Emanzipation durch Eskapismus?

Fang Fang schildert in „Blume Vollmond“ die Auswirkungen von Kontrolle und Fremdbestimmung

Für Raz­zi­en die­ser Art in­ter­es­sier­te Yue Man­hua sich nicht. Als sie sich je­doch durch die Men­ge der Gaf­fer dräng­te, ver­nahm sie plötz­lich ein klap­pern­des Ge­räusch, als fie­len un­ter­schied­lich gro­ße Per­len auf ein Ja­de­ta­blett, ein Ge­räusch, das schlag­ar­tig ih­re Ner­ven zum Er­zit­tern brach­te. Ein all­zu ver­trau­tes Ge­räusch! Fast gleich­zei­tig stie­gen die schöns­ten und an­ge­nehms­ten Er­in­ne­run­gen in ih­rem Ge­dächt­nis em­por. Sie blieb wie fest­ge­na­gelt ste­hen und späh­te durch ei­ne Lü­cke zwi­schen den Schau­lus­ti­gen. Ver­streut auf dem Bo­den zwi­schen Sta­peln von Kin­der­bü­chern lie­gend, sah sie Mah-Jongg-Spiel­stei­ne und da­ne­ben ei­ne öl­ver­schmier­te Holz­schach­tel. Das Glück war ihr in den Schoß gefallen.“

 „Blu­me Voll­mond“, das neue Werk der chi­ne­si­schen Au­torin Fang Fang konn­te nach sei­ner Voll­endung 2024 we­gen des staat­lich ver­häng­ten Pu­bli­ka­ti­ons­ver­bots nicht in der Hei­mat der Schrift­stel­le­rin er­schei­nen und wur­de erst­mals 2025 in der deut­schen Über­set­zung von Mi­cha­el Kahn-Acker­mann pu­bli­ziert. Der Ro­man über­rascht durch sei­nen Ton, den ein­fa­chen Satz­bau, der Wie­der­ho­lung von Mo­ti­ven und Kern­aus­sa­gen so­wie den mo­ra­li­schen Be­wer­tun­gen sei­nes all­wis­sen­den Er­zäh­lers. Man ver­mu­tet sich in ei­nem Mär­chen oder eher ei­ner Le­gen­de, denn die Zeit und der Ort sind deut­lich be­nannt. Die Hand­lung spielt in ei­ner Kreis­stadt der Volks­re­pu­blik Chi­na, ei­nem „ab­seits ge­le­ge­nen Städt­chen“ im „Sü­den des Lan­des“ und um­fasst den Zeit­raum von 1949 bis 2008. Die Haupt­fi­gur ist die Toch­ter ei­nes rei­chen Ge­schäfts­manns, die ih­ren schö­nen spre­chen­den Na­men Hua Manyue, Blu­me Voll­mond, schon bald in das nichts­sa­gen­de Pseud­onym Yue Man­hua um­wan­deln muss. Als „ver­zo­ge­ner Spröss­ling ei­ner rei­chen Fa­mi­lie“ saß sie im Spiel­sa­lon der „ehr­wür­di­gen Da­me Chen“ ver­tieft beim Mah-Jongg und ver­pass­te die Flucht ih­rer Fa­mi­lie. Die Hua hat­ten es als Nach­kom­men ei­nes War­lords zu Wohl­stand und Ein­fluss ge­bracht. „Hua Dao­gang, der Haus­herr, galt als klug und um­sich­tig und trug den Bei­na­men »Oh­ne­feind«, sein Sohn, Hua Ma­jiang, war stark und un­ge­stüm und wur­de »der Ty­rann« ge­nannt. Die­se Be­zeich­nun­gen wa­ren nicht un­be­grün­det. Das Ge­schäft der Fa­mi­lie nahm fast die hal­be Stra­ße ein, und die Stra­ße selbst hieß »Hal­be Hua-Stra­ße«.“ Doch nun ist der ge­sam­te Be­sitz per­du und Hua Manyue wird der Ein­tritt in ihr Zu­hau­se von Sol­da­ten ver­wehrt. Hei­mat- und mit­tel­los bleibt ihr ein­zig der nied­rigs­te Die­ner des Hau­ses, Wang Vier, der sie auf Be­fehl des Va­ters vom Mah Jongg los­ei­sen und mit sei­ner Rik­scha zum Ha­fen brin­gen soll­te. Na­tür­lich hat­te er bis auf ei­ne Ohr­fei­ge kei­nen Er­folg und Manyue folg­lich kei­ne Chan­ce, die Toch­ter ei­ner rei­chen Fa­mi­lie zu blei­ben. Sie hört auf den Rat des klu­gen Kochs A Gui und bleibt beim gut­mü­ti­gen, aber ein­fäl­ti­gen Kut­scher Wang Vier, der zu­sam­men mit sei­ner Mut­ter ei­ne bau­fäl­li­ge Ba­ra­cke be­wohnt. „Da­mit en­de­te das Le­ben von Hua Manyue, und das Le­ben von Yue Man­hua be­gann. Es war, als hand­le es sich um zwei voll­kom­men ver­schie­de­ne Per­so­nen: Hua Manyues Ta­ge wa­ren von Duft er­füllt ge­we­sen, Yue Man­hu­as Ta­ge da­ge­gen von Gestank.“

Nicht nur für sie hat sich die Welt ver­än­dert, das ge­sam­te chi­ne­si­sche Volk er­hält durch Mao Ze­dongs „Be­frei­ung“ ei­ne an­de­re. Ent­eig­nung und Bo­den­re­form, Ge­set­ze und ver­meint­li­che Gleich­be­rech­ti­gung be­sche­ren je­doch kei­ne schö­ne­re Welt mit bes­se­rer Mo­ral. „In der neu­en Ge­sell­schaft wa­ren die ar­men Leu­te Her­ren im ei­ge­nen Haus.“ Den­noch bleibt je­der sich selbst der Nächs­te, „es (gibt) auch kei­ne gnä­di­gen Her­ren mehr, man sagt Ge­nos­se“. Sie fol­gen den Ma­xi­men der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und ih­rer un­gnä­di­gen Funktionäre.

Yue Man­hua passt sich den neu­en Re­geln an. Sie fin­det sich in ei­nem Le­ben wie­der, das ih­rem vor­he­ri­gen voll­kom­men ent­ge­gen­ge­setzt ist und den­noch wei­ter­ge­hen wird. „Als sie im Mor­gen­grau­en er­wach­te, hör­te sie das fröh­li­che Sin­gen und La­chen von Kin­dern aus der Fer­ne, le­ben­dig und vol­ler En­er­gie. In die­sem Mo­ment wur­de ihr plötz­lich be­wusst, dass die Welt sich wirk­lich ver­än­dert hatte.“

Fang Fang schil­dert das ent­beh­rungs­rei­che Le­ben ih­rer einst pri­vi­le­gier­ten Hel­din in gro­ßen Sprün­gen. „So ver­ging die Zeit, und mit ih­rem Ver­ge­hen ver­gaß Yue Man­hua selbst, dass sie ein­mal Hua Manyue ge­we­sen war.“ Die pri­va­ten Etap­pen ih­rer Fi­gur, die zur Ehe­frau, Mut­ter, Ar­bei­te­rin und schließ­lich In­ha­be­rin ei­ner mo­der­nen Woh­nung ge­macht wird, macht Fang Fang zum Ex­em­pel für die po­li­ti­schen Etap­pen der Volks­re­pu­blik, die „Kam­pa­gne ge­gen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re“, die In­dus­tria­li­sie­rung im „Gro­ßen Sprung“, die Ver­fol­gun­gen wäh­rend der „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“ so­wie die „Re­form und Öff­nung“ wäh­rend der letz­ten bei­den Jahr­zehn­te des 20. Jahr­hun­derts. Fang Fangs Fi­gu­ren re­agie­ren auf die­se Um­brü­che durch „Ängs­te und Lei­den­schaf­ten“, wie Kahn-Acker­mann in sei­nem Nach­wort be­tont. Wangs und A Gu­is Hoff­nung auf Be­loh­nung durch Hua Manyues Va­ter, weicht der Angst, daß al­les auf­flie­gen könn­te. „A Gui eil­te her­bei, um zu be­rich­ten, dass es den rei­chen Leu­ten an den Kra­gen gin­ge, dass die Fa­mi­lie Hua ver­mut­lich nicht zu­rück­keh­ren wür­de und die wah­re Her­kunft des gnä­di­gen Fräu­leins nicht der Öf­fent­lich­keit preis­ge­ge­ben wer­den dür­fe.“ Der Koch A Gui wird sich auch im Fol­gen­den als die klügs­te Fi­gur des Ro­mans er­wei­sen. Nicht klug, aber bau­ern­schlau auf den ei­ge­nen Vor­teil be­dacht, bleibt die Fa­mi­lie Wang. Schon die Groß­mutter spornt ih­ren En­kel, Yue Man­hu­as un­ge­lieb­ten Sohn, an: „Die Ge­sell­schaft hat sich von Grund auf ge­än­dert, mach, dass sich auch un­se­re Fa­mi­lie von Grund auf än­dert. Streng dich an, ei­ner von den Obe­ren zu wer­den.“ Er wird ih­rem Wunsch folgen.

Yue Man­hua stört das al­les nicht. Vor­der­grün­dig zeigt sie sich kalt und stumpf ge­gen al­le Ge­füh­le. Sie fügt sich den Ge­scheh­nis­sen. „Sie ver­stand sehr gut, dass sie in die­ser Welt ganz al­lein exis­tier­te. Aber sie litt nicht dar­un­ter.“ Sinn fin­det sie in stun­den­lan­gen Mah-Jongg-Par­tien mit ein­ge­bil­de­ten Mit­spie­lern. „Nie­mand ahn­te, dass Yue Man­hua in ei­ner Zeit, in der je­der­mann Ge­fah­ren aus­ge­setzt war, ein selbst­ge­nüg­sa­mes geis­ti­ges Le­ben führ­te. Sie war in ei­ne ei­ge­ne Welt ein­ge­taucht und ge­noss sie kom­plett auf sich gestellt.“

Fa­ta­lis­mus und Es­ka­pis­mus wa­ren schon im­mer ih­re Stra­te­gien ge­gen Fremd­be­stim­mung ge­we­sen. Als Toch­ter, die dem Wil­len ih­res Va­ters zu fol­gen hat­te, eben­so, wie als Ge­nos­sin, die dem Kom­man­do der Ein­heits­par­tei un­ter­liegt. Das Auf­ge­hen im Mah-Jongg hin­ge­gen be­freit sie von al­len An­sprü­chen. „Mah-Jongg zu spie­len be­deu­tet Wet­ten ein­ge­hen. Wet­ten ge­gen an­de­re, aber auch ge­gen sich selbst. Es geht dar­um, sich be­din­gungs­los dem Glück zu über­las­sen. Kei­ner hat dich un­ter Kon­trol­le, und du hast nie­man­den un­ter Kon­trol­le – nicht ein­mal dich selbst. Al­les liegt in den Hän­den des Schicksals.“

In ih­rem Ro­man „Blu­me Voll­mond“ ver­packt Fang Fang ih­re Kri­tik am to­ta­li­tä­ren Re­gime im ei­gen­ar­tig wi­der­stän­di­gen, in­di­vi­dua­lis­ti­schen Ver­hal­ten ih­rer Protagonistin.

Sprach­lich leicht kon­stru­iert, wählt die Au­torin tref­fen­de Bil­der, et­wa wenn ei­ne herz­ver­schlin­gen­de Schlan­ge Ent­täu­schung sym­bo­li­siert. Auch fehlt es trotz erns­ter La­ge nie an Hu­mor, denn „Ein ge­schlach­te­tes Schwein fürch­tet sich nicht mehr da­vor, ab­ge­brüht zu werden.“

Fang Fang, Blume Vollmond, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe 2025

Versuch einer Selbstbefreiung

Kerstin Holzer ergründet in „Monascella“ Monika Manns Lebenskrisen

Man muss sich ver­här­ten, sonst geht man kaputt.“

Die­ser Satz fiel 1986 auf Ca­pri in der Vil­la Mo­na­co­ne, die ih­ren Na­men nicht von Mo­ni­ka Mann, der da­ma­li­gen Be­woh­ne­rin er­hielt, son­dern we­gen ih­res Aus­blicks auf den „Sco­glio di Mo­na­co­ne“, ei­nen Mee­res-Fel­sen vor der Süd­ost­spit­ze der In­sel. Die mitt­le­re Toch­ter aus der be­rühm­ten Fa­mi­lie Mann zog die bit­te­re Bi­lanz nach 75 Le­bens­jah­ren und of­fen­bar­te sie der Jour­na­lis­tin Hel­ga Schalk­häu­ser. Sie schloß den Wunsch an, die­se mö­ge nicht nur ei­nen Ar­ti­kel schrei­ben, son­dern ein gan­zes Buch über sie. Was die Jour­na­lis­tin da­mals ab­lehn­te, er­füllt Kers­tin Hol­zer mit „Mo­nas­cel­la“, ei­nem Buch, das ent­ge­gen sei­nem Un­ter­ti­tel, weit­aus mehr als „Mo­ni­ka Mann und ihr Le­ben auf Ca­pri“ be­han­delt. Zwar war ei­ne per­sön­li­che Be­geg­nung ver­wehrt, Mo­ni­ka Mann starb 1992, doch Hol­zer konn­te auf Brie­fe und an­de­re Text­quel­len zu­rück­grei­fen und führ­te Ge­sprä­che mit Zeit­zeu­gen, un­ter an­de­ren mit Fri­do Mann und ih­rer Vor­gän­ge­rin Schalkhäuser.

In „Mo­nas­cel­la“ steht nicht nur Mo­ni­ka Manns Le­ben auf Ca­pri im Vor­der­grund, das sie von 1954 bis 1986 fast von An­fang an mit An­to­nio Spa­da­ro teil­te, ei­nem Ca­p­re­ser, des­sen Fa­mi­lie Ei­gen­tü­me­rin der Vil­la war, und der eben­falls dort ei­ne Woh­nung be­saß. Zu­nächst nur als Zu­flucht ge­dacht bot Ca­pri Mo­ni­ka die „Ver­such ei­ner Selbst­be­frei­ung“ weiterlesen

Idyll mit Hund

Thomas Mann macht Ferien“ von Kerstin Holzer  — Thomas Mann Jubiläum

Die­ses Fleck­chen baye­ri­scher Er­de, es ist wirk­lich ein Idyll. Wenn Tho­mas Mann auf der Ter­ras­se sei­ner Fe­ri­en­vil­la steht, die auf ei­ner klei­nen An­hö­he thront, blickt er über ei­ne saf­tig grü­ne Wie­se mit Lö­wen­zahn und Gän­se­blüm­chen, über Flie­der­bü­sche, Ap­fel­bäu­me und ei­nen klei­nen Wald, der den ab­schüs­si­gen und ma­le­risch ver­wil­der­ten Gar­ten rechts be­grenzt, da­hin­ter er­hebt sich ein Berg. Nach Sü­den sieht er weit in die Al­pen, und gleich un­ten am Hang war­tet die ei­gent­li­che Sen­sa­ti­on: Der Te­gern­see leuch­tet. Zum An­we­sen ge­hö­ren ein schma­ler, kies­ge­säum­ter Ba­de­strand (»Li­do« nennt Tho­mas Mann ihn, das klingt mon­dä­ner) und ein Steg, ein klei­nes Boots­haus und ein Ru­der­boot.“ (…) „Und wer mit sei­nem Hund täg­lich durch ein sol­ches Idyll streift, kann oh­ne­hin nicht an­ders, als trotz al­ler Sor­gen ge­le­gent­li­che Hoch­stim­mung zu er­fah­ren. Die Be­geis­te­rungs­fä­hig­keit und Le­bens­freu­de ei­nes Vier­bei­ners sind ret­tungs­los an­ste­ckend, Gott sei Dank. So übel kann die Lau­ne gar nicht sein, dass man von der Mor­gen­run­de mit sei­nem Hund nicht leich­te­ren Her­zens zu­rück­keh­ren würde.“

2025 jährt sich der Ge­burts­tag des Schrift­stel­lers Tho­mas Mann zum 150. Mal. Pünkt­lich zu die­sem Ju­bi­lä­um er­schie­nen zahl­rei­che Wer­ke, von de­nen mich ei­ni­ge in den zu­rück­lie­gen­den Wo­chen be­glei­te­ten. Dar­un­ter die er­zäh­len­den Sach­bü­cher von Kers­tin Hol­zer und Flo­ri­an Il­lies so­wie die Bio­gra­phien von Til­mann Lah­me und Mar­tin Mittelmeier.

Holz­ers klei­nes Buch, „Tho­mas Mann macht Fe­ri­en“, war pas­sen­der­wei­se mei­ne Ur­laubs­lek­tü­re. Wäh­rend ich an ei­nem nor­di­schen Fjord Kunst und Kü­hen be­geg­ne­te, war Fa­mi­lie Mann mit fünf Kin­dern und dem Hund Bauschan am Te­gern­see. Die­ser war schon lan­ge die De­sti­na­ti­on der Wahl. Nicht weit vom Wohn­ort Mün­chen ge­le­gen, ver­brach­ten die Manns den Som­mer im ei­ge­nen Fe­ri­en­haus in Tölz. Da Mann die­ses 1917 in Kriegs­an­lei­hen um­setz­te, wur­de 1918 mit Un­ter­stüt­zung der Schwie­ger­el­tern Pringsheim die Vil­la De­fr­eg­ger an­ge­mie­tet. Um­ge­ben von ei­nem gro­ßen Gar­ten am Ufer des Sees bot das An­we­sen ge­nü­gend Raum für Fa­mi­lie, Per­so­nal und Besucher.

An­schau­lich und psy­cho­lo­gisch ein­fühl­sam er­zählt Hol­zer, was die Manns in ih­rer Som­mer­fri­sche trei­ben. Die Haupt­fi­gur ist hier al­ler­dings der Hund, denn die Au­torin lässt Bauschan be­reits im Pro­log auf­tre­ten, „ein kurz­haa­ri­ger Hüh­ner­hund (…) krumm­bei­ni­ger, klei­ner und schnauz­bär­ti­ger, als die Züch­ter for­dern, da­für sehr sym­pa­thisch mit sei­nem dun­kel ge­strom­ten, röt­li­chen Fell und der schwar­zen Na­se“. Sei­ne Büh­ne ist der Steg, wo er all­abend­lich sei­nen Herrn bei der Rück­kehr von der Boots­tour mit sei­ner Ehe­frau, über­schwäng­lich emp­fängt. Wäh­rend die­se den Hund nur ne­ben­bei streift, ist die Freu­de bei „Idyll mit Hund“ weiterlesen

Zauberlehrling?

Nelio Biedermanns Familien-Saga „Lázár“ lebt durch gute Konstruktion auf den Schultern von Riesen

Am meis­ten lieb­te er es zu schrei­ben. Wo­bei „lie­ben“ ei­gent­lich das fal­sche Wort war, denn er schrieb nicht aus Lie­be, son­dern aus ei­nem sich völ­lig na­tür­lich an­füh­len­den Zwang her­aus, ei­nem Zwang, der sich wohl am ehes­ten mit je­nem, at­men zu müs­sen, ver­glei­chen lässt. Es war dem Jun­gen, als müs­se er al­les Wich­ti­ge auf­schrei­ben, als wür­den ihm die Din­ge sonst ent­glei­ten, als wür­den sie erst durch die von ihm voll­führ­te Ma­te­ria­li­sie­rung ih­re Gül­tig­keit erhalten.“

Ein gro­ßes Echo hat Ne­lio Bie­der­mann mit sei­nem Ro­man „Lá­zár“ er­zeugt. Über­schwäng­lich wur­de er von Li­te­ra­tur­kri­ti­kern und Schrift­stel­ler­kol­le­gen ge­lobt, die ihn schwär­me­risch in höchs­te Sphä­ren ho­ben. Dies er­zeugt Er­war­tun­gen, de­nen es stand­zu­hal­ten gilt.

Ich hät­te von der Lek­tü­re des Ro­mans Ab­stand ge­nom­men, wä­re da nicht mein Li­te­ra­tur­kreis ge­we­sen, der „Lá­zár“ aufs Pro­gramm setz­te. An­ge­sichts der Me­di­en­prä­senz des Bu­ches si­cher ganz zu Recht. Um es vor­weg­zu­neh­men, nicht al­le in un­se­rer Run­de wa­ren ent­täuscht: „Lá­zár“ ha­be ei­nen gro­ßen Un­ter­hal­tungs­wert, wur­de kri­ti­schen Stim­men ent­ge­gen­ge­setzt. Män­gel, wie un­ein­deu­ti­ge Be­zü­gen in Satz­gir­lan­den oder un­aus­ge­führ­te Mo­ti­ve sei­en dem Al­ter des Au­tors ge­schul­det. Die­ser wir­ke im Üb­ri­gen grund­sym­pa­thisch. Doch das stellt eben­so we­nig ein li­te­ra­ri­sches Kri­te­ri­um dar, wie, ba­nal ge­sagt, die Fri­sur ei­nes Schrift­stel­lers oder, was schon schwer­wie­gen­der wä­re, des­sen po­li­ti­sche Einstellung.

Der Er­folg von „Lá­zár“, im­mer­hin wur­den die Rech­te am Ro­man vor Er­schei­nen an über 20 fremd­spra­chi­ge Ver­la­ge ver­kauft, ba­siert zum nicht un­er­heb­li­chen Teil auf sei­ner Kon­struk­ti­on. Bie­der­manns Schreib­kunst er­zeugt ei­nen schnel­len Le­se­fluss. So hat­te ich das Buch trotz an­fäng­li­cher Ver­zweif­lung bald be­en­det, sei­nes pa­the­ti­schen Tons, vor­her­seh­ba­rer Ab­läu­fe und al­ber­ner Sex- „Zau­ber­lehr­ling?“ weiterlesen

Kunstverbrechen

Laura Evans berichtet im Atlas der Kunstverbrechenüber Diebe, Fälscher und Vandalen

Mit je­dem ver­schwun­de­nen Kunst­werk ver­lie­ren wir ei­nen Teil un­se­rer kol­lek­ti­ven Mensch­lich­keit. Ei­ne Ver­bin­dung zu un­se­rer Ver­gan­gen­heit wird für im­mer ge­kappt und un­ser Sinn für Iden­ti­tät so­wie un­ser Ver­trau­en verletzt.“

Vor we­ni­gen Ta­gen wur­de der Lou­vre er­neut zum Tat­ort ei­nes Kunst­raubs. Die Tä­ter ge­lang­ten mit ei­ner He­be­büh­ne auf ei­nen Bal­kon, zer­stör­ten die Fens­ter und be­tra­ten die Gal­le­rie d’Apollon, wo die so­ge­nann­ten Kron­ju­we­len Frank­reichs auf Be­wun­de­rung war­ten. Ei­ni­ge Be­su­cher be­fan­den sich be­reits im Raum ‑das Mu­se­um hat­te seit ei­ner hal­ben Stun­de ge­öff­net- und er­leb­ten ver­blüfft, wie Die­be die Vi­tri­nen auf­bra­chen und meh­re­re Schmuck­stü­cke herausrissen.

Die­ser dreis­te Coup vor al­ler Au­gen zeigt wie­der ein­mal, wie schwer es ist, Si­cher­heit in ei­nem Mu­se­um zu ga­ran­tie­ren, das dem Pu­bli­kum oh­ne gro­ße Hür­den zu­gäng­lich sein will. Man fühlt sich an ver­gan­ge­ne Zei­ten er­in­nert, als die Mo­na Li­sa oh­ne Auf­se­hen zu er­re­gen von ei­nem Hand­wer­ker ent­führt wer­den konn­te. Das wä­re heu­te nicht mehr mög­lich, meint man an­ge­sichts der Ein­lass­kon­trol­len und des all­ge­gen­wär­ti­gen Wach­per­so­nals. Doch wei­te­re An­schlä­ge auf „Kunst­ver­bre­chen“ weiterlesen

High-Performer

Verena Keßler schreibt in „Gym“ über den zwanghaften Ehrgeiz einer Frau

Es war nur ei­ne Pha­se, sag­te ich mir. Es wür­de al­les bes­ser wer­den, wenn ich mein Ziel er­reicht hät­te. Wenn ich da wä­re, wo ich hin­ge­hör­te. Wenn ich ge­zeigt hät­te, dass ich nicht nur gut war. Son­dern die Beste.“

 Zu­ge­ge­ben, we­der der Ti­tel noch das Co­ver die­ses Ro­mans ha­ben mich an­ge­spro­chen. An ei­nem Gym ge­he ich höchs­tens vor­bei und wun­de­re mich über die Leu­te auf den Lauf­bän­dern, die egal wie schnell sie ren­nen nicht vom Fleck kom­men, son­dern hin­ter den Glas­schei­ben blei­ben. Und doch war ich nach we­ni­gen Sät­zen mit­ten­drin in Ve­re­na Keß­lers Gym, ei­nem „Pa­last aus glän­zen­den Oberflächen.“

Dort ar­bei­tet die na­men­lo­se Ich-Er­zäh­le­rin, ei­ne Frau in den Drei­ßi­gern, die, wie der Pro­log of­fen­bart, bald die Me­cha­nis­men der Bran­che durch­blickt. Sie steht hin­ter dem Tre­sen zwi­schen Shakes mit Na­men wie „Mus­cle-Hust­le“ oder „Six­pack on the Beach“ und schnell wird klar, daß sie dort hoff­nungs­los un­ter­for­dert ist. „Es er­staun­te mich selbst, wie schnell ich in die­se pas­si­ve Hal­tung hin­ein­ge­fun­den hat­te, wie leicht es mir fiel, all die Din­ge zu igno­rie­ren, die man ver­bes­sern könn­te — Ar­beits­ab­läu­fe, Preis­ge­stal­tung, Kurs­plä­ne. Wann im­mer mir da­zu ein Ge­dan­ke kam, schob ich ihn ein­fach bei­sei­te und er­in­ner­te mich dar­an, dass so et­was von mir nicht er­war­tet wur­de. Ich war nur ei­ne ge­wöhn­li­che Mit­ar­bei­te­rin, nichts weiter.“

Die­se Hoch- oder viel­mehr Tief­stap­le­rin hat ein Ge­heim­nis. Es ist nicht nur die Lü­ge, vor kur­zem ent­bun­den zu ha­ben, mit der sie ih­ren fit­ness­fer­nen Kör­per ka­schiert und den Job er­gat­tert. Manch­mal er­in­ner­te sie sich „an frü­her, als ich mei­ne Kaf­fee­tas­sen nach Fei­er­abend ein­fach in die Bü­ro­kü­che ge­stellt hat­te. Nicht in den Ge­schirr­spü­ler, son­dern auf die Ar­beits­flä­che. Wir al­le hat­ten das so ge­macht, hät­ten nie ei­nen Fin­ger ge­krümmt für et­was, das nicht als billable hour ein­ge­tra­gen wer­den konnte.“

Je tie­fer man durch Keß­lers tem­po­rei­ches wie sub­til iro­ni­sches Er­zäh­len in die­ses Gym, das man doch ei­gent­lich gar nicht be­tre­ten woll­te, hin­ein­ge­zo­gen wird, um­so mehr of­fen­bart sich „High-Per­for­mer“ weiterlesen

Retrograde Dystopie

Selina Holešinsky entwickelt in ihrem Debüt „Schaltiere am Waldboden“ ein atemraubendes Pilot-Projekt

Va­ti er­klär­te mir das mit den Au­tos so, dass der Staat woll­te, dass die Men­schen ih­re Au­tos auf­ga­ben, weil je­mand, der noch grö­ßer war als der Staat, es so ver­lang­te. Da­her konn­te man auch dem Staat nicht die Schuld ge­ben. Je wei­ter man aber nach dem Schul­di­gen such­te, des­to hö­her hin­auf muss­te man, und ir­gend­wann lan­de­te man beim Wet­ter. Und dort liegt das ei­gent­li­che Pro­blem, weißt du, Ma­rill­chen? Al­so hat­te der Staat un­ser Dorf aus­ge­wählt, weil es al­lei­ne war, ein­sa­mer und ru­hi­ger als al­le an­de­ren Dör­fer zu­sam­men. So ru­hig so­gar, dass vor ei­ni­ger Zeit ei­ne Wel­le Stadt­men­schen die­ses Dorf auf­grund sei­ner Idyl­le ge­flu­tet hat­te. Das Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge hat­te das Dorf nach fieb­ri­ger Su­che als Ku­lis­se für sei­nen Gar­ten­ka­ta­log aus­ge­wählt, wäh­rend al­le Dorf­men­schen und al­le Stadt­men­schen wo­chen­lang spe­ku­lier­ten, wel­ches Dorf ge­win­nen wür­de. Dör­fer wur­den auf Lis­ten ge­setzt, Bil­der ver­schickt, das Für und das Wi­der an saf­ti­gen Gras­hal­men her­bei­ge­zo­gen und ver­wor­fen. Den Dörf­lern ging es um ih­ren Stolz, den Städ­tern um den Traum von Idyl­le am Land, dem nur ein klei­ner Teil der Stadt­men­schen tat­säch­lich nach­ging. Die­ser klei­ne Teil aber be­völ­ker­te das aus­er­ko­re­ne Ge­win­ner­dorf in ei­ner Dich­te, wie es die Dorf­men­schen nicht er­war­tet hat­ten. Die Neu­en, sie ka­men mit ver­klär­ten Au­gen und träu­men­den Wor­ten. Sie ka­men mit Bil­dern, die sie über das brö­ckeln­de Ge­mäu­er, die tropf­nas­sen Dä­cher, die lee­ren Spei­se­kam­mern stülp­ten und die ein Glück mit­brach­ten, das den Hie­si­gen nicht an­ge­nehm war.“

Gibt es ei­gent­lich noch den Ma­nu­fac­tum-Ka­ta­log, die Welt der schö­nen, al­ten Din­ge, wo we­der Ther­mo­mix noch Saug­ro­bo­ter zu fin­den sind, son­dern But­ter­fäss­chen mit Hand­kur­bel und ähn­li­cher Re­tro­schick? Se­li­na Ho­lešin­sky macht in ih­rem De­büt „Schal­tie­re am Wald­bo­den“ ein Dorf zum Schau­platz ih­rer Dys­to­pie, des­sen na­tur­na­hes Idyll es zu­nächst zur Ku­lis­se für das „Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge“ kürt und es dann zum Mo­dell für das Kli­ma­pro­jekt der Re­gie­rung macht. Sei­ne Be­woh­ner hat­ten Auf­la­gen zu er­fül­len, de­nen sie we­gen der gro­ßen Kri­se, höchst „Re­tro­gra­de Dys­to­pie“ weiterlesen

Eigentumsrechte

In „Die Legende“ erzählt Grisham von geistigen und materiellem Eigentum

Ich bin fas­zi­niert von ih­rer Ge­schich­te, Love­ly. Von der Ge­schich­te Ih­rer Leu­te und de­ren Über­le­bens­kampf auf der In­sel. Und jetzt gibt es ei­ne neue Be­dro­hung, ei­ne, die die In­sel zer­stö­ren wird.“ (…)
 „Die gan­ze Ge­schich­te ha­be ich be­reits aufgeschrieben.“
„Ja, das ha­ben Sie, und wie ich schon sag­te, sie ge­fällt mir sehr gut. Aber jetzt geht sie wei­ter. Ich will die Ver­gan­gen­heit in ih­rer gan­zen Kom­ple­xi­tät mit der Ge­gen­wart und ih­ren Kon­flik­ten verknüpfen.“
„Das hört sich nach sehr viel Ar­beit an, nur um ein paar Bü­cher zu verkaufen.“
„Ich kann Ih­nen ver­si­chern, dass es sich gut ver­kau­fen wird. Der Buch­ent­wurf, den ich an mei­ne Agen­tin in New York schi­cken wer­de, ist fast fer­tig. Wenn er ihr ge­fällt – und da­von ge­he ich aus — , wird sie al­les dran­setz­ten, das Kon­zept an ei­nen gro­ßen Ver­lag zu ver­kau­fen. Viel­leicht be­kom­men wir ei­nen Ver­trag, und dann wird das Buch veröffentlicht.“ (…)
„Wie viel Geld wer­den wir da­mit verdienen?“
Mer­cer hat­te mit der Fra­ge ge­rech­net. „Es ist noch zu früh, über Geld zu re­den. Wir müs­sen ab­war­ten, ob wir tat­säch­lich ei­nen Ver­lag fin­den, und dann kön­nen wir ei­nen Ver­trag aushandeln.“
„Dann be­kom­me ich al­so ei­nen Teil von dem Geld?“
„Das ist nur recht und bil­lig, Love­ly, aber im Mo­ment ha­be ich kei­ne Ah­nung, wie viel es sein wird.“

Schrift­stel­ler sind Die­be“ sag­te John Gris­ham im Jahr 2018 in ei­nem In­ter­view in der Süd­deut­schen Zei­tung auf die Fra­ge, wo­her er sei­ne Ideen neh­me und er­gänz­te, „wir steh­len Ge­schich­ten aus der Wirk­lich­keit und mo­di­fi­zie­ren sie nur“. Die­ses Be­kennt­nis liegt sei­nem neu­en Ro­man „Die Le­gen­de“ als Idee zu­grun­de und ge­stal­tet die­sen in­halt­lich wie formal.

Ca­mi­no Ghosts“, so der Ori­gi­nal­ti­tel, ist der drit­te Teil ei­ner Tri­lo­gie um Bruce Ca­ble, den In­ha­ber ei­ner Buch­hand­lung auf Ca­mi­no Is­land an der Küs­te Flo­ri­das. Als um­trie­bi­ger Buch­händ­ler und Bon­vi­vant ge­lingt es ihm nicht nur sei­ne Kun­den li­te­ra­risch zu in­spi­rie­ren, son­dern auch Schrift­stel­ler, die Pro­du­zen­ten sei­ner Wa­ren. Wer die bei­den Vor­gän­ger­ro­ma­ne, Das Ori­gi­nal und Das Ma­nu­skript kennt — was nicht zwin­gend not­wen­dig ist -, be­geg­net der jun­gen Mer­cer wie­der, die nach ei­ner Idee für ih­ren zwei­ten Ro­man sucht. Ca­ble ver­weist sie auf den au­to­bio­gra­phi­schen Be­richt ei­ner In­sel­be­woh­ne­rin, der in sei­nem Ge­schäft aus­liegt, seit­dem er der Au­torin zur Ver­öf­fent­li­chung ver­hol­fen hat. Love­ly, ei­ne Nach­kom­min von ver­sklav­ten Afri­ka­nern, er­zählt dar­in von ih­ren „Ei­gen­tums­rech­te“ weiterlesen

Ein überquellender Schambecher

In „Dream Count“ thematisiert Chimamanda Ngozi Adichie die Diskriminierung weiblicher Lebensentwürfe hart am Chicklit

»Lebst du das Le­ben, das du dir für dich vor­ge­stellt hast?«, frag­te ich. »Nein, aber wer tut das schon?« »Ich den­ke, da gibt es ei­ni­ge Leu­te.« »Man­che Leu­te den­ken, dass man­che Leu­te es tun.« »Wie meinst du das? Dass es auf nie­man­den zu­trifft? Das ist de­pri­mie­rend.« »Ist es das? Ich fin­de es ziem­lich be­ru­hi­gend.« »Ich möch­te dar­an glau­ben, dass man­che Men­schen es tun. Was für ei­nen Sinn hät­te das Gan­ze denn sonst?« Er sah er­nüch­tert aus. »Hilft es zu wis­sen, dass die Welt vol­ler Men­schen ist, die noch trau­ri­ger sind als du?«

Für ihr Werk „Ame­ri­ca­nah“ er­hielt die in Ame­ri­ka le­ben­de Ni­ge­ria­ne­rin Chi­ma­man­da Ngo­zi Adi­chie Auf­merk­sam­keit und An­er­ken­nung. Mit „Dream Count“ hat sie nun ei­nen Ro­man vor­ge­legt, von dem man, an­ge­sichts sei­nes Schmö­ker­po­ten­ti­als, nicht all­zu viel ver­ra­ten möch­te. Adi­chie the­ma­ti­siert dar­in die Un­ge­rech­tig­kei­ten zwi­schen Män­ner und Frau­en, Rei­chen und Ar­men, Wei­ßen und Nicht­wei­ßen, kurz ge­sagt zwi­schen Pri­vi­le­gier­ten und Nicht­pri­vi­le­gier­ten. Auf 528 Sei­ten lässt sie in fünf Ka­pi­teln vier in den USA le­ben­de Afri­ka­ne­rin­nen auf­tre­ten. Drei ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen, Zi­ko­ra, Ka­dia­tou und Ome­logor, er­hal­ten je­weils ein ei­ge­nes Ka­pi­tel. Chi­ama­ka, wel­che die Ver­bin­dung zwi­schen den Frau­en knüpft, kommt im ers­ten und letz­ten Teil des Ro­mans zu Wort, was ihn in­halt­lich wie for­mal rahmt.

Chi­ama­ka war zum Stu­di­um in die USA ge­kom­men, gibt die­ses je­doch auf, wird Rei­se­schrift­stel­le­rin und träumt da­von, ei­nen Ro­man zu schrei­ben. Die Iso­la­ti­on der Co­ro­na­zeit bie­tet ihr Mu­ße, sich an ih­ren „Dream Count“ zu er­in­nern, die Män­ner ih­rer ver­gan­ge­nen Lie­bes­be­zie­hun­gen. Ih­re Cou­si­ne Ome­logor er­kennt dar­in das An­zei­chen ei­nes emo­tio­na­len De­fi­zits, „Ein über­quel­len­der Scham­be­cher“ weiterlesen

Geiz als religiöser Wahn

Das Fräulein“ von Ivo Andrić „ist zufrieden mit sich selbst und dieser Welt, in der es überall und immer etwas zu sparen gibt“

Für sie gab es seit lan­gem zwei ganz ver­schie­de­ne, wenn auch nicht ganz von­ein­an­der ge­trenn­te Wel­ten. Die ei­ne war un­se­re Welt, das, was al­le Welt Welt nennt, die­se ganz ge­räusch­vol­le und un­über­seh­ba­re Er­de mit den Men­schen und ih­rem Le­ben, ih­ren Trie­ben, Sehn­süch­ten, Ge­dan­ke und Glau­bens­vor­stel­lun­gen, mit ih­rem ewi­gen Be­dürf­nis nach Auf­bau und Zer­stö­rung, mit dem un­ver­ständ­li­chen Spiel ge­gen­sei­ti­gen An­zie­hens und Ab­sto­ßens. Und die an­de­re, die an­de­re war die Welt des Gel­des, das Reich des Ge­winns und der Spar­sam­keit, ein ver­bor­ge­nes, stil­les, nur den we­nigs­ten be­kann­tes, aber un­end­li­ches Ge­biet des laut­lo­sen Kamp­fes und be­stän­di­gen Pla­nens, in dem Rech­nung und Maß wie zwei stum­me Gott­hei­ten herrschten.“

Geiz­kra­gen, Knicks­tie­bel, Furz­klem­mer, Knor­zer, zahl­reich sind die Be­grif­fe für Ty­pen, die je­den Pfen­nig zwei­mal um­dre­hen, um ihn dann doch im Sack zu las­sen. Man­che ha­ben es bis in die Li­te­ra­tur ge­schafft, wie Mo­liè­res Har­pa­gnon als ge­ra­de­zu ar­che­ty­pi­sche Fi­gur. Und wer kennt nicht die En­te oder ih­re mensch­li­che Ent­spre­chung, die lie­ber im Geld ba­det, als es aus­zu­ge­ben? Oder den Pfen­nig­fuch­ser, der bei je­dem noch so klei­nen Han­del feilscht? Die knaus­ri­gen Kni­cker knap­sen nicht zu­letzt auch bei sich selbst, denn „Spar­sam­keit ist ih­re Re­li­gi­on“. Sie ge­bär­den sich wie Ber­n­i­nis hei­li­ge Te­re­sa, wenn sie wie­der et­was bei­sei­te­le­gen, raus­schla­gen oder je­man­den über den Tisch zie­hen kön­nen. Ei­nem der­ar­ti­gen al­ler­dings weib­li­chen Geiz­dra­chen setz­te Ivo An­drić in „Das Fräu­lein“ ein Denkmal.

Der Klas­si­ker des No­bel­preis­trä­gers er­schien 1945 als Ab­schluss ei­ner Tri­lo­gie, die An­drić wäh­rend der Jah­re 1941 bis 1944 ver­fass­te. 2023 wur­de die von Ka­tha­ri­na Wolf-Grieß­ha­ber über­ar­bei­te­te Über­set­zung „Geiz als re­li­giö­ser Wahn“ weiterlesen