Schillernde Persönlichkeiten im Paris der Jahrhundertwende

Julian Barnes betreibt in „Der Mann im roten Rock“ einen Streifzug durch die Belle Époque

Ma­chen wir al­so wei­ter mit dem Greif­ba­ren, dem Spe­zi­fi­schen, dem All­täg­li­chen: dem ro­ten Rock. Denn so bin ich dem Bild und dem Mann zum ers­ten Mal be­geg­net: 2015 in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don als Leih­ga­be aus Ame­ri­ka. (…) Das Mo­dell – der Bür­ger­li­che mit dem ita­lie­ni­schen Na­men – ist 35, sieht gut aus, trägt ei­nen Bart und schaut selbst­be­wusst über un­se­re rech­te Schulter.“

Ju­li­an Bar­nes neu­es Werk, Der Mann im ro­ten Rock, weck­te mein In­ter­es­se durch sei­ne ti­tel­ge­ben­de Fi­gur. Die­se sei, so las ich, ei­ne von Prousts In­spi­ra­ti­ons­quel­len für die Fi­gur des Dok­tor Cot­tard ge­we­sen. Wie die­ser war auch Dr. Sa­mu­el Poz­zi, den der ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler John Sin­ger-Sar­gent im auf­fäl­li­gen ro­ten Haus­ge­wand ver­ewig­te, ein be­rühm­ter Me­di­zi­ner. Sein Fach­ge­biet war al­ler­dings an­ders als das des Proust‘schen Arz­tes die Gy­nä­ko­lo­gie. Bei­de wa­ren Frau­en­hel­den, Cot­tards Er­obe­run­gen sind al­ler­dings we­ni­ger sei­nem Äu­ße­ren zu­zu­schrei­ben. Es gibt al­so wohl so vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen der his­to­ri­schen Per­son Poz­zi und der fik­ti­ven Fi­gur Cot­tard wie es Ge­mein­sam­kei­ten gibt. Das gilt für die meis­ten Per­so­nen, die Proust por­trä­tier­te. Ei­ne Aus­nah­me bil­det viel­leicht Mme Cot­tard, der Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet als Vor­bild Poz­zis Ehe­frau Thé­rè­se  zu­schreibt, „die ganz in ih­ren Pflich­ten als Ge­mah­lin auf­geht und die von ih­rem Gat­ten eben­so be­tro­gen wird“.

Die­se hier in we­ni­gen Zei­len auf­ge­zähl­ten Ei­gen­schaf­ten bil­den die Fa­ma Poz­zis. Er galt als fort­schritt­li­cher Arzt, der sich nicht nur be­ruf­lich den Frau­en wid­me­te, als ex­tra­va­gan­ter Sti­list, was sich in sei­ner Klei­dung eben­so wie in sei­nem Kunst­ge­schmack nie­der­schlägt. Ein Mann, „bei­na­he ein Dan­dy“, so be­rühmt, daß er bei Proust zu fin­den ist.

Bar­nes be­nennt die Be­zü­ge und die Be­zie­hun­gen. Proust selbst tritt in „Der Mann im ro­ten Rock“ auf. Ne­ben Flau­bert, auch er wird im Buch er­wähnt, ist er der Schrift­stel­ler, der den Schrift­stel­ler Bar­nes prägt. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die Bel­le Épo­que. Die Zeit um die Wen­de des vor­letz­ten zum letz­ten Jahr­hun­dert ist die ei­gent­li­che Haupt­dar­stel­le­rin des Bu­ches, das als kul­tur­his­to­ri­sches Es­say be­zeich­net wer­den könnte.

Bar­nes hängt sein Who’s who nicht nur an der Per­son Poz­zi auf. Ei­ne Sze­ne aus dem Jahr 1885 dient ihm als Dreh- und An­gel­punkt. Es ist Ju­ni als drei an­ge­se­he­ne Män­ner der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft in die eng­li­sche Haupt­stadt rei­sen. Ed­mond de Po­lignac, Ro­bert de Mon­tes­quiou-Fe­zen­sac, Sa­mu­el Jean Poz­zi, “ei­ner war ein Prinz, ei­ner ein Graf und der Drit­te war ein ein­fa­cher Bür­ger mit ita­lie­ni­schem Fa­mi­li­en­na­men“. Von Os­car Wil­de ver­mit­telt tref­fen sie Hen­ry Ja­mes, kau­fen schö­ne Din­ge und ver­gnü­gen sich im Crys­tal Pa­lace. Das Sze­na­rio dient Bar­nes als Ein­stieg und er kehrt stets da­hin zu­rück. Dies voll­führt er in Vol­ten, die es ihm er­lau­ben, zu wei­te­ren Per­so­nen und Er­eig­nis­sen zu schwei­fen. Bis­wei­len auch zu an­de­ren Or­ten als Pa­ris, dem Zen­trum des Ge­sche­hens, und dem Ne­ben­schau­platz Lon­don. Man reist in die La­gu­ne von Ve­ne­dig, be­sucht die Fest­spie­le von Bay­reuth, ei­nen Me­di­zin­kon­gress in Edin­burgh oder tourt durch Ame­ri­ka. Und nicht nur man, son­dern wie das letz­te Bei­spiel zeigt auch frau.

Sa­rah Bern­hardt, die be­rühm­tes­te Schau­spie­le­rin der Epo­che, die Ber­ma Prousts, kon­sul­tiert Poz­zi aus Über­see als sie auf ei­ner Tour­nee er­krankt. In jun­gen Jah­ren war sie eng mit dem eben­falls noch sehr jun­gen Poz­zi be­freun­det. Wie eng, da will Bar­nes sich nicht fest­le­gen. Er zieht es vor, die Ge­rüch­te als Ge­rücht zu ver­brei­ten. Je­den­falls nann­te die Bern­hardt Poz­zi „Doc­teur Dieu“ und blieb ihm als Freun­din und als Pa­ti­en­tin verbunden.

Von der Schau­spie­le­rin ver­öf­fent­licht Bar­nes das be­rühm­te Fo­to, das Paul Na­dar von ihr ge­fer­tigt hat. Von den zahl­rei­chen an­de­ren Ge­sell­schafts­grö­ßen, die Bar­nes er­wähnt, fin­den sich klei­ne Fo­tos, die die Fir­ma Po­tin als Sam­mel­bil­chen ih­ren Scho­ko­la­den hin­zu­füg­te. Kul­tur­schaf­fen­de statt Fuß­bal­ler, welch‘ glück­li­che Epo­che! Un­ter den Sam­melns­wer­ten fin­den sich die Brü­der Gon­court, Paul Ver­lai­ne, Co­let­te, An­dré Gi­de, Edith Wharton.

Fol­gen wir der Vi­ta Poz­zis, die Bar­nes in Aus­schnit­ten und aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln prä­sen­tiert. Poz­zi bringt die Me­di­zin vor­an mit Hy­gie­ne und neu­en Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken, er ver­fasst Ge­dich­te und über­setzt Dar­win. Bar­nes blickt auf Poz­zis bra­ve Ehe­frau Thé­rè­se und lässt die ei­gen­wil­li­ge Toch­ter Ca­the­ri­ne auf ih­ren Va­ter bli­cken. Die Kon­struk­tio­nen ma­chen ihm Quel­len wie Brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Zei­tungs­ar­ti­kel, aber auch Ro­ma­ne möglich.

Durch den Ein­blick in in­di­vi­du­el­le Ge­schich­ten ge­lingt Bar­nes die Il­lus­trie­rung ei­ner Epo­che. Ent­wick­lun­gen der Wis­sen­schaft und der Kunst, der li­te­ra­ri­schen, mu­si­ka­li­schen so­wie der Bild­kunst be­geg­nen der Le­se­rin die­ses Buchs. Nicht un­er­wähnt sol­len auch die Aus­füh­run­gen zu ei­nem spe­zi­el­len So­zi­al­ver­hal­ten blei­ben. Das Du­ell, die Sa­tis­fak­ti­ons­quel­le der Ge­kränk­ten, in Eng­land ver­pönt, in Pa­ris noch en vogue, be­leuch­tet Bar­nes aus­führ­lich und nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken für die Fort­set­zung sei­ner Geschichte.

Wie über­haupt nichts oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken in die­ses Buch ge­langt sein wird, das in ge­schick­ten Ver­knüp­fun­gen auf kurz­wei­li­ge Wei­se von der Bes­se­ren Ge­sell­schaft er­zählt und ih­re Stars, ih­re Schön­hei­ten, ih­re Künst­ler und Dan­dys in schö­nen wie schau­er­li­chen Sto­ries und His­tör­chen le­ben­dig wer­den lässt.

Bar­nes zeich­net in „Der Mann im ro­ten Rock“ ein viel­ge­stal­ti­ges Epo­chen­bild, aus dem man man­ches lernt. Sei es Ku­rio­ses über die Nahr­haf­tig­keit des Pep­ton­k­lis­tiers oder Klu­ges über die Lie­be. „Aber es kommt oft vor, dass man „denkt man liebt je­man­den“, be­vor man wirk­lich liebt.“

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock, übers. v. Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch 2021

Saftige Lesefrucht

Stephen Fry legt mit „Helden“ den zweiten Band seiner Trilogie antiker Mythen vor

Die Göt­ter in den grie­chi­schen My­then ste­hen für mensch­li­che Mo­ti­ve und An­trie­be, die uns im­mer noch rät­sel­haft vorkommen.“

Als Kind bin ich mit Gus­tav Schwab in die Welt der an­ti­ken My­then ein­ge­taucht. Sie ha­ben mich seit­dem nicht mehr los­ge­las­sen, wie sich un­schwer am Ti­tel mei­nes Blogs er­ken­nen lässt. Ata­lan­te, die ar­ka­di­sche Jä­ge­rin, fehlt auch nicht bei Fry, doch da­zu spä­ter mehr.

Die li­te­ra­ri­schen, aber auch die bild­li­chen Dar­stel­lun­gen an­ti­ker My­then, bie­ten im­mer wie­der An­lass, sich mit ih­nen zu be­schäf­ti­gen. Sei­en es die Spiel­sze­ne zwi­schen Ajax und Achill auf der schwarz­fi­gu­ri­gen Exe­ki­as-Am­pho­re, der Sar­ko­phag aus Per­ge mit den Ta­ten des He­ra­kles oder auch Ti­zi­ans be­rühm­tes Ge­mäl­de „Bac­chus und Ari­ad­ne“. Wer die Ge­schich­ten kennt, die ei­ne Viel­zahl von Bild­wer­ken er­zäh­len, ist „Saf­ti­ge Le­se­frucht“ wei­ter­le­sen

Trauerschwestern und Flügelwesen

Kerstin Hensel gelingt mit ihrer Novelle „Regenbeins Farben“ ein kunstvolles Trauerbuch

Im Halb­durch­sich­ti­gen drei Nerei­den, aus ih­ren Höh­len am Grun­de des Mee­res ge­stie­gen, hoch zu ih­rem Gott, der auf ei­nem Fa­bel­we­sen über Wel­len rei­tet, vor­ne Pferd, hin­ten Fisch. Nym­phen um­krei­sen ihn, und er er­fleht ih­re Ge­sell­schaft, spielt den Schiff­brü­chi­gen, den sie be­schüt­zen, be­sin­gen, be­glei­ten soll­ten. Doch die Nym­phen trei­ben an­de­re Spie­le. Im Was­ser schwes­ter­lich schwe­bend, sind die See­frau­en, die nur sich selbst un­ter­hal­ten, in ke­cken Spie­len plau­dernd, mit Del­fi­nen sin­gend. Wäh­rend der Gott um Ret­tung sei­ner Mäch­tig­keit fleht, zwingt er sein Reit­tier zu ei­ner schaum­schla­gen­den Le­va­de. Po­sei­don, der Po­ser! Der Hip­po­kamp trägt in durch die bro­deln­de Brü­he der Geschichte (…)“

Die­se laut- und wort­schö­nen Sät­ze ver­ra­ten Kers­tin Hen­sel als Ly­ri­ke­rin, die ih­re poe­ti­sche Spra­che auch in der No­vel­le „Re­gen­beins Far­ben“ ver­wen­det. Dar­in ver­eint sie vier Per­so­nen zu ei­ner be­son­de­ren Ge­mein­schaft. Fast ein vol­les Jahr währt die­se, le­dig­lich drei Mi­nu­ten feh­len, wie die punkt­ge­nau­en Da­tie­run­gen im ers­ten und letz­ten Ka­pi­tel zeigen.

Auch wenn der Tod als Mo­tiv die­se No­vel­le durch­zieht und ein Teil der Hand­lung kam­mer­spiel­ar­tig auf ei­nem Fried­hof statt­fin­det, han­delt es sich kei­nes­wegs um ein trau­ri­ges Buch. Als Trau­er­buch hin­ge­gen lie­ße es sich sehr wohl be­zeich­nen, denn es er­zählt, wie man Trau­er be­wäl­tigt und sich von der Ver­gan­gen­heit be­freit. Die Kunst ist da­bei das Mit­tel der Wahl. Dies zei­gen schon die ers­ten Ka­pi­tel, in de­nen uns die Fried­hofs­ge­mein­schaft vor­ge­stellt wird.

Die Ma­le­rin Kar­line Re­gen­bein ist die Jüngs­te, an Al­ter wie an der Dau­er ih­rer Trau­er ge­mes­sen. Es fol­gen Edu­ard Wet­ten­gel, der Ga­le­rist, Lo­re Mül­ler-Ki­li­an, die ihr Mä­ze­na­ten­tum dem ver­stor­be­nen Gat­ten ver­dankt und schließ­lich die Äl­tes­te, Zi­va Schlott, die Kunst­pro­fes­so­rin mit „Kipp­chen“. Al­le vier „Trau­er­schwes­tern und Flü­gel­we­sen“ wei­ter­le­sen

Belle donne e Madonne

Kia Vahland stellt in ihrer Biographie „Leonardo da Vinci und die Frauen“ das innovative Frauenbild des Künstlers in den Vordergrund

Als Zeich­ner und Ma­ler aber ist er vol­ler Em­pa­thie, ein Künst­ler, der dem See­li­schen bis in feins­te Ver­äs­te­lun­gen nach­spürt. Sei­ne Ein­füh­lung kreist da­bei um zwei­er­lei: um die Na­tur und um die Frau­en. Aus heu­ti­ger Sicht mag die­se Ver­bin­dung nicht zwangs­läu­fi­ger er­schei­nen als die von Mensch und Na­tur all­ge­mein. Doch in Leo­nar­dos Au­gen ist na­tu­ra ei­ne weib­li­che Kraft und die Frau­en ver­fü­gen über ei­ne wun­der­sa­me Po­tenz, die ihn zeit­le­bens in­ter­es­siert. Es ist die Ga­be, Le­ben zu schenken.“

Kia Vah­land ist mir durch ih­re Ar­ti­kel zu Kunst- und Kul­tur­the­men in der SZ schon seit län­ge­rem be­kannt. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin un­ter­rich­tet zu­dem an der Uni­ver­si­tät Mün­chen. Pro­mo­viert wur­de sie mit ei­ner Ar­beit über Se­bas­tia­no del Piom­bo. Auch dort steht das Frau­en­bild des Künst­lers im Vordergrund.

Es liegt al­so nicht fern, daß Vah­land ih­re Bio­gra­phie Leo­nar­do da Vin­ci und die Frau­en über den Künst­ler, des­sen 500. To­des­tag sich jährt, eben­falls un­ter die­sen Aspekt stellt. Die Be­deu­tung des Weib­li­chen in Leo­nar­dos Welt­bild bil­det das Zen­trum von Vah­l­ands Ar­gu­men­ta­ti­on. Sie zeigt Leo­nar­do als ex­ak­ten Er­for­scher von In­ter­ak­ti­on im Klei­nen wie im Gro­ßen. Sei­ne Em­pa­thie für das weib­li­che Ge­schlecht drückt er mit ma­le­ri­schen Mit­teln aus und weist den „Bel­le don­ne e Ma­don­ne“ wei­ter­le­sen

Das Haus am Hagebuttenberg

Barbara Zemans Debüt „Immerjahn“ ist eine Wunderkammer voll skurriler Geschichten

Es kam ihm noch im­mer un­wirk­lich vor, dass sei­ne Samm­lung, die so lang nur ihm ge­hört hat­te, jetzt auch für an­de­re sicht­bar sein soll­te. In un­ge­fähr zwei Wo­chen wür­de er hier an frem­den Per­so­nen vor­über­ge­hen. Sie wür­den hier ste­hen, ganz ge­nau wie er ge­ra­de auch, nur hof­fent­lich ein biss­chen ge­spann­ter, denn er, das dach­te er sich, wann im­mer er in der letz­ten Zeit durch die­se Sä­le ging, hat­te sich satt­ge­se­hen. Manch­mal er­schrak er über den Ver­dacht, dass er Kunst viel­leicht gar nicht mehr liebte, (…)“

Mit „Im­mer­jahn“ legt Bar­ba­ra Ze­man pünkt­lich zum Bau­haus-Ju­bi­lä­um ei­nen Ro­man vor, in des­sen Mit­tel­punkt ein Werk des Ar­chi­tek­ten Mies van der Ro­he steht. Er­rich­tet wur­de der Bau auf dem Ha­ge­but­ten­berg, ei­ner Er­he­bung, de­ren stei­ni­ger Bo­den einst nur Dorn­ge­strüpp zu­ließ. Jetzt wächst noch nicht ein­mal Un­kraut dort, wo sich in­mit­ten von Stein­wie­sen und Kies­we­gen die schlich­te Stren­ge der Vil­la im Was­ser ei­nes groß­zü­gi­gen Bas­sins spiegelt.

Die­ser Be­ton ge­wor­de­ne Traum ei­nes Ze­ment­mo­guls rea­li­siert von ei­nem der be­rühm­tes­ten Ar­chi­tek­ten sei­ner Zeit zeigt, was es heißt, stein­reich zu sein. Ein Ro­man, der in ei­nem der­ar­tig kunst­vol­len und nicht oh­ne Iro­nie kon­stru­ier­ten Ha­bi­tat spielt, ver­spricht amü­san­te Lek­tü­re. Auch wenn sein Ti­tel „Im­mer­jahn“, wie der jüngs­te Spross der Fa­bri­kan­ten­dy­nas­tie schlicht ge­nannt wird, an­de­re „Das Haus am Ha­ge­but­ten­berg“ wei­ter­le­sen

Wie der Fürstbischof ins Gefängnis kam

Schloss Bruchsal. Die Beletage – Barocke Pracht neu entfaltet, Hrsg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Auf Erl. V. 16. XI. 43 – Die rest­li­chen Go­be­lins so­wie Ge­mäl­de des hie­si­gen Schlos­ses sind am 10. Ja­nu­ar d. Js. Hier ver­la­den und ins still­ge­leg­te Amts­ge­fäng­nis in Bonn­dorf über­führt wor­den. Sie sind in Zel­le 13 im Ober­ge­schoss un­ter­ge­bracht. Das Ge­mäl­de No. 123 konn­te sei­ner Grö­ße we­gen nicht durch die Zel­len­tür ge­bracht wer­den und muss­te des­halb einst­wei­len auf dem durch ei­ne ei­ser­ne Git­ter­tür ab­ge­schlos­se­nen Gang auf­ge­stellt wer­den. Ei­ni­ge von den ge­schnitz­ten Rah­men die­ses Bil­des beim Trans­port ab­ge­bro­che­ne Holz­teil­chen sind in Pa­pier ver­packt in der Zel­le 13 niedergelegt.“

Das groß­for­ma­ti­ge Ge­mäl­de No. 123 ist ein Por­trät Franz Chris­toph von Hut­ten (1706–1770), das den Fürst­bi­schof ne­ben ei­nen Pa­gen zeigt. Den Hin­ter­grund bil­det sei­ne Re­si­denz, Schloss Bruch­sal, de­ren In­ne­res durch Hut­tens Ge­stal­tungs­ei­fer ge­prägt wur­de. Von der Si­cher­heits­ver­wah­rung hin­ter Git­tern be­rich­tet im obi­gen Zi­tat die Hoch­bau­ab­tei­lung Karls­ru­he am 25.1.1944. Wie un­zäh­li­ge an­de­re Kunst­schät­ze wur­de in der letz­ten Pha­se des Krie­ges auch die wert­vol­le In­nen­aus­stat­tung des Bruch­sa­ler Schlos­ses in ver­meint­lich „Wie der Fürst­bi­schof ins Ge­fäng­nis kam“ wei­ter­le­sen

Unüberwundener Abschied

Kristine Bilkau erzählt in „Eine Liebe in Gedanken“ von dem, was nach einem Verlust bleibt

Ich woll­te Ed­gar Jans­sen da­zu brin­gen, sich an mei­ne Mut­ter zu er­in­nern, an sei­ne und ih­re ge­mein­sa­me Zeit. An die Lie­be zwi­schen To­ni und Ed­gar, die von so kur­zer Dau­er ge­we­sen war und für mei­ne Mut­ter doch ein Le­ben lang ge­hal­ten hat.“

Ei­ne Lie­be in Ge­dan­ken“, der Ti­tel des ak­tu­el­len Ro­mans von Kris­ti­ne Bil­kau ist zu­gleich sein The­ma: Ei­ne gro­ße Lie­be, die un­er­füllt blei­ben wird. Doch wür­de das At­tri­but noch tref­fen, wenn die Lie­be ge­lebt wor­den wä­re, über al­le Schre­cken des All­tags hin­weg? Gro­ße Lie­be, ‑im Ro­man selbst fällt die­ser Aus­druck nie‑, so könn­ten sie es ge­nannt ha­ben, die Toch­ter, die da­von er­zählt, wie die Mut­ter, die es er­lebt hat.

An­to­nia We­ber hat ih­ren Hei­mat­ort an der Küs­te ver­las­sen und in Ham­burg ihr un­ab­hän­gi­ges Le­ben be­gon­nen.  Die 22-jäh­ri­ge ar­bei­tet als Se­kre­tä­rin und wohnt bei der Zi­ga­ril­lo rau­chen­den Frau Kon­rad zur Un­ter­mie­te, wie dies 1964 für un­ver­hei­ra­te­te Frau­en üb­lich war. Doch To­ni bleibt nicht lan­ge al­lein. Ei­ne zu­fäl­li­ge Be­kannt­schaft bringt sie mit Ed­gar zu­sam­men und schnell ist für bei­de klar, daß sie „Un­über­wun­de­ner Ab­schied“ wei­ter­le­sen

Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

Das ist der Ge­sang der Spin­ne im Netz. Das ist das Wach­sen von Grä­sern und Moos auf den Steinen.“

In ih­rem Ro­man „Al­les Ver­wand­te“ nimmt Sa­bi­ne Pe­ters ih­re Le­ser mit auf ei­ne Rei­se. Sie führt nach Por­tu­gal in das Berg­dorf Fei­tal. In der kar­gen Pro­vinz ab­seits der Küs­te be­su­chen sich zwei Frau­en um ih­rer al­ten Freund­schaft wil­len. Dies führt bei­de zu­rück in die Ver­gan­gen­heit ge­mein­sa­mer wie sub­jek­ti­ver Erinnerungen.

Mit gro­ßer Em­pa­thie be­schreibt Sa­bi­ne Pe­ters die Frau­en und die Re­gi­on. Im stei­ni­gen Fei­tal, fern von Fort­schritt und Be­trieb, scheint die Zeit still zu ste­hen. Doch die Aus­wir­kun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che sind spür­bar. Die Fi­nanz­kri­se schwächt die ab­seits ge­le­ge­nen Klein­be­trie­be. Das In­ter­net ist er­reich­bar, wenn auch mit ab­ge­schwäch­ter Kraft.

Die por­tu­gie­si­sche Künst­le­rin Li­no lebt nach Jah­ren in Deutsch­land und der Tren­nung von ih­rem Mann wie­der in ih­rem Hei­mat­dorf. Dort er­war­tet sie Ma­rie, ih­re Freun­din aus „Jar­dim de Pe­dras“ wei­ter­le­sen

Leseschonkost

Mit der Ausgrabung von J. L. Carrs „Ein Monat auf dem Land“  erschliesst Dumont sanften Lesestoff

Und wer weiß, viel­leicht könn­te ich an­schlie­ßend ei­nen Neu­an­fang ma­chen und ver­ges­sen, was der Krieg und die Strei­te­rei­en mit Vin­ny bei mir an­ge­rich­tet hat­ten, und ein neu­es Ka­pi­tel in mei­nem Le­ben auf­schla­gen. Das war es, was ich brauch­te, dach­te ich – ei­nen Neu­an­fang, und hin­ter­her wür­de ich viel­leicht kein all­zu Ver­sehr­ter mehr sein. Nur die Hoff­nung hält uns aufrecht.“

Wer vor 30 Jah­ren ein kon­fes­sio­nel­les Kran­ken­haus mei­ner bi­schöf­li­chen Hei­mat­stadt auf­such­te, tat gut dar­an sei­ne ei­ge­ne Lek­tü­re da­bei zu ha­ben. Die Aus­wahl der An­ge­bo­te im War­te­zim­mer be­schränk­te sich ne­ben Bi­beln und Ge­bet­bü­chern auf die klein­for­ma­ti­gen Ma­ga­zi­ne, in de­nen Reader’s Di­gest das ver­meint­lich Bes­te sei­nen Le­sern prä­sen­tier­te: ge­kürz­te Ro­ma­ne und klei­ne Ge­schich­ten, de­nen al­les Un­gu­te fehl­te. Pas­send für das Mi­lieu die­ses Or­tes zeig­te so be­reits der Le­se­stoff Se­die­rung und prä­zi­se Chirurgie.

Heut­zu­ta­ge fin­det man die­se Hef­te kaum noch, ei­nen Er­satz „Le­se­schon­kost“ wei­ter­le­sen

Die Kunst, Orangen zu entblättern

Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem neuen Roman „Das Kleid meiner Mutter“ von der Generación Cero, den Persönlichkeitsrechten des Schriftstellers und dem „nicht wissen, was Wirklichkeit und Fantasie war“

42516Es ist ein Ro­man über Spa­ni­en und Deutsch­land, über Sprach­ver­lust eben­so wie die Ohn­macht der Wor­te, über den Wunsch, sich die Mas­ke aus Haut vom Ge­sicht zu rei­ßen und ein an­de­rer zu wer­den. Wer sonst ver­mag das? Nur die Kunst, in be­son­de­rem Ma­ße die Li­te­ra­tur: Al­lein durch sie sind wir in der La­ge, uns an­de­ren Men­schen an­zu­ver­wan­deln, in ih­re Kör­per, ih­re See­len zu schlüp­fen, durch ih­re Au­gen zu sehen.“

Die Re­de ist von „Das flie­ßen­de Licht“, dem Ro­man des Schrift­stel­lers Gert de Ruit, ei­ner der Haupt­fi­gu­ren im vor­lie­gen­den Ro­man. Doch auf die­se neu­es­te Ver­öf­fent­li­chung An­na Ka­tha­ri­na Hahns scheint die Cha­rak­te­ri­sie­rung eben­so zu passen.

An­na Ka­tha­ri­na Hahn hat mich be­reits mit ih­ren Vor­gän­ger­ro­ma­nen be­ein­druckt, dar­un­ter Am schwar­zen Berg, in dem sie die Psy­cho­lo­gie ei­ner Be­zie­hung mit po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen und Li­te­ra­tur­his­to­rie ver­knüpft. Was dort Stutt­gart 21 und Höl­der­lin, sind in Das Kleid mei­ner Mut­ter die Ver­lo­re­ne Ge­nera­ti­on in Spa­ni­en und ein an­ony­mer Au­tor. Nach der Ro­man­tik wei­sen Hahns sti­lis­ti­sche und li­te­ra­tur­his­to­ri­sche Re­mi­nis­zen­zen nun Spu­ren von Ma­gi­schem Rea­lis­mus auf.

In Ma­drid, der Haupt­stadt des durch die Eu­ro­kri­se rui­nier­ten Spa­ni­ens, herrscht „Die Kunst, Oran­gen zu ent­blät­tern“ wei­ter­le­sen