Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Mei­ne Vor­stel­lun­gen von Schick­lich­keit wa­ren va­ge und un­be­stimmt, wie all mei­ne Vor­stel­lun­gen des­sen, was mit Ge­schlecht­lich­keit zu tun hat­te. Aber sie wa­ren be­stimmt ge­nug, dass ich mich da­nach sehn­te, sie zu­sam­men mit mei­nen Sa­chen ab­zu­wer­fen und wie ein Baum oder ei­ne Blu­me zu sein, nackt, mit nichts mehr zwi­schen mir und der Na­tur.“

Ich war ver­liebt in die Hit­ze, ich emp­fand für sie das­sel­be wie ein Kon­ver­tit für sei­ne neue Re­li­gi­on.“

Nein, als An­ti­dot ge­gen die auf­zie­hen­de Glut­hit­ze emp­feh­le ich nichts, was auf ei­si­gen Hö­hen oder im tie­fen Win­ter spielt. Ge­mäß der ho­möo­pa­thi­schen Ma­xi­me, Glei­ches mit Glei­chen zu be­han­deln, ra­te ich zu „Ein Som­mer in Brand­ham Hall“. Der Ro­man von Les­lie Po­les Hart­ley er­schien im Jahr 1953 un­ter dem Ti­tel „The Go-Bet­ween“ und wur­de zum größ­ten Er­folg des be­kann­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­kers und Schrift­stel­lers. In der Neu­über­set­zung von Wib­ke Kuhn liegt er nun im Ei­sele Ver­lag vor und ist das Som­mer­buch schlecht­hin. Leicht, vol­ler Charme und stets stil­voll.

Hart­leys Ge­schich­te über den Som­mer des Jah­res 1900 im eng­li­schen Nor­folk wird be­son­ders Fans von Down­town Ab­bey ge­fal­len. Wie die be­kann­te Se­rie spielt auch er auf ei­nem weit­läu­fi­gen An­we­sen, un­ter des­sen Be­woh­nern, Be­diens­te­ten und der um­lie­gen­den Dorf­be­völ­ke­rung.

In die­se so­zi­al streng sor­tier­ten Ver­hält­nis­se ge­rät der 12-jäh­ri­ge Leo Cols­ton auf Ein­la­dung sei­nes Freun­des Mar­cus. Für Leo öff­net sich ei­ne neue, teil­wei­se be­droh­lich emp­fun­de­ne Welt. Er kommt aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen, was man nicht nur sei­ner Klei­dung, son­dern auch sei­nem Ver­hal­ten an­merkt. Er hat sei­ne Mü­he mit den un­be­kann­ten Ge­pflo­gen­hei­ten, die je­de Men­ge Fett­näpf­chen für ihn be­reit­hal­ten.

Sei­ne Gast­ge­ber sind ihm wohl­ge­son­nen, Mrs. Mauds­ley, de­ren do­mi­nan­te Art sie als Ober­haupt der Fa­mi­lie aus­weist, ihr ru­hi­ger Gat­te und Den­nys, der äl­te­re Bru­der Mar­cus‘. Des­sen eben­falls ei­ni­ge Jah­re äl­te­re Schwes­ter nimmt Leo un­ter ih­re Fit­ti­che und hilft ihm die Hür­den zu über­win­den. Schnell er­liegt Leo Ma­ri­ans Charme und Groß­zü­gig­keit und ist ihr von Her­zen er­ge­ben. Fast könn­te man ver­sucht sein zu sa­gen, er sei ver­liebt. Doch die­se Vo­ka­bel scheint für den fast 13-Jäh­ri­gen un­an­ge­bracht. Sei­ner Kna­ben­un­schuld liegt das Ge­fühl des Be­geh­rens fern, ganz zu schwei­gen von den kör­per­li­chen Be­gier­den, die in Brand­ham Hall „Her­um­pous­sie­ren“ hei­ßen. Leo stellt sich in den Dienst der von ihm ver­ehr­ten Ma­ri­an, wird ihr Knap­pe und über­bringt be­reit­wil­lig Bot­schaf­ten, de­ren Brenz­lig­keit ihm im Lau­fe der Zeit nur an­deu­tungs­wei­se be­wußt wird.

Dies spie­gelt die für das eng­li­sche Nor­folk un­ge­wohn­te Hit­ze. Tag für Tag steigt die Queck­sil­ber­säu­le des Ther­mo­me­ters, das sich in ei­nem acht­ecki­gen Häus­chen im Park von Brand­ham Hall ver­birgt. Das wert­vol­le Ge­rät, zu dem ei­gent­lich nur Mr. Mauds­ley Zu­gang hat, fas­zi­niert die bei­den Jungs, die täg­lich die stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren ab­le­sen.

Die Hit­ze ist ei­nes der vie­len Mo­ti­ven in die­sem stil­vol­len Som­mer­ro­man. Sie steht für das se­xu­el­le Er­wa­chen des 13-jäh­ri­gen Leo. Das Wort „Sex“ fällt na­tür­lich kein ein­zi­ges Mal und der Prot­ago­nist wird das „Her­um­pous­sie­ren“ nicht am ei­ge­nen Leib ent­de­cken. Den in­ne­ren Wan­del spürt er je­doch deut­lich. „Und ganz un­merk­lich hat­te sich auch das Kli­ma mei­ner Ge­füh­le ge­wan­delt. Ich war nicht mehr zu­frie­den mit dem klei­nen Er­fah­rungs­be­reich, in dem ich mich bis­her be­wegt hat­te. Ich woll­te jetzt im gro­ßen Stil er­le­ben.“

Das Chan­gie­ren zwi­schen Un­wis­sen­heit und Er­kennt­nis ist Glück und Un­glück zu­gleich für die Fi­gu­ren des Ro­mans, we­ni­ger für sei­ne Le­ser. Denn der Zwie­spalt ist der gro­ße Reiz, er prägt den Ver­lauf der Ge­schich­te eben­so wie das In­ne­re Le­os. Hart­ley be­dient sich da­zu ei­nes kon­struk­ti­ven Kniffs. Er lässt den ge­al­ter­ten Leo Cols­ton das Ta­ge­buch die­ses weit zu­rück­lie­gen­den Som­mers fin­den, Leo ist so zu­gleich Er­zäh­ler, Er­in­nern­der und Han­deln­der. Ei­ne Kon­stel­la­ti­on, die an Mar­cel Prousts Re­cher­che er­in­nert und die von dem Li­te­ra­tur­ken­ner Hart­ley be­ab­sich­tigt sein mag.

Sei­ne Kon­struk­ti­on of­fen­bart Hart­ley in ei­nem Pro­log. So ist von vor­ne­her­ein klar, daß der Er­zäh­ler Leo mehr weiß als der zwölf­jäh­ri­ge Prot­ago­nist. Der Er­zäh­ler zeigt Ver­ständ­nis für das In­nen­le­ben des jun­gen Leo, da­bei ver­rät er nichts, ist aber in der La­ge, Hin­wei­se neu zu deu­ten und Vor­ah­nun­gen zu er­ken­nen.

So er­zeugt das Bel­la­don­na (sic!) ‑Ge­wächs, das Leo auf sei­nen Streif­zü­gen in ei­nem zer­fal­le­nen Schup­pen ent­deckt, in ihm ei­ne At­mo­sphä­re be­droh­li­cher Ero­tik. „(…) es war kei­ne Pflan­ze nach mei­nem Ver­ständ­nis, es war ein Busch, fast ein Baum und so groß wie ich. Sie sah aus wie das Bild des Bö­sen und zu­gleich das Bild der Ge­sund­heit, so glän­zend und stark und saf­tig war sie. Ich konn­te ge­ra­de­zu se­hen, wie die Säf­te dar­in auf­stei­gen, um das Ge­wächs zu näh­ren“.

Als Mar­cus krank wird, er­kun­det Leo die Ge­gend al­lei­ne. Er schaut beim Ther­mo­me­ter­häus­chen vor­bei und er ent­deckt den Hof des jun­gen Bau­ern Ted Bur­gess. Auf dem dort lie­gen­den Heu­hau­fen rutscht er noch ganz Kind be­geis­tert her­un­ter. Er schließt Be­kannt­schaft mit Ted, den er seit der ers­ten Be­geg­nung auf dem Ba­de­steg be­wun­dert.

Auch die­se Epi­so­de ge­stal­tet Hart­ley vol­ler Vor­ah­nun­gen. Leo be­glei­tet die klei­ne Ba­de­ge­sell­schaft, Mar­cus, des­sen Ge­schwis­tern und ei­ni­ge Freun­de. Die Holz-Platt­form er­scheint ihm be­droh­lich, ein „schwar­zes Ge­bil­de, lau­ter Stan­gen und Hol­me und Pfäh­le, wie ein Gal­gen“. Wäh­rend er „in Sehn­sucht nach nu­dis­ti­scher Er­fül­lung“ am Ufer blei­ben muss, re­gis­triert er ent­täuscht, daß die Ba­de­an­zü­ge der an­de­ren fast al­les ver­hül­len. Er ent­fernt sich ein paar Schrit­te und ent­deckt aus dem Di­ckicht Ted, der eben­falls im Fluss Ab­küh­lung sucht. Be­wun­de­rung und gleich­zei­tig Angst emp­fin­det er „an­ge­sichts die­ses Kör­pers, der mir von Din­gen er­zähl­te, die ich nicht kann­te“.

Doch Leo be­wun­dert auch Lord Tri­ming­ham, den jun­gen, kriegs­ver­sehr­ten Be­sit­zer von Brand­ham Hall. Er ist zu Gast bei den Mauds­leys, sei­nen Mie­tern. Auch Tri­ming­ham bit­tet Leo Ma­ri­an Bot­schaf­ten zu über­brin­gen. Dass er al­ler­dings ein Eh­ren­mann ist, er­kennt Leo, be­vor er er­fährt, daß Ma­ri­an ihn hei­ra­ten wird. Ganz an­de­res emp­fin­det er das ge­fähr­li­che Ge­heim­nis, das die Brie­fe von Ma­ri­an und Ted ver­ber­gen, de­ren Mit­tels­mann er no­lens vo­lens wird. Ihm bleibt nur zu hof­fen: „Ich selbst war die Queck­sil­ber­säu­le (denn man hat­te mich doch Mer­kur ge­nannt, dach­te ich ver­wirrt), die sel­ber in neue Hö­hen schoss, und Brand­ham Hall mit sei­nen im­mer noch un­er­forsch­ten Ge­fühls­hö­hen war der Berg, auf dem ich mei­ne Er­fah­run­gen ge­win­nen wür­de.“

Hart­ley ge­lingt ei­ne psy­cho­lo­gisch dich­te Dar­stel­lung vom Sich­selbst­be­wusst­wer­den ei­nes Her­an­wach­sen­den, in­dem er den zwangs­läu­fi­gen Ver­lust der Un­schuld mit der Fra­ge nach Ver­ant­wor­tung ver­bin­det. Da­bei kon­tras­tiert sein wis­sen­der Er­zäh­ler an­spie­lungs­reich die Nai­vi­tät des jun­gen Prot­ago­nis­ten, was den Ro­man zu ei­ner gleich­sam span­nen­den wie an­re­gen­den Lek­tü­re macht.

Leslie Poles Hartley, Ein Sommer in Brandham Hall, übers. v. Wibke Kuhn, Eisele Verlag 2019
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Trauerschwestern und Flügelwesen

Kerstin Hensel gelingt mit ihrer Novelle „Regenbeins Farben“ ein kunstvolles Trauerbuch

Im Halb­durch­sich­ti­gen drei Nerei­den, aus ih­ren Höh­len am Grun­de des Mee­res ge­stie­gen, hoch zu ih­rem Gott, der auf ei­nem Fa­bel­we­sen über Wel­len rei­tet, vor­ne Pferd, hin­ten Fisch. Nym­phen um­krei­sen ihn, und er er­fleht ih­re Ge­sell­schaft, spielt den Schiff­brü­chi­gen, den sie be­schüt­zen, be­sin­gen, be­glei­ten soll­ten. Doch die Nym­phen trei­ben an­de­re Spie­le. Im Was­ser schwes­ter­lich schwe­bend, sind die See­frau­en, die nur sich selbst un­ter­hal­ten, in ke­cken Spie­len plau­dernd, mit Del­fi­nen sin­gend. Wäh­rend der Gott um Ret­tung sei­ner Mäch­tig­keit fleht, zwingt er sein Reit­tier zu ei­ner schaum­schla­gen­den Le­va­de. Po­sei­don, der Po­ser! Der Hip­po­kamp trägt in durch die bro­deln­de Brü­he der Ge­schich­te (…)“

Die­se laut- und wort­schö­nen Sät­ze ver­ra­ten Kers­tin Hen­sel als Ly­ri­ke­rin, die ih­re poe­ti­sche Spra­che auch in der No­vel­le „Re­gen­beins Far­ben“ ver­wen­det. Dar­in ver­eint sie vier Per­so­nen zu ei­ner be­son­de­ren Ge­mein­schaft. Fast ein vol­les Jahr währt die­se, le­dig­lich drei Mi­nu­ten feh­len, wie die punkt­ge­nau­en Da­tie­run­gen im ers­ten und letz­ten Ka­pi­tel zei­gen.

Auch wenn der Tod als Mo­tiv die­se No­vel­le durch­zieht und ein Teil der Hand­lung kam­mer­spiel­ar­tig auf ei­nem Fried­hof statt­fin­det, han­delt es sich kei­nes­wegs um ein trau­ri­ges Buch. Als Trau­er­buch hin­ge­gen lie­ße es sich sehr wohl be­zeich­nen, denn es er­zählt, wie man Trau­er be­wäl­tigt und sich von der Ver­gan­gen­heit be­freit. Die Kunst ist da­bei das Mit­tel der Wahl. Dies zei­gen schon die ers­ten Ka­pi­tel, in de­nen uns die Fried­hofs­ge­mein­schaft vor­ge­stellt wird.

Die Ma­le­rin Kar­line Re­gen­bein ist die Jüngs­te, an Al­ter wie an der Dau­er ih­rer Trau­er ge­mes­sen. Es fol­gen Edu­ard Wet­ten­gel, der Ga­le­rist, Lo­re Mül­ler-Ki­li­an, die ihr Mä­ze­na­ten­tum dem ver­stor­be­nen Gat­ten ver­dankt und schließ­lich die Äl­tes­te, Zi­va Schlott, die Kunst­pro­fes­so­rin mit „Kipp­chen“. Al­le vier Le­sen fort­set­zen

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Die Grundfarben der Vorvergangenheit

In „Die Bagage“ ordnet Monika Helfer ihre Familiengeschichte mit Gefühl und Phantasie

So viel ge­schieht, und es ge­schieht ne­ben­ein­an­der, auch wenn es nach­ein­an­der ge­schieht. Wie auf den Bil­dern von Pie­ter Brue­gel dem Äl­te­ren. Ich ha­be es pro­biert. Ein biss­chen kann ich ma­len. Aber ich war nie da­mit zu­frie­den. Wä­re ich doch ei­ne Mu­si­kan­tin! Die Grund­far­ben mei­ner Vor­ver­gan­gen­heit sind fast al­le im Be­reich von Braun. Ocker, Kuh­stall­warm, die Far­be der Kuh­stäl­le ist braun. Weich. Oder ge­fro­re­ne Er­de, ei­sig und ei­sen­hart, über­zo­gen mit ei­nem Ei­sen­hauch von Grau. Mit der Zun­ge blieb ich an ei­nem ei­si­gen Mor­gen im Jän­ner an der Tür­schnal­le hän­gen, an­ge­fro­ren, und ha­be mit ein Stück Haut ab­ge­ris­sen. (…)
Die Er­in­ne­rung muss als heil­lo­ses Durch­ein­an­der ge­se­hen wer­den. Erst wenn man ein Dra­ma dar­aus macht, herrscht Ord­nung.“

Die­se Ge­dan­ken Mo­ni­ka Hel­fers fin­den sich in „Die Ba­ga­ge“, dem Ro­man, der ih­re ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te zum Ge­gen­stand hat. Sie zei­gen Hel­fers Ver­such, den Er­in­ne­run­gen na­he zu kom­men, die fa­mi­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen zu er­fas­sen, und zu­gleich ih­re Vor­ge­hens­wei­se, Er­zähl­tes mit Er­dach­tem zu ver­bin­den. Ei­ne gro­ße Rol­le spie­len ih­re As­so­zia­tio­nen, die sie beim Er­zäh­len und Be­ob­ach­ten be­fal­len. Und auch beim Hö­ren, denn in vie­len De­tails stützt die Au­torin sich auf die Er­zäh­lun­gen ih­rer Le­sen fort­set­zen

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Alte Freundinnen

Charlotte Wood konfrontiert in „Ein Wochenende“ drei Freundinnen mit sich selbst und ihrer in die Jahre gekommenen Freundschaft

So wür­den die Ta­ge oh­ne Syl­vie al­so sein, mit die­ser Di­stanz zwi­schen ih­nen, die sich aus­wei­te­te und ver­tief­te. Sie blieb ste­hen und be­ob­ach­te­te, wie der Ab­stand zu den bei­den an­de­ren im­mer grö­ßer wur­de. Auch sie gin­gen nicht ge­mein­sam. Bis jetzt hat­te sie nie dar­über nach­ge­dacht, dass sich das aus­ge­lei­er­te Gum­mi­band ih­rer Freund­schaft ei­nes Ta­ges auf­lö­sen könn­te. Es schien un­mög­lich. Aber et­was To­tes hat­te sich in ih­re Ge­füh­le für­ein­an­der ein­ge­schli­chen und schien sich aus­zu­deh­nen.“

Die meis­ten Men­schen ha­ben ei­ne Hand­voll en­ger Freun­de, oft so­gar we­ni­ger. Al­les, was die Zahl drei über­steigt, so scheint es, sprengt den Rah­men. Oft er­wei­sen sich die un­ter­schied­li­chen Ei­gen­ar­ten, Vor­lie­ben, kurz die Per­sön­lich­kei­ten der Freun­de als Stör­fak­tor. Dies zeigt sich bei ge­mein­sa­men Un­ter­neh­mun­gen. Und was macht erst das Al­ter dar­aus? Die lan­gen Jah­re des Le­bens? Die zu­neh­men­de Starr­köp­fig­keit?

Von ei­ner der­ar­ti­gen Ge­menge­la­ge er­zählt der neue Ro­man der aus­tra­li­schen Au­torin Char­lot­te Wood. Mit sei­nen knapp 300 Sei­ten hat er die rich­ti­ge Län­ge, um sei­ne Le­se­rin­nen wie sei­ne Le­ser — auch wenn im Buch be­haup­tet wird, daß Män­ner kaum Le­sen fort­set­zen

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Halb gekonnter Corona-Roman

Phillip Lewis‘ Rückkehr nach Old Buckram ist das mysteriöse Debüt eines Poe-Adepten

Ich rief den Kell­ner und be­stell­te zwei Co­ro­na mit Li­met­ten­schnitz. Ich woll­te den Ball flach hal­ten.
„Mit wem bist du hier?“, frag­te ich sie. Ich deu­te­te auf mei­nen Tisch, wo J.P., Ty­ler und Will jetzt doch Ra­batz mach­ten. Aber dann frag­te Be­thAnn Sto­ry et­was, die dreh­te sich zu ihr, und ich wuss­te na­tür­lich nicht, ob sie sich wie­der mit mir un­ter­hal­ten wür­de. Trotz­dem war­te­te ich am Tisch, bis das Bier kam. Sto­ry und ich drück­ten un­se­re Li­met­ten in die Fla­schen und pros­te­ten uns zu.““

Co­ro­na-Ro­man könn­te man ka­lau­ernd das De­büt von Phil­lip Le­wis nen­nen, denn es wird ganz schön viel Bier der be­kann­ten me­xi­ka­ni­schen Mar­ke ge­trun­ken, stets ver­se­hen mit ei­nem Schnitz Li­met­te, was der Au­tor nicht mü­de wird zu be­to­nen. Gleich­zei­tig ist der Un­ter­hal­tungs­ro­man ge­eig­net, um oh­ne An­stren­gung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on zu ent­flie­hen.

Den jun­gen Prot­ago­nis­ten ver­trei­ben die fa­mi­liä­ren Ver­hält­nis­se aus sei­ner Hei­mat in den Blue Moun­tains. Doch, Es­ka­pis­mus ist kei­ne Lö­sung, nach ei­ni­gen Jah­ren ent­schließt er sich zur „Rück­kehr nach Old Buck­ram“, um die Ge­scheh­nis­se sei­ner Ver­gan­gen­heit zu klä­ren.

Auf den Ro­man bin ich zu­fäl­lig ge­sto­ßen, es ist mo­men­tan ja aus­rei­chend Zeit zu stö­bern. Als ich ihn dann in Hän­den hielt und die ers­ten Sei­ten ge­le­sen hat­te, stieß ich auf die glei­chen The­men wie im zu­vor ge­le­se­nen Ro­man „Der Freund“, auf Ein­sam­keit, das Schrei­ben und die Li­te­ra­tur, letz­te­res mit zahl­rei­chen Ver­wei­sen auf Schrift­stel­ler und ih­re Wer­ke un­ter­legt. Ne­ben Ed­gar All­an Poe gilt die be­son­de­re Auf­merk­sam­keit des Au­tors Tho­mas Wol­fe und Wil­liam Faulk­ner.

Das Haupt­su­jet al­ler­dings, von dem der Prot­ago­nist Hen­ry in der Rück­schau er­zählt, ist sein Va­ter Hen­ry L As­ter. Im Lau­fe des Ro­mans wird noch ei­ne wei­te­re Va­ter­fi­gur Le­sen fort­set­zen

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Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf die­sen Sei­ten fin­det sich vie­les, von dem ich nie je­man­dem er­zählt ha­be. Es ist selt­sam, wie der Akt des Schrei­bens zu Ge­ständ­nis­sen führt. Nicht, dass es nicht auch da­zu führt, das Blaue vom Him­mel her­un­ter­zu­lü­gen.“

Man­chem Le­ser mag beim Blick auf das Buch un­wohl wer­den, wenn auch nicht so sehr wie mei­nem Freund. Mit Schre­cken denkt die­ser dar­an zu­rück, wie ein paar mun­te­re Er­wach­se­ne, al­len vor­an sei­ne El­tern, ihn auf den Rü­cken ei­nes rie­si­gen Hun­des hiev­ten. Das Ge­schrei des Drei­jäh­ri­gen war groß, das Reit­tier blieb je­doch ge­las­sen. Es war ei­ne Dog­ge, und da die Ge­schich­te im süd­li­chen Skan­di­na­vi­en spiel­te, ei­ne dä­ni­sche, auch wenn, wie Sig­rid Nu­n­ez in ih­rem Ro­man Der Freund er­klärt, die­se Ras­se als deutsch be­zeich­net wird. Ob der sanf­te Rie­se von da­mals, wie der Hund im Ro­man ei­ne Har­le­kin­dog­ge mit schwar­zen Fle­cken auf wei­ßem Fell  war, ist nicht mehr im Ge­dächt­nis. Ge­blie­ben ist je­doch die Pho­bie. Mein Freund wür­de al­so nie­mals das tun, was in Nu­n­ez‘ Buch ge­schieht, ei­nen hin­ter­las­se­nen Hund auf­neh­men.

Sig­rid Nu­n­ez‘ Ich-Er­zäh­le­rin, wie die­se Schrift­stel­le­rin und Do­zen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben, steht zu­nächst wi­der­wil­lig die­sem Er­be ge­gen­über, nach­dem ihr bes­ter Freund den Tod ge­wählt hat. Noch wäh­rend sie trau­ert und nach Ant­wor­ten sucht, er­hält sie die Bot­schaft, daß Le­sen fort­set­zen

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Literatur und Literaten in der Lagune

In seinem Roman „Der von den Löwen träumte“ schildert Hanns-Josef Ortheil sein Schreiben und erzählt von Hemingway in Venedig

Et­was auf­schrei­ben? Et­was von dem, was He­ming­way zu ihm ge­sagt hat­te? Über das Schrei­ben? Über Gott? Über das Be­ten? Viel­leicht war es gar kei­ne schlech­te Idee. An wel­che mar­kan­ten Sät­ze er­in­ner­te er sich denn? O, da gab es vie­le.“

Der­ar­ti­ge Ge­dan­ken mö­gen im Kopf des­je­ni­gen schwir­ren, der ein Buch über He­ming­way schrei­ben will. Er muss den be­rühm­ten ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­ler ge­kannt ha­ben, gut ge­kannt. Viel­leicht ein Freund, der wie He­ming­way ein Schrift­stel­ler ist. Doch der Freund, den Ortheil in „Der von den Lö­wen träum­te“ He­ming­way zu­ge­sellt, und der dies denkt, ist ein jun­ger Fi­scher aus Ve­ne­dig. Er ist so­gar ei­ne Haupt­fi­gur des Ro­mans. Die zwei­te ist He­ming­way, der im Jahr 1948 die La­gu­nen­stadt in Be­glei­tung sei­ner vier­ten Ehe­frau Ma­ry be­such­te. Auch sie taucht in Ortheils Ver­si­on die­ser bio­gra­phi­schen Be­ge­ben­heit auf, spielt al­ler­dings nur ei­ne klei­ne Rol­le ne­ben Pao­lo, der He­ming­way bei den Er­kun­dun­gen der Was­ser­stra­ßen Ve­ne­digs be­glei­tet.

Das Ti­tel­bild il­lus­triert die Si­tua­ti­on. Ei­ne Fluss­land­schaft mit Boot, blät­ter­lo­se Bü­sche und Bäu­me am Ufer, am Bild­rand ein Ge­bäu­de. He­ming­way, der im Herbst sei­nes Ve­ne­dig-Auf­ent­halts 49 Jah­re zählt, sitzt im Bug ei­nes klei­nen Boots, er hält ein Ge­wehr. Im Heck steht ein jun­ger Mann, er hält das Ru­der.

Die Haupt­fi­gu­ren des Ro­mans sind ein­deu­tig männ­lich. Zwar kün­digt der Klap­pen­text He­ming­ways Lie­be zu ei­ner acht­zehn­jäh­ri­gen Ve­ne­zia­ne­rin an, doch die­se bleibt wie al­le Frau­en des Buchs eher blass.

Nicht die Lie­be, son­dern das Schrei­ben spielt die Haupt­rol­le in Ortheils Ro­man. Er ist eng ver­knüpft mit „Über den Fluss und in die Wäl­der“, dem Ve­ne­dig-Ro­man He­ming­ways. In vie­len Pas­sa­gen schil­dert Ortheil, wie Schrei­ben funk­tio­niert, was ei­nen Schrift­stel­ler in­spi­riert, wie und was er no­tiert, wie er denkt und vor al­lem fühlt. Ortheil ana­ly­siert sein Hand­werk und of­fen­bart dem Le­ser, wie Le­sen fort­set­zen

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Weltliteratur lebendig umgesetzt

Sodom und Gomorrha“ als Hörspiel-Inszenierung

Auf das Hör­spiel „So­dom und Go­mor­rha“, ei­ner Ge­mein­schafts­pro­duk­ti­on von SWR, Dra­dio Kul­tur und Der Hör­ver­lag, bin ich wäh­rend mei­ner Lek­tü­re des vier­ten Bands von Mar­cel Proust „Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit“ ge­sto­ßen. Die­ser Klas­si­ker be­schäf­tigt mich schon seit ei­ni­ger Zeit, ge­nau ge­nom­men war er so­gar der An­lass mein Blog ins Le­ben zu ru­fen, wo­durch wie­der­rum an­de­re Bü­cher in mein Le­se­le­ben tra­ten. So schrei­tet mei­ne Proust-Lek­tü­re ge­mäch­lich vor­an, mitt­ler­wei­le bin ich im vier­ten Band ge­lan­det, aber nicht ge­stran­det.

Das Hör­spiel mit sei­nen 318 Mi­nu­ten auf 5 CDs holt mich al­so da ab, wo ich bin. Es ba­siert auf der bei Re­clam er­schie­ne­nen Neu­über­set­zung von Bernd-Jür­gen Fi­scher, die Man­fred Hess für die Pro­duk­ti­on be­ar­bei­te­te. Un­ter der Re­gie von Iris Drö­ge­kamp spre­chen ne­ben an­de­ren Mi­cha­el Rot­schopf (Mar­cel), Li­lith Stan­gen­berg (Al­ber­ti­ne), Gerd Wa­me­ling (Char­lus), Ste­fan Ko­nars­ke (Mo­rel) und Mat­thi­as Ha­bich (Swann). Das En­sem­ble Mo­dern stimmt mu­si­ka­lisch in die At­mo­sphä­re der Bel­le Épo­que ein.

Der vier­te Band der Re­cher­che mit dem Ti­tel „So­dom und Go­mor­rha“ spielt auf For­men gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be an. Er lässt sei­ne Le­se­rin auf gut 700 Sei­ten Neu­es ent­de­cken, be­zieht sich aber eben­so mit vie­len Mo­ti­ven, Per­so­nen und Or­ten auf die vor­aus­ge­gan­ge­nen Bän­de.

Wir be­geg­nen Ba­ron de Char­lus und ver­fol­gen, wie Mar­cel ent­deckt, was Le­sen fort­set­zen

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Proust – Sodom und Israel

Die Soiree der Prinzessin von Guermantes, Bd. 4, II. 1

Die An­ge­hö­ri­gen der Ge­sell­schaft stel­len sich Bü­cher gern als ei­ne Art Ku­bus vor, des­sen ei­ne Sei­te ent­fernt ist, so dass der Au­tor nichts Ei­li­ge­res zu tun hat, als die Per­so­nen, de­nen er be­geg­net, hin­ein­zu­ste­cken.“

An die­sem Abend er­füllt sich ein lang ge­heg­ter Wunsch des jun­gen Mar­cel. Er ist Gast bei der Soi­ree der Prin­zes­sin von Guer­man­tes, auch wenn er sich nicht si­cher ist, tat­säch­lich ein­ge­la­den zu sein zu die­sem höchst an­ge­se­hen Sa­lon. Hö­her geht es kaum im Rang der Pa­ri­ser Er­eig­nis­se. Das abend­li­che Tref­fen beim Prin­zen und der Prin­zes­sin von Guer­man­tes wird nur durch die an­schlie­ßen­de Teil­nah­me am Sou­per über­trof­fen. Auch dies wird Mar­cel an­ge­bo­ten, doch er schlägt es aus Ge­fühls­grün­den aus.

Wäh­rend der Soi­ree trifft er vie­le Be­kann­te, al­len vor­an Ba­ron de Char­lus. Er führt län­ge­re Ge­sprä­che mit Swann, Saint-Loup und Bloch. Ne­ben den Be­geg­nun­gen amü­siert er sich beim Be­ob­ach­ten der an­de­ren Gäs­te, folgt ih­ren Ge­sprä­chen und ih­rem Ver­hal­ten. Be­son­ders das der ver­steckt Ho­mo­se­xu­el­len er­scheint ihm nun Le­sen fort­set­zen

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Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum be­wegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­delsohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­delsohns „Odys­see“ sehr gut ge­fal­len.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­delsohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­delsohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten Le­sen fort­set­zen

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