„Die universale Benetton-Farbe des Bluts“

Marie Darrieussecq hinterfragt in „Man muss die Männer sehr lieben“ den subtilen Rassismus

Darrieussecq_24902_MR.indd„Er war ein Mann mit einer Großen Idee. Die sah sie in seinen Augen leuchten. Seine Pupille rollte sich zum glühenden Band zusammen. Sie drang in seine Augen ein, um mit ihm dem Fluss zu folgen (…) aber wer war der Mann auf dem Foto? Wer ist der Mann, dessen Fotos in den Klatschblättern von Hollywood kursieren? Wer ist der Mann, der sie angeblickt hatte, der sie in ihrer Erinnerung anblickt? Ihre Haut weist von ihm keinerlei Spuren mehr auf, nur die Spuren der Zeit (…).“

Bleibt das Gegenüber nicht immer ein Rätsel, egal wie nah man ihm kommt? Sein Innerstes ist unzugänglich. Gepanzert durch die Fassade des Körpers, mit der Haut als letztem Wall, als sichere Schutzschicht, egal welche Farbe sie hat.

Farbe? Eine Kategorie, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat? Verloren haben sollte? Erst recht im Bewusstsein einer toleranten, liberalen, gebildeten, weißen europäischen Frau?

Eine solche Frau, Solange, Mitte 30 und Schauspielerin, macht die französische Autorin Marie Darrieussecq zur Hauptfigur ihres neusten Werks. Der Beziehungsroman trägt den programmatischen Titel „Man muss die Männer sehr lieben“ und ist doch viel mehr als die schon oft erzählte Geschichte zwischen Mann und Frau.

Solange hat es mit kleineren Rollen bis nach Hollywood geschafft. Auf Partys begegnet sie berühmten Kollegen und eines Nachts im Gefolge eines gewissen Georges einem faszinierenden Mann. Vom attraktivem Äußeren dieses Schauspielers beeindruckt Solange besonders eins, seine Haut. Anders als ihre eigene blasse, durchscheinende Französinnenhaut ist sie dunkel und schwarz, der Kanadier Kouhouesso kommt aus Kamerun. Diese Andersartigkeit evoziert einen Exotismus in Solanges Gedankenwelt, die Darrieussecq, promovierte Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin, zur Hauptbühne der Geschichte macht.

Wir treffen auf das Bewusstsein dieser verzweifelt Liebenden. Erleben, wie sie immer stärker von ihrer Obsession besetzt wird, wie sie sich gegen die emotionale Abhängigkeit wehrt. Das Objekt ihrer Begierde bleibt undurchdringlich. Nur in der kurzen Szene eines Films, in Kouhouessos versunkenem Blick aufs Meer, meint Solange einen Schlüssel zu seinem Ich zu finden. Sonst gibt er sich zurückhaltend, meldet sich nicht, hält Verabredungen nicht ein. Doch Solange hält an ihm fest, nicht ohne sich ihrer eigenen Kritik auszusetzen. Sie fragt, ob nicht alleine seine Herkunft, seine Hautfarbe ihn für sie so anziehend macht. Und kann umgekehrt nicht den Gedanken verhindert, ob er sie nur begehrt, weil sie weiß ist.

Darrieussecq erzählt nicht nur eine Beziehungsgeschichte, sondern diskutiert an dieser Vorlage den noch immer existenten Rassismus. Klischees und Stereotype verdeutlichen ihr Anliegen und konfrontieren den Leser mit der ihm vertrauten eurozentristischen Sicht ebenso wie mit dem fremden Blick.

Eine Bearbeitung dieser kolonialen Bilder verfolgt Kouhouesso mit einem Filmprojekt. Er möchte Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ neu verfilmen. Nicht am Kongo, doch im Inneren Afrikas, das „eine Erfindung der Ethnologen“ sei, genau wie Afrikaner keine Schwarzen seien, „sie sind Bantu und Baka, Niloten und Mandinka, Khoikhoi und Swahili“. Das Bild der Weißen von diesem Kontinent bedeute Urwald, Mücken, Maniok und unhygienische Verhältnisse, kurz gesagt „Dunkelheit und Elefanten“.

Als der Film gedreht wird mit George in der Rolle des Kurtz und mit Solange als dessen Braut -eine kleine Nebenrolle, die sie Kou abgezwungen hat- entsprechen die Umstände am Set allen Klischees, die der Film zu vermeiden sucht.

Doch Klischees versimpeln nicht nur den Blick auf das Fremde, sie dienen auch der Besetzung von Schauspielern. Solange erhält in Hollywood meist die Rolle der aparten Französin, die mit starkem Akzent in die Kamera spricht, egal wie gut ihr Amerikanisch auch sei.

Die Maskenbildnerinnen, Olga und Natsumi, beide Asiatinnen, werden von den afrikanischen Setmitarbeitern stets als Chinesinnen betitelt. Dabei würde die Japanerin Natsumi in Frankreich „mehr gelten als eine Chinesin und viel mehr als eine Araberin, doch weniger als eine Spanierin oder sogar weniger als eine Portugiesin“. Es lebe die postkoloniale Rangliste. Diese Behauptungen unterstützt Darrieussecq mit Verweisen auf Sarkozy und die Le-Pen-Wähler, wodurch der Roman eine deutlich politische Dimension erhält.

Ihre Heldin Solange erkennt betroffen, woher ihre rassistische Einstellung kommt, „aus dem Morast ihres Dorfes, fern von Los Angeles, aber verkrochen in ihrem Hinterkopf- und sie möchte sich entschuldigen, ihr sagen, wir sind alle gleich. Sie möchte sich die Hand aufreißen, um ihr die universale Benetton-Farbe ihres Bluts zu zeigen“.

Was weiß sie schon von der Geschichte des Kongo, von seiner belgischen Vergangenheit kennt sie ebenso wenig wie von der Kunst und Literatur außerhalb der weißen, westlichen Welt. Von Césaire, Achebe, Soyinka hatte sie weder gehört noch etwas gelesen. Die Kunstwerke, deren Reproduktionen sie in Kous Wohnung begegnet, erkennt sie nicht einmal, obwohl sie im Britischen Museum ausgestellt sind.

Neben der Fremdheit der Ethnieen thematisiert Darrieussecq auch die Fremdheit der Geschlechter. Solange ist eine Dulderin, die in emotionale Abhängigkeit gerät und unter der Warte-Krankheit leidet. Eine „weibliche Geisteskrankheit“ wie Rose, ihre französische Freundin und Psychiaterin, am Telefon feststellt. Man denke an Proust, der ebenfalls darunter litt.

Eine Zukunft haben die Beiden nicht, denn selbst im modernen Hollywood sind Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen verpönt selbst im Film.

„Wenn ein Weißer und eine Schwarze –ein Schwarzer und eine Weiße- sich eine Spur zu nahe kommen, gibt es eine Art Alarmsignal, die Zuschauer erstarren, die Produzenten gebieten Einhalt, die Drehbuchautoren haben die Frage bereits geklärt, der schwarze Schauspieler weiß, dass er die weiße Schauspielerin nicht verführen wird: ansonsten wird daraus ein anderen Film, ein Sittenbild, eine Affäre, ein Problemfall.“

Marie Darrieussecq, Man muss die Männer sehr lieben, übers. v. Patricia Klobusiczky, Hanser Verlag, 1. Aufl. 2016
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Fern voneinander fühlt man sich nah

Peter Stamm führt seine Leser „Weit über das Land“ und sehr schön in die Irre

u1_978-3-10-002227-1„Seine abgelegten Socken waren der erste Beweis dafür, dass er seine alte Existenz abgestreift hatte. Er würde nicht zurückkommen, er hatte sich aus dem Leben entfernt und hatte, nackt wie ein Neugeborenes, ein anderes Leben begonnen.“

Dieser Gedanke befällt Astrid als Thomas schon seit mehreren Tagen verschwunden ist. Vollkommen spurlos hat er sich nicht aus der Ehe und dem Familienleben fort gemacht. Davon künden die Hinterlassenschaften, die Astrid von der Polizei entgegen nimmt. Wie das gemeinsame Onlinekonto verrät, hat Thomas sich für seinen Weg Weit über das Land mit Wandersachen versorgt. Der neue Roman des bekannten Schweizer Autors Peter Stamm spielt in dessen Heimat. Es ist aus verschiedenen Gründen damit zu rechnen, daß diese literarisierte Fluchtbewegung bald in höhere Gefilde führt.

Die Gründe für Thomas’ Verhalten liegen zunächst offen und sind für seine Frau Astrid rätselhaft. Langjährige Beziehung neigen nun mal dazu, Konfliktmaterial im Hintergrund zu stapeln, wo Lesen fortsetzen

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Weg damit!

Altes aussortiert

20160516_140620_resizedPfingsten, das liebliche Fest war gekommen!? Ach nee, doch nicht, falsches Fest und bei dem strömenden Regen ist nichts lieblich. Was also tun? Lesen! Klar, Lesen geht immer, aber da steht dieses Regal im Nacken, überquellend von Büchern, quer, links, hinter- und übereinander gelegten und gestellten. Es mahnt an ein Projekt, wozu schon seit geraumer Zeit Öl und Tücher bereit liegen. Nur die Lust nicht. Wäre ein Spaziergang nicht viel gesünder? Sicher, aber auch nässer. Also dann doch! Vor der Ölung, -wenigstens ein christlicher Ritus sollte an diesem Tag drin sein-, muss erstmal alles raus. Bei jedem Band kehren Erinnerungen zurück. Manchmal solche, die man gerne schon längst vergessen hätte. Zum Beispiel die an diesen Professor! Und warum zum Teufel darf noch das Buch dieser Journalistin kostbaren Regalplatz belegen, die seit geraumer Zeit in der Blöd publiziert?

Also weg damit:

Vance Packard, Die geheimen Verführer. Ullstein 1980 – Den im Original 1957 erschienenen Klassiker der Werbepsychologie hatte ich gerne und mit Vergnügen gelesen. Dem Werbewarner Packard hätte sicherlich der kritische Verbraucher von heute, der Marktchecker und Produkt-Rezensent sehr gefallen. Ein Satz: „Social Research hat festgestellt, daß außer Milch auch viele andere Lebensmittel mit verborgenem Sinngehalt befrachtet sind“. Wohl wahr, man denke an die Vegetanisierung des Schinken-Spickers.

Wie wäre es mit etwas Historischem über unseren kleinen königstreuen Nachbarn? Horst Lademacher, Geschichte der Niederlande. WBG Darmstadt 1983. Damals dachte  ich wohl, wer Geschichte studiert, interessierte sich für alles, auch für die Oranier. Ein Satz: „Obwohl sich auch Opposition gegen Moritz nach der Hinrichtung Oldenbarnevelts rührte und obwohl die städtischen Regenten gleichsam in Kontinuität ihrer Kompetenzen fortwirkten, hat sich das Ansehen des Hauses Oranien in der Republik selbst wie auch im Ausland um einiges erhöht.“ Abgesehen vom Thema haben mich solche Sätze vom Lesen abgehalten.

Wenn auch kein Meilenstein, so doch ein Mosaiktessera der Troja-Forschung. Hartmut Döhl, Heinrich Schliemann. Mythos und Ärgernis. C. J. Bucher 1981. Interessante Hintergrundberichte in amüsantem Plauderton, begleitet von Erinnerungen, die ich nicht länger archivieren will. Ein Satz: „Wäre Schliemanns Leichnam nicht längst vermodert, müßte er sich seit 1890 eigentlich ständig im Grab umdrehen.“

20160516_182013_resizedIn den Achtzigern waren alle schlauen Frauen gegen Männer, lasen Emma und Gabriele Wohmann. Manchmal finde ich die Mädels von heute könnten da auch mal reinschauen. Darum trenne ich mich gleich doppelt so gerne von Gabriele Wohmann, Ach wie gut, daß niemand weiß. Dtv 1983. Ein Satz: „Weil sie Herbert, vom Gemüt her betrachtet, lieber hatte als Gregor, mußte sie ihm den Vergleich der Crab meat-Pfröpfchen mit mehrfach benutzten, wurmartig verformten Ohropax-tierchen ebenfalls zugute kommen lassen.“

Und id., Das Glücksspiel, daraus ein Satz: „Auch dem Dackel, wie jener bedauernswerten Frau, würde so leicht keiner glauben, daß es mal wieder nichts zu lachen gab, wirklich gar nichts.“ Alle hier zitierten Sätze, habe ich spontan auf den ersten Blick gefunden. Ehrenwort. Kurios allerdings, damals besaß ich tatsächlich einen Dackel.

Damals hatte auch Jede Christa Wolfs Kassandra gelesen. Manche ohne Ahnung von den alten Griechen, was dazu führte, daß sie ihre Töchter mit diesem unheilträchtigen Vornamen versahen. Nicht nur zum Spott der Griechischlehrer. Aus welchem Grund Christa Wolf, Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra ganz ohne Kassandra in meinem Regal gelangte, weiß ich nicht. Ein Satz: „Wem kann ich erzählen, daß die Ilias mich langweilt?“

Mal etwas neueres, auch von einer Frau. Birgit Vanderbeke, Geld oder Leben. S. Fischer 2003. Ich fand’s belanglos, aber nicht ärgerlich. Ein Satz: „Natürlich macht es dich sauer, wenn du das rausfindest, und keine Sau interessiert sich dafür, sagte Jakob, (…).“ Die Frau schreibt wirklich lange Sätze.

Es ist noch nicht vorbei mit der Emanzenliteratur. Ein Buch von und eines über Alice Schwarzer können weg. Die brauche ich nicht mehr. Ob sie je etwas genützt haben? Durch dick und dünn mit einem Satz: „Der männliche Körper präsentiert sich in der Regel in seinem sozial-ökonomischen Wert, der weibliche hingegen läßt scheinbar Rückschlüsse auf den psychischen und sittlichen Zustand zu.“ Recht haben sie immer noch, die Autorinnen dieses Sammelbandes.

Alice Schwarzer, Mit Leidenschaft. Texte 1968-1982. Rowohlt 1982. Ein zugegeben erwartbarer Satz: „Ein Frauenleben verläuft von der Wiege bis zur Bahre anders als ein Männerleben.“

Nach solchen frauenbewegten Sachbüchern darf natürlich der Roman der damaligen Zeit nicht fehlen. 1977 erschienen dieser Bestseller, ich schmeiße mein rororo Exemplar aus dem Jahr 1984 auf den Scheiterhaufen. Marilyn French, Frauen, in dem sich Folgendes findet: „Glaubst du irgend etwas davon? Das ist kein Stoff für einen Roman.“

Wer so etwas sagt, ist auch zum Schlimmsten bereit. Meisterlich beschreibt diese Autorin derartige Abgründe. Patricia Highsmith, Kleine Geschichten für Weiberfeinde: „Brian drehte fast durch in dieser Atmosphäre“. In Leise, leise im Wind „kam ein Schrei – und wieder ein Schrei, halb Entsetzen, halb Übermut.“ Während sie in Elsie’s Lebenslust verrät: „Er hatte ein sonderbares Gefühl, so anders, wie still verliebt.“

Nicht mehr verliebt bin ich in Isabel Allende, weder in die Geschichten der Eva Luna, noch in Das Geisterhaus. Einen Satz von Eva: „Diese Worte lasteten wie eine Mißbildung auf dem Jungen.“

Zu guter letzt noch ein sehr bekannter Roman, den ich aber sicherlich kein weiteres Mal lesen werde, Das Hotel New Hampshire. John Irving gebührt das Schlußwort: „Sabrina Jones erzählte mir später, daß Buch sei ihr aus den Händen geflogen.“

 Weg damit! Doch wohin? Altpapier, Bücherflohmarkt, offenes Regal? Oder – wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall – möchte sie einer von euch? Kommentar genügt.

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„Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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„Wie fiktiv alles ist!“, sagte Wolf. „Sie waren überzeugt, dass Sie mich getötet hatten, ich war mir sicher, dass Sie letztlich durch meine Schuld umgekommen waren, und wir hatten beide nicht recht. (…)“

Gasdanow beginnt seinen Roman Das Phantom des Alexander Wolf mit der Schlüsselszene. In einem Sommer gegen Ende des Russischen Bürgerkriegs treffen zwei feindliche Kämpfer aufeinander. Das Pferd des einen wird von einem Schuss niedergestreckt. Als sein Reiter unverletzt aufsteht, sieht er wie der Schütze erneut das Gewehr anlegt. Er zückt seine Pistole zur Gegenwehr und trifft den anderen zuerst. Tödlich, wie ihm ein Blick versichert. Wenige Augenblicke später hört er Weitere herannahen und flieht auf dem Schimmel des Getöteten.

 

Zu der Zeit, als das geschah, war ich 16 Jahre –somit war dieser Mord der Beginn meines selbständigen Lebens, und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht unwillkürlich alles geprägt hat, was zu erfahren und zu erblicken mir später beschieden war.

Jahre später, er lebt inzwischen in Paris und schreibt für die Zeitung, stößt der Erzähler auf eine Geschichte, die detailliert die Schussszene wiedergibt. Autors des Bandes ist ein gewisser Alexander Wolf, Lesen fortsetzen

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Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_Cover„Wie sagt man hierzulande? It takes one to know one. Offensichtlich hatte sich der Verrückte da draußen für sein Wahn-Ich treffsicher einen der verrücktesten Physiker herausgesucht, der sich in der deutschen Geschichte finden ließ.

Während sie sich selbst noch lachen hörte, durchfuhr es Johanna wie ein Stich. Wie kam sie dazu, auf einen Wissenschaftler, der kühne Gedanken wagte, ebenso borniert und selbstgefällig zu reagieren, wie es das Pack der – wie hatte er sie genannt?-, das Pack der Philister tat? Litt sie selbst nicht immer noch unter jenem Brief, mit dem die deutsche Ethikkommission vor wenigen Wochen ihr wissenschaftliches Projekt, ihr Lebensprojekt, abgekanzelt hatte? Die wenigen – in ihrer Knappheit doppelt verletzenden – Sätze hatten sich ihr so tief ins Gedächtnis eingeprägt, dass sie den unsäglichen Schrieb gar nicht mehr brauchte, um ihn Wort für Wort vor sich zu sehen: „ (…) Ihr Projekt, die physiologische Regeneration weit über das gattungsspezifische Maß hinaus zu aktivieren und gleichzeitig die Zellseneszenz zu retardieren bzw. vollständig zu unterbinden, stellt kein ethisch vertretbares Forschungsziel dar. Altern gehört zu den Grundgegebenheiten menschlicher Existenz und ist in diesem Sinne nicht als Krankheit zu betrachten…“

Dieses Buch ist vieles zugleich, ein Fauststoff in seiner Suche nach Unsterblichkeit und eine Zeitreise, die einen Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts ins Hier und Heute versetzt, ein Historischer Roman, der mit Erinnerungen und Schriftquellen in die Vergangenheit führt, und ein Lesen fortsetzen

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Der ganze Walser in einem Roman

Walser zeigt in Ein sterbender Mann viele Facetten seiner Literatur

U1_XXX.indd„Ich schrieb ehrgeizlos. Ich schrieb, wie mir zumute war. Die Leute lesen’s gern. Immer noch. Literatur, Dichtung, keine Spur. Mich versteht jeder.“

Auf dem Vorsatzblatt seines neuen Romans dankt Martin Walser seiner Unterstützerin Thekla Chabbi. Ob man sie kennen muss, beantwortet rasch eine Suche im Internet. Sie offenbart, daß sich beide 2014 auf einem Kongress in Heidelberg kennenlernten und wie es zur Kooperation kam.

„Ein sterbender Mann“, so der Titel des neuesten Werks, widmet Walser dem Tod, auch und vor allem dem selbstbestimmten. Diesem sieht sein Held, Theo Schadt, nicht wegen seiner 72 läppischen Lenze -wie man angesichts des 89-jährigen Verfasser sagen darf- entgegen. Ein Verrat durch den besten Freund zerstörte seine Existenz, die geschäftliche und die männliche, wie er später gesteht. „Ich kann nicht leben, wenn das, was mir passiert ist, möglich ist“, entscheidet Schadt. Dann sitzt er im Tangoladen seiner Frau und recherchiert zwischen Boleros und hochhackigen Schuhen nach effektiven Tötungstechniken. Hilfe findet Theo Schadt in einem Suizidforum. Von dem virtuellen Treffpunkt all’ derer, denen „nichts mehr grünen kann“ –hier klärt sich die Rolle der zu Beginn Genannten- erfuhr Walser durch Chabbi. Mehr noch, im privaten Mail-Verkehr schlüpft sie in die Rolle einer Protagonistin und antwortet so dem Autor wie seiner Figur.

Walser schiebt das Metakarussell seines Briefromans gehörig an. Schon im ersten Lesen fortsetzen

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Einsamkeit

John Williams evoziert in Stoner die Macht der Literatur

9783423280150„Immer noch lächelnd, ironisch, böswillig, wandte er sich Stoner zu. ‚Du entkommst mir ebenso wenig, mein Freund. Nein, du nicht. Wer bist du? Ein schlichter Bauernsohn, wie du gern vorgibst? Keineswegs. Auch du gehörst zu den Unzulänglichen – du bist der Träumer, der Verrückte in einer noch verrückteren Welt, unser Don Quichote des Mittleren Westens, der, wenn auch ohne Sancho, unter blauem Himmel herumtollt. Du bist klug – jedenfalls klüger als unser gemeinsamer Freund. Doch trägst du den Makel der alten Unzulänglichkeit. Du glaubst, hier wäre etwas, das es zu finden gilt. Nun, draußen in der Welt würdest du bald eines Besseren belehrt, denn du bist gleichfalls zum Scheitern bestimmt, auch wenn du nicht gegen die Welt ankämpfst. Du lässt dich von ihr verschlingen und wieder ausspeien, und dann liegst du da und fragst dich verwundert, was falsch gelaufen ist.’ “

In diesem Worten, mit denen Dave Masters seinen Freund und Studienkollegen charakterisiert, liegt fast der ganze Roman oder doch wenigstens die Persönlichkeit von John Williams Stoner.

William Stoner wächst zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts als einziger Sohn armer Bauern auf einer Farm in Missouri auf. Seine Eltern schicken den guten Schüler zur nächstgelegenen Lesen fortsetzen

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Eine wunderbare Frau

Viel Theater um die Ehre in Henry James’ “Eine Dame von Welt”

James_Eine-Dame-von-Welt_U1_Banderole.indd„Wissen Sie, es ist das beste Theater“, sagte sie zu Waterville, als wollte sie sich leutselig geben. „Und das ist Voltaire, der berühmte Schriftsteller.“
„Ich liebe die Comédie-Française“, antwortete Waterville lächelnd.
„Ein furchtbar schlechtes Haus, wir haben kein Wort verstanden“, sagte Sir Arthur.
„Ach ja, die Logen“, murmelte Waterville.
„Ich bin ziemlich enttäuscht“, fuhr Mrs. Headway fort. „Aber ich will sehen, was aus der Frau wird.“
„Dona Clorinde? Ach, vermutlich wird sie erschossen, in französischen Stücken werden die Frauen meistens erschossen“, meinte Littlemore.
„Das wird mich an San Diego erinnern!“, rief Mrs. Headway.
„Nicht doch, in San Diego waren es die Frauen, die schossen.“
„Sie scheinen sie nicht erschossen zu haben!“, erwiderte Mrs. Headway keck.
„Nein, aber ich bin von Wunden durchlöchert.“

Sie fängt schon gut an diese Comédie Française. Im Haus des gleichnamigen Pariser Theaters lässt James seine Hauptdarsteller zum ersten Mal auftreten. Die beiden befreundeten Amerikaner Rupert Waterville und George Littlemore sitzen zwar in Bühnennähe, richten ihre Aufmerksamkeit jedoch Lesen fortsetzen

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Das Tagebuch aus Márais „Die Glut“

In „Hallgatás“ versucht Ursula Pecinska die Fragen aus Márais „Der Glut“ zu beantworten

pecinska„Unverständlich bleibt mir Dein Schweigen, Henrik! Ich aber kann nicht länger schweigen. Ich breche heute mein Gelübde und werde ein lange gehütetes Geheimnis preisgeben.“

Seit 1999 Sándor Márais Roman „Die Glut“ für den deutschsprachigen Buchmarkt wieder entdeckt wurde, überzeugt er durch sein spannendes Konstrukt und psychologische Tiefe. Unzählige Leser sind begeistert, wovon zahlreiche Auflagen und Übersetzungen künden. „Die Glut“ gilt heute mit Recht als Klassiker der europäischen Literatur.

Die Schweizer Schriftstellerin Ursula Pecinska regte er sogar zu einem eigenen Roman an. Sie will Sándors Werk nicht nur ergänzen, sondern das Geheimnis seiner Vorlage offenbaren. „Hallgatás“, benannt nach dem ungarische Wort für Schweigen, ist –so Pecinskas Fiktion- „Das Tagebuch der Krisztina“. Das, wie wir uns erinnern, am Ende von Márais Roman ungelesen in der Glut landet.

Verloren ist damit die Antwort darauf, was den Bund zwischen dem Paar Henrik und Krisztina und dem Freund Konrád auseinander sprengte. War Henriks Verdacht, Konrad wolle Lesen fortsetzen

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„Ein Hauch vergangener Zeiten“

Henry James’ „Daisy Miller“ amüsiert mit Ironie und spritzigen Dialogen

Daisy Miller„Ich hab’ keine Zähne, die kaputtgehen können. Die sind alle ausgefallen. Ich hab’ nur noch sieben. Mutter hat sie gestern Abend gezählt, und gleich danach ist noch einer ausgefallen. Sie hat gesagt, sie ohrfeigt mich, wenn noch mehr ausfallen. Dabei kann ich gar nichts dafür. Es liegt alles an diesem alten Europa. Es liegt am Klima hier, dass sie ausfallen. In Amerika ist keiner ausgefallen, es liegt an den Hotels.“

Diese Klage legt Henry James in seiner Novelle Daisy Miller einem neunjährigen Jungen in den zahnlosen Mund und macht so gleich zu Beginn auf sein Thema aufmerksam, die „nationaltypischen“ Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern. Studieren konnte er diese seit früher Jugend. Mit seiner Familie bereiste er den alten Kontinent, der ihm so gut gefiel, daß er später in London, Paris, Bologna, Bonn und Genf studierte, sich dann in England ansiedelte und schließlich die Staatsbürgerschaft seiner Wahlheimat annahm. Dies geschah kurz vor seinem Tod, der sich in diesem Jahr am 28. Februar zum hundertsten Male jährte.

Ob aus dem kleinen Randolph auch einst ein Europäer werden wird, bleibt Lesen fortsetzen

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