TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?

Eine Nachlese

Al­les ist ei­ne Fra­ge der Spra­che“, der Satz In­ge­borg Bach­manns fiel häu­fig beim dies­jäh­ri­gen Bach­mann-Wett­be­werb und er lei­te­te auch die Ab­stim­mung am Sonn­tag­vor­mit­tag ein. Mo­de­ra­tor Chris­ti­an An­ko­witch zi­tier­te al­ler­dings auch ei­nen Satz aus Feri­dun Zai­mo­g­lus Er­öff­nungs­re­de, des­sen Aus­sa­ge „wir ste­hen bei den Ver­las­se­nen“ im Hin­blick auf die Preis­ver­ga­be fast pro­gram­ma­tisch scheint.

Mich hat das Spek­ta­kel sehr über­rascht. Ich war er­staunt, daß in­ter­es­san­te Tex­te die­ses Jahr­gangs auf der Short­list fehl­ten. Dort fan­den sich die Au­to­ren Bov Bjerg, Joshua Groß und die Au­to­rin­nen Öz­lem Öz­gül Dündar, Ra­phae­la Edel­bau­er, Al­ly Klein, Tan­ja Mal­jart­schuk und An­na Stern. Letz­te­re war ei­ne un­ver­ständ­li­che Wahl. Die ve­he­men­te Kri­tik an ih­rem Text wäh­rend der Ju­ry­dis­kus­si­on er­wies sich schließ­lich so­gar bei der Ab­stim­mung nicht als Hin­der­nis. Sie er­hielt für „War­ten auf Ava“ den 3sat-Preis, selbst  sehr über­rascht, wie ih­re ver­blüff­te Mie­ne zeig­te. Das Er­stau­nen war ver­ständ­lich nach den wech­seln­den Vo­tie­run­gen wäh­rend der Wahl­durch­gän­ge. Das Wahl­sys­tem ist un­be­frie­di­gend und kick­te im Lau­fe des Vor­mit­tags, wie be­reits in den Vor­jah­ren, oft no­mi­nier­te Kan­di­da­ten raus.

Zur Wahl des Bach­mann­prei­ses, der ers­te von vier von der Ju­ry ver­ge­be­nen, reich­ten zwei Wahl­gän­ge. Tan­ja Mal­jart­schuk be­ein­druck­te mit ih­rem Text „Frö­sche im Meer“ und si­cher auch mit ih­rer Vi­ta. Die 35-jäh­ri­ge Ukrai­ne­rin lebt seit sie­ben Jah­ren in Ös­ter­reich. Die prä­mier­te Er­zäh­lung ist ihr ers­tes li­te­ra­ri­sches Werk, das sie in deut­scher Spra­che ver­fasst hat. Dies ist ei­ne be­acht­li­che Leis­tung. Doch bringt der gut ge­mach­te Text auch in Struk­tur und In­halt neue Im­pul­se? Mal­jart­schuk er­zählt die Ge­schich­te zwei­er Au­ßen­sei­ter, ei­nes il­le­ga­len Im­mi­gran­ten und ei­ner de­men­ten Frau, die sich zur ge­gen­sei­ti­gen Stüt­ze wer­den. Die Au­to­rin greift die ak­tu­el­le Pfle­ge- und Asyl­de­bat­te auf, stat­tet sie al­ler­dings mit zahl­rei­chen Kli­schees aus. Ne­ben den Haupt­fi­gu­ren, Pe­tro, dem recht­schaf­fe­nen, hei­mat- und halt­los ge­wor­de­nen Fremd­ar­bei­ter und der lie­bens­wer­ten von An­ge­hö­ri­gen und al­len gu­ten Geis­tern ver­las­se­nen Frau Grill, fin­den sich Mi­gran­ten, die Be­hör­den be­trü­gen und ihr Heim­weh mit Al­ko­hol be­täu­ben, An­ge­hö­ri­ge, die ih­re Al­ten al­lei­ne las­sen, Pfle­ge­diens­te, die ver­sa­gen, „al­te Frem­de“, die Fein­de der „neu­en Frem­den“ sind.  So­gar die bö­se Deut­sche in Be­glei­tung schar­fer Hun­de und Po­li­zei fehlt nicht. Ge­krönt wird al­les von ei­nem of­fe­nen En­de, das ei­nen hoch­dra­ma­ti­schen Schluss na­he­legt. Der sprach­lich kon­ven­tio­nel­le Text bie­tet in sei­ner Ge­rad­li­nig­keit kaum Rück­bli­cke und ab­ge­se­hen von den ti­tel­ge­ben­den Frö­schen we­nig Me­ta­phern.

Wie­viel reich­hal­ti­ger ist da­ge­gen Ra­phae­la Edel­bau­ers Text „Das Loch“. Edel­bau­er ver­knüpft ein his­to­risch in­ter­es­san­tes Su­jet mit den ak­tu­el­len Be­mü­hun­gen, die Ge­bäu­de ei­nes Dor­fes vor dem Zer­fall zu ret­ten. Ein­drucks­voll be­wirkt sie dies vor al­lem über Me­ta­phern, die das Zu­schüt­ten der Sub­struk­tio­nen ei­nes Berg­wer­kes und das Ver­drän­gen von Er­in­ne­rung be­schrei­ben. Die­se tech­ni­schen Vor­gän­ge, die so gut die in­ne­re Ver­fasst­heit der Be­woh­ner spie­geln, schil­dert der In­ge­nieur und Ich-Er­zäh­ler. Ob das Zu­schüt­ten von Schäch­ten und Er­in­ne­run­gen tat­säch­lich die Sta­bi­li­tät ei­nes Dorfs ret­ten wird und wel­che Rol­le der Auf­fül­lungs­ge­hil­fe da­bei spielt, mo­ti­viert zum Wei­ter­le­sen. Ein be­ein­dru­cken­der Ro­man­an­fang, der für mich weit vor­ne stand. Aus­ge­zeich­net wur­de er mit dem Pu­bli­kums­preis, ge­stif­tet von der BKS Bank.

Eben­so wie der poe­ti­sche Text „Schnitt­mus­ter“ von Mar­ti­na Cla­va­det­scher, die in bild­haf­ten Spra­che von ei­ner Frau er­zählt, der erst im Ster­ben die Be­frei­ung von ih­rem Schick­sal ge­lingt. Ein er­schüt­tern­des The­ma und ei­ne nur an­schei­nend sanf­te Ab­rech­nung mit der Un­ge­rech­tig­keit.

Ei­nen neu­en Ton traf auch Co­rin­na T. Sie­vers pro­vo­kan­te Pro­sa „Der Nächs­te, bit­te!“. Die Dar­stel­lung ei­ner Ob­ses­si­on mit na­tur­wis­sen­schaft­li­chem Be­steck er­zeug­te ge­woll­te Ver­wir­rung, zu der die Über­schnei­dung von Au­to­rin und Fi­gur bei­tru­gen. Auch die­ser Text hät­te auf die Short­list ge­passt.

Zu­recht ei­nen Preis er­hielt Bov Bjerg für sei­ne psy­cho­lo­gi­sche Er­zäh­lung „Ser­pen­ti­nen“ , in der je­des Wort ge­nau ge­setzt ist. Emo­tio­na­ler schil­dert Öz­lem Öz­gül Dündar in „und ich bren­ne“ die Not und die Trau­er nach ei­nem An­schlag. Ih­re Mo­no­lo­ge, ge­spro­chen von Müt­tern der Op­fer und Tä­ter, er­hal­ten durch Klein­schrei­bung und den Ver­zicht auf Satz­zei­chen et­was un­ge­heu­er Drän­gen­des.

Eben­falls auf der Short­list stand Joshua Groß, sein Text fiel ähn­lich wie Edel­bau­ers Text dem Wahl­pro­ze­de­re zum Op­fer. War­um sein „Fle­xen in Mia­mi“ je­doch mehr ge­fiel als Len­nardt Loß‘ span­nen­der Flug­zeug­ab­sturz mit RAF-Ein­spreng­seln er­schließt sich mir nicht.

Ach ja, fast hät­te ich Al­ly Klein ver­ges­sen, ge­nau wie die Ju­ry, die ih­re Short­list­kan­di­da­tin tot­schwieg.

Ei­ni­ges bleibt rät­sel­haft beim dies­jäh­ri­gen Bach­mann-Wett­be­werb.

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TddL 18 – Raphaela Edelbauer, Martina Clavadetscher, Stephan Lohse, Anna Stern, Joshua Groß

Von Folter an Mensch und Natur, der Metamorphose einer Störschneiderin, einem weißen Schwarzen, einem Unglück und zu viel Dissonanz

Der Vor­mit­tag des 1. Wett­be­werbs­ta­ges hin­ter­lässt ei­nen har­mo­ni­schen Ein­druck, un­ge­wohnt für mich, die ich nach zwei Jah­ren Pau­se end­lich wie­der Zeit ha­be, die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen zu ver­fol­gen. Ja, ja, frü­her war mehr Dis­put, Ge­plän­kel und Ge­me­cker un­ter den Kri­ti­kern und zu den Tex­ten. Aber auch mehr Hu­mor. Heu­te gibt es neue Köp­fe, neue Kon­stel­la­tio­nen, und ein­deu­tig ei­ne an­de­re Art mit man­geln­dem Kon­sens und Kon­flik­ten um­zu­ge­hen. Was nicht in al­lem schlecht ist. Viel­leicht lag es auch ein­fach an den drei ers­ten Tex­ten des Wett­be­werbs. Kei­ner ließ mich ab­schwei­fen. Die bei­den ers­ten ge­fie­len mir so­gar aus­ge­spro­chen gut.

Den An­fang mach­te Ra­phae­la Edel­bau­er. Als ein­zi­ge Ös­ter­rei­che­rin ist ihr die Start­po­si­ti­on zu Recht zu­ge­fal­len. Zu fürch­ten braucht sie sie nicht, denn ihr Text ist in­ter­es­sant und gut er­zählt.

Das Loch“ han­delt von den Zer­stö­run­gen, die ein Berg­werk an­rich­tet und an­ge­rich­tet hat. Dass Edel­bau­er kei­ne schö­ne Ge­schich­te er­zäh­len will, wird klar, als sie die An­fän­ge des Berg­werks im Jahr 1890 schil­dert. Pfer­de muss­ten ge­blen­det wer­den, um un­ter Ta­ge zu ar­bei­ten. Die Grau­sam­kei­ten Le­sen fort­set­zen

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Bereit für Bachmann — TddL 2018

Feri­dun Zai­mo­g­lu, selbst Preis­trä­ger des Jah­res 2003, er­öff­net heu­te Abend den 42. Bach­mann­preis-Be­werb mit ei­ner Re­de. Ihr Ti­tel, „Der Wert der Wor­te“, scheint an­ge­sichts ak­tu­el­ler Po­li­tik­wir­ren äu­ßerst pas­send. Doch in den nächs­ten vier Ta­gen des Wett­be­werb zu Eh­ren von In­ge­borg Bach­mann wer­den 14 Schrift­stel­ler vor­ran­gig am li­te­ra­ri­schen Wert ih­rer Wor­te ge­mes­sen.

Dies be­ur­teilt ei­ne Ju­ry aus nach wie vor sie­ben Mit­glie­dern. Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, die aus dem Schwei­zer Li­te­ra­tur­club be­kann­te Pro­fes­so­rin ist am längs­ten da­bei. Ein JAhr vor­aus hat sie Hu­bert Win­kels, seit 2010 Ju­ror da­bei ist und seit 2015 den Vor­sitz führt. In der Chro­no­lo­gie fol­gen Klaus Kast­ber­ger, Li­te­ra­tur­pro­fes­sor in Graz, und der „aus der Schweiz ein­ge­wan­der­te“ Le­sen fort­set­zen

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Unüberwundener Abschied

Kristine Bilkau erzählt in „Eine Liebe in Gedanken“ von dem, was nach einem Verlust bleibt

Ich woll­te Ed­gar Jans­sen da­zu brin­gen, sich an mei­ne Mut­ter zu er­in­nern, an sei­ne und ih­re ge­mein­sa­me Zeit. An die Lie­be zwi­schen To­ni und Ed­gar, die von so kur­zer Dau­er ge­we­sen war und für mei­ne Mut­ter doch ein Le­ben lang ge­hal­ten hat.“

Ei­ne Lie­be in Ge­dan­ken“, der Ti­tel des ak­tu­el­len Ro­mans von Kris­ti­ne Bil­kau ist zu­gleich sein The­ma: Ei­ne gro­ße Lie­be, die un­er­füllt blei­ben wird. Doch wür­de das At­tri­but noch tref­fen, wenn die Lie­be ge­lebt wor­den wä­re, über al­le Schre­cken des All­tags hin­weg? Gro­ße Lie­be, -im Ro­man selbst fällt die­ser Aus­druck nie-, so könn­ten sie es ge­nannt ha­ben, die Toch­ter, die da­von er­zählt, wie die Mut­ter, die es er­lebt hat.

An­to­nia We­ber hat ih­ren Hei­mat­ort an der Küs­te ver­las­sen und in Ham­burg ihr un­ab­hän­gi­ges Le­ben be­gon­nen.  Die 22-jäh­ri­ge ar­bei­tet als Se­kre­tä­rin und wohnt bei der Zi­ga­ril­lo rau­chen­den Frau Kon­rad zur Un­ter­mie­te, wie dies 1964 für un­ver­hei­ra­te­te Frau­en üb­lich war. Doch To­ni bleibt nicht lan­ge al­lein. Ei­ne zu­fäl­li­ge Be­kannt­schaft bringt sie mit Ed­gar zu­sam­men und schnell ist für bei­de klar, daß sie Le­sen fort­set­zen

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Unter dem Vulkan

Verena Carls sprachschöner Roman „Die Lichter unter uns“ erstickt stilsicher am Pathos

Wer will was von wem wor­aus.“

Die­ser im Ro­man zi­tier­te ju­ris­ti­sche Merk­satz könn­te als sein Leit­mo­tiv durch­ge­hen, denn fast al­le Fi­gu­ren in Ve­re­na Carls „Die Lich­ter un­ter uns“ be­fin­den sich auf der Su­che. Wo­nach scheint ih­nen je­doch selbst ver­bor­gen.

An­na sucht Auf­merk­sam­keit, ihr Mann Jo Si­cher­heit, Alex­an­der sei­ne Vi­ta­li­tät und sei­ne jun­ge Ge­lieb­te so­wie sein er­wach­se­ner Sohn su­chen nicht un­ähn­lich der 11-jäh­ri­gen Ju­dith, Toch­ter von An­na und Jo, den Aus­weg aus dem Dschun­gel des Er­wach­sen­wer­dens. Ein­zig Bru­no, Ju­diths klei­ner Bru­der, sucht und fin­det mit kind­li­cher Sorg­lo­sig­keit in ei­ner Tau­cher­bril­le mit Schnor­chel sein einst­wei­li­ges Glück.

An­na, die nach zwölf Jah­ren Ehe, mit ih­rer Fa­mi­lie ei­ni­ge Ta­ge in Ta­or­mi­na ver­bringt, dem Ort ih­rer Flit­ter­wo­chen, steht im Mit­tel­punkt der mul­ti­per­spek­tiv er­zähl­ten Ge­schich­te. Sie son­diert ih­re Be­find­lich­kei­ten, -wann fän­de man bes­ser Zeit als im Ur­laub-, und stellt ihr Fa­mi­li­en­le­ben wie Le­sen fort­set­zen

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Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wie­viel mei­ner Ge­schich­te mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Pe­ter Stamm be­vor­zugt in sei­nem Schrei­ben das Spiel mit den Ebe­nen. Sei­ne Fi­gu­ren chan­gie­ren in ih­ren Funk­tio­nen, be­wusst oder un­be­wusst. Der Prot­ago­nist wird zum Er­zäh­ler, der Er­zäh­ler zur Fi­gur, zu­wei­len so­gar mit den Zü­gen des Au­tors. So ent­steht ei­ne Mi­schung aus Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, die Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern Le­se­freu­de be­rei­tet, und mit der sich seit ge­rau­mer Zeit auch vie­le Schü­ler und de­ren Leh­rer aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Nach­dem Agnes zu­min­dest in den Schu­len hier im Länd­le tur­nus­be­dingt als Abi-Stoff aus­sor­tiert wur­de, bie­tet sich Stamms neu­er Ro­man als Nach­fol­ger an, denn „Die sanf­te Gleich­gül­tig­keit der Welt“ nimmt deut­lich Be­zug auf Stamms be­rühm­tes De­büt. Hier wie dort ver­schie­ben sich Er­zähl­ebe­nen und Fi­gu­ren in par­al­le­len Wel­ten. Hier wie dort steht ein Schrift­stel­ler im Mit­tel­punkt, der sei­ne Lie­be zum Ge­gen­stand sei­ner Fik­ti­on macht.

Stamm stellt wie so oft in sei­nen Ro­ma­nen die Fra­ge nach der Au­then­ti­zi­tät von Er­in­ne­rung. Kön­nen wir ihr und da­mit uns selbst ver­trau­en? Oder for­men wir, in­dem wir uns er­in­nern, nicht stän­dig al­les um? Wel­che Rol­le spielt da­bei die Li­te­ra­tur?

In sei­ner Re­de zum So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis, bie­tet Pe­ter Stamm ei­nen Schlüs­sel Le­sen fort­set­zen

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Schmaler Pfad in die Freiheit

James Baldwins autobiographischer Roman „Von dieser Welt“

Pre­di­ger sein hat noch kei­nen (…) von sei­nen Schwei­ne­rei­en ab­ge­hal­ten.“

Von Lie­be und Un­ter­drü­ckung han­delt der im Jahr 1953 er­schie­ne­ne und jetzt in ei­ner Neu­über­set­zung wie­der auf­ge­leg­te Ro­man „Von die­ser Welt“ des Ame­ri­ka­ners Ja­mes Bald­win. Sein The­ma ist die be­gin­nen­de Eman­zi­pa­ti­on ei­nes Her­an­wach­sen­den.

Der vier­zehn­jäh­ri­ge John lei­det un­ter Fremd­be­stim­mung und ei­nem Man­gel an Lie­be. Er weiß nicht, daß der Va­ter, Dia­kon ei­ner Bap­tis­ten­ge­mein­de, nicht sein leib­li­cher ist. Der streng­gläu­bi­ge Ga­bri­el nahm als er Eli­sa­beth hei­ra­te­te, de­ren „in Sün­de“ ge­zeug­ten Sohn als Süh­ne ei­ge­ner Ver­feh­lun­gen auf. Doch trotz sei­nes Ge­lüb­des, soll­ten ihm die vä­ter­li­chen Ge­füh­le nie ge­lin­gen. Fun­da­men­ta­lis­ti­sche Fröm­mig­keit so­wie de­ren Schat­ten­sei­te, die Schein­hei­lig­keit, sind die gro­ßen The­men die­ses Ro­mans, des­sen Hand­lungs­rah­men der Er­we­ckungs­got­tes­dienst ei­ner evan­ge­li­ka­len Bap­tis­ten­ge­mein­de in Har­lem bil­det.

Der in die­ser Glau­bens­ge­mein­schaft ge­fan­ge­ne John trägt au­to­bio­gra­phi­sche Zü­ge, zu de­nen sich der 1924 in New York ge­bo­re­ne und 1987 im süd­fran­zö­si­schen Saint-Paul ge­stor­be­ne Ja­mes Bald­win of­fen be­kann­te. Um den ras­sis­ti­schen Ver­hält­nis­sen sei­ner Hei­mat, ge­gen die er in der Le­sen fort­set­zen

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Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich ha­be ei­nen Mann ge­kannt, der hieß Hans, und er war an­ders als al­le an­de­ren. Noch ei­nen kann­te ich, der war auch an­ders als al­le an­de­ren. Dann ei­nen, der war ganz an­ders als al­le an­de­ren und er hieß Hans, ich lieb­te ihn.“

Die­se Zei­len in In­ge­borgs Bach­manns Er­zäh­lung „Un­di­ne geht“ wei­sen auf die gro­ßen Lie­ben der Au­to­rin hin, Hans Wei­gel, Paul Ce­lan und Hans Wer­ner Hen­ze. Ih­nen räumt auch Hel­mut Böt­ti­ger in sei­nem neu­en Buch „Wir sa­gen uns Dunk­les“ ei­nen Platz ein. Das Er­geb­nis von Böt­tin­gers viel­fäl­ti­gen Ana­ly­sen zeigt al­ler­dings, daß Paul Ce­lan, der Mitt­le­re in Bach­manns Zi­tat, wie kein an­de­rer die Frau und die Schrift­stel­le­rin In­ge­borg Bach­mann präg­te et vice ver­sa.

Hel­mut Böt­ti­ger, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Ver­fas­ser meh­re­rer Wer­ke zur deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, wid­met sich in sei­ner neu­es­ten Stu­die der Be­zie­hung von In­ge­borg Bach­mann und Paul Ce­lan. Er be­leuch­tet dar­in die Sta­tio­nen ih­rer Vi­ta als Lie­ben­de wie als Schrift­stel­ler, ih­re ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung und die Aus­wir­kung auf ih­re Li­te­ra­tur. Die, so zeigt Böt­ti­ger, oft­mals in Chif­fren Re­ak­tio­nen auf die Äu­ße­run­gen des Le­sen fort­set­zen

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Herumstreunen, Zeitverplempern und Rumgaffen

Wilhelm Genazino zelebriert in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ die Lebenskunst der Ratlosigkeit

Es ist viel sinn­vol­ler (…), so oft wie mög­lich we­nigs­tens bei­sei­te zu schau­en, dort­hin, wo die an­de­ren nicht hin­schau­en.“

Die Wer­ke des 1943 ge­bo­re­nen Schrift­stel­lers Wil­helm Ge­n­azi­no be­schäf­ti­gen mich schon seit lan­gem. Es be­gann mit Ein Re­gen­schirm für die­sen Tag, das durch die Dis­kus­si­on im Li­te­ra­ri­schen Quar­tett Auf­merk­sam­keit er­lang­te. Seit­dem folg­ten et­li­che Ro­ma­ne, von de­nen man­che Kri­ti­ker be­haup­ten, sie er­zähl­ten im­mer das Glei­che. Doch auch wenn in al­len ein „nicht mehr ganz jun­ger Jung­ge­sel­le“ sei­ne Un­zu­frie­den­heit mit dem Le­ben durch per­ma­nen­te Selbst- und Fremd­be­ob­ach­tung zu ver­drän­gen sucht, gibt es fei­ne Un­ter­schie­de, die sich zu ent­de­cken loh­nen.

Der Fla­neur des neu­en Ro­mans Kein Geld, kei­ne Uhr, kei­ne Müt­ze fühlt sich mit 60 Jah­ren „fast alt“, sein Blick hin­ge­gen „schien jung ge­blie­ben“. Die­ser fällt auf die Tie­re der Stadt, die wie er durch die Stra­ßen streu­nen. An­ders als die­se be­sitzt er je­doch we­der Ziel noch Plan. Er strebt nichts an, son­dern flieht vor sei­ner ei­ge­nen Ge­dan­ken­qual. „Ich lö­se vie­le mei­ner Pro­ble­me und Stim­mun­gen durch Um­her­ge­hen.“ Die­ser fast the­ra­peu­ti­sche An­satz fin­det sich Le­sen fort­set­zen

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Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Al­le, die du liebst“ lau­tet der Ti­tel des im ver­gan­ge­nen Jahr er­schie­ne­nen Ro­mans von Ge­org M. Os­wald. Doch an­ders als er ver­mu­ten lässt, han­delt es sich um ein aus­ge­spro­che­nes „Män­ner­buch“. Aus die­sem Grund hat Mann es für un­se­ren Li­te­ra­tur­kreis ge­wählt. Der Ver­ant­wort­li­che fand sein Ge­schlecht in un­se­ren letz­ten Lek­tü­ren nur un­zu­rei­chend ver­tre­ten, auch wenn ein Blick auf un­se­re Le­se­lis­te die­se Aus­sa­ge nur be­dingt zu­lässt. Wem al­so Lü­schers oder Es­pe­dals Hel­den zu ab­ge­ho­ben er­schei­nen, den er­war­tet laut Klap­pen­text in die­sem Ro­man ei­ne „poin­tier­te Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Va­ter und Sohn, die Ge­org M. Os­wald auf klu­ge und er­zäh­le­risch mit­rei­ßen­de Wei­se da­zu nutzt, wie durch ein Brenn­glas auf un­se­re west­eu­ro­päi­sche Be­find­lich­keit zu schau­en“.

Im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te steht der al­tern­de An­walt Hart­mut Wil­ke. Er ha­dert mit sei­nem Le­ben, sei­nen Ir­run­gen und Wir­run­gen. Da­zu zäh­len die Schei­dung von sei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe­frau, die er zu spät als sei­ne wah­re, gro­ße Lie­be er­kennt, die Ent­frem­dung von den in­zwi­schen er­wach­se­nen Kin­dern, sei­ne zu jun­ge Ge­lieb­te, de­ren An­sprü­chen er nicht zu ge­nü­gen fürch­tet, so­wie die Steu­er­af­fä­re sei­ner Kanz­lei.

Am drin­gends­ten drückt ihn die Di­stanz zu sei­nem Sohn. Seit des­sen Kind­heit war das Ver­hält­nis schwie­rig, seit der Tren­nung steht Erik end­gül­tig auf der Sei­te sei­ner Mut­ter. Wil­ke pla­gen Schuld­ge­füh­le, was sich üb­ri­gens als per­ma­nen­te Ge­fühls­la­ge durch den Ro­man zieht. So er­greift er Le­sen fort­set­zen

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