Deutscher Buchpreis 2016 – Die Longlist

Bewährtes, Überraschendes und ein Bestseller

Logo_dbp_16_RGBImmerhin sieben Titel meiner Tipps tauchen auf der heute Morgen veröffentlichten offiziellen Longlist auf: “Drehtür” von Katja Lange-Müller, die bereits 2007 mit “Böse Schafe” auf der Shortlist stand.  Außerdem die Österreicherin Eva Schmidt mit  “Ein langes Jahr”, der Dante-Roman der Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff, Arnold Stadtlers “Rauschzeit” -auch dieser Autor ist ein häufiger dpb-Kandidat-, Peter Stamms kunstvolle Meta-Eskapade “Weit über das Land”, und Anna Weidenholzer mit dem bizarren Titel “Weshalb die Herren Seesterne tragen”. Leider wurde die von mir favorisierte Anna Katharina Hahn nicht nominiert.

Während beim S. Fischer Verlag die sechs Listentitel von Händler, Kaiser-Mühlecker, Stadtler, Stamm und Steinaecker sicher die Korken zum Knallen bringen, wird man sich auch bei kleineren Verlagen freuen, darunter Jung und Jung, Lenos und Matthes&Seitz.

Die Nominierungen jenseits der Toptitel der Topverlage finde ich interessant und erwarte gespannt das Leseheft mit Proben von Akos Doma, André Kubiczek, Michelle Steinbeck und Philipp Winkler.

Überrascht bin ich über die Nominierung von Joachim Meyerhoffs drittem Teil seiner Familienbiographie. Die unterhaltsam erzählte skurrile Anekdotensammlung liest sich ohne Zweifel locker und leicht. Aber ein Bestseller auf der Buchpreisliste? Das gab es bisher selten. Ich erinnere mich an die Longlist im zweiten Jahr mit Glattauers “Gut gegen Nordwind” und an “Adams Erbe” von Astrid Rosenfeld. Da scheint mir Joachim Meyerhoff eine bessere Wahl und er hat in seiner Funktion als Publikumsautor die Liste vielleicht vor Benedict Wells Pathosprosa bewahrt.

In der nächsten Woche erscheint das offizielle Heft mit Leseproben. Welche Buchhandlungen dies kostenfrei abgeben, verrät folgender Link www.buchhandlung-finden.de . Zudem gibt es Hörproben bei iTunes und Spotify sowie unter folgender App www.detektor.fm/deutscher-buchpreis .

 

Akos Doma: Der Weg der Wünsche (Rowohlt Berlin, Aug 2016), 336 S. Verlagsinfo

Gerhard Falkner: Apollokalypse (Berlin Verlag, Sept. 2016), 432 S., Leseprobe

Ernst-Wilhelm Händler: München (S. Fischer, Aug. 2016), 352 S., Leseprobe

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald (S. Fischer, Aug. 2016), 306 S., Leseprobe

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt, Sept. 2016), 224 S., Leseprobe

André Kubiczek: Skizze eines Sommers (Rowohlt Berlin, Mai 2016), 384 S., Leseprobe

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes (Kiepenheuer & Witsch, Feb. 2016), 320 S., Leseprobe

Katja Lange-Müller: Drehtür (Kiepenheuer & Witsch, Aug. 2016), 224 S., Leseprobe

Dagmar Leupold: Die Witwen (Jung und Jung, Sept. 2016), 234 S., Leseprobe

Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder (Suhrkamp, Sept. 2016), 350 S., Leseprobe

Thomas Melle: Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin, Aug. 2016), 352 S., Leseprobe

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke(Kiepenheuer & Witsch, Nov. 2015), 352 S., Leseprobe

Hans Platzgumer: Am Rand (Paul Zsolnay, Feb. 2016), 208 S., Leseprobe

Eva Schmidt: Ein langes Jahr (Jung und Jung, Feb. 2016), 212 S., Leseprobe

Arnold Stadler: Rauschzeit (S. Fischer, Aug. 2016), 552 S., Leseprobe

Peter Stamm: Weit über das Land (S. Fischer, Feb. 2016), 224 S., Leseprobe

Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch (Lenos, März 2016), 153 S., Verlagsinfo

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses (S. Fischer, März 2016), 416 S., Leseprobe

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen(Matthes & Seitz Berlin, Aug. 2016), 192 S., Leseprobe

Philipp Winkler: Hool (Aufbau, Sept. 2016), 310 S., Leseprobe

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Buchpreiskandidaten 2016

Die Betonung liegt auf der Unabhängigkeit – 12 Jahre Deutscher Buchpreis

Logo_dbp_16_RGBIm zwölften Jahr des Deutschen Buchpreises wäre es müßig sich mit den Regularien dieser Auszeichnung aufzuhalten. Neu ist lediglich die Zusammensetzung der Jury, zu der auch im Jahr 2016 Literaturarbeiter aller Couleur zählen.

Thomas Andre, Lena Bopp, Berthold Franke, Susanne Jäggi, Christoph Schröder, Sabine Vogel und Najem Wali stellen aus 156 eingesandten Titeln eine Longlist zusammen, die sie am kommenden Dienstagmorgen um 10 Uhr präsentieren.

Wie die Buchpreis-Organisatoren nicht müde werden zu betonen, legen sie Wert auf Autarkie und versprechen „eine garantiert unabhängige und kompetente Preisträgerermittlung“. Dies sichert der jährliche Wechsel der Jury, die ihrerseits von einem nicht jährlich wechselnden Gremium, der Akademie, gewählt wird.

Ziel dieser Akademie und damit des Buchpreises ist in erster Linie ein wirtschaftliches, die Ankurbelung der Verkaufszahlen im Bereich der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Werbewirksam begleitet wird der Buchpreis auch in diesem Jahr von sechs Buchpreisbloggern, darunter Sophie von Literaturen, die bereits zum zweiten Mal zu dieser Auswahl zählt.

Welche der Einsenderverlage, – deren Anzahl mit 98 erstaunlich hoch liegt- , wohl zum Zuge kommen und in der Auswahl auftauchen werden, scheint nach diesen Ankündigungen eine spannende Frage und weckt Erwartungen, die über die Toptitel der Topverlage hinausgehen.

So ganz konnte ich mich von diesen in meiner persönlichen Liste nicht befreien. Nicht aufgenommen habe ich jedoch trotz großer Sympathie weder den bekennenden Buchpreistraumatiker Glavinic mit seinem  Der Jonas-Komplex noch den unermüdlichen Walser, der mit „Ein sterbender Mann“ solche Wettstreite nicht mehr nötig hat.

 

Meine Kandidaten für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016:

   Bastian Asdonk, Mitten im Land, Kein & Aber, 220 S.

 

   Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rowohlt Berlin, 286 S.

 

   Antonia Baum, Tony Soprano stirbt nicht, Hoffmann und Campe, 144 S.

 

   Thea Dorn, Die Unglückseligen, Knaus, 560 S.

 

Paula Fürstenberg, Familie der geflügelten Tiger, Kiepenheuer & Witsch, 240 S.

 

Wilhelm Genazino, Außer uns spricht niemand über uns, Hanser, 160 S.

 

Anna Katharina Hahn, Das Kleid meiner Mutter, Suhrkamp, 310 S.

 

   Wolfgang Hermann, Herr Faustini bleibt zu Hause, Langen Müller, 142 S.

 

Christian Kracht, Die Toten, Kiepenheuer & Witsch, 224 S.

 

Thomas Lang, Immer nach Hause, Berlin Verlag, 384 S.

 

Katja Lange-Müller, Die Drehtür, Kiepenheuer & Witsch, 224 S.

 

Sibylle Lewitscharoff, Das Pfingstwunder, Suhrkamp, 350 S.

 

Hans Platzgumer, Am Rand, Deuticke, 208 S.

 

Eva Schmidt, Ein langes Jahr, Jung und Jung, 212 S.

 

Astrid Sozio, Das einzige Paradies, Piper, 336 S.

 

Arnold Stadler, Rauschzeit, S. Fischer, 552 S.

 

Peter Stamm, Weit über das Land, S. Fischer, 224 S.

 

Anna Weidenholzer, Weshalb die Herren Seesterne tragen, Matthes & Seitz, 192 S.

 

Tommy Wieringa, Dies sind die Namen, Hanser, 272 S.

 

Frédéric Zwicker, Hier können sie im Kreis gehen, Nagel & Kimche, 160 S.

 

P.S. Finde den Fehler und poste Deinen Titel-Tipp! 😉

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„Zähne im Rachen der Empörung“

William Faulkners grandioser Roman „Absalom, Absalom!“ in der Neuübersetzung von Nikolaus Stingl

U1_978-3-498-02134-4.indd„Vielleicht ist Geschehen nichts Einmaliges, sondern gleicht dem Gekräusel auf Wasser, nachdem der Kiesel versunken ist, und das Gekräusel geht weiter, breitet sich aus, der Teich ist durch eine schmale Wasser-Nabelschnur mit dem nächsten Teich verbunden, (…)“

Ein neues Leseprojekt, obwohl immer noch vier Bände Proust vor mir liegen? Gewagt. Aber man muss Gelegenheiten ergreifen, wo sie sich bieten. Diese geht auf Birgit zurück. Bei einem unserer letzten Literaturtreffen sprach sie davon William Faulkners „Absalom, Absalom!“ lesen zu wollen. Auch sie hatte erst kürzlich im Schweizer Literaturclub die Diskussion über Nikolaus Stingls Neuübersetzung verfolgt. Nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, ihr ein gemeinsames Lesen vorzuschlagen. Schließlich waren wir zu dritt und bildeten eine Extraausgabe unserer Runde, sozusagen einen Literaturkreis im Literaturkreis. Wir portionierten die schwere Kost und trafen uns insgesamt dreimal.

Schon der erste Abend war für mich nicht nur erhellend, sondern auch absolut notwendig, denn mit den ersten beiden Kapiteln habe ich ganz schön gehadert. Unverdaulich wie „Ulysses“, mit dem ich es vor Jahrzehnten viel zu jung versucht habe, erschien mir Faulkners Meisterwerk. 1936 erstmals erschienen, erzählt der Roman die Geschichte einer Familie aus dem amerikanischen Süden während des Bürgerkriegs. „Absalom, Absalom!“ gilt heute als einer der bedeutendsten Literaturwerke des 20. Jahrhunderts und verhalf 1950 Wilhelm Faulkner zum Literaturnobelpreis. Einmalig ist nicht nur Faulkners Sprache und Stil, sondern auch der Aufbau des Romans. Die Konstruktion aus verschiedenen Erzählstimmen, Rückschauen, Briefen und Bewusstseinsströmen, die ein auktorialer Erzähler eher unterbricht als zusammenhält, verlangt seinen Lesern einiges ab.

Erzählt wird von den verschiedenen höchst unterschiedlichen Charakteren immer dieselbe Geschichte. Sie handelt von einem jungen Fremden, Thomas Sutpen, der 1833 mit einer Wagenladung schwarzer Sklaven aus Haiti nach Jefferson kommt. Unweit des Städtchens erwirbt er sich ein großes Areal, auf dem er mit seinen Sklaven in mehreren Jahren harter Arbeit das Anwesen „Sutpen’s Hundred“ errichtet. Anschließend heiratet er die Tochter eines braven Bürgers und zeugt mit ihr zwei Kinder. Seine Frau Ellen ist die ältere Schwester von Rosa Coldfield, der Erzählerin des ersten Kapitels. Ihrer Version der Geschichte lauscht Quentin Compson, dessen Großvater mit Sutpen befreundet war.

Die 64 Jahre alte Rosa hat den 20-jährigen Quentin nicht ohne Hintergedanken zum Zuhörer gewählt. „Vielleicht werden Sie sich eines Tages an das hier erinnern und darüber schreiben.“ Neu ist ihm dieser Stoff nicht, das wird schnell klar. Ich hingegen fühle mich so, als säße ich im Gasthaus eines fremden Ortes und hörte am Nebentisch das Neueste über einen berüchtigten Dorfbewohner. Alle wissen, worum es geht und wer gemeint ist, aber ich bleibe außen vor, alleingelassen mit bruchstückhaften Informationen über Unbekannte.

So erfahre ich von Rosa, daß ihr Neffe Henry, also der Sohn dieses Sutpen, den Verlobten seiner Schwester am Vorabend der Hochzeit erschoss. Kurios, denn er war mit ihm befreundet, sie studierten an derselben Universität und kämpften vier Jahre im Bürgerkrieg.

Wieso lässt Rosa Quentin im Jahr 1909 zu sich kommen, um ihm diese in Jefferson altbekannte Geschichte noch einmal zu erzählen? Immerhin liegt Sutpens Ankunft in der Stadt fast 80 Jahre zurück. Diese Frage stellt sich Quentin. Diese Frage stellt sich mir als Leserin.

Rosa enthüllt zunächst wenig. Als Kind durfte sie die verheiratete Schwester und deren Kinder, die fast in ihrem Alter waren, nur in Begleitung des Vaters oder der Tante besuchen. Warum, verstand sie nicht, so sehr sie auch den Erwachsenen lauschte. Ein ähnliches Gefühl entsteht bei mir. Immerhin entnehme ich dem ersten Kapitel, daß Sutpen Rosa nicht geheiratet hat. Sutpen, den Rosa als Kentaur in Erinnerung hat, als Schwefelgestank verbreitenden Dämon, der mit seiner „Bande halbwilder Nigger“ die Gegend in Unruhe versetzte. Die Begegnung mit diesem Ungeheuer sei ihre Buße für den Fluch, der auf ihrer Familie liege. Was diesen auslöste, wird noch nicht enthüllt. War es die Bereitschaft ihres Vaters Sutpen in die achtbare Familie aufzunehmen?

Um Sutpen rankt sich ein Legendenstoff, von dem der Leser auf den ersten Seiten des folgenden Kapitels erfährt. Wie hören, wie er seine Plantage anlegt, nackt, nur vom Schlamm vor den Strahlen der Sonne geschützt, um den einzigen Satz Kleidung zu schonen. Wir hören, wie er um Ellens Hand anhält. Auf seinem Ritt nach Jefferson kommt ihm die aufgebrachte Bürgerwehr entgegen, doch Sutpen macht sie zu seiner Eskorte. Er schreckt vor nichts zurück. Woher die Wagenladung mit der opulenten Einrichtung für sein Haus stammt, weiß niemand. Man munkelt, er habe ein ganzes Dampfboot geraubt. Skrupellos, manipulativ und gefährlich scheint Sutpen zu sein. „Wenn die Gelegenheit besteht und es sein muss, kann und wird dieser Mann alles tun.“ Anklagen und Haftbefehle empfindet er als „eine akute Verdauungsstörung der öffentlichen Meinung“, mehr nicht. Gegen die Angst und das Misstrauen heiratet er 1838, fünf Jahre nach seinem ersten Erscheinen. Nun hat er „die tadellos beleumundete Ehefrau und den unantastbaren Schwiegervater“. Zur Hochzeit jedoch kommt kaum einer.

Vielfältig sind die Versionen, die erzählt werden, abhängig vom Wissen der jeweiligen Person und von ihrem Willen dieses preiszugeben. Rosa Coldfield, die nachgeborene Tochter eines geizigen Krämers glaubt Quentin zu enthüllen, warum Gott die Niederlage des Südens zuließ. Neben ihren Schilderungen hört Quentin Compson von seinem Vater, was der Großvater, der alte General Compson, ihm vor Jahren von Sutpen berichtete. Quentin schließlich teilt diese Informationen an einem Winterabend im gemeinsamen Zimmer seinem Freund Shreeve mit, der schließlich mit seiner Phantasie die Fehlstellen füllt.

Sutpen ist der Dreh- und Angelpunkt. Ehrgeizig strebt er die Gründung einer Dynastie an. „Ein Mann“, so Faulkner, „der Söhne wollte und den die Söhne zerstört haben“. In ihrem Brief an Quentin schreibt Rosa: „Er war das lichtgeblendete Spukbild seiner eigenen Qual, durch die glühende Dämonenlampe von unterhalb der Erdkruste und daher umgekehrt, seitenverkehrt, nach oben geworfen.“

Sutpens Qual, sein Trauma, von dem er sich durch die Schaffung von Besitz und Familie befreien wollte, lag Jahrzehnte zurück. Ungerechtigkeit und Ungleichheit sind tief mit der Geschichte der Südstaaten verbunden und wurzeln in Sklavenhandel und Rassismus. Vor vielen Jahren, Thomas Sutpen war noch ein Junge, klopfte er an das Portal einer Villa, er sollte dem Plantagen-Besitzer eine Nachricht überbringen. Doch der schwarze Butler, ein „Nigger-Sklave im Affenkostüm“ verwehrte den Eintritt und wies den zerlumpten weißen Jungen zum Hintereingang.

„Wenn Du es mit denen aufnehmen willst, musst du dir verschaffen, was sie haben und weswegen sie tun, was er tut. Du brauchst Land und Nigger und eine schönes Haus, um es mit ihnen aufnehmen zu können“, rät ihm seine Schwester.

Und doch scheitert Sutpen, seine eigenen Nachkommen zerstören den dynastischen Traum. Dabei glaubte er den Fehler rechtzeitig erkannt und ausgemerzt zu haben. Die Frau aus erster Ehe in Haiti hatte keine spanischen Wurzeln, sondern afrikanische wie so oft an diesem Knotenpunkt des transatlantischen Dreieckshandels „auf halbem Weg zwischen dem dunklen, unergründlichen Kontinent, aus dem man gewaltsam das schwarze Blut, die schwarzen Knochen, schwarzes Fleisch und Denken und Sicherinnern und Hoffen und Begehren geraubt hat, und dem kalten bekanntem Land“.

Doch Charles, der gemeinsame „unreine“ Sohn, trifft auf seine „reinweißen“ Kinder Henry und Judith. Eine innige Beziehung, die tödlich endet. Die Söhne werden zu Werkzeugen der Eltern. Sutpens Dynastie setzt sich nur durch Charles Sohn mit einer Mulattin fort. Dieser zeugt einen Sohn mit einer „Negerin“, der schließlich auf Sutpen’s Hundred von seiner letzten „Sklavin“ und schwarzen Tochter Clytie aufgenommen und der einzig überlebende Nachfahre der Sutpen’schen Sippe bleibt.

Faulkner führt das Scheitern Sutpens auf Rassismus und Ungerechtigkeit zurück. Er weiß, „dass es ein Land gab, sauber aufgeteilt, geordnet und übersichtlich mit Menschen, die je nach dem, welche Hautfarbe sie zufällig hatten oder was sie zufällig besaßen, sauber aufgeteilt, geordnet und übersichtlich darin lebten“.

Sutpens Trauma führt er ad absurdum, wenn die „schwarze Sutpen“ einem Weißen den Zugang zum Haus verwehrt und dessen Enkelin zwecks Zeugung weißer Nachkommen von Sutpen mit Perlen geködert wird. Unweigerlich denkt man an die Westküste Afrikas, die erste Station des Dreieckshandels, wo Europäer gegen wertlosen Tand schwarze Sklaven kauften. Eine der Ursachen für die Geschichte des Südens, auf der Faulkner seinen Roman gründet.

Der Leser sieht sich an der Seite des Kanadiers Shreeve. „Ich will es nach Möglichkeit nur verstehen, und ich weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken kann. Es ist nämlich etwas, was es bei uns nicht gibt. (…) Wir leben nicht unter besiegten Großvätern und befreiten Sklaven (oder habe ich das verwechselt, und deine Leute sind frei, und die Nigger haben verloren?)“

Das Unverständnis und die vielen Fragen, die der Roman während der ersten Kapitel aufwirft, machen zunehmend der Neugier und der Spannung Platz. Alles löst sich nicht, es bleibt Raum für Diskussionen und für die Wahl, welcher Version man folgen möchte. Am Ende ist man vertraut mit dem Kosmos dieser Geschichte und möchte den Roman genau deswegen sofort noch einmal lesen.

William Faulkner, Absalom, Absalom!, übers. v. Nikolaus Stingl, 1. Aufl. 2015, Rowohlt Verlag
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„Die universale Benetton-Farbe des Bluts“

Marie Darrieussecq hinterfragt in „Man muss die Männer sehr lieben“ den subtilen Rassismus

Darrieussecq_24902_MR.indd„Er war ein Mann mit einer Großen Idee. Die sah sie in seinen Augen leuchten. Seine Pupille rollte sich zum glühenden Band zusammen. Sie drang in seine Augen ein, um mit ihm dem Fluss zu folgen (…) aber wer war der Mann auf dem Foto? Wer ist der Mann, dessen Fotos in den Klatschblättern von Hollywood kursieren? Wer ist der Mann, der sie angeblickt hatte, der sie in ihrer Erinnerung anblickt? Ihre Haut weist von ihm keinerlei Spuren mehr auf, nur die Spuren der Zeit (…).“

Bleibt das Gegenüber nicht immer ein Rätsel, egal wie nah man ihm kommt? Sein Innerstes ist unzugänglich. Gepanzert durch die Fassade des Körpers, mit der Haut als letztem Wall, als sichere Schutzschicht, egal welche Farbe sie hat.

Farbe? Eine Kategorie, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat? Verloren haben sollte? Erst recht im Bewusstsein einer toleranten, liberalen, gebildeten, weißen europäischen Frau?

Eine solche Frau, Solange, Mitte 30 und Schauspielerin, macht die französische Autorin Marie Darrieussecq zur Hauptfigur ihres neusten Werks. Der Beziehungsroman trägt den programmatischen Lesen fortsetzen

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Fern voneinander fühlt man sich nah

Peter Stamm führt seine Leser „Weit über das Land“ und sehr schön in die Irre

u1_978-3-10-002227-1„Seine abgelegten Socken waren der erste Beweis dafür, dass er seine alte Existenz abgestreift hatte. Er würde nicht zurückkommen, er hatte sich aus dem Leben entfernt und hatte, nackt wie ein Neugeborenes, ein anderes Leben begonnen.“

Dieser Gedanke befällt Astrid als Thomas schon seit mehreren Tagen verschwunden ist. Vollkommen spurlos hat er sich nicht aus der Ehe und dem Familienleben fort gemacht. Davon künden die Hinterlassenschaften, die Astrid von der Polizei entgegen nimmt. Wie das gemeinsame Onlinekonto verrät, hat Thomas sich für seinen Weg Weit über das Land mit Wandersachen versorgt. Der neue Roman des bekannten Schweizer Autors Peter Stamm spielt in dessen Heimat. Es ist aus verschiedenen Gründen damit zu rechnen, daß diese literarisierte Fluchtbewegung bald in höhere Gefilde führt.

Die Gründe für Thomas’ Verhalten liegen zunächst offen und sind für seine Frau Astrid rätselhaft. Langjährige Beziehung neigen nun mal dazu, Konfliktmaterial im Hintergrund zu stapeln, wo Lesen fortsetzen

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Weg damit!

Altes aussortiert

20160516_140620_resizedPfingsten, das liebliche Fest war gekommen!? Ach nee, doch nicht, falsches Fest und bei dem strömenden Regen ist nichts lieblich. Was also tun? Lesen! Klar, Lesen geht immer, aber da steht dieses Regal im Nacken, überquellend von Büchern, quer, links, hinter- und übereinander gelegten und gestellten. Es mahnt an ein Projekt, wozu schon seit geraumer Zeit Öl und Tücher bereit liegen. Nur die Lust nicht. Wäre ein Spaziergang nicht viel gesünder? Sicher, aber auch nässer. Also dann doch! Vor der Ölung, -wenigstens ein christlicher Ritus sollte an diesem Tag drin sein-, muss erstmal alles raus. Bei jedem Band kehren Erinnerungen zurück. Manchmal solche, die man gerne schon längst vergessen hätte. Zum Beispiel die an diesen Professor! Und warum zum Teufel darf noch das Buch dieser Journalistin kostbaren Regalplatz belegen, die seit geraumer Zeit in der Blöd publiziert?

Also weg damit:

Vance Packard, Die geheimen Verführer. Ullstein 1980 – Den im Original 1957 erschienenen Klassiker der Werbepsychologie hatte ich gerne und mit Vergnügen gelesen. Dem Werbewarner Packard hätte sicherlich der kritische Verbraucher von heute, der Marktchecker und Lesen fortsetzen

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„Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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„Wie fiktiv alles ist!“, sagte Wolf. „Sie waren überzeugt, dass Sie mich getötet hatten, ich war mir sicher, dass Sie letztlich durch meine Schuld umgekommen waren, und wir hatten beide nicht recht. (…)“

Gasdanow beginnt seinen Roman Das Phantom des Alexander Wolf mit der Schlüsselszene. In einem Sommer gegen Ende des Russischen Bürgerkriegs treffen zwei feindliche Kämpfer aufeinander. Das Pferd des einen wird von einem Schuss niedergestreckt. Als sein Reiter unverletzt aufsteht, sieht er wie der Schütze erneut das Gewehr anlegt. Er zückt seine Pistole zur Gegenwehr und trifft den anderen zuerst. Tödlich, wie ihm ein Blick versichert. Wenige Augenblicke später hört er Weitere herannahen und flieht auf dem Schimmel des Getöteten.

 

Zu der Zeit, als das geschah, war ich 16 Jahre –somit war dieser Mord der Beginn meines selbständigen Lebens, und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht unwillkürlich alles geprägt hat, was zu erfahren und zu erblicken mir später beschieden war.

Jahre später, er lebt inzwischen in Paris und schreibt für die Zeitung, stößt der Erzähler auf eine Geschichte, die detailliert die Schussszene wiedergibt. Autors des Bandes ist ein gewisser Alexander Wolf, Lesen fortsetzen

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Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_Cover„Wie sagt man hierzulande? It takes one to know one. Offensichtlich hatte sich der Verrückte da draußen für sein Wahn-Ich treffsicher einen der verrücktesten Physiker herausgesucht, der sich in der deutschen Geschichte finden ließ.

Während sie sich selbst noch lachen hörte, durchfuhr es Johanna wie ein Stich. Wie kam sie dazu, auf einen Wissenschaftler, der kühne Gedanken wagte, ebenso borniert und selbstgefällig zu reagieren, wie es das Pack der – wie hatte er sie genannt?-, das Pack der Philister tat? Litt sie selbst nicht immer noch unter jenem Brief, mit dem die deutsche Ethikkommission vor wenigen Wochen ihr wissenschaftliches Projekt, ihr Lebensprojekt, abgekanzelt hatte? Die wenigen – in ihrer Knappheit doppelt verletzenden – Sätze hatten sich ihr so tief ins Gedächtnis eingeprägt, dass sie den unsäglichen Schrieb gar nicht mehr brauchte, um ihn Wort für Wort vor sich zu sehen: „ (…) Ihr Projekt, die physiologische Regeneration weit über das gattungsspezifische Maß hinaus zu aktivieren und gleichzeitig die Zellseneszenz zu retardieren bzw. vollständig zu unterbinden, stellt kein ethisch vertretbares Forschungsziel dar. Altern gehört zu den Grundgegebenheiten menschlicher Existenz und ist in diesem Sinne nicht als Krankheit zu betrachten…“

Dieses Buch ist vieles zugleich, ein Fauststoff in seiner Suche nach Unsterblichkeit und eine Zeitreise, die einen Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts ins Hier und Heute versetzt, ein Historischer Roman, der mit Erinnerungen und Schriftquellen in die Vergangenheit führt, und ein Lesen fortsetzen

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Der ganze Walser in einem Roman

Walser zeigt in Ein sterbender Mann viele Facetten seiner Literatur

U1_XXX.indd„Ich schrieb ehrgeizlos. Ich schrieb, wie mir zumute war. Die Leute lesen’s gern. Immer noch. Literatur, Dichtung, keine Spur. Mich versteht jeder.“

Auf dem Vorsatzblatt seines neuen Romans dankt Martin Walser seiner Unterstützerin Thekla Chabbi. Ob man sie kennen muss, beantwortet rasch eine Suche im Internet. Sie offenbart, daß sich beide 2014 auf einem Kongress in Heidelberg kennenlernten und wie es zur Kooperation kam.

„Ein sterbender Mann“, so der Titel des neuesten Werks, widmet Walser dem Tod, auch und vor allem dem selbstbestimmten. Diesem sieht sein Held, Theo Schadt, nicht wegen seiner 72 läppischen Lenze -wie man angesichts des 89-jährigen Verfasser sagen darf- entgegen. Ein Verrat durch den besten Freund zerstörte seine Existenz, die geschäftliche und die männliche, wie er später gesteht. „Ich kann nicht leben, wenn das, was mir passiert ist, möglich ist“, entscheidet Schadt. Dann sitzt er im Tangoladen seiner Frau und recherchiert zwischen Boleros und hochhackigen Schuhen nach effektiven Tötungstechniken. Hilfe findet Theo Schadt in einem Suizidforum. Von dem virtuellen Treffpunkt all’ derer, denen „nichts mehr grünen kann“ –hier klärt sich die Rolle der zu Beginn Genannten- erfuhr Walser durch Chabbi. Mehr noch, im privaten Mail-Verkehr schlüpft sie in die Rolle einer Protagonistin und antwortet so dem Autor wie seiner Figur.

Walser schiebt das Metakarussell seines Briefromans gehörig an. Schon im ersten Lesen fortsetzen

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Einsamkeit

John Williams evoziert in Stoner die Macht der Literatur

9783423280150„Immer noch lächelnd, ironisch, böswillig, wandte er sich Stoner zu. ‚Du entkommst mir ebenso wenig, mein Freund. Nein, du nicht. Wer bist du? Ein schlichter Bauernsohn, wie du gern vorgibst? Keineswegs. Auch du gehörst zu den Unzulänglichen – du bist der Träumer, der Verrückte in einer noch verrückteren Welt, unser Don Quichote des Mittleren Westens, der, wenn auch ohne Sancho, unter blauem Himmel herumtollt. Du bist klug – jedenfalls klüger als unser gemeinsamer Freund. Doch trägst du den Makel der alten Unzulänglichkeit. Du glaubst, hier wäre etwas, das es zu finden gilt. Nun, draußen in der Welt würdest du bald eines Besseren belehrt, denn du bist gleichfalls zum Scheitern bestimmt, auch wenn du nicht gegen die Welt ankämpfst. Du lässt dich von ihr verschlingen und wieder ausspeien, und dann liegst du da und fragst dich verwundert, was falsch gelaufen ist.’ “

In diesem Worten, mit denen Dave Masters seinen Freund und Studienkollegen charakterisiert, liegt fast der ganze Roman oder doch wenigstens die Persönlichkeit von John Williams Stoner.

William Stoner wächst zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts als einziger Sohn armer Bauern auf einer Farm in Missouri auf. Seine Eltern schicken den guten Schüler zur nächstgelegenen Lesen fortsetzen

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