Der Mensch träumt oft vom Ort, aus dem er floh

In „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“ erzählt Usama Al Shahmani vom Erinnern und Suchen

In ei­nem Baum ent­deckt er klei­ne Vö­gel, die sich stumm zwi­schen den Äs­ten be­we­gen, dann flie­gen sie ei­ner nach dem an­de­ren zum nächs­ten. Sie sind die ein­zi­ge Be­we­gung in der kal­ten Win­ter­land­schaft. Von Baum zu Baum ver­las­sen sie ih­ren Schat­ten in den Äs­ten und ver­schwin­den all­mäh­lich in der Fer­ne. Wie ver­stän­di­gen sie sich? Wo­hin sind sie unterwegs?“

Vö­gel spie­len ei­ne be­son­de­re Rol­le in Usa­ma Al Shah­ma­nis neu­em Ro­man. Sei es der Rif­frei­her, den die Ira­ker Gar­nuk, Vo­gel des Glücks, nen­nen, oder Ta­tua, der Vo­gel des Un­glücks, oder sei­en es die klei­nen Vö­gel auf ei­nem Baum in der Schweiz. Laut dem Ti­tel „Der Vo­gel zwei­felt nicht am Ort, zu dem er fliegt“ wis­sen sie ge­nau, wo­hin sie zie­hen wer­den, wenn der Wech­sel der Jah­res­zei­ten be­vor­steht. Ihr ge­ne­ti­scher Kom­pass ist un­fehl­bar. Er wird ih­nen al­ler­dings zum Ver­häng­nis, wenn der Mensch ih­re Le­bens­be­din­gun­gen in den Ziel­ge­bie­ten zer­stört. Als Bei­spiel er­in­nert Al Shah­ma­ni an die Tro­cken­le­gung der süd­ira­ki­schen Sümp­fe. Die Gän­se wa­ren ih­rer Nah­rungs­quel­le be­raubt. Sie ga­ben trotz­dem nicht auf und kehr­ten je­des Jahr zu­rück. Ih­re Hart­nä­ckig­keit, die schließ­lich mit der Re­na­tu­rie­rung des Ge­bie­tes be­lohnt wur­de, führ­te zu ih­rem Bei­na­men „Die Hoff­nungs­kun­di­gen“.

An­ders, aber ähn­lich er­geht es dem Prot­ago­nis­ten des Ro­mans. Da­fer lebt im Irak bis sei­ne Le­bens­be­din­gun­gen als Mensch und Künst­ler der­art be­droht sind, daß Flucht sei­ne ein­zi­ge Über­le­bens­mög­lich­keit bleibt. Ei­ne Er­fah­rung, die Da­fer mit sei­nem Er­fin­der teilt. Al Shah­ma­ni ver­ließ 2002 im Al­ter von 31 Jah­ren den Irak, als er we­gen sei­ner Kunst ins Vi­sier der Scher­gen Sa­dams ge­riet, seit­dem lebt er in der Schweiz. Auch Da­fer lan­det dort, müht sich mit Asyl­ver­fah­ren und Aus­hilfs­jobs, mit wech­seln­den Un­ter­künf­ten und wech­seln­den Freun­den. In Er­in­ne­run­gen taucht er im­mer wie­der hin­ab in sein frü­he­res Le­ben, schweift durch sei­ne Hei­mat, be­geg­net der Fa­mi­lie und den Freun­den, spürt aber stets die Un­frei­heit und die Angst, die ihn fort­trie­ben. Die ers­ten Ta­ge sei­ner Flucht ver­bringt er im Ver­bor­ge­nen, sein Ver­steck ver­lässt er nur in der Nacht. Dort liest er Prousts Re­cher­che, al­le sie­ben Bän­de. Die Lie­be zur Li­te­ra­tur ver­mach­te ihm sei­ne Groß­mutter. Ei­ne gro­ße, des Le­sens und des Schrei­bens un­kun­di­ge Er­zäh­le­rin, die ih­re Ge­schich­ten aus ih­ren Er­fah­run­gen und Emo­tio­nen ersann.

Die­se Fi­gur zwi­schen Sche­he­ra­za­de und der Groß­mutter bei Proust spielt ei­ne zen­tra­le Rol­le, sie ist der krea­ti­ve An­trieb des Er­zäh­lers. „Was könn­te jetzt pas­sie­ren, was denkst du?“ war stets ih­re Fra­ge, aus der Da­fer sei­ne poe­ti­sche Kraft schöpft. Die­se zeigt sich im Ro­man von den Über­schrif­ten der Ka­pi­tel bis zu den ein­ge­streu­ten Ge­dich­ten, dar­un­ter „Traum­feld“, die ers­te Ver­öf­fent­li­chung des Schü­lers Da­fer. Kurz dar­auf be­ginnt er an der Uni­ver­si­tät in Bag­dad sein Literaturstudium.

In­spi­ra­ti­on fin­det Da­fer auch in sei­nen Träu­men, die ihn oft zu Or­ten der Sehn­sucht füh­ren. Kur­ze No­ti­zen vor dem Ein­schla­fen schen­ken ihm im Traum Ge­schich­ten. Tags­über we­cken flüch­ti­ge Ein­drü­cke un­be­ab­sich­tigt Er­in­ne­run­gen. So führt ihn das Sit­zen am Tisch sei­ner Schwei­zer Woh­nung zu dem im­po­san­ten Oli­ven­holz­tisch sei­ner El­tern, des­sen Her­kunft und Ver­bleib von den Um­brü­chen in Da­fers Kind­heit er­zäh­len. Der Tisch kam von Aschuah, ei­ner Freun­din der Groß­mutter, die ih­re Woh­nung auf­lös­te und fort­zog. Die eman­zi­pier­te, un­ver­hei­ra­te­te Apo­the­ke­rin mit ho­hen Ab­sät­zen und la­ckier­ten Fin­ger­nä­gel ahn­te, daß die „kopf­tuch­freie Zeit“ bald ein En­de habe.

We­ni­ge Jah­re spä­ter wur­den die Zu­stän­de durch den Krieg zwi­schen Irak und Iran un­er­träg­lich. Ne­ben der ma­te­ri­el­len Not – zu viert teil­ten sich Da­fer mit Kom­mi­li­to­nen ei­nen Raum, zum Früh­stück muss­te der Zu­cker zum Tee rei­chen – herrsch­te un­ter den Stu­den­ten in­tel­lek­tu­el­le Not. Nicht nur durf­ten sie nichts sa­gen, son­dern sie konn­ten auch kaum et­was le­sen. Das Re­gime ent­fern­te un­zäh­li­ge Bü­cher aus den Bi­blio­the­ken. Nur il­le­ga­le Ko­pien konn­ten un­ter Ge­fahr ge­kauft und ge­le­sen wer­den. Wie schnell je­der bei ge­rings­ten Ver­ge­hen ver­schwin­den konn­te, zeigt Al Shah­ma­ni auf ein­drück­li­che Wei­se. Die­se „Er­in­ne­run­gen an sei­ne al­te Hei­mat sind manch­mal ein ein­zi­ges Trüm­mer­feld vol­ler Hor­ror und Angst. (…) Auch noch so vie­len Jah­ren, so lan­ge nach Sad­dams Sturz kann er nicht fried­lich an Bag­dad und den Irak denken.“

Trost fin­det Da­fer in der Na­tur, lan­ge Wan­de­run­gen hel­fen ihm, die zu­rück­lie­gen­den Ver­lus­te und die Schwie­rig­kei­ten des Neu­an­fangs zu be­wäl­ti­gen. Die Wäl­der mit ih­ren Bäu­men und der Fluss mit sei­ner ste­ten Be­we­gung die­nen Al Shah­ma­ni als Me­ta­phern. Sie ver­deut­li­chen die Ent­wur­ze­lung des Ge­flo­he­nen und sei­ne Su­che nach Halt in der si­che­ren, aber frem­den Schweiz. Der Fluss, die Aa­re, de­ren Ufern Da­fer folgt, be­schwört er mit Zei­len, die ver­mu­ten las­sen, daß er nicht nur Proust, son­dern auch Hes­se ge­le­sen hat. „Nimm mei­ne Weis­heit, gib dich dem hin, was du liebst. Er­neue­re dich wie ein Fluss. Su­che nach An­fän­gen. In je­dem An­fang steckt ei­ne Hoff­nung. Und in je­der Hoff­nung be­fin­den sich vie­le Tü­ren.“ Wie die hoff­nungs­kun­di­gen Vö­gel reist Da­fer in den Irak, doch er muss er­ken­nen, daß es für ihn kei­ne Rück­kehr ge­ben wird. „Im Irak mein­te ein Gärt­ner, der lie­be Gott schi­cke recht­schaf­fe­ne Leu­te in die Schwei­zer Wäl­der, denn es gibt kei­nen schö­ne­ren Ort. Gott hat recht, dach­te er.“

Usa­ma Al Shah­ma­nis sprach­lich und emo­tio­nal be­ein­dru­cken­dem Ro­man, aus dem der Au­tor auch beim dies­jäh­ri­gen Bach­mann-Wett­be­werb las, wün­sche ich vie­le Leser.

Usama Al Shahmani, Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt, Limmat Verlag 2022

Scheinbar ausheimisch“

Warum Anna Kims „Geschichte eines Kindes“ auch als Roman über das Recht auf Abtreibung gelesen werden kann

Ent­we­der be­lü­ge ich mich selbst und ver­leug­ne mei­ne Her­kunft, er­klär­te sie, oder – sie woll­te sich nicht da­von über­zeu­gen las­sen, dass ich in mir haupt­säch­lich mich selbst sah, we­der ei­ne Asia­tin noch ei­ne asia­ti­sche Ös­ter­rei­che­rin, son­dern Fran, sim­ply Fran (…)“

Ich ha­be nie ver­stan­den, war­um die Her­kunft mei­ner Mut­ter schwe­rer wie­gen soll als die mei­nes Vaters.“

Der nüch­tern klin­gen­de Ti­tel, „Ge­schich­te ei­nes Kin­des“, ent­spricht der Form des neu­en Ro­mans von An­na Kim. Sie ver­knüpft dar­in die Er­leb­nis­se der Ich-Er­zäh­le­rin Fran­zis­ka, ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Au­torin, die 2013 ein Jahr als Wri­ter in Re­si­dence am St. Ju­li­an Col­le­ge in Green Bay ver­bringt, mit Ak­ten­ein­trä­gen aus den 1950er Jah­ren. Die­se schil­dern das Schick­sal Dan­nys, ei­nes zur Ad­op­ti­on frei­ge­ge­be­nen Jun­gen un­kla­rer Her­kunft. Bei­de, Fran­zis­ka und Dan­ny, ver­bin­det, daß sie je­weils El­tern mit star­ken äu­ßer­li­chen Un­ter­schie­den ha­ben. Dan­nys wei­ße, jun­ge Mut­ter ver­schweigt die Iden­ti­tät des ver­meint­lich „nicht wei­ßen“ Va­ters. Fran­zis­ka, Kind ei­ner aus­tro-asia­ti­schen Ver­bin­dung, hat ei­ne süd­ko­rea­ni­sche Mut­ter und ei­nen Va­ter aus Ös­ter­reich, das sie als Hei­mat- und Her­kunfts­land an­sieht. Ei­ne Ge­schich­te, die sie zum Teil in­klu­si­ve der da­mit ver­bun­de­nen Iden­ti­täts­fra­gen mit An­na Kim ver­bin­det. Die­se wur­de 1977 in Süd­ko­rea ge­bo­ren und lebt seit 1979 in Deutsch­land, spä­ter in Wien. Im Pro­log ih­res Ro­mans be­tont sie die Au­then­ti­zi­tät ih­res Stof­fes, auf den sie, wie sie in ei­nem In­ter­view be­rich­tet, in Green Bay, dem Ge­burts­ort ih­res Man­nes ge­sto­ßen sei. Es lä­gen ori­gi­na­le Ak­ten vor, von de­nen sie je­doch vor­wie­gend den Sprach­duk­tus über­nom­men ha­be, der In­halt sei größ­ten­teils fiktional.

Der Ro­man be­ginnt mit der An­kunft der Ich-Er­zäh­le­rin in Wis­con­sin. Fran, wie sie sich selbst nennt, fin­det ein Zim­mer im Haus von Jo­an, die sich spä­ter als Dan­nys Ehe­frau vor­stel­len und Fran die Her­kunfts­ge­schich­te ih­res Man­nes er­zäh­len wird. Dan­ny selbst kann kei­ne Aus­kunft mehr ge­ben, er lebt an Alz­hei­mer lei­dend in ei­nem Pfle­ge­heim. Um­so in­ten­si­ver be­rich­ten Ak­ten, die schließ­lich in die Hän­de Frans ge­lan­gen, von die­sen un­ge­klär­ten Um­stän­den. Im Ro­man sind sie an drei Stel­len in die Hand­lung ein­ge­fügt. Es sind Be­rich­te des ka­tho­li­schen So­zi­al­diens­tes, an­ge­fer­tigt von der So­zi­al­ar­bei­te­rin Mar­le­ne Winck­ler, die den zur Ad­op­ti­on frei­ge­ge­be­nen Säug­ling ver­mit­teln soll. Sie rei­chen von den Jah­ren 1953 bis 1959, be­gin­nen mit dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt des Säug­lings nach der Ge­burt, ers­ten Ver­dachts­mo­men­ten der Kran­ken­schwes­tern und ärzt­li­chen Un­ter­su­chun­gen, um die „Ras­se“ des von Dan­nys Mut­ter ge­heim ge­hal­te­nen Er­zeu­gers her­aus­zu­fin­den. Als Dan­ny schließ­lich im Wai­sen­haus lan­det, bleibt die­se Fra­ge das größ­te Hin­der­nis im Ad­op­ti­ons­ver­fah­ren. Ein dis­pa­ra­tes Äu­ße­res zwi­schen El­tern und Kind wür­de die ge­wünsch­te „Har­mo­nie in der Ad­op­ti­ons­fa­mi­lie“ un­mög­lich ma­chen. Mar­le­ne Winck­ler ver­sucht ver­bis­sen dem Ein­dring­ling in das „Wirts­volk“ auf die Spur zu kom­men. Wie sehr sie in ih­ren an­thro­po­lo­gi­schen Wahn ver­strickt ist, zeigt sich, wenn sie je­des Ge­gen­über ih­ren ras­sis­ti­schen Kri­te­ri­en un­ter­zieht, so­gar den Pfar­rer. Der zwei­te Ak­ten-Block des Ro­mans wid­met sich nur am Ran­de der Ver­mitt­lung des Säug­lings. Im Vor­der­grund steht im­mer noch die Auf­de­ckung der Va­ter-Iden­ti­tät, der sich die So­zi­al­ar­bei­te­rin mit Sta­si-Me­tho­den widmet.

Kim er­zählt ei­ne in­ter­es­san­te Ge­schich­te, die ge­ra­de durch die ein­ge­scho­be­nen Be­rich­te, Span­nungs­mo­men­te bie­tet. Im zwei­ten Teil des Ro­mans er­zeugt al­ler­dings ein es­say­ar­ti­ger Ein­schub, der sich un­ter dem Ti­tel „Wie ver­misst man ei­nen Men­schen“ fas­sen lie­ße, ei­ni­ge Län­gen. Er be­han­delt die an­thro­po­lo­gi­schen For­schun­gen seit dem 19. Jahr­hun­derts, be­rich­tet von Jo­sef Wei­nin­ger, Gus­tav Le Bon und der Pio­nie­rin der So­zia­len Ar­beit Il­se Arlt.

Auf­fäl­lig an An­na Kims Stil ist der Ein­satz von Mo­ti­ven, die ver­schie­de­ne Hand­lungs­ebe­nen und Fi­gu­ren­paa­re mit­ein­an­der ver­knüp­fen. So be­nutzt sie das Mo­tiv der Far­be nicht nur in sei­ner of­fen­sicht­li­chen Funk­ti­on als Far­be der Haut. Sie zeigt mit Far­ben Stim­mun­gen und Ein­stel­lun­gen eben­so, wie die Macht, die von ih­nen aus­geht. Jo­a­ns Haus, das ur­sprüng­lich im Be­sitz von Dan­nys Mut­ter war, zeigt hel­le Bei­ge­tö­ne, ge­nau wie Jo­a­ns Klei­dung. Fran hört Dan­nys Ge­schich­te zum ers­ten Mal im weiß ver­schnei­ten Gar­ten, wo gelb­grü­ne Blät­ter so fremd­ar­tig er­schei­nen, daß sie sie be­rüh­ren will. Und dann gibt es noch das Bild mit den Kois, die knal­l­oran­ge von wei­ßem Hin­ter­grund her­aus­ste­chen. Far­be kann in­te­grie­ren, aber auch separieren.

Noch stär­ker setzt Kim das Mut­ter­mo­tiv ein. In Va­ri­an­ten er­zeugt sie Par­al­lel­füh­run­gen bei ins­ge­samt fünf Mut­ter-Kind-Paa­ren, in de­nen die Müt­ter ei­ne ver­meint­lich fa­ta­le Rol­le ein­neh­men. Frans süd­ko­rea­ni­sche Mut­ter Ha lässt ih­re Toch­ter in Ös­ter­reich zu­rück, weil sie nur in der Hei­mat sie selbst sein kann. Dan­nys zu jun­ge Mut­ter Ca­rol gibt ih­ren un­ehe­li­chen Sohn im bi­got­ten Wis­con­sin der 50er Jah­re zur Ad­op­ti­on frei. Jo­a­ns Mut­ter ver­lässt ih­ren Mann und die neun­mo­na­ti­ge Toch­ter we­gen Über­for­de­rung. Mar­le­nes Mut­ter stirbt. Mar­le­ne be­schäf­tigt sich lie­ber mit ih­ren Stu­di­en als mit ih­rer Toch­ter Sil­via. Die­se Müt­ter, „die lie­ber kei­ne ge­we­sen wä­ren“, schei­tern an den ge­sell­schaft­li­chen Um­stän­den ih­rer Zeit. Man­ches die­ser Kin­der hät­te nicht ge­bo­re­nen wer­den müs­sen, wä­re der me­di­zi­ni­sche und ge­sell­schaft­li­che Fort­schritt auf der Sei­te der Frau­en gewesen.

Die bei­den wich­tigs­ten Paa­re des Ro­mans sind je­doch kein rei­nes Mut­ter-Kind-Duo. Es han­delt sich um Dan­ny und Jo­an, de­nen Fran und Ha ge­gen­über­ge­stellt wer­den. Dan­ny und Ha er­fah­ren die Aus­gren­zung. Fran und Jo­an tei­len die Er­fah­run­gen von Scham und Schuld. Bei­de er­tra­gen die Fremd­heit nicht, Fran nicht die ih­rer Mut­ter, Jo­an nicht die ih­res Ehe­manns, und lei­den dar­un­ter. Um das Ge­misch von Scham und Schuld zu be­wäl­ti­gen, nut­zen sie die glei­che Ver­drän­gungs­stra­te­gie, sie ver­stau­en ih­re Er­in­ne­run­gen in Schach­teln, die sie un­ter Bett und Kom­mo­den schie­ben. Kim zeich­net ih­re Fi­gu­ren stets am­bi­va­lent, so fühlt sich Fran als Op­fer der Fremd­ein­schät­zung, aber zu­gleich ver­ant­wort­lich für die Flucht ih­rer Mutter.

Den­noch gibt es ei­ni­ge De­tails, die den Ro­man über­frach­ten, und Fä­den, die nicht wei­ter­ver­folgt wer­den. War­um er­wähnt Jo­an ei­ne wahn­sin­ni­ge Cou­si­ne und ei­ne schi­zo­phre­ne Tan­te? Wel­che Rol­le spielt Sil­vi­as Af­fä­re? War­um nennt sich Frans Groß­mutter Bar­ba­ra an­statt Hilde?

Bis­wei­len hat­te ich wäh­rend der Lek­tü­re das Ge­fühl, ei­nem ste­ten mo­ra­li­schen Häm­mer­chen aus­ge­setzt zu sein. Schon der Pro­log ist stark mit Pa­thos auf­ge­la­den. Muss das Haus von Dan­ny und Jo­an aus­ge­rech­net Cuckoo’s Nest hei­ßen? Und muss uns Le­sern aus dem Mund von Dan­nys Ad­op­tiv­mut­ter die rich­ti­ge Ein­stel­lung ver­mit­telt wer­den? Es ist scha­de, daß An­na Kim ih­ren Le­se­rin­nen zu we­nig zutraut.

Nichts­des­to­trotz sind dem Ro­man vie­le Le­ser zu wün­schen. Die Fra­ge der Iden­ti­tät und wel­che Rol­le der Blick der An­de­ren da­bei spielt, ge­hen je­den et­was an. Die Ein­ord­nung als „schein­bar Aus­hei­mi­scher“ be­schränkt die Frei­heit, der zu sein, der man sein will. Jo­a­ns Be­haup­tung, „Den Wur­zeln ent­kommt man nicht“, steht Dan­nys Bit­te ent­ge­gen, ihn so zu ak­zep­tie­ren, wie er ist. Frans Über­le­gung, ob sie als „ein­far­bi­ge Fa­mi­le“ in­takt ge­blie­ben wä­ren, kon­ter­ka­riert das Schick­sal von Sil­via und Marlene.

An­na Kims Ro­man „Ge­schich­te ei­nes Kin­des“ ist ein Plä­doy­er ge­gen Zu­ord­nungs­zwang und Schub­la­den­den­ken, das die Ge­schlech­ter­rol­len mit ein­be­zieht. Er tritt auch ein für das Recht der Frau auf ih­ren Kör­per und die Ent­schei­dung, was da­mit ge­schieht, schwan­ger zu sein oder es nicht zu blei­ben, und kann da­mit als Kri­tik an der neu­es­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Rechts­la­ge ge­le­sen werden.

Anna Kim, Geschichte eines Kindes, Suhrkamp Verlag 2022

Land der Erinnerung“

Abdulrazak Gurnah erzählt in „Ferne Gestade“, wie die Zeit die Erinnerung zerstückelt und ein Duft sie wieder zusammenfügt

Viel­leicht wä­re ich so­gar vor die­ser Er­in­ne­rung da­von­ge­lau­fen, be­vor sie über­mäch­tig wur­de und mich über­wäl­tig­te und an­de­re Ge­dan­ken in mir wach­rief, die ich bis­her ver­läss­lich ver­drängt hat­te. Im Lau­fe der Zeit sind so vie­le kla­re, deut­lich um­ris­se­ne Ein­zel­hei­ten un­scharf und ver­schwom­men ge­wor­den. Viel­leicht ist es das, was das Alt­wer­den be­deu­tet. Und mög­li­cher­wei­se be­steht die Wir­kung von Son­ne und Wind dar­in, ei­ne Ein­zel­heit nach der an­de­ren aus dem Bild zu lö­schen und das Bild selbst in den pel­zi­gen Schat­ten sei­ner selbst zu ver­wan­deln. Trotz­dem blei­ben nach all dem Ver­blas­sen und Ver­schwim­men noch so vie­le Ein­zel­hei­ten er­hal­ten, die ei­nem nun als noch kar­ge­re Teil­chen des Gan­zen er­schei­nen: ein war­mer Aus­druck in den Au­gen, wenn man sich an das Ge­sicht nicht mehr er­in­nern kann, ein Ge­ruch, der die Er­in­ne­rung an ei­ne Mu­sik wach­ruft, de­ren Me­lo­die nicht mehr län­ger fass­bar ist, die Er­in­ne­rung an ein Zim­mer, wenn man das Haus oder sei­nen Stand­ort ver­ges­sen hat, ei­ne Wei­de am Stra­ßen­rand in­mit­ten ei­ner gro­ßen Lee­re. Auf die­se Wei­se zer­stü­ckelt und ver­stüm­melt die Zeit die Bil­der un­se­res Lebens.“

Wie ent­steht Er­in­ne­rung? Ver­än­dert sie sich mit den Jah­ren? Und was er­weckt sie wie­der? Ab­hän­gig von der Wahr­neh­mung und der Ver­ar­bei­tung ent­steht im Lau­fe der Zeit ein au­to­bio­gra­phi­sches Ge­dächt­nis, an dem un­se­re Phan­ta­sie auf nicht un­be­trächt­li­che Wei­se be­tei­ligt ist. So kann es ge­sche­hen, daß zwei Men­schen auf ge­mein­sam Er­leb­tes oft un­ter­schied­lich zu­rück­bli­cken. Die­se Kon­stel­la­ti­on liegt auch dem Ro­man „Fer­ne Ge­sta­de“ des 2021 mit dem Li­te­ra­tur­no­bel­preis aus­ge­zeich­ne­ten Ab­dul­ra­zak Gur­nah zu­grun­de. Der Ro­man wur­de 2001 erst­mals in Groß­bri­tan­ni­en ver­öf­fent­licht, ein Jahr spä­ter er­schien er in der Über­set­zung von Tho­mas Brück­ner in Deutsch­land und wur­de nun in re­vi­dier­ter Über­set­zung neu auf­ge­legt. Gur­nah kam als Flücht­ling aus San­si­bar nach Eng­land, wo er seit­dem lebt. Die­ses Schick­sal teilt er mit sei­nen Prot­ago­nis­ten. Der jün­ge­re, La­tif Mah­mud, war bei der An­kunft wie der Au­tor kaum er­wach­sen und wur­de eben­so wie die­ser Li­te­ra­tur­pro­fes­sor an ei­ner eng­li­schen Uni­ver­si­tät. Der äl­te­re, Sa­leh Omar, ver­lässt San­si­bar als al­ter Mann. Exis­ten­ti­el­le Ver­lus­te und die po­li­ti­schen Zu­stän­de ha­ben ihn aus der Hei­mat ver­trie­ben. Mit Om­ars An­kunft in Gat­wick be­ginnt der Ro­man, der wech­sel­wei­se aus der Per­spek­ti­ve der bei­den Prot­ago­nis­ten er­zählt wird. Wir be­glei­ten den 65-jäh­ri­gen, der un­ter fal­schem Na­men und Ver­ber­gung sei­ner Sprach­kennt­nis­se, im Bü­ro der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de be­fragt wird. Ge­ra­de eben aus ei­nem Un­rechts­re­gime ent­flo­hen, er­fährt Omar er­neut Will­kür. Der Be­am­te kon­fis­ziert Land der Er­in­ne­rung““ weiterlesen

An die Jugend

Pornographie“ von Witold Gombrowicz, eine als Farce getarnte Ode

Der un­sicht­ba­re Gar­ten schwoll an und schwelg­te in ei­nem Zau­ber – ob­wohl feucht, ob­wohl düs­ter, und mit die­sem scheuß­li­chen Ver­rück­ten – ich muss­te tief auf­at­men in die­ser Fri­sche, ba­de­te plötz­lich in ei­nem wun­der­voll bit­te­ren Ele­ment, ei­nem zer­rei­ßend ver­füh­re­ri­schen. Wie­der wur­de al­les, al­les, al­les jung und sinn­lich, so­gar wir!“

Ob Wi­told Gom­bro­wicz beim Ver­fas­sen die­ser Zei­len Sze­nen er­träum­te, wie sie auch Max Ernst in sei­nen Gar­ten- und Dschun­gel­bil­der mal­te? Das klei­ne Ge­mäl­de „Na­tur im Mor­gen­licht“ aus dem Stä­del legt dies nah. Der 1904 ge­bo­re­ne Wi­told Gom­bro­wicz war wie der 13 Jah­re äl­te­re Max Ernst dem Da­da­is­mus ver­bun­den. Ei­ne Spur, die sich nicht nur im an­ge­führ­ten Ver­gleich, son­dern an vie­len Stel­len in Gom­bro­wiczs Ro­man „Por­no­gra­phie“ zeigt.

Der Ro­man ent­führt in die Na­tur ei­nes pol­ni­schen Land­guts, die wie bei Ernst als Di­ckicht wu­chert, in dem Ero­tik spür­bar ist und sich doch nie so recht fas­sen lässt. Ernst wie Gom­bro­wicz er­schaf­fen Phan­ta­sie­wel­ten. Es geht es ih­nen nicht al­lei­ne um die kon­kre­te Dar­stel­lung, die­se trans­por­tiert viel­mehr ih­re Auf­fas­sung von Kunst. So wie Max Ernst sich als Vo­gel­ge­stalt in sei­ner Gar­ten­sze­ne ima­gi­niert, wählt sich auch Wi­told Gom­bro­wicz min­des­tens ein Al­ter Ego in „Por­no­gra­phie“.

Wi­told und Fry­de­ryk, zwei Män­ner um die Sech­zig, er­hal­ten 1943 in War­schau die Ein­la­dung ei­nes Be­kann­ten, sie auf sei­nem Land­gut zu be­su­chen. Nichts Groß­ar­ti­ges wird sich dort er­eig­nen in der Pro­vinz, die vom Krieg kaum tan­giert scheint. Es­sen, Trin­ken, Re­den, Spa­zie­ren­ge­hen, dies al­les fin­det, dann doch wie­der we­gen des Kriegs, auf be­grenz­tem Raum statt. Be­grenzt sind auch die In­ter­ak­tio­nen der we­ni­gen an die­sem kam­mer­spiel­ar­ti­gen „An die Ju­gend“ weiterlesen

Unerinnerbarer Horror“

Emmanuel Carrère erzählt in „Yoga“ von seinem Kampf gegen innere Irrlichter

Es ist ein dor­nen­rei­ches Un­ter­fan­gen ei­ner so irr­lich­tern­den Be­we­gung wie der un­se­res Geis­tes zu fol­gen, ihm in die ver­bor­ge­nen Win­kel nach­zu­drin­gen und noch die win­zigs­ten Er­schei­nungs­for­men sei­ner Un­ru­he au­zu­ma­chen und auf­zu­zeich­nen. Meh­re­re Jah­re sind es schon, dass ich mei­nen Ge­dan­ken nur mich selbst zum Ge­gen­stand ge­setzt ha­be, dass ich nichts an­de­res un­ter­su­che und er­for­sche als mich, und er­for­sche ich doch et­was an­de­res, dann nur, um es auf mich zu be­zie­hen.“ (Mon­tai­g­ne)

Ich wür­de ger­ne et­was an­de­res den­ken als das, was ich den­ke, denn was ich den­ke und oft ge­nug auf­ge­zählt ha­be ist sinn­los, es ist im­mer das­sel­be und über­trie­ben selbstbezogen.“(Carrère)

Yo­ga“, der Ti­tel des jüngs­ten von Em­ma­nu­el Car­rè­re ver­fass­ten Ro­mans mag den Le­ser in die fal­sche Rich­tung füh­ren. Man lernt zwar ei­ni­ges über Yo­ga oder bes­ser über Me­di­ta­ti­on, das stil­le sich von al­len in­ne­ren Irr­lich­tern frei ma­chen­de Sit­zen, wie es be­reits in ei­nem Ro­man von Tim Parks be­schrie­ben wur­de. Doch Car­rè­res Auf­ent­halt in ei­nem klos­ter­glei­chen „Ge­he­ge“, wo al­les, was Spaß macht, ver­bo­ten ist, bil­det nur den ers­ten der vier Tei­le des Buchs die­ses auf au­to­fik­tio­na­les Er­zäh­len abon­nier­ten Au­tors. Sei­nem ich-er­zäh­len­den Ro­man-Ego ist be­wusst, daß sei­ne Art al­le Sät­ze mit Ich zu be­gin­nen, zu­min­dest was das Brie­fe­schrei­ben be­trifft, ent­ge­gen al­len Re­geln ist. Re­geln der Höf­lich­keit und der Rück­sicht, ge­gen die auch der Ro­man ver­stößt, wo­von die Le­se­rin al­ler­dings nur se­kun­där und durch Uner­in­ner­ba­rer Hor­ror““ weiterlesen

Das Erbe der Voortrekker

Damon Galgut erzählt in „Das Versprechen” von der Last der kolonialen Vergangenheit

…die Fa­mi­lie Swart hat so gar nichts Be­son­de­res oder Be­mer­kens­wer­tes, o nein, sie gleicht der Fa­mi­lie von der Nach­bar­farm und der Nach­bar­farm der Nach­bar­farm, nur ein ge­wöhn­li­cher Hau­fen wei­ßer Süd­afri­ka­ner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur ein­mal dar­auf zu ach­ten, wie wir spre­chen. Wir klin­gen nicht an­ders als die an­de­ren Stim­men, wir klin­gen ganz ge­nau­so, und wir er­zäh­len die­sel­ben Ge­schich­ten, in ei­nem brei­igen Ak­zent, mit ge­köpf­ten Kon­so­nan­ten und ge­quetsch­ten Vo­ka­len. Un­se­re See­le ist ir­gend­wie ver­ros­tet, re­gen­fle­ckig und ver­beult, und das hört man un­se­rer Stim­me an.“

Wie im vor kur­zem hier be­spro­che­nen Ro­man von Ali­ne Val­an­gin spielt ein Haus ei­ne Rol­le. Kein pracht­vol­ler Pa­laz­zo, son­dern ei­ne rui­nö­se Hüt­te, ab­ge­le­gen auf dem weit­läu­fi­gen Ge­län­de ei­ner Farm au­ßer­halb Pre­to­ri­as. Dort lebt Sa­lo­me, das schwar­ze Haus­mäd­chen, die der Be­sit­zer „beim Kauf gra­tis da­zu­be­kom­men hat“. Auch wenn sie von den Swarts als In­ven­tar und kaum als In­di­vi­du­um be­trach­tet wird, spielt sie ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Fa­mi­li­en­gefü­ge. Sie hat die Kin­der An­ton, As­trid und Amor auf­ge­zo­gen und pfleg­te de­ren Mut­ter Ra­chel. Als die­se stirbt, nimmt Ra­chel ih­rem Mann das Ver­spre­chen ab, „Das Er­be der Vo­ortrek­ker“ weiterlesen

Keine Frau ihrer Zeit

Aline Valangin erzählt in „Casa Conti“ von Frauen im Tessin der Zwischenkriegszeit

Die Ca­sa Con­ti stand am An­fang ei­nes Dor­fes, al­lein, in­mit­ten ei­nes sanft an­stei­gen­den und in Ter­ras­sen ge­ord­ne­ten Ge­län­des, auf wel­chem zu­un­terst Re­ben, wei­ter oben Kar­tof­feln und ums Haus her­um Ge­mü­se und Blu­men wuch­sen. Zwei Rei­hen Pal­men säum­ten den brei­ten, ge­ra­den Trep­pen­weg vom gro­ßen Tor der Be­sit­zung bis zur obers­ten Platt­form. Links ne­ben dem Hau­se wa­ren klei­ne­re Ge­bäu­de, Stäl­le und Re­mi­sen zu­sam­men­ge­drängt, rechts da­von zog sich der Gar­ten ei­ner ho­hen Mau­er ent­lang, die ihn ge­gen Nor­den schütz­te, dem Obst­gar­ten zu, der wei­ter drü­ben in Wie­sen und klei­ne Äcker aus­lief. Das gan­ze An­we­sen war et­was ver­wahr­lost. (…) Doch tat das der Schön­heit und dem Stolz des Hau­ses we­nig Ab­bruch. Es stand mit di­cken Mau­ern wie für die Ewig­keit ge­schaf­fen da, schau­te et­was hoch­mü­tig aus sei­nen durch Ma­le­rei­en ver­zier­ten und er­höh­ten Fens­tern übers Land hin­aus, und das Wap­pen der Con­ti über der Haus­tü­re war frisch wie am ers­ten Tag.“

Das Cas­tel­lo ist Al­bas El­tern­haus, in das sie ge­zwun­gen durch die ge­schäft­li­che Mi­se­re ih­res Man­nes Vi­to aus Mai­land zu­rück­kehrt. Al­ba ist dar­auf an­ge­wie­sen, daß ihr Va­ter sie wie­der auf­nimmt. Der No­tar und Holz­händ­ler Giu­lio Mor­si­ni hat auf sei­ne al­ten Ta­ge nichts ge­gen die Ge­sell­schaft sei­ner äl­tes­ten Toch­ter ein­zu­wen­den. Küh­ler wird Al­ba von ih­rer Schwes­ter emp­fan­gen. Seit ih­rem letz­ten Wie­der­se­hen bei Li­set­tas Hoch­zeit vor zehn Jah­ren ist die­se ist nicht nur dick, son­dern Al­ba fremd ge­wor­den. Ein un­ehe­li­ches Kind brach­te Li­set­ta die un­glück­li­che Ehe mit dem Dorf­metz­ger Bur­ri ein. Der jäh­zor­ni­ge, pe­ni­bler Deutsch­schwei­zer ist über die Rück­kehr der Schwä­ge­rin we­nig er­freut. Er fürch­tet um die Ca­sa, die als künf­ti­ges Er­be längst ei­nem Schuld­ner ver­spro­chen ist. Da­mit nicht ge­nug an kon­flikt­träch­ti­gem Per­so­nal. Ne­ben Al­bas jun­ger Nich­te Ro­si­na taucht der at­trak­ti­ve Bru­no auf, des­sen Ver­hal­ten Ver­wir­rung stif­tet. Er ist der Sohn von Gio­van­ni Con­ti, wel­cher fa­mi­li­är mit der Ca­sa ver­bun­den und dem einst Al­ba ver­spro­chen war, bis die­se sich in Vi­to verliebte.

Die Ca­sa Con­ti, das re­prä­sen­ta­ti­ve wie re­no­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Cas­tel­lo in den Tes­si­ner Ber­gen, dient Ali­ne Val­an­gin in ih­rem gleich­na­mi­gen Ro­man nicht nur als bild­rei­che Ku­lis­se. Ih­re La­ge be­dingt das Ver­hal­ten der Fi­gu­ren, ih­re Ar­chi­tek­tur macht sie zum Ob­jekt der Be­gier­de. Da­zu kom­men ent­täusch­te Ehe­frau­en, geld­gie­ri­ge Män­ner, glück­los wie hoff­nungs­voll Lie­ben­de. Was nach ei­nem Hei­mat­ro­man vor idyl­li­schem Berg­pan­ora­ma klingt, ver­läuft je­doch un­er­war­tet. Er ent­puppt sich als psy­cho­lo­gi­scher Ro­man, in des­sen Mit­tel­punkt Frau­en im länd­li­chen Tes­sin der Zwi­schen­kriegs­zeit ste­hen. Die Hand­lungs­zeit des Ro­mans liegt fast ein Jahr­hun­dert zu­rück, sei­ne Ein­drück­lich­keit, sei­ne Sinn­lich­keit und Emo­tio­na­li­tät, die Val­an­gins Stil zum Aus­druck brin­gen, wir­ken im­mer noch.

Die 1889 bei Bern ge­bo­re­ne und fast hun­dert­jäh­rig 1986 in As­co­no ver­stor­be­ne Ali­ne Val­an­gin war mit den von ihr auf­ge­wor­fe­nen The­men ver­traut. Seit 1936 leb­te sie im Tes­sin, wo sie in Co­mo­lo­g­no im On­ser­no­ne-Tal den Pa­laz­zo del­la Bar­ca be­wohn­te, des­sen Ar­chi­tek­tur Vor­bild für die Ca­sa Con­ti war. Dort emp­fing die zwei­fach ver­hei­ra­te­te Schrift­stel­le­rin et­li­che Grö­ßen ih­rer Zeit, dar­un­ter Igna­zio Si­lo­ne, Kurt Tu­chol­sky, „Kei­ne Frau ih­rer Zeit“ weiterlesen

In Sorrent wird alles besser“

Andrea und Dirk Liesemer erzählen von Nietzsches „Neuanfang im Süden“

End­lich ent­fernt er sich vom Land und tritt die Rei­se auf See an, kann al­les Al­te hin­ter sich las­sen, sich ei­nem Schiff an­ver­trau­en, hat un­ter sich nur noch die Tie­fe des Mee­res. Wenn er dann an ei­nem an­de­ren Ort an­kommt, wird er den fes­ten Bo­den ei­ner an­ders­ar­ti­gen Welt be­tre­ten, um sein Le­ben von Neu­em zu be­gin­nen, sich an der Wei­te des süd­li­chen Him­mels erfreuen.”

An Ta­ge in Sor­rent, dem Ro­man von An­drea und Dirk Lie­se­mer, rei­zen mich der Hand­lungs­ort, den ich gut ken­ne, die Epo­che so­wie das Per­so­nal des Ro­mans. Al­len vor­an Fried­rich Nietz­sche, der sich noch jung, aber durch sei­ne Seh­schwä­che be­ein­träch­tigt, auf Ein­la­dung ei­ner Mä­ze­nin im süd­li­chen Sor­rent er­ho­len möch­te. Sei­ne Be­glei­ter, zwei jun­ge Aka­de­mi­ker, rei­sen als Un­ter­stüt­zer mit ihm und wer­den mit der Zeit zu Lei­dens­ge­nos­sen. Wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se, ist al­len ge­mein­sam das Lei­den an sich selbst.

Gleich zu Be­ginn des Ro­mans be­geg­nen wir Nietz­sche, dem das Au­toren­paar Lie­se­mer in per­so­na­ler Er­zähl­form na­he­kommt. Sei­ne Be­find­lich­kei­ten wäh­rend der be­schwer­li­chen Rei­se, sein Ha­dern mit dem In Sor­rent wird al­les bes­ser““ weiterlesen

Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re „Lie­be und Schmerz“ weiterlesen

Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn „Vom Ha­cken und Schrei­ben“ weiterlesen