Proust — Herzflimmern in Balbec

Arrhythmien des Herzens an der Küste von Gomorrha, Bd. IV, 219–367

Ich er­in­ner­te mich an die letz­te Zeit im Le­ben mei­ner Groß­mutter und an al­les, was mit ihr zu­sam­men­hing, an die Trep­pen­haus­tür, die of­fen ge­blie­ben war, als wir zu ih­rem letz­ten Spa­zier­gang hin­aus­gin­gen. Im Ver­gleich da­zu er­schien der Rest der Welt kaum wirk­lich, und mein Lei­den ver­gif­te­te ihn gänz­lich. Schließ­lich dräng­te mei­ne Mut­ter mich, hin­aus­zu­ge­hen. Doch bei je­dem Schritt hin­der­te mich wie ein Wind, ge­gen den man nicht an­kom­men kann, ir­gend­ein ver­ges­se­ner Aspekt des Ka­si­nos oder der Stra­ße, in der ich sie am ers­ten Abend er­war­tet hat­te und auf der ich bis zum Denk­mal für Dugu­ay-Trou­in ge­gan­gen war, am Wei­ter­ge­hen; ich senk­te die Au­gen, um nicht zu sehen.“

Beim zwei­ten Auf­ent­halt in Bal­bec ist für Mar­cel vie­les ähn­lich und doch al­les an­ders. Als Stamm­gast von Rang holt ihn der Di­rek­tor des Grand-Hô­tel per­sön­lich am Bahn­hof ab. Ort und Ge­pflo­gen­hei­ten sind Mar­cel ver­traut, er be­zieht so­gar das­sel­be Zim­mer wie beim Auf­ent­halt mit sei­ner Groß­mutter. Nur ihr be­ru­hi­gen­des Klop­fen vom Nach­bar­raum wird er nicht mehr hö­ren kön­nen. Die vom Ort aus­ge­lös­te, leb­haf­te Er­in­ne­rung an die Ver­stor­be­ne macht ihm be­wusst, „dass sie nie­mals wie­der in mei­ner Nä­he sein wür­de, (…) dass ich sie für im­mer ver­lo­ren hat­te.“ Die Trau­er lähmt ihn.

Da­bei ist er mit gro­ßen Er­war­tun­gen in die Nor­man­die ge­reist. Ei­nen Abend bei den Ver­durins hat er sich vor­ge­nom­men. Nicht weil ihn die Gast­ge­ber oder die Gäs­te die­ses Sa­lons reiz­ten, in Pa­ris hat­te er ihn ge­mie­den, ei­ne ero­ti­sche Ver­hei­ßung, das Kam­mer­kätz­chen der Ma­dame Put­bus, die zum Kreis der Ver­durins zählt, zieht ihn dort hin. Saint-Loup hat­te der­art von ihr ge­schwärmt, daß Mar­cel sich noch in Pa­ris er­kun­digt hat­te, ob die Da­me samt ih­rer Zo­fe auf La Ras­pe­liè­re, der Som­mer­re­si­denz der Ver­durins, zu er­war­ten sei.  An­ge­kün­digt hat sich auch Al­ber­ti­ne, die ih­re Fe­ri­en nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter von Bal­bec ent­fernt ver­bringt. Zu­dem er­war­tet Mar­cel ei­ne Ma­ti­nee bei der Mar­qui­se de Cam­bre­mer, die in Fé­ter­ne emp­fängt, ih­rem pracht­vol­len Land­sitz mit nicht min­der pracht­vol­len Gär­ten. Al­lem sagt er ab und sehnt sich nach dem Ein­tref­fen sei­ner Mut­ter, der er sich im Kum­mer um die Groß­mutter na­he fühlt.

Doch der Er­zäh­ler wä­re nicht der Er­zäh­ler, wenn er we­gen der See­len­pein sei­nes jun­gen Prot­ago­nis­ten das Ta­lent für die amü­sier­te Be­ob­ach­tung ver­lo­ren hät­te. Die­se er­folgt mal in sub­ti­ler Iro­nie, mal mit of­fe­nem Spott. Gleich zu Be­ginn muss die feh­ler­haf­te Aus­spra­che des Di­rek­tors her­hal­ten, was die Aus­ga­ben bei Suhr­kamp und Re­clam ver­schie­den hand­ha­ben. So ver­zich­tet Kel­ler meist auf die Über­set­zung der ent­spre­chen­den Wör­ter, Fi­scher al­ler­dings bringt den Spaß auch auf Deutsch zum Klin­gen. Über die Er­nen­nung des Ge­richts­prä­si­den­ten zum Kom­man­dan­ten der Eh­ren­le­gi­on heißt es bei Kel­ler: „Bom­ben­si­cher hat er Fä­hig­kei­ten, aber es scheint, daß man sie ihm vor al­lem we­gen sei­ner ab­so­lu­ten In­ti­mi­tät (In­te­gri­tät) ge­ge­ben hat“. Fi­scher for­mu­liert: „Bom­ben­si­cher weil er Fä­hig­kei­ten hat, aber es scheint, dass man sie ihm vor al­lem we­gen sei­ner gro­ßen Im­po­tenz ge­ge­ben hat.“ Der Ohn­machts­an­fall der Groß­mutter, den der Ho­tel­di­rek­tor an­spricht, bleibt bei Kel­ler nur leicht ver­än­dert ei­ne „Si­ne­ko­pe“, wäh­rend Fi­scher mit „Um­nachts­an­fall“ ein der Per­son, an die ge­dacht wird, an­ge­mes­se­nes, lie­be­vol­les Schmun­zeln hervorruft.

Mar­cel ver­lässt schließ­lich sein Ho­tel­zim­mer, um in den Dü­nen ver­steckt sei­nen Er­in­ne­run­gen nach­zu­hän­gen. Dann kehrt durch die Sin­nes­rei­ze Bal­becs, das Krei­schen der Kin­der und der Mö­wen, der An­blick der Wel­len, das To­sen der Bran­dung und die Vor­ah­nung auf die Som­mer­hit­ze des Strands, das Le­ben in ihn zu­rück. Er wird sich mit Al­ber­ti­ne tref­fen und mit ih­ren Freun­din­nen. „Ap­fel­bäu­me (…) so­weit das Aug reich­te, in vol­ler Blü­te von un­er­hör­tem Lu­xus, im Ball­kleid und mit den Fü­ßen im Schmutz ga­ben sie kei­ner­lei Ob­acht, nicht den al­ler­herr­lichs­ten ro­si­gen Sa­tin zu ver­der­ben, den man je ge­se­hen hat­te und den die Son­ne zum Glän­zen brach­te. (…) Es war ein Frühlingstag.“

Sie un­ter­neh­men Strand­spa­zier­gän­ge, Al­ber­ti­ne be­sucht ihn auf sei­nem Zim­mer. Trotz der ver­trau­li­chen In­ti­mi­tät miss­traut Mar­cel Al­ber­ti­nes Ab­sich­ten. Sei­ne Ei­fer­sucht wächst, als er sie zu­fäl­lig in ei­nem Lo­kal in der Ge­sell­schaft ih­rer Freun­din An­drée ent­deckt. Die bei­den tan­zen ei­nen Wal­zer, viel zu eng um­schlun­gen, wie sein Be­glei­ter Dr. Cot­tard zu Be­den­ken gibt. Der Arzt sieht das Paar zwar oh­ne Bril­le nur ver­schwom­men, kon­sta­tiert aber, die bei­den be­fän­den sich auf „dem Hö­he­punkt der Wol­lust“. Ei­fer­sucht ver­blen­det auch Mar­cel. Cot­tards Kom­pe­tenz ist je­doch in Zwei­fel zu zie­hen, wie die im An­schluss ge­schil­der­te An­ek­do­te zeigt. Der Pro­fes­sor und To­xi­ko­lo­ge dia­gnos­ti­zier­te und be­han­del­te ein ge­schwol­le­nes, groß­her­zog­li­ches Au­ge als Ver­gif­tung. Das Lei­den des Groß­her­zogs lin­der­te erst ein Land­arzt, der das Staub­korn aus dem Au­ge fisch­te. Mar­cel al­ler­dings ver­traut der ärzt­li­chen Ana­ly­se und grollt Al­ber­ti­ne bis ei­ne Aus­spra­che zur Aus­söh­nung führt. Im Nach­hin­ein er­kennt er, er „hät­te noch am sel­ben Abend ab­rei­sen sol­len, oh­ne sie je­mals wie­der­zu­se­hen“. Sein Ver­dacht auf die sap­p­his­ti­schen Nei­gun­gen sei­ner Freun­din quält ihn. Ist das Balbec’schen Trei­ben doch vol­ler Ge­fahr. Der Sai­son­start spült Frisch­fleisch an die Strän­de, neue Mäd­chen, die ihn zu „Be­sich­ti­gungs­gän­gen“ ani­mie­ren, aber Al­ber­ti­ne ver­füh­ren könn­ten. Es scheint, er ge­ste­he sich zu, was er Al­ber­ti­ne miss­gönnt. Doch bald wünscht er, daß „über­haupt kei­ne Frau mehr nach Bal­bec kä­me“, erst recht nicht die Kam­mer­zo­fe der Ma­dame Putbus.

Als Be­kräf­ti­gung sei­ner Sor­gen und als Be­leg, daß So­dom und Go­mor­rha in Bal­bec nicht fern lie­gen, fol­gen zwei Ge­schich­ten. Go­mor­rha, die öf­fent­lich zur Schau ge­stell­te Li­ai­son von Blochs Schwes­ter mit ei­ner Schau­spie­le­rin, löst im Grand-Hô­tel ei­nen Skan­dal aus. So­dom hin­ge­gen, die Be­zie­hung von Blochs On­kel zu ei­nem jun­gen Saal­die­ner, wirkt wie ein ro­man­ti­sches Ge­heim­nis. Im­mer­hin, „die­ses Ver­gnü­gen war so groß, dass Mon­sieur Nis­sim Ber­nard al­le Jah­re wie­der nach Bal­bec kam und sein Mit­tag­essen au­ßer Haus ein­nahm“.

Al­ber­ti­ne bleibt un­ter Be­ob­ach­tung. Mar­cel re­gis­triert je­den Blick, den sie auf sich zieht. Ih­re Zu­rück­hal­tung ge­gen­über ver­meint­li­chen Avan­cen deu­tet er als List. In sei­ner Ei­fer­sucht auf Al­ber­ti­nes In­ter­es­se an Frau­en geht er so­gar so­weit, daß er ih­ren Flirt mit Saint-Loup, den sie in Don­ciè­res be­su­chen, als Er­leich­te­rung wahrnimmt.

Die Lo­kal­bahn, lie­be­voll auch „klei­ne Ei­sen­bahn“ ge­nannt, ver­bin­det die Küs­ten­or­te und bringt Mar­cel und Al­ber­ti­ne von Bal­bec nach Don­ciè­res. Lei­der er­wi­schen sie kei­nen lee­ren Wa­gen, wo sie sich un­ge­hin­dert küs­sen könn­ten, son­dern müs­sen ihn mit ei­ner un­an­ge­neh­men Da­me tei­len. Wie Dr. Cot­tard, wird auch die­se am nächs­ten Tag bei den Ver­durins an­zu­tref­fen sein. Ein eben­so über­ra­schen­der Gast die­ser Ge­sell­schaft wird Ba­ron de Char­lus wer­den, den Mar­cel am Bahn­hof von Don­ciè­res ent­deckt, „wie er da in sei­nem hel­len Rei­se­an­zug, der ihn di­cker er­schei­nen ließ, her­an­kam und sich in den Hüf­ten wieg­te, ei­nen Schmer­bauch und ein fast sym­bo­li­sches Hin­ter­teil schwin­gend, (zer­leg­te) die Grau­sam­keit des vol­len Ta­ges­lichts all das, was im Lam­pen­schein wie der fri­sche Teint ei­nes noch ju­gend­li­chen Men­schen hät­te wir­ken kön­nen, in Schmin­ke auf den Lip­pen, in Reis­pu­der, der mit Cold­cream fest­ge­klebt war, auf der Na­sen­spit­ze, in Schwär­ze auf dem ge­färb­ten Schnur­bart, des­sen Eben­holz­ton nicht zu den er­grau­ten Haa­ren pass­te“. Durch Char­lus be­geg­net Mar­cel dort auch Mo­rel, dem Sohn des Kam­mer­die­ners sei­nes On­kels, tags­über spielt er im Mu­sik­zug sei­nes Re­gi­ments und abends für Char­lus. Auch ihn wer­den wir in La Ras­pe­liè­re antreffen.

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4 Sodom und Gomorrha, Übersetzung und Anmerkungen von Bernd-Jürgen Fischer, Reclam Verlag

Herd tot. Kühlschrank tot.“

In „Die Stille“ inszeniert Don DeLillo den Systemausfall als absurdes Theater

Die ak­tu­el­le La­ge macht uns klar, dass es nichts zu sa­gen gibt, au­ßer was uns spon­tan in den Kopf kommt und nach­her wis­sen wir das so­wie­so al­le nicht.“

Die Lek­tü­re von Don De­Lil­los „Die Stil­le“ konn­te ich nicht un­vor­ein­ge­nom­men be­gin­nen. „Ei­ne Ka­ta­stro­phe über ei­ne Ka­ta­stro­phe, po­si­tiv: nur 100 Sei­ten und gro­ße Buch­sta­ben“, so das knap­pe State­ment ei­nes Mit­strei­ters aus mei­nem Li­te­ra­tur­kreis. Der tagt mo­men­tan höchs­tens im Chat. Der die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form im­ma­nen­te Te­le­gramm­stil passt in sei­ner kar­gen Un­voll­stän­dig­keit gut zu De­Lil­los neu­em Buch, das wohl kaum als Ro­man be­zeich­net wer­den kann.

Eben­so gut passt da­zu, daß die Aus­sa­ge über ei­ne Mes­sen­ger-App zu mir fand, al­so mit ei­nem Smart­pho­ne no­tiert, ver­sen­det, emp­fan­gen und ge­le­sen wur­de. Da­mit zäh­le ich zu den in die­sem Buch an­ge­spro­che­nen Nut­zern die­ser Tech­nik und soll­te für De­Lil­los Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik emp­fäng­lich sein.

Die Ge­schich­te be­schreibt die Ver­hält­nis­se im Jahr 2022. De­Lil­lo wählt die Dys­to­pie, ei­ne von mir ge­schätz­te Li­te­ra­tur­gat­tung. So fin­den sich Herd tot. Kühl­schrank tot.““ wei­ter­le­sen

Saftige Lesefrucht

Stephen Fry legt mit „Helden“ den zweiten Band seiner Trilogie antiker Mythen vor

Die Göt­ter in den grie­chi­schen My­then ste­hen für mensch­li­che Mo­ti­ve und An­trie­be, die uns im­mer noch rät­sel­haft vorkommen.“

Als Kind bin ich mit Gus­tav Schwab in die Welt der an­ti­ken My­then ein­ge­taucht. Sie ha­ben mich seit­dem nicht mehr los­ge­las­sen, wie sich un­schwer am Ti­tel mei­nes Blogs er­ken­nen lässt. Ata­lan­te, die ar­ka­di­sche Jä­ge­rin, fehlt auch nicht bei Fry, doch da­zu spä­ter mehr.

Die li­te­ra­ri­schen, aber auch die bild­li­chen Dar­stel­lun­gen an­ti­ker My­then, bie­ten im­mer wie­der An­lass, sich mit ih­nen zu be­schäf­ti­gen. Sei­en es die Spiel­sze­ne zwi­schen Ajax und Achill auf der schwarz­fi­gu­ri­gen Exe­ki­as-Am­pho­re, der Sar­ko­phag aus Per­ge mit den Ta­ten des He­ra­kles oder auch Ti­zi­ans be­rühm­tes Ge­mäl­de „Bac­chus und Ari­ad­ne“. Wer die Ge­schich­ten kennt, die ei­ne Viel­zahl von Bild­wer­ken er­zäh­len, ist „Saf­ti­ge Le­se­frucht“ wei­ter­le­sen

Ein hinreißender Hurrikan

In John Grishams „Das Manuskript” ist die Schilderung des Hurrikans spannender als die eigentliche Story

Mit­ten im Sturm, als wä­re das Heu­len, Klap­pern und Knal­len nicht schon ge­nug, be­gann sich ein selt­sa­mer Rhyth­mus her­aus­zu­bil­den: zu­erst ein durch­drin­gen­des Brül­len, das im­mer lau­ter wur­de, dann zog un­ge­fähr im Mi­nu­ten­takt ein Wol­ken­band mit noch stär­ke­ren Wind­bö­en durch, als woll­te es da­vor war­nen, dass drau­ßen auf dem Meer und nicht weit da­hin­ter noch viel Schlim­me­res lauerte.“

Wie schon so oft, be­wegt sich in die­sen Ta­gen wie­der ein Tro­pen­sturm auf die Küs­te Flo­ri­das zu. Eta hat be­reits in Ni­ca­ra­gua, Hon­du­ras und Ku­ba ei­ne Spur der Ver­wüs­tung hin­ter­las­sen und zieht mo­men­tan in den Golf von Me­xi­ko. Dort wird er neue Kraft tan­ken und könn­te als Hur­ri­kan Kurs auf die Fest­land­küs­te Flo­ri­das mit ih­ren un­zäh­li­gen Keys nehmen.

In die­ser In­sel­grup­pe liegt auch Ca­mi­no Is­land, der fik­ti­ve Hand­lungs­ort von John Gris­hams neu­em Ro­man „Das Ma­nu­skript“. Das mon­dä­ne Strand­städt­chen San­ta Ro­sa mit der nicht min­der mon­dä­nen Buch­hand­lung „Bay Books“ ken­nen Gris­ham-Le­ser be­reits aus dem vor we­ni­gen Jah­ren er­schie­ne­nen Vor­gän­ger „Das Ori­gi­nal“. Der Be­sit­zer der Buch­hand­lung, Bruce Ca­ble, do­mi­niert als bi­blio­phi­ler Bon­vi­vant das Li­te­ra­tur­ge­sche­hen weit über das Ei­land hin­aus. Auch dies­mal „Ein hin­rei­ßen­der Hur­ri­kan“ wei­ter­le­sen

Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst

In seinem neuen Erzählungsband „Wenn es dunkel wird“ dreht Peter Stamm seine Figuren „nur um eine Seltsamkeit mehr“ ins Surreale

Es fühlt sich an wie je­ner Mo­ment, wenn man auf der Schau­kel nach oben ge­schwun­gen ist und für ei­nen Mo­ment lang schwe­re­los ist und glaubt, da­von­flie­gen zu kön­nen, be­vor die Schwer­kraft wie­der über­hand­nimmt und ei­nen zu­rück­zieht ins Leben.“

Wenn ein Träu­men­der sich be­wusst wird, daß er sich in ei­nem Traum und nicht in der Rea­li­tät be­fin­det, nennt man dies lu­zi­de. Wenn die Fi­gur ei­ner er­fun­de­nen Ge­schich­te durch die ihr zu­ge­schrie­be­ne Fan­ta­sie in ei­ne wei­te­re Fik­ti­on rutscht, wur­de sie höchst­wahr­schein­lich von Pe­ter Stamm er­schaf­fen. Spä­tes­tens seit sei­nem zur Schul­lek­tü­re er­ko­re­nem Ro­man „Agnes“ ist der Schwei­zer Schrift­stel­ler ein aus­ge­wie­se­ner Spe­zia­list für das Spiel mit den Ebe­nen. Rea­li­tät und Fan­ta­sie, Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, zahl­reich sind die Vol­ten, de­nen die Fi­gu­ren sei­ner Wer­ke aus­ge­setzt sind. Auf der Su­che nach sich selbst ma­nö­vrie­ren sie durch das Di­ckicht ih­rer Be­zie­hun­gen und fin­den nicht sel­ten kei­nen Aus­gang, nicht nur, „Wenn es dun­kel wird“ .

Schon die ers­te der elf Er­zäh­lun­gen mit dem ver­meint­lich or­tho­gra­phisch auf­fäl­li­gen Ti­tel „Nah­ti­gall“ hat es in sich. Der jun­ge Da­vid fühlt „Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst“ wei­ter­le­sen

Zwischen den Zeiten

In „Das Gartenzimmer“ konstruiert Andreas Schäfer kunstvoll Geschichte

Bei der Vor­stel­lung, dass El­sa Ro­sen den Brief in sei­nem spä­te­ren Zim­mer ge­schrie­ben hat­te, schau­der­te ihm, als kleb­te et­was von den da­ma­li­gen Er­eig­nis­sen an ihm, weil er jah­re­lang in den glei­chen Räu­men ge­lebt und die Aus­düns­tun­gen ih­rer Wän­de ge­at­met hatte.“

Man mag „Das Gar­ten­zim­mer“ von An­dre­as Schä­fer als his­to­ri­schen Ro­man le­sen, der an­hand sei­nes Su­jets, ei­ner Ar­chi­tek­ten­vil­la in Ber­lin-Dah­lem, den Um­bruch vom lan­gen Neun­zehn­ten Jahr­hun­dert in die Wir­ren des Zwan­zigs­ten in Sze­ne setzt. Doch das wä­re zu kurz ge­grif­fen, denn die Ge­schich­te der Vil­la Ro­sen bil­det den An­gel­punkt, um den sich vie­le wei­te­re Ge­schich­ten des Ro­mans drehen.

Er­baut wur­de das Haus, in dem das ti­tel­ge­ben­de Gar­ten­zim­mer ei­ne be­son­de­re Rol­le spielt, im Jahr 1909 von Max Tau­bert. Um­stän­de und Fi­gur hat Schä­fer an den Ar­chi­tek­ten Mies van der Ro­he an­ge­lehnt. Ei­ne Vil­la Ro­sen wird man folg­lich in Ber­lin-Dah­lem ver­geb­lich su­chen. Doch ähn­lich wie die­se „Zwi­schen den Zei­ten“ wei­ter­le­sen

Von Verlust und Vertrauen

In „Dankbarkeiten“ erzählt Delphine de Vigan mit zärtlicher Zuneigung von Verlust und Freundschaft

Es dau­ert nicht mehr lan­ge bis zum En­de, das weißt du, Ma­rie. Ich mei­ne das En­de des Ver­stands, der ist dann futsch und al­le Wör­ter ver­flo­gen. Wann mit dem Kör­per Schluss ist, weiß man na­tür­lich nicht, aber es hat an­ge­fan­gen, mit dem Ver­stand zu En­de zu gehen.“

Wer je er­lebt hat, wie ein al­ter Mensch Ab­schied von sei­ner Woh­nung nimmt und in ein Heim ein­zieht, für den wird „Dank­bar­kei­ten“ von Del­phi­ne de Vi­gan ei­ne sehr be­we­gen­de Lek­tü­re sein. Vol­ler Em­pa­thie und den­noch mit kla­ren Wor­ten schil­dert die Au­torin, wie ih­re Prot­ago­nis­tin Misch­ka, ei­ne al­lein­le­ben­de, selbst­be­wuss­te Frau, ih­re Un­ab­hän­gig­keit ge­gen stän­dig prä­sen­te Un­ter­stüt­zung ein­tauscht. Ver­trau­te Be­glei­ter ih­res neu­en Le­bens sind Ma­rie und Jé­ro­me, die ne­ben Misch­ka die Er­zähl­stim­men des klei­nen Ro­mans bilden.

Die jun­ge Ma­rie fand als ver­nach­läs­sig­tes Kind Hil­fe und Für­sor­ge bei Misch­ka, ih­rer da­ma­li­gen Nach­ba­rin. Die Bin­dung der Bei­den blieb über die Jah­re be­stehen. So ist es auch Ma­rie, die in­for­miert wird, als Misch­ka hilf­los „Von Ver­lust und Ver­trau­en“ wei­ter­le­sen

Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost”

In „La pozza del Felice“ feiert Fabio Andina die Zufriedenheit am Ende des Lebens

Che poi, che la po­li­ti­ca l’è tut­ta una gran por­ca­da, e che il mondo è in ma­no ai so­li­ti due o tre fa­ra­but­ti, ques­to lo san­no an­che i pe­sci di ques­to fi­ume, per con­to mio, ir­rom­pe il Fe­li­ce guar­d­an­do l’aqua.” – Und au­ßer­dem, dass die Po­li­tik ei­ne ein­zi­ge Saue­rei ist und die Welt in den Hän­den der üb­li­chen zwei oder drei Schur­ken liegt, das wis­sen so­gar die Fi­sche in die­sem Fluss, wenn man mich fragt, un­ter­brach Fe­li­ce und blick­te aufs Wasser.

Je äl­ter wir wer­den, um­so mehr wird un­ser Le­ben von Ri­tua­len ge­prägt. Es meh­ren sich die im­mer­glei­chen We­ge, Be­geg­nun­gen und Hand­lun­gen, die den All­tag struk­tu­rie­ren. Im Val­le di Ble­nio, ein­ge­bet­tet in die Berg­zü­ge des Schwei­zer Tes­sin, sind es die Glo­cken der zahl­rei­chen Dorf­kir­chen, die Ori­en­tie­rung in Raum und Zeit bie­ten, auch den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes Le­on­ti­ca. Dort ver­bringt Fa­bio An­di­na, der Au­tor von La poz­za del Fe­li­ce”, seit sei­ner Kind­heit die Fe­ri­en, ganz wie sein Erzähler.

An­di­na ist ver­traut mit dem Ort und der Na­tur, die er als Sze­ne­rie für sei­nen Ro­man über­nimmt. Sei­ne Fi­gu­ren je­doch hat er Wenn wir kre­pie­ren, wer­den wir al­le zu Kom­post”“ wei­ter­le­sen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Berlin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ wei­ter­le­sen

Angst und Schrecken in Nord-Irland

In ihrem stilistisch außergewöhnlichen Roman „Milchmann“ erzählt Anna Burns die spannende Geschichte von einem „Mädchen, das im Gehen liest“ und ihrem zudringlichem Verfolger

Aber dum­mer­wei­se wa­ren – we­gen der lo­sen Na­tur un­se­rer Be­zie­hung; weil er am an­de­ren En­de der Stadt wohn­te und da­her noch nicht ge­hört hat­te, dass ich der neue Schwarm die­ses Milch­manns war; weil ich ver­wirrt war und lang­sam die Kraft ver­lor, mich von den Tak­ti­ken des Milch­manns au­ßer Ge­fecht ge­setzt fühl­te; und weil ich acht­zehn war und nie vor­ge­lebt be­kom­men hat­te, wie man Ge­dan­ken, Be­dürf­nis­se und Ge­füh­le auf ge­sun­de Wei­se zum Aus­druck brach­te – al­le mei­ne Er­klä­run­gen zu­sam­men­hang­los, und nichts, was ich zu sa­gen ver­such­te, woll­te rich­tig rüberkommen.“

Die Schil­de­run­gen der 18-Jäh­ri­ge Ich-Er­zäh­le­rin kön­nen als Co­m­ing-of-Age-Ro­man ge­le­sen wer­den, als ei­ne Ge­schich­te von Män­nern und vor al­lem von Frau­en und als ei­ne Ge­schich­te von Un­ter­drü­ckung und Wi­der­stand, was das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis wie die Zeit­um­stän­de be­trifft . Der Ro­man spielt mit­ten in der Hoch­pha­se des Nord-Ir­land-Kon­flikts, im ka­tho­li­schen Teil Bel­fasts. Man kann ihn aber auch als Lie­bes­ro­man le­sen, ei­ner der klü­ge­ren Sor­te, der au­ßer von der Schwie­rig­keit, den rich­ti­gen Part­ner zu fin­den, von dem Mut er­zählt, sich zu die­sem zu bekennen.

Die The­men ver­eint An­na Burns auf den 400 Sei­ten ih­res Ro­mans „Milch­mann“, de­ren An­lass und Mo­vens die phy­si­sche und psy­chi­sche Be­dro­hung ei­ner jun­gen Frau durch ei­nen we­sent­lich äl­te­ren, mäch­ti­gen Mann dar­stellt. Als An­füh­rer des pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stands — ei­ne Rol­le, die ihn das Le­ben kos­tet, kün­det der ers­te Satz des Ro­mans — ver­fügt er über je­des Mit­tel, be­vor­zugt je­doch „Angst und Schre­cken in Nord-Ir­land“ wei­ter­le­sen