Flitzschwebend occupiert

In Lincoln im Bardo schlüpft Saunders mit innovative Erzähltechnik in die sensible, selbstkritische Seele des Präsidenten

Bleibt, be­schwor ich. Er ist nicht un­er­reich­bar für Eu­re Hil­fe. Ganz und gar nicht. Ihr könnt noch viel Gu­tes für ihn tun. Ihr könnt jetzt so­gar hilf­rei­cher für ihn sein als je­mals an je­nem vor­ma­li­gen Ort.

Denn sei­ne Ewig­keit hängt in der Schwe­be, Sir. Wenn er bleibt, ist das Elend, das ihn über­wäl­ti­gen wird, jen­seits Eu­rer Vor­stel­lungs­kraft.“

Ein­fach be­trach­tet han­delt es sich bei Ge­or­ge Saun­ders Ro­man um ein hoch­emo­tio­na­les Buch. Es um­schreibt die Trau­er ei­nes Va­ters, der sei­nen Sohn ge­ra­de zu Gra­be ge­tra­gen hat. 11 Jah­re war die­ser alt, als er der Di­ph­te­rie er­lag. Es ist das Jahr 1862, der To­te heißt Wil­liam, sein Va­ter Abra­ham Lin­coln. Mit­ten im Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg ver­liert Lin­coln sei­nen Lieb­lings­sohn. Er be­stat­tet ihn in ei­ner der Gruft in George­town, doch Ru­he fin­den sie bei­de nicht, denn Geis­ter um­schwir­ren sie. Die­se ver­ken­nen ih­ren Zu­stand und hän­gen im Bar­do fest, ei­nem Schwe­be­zu­stand zwi­schen tot und ganz tot oder zwi­schen Nir­wa­na und Wie­der­ge­burt, wenn man bei dem von Saun­ders ge­wähl­ten Be­griff aus der ti­be­ta­ni­schen My­tho­lo­gie bleibt.

Die Ge­stal­ten tum­meln sich um Wil­lie, sie sind dem Kna­ben zu­ge­wandt, des­sen Geist rat­los und ver­las­sen auf sei­ner „Kran­ken­kis­te“ sitzt. Der Va­ter kehrt in der Nacht nach der Be­er­di­gung zum Fried­hof zu­rück, auch er kann Wil­lies Zu­stand nicht ak­zep­tie­ren. Er be­freit den Kör­per sei­nes Soh­nes aus dem Sarg und hält ihn vol­ler Trau­er im Arm. Die Iko­no­gra­phie der Pie­tà ist un­ver­kenn­bar.

Pie­tà er­fasst auch den Le­ser und trägt, so selt­sam die­ser Zu­sam­men­hang auch klin­gen mag, da­zu bei, die Span­nung zu stei­gern. Wünscht man doch den schwe­ben­den See­len den Bar­do ver­las­sen zu kön­nen und dem Va­ter Frie­den.

Doch „Lin­coln im Bar­do“ zeich­net sich nicht nur durch Ge­fühl und Span­nung aus. Der Ro­man be­sticht auch durch sei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Mach­art, die 2017 mit dem Man Boo­ker Pri­ze aus­ge­zeich­net wur­de und uns Le­sern ein un­ge­wöhn­li­ches Le­se­er­leb­nis schenkt. Saun­ders kom­bi­niert den Wech­sel­ge­sang viel­fäl­ti­ger Stim­men mit -zum Teil auch fik­ti­ven- Quel­len, Li­te­ra­tur­aus­zü­gen und Be­rich­ten zum his­to­ri­schen Hin­ter­grund.

Die Stim­men ge­hö­ren aus­schließ­lich den Geis­tern, auch Lin­coln spricht durch sie und hin­ter­fragt selbst­kri­tisch sei­ne Rol­le im Bür­ger­krieg. Ne­ben Wil­lie füh­ren drei Män­ner das Wort. Ih­re To­des­um­stän­de kün­den von Saun­ders skur­ri­lem Witz. Auch dies macht die Lek­tü­re reiz­voll. So hö­ren wir von Hans Voll­mann, der das Glück hat­te trotz Al­ter und Aus­se­hen ei­ne jun­ge, hüb­sche Frau zu hei­ra­ten. Rück­sichts­voll war­te­te er mit dem Voll­zug der Ehe bis auch sei­ne Frau da­zu be­reit war. Da wur­de er un­ter Dach von ei­nem her­ab­rau­schen­den Stän­der er­schla­gen und schwebt nun im Bar­do un­er­löst selbst mit ei­nem sol­chen her­um.

Der zwei­te, Ro­ger Be­vins III, ein schwu­ler jun­ge Mann, hat sich aus Lie­bes­kum­mer das Le­ben ge­nom­men, vor­ei­lig wie er lei­der zu spät fest­stell­te. Im Zwi­schen­reich geis­tert er mit ei­ner Viel­zahl von Au­gen, Oh­ren und Na­sen hoch­sen­si­bel über­sinn­lich her­um.

Der drit­te Haupt­kom­men­ta­tor Re­ver­end Ever­ly Tho­mas fügt als Got­tes­mann dem Ge­sche­hen ei­ne ei­ge­ne In­ter­pre­ta­ti­on hin­zu. Er fürch­tet das Par­ti­ku­lar­ge­richt, wo die See­len­waa­ge sein ir­di­sches Tun in Gut und Bö­se ab­wägt, und ihn ein Höl­len­trei­ben er­war­tet, wie es Dan­te nicht dras­ti­scher hät­te be­schrei­ben kön­nen.

Da­zu ge­sel­len sich die Stim­men an­de­rer Geis­ter, durch die Saun­ders ei­nen Ein­blick in die Ge­sell­schaft George­towns über die Jahr­hun­der­te hin­weg ge­währt. Es spre­chen Skla­ven und Skla­ven­trei­ber, Wit­wen aus dem Bür­ger­tum wie Säu­fer vom un­te­ren Rand. Al­le lei­den an ei­ner un­ge­tilg­ten Schmach, die sie am end­gül­ti­gen Los­las­sen hin­dert. Sie er­zäh­len da­von eben­so wie sie das Drum­her­um kom­men­tie­ren, meist in we­ni­gen Zei­len, sel­te­ner in mehr als ei­ner Sei­te. Doch je wei­ter die Ge­schich­te vor­an­schrei­tet, um­so mehr rückt Wil­lie in das Zen­trum ih­res In­ter­es­ses. Das Un­glück die­ses Kin­des, das sei­ne Ru­he nicht fin­den kann, ver­eint die Un­to­ten, so dis­pa­rat sie sich im Le­ben auch emp­fun­den ha­ben. Beim Be­mü­hen, den Jun­gen ins To­ten­reich zu ge­lei­ten, wer­den sie zu ver­ein­ten Ge­hil­fen und hel­fen schluss­end­lich auch sich selbst.

Ge­or­ge Saun­ders un­ge­wöhn­li­cher und über­aus le­sens­wer­ter Ro­man ge­währt auf mit­rei­ßen­de Wei­se tie­fe Ein­bli­cke in Ge­fühl und Ge­schich­te nicht nur der ame­ri­ka­ni­schen See­le.

George Saunders, Lincoln im Bardo, Luchterhand Verlag 2018

 

Im Roman finden sich zahlreiche Zitate aus zeitgenössischen Quellen und der Sekundärliteratur, teilweise aus Quellensammlungen wie The Physical Lincoln Sourcebook:

Elizabeth Keckley, Hinter den Kulissen oder Dreißig Jahre als Sklavin und vier Jahre im Weißen Haus (1868)

Margaret Leech, Reveille in Washington, 1860–1865 (1942)

Dorothy Meserve Kunhardt u. Philip B. Kunhardt jr., Zwanzig Tage (1965)

Margaret Garrett, All dies habe ich gesehen. Erinnerungen an eine schlimme Zeit

David Von Drehle, Aufstieg zur Größe (2012)

Jo Brunt, Die Festung der Union. Erinnerungen und Eindrücke

Albert Sloane, Briefe

E. G. Frame, Eine aufregende Jugend. Heranwachsen im Bürgerkrieg

Daniel Mark Epstein, Die Lincolns. Porträt einer Ehe (2004)

Petersen Wickett, Unsere Hausptstadt in Zeiten des Krieges

Stanley Kimmel, Mr. Lincolns Washington

Kate O’Brian in: Geschichte zum Greifen nah, hrsg. von Renard Kent

Edwine Willow, Ausgewählte Briefe aus dem Bürgerkrieg, hrsg. von Constance Mays

Melvine Carter, Das gesellschaftliche Leben im Bürgerkrieg. Faxen, Metzeleien, Verwüstungen (unveröffentlichtes Manuskript)

Ann Brighney, Ein Jahr voll Krieg und Verlust

Bernadette Evon, Soirees im Weißen Haus. Eine Anthologie

Dolores P. Leventrop, Mein Leben

I. B. Brigg III, Eine dahingegangene Zeit (unveröffentlichte Memoiren)

Albert Trundle, Jene freudvollsten Jahre

D. V. Featherly, Die Mächte Washingtons

Abigail Service, Erinnerungen einer Mutter

Barbara Smith-Hill, Gesammelte Briefe aus dem Kriege, hrsg. von Thomas Schofield u. Edward Mann

Washington zu Kriegszeiten. Die Bürgerkriegsbriefe der Isabelle Perkins, hrsg. von Nash Perkins

Doris Kearns Goodwin, Ein Team aus Rivalen. Abraham Lincolns politische Genie (2005)

John G. Nicolay, Mit Lincoln im Weißen Haus, hrsg. von Michael Burlingham

Bericht des Hausmädchens Sophie Lennox, in: Augenzeugen der Geschichte. Das Weiße Haus unter Lincoln, hrsg. von Stone Hilyard

Ruth Painter Randall, Lincolns Söhne (1955)

Tyron Philian, Rechenschaft ablegen. Die Memoiren eines Eingeweihten in schwierigen Zeiten

Rose Milland, Essay über den Verlust eines Kindes

James Morgan, Abraham Lincoln, der Junge und der Mann (1908)

Julia Taft Bayne, Tad Lincolns Vater (1931)

Phineas D. Gurley, Grabrede für Willie Lincoln, im Illinois State Journal

Laura Searing, alias Howard Glyndon, Die Wahrheit über Mrs. Lincoln

Carol Dreiser, Sie kannten die jungen Lincolns

Opal Stragner, Die kleinen Männer des Präsidenten

Simon Iverness, Lincolns verlorener Engel

Jason Timm, Was noch richtigzustellen ist. Erinnerungen, Irrtum und Ausflüchte, Journal of American History

Daniel Brower, Diese Schlachterinnerungen

Marshall Turnbull, Der große Krieg, wie ihn seine Krieger beschrieben

Die Bürgerkriegsjahre. Eine tägliche Chronik vom Leben einer Nation, hrsg. von Robert E. Denny

Briefe eines Soldaten aus Illinois, hrsg. von Sam Westfall

Briefe vom Lande an Präsident Lincoln, hrsg. von Josephine Banner u. Evelyn Dressmann

C. R. DePage, Lincoln spirituell. Eine Reise zum Wesentlichen

Jayne Coster, Prüfung einer Mutter. Mrs. Lincoln und der Bürgerkrieg

Kevin Swarney, Neuerfindung einer Südstaatenschönheit. Der Weg der Mary Lincoln

James R. Gilmore, Persönliche Erinnerungen an Abraham Lincoln und den Bürgerkrieg (1864)

Isaac N. Arnold, Abraham Lincolns Leben (1885)

Lloyd Ostendorf, Lincolns Fotos. Ein ganzes Album

Marquis de Chambrun, Ein Franzose bei den Lincolns (1864)

Herndons Informanten, hrsg. von Douglas L. Wilson u. Rodney O. Davis (1865)

F. B. Carpenter, Ein halbes Jahr im Weißen Haus. Die Geschichte eines Gemäldes (1866)

John S. Barnes, Mit Lincoln von Washington nach Richmond im Jahr 1865

Joshua Wolf Shenk, Lincolns Melancholie. Wie die Depression einen Präsidenten forderte und seine Größe befeuerte (2005)

Donn Piatt, Der Mensch Lincoln (1887)

Katherine Helm, Die wahre Geschichte von Mary, Lincolns Frau (1928)

Nathaniel Hawthorne, Über den Krieg, vor allem (1862)

Charles A. Dana, Erinnerungen an den Bürgerkrieg (1909)

Abraham M. Gordon, Abraham Lincoln. Eine medizinische Einschätzung (1962)

Prinzessin Felix Salm-Salm, Zehn Jahre meines Lebens (1775)

Edward J. Kempf, Abraham Lincolns Philosophie des gesunden Menschenverstands (1965)

Francis F. Browne, Das Alltagsleben von Abraham Lincoln (1886)

Clark E. Carr, Meine Zeit, meine Generation (1908)

Frederick Hill Meserve u. Carl Sandburg, Die Fotografien von Abraham Lincoln (1944)

David Herbert Donald, Lincoln (1996)

W. A. Croffut, Lincolns Washington. Erinnerungen eines Journalisten, der jeden kannte

Sam Hume. Briefe, hrsg. von Crystal Barnes

Lilian Foster, Beiläufige Blicke gen Norden und Süden

Allen Thorndike Rice, Erinnerungen an Abraham Lincoln aus dem Munde vornehmer Zeitgenossen (1888)

Larry Tag, Der unbeliebte Mr. Lincoln. Die Geschichte von Amerikas meistgeschmähtem Präsidenten (2009), auch unter dem Titel: The Battles that Made Abraham Lincoln: How Lincoln Mastered his Enemies to Win the Civil War, Free the Slaves, and Preserve the Union (2013)

Die Bürgerkriegsakten von George B. McClellan, hrsg. von Stephen Sears (1992)

Carl Sandburg, Die Kriegsjahre

Allan Nevins, Lincolns Aufstieg, Prolog zum Bürgerkrieg, 1859–1861 

Tobian Clearly, Briefe eines Unionisten

Lieber Mr. Lincoln, hrsg. von Harold Holzer (2006)

Stimmen aus einem geteilten Land, hrsg. von Baines u. Edgar

Vergessene Stimmen aus dem Bürgerkrieg, hrsg. von J. B. Strait

R. B. Arnolds, Der Schurke Lincoln

David Herbert Donald, Lincoln neu betrachtet (1956)

James Spicer, Qualen der Prärie. Die Psychologie Lincolns

Kirsten Toles, Unversehens Jehova. Wille, Konzentration und die große Tat

William H. Herndon u. Jesse W. Weik, Lincolns Leben (1889)

Herndon über Lincoln. Briefe, hrsg. von Douglas L. Wilson u. Rodney O. Davis

Sie kannten ihn, hrsg. von Leonora Morehouse

Michael Burlingham, Abraham Lincolns innere Welt

Weise Worte und gesammelte Briefe eines Großvaters, unveröffentlichtes Manuskript, hrsg. (sic!) von Simone Grand

Veröffentlicht in Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Sind so viele Bücher“

In „Bestseller“ untersucht Jörg Magenau die meist verkauften Titel in Deutschland und versucht eine Soziologie ihrer Leser

Die Best­sel­ler­lis­te aber sagt nichts aus über die Qua­li­tät der Bü­cher, da­für um­so mehr über die vor­herr­schen­den Vor­lie­ben im Land. Und manch­mal ist sie ei­ne Art Fie­ber­ther­mo­me­ter, an dem sich öf­fent­li­che Über­rei­zun­gen ab­le­sen las­sen.“

Was treibt ei­nen Li­te­ra­tur­ex­per­ten da­zu, ein Buch über Best­sel­ler vor­zu­le­gen? Best­sel­ler, das sind doch die Din­ger, die in Buch­han­dels­fi­lia­len bunt auf­ge­türmt Auf­merk­sam­keit su­chen und Li­te­ra­tur bes­ten­falls als Rand­er­schei­nung dul­den?

Doch wie ge­lan­gen die­se Ti­tel auf die wö­chent­li­chen Lis­ten in Spie­gel, Fo­cus und an­ders­wo? Was ist ein Best­sel­ler? Wel­che Rol­le spie­len sei­ne Le­ser? Wel­che das Mar­ke­ting? Dies sind die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Le­ser­be­dürf­nis­sen und Buch­markt, de­nen Jörg Ma­ge­nau in sei­nem „Best­sel­ler“ auf den Grund geht.

Auf­schluss­reich und amü­sant ana­ly­siert er, daß ein Best­sel­ler nicht nur das ist, was al­le kau­fen, und meis­tens auch le­sen, son­dern, daß die po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen die­sen Pro­zess ent­schei­dend be­ein­flus­sen. Ei­nen Über­blick dar­über, was sich am häu­figs­ten in den Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Vergiften für Verheiratete

Ein effektives Mittel gegen den Horst in deinem Bett liefert Sara Paborn in „Beim Morden bitte langsam vorgehen“

Gift. Im Schwe­di­schen hat das Wort zwei sehr ver­schie­de­ne Be­deu­tun­gen. Gibt es ei­gent­lich ir­gend­ei­ne an­de­re Spra­che, in der das Wort für Ehe das­sel­be ist wie das für ei­nen ge­sund­heits­schäd­li­chen bis töd­li­chen Stoff?“

Auf der Su­che nach ei­ner Som­mer­lek­tü­re, ei­nem An­ti­dot ge­gen nächt­li­che Glut­hit­ze, stieß ich auf das neu­es­te Werk der schwe­di­schen Au­torin Sa­ra Pa­born. Im Ori­gi­nal trägt es den Ti­tel Bly­bröllop, Blei­hoch­zeit, die wa­cke­re Tra­di­tio­na­lis­ten nach 43 Jah­ren Ehe fei­ern. In der Über­set­zung wur­de dar­aus ei­ne An­wei­sung wie aus dem Koch­buch „Beim Mor­den bit­te lang­sam vor­ge­hen“. Die Le­se­rin ahnt, wor­an sie ist, denkt an „Ar­sen mit Spit­zen­häub­chen“ oder an je­ne fin­di­ge Da­me, die un­lieb­sa­mes Ver­hal­ten stets mit Blau­beer­pud­ding be­lohn­te. Erst vie­le Jah­re und et­li­che Ehe­män­ner spä­ter wur­de die durch­schla­gen­de Kraft ih­res Des­serts ent­deckt und Blau­beer-Ma­rie­chen fand ih­ren Platz in der Lis­te le­gen­dä­rer Mör­de­rin­nen. Pa­borns Blei-Il­se hin­ge­gen kann nur ein sin­gu­lä­res Er­geb­nis vor­wei­sen, doch ih­re Me­tho­de birgt gro­ßes Po­ten­ti­al.

Ei­ne aus­führ­li­che An­lei­tung lie­fert die Hel­din in ih­rem Me­moir, das sie sechs Jah­re nach der Tat hin­ter­lässt. Ein Ge­ständ­nis, das nie in die Hän­de der Kin­der fal­len wird, denn Il­se lebt nach Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Lügen machen schöne Beine

Ayelet Gundar-Goshen konstruiert ihren neuen Roman „Die Lügnerin“ nach dem Aschenputtelprinzip

Die Faust­schlä­ge be­ein­druck­ten we­der die bei­den Be­am­ten ihm ge­gen­über noch den Holz­tisch. Der hat­te in sei­nem Le­ben schon so vie­le Hie­be ein­ste­cken müs­sen, mal von den Ver­hör­ten, mal von den Ver­hö­ren­den, dass er seit Lan­gem je­de Hoff­nung auf Ret­tung ver­lo­ren hat­te. Sei­ne Brü­der vom Fließ­band stan­den in öf­fent­li­chen Bü­che­rei­en, bei der Post, ei­ner hat­te es so­gar ins Ein­woh­ner­mel­de­amt ge­schafft, aber die­ses Ex­em­plar hat­te Pech ge­habt und war im Po­li­zei­re­vier an der Haupt­stra­ße ge­lan­det.“

Die 1982 ge­bo­re­ne Is­rae­lin Aye­let Gundar-Gos­hen kennt als Psy­cho­lo­gin das mensch­li­che Ver­hal­ten und die Fall­stri­cke, in die es sich ge­le­gent­lich ver­fängt. Eben­so be­herrscht sie als Dreh­buch­au­torin die Kon­struk­ti­on ei­nes span­nen­den Plots. Be­wie­sen hat sie dies in ih­rem vor­letz­ten Ro­man „Lö­wen we­cken“, der was na­he liegt zur Zeit als TV-Se­rie pro­du­ziert wird. Die­se Kar­rie­re, wenn man es so be­zeich­nen möch­te, könn­te auch dem ak­tu­el­len Werk, Die Lüg­ne­rin“ , be­vor­ste­hen. Das Er­geb­nis wird je­doch bes­ten­falls in der All-Age-Ab­tei­lung zu fin­den sein. Al­ler­dings ist es nicht nur die ju­gend­li­che Haupt­fi­gur, die den Ro­man der gleich­alt­ri­gen Ziel­grup­pe zu­ord­net.

Die 17-jäh­ri­ge Nu­phar, ein von äu­ße­ren wie in­ne­ren Pro­ble­men ge­plag­ter Teen­ager, jobbt in den Fe­ri­en an der Eis­the­ke. Dort muss sie ei­nes Ta­ges nicht nur ih­re ehe­mals bes­te Freun­din und de­ren neue Cli­que der be­lieb­tes­ten Kids der Schu­le be­die­nen. Sie trifft nach die­ser De­mü­ti­gung zu­dem Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Literaturkreis, Rezensionen, Viele Verrisse am | Getaggt , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?

Eine Nachlese

Al­les ist ei­ne Fra­ge der Spra­che“, der Satz In­ge­borg Bach­manns fiel häu­fig beim dies­jäh­ri­gen Bach­mann-Wett­be­werb und er lei­te­te auch die Ab­stim­mung am Sonn­tag­vor­mit­tag ein. Mo­de­ra­tor Chris­ti­an An­ko­witch zi­tier­te al­ler­dings auch ei­nen Satz aus Fe­r­idun Zai­mo­g­lus Er­öff­nungs­re­de, des­sen Aus­sa­ge „wir ste­hen bei den Ver­las­se­nen“ im Hin­blick auf die Preis­ver­ga­be fast pro­gram­ma­tisch scheint.

Mich hat das Spek­ta­kel sehr über­rascht. Ich war er­staunt, daß in­ter­es­san­te Tex­te die­ses Jahr­gangs auf der Short­list fehl­ten. Dort fan­den sich die Au­toren Bov Bje­rg, Joshua Groß und die Au­torin­nen Öz­lem Öz­gül Dündar, Ra­phae­la Edel­bau­er, Al­ly Klein, Tan­ja Mal­jart­schuk und An­na Stern. Letz­te­re war ei­ne un­ver­ständ­li­che Wahl. Die ve­he­men­te Kri­tik an ih­rem Text wäh­rend der Ju­ry­dis­kus­si­on er­wies sich schließ­lich so­gar bei der Ab­stim­mung nicht als Hin­der­nis. Sie er­hielt für „War­ten auf Ava“ den 3sat-Preis, selbst  sehr über­rascht, wie ih­re ver­blüff­te Mie­ne zeig­te. Das Er­stau­nen war ver­ständ­lich Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Literaturpreis am | Getaggt , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

TddL 18 – Raphaela Edelbauer, Martina Clavadetscher, Stephan Lohse, Anna Stern, Joshua Groß

Von Folter an Mensch und Natur, der Metamorphose einer Störschneiderin, einem weißen Schwarzen, einem Unglück und zu viel Dissonanz

Der Vor­mit­tag des 1. Wett­be­werbs­ta­ges hin­ter­lässt ei­nen har­mo­ni­schen Ein­druck, un­ge­wohnt für mich, die ich nach zwei Jah­ren Pau­se end­lich wie­der Zeit ha­be, die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen zu ver­fol­gen. Ja, ja, frü­her war mehr Dis­put, Ge­plän­kel und Ge­me­cker un­ter den Kri­ti­kern und zu den Tex­ten. Aber auch mehr Hu­mor. Heu­te gibt es neue Köp­fe, neue Kon­stel­la­tio­nen, und ein­deu­tig ei­ne an­de­re Art mit man­geln­dem Kon­sens und Kon­flik­ten um­zu­ge­hen. Was nicht in al­lem schlecht ist. Viel­leicht lag es auch ein­fach an den drei ers­ten Tex­ten des Wett­be­werbs. Kei­ner ließ mich ab­schwei­fen. Die bei­den ers­ten ge­fie­len mir so­gar aus­ge­spro­chen gut.

Den An­fang mach­te Ra­phae­la Edel­bau­er. Als ein­zi­ge Ös­ter­rei­che­rin ist ihr die Start­po­si­ti­on zu Recht zu­ge­fal­len. Zu fürch­ten braucht sie sie nicht, denn ihr Text ist in­ter­es­sant und gut er­zählt.

Das Loch“ han­delt von den Zer­stö­run­gen, die ein Berg­werk an­rich­tet und an­ge­rich­tet hat. Dass Edel­bau­er kei­ne schö­ne Ge­schich­te er­zäh­len will, wird klar, als sie die An­fän­ge des Berg­werks im Jahr 1890 schil­dert. Pfer­de muss­ten ge­blen­det wer­den, um un­ter Ta­ge zu ar­bei­ten. Die Grau­sam­kei­ten Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Allgemein, Literaturpreis am | Getaggt , , , , , , , , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bereit für Bachmann — TddL 2018

Fe­r­idun Zai­mo­g­lu, selbst Preis­trä­ger des Jah­res 2003, er­öff­net heu­te Abend den 42. Bach­mann­preis-Be­werb mit ei­ner Re­de. Ihr Ti­tel, „Der Wert der Wor­te“, scheint an­ge­sichts ak­tu­el­ler Po­li­tik­wir­ren äu­ßerst pas­send. Doch in den nächs­ten vier Ta­gen des Wett­be­werb zu Eh­ren von In­ge­borg Bach­mann wer­den 14 Schrift­stel­ler vor­ran­gig am li­te­ra­ri­schen Wert ih­rer Wor­te ge­mes­sen.

Dies be­ur­teilt ei­ne Ju­ry aus nach wie vor sie­ben Mit­glie­dern. Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, die aus dem Schwei­zer Li­te­ra­tur­club be­kann­te Pro­fes­so­rin ist am längs­ten da­bei. Ein JAhr vor­aus hat sie Hu­bert Win­kels, seit 2010 Ju­ror da­bei ist und seit 2015 den Vor­sitz führt. In der Chro­no­lo­gie fol­gen Klaus Kast­ber­ger, Li­te­ra­tur­pro­fes­sor in Graz, und der „aus der Schweiz ein­ge­wan­der­te“ Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Literaturpreis am | Getaggt , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Unüberwundener Abschied

Kristine Bilkau erzählt in „Eine Liebe in Gedanken“ von dem, was nach einem Verlust bleibt

Ich woll­te Ed­gar Jans­sen da­zu brin­gen, sich an mei­ne Mut­ter zu er­in­nern, an sei­ne und ih­re ge­mein­sa­me Zeit. An die Lie­be zwi­schen To­ni und Ed­gar, die von so kur­zer Dau­er ge­we­sen war und für mei­ne Mut­ter doch ein Le­ben lang ge­hal­ten hat.“

Ei­ne Lie­be in Ge­dan­ken“, der Ti­tel des ak­tu­el­len Ro­mans von Kris­ti­ne Bil­kau ist zu­gleich sein The­ma: Ei­ne gro­ße Lie­be, die un­er­füllt blei­ben wird. Doch wür­de das At­tri­but noch tref­fen, wenn die Lie­be ge­lebt wor­den wä­re, über al­le Schre­cken des All­tags hin­weg? Gro­ße Lie­be, -im Ro­man selbst fällt die­ser Aus­druck nie-, so könn­ten sie es ge­nannt ha­ben, die Toch­ter, die da­von er­zählt, wie die Mut­ter, die es er­lebt hat.

An­to­nia We­ber hat ih­ren Hei­mat­ort an der Küs­te ver­las­sen und in Ham­burg ihr un­ab­hän­gi­ges Le­ben be­gon­nen.  Die 22-jäh­ri­ge ar­bei­tet als Se­kre­tä­rin und wohnt bei der Zi­ga­ril­lo rau­chen­den Frau Kon­rad zur Un­ter­mie­te, wie dies 1964 für un­ver­hei­ra­te­te Frau­en üb­lich war. Doch To­ni bleibt nicht lan­ge al­lein. Ei­ne zu­fäl­li­ge Be­kannt­schaft bringt sie mit Ed­gar zu­sam­men und schnell ist für bei­de klar, daß sie Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Unter dem Vulkan

Verena Carls sprachschöner Roman „Die Lichter unter uns“ erstickt stilsicher am Pathos

Wer will was von wem wor­aus.“

Die­ser im Ro­man zi­tier­te ju­ris­ti­sche Merk­satz könn­te als sein Leit­mo­tiv durch­ge­hen, denn fast al­le Fi­gu­ren in Ve­re­na Carls „Die Lich­ter un­ter uns“ be­fin­den sich auf der Su­che. Wo­nach scheint ih­nen je­doch selbst ver­bor­gen.

An­na sucht Auf­merk­sam­keit, ihr Mann Jo Si­cher­heit, Alex­an­der sei­ne Vi­ta­li­tät und sei­ne jun­ge Ge­lieb­te so­wie sein er­wach­se­ner Sohn su­chen nicht un­ähn­lich der 11-jäh­ri­gen Ju­dith, Toch­ter von An­na und Jo, den Aus­weg aus dem Dschun­gel des Er­wach­sen­wer­dens. Ein­zig Bru­no, Ju­diths klei­ner Bru­der, sucht und fin­det mit kind­li­cher Sorg­lo­sig­keit in ei­ner Tau­cher­bril­le mit Schnor­chel sein einst­wei­li­ges Glück.

An­na, die nach zwölf Jah­ren Ehe, mit ih­rer Fa­mi­lie ei­ni­ge Ta­ge in Ta­or­mi­na ver­bringt, dem Ort ih­rer Flit­ter­wo­chen, steht im Mit­tel­punkt der mul­ti­per­spek­tiv er­zähl­ten Ge­schich­te. Sie son­diert ih­re Be­find­lich­kei­ten, -wann fän­de man bes­ser Zeit als im Ur­laub-, und stellt ihr Fa­mi­li­en­le­ben wie Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Rezensionen, Viele Verrisse am | Getaggt , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wie­viel mei­ner Ge­schich­te mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Pe­ter Stamm be­vor­zugt in sei­nem Schrei­ben das Spiel mit den Ebe­nen. Sei­ne Fi­gu­ren chan­gie­ren in ih­ren Funk­tio­nen, be­wusst oder un­be­wusst. Der Prot­ago­nist wird zum Er­zäh­ler, der Er­zäh­ler zur Fi­gur, zu­wei­len so­gar mit den Zü­gen des Au­tors. So ent­steht ei­ne Mi­schung aus Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, die Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern Le­se­freu­de be­rei­tet, und mit der sich seit ge­rau­mer Zeit auch vie­le Schü­ler und de­ren Leh­rer aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Nach­dem Agnes zu­min­dest in den Schu­len hier im Länd­le tur­nus­be­dingt als Abi-Stoff aus­sor­tiert wur­de, bie­tet sich Stamms neu­er Ro­man als Nach­fol­ger an, denn „Die sanf­te Gleich­gül­tig­keit der Welt“ nimmt deut­lich Be­zug auf Stamms be­rühm­tes De­büt. Hier wie dort ver­schie­ben sich Er­zähl­ebe­nen und Fi­gu­ren in par­al­le­len Wel­ten. Hier wie dort steht ein Schrift­stel­ler im Mit­tel­punkt, der sei­ne Lie­be zum Ge­gen­stand sei­ner Fik­ti­on macht.

Stamm stellt wie so oft in sei­nen Ro­ma­nen die Fra­ge nach der Au­then­ti­zi­tät von Er­in­ne­rung. Kön­nen wir ihr und da­mit uns selbst ver­trau­en? Oder for­men wir, in­dem wir uns er­in­nern, nicht stän­dig al­les um? Wel­che Rol­le spielt da­bei die Li­te­ra­tur?

In sei­ner Re­de zum So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis, bie­tet Pe­ter Stamm ei­nen Schlüs­sel Le­sen fort­set­zen

Veröffentlicht in Lauter Lob, Literaturpreis, Rezensionen am | Getaggt , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar