Psychische Landvermessung

In Hanns-Josef Ortheils „Das Kind, das nicht fragte“ sucht ein Scheuer sich selbst und wird nicht nur vom Fruchtkörper Siziliens beglückt

-(…) mein Wis­sen ist ganz und gar in­tui­tiv.
-In­tui­tiv?! Aber das ist ja un­glaub­lich.
-Manch­mal weiß ich be­stimm­te Din­ge durch In­tui­ti­on. Im Deut­schen gab es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten da­für ein­mal das schö­ne Wort ‚Ahn­dung‘.
-‚Ahn-dunk‘? Spre­che ich es rich­tig aus?
-Per­fekt.
-‚Ahn-dunk‘, -das ist ein ge­hei­mes Wis­sen, das die an­de­ren nicht ha­ben? Wis­sen, an das man durch Über­le­gung nicht her­an­kommt?
-Ja, es ist Wis­sen, das aus dem Dun­keln kommt, Dun­kel­wis­sen.“

Sel­ten hat mich ein Ro­man so zwie­ge­spal­ten zu­rück­ge­las­sen! Es han­del­te sich um mei­nen zwei­ten An­lauf, denn ich hat­te „Das Kind, das nicht frag­te“ von Hanns-Jo­sef Ortheil schon ein­mal bei­sei­te ge­legt. Zu stark er­in­ner­ten mich die An­fangs­sze­nen und Ei­gen­hei­ten der Haupt­fi­gur an den 2011 er­schie­nen Ro­man „Lie­bes­nä­he“. Da­zu zähl­ten das Mö­bel­rü­cken in der frem­den Un­ter­kunft, das Ein­rich­ten des Schreib­plat­zes mit Stif­ten, Pa­pier und ei­nem zu Zweck und Ta­ges­zeit pas­sen­dem Ge­tränk. Ge­wohn­hei­ten, zu de­nen sich Ortheil selbst in In­ter­views be­kennt.

Ei­ne Rei­se in den Süd­os­ten Si­zi­li­ens, der Hand­lungs­re­gi­on des Ro­mans, hat mich al­ler­dings er­neut zur Lek­tü­re be­wo­gen. Um es vor­ab zu sa­gen, ich ha­be es nicht be­reut, mich aber oft ge­wun­dert.

Das Kind, das nicht frag­te“ ist ein Ro­man vol­ler Ge­gen­sät­ze, was sei­ne Hand­lung, die Art der Dar­stel­lung und die Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur an­ge­hen. Die Ei­tel­keit des Prot­ago­nis­ten, die um­so mehr stört, als sei­ne Selbst­ein­schät­zung und sein Ver­hal­ten aus­ein­an­der­klaf­fen, steht psy­cho­lo­gisch nach­voll­zieh­ba­ren, em­pa­thi­schen Schil­de­run­gen ge­gen­über. Die­se Dis­kre­panz lös­te bei mir ne­ben Be­wun­de­rung lei­der auch hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­brau­en, ent­nerv­tes Stöh­nen und un­gläu­bi­ges Ge­läch­ter aus.

Wie­so wirkt der Ro­man so ei­gen­ar­tig? Liegt es dar­an, daß die Tren­nung zwi­schen Schrift­stel­ler und Fi­gur schwer­fällt? Bio­gra­phi­sche Par­al­le­len sind die Kenn­zei­chen der Ro­ma­ne Hanns-Jo­sef Ortheils. Sei­ner per­sön­li­chen und fa­mi­liä­ren Ge­schich­te wid­me­te er sich be­reits in frü­hen Wer­ken, z.B. in „He­cke“, dem er­folg­rei­chen „Die Er­fin­dung des Le­bens“, wie in den Rei­se­bü­chern „Die Mo­sel­rei­se“, „Die Ber­lin­rei­se“, „Die Mit­tel­meer­rei­se. Auch in sei­nen fik­tio­na­len Ro­ma­nen tre­ten Haupt­fi­gu­ren auf, die den Ortheil­le­ser ins Di­lem­ma trei­ben. Ins­be­son­de­re, wenn kurz nach dem vor­lie­gen­den in Si­zi­li­en spie­len­den Ro­man der Rei­se­be­richt „Die In­sel der Dol­ci“ er­scheint. Dar­in fin­det sich na­tür­lich kein Ein­trag zu Mandli­ca, dem er­fun­de­nen Ort des Ro­mans, aber na­tür­lich zu des­sen Vor­bild Mo­di­ca.

Nach Mandli­ca hin­ge­gen, der fik­ti­ven Ba­rock­stadt mit be­son­de­rer Scho­ko­la­den­tra­di­ti­on, reist Ben­ja­min Merz, im wei­te­ren Ver­lauf von an­de­ren wie von sich selbst auch ger­ne Be­nia­mi­no ge­nannt. Der Un­ver­hei­ra­te­te kommt aus Köln, wo er „gleich­sam noch un­ter Auf­sicht und Kon­trol­le“ sei­ner äl­te­ren Brü­der und der ver­stor­be­nen „lie­ben El­tern“ lebt.

Trotz sei­nes mitt­le­ren Al­ters wirkt er we­sent­lich jün­ger, wie ein Kind, das sich im­mer noch nicht zu fra­gen traut. Aus­ge­rech­net die­ser Scheue ist Eth­no­lo­ge, forscht in ei­nem Ge­biet, des­sen Grund­la­ge der of­fe­ne Um­gang mit An­de­ren sein soll­te. Ge­treu dem Mot­to „Den In­dern ein In­der sein“ des Mis­sio­nars Fer­di­nand Kit­tel tut Merz al­les da­für „den  Ita­lie­nern ein Ita­lie­ner zu sein“, selbst wenn dies be­deu­tet, bei der Au­to­ver­mie­tung auf ein ita­lie­ni­sches Mo­dell zu be­stehen. Stolz lässt Ortheil sei­nen Prot­ago­nis­ten be­mer­ken, daß er sich da­durch von den nor­ma­len Tou­ris­ten, mit de­nen er nicht ge­mein wer­den möch­te, ab­hebt. Sein Wis­sen, wie man’s macht und sein per­fek­tes Ita­lie­nisch tra­gen da­zu bei. Es stellt sich je­doch zu­gleich die Fra­ge, wie­so die­ser Sa­pu­tel­lo so an sich zwei­felt. Noch im Flug­zeug spe­ku­liert er, wo und mit wem die Flug­be­glei­te­rin­nen ih­re Nacht ver­brin­gen wer­den, und klebt als Aus­wir­kung die­ser Fan­ta­sie an der über­reich­ten Ab­schieds-Frucht fest. Da­bei hät­te der Si­zi­li­en­ken­ner ah­nen kön­nen, daß die­se Oran­ge aus Mar­zi­pan ist.

In Mandli­ca rich­tet er sich in der Pen­si­on ei­ner Deut­schen ein, in de­ren Kü­che sich die schö­ne, scheue Schwes­ter mit ih­rem Ge­heim­nis ver­birgt. Dies ahnt der Eth­no­lo­ge, der zu­nächst die Stadt und die Ge­wohn­hei­ten ih­rer Be­woh­ner er­kun­det. Er sucht Or­te und Men­schen, um sein Pro­jekt „Die Stadt der Dol­ci“  vor­an zu brin­gen. In sei­ner Rol­le als Wis­sen­schaft­ler kann er sei­ne Scheu über­win­den. Als Eth­no­lo­ge be­herrscht er die kunst­fer­ti­ge Art des Fra­gens, um den frem­den An­de­ren ins Ge­spräch zu zie­hen. Be­hilf­lich ist ihm da­bei sei­ne In­tui­ti­on, die „Ahn­dung“. So wer­den aus den Frem­den Freun­de und aus der Frem­de ein Ort, den er nicht mehr ver­las­sen möch­te. Schließ­lich stellt sich auch das ein, was noch fehlt, um das Glück per­fekt zu ma­chen, die Lie­be.

We­ni­ger per­fekt ist al­ler­dings das Le­se­glück. Die Selbst­dar­stel­lung der Fi­gur als ein „von Ahn­dun­gen durch­zuck­ter“ Men­schen­flüs­te­rer wirkt über­zo­gen und un­glaub­wür­dig. Spä­tes­tens hier droh­te der Zeit­punkt, die­ses Buch ein wei­te­res, letz­tes Mal zur Sei­te zu le­gen, hät­te Be­nia­mi­no nicht auch von Ben­ja­min er­zählt, dem Kind, dem die die Mut­ter mit ei­ner Me­tho­de aus Schrei­ben und Er­zäh­len half, sein scheu­es Schwei­gen zu über­win­den. Ben­ja­min, den spä­ter auch der Va­ter zum Spre­chen über sich selbst er­mu­tig­te. Ben­ja­min, der im Beicht­stuhl ei­ne Art the­ra­peu­ti­sches Selbst­in­ter­view er­lern­te. Al­les Tech­ni­ken, die ihn präg­ten und ihm heu­te noch hel­fen. Hier er­scheint die Fi­gur au­then­tisch. In die­sen Sze­nen weckt Ortheil In­ter­es­se und Em­pa­thie für sei­nen Prot­ago­nis­ten. Die Sym­pa­thie schwin­det je­doch, wenn Be­nia­mi­no aus­führt, was er gut und meist bes­ser kann als an­de­re. Der „Fach­mann für Dia­lo­ge“ ist ein „er­fah­re­ner Kos­ter ra­rer Ge­trän­ke“ und „ein­fühl­sa­mer Fra­ger und Zu­hö­rer“. Er weiß „Tee ge­hört zum Le­sen, kein Kaf­fee!“ und „Kaf­fee ge­hört zum Schrei­ben, kein Tee!“. Zu­dem ist er, der „plötz­lich (…) so­gar recht gut Fran­zö­sisch spricht“, im Be­sitz ei­ner „voll­kom­me­nen Hand­schrift“.

Da ver­wun­dert es schon sehr, wenn ne­ben die­sen un­er­träg­li­chen Selbst­be­weih­räu­che­run­gen  star­ke Pas­sa­gen ste­hen, in de­nen Ortheil sei­ne Fi­gur Si­tua­tio­nen aus­setzt, die in ihr Kind­heits­mo­men­te wach­wer­den las­sen. Die­se Dar­stel­lun­gen von Emp­fin­dun­gen ge­lin­gen ganz un­ei­tel, er­in­nern fast an Proust. Mit die­sem be­rühm­ten, im Ro­man nicht ge­nann­ten Kol­le­gen ver­bin­det die Ortheil‘sche Fi­gur ei­ne star­ke Mut­ter­bin­dung. Ein an­de­rer Schrift­stel­ler, der No­bel­preis­trä­ger Sal­va­to­re Qua­si­mo­do, spielt hin­ge­gen in Ortheils Ro­man ei­ne Rol­le. Sein Ge­burts­haus, das in Mo­di­ca be­sucht wer­den kann, ist Hand­lungs­ort wich­ti­ger Sze­nen. Zu­dem stellt Ortheil Zei­len aus Qua­si­mo­dos Ge­dich­ten sei­nen drei Roman­tei­len vor­an.

Ortheil ver­eint in sei­nem fik­ti­ven Ro­man vie­le Fa­cet­ten. Die Re­ve­ren­zen an Qua­si­mo­do oder auch an Tho­reau be­wei­sen sei­ne Lie­be zur Li­te­ra­tur, sei­ne de­tail­lier­ten Schil­de­run­gen der Or­te wer­den zu Rei­se­be­schrei­bun­gen, Spei­sen und Ge­trän­ke ver­wan­delt er in Gau­m­en­ge­lüs­te, so­gar Schreib­tipps gibt der Do­zent für Krea­ti­ves Schrei­ben und über al­lem liegt der bio­gra­phi­sche Be­zug. Und wie in den an­de­ren Lie­bes­ro­ma­nen des Au­tors wird auch in die­sem ei­ne idea­le Lie­be im Idyll ze­le­briert.

Um so mehr ver­wun­dern mich ne­ben der be­reits an­ge­spro­che­nen Un­stim­mig­keit in der Fi­gu­ren­zeich­nung, wei­te­re Un­ge­reimt­hei­ten. Wie­so ser­viert Lu­cio in sei­nem Re­stau­rant zu­nächst zwei gro­ße Fla­schen, aber spä­ter ei­ne Ka­raf­fe mit Was­ser? War­um be­herrscht Ben­ja­min die Ge­be­te noch in ih­rer ita­lie­ni­schen Fas­sung? Sprach man sie in den Köl­ner Kir­chen der fünf­zi­ger Jah­re nicht eher auf La­tein? Und gab es dort und da­mals tat­säch­lich an Os­tern den Brauch ro­he Ei­er zu ver­ste­cken? Schief bis skur­ril wirkt auch man­che Me­ta­pher, ein „Impf­stoff, der mich in wa­che Auf­merk­sam­keit ver­setzt“, „ich be­grü­ße den Frucht­kör­per Si­zi­li­ens“ oder „Das Re­den fließt nur so aus ihr her­aus, wie ein sanf­ter Strom leicht ab­ge­führ­ten und nicht all­zu kon­zen­trier­ten Urins“. Auch die Alt­her­re­nero­tik macht nicht Halt vor die­sem Ro­man. So in­ter­es­sie­ren Be­nia­mi­no nicht nur die Fei­er­abend­ge­heim­nis­se der Flug­be­glei­te­rin­nen, son­dern auch „Mandli­ca-Des­sous (…), wie sie die jun­ge Buch­händ­le­rin viel­leicht un­ter ih­ren bun­ten und mo­tiv­rei­chen Mandli­ca-Rö­cken trägt“.

Scha­de, daß in dem Ro­man über die Wand­lung ei­nes scheu­en Men­schen zum kom­mu­ni­ka­ti­ven „Ge­dan­ken­le­ser“ die ge­lun­ge­nen Pas­sa­gen nicht über­wie­gen.

Hanns-Jo­sef Ortheil, Das Kind, das nicht frag­te, Luch­ter­hand 2012

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Einseitige Verhältnisse

Lena Andersson analysiert in ihrem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ erneut das emotionale Ungleichgewicht eines Paares

-Gast­re­zen­si­on von Lea Pis­to­ri­us-

Es­ter hät­te sich sehr viel Zeit und Mü­he spa­ren kön­nen, wenn sie ihn beim Wort ge­nom­men hät­te, aber sie hät­te auch viel Wun­der­ba­res ver­passt.“

Wer Le­na An­ders­sons ers­ten Ro­man „Wi­der­recht­li­che In­be­sitz­nah­me“ ge­le­sen hat, dem ist die Haupt­fi­gur ih­res neu­en Wer­kes „Un­voll­kom­me­ne Ver­bind­lich­kei­ten“ be­reits be­kannt. Nicht nur die Wort­paa­re in den Ti­teln äh­neln ein­an­der. Er­neut stellt An­ders­son die kom­pro­miss­los lie­ben­de Es­ter Nils­son in den Mit­tel­punkt ih­rer Er­zäh­lung. Fünf Jah­re ge­al­tert, schei­nen sich Es­ters Vor­lie­ben und Ver­hal­tens­wei­sen nicht son­der­lich ge­än­dert zu ha­ben. Er­neut ver­liebt sie sich in ei­nen Künst­ler, dies­mal ei­nen Schau­spie­ler na­mens Olof Sten. Er­neut han­delt es sich um ei­nen be­reits ver­ge­be­nen, dies­mal ver­hei­ra­te­ten Mann. Und er­neut ist die­ser deut­lich äl­ter als die 37-jäh­ri­ge Es­ter. Ist al­so al­les schon ein­mal da­ge­we­sen?

Die Ge­schich­te um Es­ter Nils­sons Lie­be zeigt das Rin­gen ei­ner Frau um ei­nen Mann, den sie nie­mals wirk­lich be­sit­zen wird. Be­reits zu Be­ginn ih­res Ken­nen­ler­nens er­öff­net sie ihm, dass sie Le­sen fort­set­zen

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Flitzschwebend occupiert

In Lincoln im Bardo schlüpft Saunders mit innovative Erzähltechnik in die sensible, selbstkritische Seele des Präsidenten

Bleibt, be­schwor ich. Er ist nicht un­er­reich­bar für Eu­re Hil­fe. Ganz und gar nicht. Ihr könnt noch viel Gu­tes für ihn tun. Ihr könnt jetzt so­gar hilf­rei­cher für ihn sein als je­mals an je­nem vor­ma­li­gen Ort.

Denn sei­ne Ewig­keit hängt in der Schwe­be, Sir. Wenn er bleibt, ist das Elend, das ihn über­wäl­ti­gen wird, jen­seits Eu­rer Vor­stel­lungs­kraft.“

Ein­fach be­trach­tet han­delt es sich bei Ge­or­ge Saun­ders Ro­man um ein hoch­emo­tio­na­les Buch. Es um­schreibt die Trau­er ei­nes Va­ters, der sei­nen Sohn ge­ra­de zu Gra­be ge­tra­gen hat. 11 Jah­re war die­ser alt, als er der Di­ph­te­rie er­lag. Es ist das Jahr 1862, der To­te heißt Wil­liam, sein Va­ter Abra­ham Lin­coln. Mit­ten im Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg ver­liert Lin­coln sei­nen Lieb­lings­sohn. Er be­stat­tet ihn in ei­ner der Gruft in George­town, doch Ru­he fin­den sie bei­de nicht, denn Geis­ter um­schwir­ren sie. Die­se ver­ken­nen ih­ren Zu­stand und hän­gen im Bar­do fest, ei­nem Schwe­be­zu­stand zwi­schen tot und ganz tot oder zwi­schen Nir­wa­na und Wie­der­ge­burt, wenn man bei dem von Saun­ders ge­wähl­ten Be­griff aus der ti­be­ta­ni­schen My­tho­lo­gie bleibt.

Die Ge­stal­ten tum­meln sich um Wil­lie, sie sind dem Kna­ben zu­ge­wandt, des­sen Geist rat­los und ver­las­sen auf sei­ner „Kran­ken­kis­te“ sitzt. Der Va­ter kehrt in der Nacht nach der Be­er­di­gung zum Fried­hof zu­rück, auch er kann Wil­lies Zu­stand nicht ak­zep­tie­ren. Er be­freit den Kör­per sei­nes Soh­nes aus Le­sen fort­set­zen

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Sind so viele Bücher“

In „Bestseller“ untersucht Jörg Magenau die meist verkauften Titel in Deutschland und versucht eine Soziologie ihrer Leser

Die Best­sel­ler­lis­te aber sagt nichts aus über die Qua­li­tät der Bü­cher, da­für um­so mehr über die vor­herr­schen­den Vor­lie­ben im Land. Und manch­mal ist sie ei­ne Art Fie­ber­ther­mo­me­ter, an dem sich öf­fent­li­che Über­rei­zun­gen ab­le­sen las­sen.“

Was treibt ei­nen Li­te­ra­tur­ex­per­ten da­zu, ein Buch über Best­sel­ler vor­zu­le­gen? Best­sel­ler, das sind doch die Din­ger, die in Buch­han­dels­fi­lia­len bunt auf­ge­türmt Auf­merk­sam­keit su­chen und Li­te­ra­tur bes­ten­falls als Rand­er­schei­nung dul­den?

Doch wie ge­lan­gen die­se Ti­tel auf die wö­chent­li­chen Lis­ten in Spie­gel, Fo­cus und an­ders­wo? Was ist ein Best­sel­ler? Wel­che Rol­le spie­len sei­ne Le­ser? Wel­che das Mar­ke­ting? Dies sind die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Le­ser­be­dürf­nis­sen und Buch­markt, de­nen Jörg Ma­ge­nau in sei­nem „Best­sel­ler“ auf den Grund geht.

Auf­schluss­reich und amü­sant ana­ly­siert er, daß ein Best­sel­ler nicht nur das ist, was al­le kau­fen, und meis­tens auch le­sen, son­dern, daß die po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen die­sen Pro­zess ent­schei­dend be­ein­flus­sen. Ei­nen Über­blick dar­über, was sich am häu­figs­ten in den Le­sen fort­set­zen

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Vergiften für Verheiratete

Ein effektives Mittel gegen den Horst in deinem Bett liefert Sara Paborn in „Beim Morden bitte langsam vorgehen“

Gift. Im Schwe­di­schen hat das Wort zwei sehr ver­schie­de­ne Be­deu­tun­gen. Gibt es ei­gent­lich ir­gend­ei­ne an­de­re Spra­che, in der das Wort für Ehe das­sel­be ist wie das für ei­nen ge­sund­heits­schäd­li­chen bis töd­li­chen Stoff?“

Auf der Su­che nach ei­ner Som­mer­lek­tü­re, ei­nem An­ti­dot ge­gen nächt­li­che Glut­hit­ze, stieß ich auf das neu­es­te Werk der schwe­di­schen Au­torin Sa­ra Pa­born. Im Ori­gi­nal trägt es den Ti­tel Bly­bröllop, Blei­hoch­zeit, die wa­cke­re Tra­di­tio­na­lis­ten nach 43 Jah­ren Ehe fei­ern. In der Über­set­zung wur­de dar­aus ei­ne An­wei­sung wie aus dem Koch­buch „Beim Mor­den bit­te lang­sam vor­ge­hen“. Die Le­se­rin ahnt, wor­an sie ist, denkt an „Ar­sen mit Spit­zen­häub­chen“ oder an je­ne fin­di­ge Da­me, die un­lieb­sa­mes Ver­hal­ten stets mit Blau­beer­pud­ding be­lohn­te. Erst vie­le Jah­re und et­li­che Ehe­män­ner spä­ter wur­de die durch­schla­gen­de Kraft ih­res Des­serts ent­deckt und Blau­beer-Ma­rie­chen fand ih­ren Platz in der Lis­te le­gen­dä­rer Mör­de­rin­nen. Pa­borns Blei-Il­se hin­ge­gen kann nur ein sin­gu­lä­res Er­geb­nis vor­wei­sen, doch ih­re Me­tho­de birgt gro­ßes Po­ten­ti­al.

Ei­ne aus­führ­li­che An­lei­tung lie­fert die Hel­din in ih­rem Me­moir, das sie sechs Jah­re nach der Tat hin­ter­lässt. Ein Ge­ständ­nis, das nie in die Hän­de der Kin­der fal­len wird, denn Il­se lebt nach Le­sen fort­set­zen

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Lügen machen schöne Beine

Ayelet Gundar-Goshen konstruiert ihren neuen Roman „Die Lügnerin“ nach dem Aschenputtelprinzip

Die Faust­schlä­ge be­ein­druck­ten we­der die bei­den Be­am­ten ihm ge­gen­über noch den Holz­tisch. Der hat­te in sei­nem Le­ben schon so vie­le Hie­be ein­ste­cken müs­sen, mal von den Ver­hör­ten, mal von den Ver­hö­ren­den, dass er seit Lan­gem je­de Hoff­nung auf Ret­tung ver­lo­ren hat­te. Sei­ne Brü­der vom Fließ­band stan­den in öf­fent­li­chen Bü­che­rei­en, bei der Post, ei­ner hat­te es so­gar ins Ein­woh­ner­mel­de­amt ge­schafft, aber die­ses Ex­em­plar hat­te Pech ge­habt und war im Po­li­zei­re­vier an der Haupt­stra­ße ge­lan­det.“

Die 1982 ge­bo­re­ne Is­rae­lin Aye­let Gundar-Gos­hen kennt als Psy­cho­lo­gin das mensch­li­che Ver­hal­ten und die Fall­stri­cke, in die es sich ge­le­gent­lich ver­fängt. Eben­so be­herrscht sie als Dreh­buch­au­torin die Kon­struk­ti­on ei­nes span­nen­den Plots. Be­wie­sen hat sie dies in ih­rem vor­letz­ten Ro­man „Lö­wen we­cken“, der was na­he liegt zur Zeit als TV-Se­rie pro­du­ziert wird. Die­se Kar­rie­re, wenn man es so be­zeich­nen möch­te, könn­te auch dem ak­tu­el­len Werk, Die Lüg­ne­rin“ , be­vor­ste­hen. Das Er­geb­nis wird je­doch bes­ten­falls in der All-Age-Ab­tei­lung zu fin­den sein. Al­ler­dings ist es nicht nur die ju­gend­li­che Haupt­fi­gur, die den Ro­man der gleich­alt­ri­gen Ziel­grup­pe zu­ord­net.

Die 17-jäh­ri­ge Nu­phar, ein von äu­ße­ren wie in­ne­ren Pro­ble­men ge­plag­ter Teen­ager, jobbt in den Fe­ri­en an der Eis­the­ke. Dort muss sie ei­nes Ta­ges nicht nur ih­re ehe­mals bes­te Freun­din und de­ren neue Cli­que der be­lieb­tes­ten Kids der Schu­le be­die­nen. Sie trifft nach die­ser De­mü­ti­gung zu­dem Le­sen fort­set­zen

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TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?

Eine Nachlese

Al­les ist ei­ne Fra­ge der Spra­che“, der Satz In­ge­borg Bach­manns fiel häu­fig beim dies­jäh­ri­gen Bach­mann-Wett­be­werb und er lei­te­te auch die Ab­stim­mung am Sonn­tag­vor­mit­tag ein. Mo­de­ra­tor Chris­ti­an An­ko­witch zi­tier­te al­ler­dings auch ei­nen Satz aus Fe­r­idun Zai­mo­g­lus Er­öff­nungs­re­de, des­sen Aus­sa­ge „wir ste­hen bei den Ver­las­se­nen“ im Hin­blick auf die Preis­ver­ga­be fast pro­gram­ma­tisch scheint.

Mich hat das Spek­ta­kel sehr über­rascht. Ich war er­staunt, daß in­ter­es­san­te Tex­te die­ses Jahr­gangs auf der Short­list fehl­ten. Dort fan­den sich die Au­toren Bov Bje­rg, Joshua Groß und die Au­torin­nen Öz­lem Öz­gül Dündar, Ra­phae­la Edel­bau­er, Al­ly Klein, Tan­ja Mal­jart­schuk und An­na Stern. Letz­te­re war ei­ne un­ver­ständ­li­che Wahl. Die ve­he­men­te Kri­tik an ih­rem Text wäh­rend der Ju­ry­dis­kus­si­on er­wies sich schließ­lich so­gar bei der Ab­stim­mung nicht als Hin­der­nis. Sie er­hielt für „War­ten auf Ava“ den 3sat-Preis, selbst  sehr über­rascht, wie ih­re ver­blüff­te Mie­ne zeig­te. Das Er­stau­nen war ver­ständ­lich Le­sen fort­set­zen

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TddL 18 – Raphaela Edelbauer, Martina Clavadetscher, Stephan Lohse, Anna Stern, Joshua Groß

Von Folter an Mensch und Natur, der Metamorphose einer Störschneiderin, einem weißen Schwarzen, einem Unglück und zu viel Dissonanz

Der Vor­mit­tag des 1. Wett­be­werbs­ta­ges hin­ter­lässt ei­nen har­mo­ni­schen Ein­druck, un­ge­wohnt für mich, die ich nach zwei Jah­ren Pau­se end­lich wie­der Zeit ha­be, die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen zu ver­fol­gen. Ja, ja, frü­her war mehr Dis­put, Ge­plän­kel und Ge­me­cker un­ter den Kri­ti­kern und zu den Tex­ten. Aber auch mehr Hu­mor. Heu­te gibt es neue Köp­fe, neue Kon­stel­la­tio­nen, und ein­deu­tig ei­ne an­de­re Art mit man­geln­dem Kon­sens und Kon­flik­ten um­zu­ge­hen. Was nicht in al­lem schlecht ist. Viel­leicht lag es auch ein­fach an den drei ers­ten Tex­ten des Wett­be­werbs. Kei­ner ließ mich ab­schwei­fen. Die bei­den ers­ten ge­fie­len mir so­gar aus­ge­spro­chen gut.

Den An­fang mach­te Ra­phae­la Edel­bau­er. Als ein­zi­ge Ös­ter­rei­che­rin ist ihr die Start­po­si­ti­on zu Recht zu­ge­fal­len. Zu fürch­ten braucht sie sie nicht, denn ihr Text ist in­ter­es­sant und gut er­zählt.

Das Loch“ han­delt von den Zer­stö­run­gen, die ein Berg­werk an­rich­tet und an­ge­rich­tet hat. Dass Edel­bau­er kei­ne schö­ne Ge­schich­te er­zäh­len will, wird klar, als sie die An­fän­ge des Berg­werks im Jahr 1890 schil­dert. Pfer­de muss­ten ge­blen­det wer­den, um un­ter Ta­ge zu ar­bei­ten. Die Grau­sam­kei­ten Le­sen fort­set­zen

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Bereit für Bachmann — TddL 2018

Fe­r­idun Zai­mo­g­lu, selbst Preis­trä­ger des Jah­res 2003, er­öff­net heu­te Abend den 42. Bach­mann­preis-Be­werb mit ei­ner Re­de. Ihr Ti­tel, „Der Wert der Wor­te“, scheint an­ge­sichts ak­tu­el­ler Po­li­tik­wir­ren äu­ßerst pas­send. Doch in den nächs­ten vier Ta­gen des Wett­be­werb zu Eh­ren von In­ge­borg Bach­mann wer­den 14 Schrift­stel­ler vor­ran­gig am li­te­ra­ri­schen Wert ih­rer Wor­te ge­mes­sen.

Dies be­ur­teilt ei­ne Ju­ry aus nach wie vor sie­ben Mit­glie­dern. Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, die aus dem Schwei­zer Li­te­ra­tur­club be­kann­te Pro­fes­so­rin ist am längs­ten da­bei. Ein JAhr vor­aus hat sie Hu­bert Win­kels, seit 2010 Ju­ror da­bei ist und seit 2015 den Vor­sitz führt. In der Chro­no­lo­gie fol­gen Klaus Kast­ber­ger, Li­te­ra­tur­pro­fes­sor in Graz, und der „aus der Schweiz ein­ge­wan­der­te“ Le­sen fort­set­zen

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Unüberwundener Abschied

Kristine Bilkau erzählt in „Eine Liebe in Gedanken“ von dem, was nach einem Verlust bleibt

Ich woll­te Ed­gar Jans­sen da­zu brin­gen, sich an mei­ne Mut­ter zu er­in­nern, an sei­ne und ih­re ge­mein­sa­me Zeit. An die Lie­be zwi­schen To­ni und Ed­gar, die von so kur­zer Dau­er ge­we­sen war und für mei­ne Mut­ter doch ein Le­ben lang ge­hal­ten hat.“

Ei­ne Lie­be in Ge­dan­ken“, der Ti­tel des ak­tu­el­len Ro­mans von Kris­ti­ne Bil­kau ist zu­gleich sein The­ma: Ei­ne gro­ße Lie­be, die un­er­füllt blei­ben wird. Doch wür­de das At­tri­but noch tref­fen, wenn die Lie­be ge­lebt wor­den wä­re, über al­le Schre­cken des All­tags hin­weg? Gro­ße Lie­be, -im Ro­man selbst fällt die­ser Aus­druck nie-, so könn­ten sie es ge­nannt ha­ben, die Toch­ter, die da­von er­zählt, wie die Mut­ter, die es er­lebt hat.

An­to­nia We­ber hat ih­ren Hei­mat­ort an der Küs­te ver­las­sen und in Ham­burg ihr un­ab­hän­gi­ges Le­ben be­gon­nen.  Die 22-jäh­ri­ge ar­bei­tet als Se­kre­tä­rin und wohnt bei der Zi­ga­ril­lo rau­chen­den Frau Kon­rad zur Un­ter­mie­te, wie dies 1964 für un­ver­hei­ra­te­te Frau­en üb­lich war. Doch To­ni bleibt nicht lan­ge al­lein. Ei­ne zu­fäl­li­ge Be­kannt­schaft bringt sie mit Ed­gar zu­sam­men und schnell ist für bei­de klar, daß sie Le­sen fort­set­zen

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