gen in Kunst­phi­lo­so­phie hält und an sei­ner Dis­ser­ta­ti­on ar­bei­tet, ver­steht sich der 15 Jah­re Jün­ge­re als künst­le­ri­sches Ge­nie. Sie­ges­ge­wiss und wie selbst­ver­ständ­lich trägt er An­ton sei­ne Freund­schaft an und bie­tet dem in sei­nen Au­gen hoff­nungs­los über­ar­bei­te­ten Aka­de­mi­ker sein Ate­lier an. „Ich ha­be in den Pol­dern ein Mal­ate­lier, sag­te er, es ist ein al­tes Dorf­haus, das nicht mehr be­nutzt wird. Es grenzt an ei­nen ver­wahr­los­ten Park mit ei­nem klei­nen Schloss.“ Der sonst so zau­dern­de An­ton er­liegt und emp­fin­det „ein ver­hei­ßungs­vol­les Auf­schim­mern un­ver­hoff­ter Mög­lich­kei­ten“.

Die Le­se­rin er­staunt dies nicht, denn Di­us Pra­ti, wie sich der Kunst­stu­dent Egi­di­us De Blae­ser nennt, um­gibt ei­ne gött­li­che All­machts-Au­ra. Kein Wun­der, lässt sich sein Na­me doch mit Gott der Wie­sen über­set­zen. Dass ein sol­cher sich in ei­nem wil­den Wäld­chen na­he den Über­schwem­mungs­wie­sen der bel­gi­schen Küs­te wohl­fühlt, liegt nicht fern.

An­ton be­folgt, was Di­us wünscht. „Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was mich ritt – ich konn­te mir Nou­kas be­denk­li­ches Kopf­schüt­teln be­reits blen­dend vor­stel­len; sie wür­de mich fra­gen, ob ich noch al­le Tas­sen im Schrank hät­te: Ich, der über­ar­bei­te­te Do­zent, der für nichts Zeit hat­te, und schon gar nicht für ro­man­ti­sche Aus­flü­ge mit ihr, plan­te ei­ne Land­par­tie, und das no­ta be­ne mit ei­nem Stu­den­ten, statt die wert­vol­le Zeit für et­was Sinn­vol­le­res zu nutzen?“ 

Der aka­de­mi­sche Theo­re­ti­ker fin­det im Do­mi­zil des schöp­fungs­wü­ti­gen Künst­lers in­ne­re Ru­he und In­spi­ra­ti­on. Dort, in dem bau­fäl­li­gen Häus­chen mit Heu­bo­den, des­sen Am­bi­en­te und La­ge Hertmans so sinn­lich be­schreibt, daß es vor Au­gen steht, ist es an­ders als in An­tons ak­ku­ra­tem Stu­dier­zim­mer. Un­zäh­li­ge Werk­zeu­ge fin­den sich dort, ein Schin­ken hängt von der De­cke, auf dem Tisch lie­gen „zwei exo­ti­sche Kris, ein klei­ner Schä­del, wohl von ei­ner Zie­ge, da­ne­ben der grö­ße­re ei­nes Men­schen; ein rau­er, wie ei­ne Ing­wer­knol­le ge­form­ter Gra­nit­stein, auf dem ein di­ckes Brett aus un­be­ar­bei­te­tem Holz lag – das al­les kam mir in sei­ner zu­fäl­li­gen Form und Will­kür wie ei­ne ge­hei­me Schatz­kam­mer vor.“

An­ton, der in Form und Ord­nung Äs­the­tik und Er­kennt­nis sucht, trifft auf ei­ne At­mo­sphä­re sinn­li­cher Schöp­fungs­lust. Die­se Ge­gen­sät­ze, die doch so gut zu­sam­men­pas­sen, füh­ren zur Freund­schaft zwi­schen dem Künst­ler und dem Kunst­phi­lo­so­phen. Im Mot­to sei­nes Ro­mans greift Hertmans die­ser Ent­wick­lung vor und zi­tiert Tho­mas von Aquin, „Nichts ist im Ver­stand, was nicht vor­her in den Sin­nen wä­re“.

Wer bei den Stich­wor­ten Ver­stand und Sin­ne an das Apol­li­ni­sche und das Dio­ny­si­sche Prin­zip denkt, liegt da­mit nicht falsch. Nicht nur er­wähnt Hertmans in sei­nem von Ver­wei­sen ge­ra­de­zu über­quel­len­den Ro­man Nietz­sche so­wie die an­ti­ken dio­ny­si­schen Ri­tua­le, sei­ne bei­den Prot­ago­nis­ten äh­neln auch den Göt­ter­fi­gu­ren. Mit Haa­ren „wie ein dunk­ler Strah­len­kranz“, dem Ha­bi­tus ei­nes „Kleinkriminelle(n) mit der Hal­tung ei­nes Aris­to­kra­ten­sohns“ er­scheint Di­us mit At­tri­bu­ten und Ver­hal­ten des Dio­ny­sos. Zwar ist er nicht der Sohn ei­nes Got­tes und ei­ner Kö­nigs­toch­ter, son­dern nur der ei­nes si­zi­lia­ni­schen Ge­la­tie­re und ei­ner bel­gi­schen Schuh­ver­käu­fe­rin, ist aber wie sein gött­li­ches Ur­bild Sin­nen­freu­den al­ler Art äu­ßerst zu­ge­neigt. Manch­mal al­ler­dings wird Di­us auch zum Lamm Got­tes, „Bes­ser ich als du, sag­te er, (…) Erst da sah ich das ge­ron­ne­ne Blut in sei­ner Hand­flä­che.“ Oder in con­tra­rio zum Dia­vo­lo. „Im nächt­li­chen Däm­mer er­blick­te ich in ihm die Frat­ze ei­nes al­ten Ge­mäl­des und um sein Ge­sicht mit dem däm­li­chen Grin­sen ei­nen Kranz aus schwar­zem Haar. Der Teu­fel. Ich hat­te es schon im­mer ge­ahnt: Me­phis­to, der leib­haf­ti­ge Teu­fel.

An­ton hin­ge­gen lei­det wie einst Apoll an der Lie­be. Nicht al­lei­ne sei­ne Un­ent­schlos­sen­heit ver­hin­dert de­ren Er­fül­lung. Wie bei Apoll und Daph­ne sind es die Pfei­le Amors, die in An­ton nicht en­den wol­len­de Lie­be er­zeu­gen, sei­ne An­ge­be­te­te je­doch in die Flucht schlagen.

Ei­ner der Schwer­punk­te des Ro­mans liegt auf den tie­f­emo­tio­na­len Be­zie­hun­gen Freund­schaft und Lie­be. Hertmans lässt kei­ne ih­rer viel­fäl­ti­gen Fa­cet­ten aus. Sein Er­zäh­ler An­ton be­ob­ach­tet und fühlt An­zie­hung und Ab­sto­ßung, Sehn­sucht und Streit, Ero­tik und Ei­fer­sucht. Und macht sich sei­ne Ge­dan­ken. „Da­bei emp­fand ich den Ver­rat der Freund­schaft viel in­ten­si­ver und schmerz­vol­ler als den der Lie­be; schließ­lich wis­sen wir, dass uns die Lie­be blind macht, dass wir vom Eros ge­trie­ben sind und dass das, was wir er­stre­ben, letzt­end­lich nur auf Il­lu­si­on und Selbst­täu­schung be­ruht. Die Freund­schaft aber, vor al­lem je­ne, die auf dem ge­mein­sa­men Emp­fin­den von Schön­heit und Frei­heit grün­det, hal­ten wir für rein, un­ge­trübt von Lei­den­schaft und Begehren.“

Hier kommt die an­de­re Spe­zia­li­tät des Buchs und sei­nes Au­tors in Spiel, die Kunst in al­len ih­ren For­men. An­ton, der Kunst­ken­ner und Phi­lo­soph, kann ein­fach nichts be­trach­ten, sei es ei­ne Land­schaft, ei­ne Per­son, ei­ne Si­tua­ti­on oder ein Ge­fühl, oh­ne ein pas­sen­des Kunst­werk zu as­so­zi­ie­ren. „Ganz lang­sam ver­wan­del­te sich der Him­mel in das pracht­vol­le Fir­ma­ment ei­nes nie­der­län­di­schen Ge­mäl­des aus dem 17. Jahr­hun­dert. Ich kann nur noch in Ge­mäl­den den­ken, dach­te ich mir. Ähn­lich wie der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Stendhal nur die­je­ni­gen Land­schaf­ten als sol­che wahr­nahm, die er vor­her auf Kup­fer­sti­chen ge­se­hen hat­te.“ Die Frau sei­nes Le­bens be­zeich­net dies als „kunst­ge­schicht­li­che Mys­ti­fi­zie­run­gen“.

Wir be­glei­ten An­ton auf sei­nen Ge­dan­ken­flü­gen und be­geg­nen Wer­ken der Bil­den­den Kunst, der Mu­sik und der Li­te­ra­tur. Ih­re kur­siv ge­setz­ten Ti­tel ma­chen den Ro­man mit di­gi­ta­ler Hil­fe zu ei­nem im­mersi­ven Kunst­er­leb­nis. Hertmans, der als Kunst­do­zent lehr­te, ge­lin­gen nicht nur an­schau­li­che Dar­stel­lun­gen der ein­zel­nen Kunst­wer­ke, sei­en es der Rit­ter des Re­nais­sance-Ma­lers Vit­to­re Car­pac­cio oder ein mo­der­nes Ge­mäl­de von As­ger Jorn, er in­te­griert sie in die Hand­lung sei­nes Ro­mans. „Ich be­trach­te­te die gan­ze Kunst­ge­schich­te als ei­nen ein­zi­gen in­ter­ak­ti­ven Raum, in dem al­les auf al­les ein­wirkt. (…) In mei­nen Au­gen bil­de­te al­les ein gro­ßes Gan­zes, und je län­ger ich dar­über nach­dach­te, des­to un­zu­läng­li­cher fand ich das his­to­ri­sche Den­ken in Strö­mun­gen, Rich­tun­gen, in Ma­ni­fes­ten und al­ler­lei Ka­te­go­rien – die­se führ­ten mei­ner Mei­nung nach nur zu Vor­ur­tei­len, die die Men­schen dar­an hin­der­ten, auf­merk­sam und ganz kon­kret zu be­trach­ten.“, legt er sei­nem Kunst­phi­lo­so­phen in den Mund.

Wäh­rend An­ton über Kunst sin­niert, zeigt Di­us, wie er sie macht. Un­ter sei­nen Hän­den ent­ste­hen die un­ter­schied­lichs­ten Ar­te­fak­te. Sein be­son­de­res Au­gen­merk gilt der per­fek­ten Il­lu­si­on des In­kar­nats, des von der Haut um­ge­be­nen Fleischs. Er kre­iert Mö­bel­stü­cke in aus­ge­fal­le­nem De­sign und fer­tigt sie, was ihm ei­nes Ta­ges zum Ver­häng­nis wer­den wird. Ein be­son­de­res Stück, der Schreib­tisch mit Vo­gel­au­gen-Ahorn-Fur­nier, wird sei­ne Freund­schafts­ga­be für An­ton. In der Plat­te hat Di­us ei­ne un­sicht­ba­re Bot­schaft für den Freund versteckt.

Es gibt noch wei­te­re Rät­sel und Fra­gen in die­sem Ro­man. Man­che er­schlie­ßen sich oder wer­den vom Au­tor im Nach­wort ge­löst. An­de­re blei­ben An­ge­bo­te zum Nach­den­ken. „Was ich tue, be­stim­me nicht ich, es sieht nur so aus, als ob ich selbst ent­schei­de und hand­le.“ Oder „Wo und wann wohl der An­fang der Küns­te ge­we­sen sein mag?“

Dass der Au­tor sei­ne Le­ser nicht aus den Au­gen ver­liert, zeigt er in der di­rek­ten An­spra­che. Nicht nur die­se spo­ra­di­schen Äu­ße­run­gen be­wei­sen Hu­mor. Wir be­geg­nen ihm auch in der Cha­rak­te­ri­sie­rung ei­nes igno­ran­ten Prü­fers, der sich schließ­lich aufs Pein­lichs­te selbst ent­larvt, in der Schil­de­rung ei­ner ver­lust­rei­chen, aber äu­ßerst krea­ti­ven Haus­halts­tei­lung nach dem En­de ei­ner Be­zie­hung so­wie in den Sei­ten­hie­ben auf zeit­ge­nös­si­sche For­men der Kunst.

Ste­fan Hertmans legt sein Ro­man-Kunst­werk als Rück­blick sei­nes Er­zäh­lers An­ton an, der als Kunst­wis­sen­schaft­ler und Freund über das Le­ben und Werk ei­nes Kunst­ge­nies schreibt und so­mit zum Va­sa­ri für Di­us Pra­ti wird.

In sol­chen Mo­men­ten weiß ich, war­um Di­us in mein Le­ben tre­ten muss­te: weil wir bei­de den Durst nach längst ver­gan­ge­nen Zei­ten tei­len, die uns durch die frü­hen Er­in­ne­run­gen ir­gend­wie in die Kör­per ein­ge­schrie­ben sind und uns un­be­haust wer­den las­sen im Lärm un­se­rer Gegenwart.“

Ste­fan Hertmans, Di­us, Dio­ge­nes Ver­lag 2025

Eros und Thanatos

Über den Wald als Ort des Werdens und Vergehens schreibt Anaïs Barbeau-Lavalette in „Sie und der Wald“

Ich las­se mich vom Wald auf­sau­gen. Spü­re, dass ich zu die­sem Bo­den da­zu­ge­hö­ren kann. Zu der Flä­che zwi­schen zwei Bä­chen, der Bie­gung hin­ter dem Fel­sen, der aus­sieht wie ein Ge­sicht, zu dem Erd­pfad, der sich zum Gip­fel schlän­gelt. Ich wer­de für al­les durch­läs­sig, das sich be­wegt, das bebt. Aber nicht mein Kopf in­ter­es­siert sich da­für, son­dern mein Blut. Der feuch­te, süß­li­che Duft der Bal­sam­tan­ne, der er­di­ge, in­ten­si­ve Ge­ruch der Ei­chen. Der per­fekt phra­sier­te Tanz des Perl­farns, der sei­nem Na­men – Ono­clea sen­si­bi­lis – al­le Eh­re macht, wenn er mit sei­nen fi­li­gra­nen Zwei­gen in ei­ner Wel­le von oben nach un­ten so ele­gant mit der Reg­lo­sig­keit bricht. Al­les ist gleich­zei­tig hauch­zart und üp­pig. Ich las­se mich ver­schlu­cken. Kei­ne Haut mehr zwi­schen mir und den Bäu­men. Ich set­ze mich auf ei­nen to­ten Baum, den das Un­wet­ter aus der Er­de ge­ris­sen hat. Die Ber­ge sind zer­furcht von die­sen ge­wal­ti­gen Nar­ben, wie lau­ter mo­nu­men­ta­le Knie­fäl­le vor dem lei­sen Wü­ten der jüngs­ten Zeit. Ein Wald oh­ne ge­ra­de We­ge ist ein glück­li­cher Wald. Er ge­deiht präch­tig, wenn man im Zick­zack zwi­schen den Bäu­men und to­ten Stümp­fen lau­fen muss, in de­nen neu­es Le­ben ge­deiht. Sa­la­man­dern und un­zäh­li­gen In­sek­ten bie­ten sie Un­ter­schlupf und Nah­rung. Ein to­ter Baum trägt ge­nau­so zum Lauf des Le­bens bei wie ein lebendiger.“

Wer mein Blog ver­folgt, weiß, daß ich sehr ger­ne Bü­cher über Men­schen le­se, die sich der Na­tur aus­set­zen. Sie dient dem Rück­zug, wie bei Ho­ward Axel­rod und Do­ris Knecht oder ei­nem Ex­pe­ri­ment, wie es Jür­gen Kö­nig auf ei­ner Hoch­alm un­ter­nahm. Manch­mal liegt in ihr der ein­zi­ge Ort zum Über­le­ben, wie in Er­win Uhr­manns span­nen­der Dys­to­pie „Ich bin die Zu­kunft“.

Ei­ne sol­che ret­ten­de Zu­flucht bie­tet die Na­tur der in Mon­tré­al ge­bo­re­nen Film­re­gis­seu­rin, Dreh­buch­au­to­rin und Schrift­stel­le­rin Anaïs Bar­beau-La­va­let­te. Zu Be­ginn der Co­ro­na-Epi­de­mie zieht sie in die ka­na­di­schen Wäl­der. Dort steht das Blaue Haus, wo sie ge­mein­sam mit ih­rem Mann, ei­nem Freun­des­paar und fünf Kin­dern die Zeit der Iso­la­ti­on über­ste­hen will. Nicht weit ent­fernt, aber doch weit ge­nug in Zei­ten des Ab­stands, ist Bar­beau-La­va­let­te im Ro­ten Haus auf­ge­wach­sen, wo ih­re El­tern nach wie vor le­ben. „Sie und der Wald“ er­zählt folg­lich von ei­ner au­then­ti­schen Be­ge­ben­heit. Wer je­doch denkt, es han­de­le sich um ei­nen Be­richt über die Her­aus­for­de­run­gen, die Zi­vi­li­sa­ti­ons­fer­ne „Eros und Tha­na­tos“ wei­ter­le­sen

Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re „Lie­be und Schmerz“ wei­ter­le­sen

Saftige Lesefrucht

Stephen Fry legt mit „Helden“ den zweiten Band seiner Trilogie antiker Mythen vor

Die Göt­ter in den grie­chi­schen My­then ste­hen für mensch­li­che Mo­ti­ve und An­trie­be, die uns im­mer noch rät­sel­haft vorkommen.“

Als Kind bin ich mit Gus­tav Schwab in die Welt der an­ti­ken My­then ein­ge­taucht. Sie ha­ben mich seit­dem nicht mehr los­ge­las­sen, wie sich un­schwer am Ti­tel mei­nes Blogs er­ken­nen lässt. Ata­lan­te, die ar­ka­di­sche Jä­ge­rin, fehlt auch nicht bei Fry, doch da­zu spä­ter mehr.

Die li­te­ra­ri­schen, aber auch die bild­li­chen Dar­stel­lun­gen an­ti­ker My­then, bie­ten im­mer wie­der An­lass, sich mit ih­nen zu be­schäf­ti­gen. Sei­en es die Spiel­sze­ne zwi­schen Ajax und Achill auf der schwarz­fi­gu­ri­gen Exe­ki­as-Am­pho­re, der Sar­ko­phag aus Per­ge mit den Ta­ten des He­ra­kles oder auch Ti­zi­ans be­rühm­tes Ge­mäl­de „Bac­chus und Ari­ad­ne“. Wer die Ge­schich­ten kennt, die ei­ne Viel­zahl von Bild­wer­ken er­zäh­len, ist „Saf­ti­ge Le­se­frucht“ wei­ter­le­sen

Trauerschwestern und Flügelwesen

Kerstin Hensel gelingt mit ihrer Novelle „Regenbeins Farben“ ein kunstvolles Trauerbuch

Im Halb­durch­sich­ti­gen drei Ne­re­iden, aus ih­ren Höh­len am Grun­de des Mee­res ge­stie­gen, hoch zu ih­rem Gott, der auf ei­nem Fa­bel­we­sen über Wel­len rei­tet, vor­ne Pferd, hin­ten Fisch. Nym­phen um­krei­sen ihn, und er er­fleht ih­re Ge­sell­schaft, spielt den Schiff­brü­chi­gen, den sie be­schüt­zen, be­sin­gen, be­glei­ten soll­ten. Doch die Nym­phen trei­ben an­de­re Spie­le. Im Was­ser schwes­ter­lich schwe­bend, sind die See­frau­en, die nur sich selbst un­ter­hal­ten, in ke­cken Spie­len plau­dernd, mit Del­fi­nen sin­gend. Wäh­rend der Gott um Ret­tung sei­ner Mäch­tig­keit fleht, zwingt er sein Reit­tier zu ei­ner schaum­schla­gen­den Le­va­de. Po­sei­don, der Po­ser! Der Hip­po­kamp trägt in durch die bro­deln­de Brü­he der Geschichte (…)“

Die­se laut- und wort­schö­nen Sät­ze ver­ra­ten Kers­tin Hen­sel als Ly­ri­ke­rin, die ih­re poe­ti­sche Spra­che auch in der No­vel­le „Re­gen­beins Far­ben“ ver­wen­det. Dar­in ver­eint sie vier Per­so­nen zu ei­ner be­son­de­ren Ge­mein­schaft. Fast ein vol­les Jahr währt die­se, le­dig­lich drei Mi­nu­ten feh­len, wie die punkt­ge­nau­en Da­tie­run­gen im ers­ten und letz­ten Ka­pi­tel zeigen.

Auch wenn der Tod als Mo­tiv die­se No­vel­le durch­zieht und ein Teil der Hand­lung kam­mer­spiel­ar­tig auf ei­nem Fried­hof statt­fin­det, han­delt es sich kei­nes­wegs um ein trau­ri­ges Buch. Als Trau­er­buch hin­ge­gen lie­ße es sich sehr wohl be­zeich­nen, denn es er­zählt, wie man Trau­er be­wäl­tigt und sich von der Ver­gan­gen­heit be­freit. Die Kunst ist da­bei das Mit­tel der Wahl. Dies zei­gen schon die ers­ten Ka­pi­tel, in de­nen uns die Fried­hofs­ge­mein­schaft vor­ge­stellt wird.

Die Ma­le­rin Kar­line Re­gen­bein ist die Jüngs­te, an Al­ter wie an der Dau­er ih­rer Trau­er ge­mes­sen. Es fol­gen Edu­ard Wet­ten­gel, der Ga­le­rist, Lo­re Mül­ler-Ki­li­an, die ihr Mä­ze­na­ten­tum dem ver­stor­be­nen Gat­ten ver­dankt und schließ­lich die Äl­tes­te, Zi­va Schlott, die Kunst­pro­fes­so­rin mit „Kipp­chen“. Al­le vier „Trau­er­schwes­tern und Flü­gel­we­sen“ wei­ter­le­sen

Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum bewegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­dels­ohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­dels­ohns „Odys­see“ sehr gut gefallen.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­dels­ohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­dels­ohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten „Von Vä­tern und Söh­nen“ wei­ter­le­sen

Von Pans Arkadien zu Pans Labyrinth

Wie die Manipulation eines Einzelnen zur manipulierten Gesellschaft führt zeigt Benjamin Stein in „Replay

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te. Aber wor­auf, fra­ge ich Man­t­a­na, willst du ei­gent­lich hin­aus? Auf nichts, ant­wor­tet er prompt. Aber das ist na­tür­lich ge­lo­gen. Ich ha­be noch nie er­lebt, dass er so weit aus­ge­holt hät­te, oh­ne mir et­was Be­stimm­tes mit­tei­len zu wollen.“

Gleich zu Be­ginn be­geg­nen wir ihm schon, Pan, dem Wald­gott der grie­chi­schen My­tho­lo­gie, der in sei­ner Gier Zie­gen, Nym­phen und Kna­ben be­springt, al­so al­les, was nicht bei drei auf den Bäu­men ist. Ed Ro­sen, der Prot­ago­nist von Ben­ja­min Steins Uto­pie er­blickt ihn zum ers­ten Mal in ei­ner Kunst­aus­stel­lung. Viel­mehr er­in­nert er sich, wie er die Ab­bil­dung des trieb­haf­ten Na­tur­got­tes auf den Bil­dern des Künst­lers Hay­man be­wun­der­te. Ro­sen be­wegt sich wäh­rend des gan­zen Ge­sche­hens in sei­nen Er­in­ne­rungs­bil­dern und stat­tet dar­über Be­richt ab. Er­staunt über die Leich­tig­keit mit der sich selbst ein in­tel­li­gen­ter Mensch ma­ni­pu­lie­ren lässt, ver­fol­gen wir sei­ne Ver­wand­lung. Aus dem äu­ßer­lich ver­nach­läs­sig­ten, aber den­noch ge­nia­len Wis­sen­schaft­ler wird nach ei­nem Vor­her-Nach­her-Pro­gramm, das wahl­wei­se dem Mär­chen oder ei­ner Frau­en­zeit­schrift ent­stam­men könn­te, ein fit­ness­ge­stähl­ter Kör­per- oder bes­ser Fuß­fi­xier­ter. Auch sein Hirn, wel­ches sei­nem neu­en Chef und Ma­ni­pu­la­tor Man­t­a­na zu­nächst zur Ent­wick­lung der all­macht­ver­hei­ßen­den Tech­no­lo­gie Uni­Com ver­hilft, ver­än­dert sich all­mäh­lich. Als Trä­ger des Uni­Com, ei­nes Im­plan­tats, das so­wohl ei­ge­ne Er­in­ne­run­gen als auch die an­de­rer Trä­ger spei­chern und ver­net­zen kann, scheint Ro­sen all­mäh­lich die Kon­trol­le über sich und über die Un­ter­schei­dung zwi­schen rea­ler und vir­tu­el­ler Welt zu verlieren.

Ben­ja­min Stein schil­dert die Me­ta­mor­pho­sen sei­nes Hel­den auf sehr span­nen­de Wei­se. Be­son­ders die ers­ten bei­den Drit­tel der Ge­schich­te ha­ben mir gut ge­fal­len. Sie re­gen an sich mit ver­schie­de­nen For­men der Ma­ni­pu­la­ti­on aus­ein­an­der zu set­zen, die ge­ra­de auch in den neu­en Tech­no­lo­gien ver­bor­gen lie­gen. Al­ler­dings geht es nicht sehr in die Tie­fe. Über psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Wahr­neh­mungs­theo­rien hät­te ich ger­ne mehr er­fah­ren. Die um­ständ­li­chen tech­no­lo­gi­schen Er­klä­run­gen hin­ge­gen ha­ben mich et­was er­mü­det. Nerds und Ge­eks wer­den sie er­freu­en und die­se Spe­zi­es wird sich wohl auch wie wei­land bei Ro­bert A. Wil­sons und Ro­bert She­as Il­lu­mi­na­tus-Tri­lo­gie an den ero­ti­schen Sze­nen delektieren.

Al­te und neue My­then, Li­te­ra­tur- und Film­zi­ta­te so­wie zahl­rei­che phi­lo­so­phi­sche Ver­wei­se über­schwem­men die­sen schma­len Ro­man. Viel­leicht regt er zur wei­te­ren Lek­tü­re an, mei­net­we­gen auch in vir­tu­el­len Büchern.

Dem un­ter­halt­sa­men Ro­man fehlt es nicht an Iro­nie, wie die zahl­rei­chen Sei­ten­hie­be auf Life­sty­ler, Lat­te-Mac­chia­to-Kon­su­men­ten und Dis­li­ke-But­ton-Be­tä­ti­ger zeigen.

Nur ob das pul­sie­ren­de blaue Licht an den Schlä­fen der Uni­Com-Trä­ger ei­ne Hom­mage oder ei­ne Ve­r­appleung sein soll, bleibt un­klar. Mich er­in­nert es je­den­falls an mein klei­nes schla­fen­des MacBook.

Ben­ja­min Stein, Re­play, Beck Ver­lag, 1. Aufl. 2012