Out-of-Body-Experience

John Williams psychologisch intensives  Debüt „Nichts als die Nacht“

„Und er dachte an die Dinge, an die er nicht denken sollte, erinnerte sich an Sachen, an die er sich nicht erinnern sollte. Manchmal, wenn er sich so allein dort sitzen und sich erinnern sah, kam er sich wie ein Arzt vor, der beobachtete, wie eine Krankheit aufzog, aber nichts dagegen unternahm. Man hatte ihm gesagt, dass es Dinge gebe, die er vergessen sollte, die er vergessen musste.“

Eine Außerkörperliche Erfahrung, das Gefühl seinen Körper zu verlassen, über ihm zu schweben und sich selbst als Objekt einer Szenerie von außen zu betrachten, spielt eine große Rolle in John Williams Debüt „Nichts als die Nacht“. Jenseits der Literatur schildern Menschen in körperlichen wie psychischen Notsituation, Unfall- und Gewaltopfer, derartiges. Neurowissenschaftler führen dies auf die Beeinträchtigung verschiedener Bereiche des Hirns zurück und zählen es als Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist davon auszugehen, daß  John Williams dies ebenfalls aus Beobachtung oder eigenem Erleben kennt, denn die vorliegende Novelle schrieb er als 22jähriger Kriegsteilnehmer nach dem Absturz seines Flugzeugs in einem Lager in Burma.

Gleich zu Beginn seines Buchs schickt er seinen jungen Protagonisten Arthur in eine Out-of-Body-Experience. Es ist die erste, weitere werden folgen. Arthur befindet sich auf einer Party, sieht wohlbeleibte Smokingträger und ihre knapp bekleideten Frauen, erkennt die Details der Wohnung des Gastgebers und entdeckt schließlich sich selbst in einem Sessel sitzend. Er fühlt sich fremd und dieser Gesellschaft ganz und gar nicht zugehörig. Symptome, die ich zunächst auf das jugendliche Alter Arthurs schob. Doch schon die nächsten Szenen zeigen, daß ein Kindheitserlebnis in Arthur eine Depersonalisation hervorgerufen hat. Er leidet unter dem Verlust des Identitätsgefühls, fühlt sich bei sich selbst und bei anderen fremd.

Er will das Geschehene vergessen. Um dies zu bewältigen, strukturiert er seinen Tag. Doch immer wieder bringen Déjà-Vus ihn außer Fassung. Es gelingt ihm nicht, seine „widerwärtige Einsamkeit“ zu durchbrechen. In einem Café bezieht er überempfindlich alles auf sich. Selbst die Nichtreaktion eines Kellners wertet er feindlich. Er kehrt in seine Wohnung zurück und gerät in ein erotisches Gerangel mit der Putzfrau. Auch deren Verhalten deutet er gegen sich. Spätestens hier wird klar, daß der 24-jährige ein Problem mit Frauen hat, was über das in diesem Alter übliche hinausreicht.

Auch das Verhältnis zu seinem Vater scheint schwierig. Dessen Briefe lässt er liegen, ein früherer Anruf ließ ihn zusammenbrechen. Welches Drama hat sich in Arthurs Kindheit ereignet? Wir erfahren vom Tod seiner Mutter, die von Arthur wie die Gute-Nacht-Kuss-Szene beweist in Proust’scher Weise vergöttert wurde. Eine Mutter, auf die sich wie die Szene ebenso zeigt der Junge nie vollkommen verlassen konnte.

Gespannt wartet der Leser auf eine Antwort, während Williams ihn weiter an der Seite seines Helden durch die Nacht schickt. In einer Bar trifft der sich mit einem Freund, den er eigentlich nicht mag. Im Regency trifft er den Vater, der die Nähe zu seinem Sohn sucht. Fast gelingt dies. Doch das plötzliche Erscheinen einer Frau, die auf fatale Weise der Mutter ähnelt, blockiert die Annäherung. Arthur treibt es in die Nacht, in die „monströse Unpersönlichkeit einer Menschenmenge“. Edward-Hopper-Momente der Anonymität und Verlorenheit beherrschen sein Inneres. Da trifft er in der Bar eine Schönheit, trinkt mit ihr, fühlt sich vertraut und begleitet sie nach Hause.

Zuvor offenbart ein Flashback Arthurs Kindheits-Katastrophe. Das entrückte Gesicht einer Nachtclub-Tänzerin erinnert ihn an die Mutter und katapultiert ihn in das zurückliegende Geschehen. Die Details und auch die Folgen möchte ich nicht vorwegnehmen. Arthurs weiteres Schicksal lässt Williams offen. In meinen Augen befreit die Katharsis sein Ich, doch das ist reine Interpretation.

John Williams 1948 erstmals aufgelegtes Debüt, von dem er sich laut Nachwort lange distanzierte, ist ein psychologisch interessantes Werk, das intensive Innensichten zeigt. Viele Vorausdeutungen befeuern die spannungsgeladene Atmosphäre, in der sogar der Regen „Striemen“ und „Hiebe“ austeilt. Auffallend sind Williams’ Metaphern. Wenn er das Erwachen einer traumatischen Erinnerung als „ein Knurren des dunklen Ungeheuers“ beschreibt, ist dies nachvollziehbar. Wenn er vom „blinden Bauch des Nichts“ spricht, bleibt das Bild rätselhaft. Sogar in dieser dramatischen Geschichte taucht ein wenig Humor auf, wenn Arthur den Blender Stafford entlarvt, der hinter einem „sanften, rätselhaften Lächeln, so als verfüge er über unendliche Weisheit“ nur „tiefe Leere“ verbirgt. Und ein bisschen Proust zeigt nicht nur die Zu-Bett-Geh-Szene, sondern auch die häufige Erwähnung der „verlorenen Zeit“. „Verstand und Erinnerung erlaubten es ihm, in der Zeit zurückzuwandern: Wo die Zeit verloren schien, dort konnte er bleiben“ oder „Verlorene Zeit, dachte er, das ist die beste Zeit des Lebens. Die Zeit des Sommers, in der schillerndes Licht die Blätter der Bäume verwebt.“

Zu den Literarischen Vorbildern finden sich im Nachwort von Simon Strauß keine Angaben, dafür erzählt es ausführlich die Entstehungsgeschichte. Williams mag traumatisiert gewesen sein. Das vorliegende Werk jedoch auf diese Kriegserfahrungen zurück zu führen, scheint mir fraglich. Es handelt sich um einen gut konstruierten mit literarischen Mitteln gestalteten, fiktiven Text, der in expressiver, aber nie surrealer Weise, das psychische Erleben seines Protagonisten in den Mittelpunkt stellt.

John Williams, Nichts als die Nacht, übers. v. Bernhard Robben, dtv, 2017
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Vom Auswildern einer Familie

Andrea Hejlskov schildert in „Wir hier draussen“ die Bekämpfung einer Existenzkrise mit natürlichen Mitteln

„Als wir weggegangen waren, hatten wir das nicht getan, um vor den Problemen oder Konflikten wegzulaufen. Es war ein Kamikazeangriff gewesen, der mitten ins Herz der Familie gezielt hatte, ins Private, direkt in die Probleme – wir hatten die Probleme an der Gurgel packen wollen, sie auf den Kopf stellen und sie schütteln, bis sie zittern und verschwinden würden. Uns war klar gewesen, dass es hart werden würde, dass es schrecklich werden würde, das hatten wir gewusst, aber das war es uns wert gewesen.“

Raus aus der Zivilisation, zurück zur Natur, zum Ursprünglichen, die eigenen Ressourcen entdecken, wieder Gemeinschaft erleben. Diese Motive haben vor der dänischen Autorin Andrea Hejlskov und ihrer Familie schon andere bewegt. Zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts waren es Naturjünger, die auf Südseeinseln oder im Tessin ihr Lebensglück suchten. Ihnen folgten andere, die sich vom Aufgezwungenen abkehrten um sich selbst zu finden. Henry David Thoreau bezog eine abseits gelegenen Hütte und schlug aus dieser Erfahrung auch literarisch Kapital. Sein „Walden“ wurde zum Kultbuch. Ähnliche Abenteuer, aus denen ein Buch hervorging, gibt es noch in heutiger Zeit. Sie reichen von der Reportage des Journalisten Jürgen König, der gut vorbereitet ein Jahr auf einer Schweizer Hochalm verbringt, bis zum amerikanischen Jungautor und seinem Versuch einsam die Adoleszenz auszusitzen. Sprachmächtiger sind literarische Werke über ein selbstbestimmtes autarkes Leben in der Natur, zu denen sowohl Marlen Haushofes Klassiker „Die Wand“ wie auch Erwin Uhrmanns Dystopie „Ich bin die Zukunft“ zählen. In diesen Romanen wird gezwungenermaßen auf jeden Außenkontakt verzichtet. Die authentischen Aufenthalte kommen jedoch, ebenso zwingend, nicht ohne Schummelei aus. Dies erfährt auch Andrea Hejlskov, die in ihrem Buch Wir hier draussen über das erste Jahr ihrer sechsköpfigen Familie in der wilde Natur berichtet.

Die Hejlskovs legen den weiten Weg von ihrer Heimat Dänemark in die schwedischen Wälder in einem Auto zurück. Es bleibt in erreichbarer Entfernung von ihrem neuen Zuhause stehen, bereit für Besorgungen und Notfälle, die bei einem Aufenthalt mit vier Kindern nicht unwahrscheinlich sind. Der Computer ist ein weiteres Mitbringsel, eingefordert von den halbwüchsigen Kindern, stellt er sich auch für Andrea Hejlskov als nützlich heraus. Sie beginnt über das Leben in der Wildnis zu bloggen, vorausgesetzt der Generator hat ausreichend Benzin.

Das Bloggen erweist sich als Rettung, denn die Spenden der Leser ergänzen das schwindende Geld, mit dem die Familie Grundnahrungsmittel bezahlt. Der eigene Anbau gedeiht nur langsam nach einem langen Kampf gegen Himbeerranken. Die Hejlskovs gewöhnen sich an das einfache Leben. Die Kinder beschäftigen sich, der Mittlere baut ein Fort mit Biberstämmen, die Tochter macht lange Spaziergänge, ihr Bruder wandelt sich bei der Arbeit mit dem Vater vom Stubenhocker zum Naturburschen. Auch die Entwicklung des Jüngsten scheint vom Wald zu profitieren, wenn er auch sehr an der Mutter klebt, die den traditionellen Frauenpflichten nachgeht. Den Ausgleich findet die in ihrem alten Leben stets Berufstätige in Glücksmomenten, die sie der Natur und ihrer Familie nahe bringen. Genau dies waren die Sehnsüchte, die nach gründlicher Recherche und Kontakt zu einem anderen Waldbewohner, der Schwedische Wald erfüllen sollte. Der Kapitän, ihr einsiedlerischer E-Mail-Partner, vermittelt der Familie in der Nähe seiner Hütte ein Domizil. Neben diesem soll noch vor Eintreten des Winters ein Blockhaus entstehen. Mit Rat und Tat steht der Ältere ihnen zur Seite, gibt Tipps zum Wäschewaschen, lehrt die Jungs das Angeln. Doch seine Anwesenheit sorgt auch für Konfliktpotential, von dem sich in den ersten Monaten reichlich ansammelt. Als Psychologin steht Hejlskov genug Handwerkszeug zur Verfügung, um dies zu analysieren.

Auch von außen werden Fragen gestellt. Darf man Kinder diesem Waldabenteuer aussetzten, das doch eigentlich nur „Interrail für Erwachsene“ sei. Lauern nicht überall Gefahren? Wo bleibt die Schule, wo die Freunde? Kann die Familie alle Bedürfnisse erfüllen? Die Beziehung zwischen Andrea und ihrem Partner Jeppe wird auf die Probe gestellt. Die Herausforderung beim Haushalt wie beim Hausbau zehren an ihren Kräften, die in schnellen Schritten heraneilende kalte Jahreszeit setzt alle unter Druck.

Hejlskov berichtet über das erste Jahr ihres Waldlebens in klaren Worten, zwischen denen sich beim träumerischen Blick auf die Natur auch poetische Passagen finden. Einfühlsam und ehrlich schildert sie die Überwindung der gemeinsamen Existenzkrise und das erfolgreiche Auswildern der Familie.

In Dänemark war das Memoir, welches ihrem Blog folgte, ein großer Erfolg. Es avancierte sogar zur Schullektüre. Seit 2011 leben die Hejlskovs im Wald, mittlerweile im milderen Südschweden. Weitere Informationen finden sich auf dem Blog der Autorin, bei Instagram sowie auf der Seite des Mairisch Verlags.

Andrea Hejlskov, Wir da draussen, übers. v. Roberta Schneider, Mairisch Verlag, 2017
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Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

„Das ist der Gesang der Spinne im Netz. Das ist das Wachsen von Gräsern und Moos auf den Steinen.“

In ihrem Roman „Alles Verwandte“ nimmt Sabine Peters ihre Leser mit auf eine Reise. Sie führt nach Portugal in das Bergdorf Feital. In der kargen Provinz abseits der Küste besuchen sich zwei Frauen um ihrer alten Freundschaft willen. Dies führt beide zurück in die Vergangenheit gemeinsamer wie subjektiver Erinnerungen.

Mit großer Empathie beschreibt Sabine Peters die Frauen und die Region. Im steinigen Feital, fern von Fortschritt und Betrieb, scheint die Zeit still zu stehen. Doch die Auswirkungen der gesellschaftlichen Umbrüche sind spürbar. Die Finanzkrise schwächt die abseits gelegenen Kleinbetriebe. Das Internet ist erreichbar, wenn auch mit abgeschwächter Kraft.

Die portugiesische Künstlerin Lino lebt nach Jahren in Deutschland und der Trennung von ihrem Mann wieder in ihrem Heimatdorf. Dort erwartet sie Marie, ihre Freundin aus Lesen fortsetzen

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„Die schauerliche Stille brechender Herzen“

Vom Grausamen im Krieg und in der Liebe erzählt Anna Baar in „Als ob sie träumend gingen“

Klee liegt im Krankenbett oder eher im Sterbebett? In einer Anstalt für Kranke oder eher für Irre? Sein Name lautet Paul oder eher Pablo?

Klee ist die Hauptfigur in Anna Baars neuem Roman „Als ob sie träumend gingen“. Von seinen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen erzählt Baars namenloser Erzähler, der im Prolog bekennt: „Manches hat er mir erzählt, manches bilde ich mir ein, vieles wird geträumt sein oder ausgedacht.“

Klees Erinnerungen sind brüchig, nicht nur seines Zustands wegen, sondern aufgrund der grausamen Geschehnisse selbst, den erlebten Kriegsgräueln und den Verlusten, vor allem in der Liebe.

Klee kämpft gegen das Vergessen, weswegen er alles seinen Kassetten anvertraut, vor allem die Sache mit Lily. Beide kommen aus einem Dorf, das nicht konkret verortet ist. Baar will, wie sie in einem Interview betont, alle Geschehnisse ihres Romans nicht konkretisiert wissen. Doch liefert sie Hinweise genug, den Ort an der jugoslawischen Küste und die Zeit im zweiten Viertel des letzten Jahrhunderts zu lokalisieren. Immerhin wird im Lesen fortsetzen

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Der Tod  und das Mädchen

Tomas Espedal verzeichnet in „Wider die Natur“ die Liebe zwischen Sehnsucht und Selbstzweifel

„Ist das Unglück eine Voraussetzung für das Glück? Nein, das Glück kommt jäh und unerwartet, es ist eine ganz selbstständige, unabhängige Größe, es tritt ein ohne Vorboten, wie ein Naturereignis, ein Regenbogen, eine Sternschnuppe, ein Blitzschlag oder ein Feuer, furchteinflößend und schön; auch das Glück wirft alles über den Haufen.“

Am Ende schließt sich der Kreis dieses autobiographischen Romans, der die Liebe des 48-jährigen Autors zu der 24-jährigen Janne zum Thema hat. Genauer, das Scheitern dieser Liebe und das der vorherigen Beziehungen sowie Espedals Leiden daran.

Zu Beginn steht der Spontan-Sex der beiden, die sich gerade erst auf einer Party erblickt hatten, in der Bibliothek des Gastgebers.  Welch’ besserer Orte könnte ein Schriftsteller für die Initiation seiner Liebesbesessenheit wählen? Doch sein Staunen über die Erfüllung kühner Midlife-Männer-Sehnsüchte, begleitet Espedal mit wehmütiger Vanitas. Diese Paarung eines abgekämpften Alten mit der blühenden Lesen fortsetzen

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Werwölfe und Frankensteinexperten – Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deutsche Buchpreis wird am 9. Oktober zum 13. Mal vergeben. Die Regularien sind hinreichend bekannt und können im Zweifel auf der eigens eingerichteten Buchpreis-Seite des Börsenvereins nachgelesen werden. Propagiert als Preis für den besten deutschsprachigen Roman, gedacht als Marketingstrategie für den deutschen Buchhandel und realisiert von einer jährlich wechselnden Jury, bescheren die Nominierungen mitten im Sommerloch Gesprächsstoff für Blogs und Feuilleton.

Ich verfolge den Buchpreis von Beginn an. Auf meiner 2010 gegründeten Seite erschien 2011 der erste Buchpreis-Beitrag. Im Jahr 2013 nahm ich als „offizielle“ Buchpreisbloggerin teil. Mein bestes Buchpreis-Jahr war allerdings 2009, da viele meiner Lieblingsschriftsteller antraten. Mit Interesse las Lesen fortsetzen

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Hummel und Orchidee

„Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ – Proust 4. Band, I.

„Zudem begriff ich jetzt, wieso ich vorhin, als ich Monsieur de Charlus von Madame de Villeparisis hatte herauskommen sehen, finden konnte, er sehe aus wie eine Frau: Er war eine! Er gehörte zu der Rasse jener Menschen (sie sind weniger widerspruchsvoll, als es den Anschein hat), deren Ideal männlich ist, gerade weil sie von weiblichem Temperament sind, und sie im Leben nur scheinbar den anderen Männern gleichen; (…) eine Rasse auf der ein Fluch liegt und die in Lüge und Meineid leben muß, da sie weiß, daß ihr Verlangen, das, was für jedes Geschöpf die höchste Beseeligung im Dasein ausmacht, für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt.“ (Keller 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hätte gedacht, daß Proust diese Enthüllung, -für die endgülige Ausgabe verwarf er den obigen Titel des Kapitels, das auf den Essays „Über die Päderastie“ zurückgeht-, mit der bekannten Metapher von Blüte und Bienchen bebildern würde? Beides spezifiziert er, aus der Blüte wird eine Orchidee, wenn nicht gar ein Knabenkraut, und aus der Biene eine Hummel. Es ist klar, worum es geht. Um die Befruchtung, oder um wieder vom Spezifischen ins Allgemeine zu kommen, um die Sexualität. Würden wir uns hier über die französische Originalausgabe unterhalten, wüssten wir, daß Proust -aber das wissen wir sowieso- auch im Allgemeinen das Besondere sieht. So müssen die Kommentare, den vierten Band der Recherche lese ich in der Reclam- und in der Suhrkamp-Ausgabe, helfen.

Marcel steht am Treppenhausfenster des Palais, weil er die herzögliche Ankunft abpassen will. Wir erinnern uns, er möchte die Einladung bei der Fürstin sondieren. Während er wartet, schweift sein Blick im Hof umher und fällt auf eine Orchidee, die ihrerseits auf eine Hummel wartet. Diese Boudon, das Wort bezeichnet im Französischen auch Penis, erscheint zunächst nicht, um ihren Rüssel in die Blütenöffnung zu stecken. Dafür taucht Baron de Charlus auf, dessen hintere Partie hummelartig ausragt. Marcel duckt sich, er möchte auf keinen Fall von Charlus aufgespürt werden, hatte der sich doch ihm gegenüber in der Vergangenheit mehrfach seltsam verhalten. Wie erinnern uns an seinen schon etwas länger zurückliegenden abendlichen Besuch in Marcels Zimmer im Grand-Hotel sowie an den kürzlich erfolgten Besuch Marcels bei Charlus.

Marcel späht erneut durchs Fenster und sieht, daß seine Vorsicht gar nicht von Nöten gewesen wäre. Charlus’ Aufmerksamkeit ist vollkommen von anderem gefangen. Es ist Jupien, der auf dem Weg ins Büro, vom Blick auf den Baron in einen balzähnlichen Zustand versetzt wurde. Die beiden, könnte man sagen, Lesen fortsetzen

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Ghostbusters

Christine Wunnicke lässt in ihrer Wissenschaftssatire „Katie“ Empirie gegen Esoterik antreten

„Der Schrank war ihr Heiligtum, ihr Arbeitsplatz, das Zentrum ihres Ruhms. Am Schrank hing alles. Der Schrank war der Grund, warum Florence zu Mutters großer Qual nie mehr im Salon und nur stets im Wohnzimmer empfing. In den Schrank trat sie hinein, wenn die Gäste bereitsaßen, hier ließ sie sich fesseln und noch einmal fesseln, ihre Zöpfe an die Wandhaken binden, ihren Kopf in Tücher und Schals wickeln, bis sie kaum noch Luft bekam. Hier hauchte sie ihr ‚fester, fester‘, wenn man zimperlich mit ihr umging, was man leider oft tat, vor lauter Respekt. Hier verharrte sie schweigend, zuweilen auch leise seufzend, während Mutter draußen den Hymnengesang anleitete, und wartete.“

Seit Menschengedenken ist der Geisterglaube ein Produkt des Haderns mit der Vergänglichkeit alles Irdischen. Aus dem Wunsch mit dem Jenseits und den Toten in Kontakt zu treten entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein regelrechten Boom, der Spiritismus. Ausgelöst wurde er durch Ereignisse, wie die Klopf-Kommunikation mit einem Ermordeten, die Familie Fox in ihrem Haus in Hydesville trieb und die 1848 Lesen fortsetzen

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Ballerina-Becircung

Lukas Bärfuss Roman „Hagard“ wirkt wie eine Debatten-Replik

„Philip, so nahm ich an, hatte einen Anfall von Überdruss, wie ihn jeder Mensch kennt, der sich von seinem Alltag gefesselt fühlt und in öden Stunden von einer Flucht träumt. Auch Philip trotzte gelegentlich und trotzte auch jetzt, und ich gestehe, dass ich sein Schmollen lächerlich fand, dieses Wechselspiel aus Konformismus und Trotzphase, ein unreifes, kindisches Verhalten, populär in allerlei Schmonzetten, die in jenen Tagen erschienen. Halbsüße Romane über Männer im besten Alter, die eines Tages mir nichts, dir nichts Frau und Kinder verließen und sich für ein flüchtiges Abenteuer aus dem Leben schlichen.“

So urteilt der Erzähler in Lukas Bärfuss’ Roman Hagard über das Verhalten der Hauptfigur und spielt auf oft gehörte Geschichten plötzlichen Verschwindens an, wie sie auch Peter Stamm in Weit über das Land schildert. Man könnte meinen, der Autor spiele durch die Worte seines Erzählers auf diesen Roman des Schriftstellerkollegen an, und denkt an die unlängst erfolgte Debatte zwischen Stamm und Jonas Lüscher.

Dabei unterscheiden sich die in ihrer Idee identischen Geschichten in der Durchführung deutlich. Während Stamms Protagonist ohne akutes äußeres Ereignis seiner Wege geht, erliegt Bärfuss’ Philip Lesen fortsetzen

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Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

„In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut.“

„Meine einzige Identität ist eine politische“, lautet das Bekenntnis einer Figur im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil. Bekannt geworden durch ihren Erfolg Die Gierigen ist sie nun mit dem bei Ullstein erschienenen und von Maja Ueberle-Pfaff ins Deutsche übertragenen aktuellen Roman Die Zeit der Ruhelosen entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb er beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und beim „Literarisches Quartett“ des Südwestfunks auf dem Programm stand.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Männer, François, Romain und Osman, deren Erleben Tuil in alternierenden Kapiteln erzählt, sowie Marion, die zwischen zweien dieser Männer steht.

François Vély leitet einen Konzern der französischen Mobilfunkbranche und ist einer der reichsten Männer des Landes. Der Vater dreier Kinder aus erster Ehe ist zum zweiten Mal mit Lesen fortsetzen

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