Werwölfe und Frankensteinexperten – Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deutsche Buchpreis wird am 9. Oktober zum 13. Mal vergeben. Die Regularien sind hinreichend bekannt und können im Zweifel auf der eigens eingerichteten Buchpreis-Seite des Börsenvereins nachgelesen werden. Propagiert als Preis für den besten deutschsprachigen Roman, gedacht als Marketingstrategie für den deutschen Buchhandel und realisiert von einer jährlich wechselnden Jury, bescheren die Nominierungen mitten im Sommerloch Gesprächsstoff für Blogs und Feuilleton.

Ich verfolge den Buchpreis von Beginn an. Auf meiner 2010 gegründeten Seite erschien 2011 der erste Buchpreis-Beitrag. Im Jahr 2013 nahm ich als „offizielle“ Buchpreisbloggerin teil. Mein bestes Buchpreis-Jahr war allerdings 2009, da viele meiner Lieblingsschriftsteller antraten. Mit Interesse las ich die Romane von Sibylle Berg, Thomas Glavinic, Wolf Haas, Anna-Katharina Hahn, Brigitte Kronauer, Herta Müller, Angelika Overrath, Norbert Scheuer, Kathrin Schmidt, Peter Stamm, Stefan Thome und David Wagner. 12 Titel, diese Zahl sollte ich in den kommenden Saisons nicht mehr schaffen. Im Pflichtjahr 2013 waren es immerhin noch acht, im letzten nur vier. Ob es heuer mehr werden?

Die Auswahl gefällt mir, gerade weil von den verdächtigen hochgelobten nur Lüschers Kraft auftaucht. Natürlich darf Feridun Zaimoglu mit Evangelio im Lutherjahr nicht fehlen, zudem scheint Zaimoglu der Running Candidate (2006 Leyla, 2008 Liebesbrand, 2014 Isabel, 2015 Sieben Türme) zu sein, die diesjährige Longlist beschert ihm die fünfte Nominierung. Wenn er den Sieg davontragen sollte, kann er dann im übernächsten Jahr wieder auf der Liste stehen?

Auf den Listen der vergangenen Jahren fand sich bereits die Hälfte der aktuellen Kandidaten. Mirko Bonné trat 2009 mit Wie wir verschwinden und 2013 mit Nie mehr Nacht, Gerhard Falkner erst im letzten Jahr mit Apollokalypse an. Franzobel legte im ersten Buchpreisjahr den schönen Titel Das Fest der Steine oder die Wunderkammer der Exzentrik vor. Lakonischer wirkten 42 und Fata Morgana, die Thomas Lehr 2005 und 2010 die Nominierung brachten. Lüscher debütierte 2013 mit Frühling der Barbaren als Kandidat. Im Jahr 2007 schaffte es Robert Menasses Don Juan de la Mancha auf die Liste. Marion Poschmann, deren Die Sonnenposition ich 2013 gerne gelesen habe, ist zum dritten Mal dabei, 2005 ging ihr Schwarz-Weiß-Roman ins Rennen. Ebenso viele Nennungen kann Ingo Schulze aufweisen, 2006 mit Neue Leben und 2008 mit Adam und Evelyn. Die Autorin des skurrilen Romans Katie, Christine Wunnicke, nahm im vorletzten Jahr mit Der Fuchs und Dr. Shimamura teil.

Die Themen der aktuellen Longlist-Romane sind vielfältig. Sie erzählen von Männern und Frauen, dysfunktionalen Familien, Flucht und Migration, Suizid, Spiritismus und Gotteswahn. Nicht wenige widmen sich großen Gesellschaftsthemen im Rückblick oder in der Zukunftsschau.

 

Hier die Liste mit einer knappen Einordnung:

Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017) 336 S.

-Zwei Männer, zwei Frauen, Wahlverwandtschaften reloaded.-

 

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017) 272 S.

-Mysteriöse Ereignisse entlarven die Geheimnisse der Erinnerung und bescheren dem Helden eine Tote.-

 

Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017) 592 S.

–Der Schiffbruch vor der Küste Afrikas im Jahr 1816. Das historische Ereignis als Folie für das aktuelle Drama?-

 

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017) 186 S.

Scheidungskind zwischen zwei Familien. Helfer stellt die Frage, was eine Familie ausmacht.-

 

Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017) 256 S.

–Einen Mann in der Krise begleitet ein Therapeut und die fixe Idee von 12 Frauen in 12 Monaten. Midlife-Krisen-Kompensation? Nein, Höhtker erzählt im letzten Band seiner Trilogie vom Versuch eines selbstbestimmten Endes.-

 

Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017) 640 S.

-Drei Menschen und ihre Verortung in der Zeitgeschichte. Ein Rückblick auf hundert Jahre Deutschland (1911-2011). –

 

Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017) 237 S.

-Ein Antiheld schwafelt sarkastisch scharf über Zufall und Singularität.-

 

Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017) 459 S.

-Fast ein Krimi um längst vergangene aber nie zu vergessende Verbrechen und den Ruf der EU-Kommission.-

 

Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017) 343 S.

-Ein verschwundener Bruder, eine demente Großmutter, Geheimnisse einer unglücklichen Familie. Variante des Anna-Karenina-Prinzips?-

 

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017) 340 S.

-Das ist mal eine andere Art, lästige Ehemänner loszuwerden. Die Heldin in Noltes Roman verwandelt sich in eine Werwölfin mit tödlich spitzen Reißzähnen. Sohn und Tochter fragen sich, ob sie nach der Mutter kommen und schlagen eigene Wege ein, die bis nach Afghanistan führen. –

 

Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017) 168 S.

-Betrogener Bartforscher sucht in Japan nach Erlösung.-

 

Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017) 240 S.

-Mutter tot, Frau noch nicht da. Mann, der auf Tauben starrt allein im einsamen Ost-Heim.-

 

Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017) 336 S.

-Die Geschichte einer Flucht im Jugoslawienkrieg und einer späten Spurensuche. Familie, Migration.-

 

Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017) 304 S.

-Ein Achtzigerjahre Berlin-Roman. Was sonst?-

 

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017) 366 S.

-Zwillinge, die eine Heimat und ihre Identität suchen in Moskau, Berlin und Istanbul. Familie und Migration.-

 

Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017) 576 S.

-Ein christlicher Kommunist will Glück und Gerechtigkeit für alle und kommt zu viel Geld. Was tun damit ?-

 

Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017) 320 S.

-Wo ein Werwolf sein darf, sollte ein Frankensteinexperte nicht verwundern. Zum Glück handelt es sich nicht um einen Chirurgen, sondern es ist ein Literaturwissenschaftler, der eine leidenschaftliche Affäre mit einer Fachfrau für Reproduktionstechnologie führt, womit man doch wieder bei Monstern wäre.-

 

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017) 200 S.

-ein alternder Mann blickt ohnmächtig auf seine Vergangenheit und sich selbst. Erinnerungssuche kann großartig sein.-

 

Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017) 160 S.

-In dieser Wissenschaftssatire tritt Empirie gegen Esoterik an.-

 

Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017) 352 S.

-wir begeben uns mit Zaimoglus Luther in die Wartburg, wo dieser 1521-1522 mit der Bibel-Übersetzung kämpft, mit  dem katholischen Glauben seines Bodyguards Burkhard und wie soll es anders sein bei einem Schriftsteller, dessen Finger Totenkopfringe schmücken, mit Tod und Teufel. Könnte amüsant sein!-

Veröffentlicht in Allgemein, Literaturpreis am | Getaggt , , | 2 Kommentare

Hummel und Orchidee

„Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ – Proust 4. Band, I.

„Zudem begriff ich jetzt, wieso ich vorhin, als ich Monsieur de Charlus von Madame de Villeparisis hatte herauskommen sehen, finden konnte, er sehe aus wie eine Frau: Er war eine! Er gehörte zu der Rasse jener Menschen (sie sind weniger widerspruchsvoll, als es den Anschein hat), deren Ideal männlich ist, gerade weil sie von weiblichem Temperament sind, und sie im Leben nur scheinbar den anderen Männern gleichen; (…) eine Rasse auf der ein Fluch liegt und die in Lüge und Meineid leben muß, da sie weiß, daß ihr Verlangen, das, was für jedes Geschöpf die höchste Beseeligung im Dasein ausmacht, für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt.“ (Keller 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hätte gedacht, daß Proust diese Enthüllung, -für die endgülige Ausgabe verwarf er den obigen Titel des Kapitels, das auf den Essays „Über die Päderastie“ zurückgeht-, mit der bekannten Metapher von Blüte und Bienchen bebildern würde? Beides spezifiziert er, aus der Blüte wird eine Orchidee, wenn nicht gar ein Knabenkraut, und aus der Biene eine Hummel. Es ist klar, worum es geht. Um die Befruchtung, oder um wieder vom Spezifischen ins Allgemeine zu kommen, um die Sexualität. Würden wir uns hier über die französische Originalausgabe unterhalten, wüssten wir, daß Proust -aber das wissen wir sowieso- auch im Allgemeinen das Besondere sieht. So müssen die Kommentare, den vierten Band der Recherche lese ich in der Reclam- und in der Suhrkamp-Ausgabe, helfen.

Marcel steht am Treppenhausfenster des Palais, weil er die herzögliche Ankunft abpassen will. Wir erinnern uns, er möchte die Einladung bei der Fürstin sondieren. Während er wartet, schweift sein Blick im Hof umher und fällt auf eine Orchidee, die ihrerseits auf eine Hummel wartet. Diese Boudon, das Wort bezeichnet im Französischen auch Penis, erscheint zunächst nicht, um ihren Rüssel in die Blütenöffnung zu stecken. Dafür taucht Baron de Charlus auf, dessen hintere Partie hummelartig ausragt. Marcel duckt sich, er möchte auf keinen Fall von Charlus aufgespürt werden, hatte der sich doch ihm gegenüber in der Vergangenheit mehrfach seltsam verhalten. Wie erinnern uns an seinen schon etwas länger zurückliegenden abendlichen Besuch in Marcels Zimmer im Grand-Hotel sowie an den kürzlich erfolgten Besuch Marcels bei Charlus.

Marcel späht erneut durchs Fenster und sieht, daß seine Vorsicht gar nicht von Nöten gewesen wäre. Charlus’ Aufmerksamkeit ist vollkommen von anderem gefangen. Es ist Jupien, der auf dem Weg ins Büro, vom Blick auf den Baron in einen balzähnlichen Zustand versetzt wurde. Die beiden, könnte man sagen, Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Proust, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ghostbusters

Christine Wunnicke lässt in ihrer Wissenschaftssatire „Katie“ Empirie gegen Esoterik antreten

„Der Schrank war ihr Heiligtum, ihr Arbeitsplatz, das Zentrum ihres Ruhms. Am Schrank hing alles. Der Schrank war der Grund, warum Florence zu Mutters großer Qual nie mehr im Salon und nur stets im Wohnzimmer empfing. In den Schrank trat sie hinein, wenn die Gäste bereitsaßen, hier ließ sie sich fesseln und noch einmal fesseln, ihre Zöpfe an die Wandhaken binden, ihren Kopf in Tücher und Schals wickeln, bis sie kaum noch Luft bekam. Hier hauchte sie ihr ‚fester, fester‘, wenn man zimperlich mit ihr umging, was man leider oft tat, vor lauter Respekt. Hier verharrte sie schweigend, zuweilen auch leise seufzend, während Mutter draußen den Hymnengesang anleitete, und wartete.“

Seit Menschengedenken ist der Geisterglaube ein Produkt des Haderns mit der Vergänglichkeit alles Irdischen. Aus dem Wunsch mit dem Jenseits und den Toten in Kontakt zu treten entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein regelrechten Boom, der Spiritismus. Ausgelöst wurde er durch Ereignisse, wie die Klopf-Kommunikation mit einem Ermordeten, die Familie Fox in ihrem Haus in Hydesville trieb und die 1848 Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ballerina-Becircung

Lukas Bärfuss Roman „Hagard“ wirkt wie eine Debatten-Replik

„Philip, so nahm ich an, hatte einen Anfall von Überdruss, wie ihn jeder Mensch kennt, der sich von seinem Alltag gefesselt fühlt und in öden Stunden von einer Flucht träumt. Auch Philip trotzte gelegentlich und trotzte auch jetzt, und ich gestehe, dass ich sein Schmollen lächerlich fand, dieses Wechselspiel aus Konformismus und Trotzphase, ein unreifes, kindisches Verhalten, populär in allerlei Schmonzetten, die in jenen Tagen erschienen. Halbsüße Romane über Männer im besten Alter, die eines Tages mir nichts, dir nichts Frau und Kinder verließen und sich für ein flüchtiges Abenteuer aus dem Leben schlichen.“

So urteilt der Erzähler in Lukas Bärfuss’ Roman Hagard über das Verhalten der Hauptfigur und spielt auf oft gehörte Geschichten plötzlichen Verschwindens an, wie sie auch Peter Stamm in Weit über das Land schildert. Man könnte meinen, der Autor spiele durch die Worte seines Erzählers auf diesen Roman des Schriftstellerkollegen an, und denkt an die unlängst erfolgte Debatte zwischen Stamm und Jonas Lüscher.

Dabei unterscheiden sich die in ihrer Idee identischen Geschichten in der Durchführung deutlich. Während Stamms Protagonist ohne akutes äußeres Ereignis seiner Wege geht, erliegt Bärfuss’ Philip Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

„In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut.“

„Meine einzige Identität ist eine politische“, lautet das Bekenntnis einer Figur im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil. Bekannt geworden durch ihren Erfolg Die Gierigen ist sie nun mit dem bei Ullstein erschienenen und von Maja Ueberle-Pfaff ins Deutsche übertragenen aktuellen Roman Die Zeit der Ruhelosen entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb er beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und beim „Literarisches Quartett“ des Südwestfunks auf dem Programm stand.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Männer, François, Romain und Osman, deren Erleben Tuil in alternierenden Kapiteln erzählt, sowie Marion, die zwischen zweien dieser Männer steht.

François Vély leitet einen Konzern der französischen Mobilfunkbranche und ist einer der reichsten Männer des Landes. Der Vater dreier Kinder aus erster Ehe ist zum zweiten Mal mit Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Rezensionen, Viele Verrisse am | Getaggt , , , , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Über Bären und Bücher in Baden-Baden

Das Sommer-Quartett von Lesenswert mit Felicitas Hoppe als Gast

Es sind die kleinen Veränderungen, die das Vergehen der Zeit markieren, und seien es nur die lokalen. So liegt der neue Tagungsort des literarischen Lesenswert-Quartetts seit Beginn dieses Jahres in Baden-Baden und ist damit vom profanen Mainzer KUZ in das mondäne Palais Biron gewechselt. Nicht nur der Ort ist ein anderer, auch die Zusammensetzung der Runde hat sich verändert seit ihren Anfängen beim Lesenswert-Vorgänger „Literatur im Foyer“. Schon damals stritten mit den Moderatorinnen Thea Dorn und Felicitas von Lovenberg die Kritiker Denis Scheck und Ijoma Mangold über neue Bücher der Saison. Und dies auf anregend unterhaltsame Weise, wie ich 2013 notierte.

Vor ein paar Wochen erhielt ich eine Einladung des SWR und fuhr am 12. Juni zur Aufzeichnung des Sommer-Quartetts. Baden-Baden liegt etwa eine Autobahnstunde von meinem Wohnort entfernt, zum Glück bescherte die Pfingstzeit nicht nur den Badensern günstige Ferien, sondern auch mir staufreie Fahrt. Ich hatte also Zeit für einen Spaziergang durch die Lichtentaler-Allee, an die der großzügige Park des Palais Biron grenzt, um dort Hunde aller Rassen, Rosse und Russen bewundern zu können. Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Allgemein am | Getaggt , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Meine fatale Freundin

Delphine de Vigan manipuliert in ihrem neuen Roman „Nach einer wahren Geschichte“ den Leser mit Phantasie

Nach einer wahren Geschichte von Delphine Vigan

Wahr, was ist das? Darüber wird nicht nur vor Gericht gestritten, denn jede erinnerte Wahrheit besteht mehr aus Zusammengereimten als aus unumstößlichen Fakten. Was also kann an einer Geschichte wahr sein? Oder an einem Roman nach einer wahren Geschichte? Darf ein Roman überhaupt wahr sein? Delphine de Vigan macht diese spannenden Metafragen zum Gegenstand ihres neuen nicht minder spannenden Romans mit dem suggestiven Titel Nach einer wahren Geschichte.

Die Schwierigkeit über Privates zu schreiben thematisierte die Autorin bereits in Das Lächeln meiner Mutter. Die Last des Erfolgs, den ihr dieser biographische Roman bescherte, schildert Vigan zu Beginn ihres neuen. Dessen Protagonistin Delphine trägt nicht nur den gleichen Vornamen wie die Autorin, sie lebt wie diese mit zwei fast erwachsenen Kindern in Paris, hat einen Partner, der im Buchbetrieb tätig ist, und arbeitet als Schriftstellerin. Alleine wieviel von der Geschichte, die dieses Grundgerüst trägt, aus Fiktion oder Fakten konstruiert ist, bleibt offen. Wir wissen also nicht, ob Delphine de Vigan Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

„Komm, das schaffst du schon.“

„Die Kanzlerin – Eine Fiktion“ Konstantin Richters Eloge auf Angela Merkel

„Dies ist ein Roman und damit Fiktion und keine Dokumentation tatsächlicher Geschehnisse. Das Buch erhebt also in keiner Weise den Anspruch, die geschilderten Vorgänge könnten wahr sein und sich so zugetragen haben.“

Die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland scheint nicht nur politisch ein Dauerbrenner zu sein. Beliebt ist sie auch als literarische Figur. Man begegnet ihr als besorgte Beagle-Besitzerin und im Naturidyll mit Pflaumenkuchen. Anders als bei dem jetzt vorliegenden Buch von Konstantin Richter haben Karsten Flohr und Ulrich Treichel sie jedoch nicht zur ihrer Hauptfigur gemacht. Bei Flohr tritt sie als Beiwerk der beagledominierten Rahmenhandlung erst gegen Ende persönlich auf. In Treichels Roman ist sie eine ironisierte Zutat. In Die Kanzlerin – Eine Fiktion steht Angela Merkel im Mittelpunkt eines sich jeder Gattung entziehenden Buchs .

Als Journalist ist Richter, wie das hintere Blatt verkündet, ein Kenner seines Gegenstands, den er laut Untertitel mit Fiktion auflädt. Das Buch möchte ein Roman sein, doch nicht nur der Umfang lässt daran zweifeln. 172 Seiten hat Kein & Aber mit Lesebändchen versehen und in Leinen gebunden. Hoffnungsvoll himmelblau leuchtet es, wie das Kleid der Kanzlerin Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

„In dieser Nacht schrieb er eine lange Mail, in der er Ivan seine Zusage übermittelte und ihn bat, für vierzehn Tage sein Gast sein zu dürfen, bevor er sich, Rücken an Rücken, neben seine bereits schlafende Frau legte, selbst aber lange keinen Schlaf fand und sich, jede Viertelstunde die Glockenschläge der Stiftskirche zählend, langsam in eine Wut hineinsteigerte; eine Wut, gespeist aus Heikes regelmäßigem Atmen, das ihm unangemessen friedlich vorkam, und dem Gefühl des Versagens angesichts der Tatsache, dass der Ausweg aus der Sackgasse, in die er sein Leben hineinmanövriert hatte, sich nicht, wie er immer angenommen hatte, im scharfen Nachdenken über die Welt – als solches bezeichnete er gerne Dritten gegenüber seine Profession, die er sich zugleich als Lebensform verordnet hatte -, sondern, wie es nun ganz offen zutage trat, doch einfach im Monetären fand, auch wenn, aber das schien ihm eher eine zusätzliche Kränkung, das erlösende Geld mit ebenjenem scharfen Nachdenken über die Welt erst einmal gewonnen werde musste.“

Lange, ausfransende Satzperioden sind ein Stilmerkmal von Jonas Lüschers Roman „Kraft“ und dessen gleichnamigen Protagonisten. Kein Wunder, ist dieser Richard Kraft doch Rhetorikprofessor der Universität Tübingen, ergo ein Meister der Rede. Derart ausgestattet verspricht er Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

„Und ich ahnte nicht, dass mich nach Erscheinen des Artikels ein Verleger kontaktieren würde, um mich zu fragen, ob ich nicht ein Buch schreiben wollte. Ob ich nicht irgendwelche Geschichten über Leute gehört hätte, die ich gerne erzählen würde. Genau dieses Gespräch brachte mich dann auf die Idee, meine eigene Geschichte zu erzählen – von meinem Unfall, den Jahren in der Einsamkeit und meiner langwierigen, merkwürdigen Suche nach meinem Platz in der Welt, nach einem neuen Verständnis der Realität, nach einer neuen Perspektive.“

Dieses Bekenntnis im letzten Kapitel des vorliegenden Buchs beschreibt besser als der Titel, daß Allein in den Wäldern nicht nur vom (Über)leben in der Natur erzählt. Howard Axelrod schildert in seinem als Memoir zu bezeichnendem Werk keine moderne Version von Thoreaus Walden“ , auch wenn er diesen Klassiker zitiert.

Parallelen im Verhalten der beiden Protagonisten bestehen durchaus. Wie Thoreau so ist auch Axelrod kein Selbstversorger und den Launen der Natur nicht ganz und gar ausgesetzt wie ein einsamer Naturbursche fern der Zivilisation. Diese ist mühelos zu erreichen, von Axelrod sogar mit dem eigenen Auto, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen oder auch mal einzukehren. Während Thoreau bisweilen Lesen fortsetzen

Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar