Unsichtbar und unverzichtbar

Leïla Slimanis gesellschaftskritischer Roman „Dann schlaf auch du“ spielt mit dem Dilemma von Überforderung und Ausbeutung

Die Nan­ny ist wie die­se Sche­men, die im Thea­ter im Dun­keln das Büh­nen­bild um­bau­en. Sie he­ben ein So­fa an, ver­schie­ben ge­schwind ei­ne Säu­le aus Pap­pe, ein Stück Mau­er. Loui­se wirkt hin­ter den Ku­lis­sen, un­be­merkt und mäch­tig. Sie hat die un­sicht­ba­ren Fä­den in der Hand, oh­ne die der Zau­ber nicht funk­tio­niert. Sie ist Vish­nu, die näh­ren­de, ei­fer­süch­ti­ge und schüt­zen­de Gott­heit. Sie ist die Wöl­fin mit der Zit­ze, an der sie al­le trin­ken, die ver­läss­li­che Quel­le ih­res Fa­mi­li­en­glücks.“

Die Mo­ti­ve für Kinds­mord lie­gen meist im Wahn und der Ver­zweif­lung der Tä­te­rin. Nicht nur die Psy­che der Mut­ter oder wie hier der Nan­ny trägt zur Tat bei, son­dern oft auch die ge­sell­schaft­li­chen Um­stän­de. Leï­la Sli­ma­ni stellt in ih­rem neu­en Ro­man Dann schlaf auch du bei­des her­aus, zum Glück oh­ne al­le Fra­gen ein­deu­tig zu be­ant­wor­ten.

Zu Be­ginn ist die blu­ti­ge Tat be­reits voll­bracht. Ei­ne Frau ver­liert die Fas­sung vor den leb­lo­sen Kör­pern ih­rer bei­den Kin­der, die von ih­rem Kin­der­mäd­chen Loui­se, ei­ne Per­le ih­rer Zunft, er­sto­chen wur­den, be­vor die­se das Mes­ser auch an sich leg­te. Knapp drei Sei­ten be­nö­tigt Sli­ma­ni für die­se Sze­ne, die mit je­der Zei­le die Fra­ge nach dem Mo­tiv stellt. Das War­um ist der bis zum Zer­rei­ßen ge­spann­te ro­te Fa­den, der den Le­ser durch die Ge­schich­te zieht. Die Au­to­rin rollt die­se sorg­fäl­tig auf und er­zählt von der Über­for­de­rung der jun­gen El­tern, ins­be­son­de­re vom Wunsch der Mut­ter wie­der in den Be­ruf zu­rück zu keh­ren, um nicht völ­lig auf­ge­fres­sen zu wer­den von der zer­mür­ben­den Si­sy­pho­sia­de ei­nes All­tags mit Klein­kin­dern.

Selbst Mut­ter zwei­er Kin­der lässt die 1981 in Ra­bat ge­bo­re­ne und in Pa­ris le­ben­de Leï­la Sli­ma­ni ei­ge­ne Er­fah­rung in den Ro­man ein­flie­ßen, für den sie 2016 mit dem Prix Gon­court aus­ge­zeich­net wur­de. Sie schil­dert die­se so ein­dring­lich, daß sie auch in mir Er­in­ne­run­gen an mei­ne Zeit mit Klein­kin­dern we­cken, an die Er­schöp­fung, die Über­for­de­rung, die Lan­ge­wei­le, an „die­ses simp­le, stil­le, ker­ker­haf­te Glück“. Ih­re Fi­gur My­ri­am fühlt sich ge­fan­gen im Tag­ein-Tag­aus mit Mi­la und Adam, den Not­wen­dig­kei­ten des Haus­halts, den Be­su­chen von Spiel­plät­zen und Ärz­ten. Als der Ju­ris­tin un­ver­hofft ei­ne Ar­beits­stel­le an­ge­bo­ten wird, er­greift sie die Chan­ce. Al­ler­dings muss erst das Be­treu­ungs­pro­blem ge­löst wer­den. Ei­ne Kin­der­frau scheint die ein­zi­ge Mög­lich­keit, auch wenn My­ri­am und ihr Mann Paul sie sich trotz gu­ter Ein­kom­men kaum leis­ten kön­nen, auch wenn die Vor­stel­lung die Kin­der ei­ner Frem­den zu über­las­sen in My­ri­am die schlimms­ten Bil­der her­auf­be­schwört. Doch „sie er­war­tet die Nan­ny wie ei­nen Mes­si­as“, der sie aus dem Klein­kin­der-Ker­ker be­freit.

Er of­fen­bart sich dem Ehe­paar nach nur we­ni­gen Be­wer­be­rin­nen in Ge­stalt der al­lein­ste­hen­den Loui­se. Mit Lie­be und Kon­se­quenz wid­met sie sich den Kin­dern, ge­winnt schnell ih­re Zu­nei­gung und das Ver­trau­en der El­tern. Auch die Woh­nung bringt sie „ganz in ih­re Ge­walt, wie ei­nen Feind, der um Gna­de bit­tet“. Schließ­lich über­nach­tet sie ein- bis zwei­mal pro Wo­che bei den Mas­sés, kocht für de­ren Freun­de, be­glei­tet sie in den Ur­laub. Sie ist im­mer da „un­sicht­bar und un­ver­zicht­bar“. Ei­ner­seits schil­dert Sli­ma­ni die­se per­fek­te Nan­ny als Op­fer, das sich aus­beu­ten lässt. An­de­rer­seits wird sie zum Tä­ter, der im­mer tie­fer in das Pri­vat­le­ben sei­ner Auf­trag­ge­ber ein­dringt. „Was soll­te sie schon Bes­se­res vor­ha­ben?“ Ein ei­ge­nes Le­ben hat die ein­sa­me und, wie sich bald an­deu­tet, psy­chisch ver­letz­te Frau nicht. Es ge­nügt ihr, den Mas­sés „beim Le­ben zu­zu­se­hen“. Am liebs­ten wür­de sie für im­mer bei ih­nen blei­ben und nicht je­de Nacht in ih­re Bruch­bu­de zu­rück­keh­ren, wo ein skru­pel­lo­ser Ver­mie­ter sie mit über­zo­ge­nen For­de­run­gen in die exis­ten­ti­el­le Not treibt.

Nicht nur ih­re Ein­sam­keit er­kennt kei­ner, eben­so ver­bor­gen bleibt ih­re grenz­wer­ti­ge Per­sön­lich­keit, die sich im Um­gang mit den Kin­dern un­gut aus­wirkt. Loui­ses Ver­steck­spie­le en­den bei Mi­la und Adam stets in hel­ler Ver­zweif­lung. Die Kin­der­frau scheint durch die kind­li­che Re­ak­ti­on ih­ren ei­ge­nen Ge­fühls­zu­stand zu kom­pen­sie­ren. Fehl­ver­hal­ten be­straft sie mit grau­sa­men Dro­hun­gen oder Ge­walt.

Dies al­les bleibt von den El­tern un­be­merkt, die es ge­nie­ßen „wie ver­wöhn­te Haus­kat­zen“ um­sorgt zu wer­den. Paul schätzt die Frei­heit, die Loui­se ihm und sei­ner Frau schenkt. Doch all­mäh­lich spürt er den Wi­der­spruch und ver­ab­scheut zu­neh­mend das Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis zu der Kin­der­frau. Als sie zu viert die Groß­el­tern auf dem Land be­su­chen und dort ein ech­tes Fa­mi­li­en­le­ben füh­ren, er­kennt er die Über­for­de­run­gen durch die ei­ge­nen An­sprü­che. Doch zu­rück in Pa­ris bleibt al­les wie es ist.

In kur­zen Ka­pi­teln stellt Leï­la Sli­ma­ni die Pro­ble­me un­ter­schied­li­cher Le­bens­wel­ten ein­an­der ge­gen­über. In ein­zel­nen Sze­nen wirft sie Schlag­lich­ter auf das Ver­hält­nis von Loui­se zu den Kin­dern, zu My­ri­am und Paul. Da­zwi­schen er­zählt sie in Ka­pi­teln, die als ein­zi­ge Über­schrif­ten tra­gen, von der pri­va­ten Loui­se. In al­len sucht der Le­ser nach Grün­den für die un­vor­stell­ba­re Tat. Ge­spickt mit Omi­na, sei­en es die grau­sa­men Spie­le oder Ge­schich­ten, die Loui­se er­zählt, oder My­riams dunk­le Vor­ah­nun­gen, bie­ten sie vie­le Hin­wei­se. Doch ob Wahn, Ver­zweif­lung oder Ra­che Loui­se zur Mör­de­rin macht, lässt der Ro­man of­fen und bie­tet so Raum für In­ter­pre­ta­ti­on.

Viel Dis­kus­si­ons­stoff lie­fert auch die im Ro­man ein­ge­wo­be­ne Ge­sell­schafts­kri­tik, wes­halb er sich aus­ge­zeich­net für Li­te­ra­tur­krei­se eig­net. Die Mut­ter­schaft be­schreibt Sli­ma­ni in ih­rer gan­zen Zwie­späl­tig­keit. Dem woh­li­gen dar­in Auf­ge­hen beim „Le­ben in ei­nem Ko­kon, ab­ge­schlos­sen von der Welt und den an­de­ren“ stellt sie mit schar­fem Blick die un­gu­ten Sei­ten die­ser Le­bens­pha­se ge­gen­über. Sie hin­ter­fragt die Glücks­ver­spre­chen des El­tern­seins, vor al­lem we­gen der im­mer noch tra­di­tio­nel­len Rol­len­ver­tei­lung. Da­zu kom­men die Pro­ble­me der Kin­der­be­treu­ung. My­ri­am und Paul schei­tern am An­spruch auf ei­ne staat­li­che Lö­sung und an den Kos­ten ei­ner ver­nünf­ti­gen pri­va­ten. Als wich­tigs­ten Punkt be­nennt Sli­ma­ni die Si­tua­ti­on der Aus­ge­beu­te­ten, die nicht als An­ge­stell­te ar­bei­ten, son­dern wie Leib­ei­ge­ne die­nen. „Man sieht sie an und man sieht sie nicht. Ih­re An­we­sen­heit ist so in­tim wie un­auf­dring­lich.“ Loui­se, die nicht als Per­son mit ei­nem ei­ge­nen Le­ben und Be­dürf­nis­sen wahr­ge­nom­men wird, steht als Ex­em­pel für vie­le am Ran­de der Le­ga­li­tät be­schäf­tig­ten Pfle­ge­kräf­te.

Leï­la Sli­ma­nis „Dann schlaf auch du“ ist ein ge­sell­schafts­kri­ti­scher, psy­cho­lo­gi­scher Ro­man und ei­ne äu­ßerst span­nen­de Lek­tü­re. Ei­nes je­doch ist der Ro­man kei­nes­falls, ein Ge­schenk für wer­den­de El­tern.

Über­setzt wur­de er von Ame­lie Tho­ma, die hof­fent­lich schon am De­büt Sli­ma­nis sitzt, des bis­her nur im Ori­gi­nal er­hält­li­chen „Dans le jar­din de l’ogre“.

Leï­la Sli­ma­ni, Dann schlaf auch du, übers. v. Ame­lie Tho­ma, Luch­ter­hand Ver­lag 2017

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Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der De­cke woll­te ich längst, und nun lie­ge ich hier und kann mich nicht rüh­ren, ich hab’s nicht pro­biert. Ich lie­ge jetzt mal hier und rüh­re mich nicht, ich star­re ein­fach den Riss an.“

Der Ti­tel die­ses kur­zen, in­ten­si­ven Ro­mans ist Pro­gramm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt lie­gen. Es ist we­ni­ger sein Al­ter, das ihn zu Fall bringt, son­dern ei­ne Ab­len­kung durch ei­ne Frau oder bes­ser Wal­ter No­waks Re­ak­ti­on auf die­se. Spä­ter wird er er­zäh­len, er ha­be sich beim Schwim­men ver­schätzt und sich den Kopf am Be­cken­rand ge­sto­ßen.

Ju­lia Wolf, die 2016 mit ei­nem Aus­schnitt aus ih­rem da­mals noch un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man den 3sat Preis beim Bach­mann-Wett­be­werb ge­wann, wur­de mit dem voll­ende­ten Werk ein Jahr spä­ter für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert. Ihr Er­zähl­stil wirkt er­fri­schend neu, auch wenn er be­rühm­ten Vor­gän­gern ver­haf­tet ist.

Die Au­to­rin führt den Le­ser mit­ten hin­ein in Wal­ter No­waks Hirn und lässt ihn an ei­nem Strom von Er­in­ne­run­gen und As­so­zia­tio­nen teil­ha­ben. Für die bio­gra­phi­sche Au­then­ti­zi­tät der Fi­gur gibt sie kei­ne Ga­ran­tie, sie un­ter­läuft sie mit den Träu­men und Phan­ta­si­en ih­res Hel­den. Wal­ters bio­gra­phi­sches Le­sen fort­set­zen

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Flaute in Florida

John Grishams solider Unterhaltungsroman „Das Original“ ist frei von Überraschungen

Schrift­stel­ler las­sen sich in der Re­gel in zwei Grup­pen ein­tei­len: Je­ne, die ih­re Ge­schich­ten von An­fang an kom­plett aus­ar­bei­ten und wis­sen, wie sie aus­ge­hen, noch be­vor sie über­haupt an­ge­fan­gen ha­ben. Und je­ne, die das nicht tun, weil sie da­von über­zeugt sind, dass Fi­gu­ren ein Ei­gen­le­ben ent­wi­ckeln und et­was In­ter­es­san­tes tun, nach­dem man sie an­ge­legt hat.“

Zu wel­cher Grup­pe John Gris­ham zählt, steht au­ßer Fra­ge. Der An­walt und Au­tor ist für sei­ne span­nen­den Sto­ries aus dem Rechts­mi­lieu be­kannt. Vie­le wur­den zu Best­sel­lern, meh­re­re er­folg­reich ver­filmt. Ich ha­be bis­her kei­nes die­ser Bü­cher ge­le­sen, noch als Film ge­se­hen und hät­te wohl auch Das Ori­gi­nal lie­gen las­sen, wenn mich nicht das The­ma neu­gie­rig ge­macht hät­te.

Im Mit­tel­punkt des Ro­mans steht das Ver­schwin­den von fünf Fitz­ge­rald-Ma­nu­skrip­ten, Dies­seits vom Pa­ra­dies, Die Schö­nen und die Ver­damm­ten, Zärt­lich ist die Nacht, Der letz­te Ta­ikun und na­tür­lich Der gro­ße Gats­by. Si­cher ver­wahrt lie­gen sie in ei­nem Tre­sor­raum der Prince­ton Uni­ver­si­ty und sind nur aus­ge­wähl­ten An­trag­stel­lern, vor­wie­gend Wis­sen­schaft­lern, zu­gäng­lich.

Hier setzt Hand­lung ein. Mit ei­nem Plan, der für das aus­füh­ren­de Quin­tett fast schon zu raf­fi­niert ist, ge­lingt der Raub. Die Gangs­ter er­wei­sen sich je­doch als un­vor­sich­tig, gie­rig und dumm. Ein Teil Le­sen fort­set­zen

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Pinkelbaum und Schnarchmuseum

Was ein amerikanisches Journalisten-Trio beeindruckt

Groß­ar­tig las sich der An­kün­di­gungs­text des Ver­lags. Als dem Skur­ri­lem zu­ge­neig­te His­to­ri­ke­rin be­kam ich so­fort Lust, die­se Samm­lung der „selt­sams­ten, ab­ge­le­gens­ten (sic!) und son­der­bars­ten Or­te“ zu stu­die­ren.„Lie­be­voll aus­ge­stat­tet“ ver­sprach sie, die trü­be Jah­res­zeit un­ter­halt­sam und an­re­gend zu er­hel­len. Doch das Bun­te ist in Wirk­lich­keit meist grau, das er­kann­te schon der Er­zäh­ler in Mar­cel Prousts Er­in­ne­rungs­werk, so­bald er zu den Or­ten ge­lang­te, von de­nen er ge­träumt hat­te.

So er­geht es mir auch im At­las Ob­scu­ra. Als Lehn­stuhl­rei­sen­de be­nö­ti­ge ich fast ei­ne Lu­pe, um die we­nig qua­li­tät­vol­len Fo­to­gra­fi­en zu er­kun­den, die oft in ge­rin­gem For­mat ab­ge­bil­det sind. Die schlech­te Pa­pier­qua­li­tät ver­geigt die Op­tik noch mehr und nicht nur das. Das beige Re­cy­cling­pa­pier ver­strömt ei­nen Ge­ruch, der das Blät­tern ver­lei­det. Nor­ma­ler­wei­se sind dies Kri­te­ri­en, die in mei­nen Re­zen­sio­nen kei­ne Rol­le spie­len. Ein groß­for­ma­ti­ges, auf Aus­stat­tung an­ge­leg­tes Hand­buch soll­te in sei­nem Auf­tritt je­doch auch olfak­to­risch ta­del­los sein, sonst gibt’s kei­nen Platz auf dem Cof­fee­ta­ble.

Das ro­te Le­se­bänd­chen des von den ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Joshua Fo­er, Dy­lan Thu­ras und El­la Mor­ton ver­fass­ten Werks, das Or­te jen­seits der „im­mer glei­chen Null­acht­fünf­zehn At­trak­tio­nen“ ent­deckt ha­ben will, mar­kiert Batt­le­ship Is­land (S. 205), ei­ne Be­ton­rui­nen­in­sel na­he Na­ga­sa­ki, die an ein Le­sen fort­set­zen

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We are all aliens“

In seinem Roman „Die Außerirdischen“ stellt Doron Rabinovici grundsätzliche Fragen menschlichen Zusammenlebens

Nicht die Au­ßer­ir­di­schen las­sen al­les ver­kom­men, um sich zu be­rei­chern. Das macht nur un­ser­eins.“

An­ders als der Ti­tel des neu­en Ro­mans des in Tel Aviv ge­bo­re­nen und seit sei­nem drit­ten Le­bens­jahr in Wien le­ben­den Schrift­stel­lers Do­ron Ra­bi­no­vici ver­mu­ten lässt, han­delt es sich bei „Die Au­ßer­ir­di­schen“ nicht um Sci­ence Fic­tion. Auch wenn die Na­men der Fi­gu­ren, Sol, Stern, Kas­tor und Jup(iter) da­nach klin­gen, auch wenn der An­fang an H.G. Wells Ro­man „Krieg der Wel­ten“ er­in­nert, der als Ra­dio-Hör­spiel 1938 in den USA ei­ne Mas­sen­pa­nik aus­lös­te, we­nigs­tens bei den ver­spä­tet zu­ge­schal­te­ten Hö­rern, die die Fik­ti­on für ba­re Mün­ze nah­men.

Ähn­lich chao­ti­sche Zu­stän­de, wie Wells sie schil­dert, herr­schen in al­len Tei­len der von Ra­bi­no­vici er­son­ne­nen Welt. Die­sem Cha­os setzt er sei­ne bei­den Haupt­fi­gu­ren aus, Sol, der als Jour­na­list ei­nes On­line-Gour­met-Ma­ga­zins ar­bei­tet und sei­ne Frau As­trid. Me­di­en aus al­len Tei­len der Er­de be­zeu­gen den kom­plet­ten Strom­aus­fall, der Ver­kehr er­liegt, In­ter­net und Han­dys funk­tio­nie­ren nicht mehr. Die Ver­sor­gung bricht zu­sam­men und Pa­nik aus. Es kommt Le­sen fort­set­zen

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Out-of-Body-Experience

John Williams psychologisch intensives  Debüt „Nichts als die Nacht“

Und er dach­te an die Din­ge, an die er nicht den­ken soll­te, er­in­ner­te sich an Sa­chen, an die er sich nicht er­in­nern soll­te. Manch­mal, wenn er sich so al­lein dort sit­zen und sich er­in­nern sah, kam er sich wie ein Arzt vor, der be­ob­ach­te­te, wie ei­ne Krank­heit auf­zog, aber nichts da­ge­gen un­ter­nahm. Man hat­te ihm ge­sagt, dass es Din­ge ge­be, die er ver­ges­sen soll­te, die er ver­ges­sen muss­te.“

Ei­ne Au­ßer­kör­per­li­che Er­fah­rung, das Ge­fühl sei­nen Kör­per zu ver­las­sen, über ihm zu schwe­ben und sich selbst als Ob­jekt ei­ner Sze­ne­rie von au­ßen zu be­trach­ten, spielt ei­ne gro­ße Rol­le in John Wil­liams De­büt „Nichts als die Nacht“. Jen­seits der Li­te­ra­tur schil­dern Men­schen in kör­per­li­chen wie psy­chi­schen Not­si­tua­ti­on, Un­fall- und Ge­walt­op­fer, der­ar­ti­ges. Neu­ro­wis­sen­schaft­ler füh­ren dies auf die Be­ein­träch­ti­gung ver­schie­de­ner Be­rei­che des Hirns zu­rück und zäh­len es als Sym­ptom ei­ner Post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­rung. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, daß  John Wil­liams dies eben­falls aus Be­ob­ach­tung oder ei­ge­nem Er­le­ben kennt, denn die vor­lie­gen­de No­vel­le schrieb er als 22jähriger Kriegs­teil­neh­mer nach dem Ab­sturz sei­nes Flug­zeugs in ei­nem La­ger in Bur­ma.

Gleich zu Be­ginn sei­nes Buchs schickt er sei­nen jun­gen Prot­ago­nis­ten Ar­thur in ei­ne Out-of-Bo­dy-Ex­pe­ri­ence. Es ist die ers­te, wei­te­re wer­den fol­gen. Ar­thur be­fin­det sich auf ei­ner Par­ty, sieht wohl­be­leib­te Smo­king­trä­ger und ih­re knapp be­klei­de­ten Frau­en, er­kennt die De­tails der Woh­nung des Gast­ge­bers und ent­deckt Le­sen fort­set­zen

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Vom Auswildern einer Familie

Andrea Hejlskov schildert in „Wir hier draussen“ die Bekämpfung einer Existenzkrise mit natürlichen Mitteln

Als wir weg­ge­gan­gen wa­ren, hat­ten wir das nicht ge­tan, um vor den Pro­ble­men oder Kon­flik­ten weg­zu­lau­fen. Es war ein Ka­mi­ka­ze­an­griff ge­we­sen, der mit­ten ins Herz der Fa­mi­lie ge­zielt hat­te, ins Pri­va­te, di­rekt in die Pro­ble­me – wir hat­ten die Pro­ble­me an der Gur­gel pa­cken wol­len, sie auf den Kopf stel­len und sie schüt­teln, bis sie zit­tern und ver­schwin­den wür­den. Uns war klar ge­we­sen, dass es hart wer­den wür­de, dass es schreck­lich wer­den wür­de, das hat­ten wir ge­wusst, aber das war es uns wert ge­we­sen.“

Raus aus der Zi­vi­li­sa­ti­on, zu­rück zur Na­tur, zum Ur­sprüng­li­chen, die ei­ge­nen Res­sour­cen ent­de­cken, wie­der Ge­mein­schaft er­le­ben. Die­se Mo­ti­ve ha­ben vor der dä­ni­schen Au­to­rin An­drea He­jls­kov und ih­rer Fa­mi­lie schon an­de­re be­wegt. Zu Be­ginn des vor­letz­ten Jahr­hun­derts wa­ren es Na­tur­jün­ger, die auf Süd­see­inseln oder im Tes­sin ihr Le­bens­glück such­ten. Ih­nen folg­ten an­de­re, die sich vom Auf­ge­zwun­ge­nen ab­kehr­ten um sich selbst zu fin­den. Hen­ry Da­vid Tho­reau be­zog ei­ne ab­seits ge­le­ge­nen Hüt­te und schlug aus die­ser Er­fah­rung auch li­te­ra­risch Ka­pi­tal. Sein „Wal­den“ wur­de zum Kult­buch. Ähn­li­che Aben­teu­er, aus de­nen ein Buch her­vor­ging, gibt es noch in heu­ti­ger Zeit. Sie rei­chen von der Re­por­ta­ge des Jour­na­lis­ten Jür­gen Kö­nig, der gut vor­be­rei­tet ein Jahr auf ei­ner Schwei­zer Hoch­alm ver­bringt, bis zum ame­ri­ka­ni­schen Jung­au­tor und sei­nem Ver­such ein­sam die Ado­les­zenz aus­zu­sit­zen. Sprachmäch­ti­ger sind Le­sen fort­set­zen

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Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

Das ist der Ge­sang der Spin­ne im Netz. Das ist das Wach­sen von Grä­sern und Moos auf den Stei­nen.“

In ih­rem Ro­man „Al­les Ver­wand­te“ nimmt Sa­bi­ne Pe­ters ih­re Le­ser mit auf ei­ne Rei­se. Sie führt nach Por­tu­gal in das Berg­dorf Fei­tal. In der kar­gen Pro­vinz ab­seits der Küs­te be­su­chen sich zwei Frau­en um ih­rer al­ten Freund­schaft wil­len. Dies führt bei­de zu­rück in die Ver­gan­gen­heit ge­mein­sa­mer wie sub­jek­ti­ver Er­in­ne­run­gen.

Mit gro­ßer Em­pa­thie be­schreibt Sa­bi­ne Pe­ters die Frau­en und die Re­gi­on. Im stei­ni­gen Fei­tal, fern von Fort­schritt und Be­trieb, scheint die Zeit still zu ste­hen. Doch die Aus­wir­kun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che sind spür­bar. Die Fi­nanz­kri­se schwächt die ab­seits ge­le­ge­nen Klein­be­trie­be. Das In­ter­net ist er­reich­bar, wenn auch mit ab­ge­schwäch­ter Kraft.

Die por­tu­gie­si­sche Künst­le­rin Li­no lebt nach Jah­ren in Deutsch­land und der Tren­nung von ih­rem Mann wie­der in ih­rem Hei­mat­dorf. Dort er­war­tet sie Ma­rie, ih­re Freun­din aus Le­sen fort­set­zen

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Die schauerliche Stille brechender Herzen“

Vom Grausamen im Krieg und in der Liebe erzählt Anna Baar in „Als ob sie träumend gingen“

Klee liegt im Kran­ken­bett oder eher im Ster­be­bett? In ei­ner An­stalt für Kran­ke oder eher für Ir­re? Sein Na­me lau­tet Paul oder eher Pa­blo?

Klee ist die Haupt­fi­gur in An­na Baars neu­em Ro­man „Als ob sie träu­mend gin­gen“. Von sei­nen Ge­dan­ken, Ge­füh­len und Er­in­ne­run­gen er­zählt Baars na­men­lo­ser Er­zäh­ler, der im Pro­log be­kennt: „Man­ches hat er mir er­zählt, man­ches bil­de ich mir ein, vie­les wird ge­träumt sein oder aus­ge­dacht.“

Klees Er­in­ne­run­gen sind brü­chig, nicht nur sei­nes Zu­stands we­gen, son­dern auf­grund der grau­sa­men Ge­scheh­nis­se selbst, den er­leb­ten Kriegs­gräu­eln und den Ver­lus­ten, vor al­lem in der Lie­be.

Klee kämpft ge­gen das Ver­ges­sen, wes­we­gen er al­les sei­nen Kas­set­ten an­ver­traut, vor al­lem die Sa­che mit Li­ly. Bei­de kom­men aus ei­nem Dorf, das nicht kon­kret ver­or­tet ist. Baar will, wie sie in ei­nem In­ter­view be­tont, al­le Ge­scheh­nis­se ih­res Ro­mans nicht kon­kre­ti­siert wis­sen. Doch lie­fert sie Hin­wei­se ge­nug, den Ort an der ju­go­sla­wi­schen Küs­te und die Zeit im zwei­ten Vier­tel des letz­ten Jahr­hun­derts zu lo­ka­li­sie­ren. Im­mer­hin wird im Le­sen fort­set­zen

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Der Tod  und das Mädchen

Tomas Espedal verzeichnet in „Wider die Natur“ die Liebe zwischen Sehnsucht und Selbstzweifel

Ist das Un­glück ei­ne Vor­aus­set­zung für das Glück? Nein, das Glück kommt jäh und un­er­war­tet, es ist ei­ne ganz selbst­stän­di­ge, un­ab­hän­gi­ge Grö­ße, es tritt ein oh­ne Vor­bo­ten, wie ein Na­tur­er­eig­nis, ein Re­gen­bo­gen, ei­ne Stern­schnup­pe, ein Blitz­schlag oder ein Feu­er, furcht­ein­flö­ßend und schön; auch das Glück wirft al­les über den Hau­fen.“

Am En­de schließt sich der Kreis die­ses au­to­bio­gra­phi­schen Ro­mans, der die Lie­be des 48-jäh­ri­gen Au­tors zu der 24-jäh­ri­gen Jan­ne zum The­ma hat. Ge­nau­er, das Schei­tern die­ser Lie­be und das der vor­he­ri­gen Be­zie­hun­gen so­wie Es­pe­dals Lei­den dar­an.

Zu Be­ginn steht der Spon­tan-Sex der bei­den, die sich ge­ra­de erst auf ei­ner Par­ty er­blickt hat­ten, in der Bi­blio­thek des Gast­ge­bers.  Welch’ bes­se­rer Or­te könn­te ein Schrift­stel­ler für die In­itia­ti­on sei­ner Lie­bes­be­ses­sen­heit wäh­len? Doch sein Stau­nen über die Er­fül­lung küh­ner Mid­life-Män­ner-Sehn­süch­te, be­glei­tet Es­pe­dal mit weh­mü­ti­ger Va­ni­tas. Die­se Paa­rung ei­nes ab­ge­kämpf­ten Al­ten mit der blü­hen­den Le­sen fort­set­zen

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