„Kunstgeschichtliche Mystifizierungen“

In „Dius“ erzählt Stefan Hertmans von einer Freundschaft, die von schöpferischen und geistigen Kunsterfahrungen geprägt wird

„Darf ich reinkommen? Ich habe eine Überraschung für Sie.

Dass ein Student an der Tür des Dozenten klingelt, als wäre er ein reicher, freigiebiger Onkel, war derart ungewöhnlich, dass es mich einen Moment lang verwirrte. Dius sah mich mit einem Anflug heiterer Arroganz abwartend an. Ich hätte ihn jetzt höflich wegschicken und streng tadeln können, dass es höchst unangebracht sei, auf diese Weise in die Privatsphäre eines Dozenten einzudringen, doch bevor ich merkte, was ich tat, hatte ich ihn mit einer Geste, die zum Ausdruck bringen sollte, dass ich wohl keine andere Wahl hätte, schon aufgefordert einzutreten. Damit war der Ton gesetzt.“

In unwiderstehlicher Selbstgewissheit tritt Dius in Stefan Hertmans gleichnamigen Roman seinem Dozenten Anton gegenüber. Beide kennen sich aus der Kunstakademie. Während der melancholische Anton Vorlesungen in Kunstphilosophie hält und an seiner Dissertation arbeitet, versteht sich der 15 Jahre Jüngere als künstlerisches Genie. Siegesgewiss und wie selbstverständlich trägt er Anton seine Freundschaft an und bietet dem in seinen Augen hoffnungslos überarbeiteten Akademiker sein Atelier an. „Ich habe in den Poldern ein Malatelier, sagte er, es ist ein altes Dorfhaus, das nicht mehr benutzt wird. Es grenzt an einen verwahrlosten Park mit einem kleinen Schloss.“ Der sonst so zaudernde Anton erliegt und empfindet „ein verheißungsvolles Aufschimmern unverhoffter Möglichkeiten“.

Die Leserin erstaunt dies nicht, denn Dius Prati, wie sich der Kunststudent Egidius De Blaeser nennt, umgibt eine göttliche Allmachts-Aura. Kein Wunder, lässt sich sein Name doch mit Gott der Wiesen übersetzen. Dass ein solcher sich in einem wilden Wäldchen nahe den Überschwemmungswiesen der belgischen Küste wohlfühlt, liegt nicht fern.

Anton befolgt, was Dius wünscht. „Ich habe keine Ahnung, was mich ritt – ich konnte mir Noukas bedenkliches Kopfschütteln bereits blendend vorstellen; sie würde mich fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte: Ich, der überarbeitete Dozent, der für nichts Zeit hatte, und schon gar nicht für romantische Ausflüge mit ihr, plante eine Landpartie, und das nota bene mit einem Studenten, statt die wertvolle Zeit für etwas Sinnvolleres zu nutzen?“

Der akademische Theoretiker findet im Domizil des schöpfungswütigen Künstlers innere Ruhe und Inspiration. Dort, in dem baufälligen Häuschen mit Heuboden, dessen Ambiente und Lage Hertmans so sinnlich beschreibt, daß es vor Augen steht, ist es anders als in Antons akkuratem Studierzimmer. Unzählige Werkzeuge finden sich dort, ein Schinken hängt von der Decke, auf dem Tisch liegen „zwei exotische Kris, ein kleiner Schädel, wohl von einer Ziege, daneben der größere eines Menschen; ein rauer, wie eine Ingwerknolle geformter Granitstein, auf dem ein dickes Brett aus unbearbeitetem Holz lag – das alles kam mir in seiner zufälligen Form und Willkür wie eine geheime Schatzkammer vor.“

Anton, der in Form und Ordnung Ästhetik und Erkenntnis sucht, trifft auf eine Atmosphäre sinnlicher Schöpfungslust. Diese Gegensätze, die doch so gut zusammenpassen, führen zur Freundschaft zwischen dem Künstler und dem Kunstphilosophen. Im Motto seines Romans greift Hertmans dieser Entwicklung vor und zitiert Thomas von Aquin, „Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen wäre“.

Wer bei den Stichworten Verstand und Sinne an das Apollinische und das Dionysische Prinzip denkt, liegt damit nicht falsch. Nicht nur erwähnt Hertmans in seinem von Verweisen geradezu überquellenden Roman Nietzsche sowie die antiken dionysischen Rituale, seine beiden Protagonisten ähneln auch den Götterfiguren. Mit Haaren „wie ein dunkler Strahlenkranz“, dem Habitus eines „Kleinkriminelle(n) mit der Haltung eines Aristokratensohns“ erscheint Dius mit Attributen und Verhalten des Dionysos. Zwar ist er nicht der Sohn eines Gottes und einer Königstochter, sondern nur der eines sizilianischen Gelatiere und einer belgischen Schuhverkäuferin, ist aber wie sein göttliches Urbild Sinnenfreuden aller Art äußerst zugeneigt. Manchmal allerdings wird Dius auch zum Lamm Gottes, „Besser ich als du, sagte er, (…) Erst da sah ich das geronnene Blut in seiner Handfläche.“ Oder in contrario zum Diavolo. „Im nächtlichen Dämmer erblickte ich in ihm die Fratze eines alten Gemäldes und um sein Gesicht mit dem dämlichen Grinsen einen Kranz aus schwarzem Haar. Der Teufel. Ich hatte es schon immer geahnt: Mephisto, der leibhaftige Teufel.“

Anton hingegen leidet wie einst Apoll an der Liebe. Nicht alleine seine Unentschlossenheit verhindert deren Erfüllung. Wie bei Apoll und Daphne sind es die Pfeile Amors, die in Anton nicht enden wollende Liebe erzeugen, seine Angebetete jedoch in die Flucht schlagen.

Einer der Schwerpunkte des Romans liegt auf den tiefemotionalen Beziehungen Freundschaft und Liebe. Hertmans lässt keine ihrer vielfältigen Facetten aus. Sein Erzähler Anton beobachtet und fühlt Anziehung und Abstoßung, Sehnsucht und Streit, Erotik und Eifersucht. Und macht sich seine Gedanken. „Dabei empfand ich den Verrat der Freundschaft viel intensiver und schmerzvoller als den der Liebe; schließlich wissen wir, dass uns die Liebe blind macht, dass wir vom Eros getrieben sind und dass das, was wir erstreben, letztendlich nur auf Illusion und Selbsttäuschung beruht. Die Freundschaft aber, vor allem jene, die auf dem gemeinsamen Empfinden von Schönheit und Freiheit gründet, halten wir für rein, ungetrübt von Leidenschaft und Begehren.“

Hier kommt die andere Spezialität des Buchs und seines Autors in Spiel, die Kunst in allen ihren Formen. Anton, der Kunstkenner und Philosoph, kann einfach nichts betrachten, sei es eine Landschaft, eine Person, eine Situation oder ein Gefühl, ohne ein passendes Kunstwerk zu assoziieren. „Ganz langsam verwandelte sich der Himmel in das prachtvolle Firmament eines niederländischen Gemäldes aus dem 17. Jahrhundert. Ich kann nur noch in Gemälden denken, dachte ich mir. Ähnlich wie der französische Schriftsteller Stendhal nur diejenigen Landschaften als solche wahrnahm, die er vorher auf Kupferstichen gesehen hatte.“ Die Frau seines Lebens bezeichnet dies als „kunstgeschichtliche Mystifizierungen“.

Wir begleiten Anton auf seinen Gedankenflügen und begegnen Werken der Bildenden Kunst, der Musik und der Literatur. Ihre kursiv gesetzten Titel machen den Roman mit digitaler Hilfe zu einem immersiven Kunsterlebnis. Hertmans, der als Kunstdozent lehrte, gelingen nicht nur anschauliche Darstellungen der einzelnen Kunstwerke, seien es der Ritter des Renaissance-Malers Vittore Carpaccio oder ein modernes Gemälde von Asger Jorn, er integriert sie in die Handlung seines Romans. „Ich betrachtete die ganze Kunstgeschichte als einen einzigen interaktiven Raum, in dem alles auf alles einwirkt. (…) In meinen Augen bildete alles ein großes Ganzes, und je länger ich darüber nachdachte, desto unzulänglicher fand ich das historische Denken in Strömungen, Richtungen, in Manifesten und allerlei Kategorien – diese führten meiner Meinung nach nur zu Vorurteilen, die die Menschen daran hinderten, aufmerksam und ganz konkret zu betrachten.“, legt er seinem Kunstphilosophen in den Mund.

Während Anton über Kunst sinniert, zeigt Dius, wie er sie macht. Unter seinen Händen entstehen die unterschiedlichsten Artefakte. Sein besonderes Augenmerk gilt der perfekten Illusion des Inkarnats, des von der Haut umgebenen Fleischs. Er kreiert Möbelstücke in ausgefallenem Design und fertigt sie, was ihm eines Tages zum Verhängnis werden wird. Ein besonderes Stück, der Schreibtisch mit Vogelaugen-Ahorn-Furnier, wird seine Freundschaftsgabe für Anton. In der Platte hat Dius eine unsichtbare Botschaft für den Freund versteckt.

Es gibt noch weitere Rätsel und Fragen in diesem Roman. Manche erschließen sich oder werden vom Autor im Nachwort gelöst. Andere bleiben Angebote zum Nachdenken. „Was ich tue, bestimme nicht ich, es sieht nur so aus, als ob ich selbst entscheide und handle.“ Oder „Wo und wann wohl der Anfang der Künste gewesen sein mag?“

Dass der Autor seine Leser nicht aus den Augen verliert, zeigt er in der direkten Ansprache. Nicht nur diese sporadischen Äußerungen beweisen Humor. Wir begegnen ihm auch in der Charakterisierung eines ignoranten Prüfers, der sich schließlich aufs Peinlichste selbst entlarvt, in der Schilderung einer verlustreichen, aber äußerst kreativen Haushaltsteilung nach dem Ende einer Beziehung sowie in den Seitenhieben auf zeitgenössische Formen der Kunst.

Stefan Hertmans legt sein Roman-Kunstwerk als Rückblick seines Erzählers Anton an, der als Kunstwissenschaftler und Freund über das Leben und Werk eines Kunstgenies schreibt und somit zum Vasari für Dius Prati wird.

„In solchen Momenten weiß ich, warum Dius in mein Leben treten musste: weil wir beide den Durst nach längst vergangenen Zeiten teilen, die uns durch die frühen Erinnerungen irgendwie in die Körper eingeschrieben sind und uns unbehaust werden lassen im Lärm unserer Gegenwart.“

Stefan Hertmans, Dius, Diogenes Verlag 2025

Idealistische Inselbegabungen

Thomas Groß wirbt in „Warum sich Weiterlesen lohnt“ für das Lesen als kommunikative Erfahrung

„Im Lesen, in der Auseinandersetzung mit und über Künstlerisches, kommt Bewegung in die Literatur.“

Man könnte sie als Inselbegabungen bezeichnen, diese drei deutschen Dichter, denen Thomas Groß sein Essay widmet, wäre der Begriff nicht psychopathologisch belegt. Vielleicht läge man damit gar nicht so falsch? Immerhin hatten Hölderlin, Novalis und Kleist mit Problemen zu kämpfen, welche die moderne Psychologie nicht nur als Melancholie und Einzelgängertum betrachten würde. Alle drei prägten die Anfänge der modernen Literatur durch ihre empfindsamen Werke, denen man heute meist nur noch in Schule oder Theater begegnet. Oder im literaturhistorischen Seminar, womit ein kurzer Bogen zum vorliegenden Buch des promovierten Germanisten Groß geschlagen ist. Dass dieser vor seiner Tätigkeit als Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen als Dozent an den Universitäten Heidelberg und Mannheim lehrte, prägt den Duktus seiner Schrift.

Das Schlusskapitel hingegen, welches ich aus Bequemlichkeit und wegen des darin erwähnten Wilhelm Genazino zu Beginn gelesen habe, deckt auf kurzweilige Weise Gemeinsamkeiten modernen und zeitgenössischer Literaten auf. Modern beginnt hier allerdings bei Proust und Bulgakow und der Großteil der angeführten Zeitgenossen kann leider ebenfalls keine neuen Werke mehr vorlegen.

Einen langen Atem benötigt man für den Hauptteil des Essays, in dem Groß detaillierte Analysen und kenntnisreiche Einblicke in Leben und Werk von Friedrich Hölderlin, Novalis und Heinrich Kleist vorlegt. Engagiert plädiert er dafür, die Schriften dieser drei Dichter zu lesen.

Lesen versteht Groß dabei als einen Akt der Kommunikation. Autor und Leser treffen sich im  „literarischen Raum“ und teilen dessen „poetische Realität“, auch wenn sie vielleicht unterschiedlich empfinden. Dazu sei es, so Gross, notwendig, ein Literaturverständnis zu entwickeln, Stilmittel zu erkennen und zu schätzen, um „im Miteinander von Autor-Ich und Leser-Du (…) grundlegende Fragen (zu) erörtern, die unser aller Sein als gemeinschaftliche Wesen betreffen“.

Groß nutzt für diese Heranführung drei Dichterporträts, die er ähnlich, doch nie schematisch anlegt. In an die 50 Seiten wirft er zunächst einen Blick auf die Lebens- und Bildungsgeschichte des jeweiligen Schriftstellers, wobei sein Augenmerk biographischen Prägungen gilt. So führten Hölderlin vielleicht seine schizophrenen Episoden in die Isolation, Kleist entwickelte sich eventuell aufgrund von Kriegserfahrungen zu einem exzentrischen Grenzgänger, während der hochbegabte Friedrich von Hardenberg, Jurist und Bergbauingenieur, der sich als Dichter den Namen Novalis gab, hypersensibel auf persönliches Unglück reagierte.

Diese Lebensereignisse beeinflussten nicht nur die Themenwahl der Autoren, sondern ebenso ihren unverkennbaren Stil. Groß analysiert Hölderlins „weit ausgreifende Gedankenlyrik“, seine „Geschichtsphilosophie in Versform“ an verschiedenen Werkbeispielen. Ausführlich zeigt er Hölderlins poetisches Vorgehen im Gedicht „Heidelberg“. „Bildlich-metaphorisch entwirft es einen Gang durchs Land, eine Wanderung hin zur Stadt und streift dabei die natürlichen und kulturellen Eigenschaften des Menschen, sein Werden als empfindungsfähiges und kunstsinniges Wesen.“ Seine Begeisterung für den Dichter steckt an. „Hölderlins Texte laden zur Auseinandersetzung ein, zum gemeinsamen Philosophieren, Fantasieren.“

Bei Kleist legt Groß zunächst den Fokus auf die Sprache, auf die eigenwillige Verwendung der Satzzeichen. Die Sprache „wirkt kompliziert und komplex und ist zumal im Theater, von der Bühne herunter gesprochen, in ihrem Bedeutungs- und Facettenreichtum nur schwer zu begreifen“, doch „Inhalt und Form erhellen sich gegenseitig, bringen eine Dialektik in Gang, in welcher die künstlerische Bildhaftigkeit, das Literarische an sich hier gründet“. Grund genug für Groß im Folgenden „Die heilige Cäcilie“ und „Prinz Friedrich von Homburg“ genau zu lesen.

Die Analyse von Novalis‘ Werk hingegen bietet Gelegenheit in die Epoche der Romantik einzutauchen, Wurzeln und Parallelen aufzuzeigen. Nebenbei weist Groß bei Novalis ebenso wie bei den beiden Dichterkollegen den Einfluss nach, den die Philosophen ihrer Zeit, Fichte, Hegel, aber auch Kant, auf sie hatten.

Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist und Novalis gelten als Wegbereiter der modernen Literatur. Sie offenbaren in ihren literarischen Werken „Selbstgefühl“ mehr noch als „Selbstbewusstsein“, was sie „zu idealen Repräsentanten eines in die Subjektivität verliebten Zeitalters macht.“ Ein stärkeres Argument ihre Texte zu lesen, wird sich wohl kaum finden!

Thomas Groß, Warum sich Weiterlesen lohnt, Flur Verlag 2026

Der Vergangenheit ihre Privatsphäre rauben

Ian McEwan gewährt in „Was wir wissen können“ einen kritischen Blick in die Gegenwart

„Alles, was je durchs Internet strömte, ist wohlbehütet in Neu-Lagos gespeichert und wurde längst katalogisiert. Durch Fortschritte in Quantencomputing und Mathematik wurde alles geknackt, was einst verschlüsselt war. Wie gern würde ich den Menschen vor hundert Jahren durch ein Loch in der Zeitdecke zurufen: Wollt ihr eure Geheimnisse wahren, flüstert sie ins Ohr eures liebsten, vertrauenswürdigsten Freundes. Vertraut nie der Tastatur und dem Bildschirm. Wenn ihr das tut, werden wir alles erfahren.“

Was gibt es Besseres für eine literaturliebende Historikerin als einen Roman, der in der Zukunft spielt und auf der Suche nach einem Schatz in eine Vergangenheit taucht, die in der Lebenszeit der Leserin liegt? Ob es sich bei Ian McEwans Roman „Was wir wissen können“ um eine Dystopie oder eine Utopie handelt, ist nicht eindeutig zu entscheiden. Klar ist jedoch, daß in den Jahrzehnten vor 2119 so manches schiefgelaufen ist. Genauer gesagt, waren die Menschen des 21. Jahrhunderts, wie wir wissen, einfach nicht klug, denn sie ließen Klimakatastrophe, Kriege sowie die sozial sabotierenden Medien einfach zu. McEwan garniert seinen mahnenden Blick auf die Folgen mit einem gehörigen Augenzwinkern und erzeugt Verblüffung mit Sätzen wie: „Als sich Saudi-Arabien mit Israel für einen Einmarsch in den Iran verbündete um zu verhindern, dass das Land in den Besitz von Nuklearwaffen geriet, mussten sie feststellen, dass die längst vorhanden waren.“.

Derartige Aussagen mögen aus Gesprächen mit dem Historiker Timothy Garton Ash hervorgegangen sein. Dem Freund widmet er den Roman, gab dieser doch den Hinweis auf das Gedicht „Marston Meadows: A corona for Prue“ von John Fuller. Es dient in Form und Thema als Vorbild für den verschollenen literarischen Schatz des Romans, den Sonettenkranz des Lyrikers Francis Blundy. „Ein Sonettenkranz ist ein eindrucksvolles Unterfangen. Die letzte Zeile jedes Sonetts wird mit der ersten Zeile des nächsten wiederholt. Das fünfzehnte Sonett, der ›Kranz‹, muss die je erste Zeile der vorhergehenden vierzehn wiederholen und Sinn ergeben.“

Nicht nur aus diesem Grund interessiert sich der Literaturhistoriker Thomas Metcalfe für das Werk. Es gab nur eine einzige Abschrift auf Pergament, die „Der Vergangenheit ihre Privatsphäre rauben“ weiterlesen

Vom Schatten ins Licht

In „Moosland“ findet Katrin Zipse eine poetische Form, um von Unerträglichem zu erzählen

„Es kommen Nächte, da hält sie es nicht mehr im Haus. Sie zieht die Strickjacke über und schleicht aus der Tür, hinaus ins schattenlose Licht. Der getrampelte Pfad vom Hof weg führt an den mahlenden Pferden vorbei zum Grassodenhaus und endet, wo die aufgehängten Fische im Wind klappern. Aber sie geht weiter über das feuchte Gras, über Frauenmantel, Schafgarbe und Polster aus Thymian, am Fuß des Hochplateaus entlang, und erst dort, wo der Fels in mächtigen Quadern ausläuft und schwarz-weiße Vögel mit orangefarbenen Schnäbeln kreisen, steigt sie auf und läuft bis an die Klippen. (…)
Hier ist der Himmel immer zu weit. Es hilft nichts, wenn sie die Augen schließt. Es ist ein Himmel, dem man nicht entrinnen kann, unter dem das Leben erbarmungslos weitergeht.“

Wer an Island denkt, denkt an die weite Landschaft dieser Insel, waldlos, wasserreich, von Meer umgeben und spärlich besiedelt von Menschen, die sich die fruchtbaren Regionen mit Schafen und Islandpferden teilen.

In Katrin Zipses neuem Roman „Moosland“ ist Island mehr als ein Handlungsort. Seine Landschaften und sein Licht prägen das Geschehen. Seine Sprache wird zum Mittel der Annäherung. Katrin Zipse, die als Stipendiatin der Künstlerresidenz Skagaströnd die Insel kennenlernte, erzählt vom Schicksal einer jungen Deutschen, die im Jahr 1949 auf Anwerbung des Isländischen Bauernverbands die Insel erreichte, um für ein Jahr Hilfskraft einer Bauernfamilie zu werden.

Bereits auf den ersten Seiten deutet sich die hohe Verletztheit der jungen Elsa an. Während ihre Begleiterin Gerda, deren Plan sie mangels Lebenskraft folgt, die Insel als Chance für ein neues Leben begreift, verharrt Elsa in Schweigen, das sie nicht abzulegen vermag. Ein Zustand, den sie vorerst hinter der ihr unbekannten Sprache versteckt. Kaum verbergen kann sie jedoch ihre Unruhe, die sie nachts befällt, wenn sie von Albträumen geplagt aufwacht. „Ein Nachtgespenst, ein Alb, aus der Tiefe gekrochen, ein grinsendes Es-war-einmal.“ Die Bäuerin ahnt Elsas Not und begegnet ihr mit Fürsorge, allerdings in einer Zurückhaltung, die „Vom Schatten ins Licht“ weiterlesen

Das Leben – eine Illusion

Andreas Schäfer erzählt in „Letzter Akt“ von der „Wahrheit, die uns die Lüge der Kunst begreifbar macht“

»Sie sind Agnes, die Tochter eines indischen Gottes in August Strindbergs Traumspiel. Agnes kommt vom Himmel auf die Erde und muss begreifen, wie leidvoll und schmerzhaft das Leben sein kann. Ihr Mantra wird der fatalistische Satz: Es ist schade um die Menschen! Ziemlich desillusionierend. Was hat Sie an der Rolle fasziniert?“
„Die Hoffnung.“ Ihre Antwort kam schneller als beabsichtigt. Vivian legte erstaunt den Kopf zur Seite. „Auch wenn Agnes während ihrer Odyssee ernüchtert wird, verliert sie nie ihr Staunen. Sie bewahrt sich die Fähigkeit, alles, was sie durchlebt, neugierig von außen zu betrachten. Wie eine Zeugin. Und darin liegt für mich ihre Freiheit – und ein Moment von Hoffnung.“
Ein Lächeln auf Vivians Lippen.
„Strindberg ist berühmt für den Krieg zwischen den Geschlechtern, für ein geradezu tragisches Unverständnis zwischen Mann und Frau. (…).«
[…]
»Ich habe mich ständig verwandelt und mich schon als Modedesignerin in Paris gesehen. Ich habe mir die Welt immer anders vorgestellt.«

Auf dem Theater wie in der Malerei spielen Illusionen eine nicht unbedeutende Rolle. Dies gilt für jede Kunst, auch die der Literatur und erst recht die des Lebens, denn die Illusion scheint meist viel schöner als die Realität.

Als Schauspielerin ist Dora, die Protagonistin in Andreas Schäfers Roman „Letzter Akt“, gewohnt, sich ständig zu verwandeln, Rollen einzunehmen und fremde Persönlichkeiten zu verkörpern. Diese Kunst beherrscht sie als Star ihrer Branche perfekt. Auf der Bühne gibt sie eine Göttin, die das irdische Leben entsetzt, ist es doch so ganz anders als sie es sich vorgestellt hat. Eine Erkenntnis, gegen die sich auch Dora lange Zeit mit ganz eigenen Mitteln wehrt. Andreas Schäfer zeichnet diesen Weg in seinem klug konstruierten Roman nach.

Bereits der Titel „Letzter Akt“ weist auf die beiden für den Roman maßgeblichen Künste, das Theater und die Malerei. Die Einstiegs-Szene spielt in einem Atelier, in dem sich Dora auf die ihr ungewohnte Rolle eines Akt-Modells vorbereitet. Der erste Satz dieses dreiseitigen Prologs zeigt, daß die beiden anwesenden Personen sich mehr bedeuten als Modell und Maler, Künstler und Kunstgegenstand. Dora, die Schauspielerin, und Victor, der Maler, sind seit kurzem ein Paar. Zufällig sind sie sich eines Abends als Unbekannte begegnet. Anscheinend weiß Victor nichts von Doras Ruhm, was dieser die Möglichkeit schenkt, von aller Erwartung befreit die neue Beziehung zu beginnen. Als Victor schließlich erfährt, wer sie ist -es gilt, sich vor der Meute der Fotografen zu verstecken- , verspricht er, „ich möchte mit dir zusammen sein, nicht von dir profitieren“.

Was in meinem spärlichen Anriss wie eine vorhersehbare Liebesgeschichte klingen mag, entwickelt sich zu einer spannenden psychologischen Konstellation. Im Sinn des Lesevergnügens darf nicht mehr verraten werden, bis auf eines vielleicht, die eingangs vorbereitete Szene wird „Das Leben – eine Illusion“ weiterlesen

Emanzipation durch Eskapismus?

Fang Fang schildert in „Blume Vollmond“ die Auswirkungen von Kontrolle und Fremdbestimmung

„Für Razzien dieser Art interessierte Yue Manhua sich nicht. Als sie sich jedoch durch die Menge der Gaffer drängte, vernahm sie plötzlich ein klapperndes Geräusch, als fielen unterschiedlich große Perlen auf ein Jadetablett, ein Geräusch, das schlagartig ihre Nerven zum Erzittern brachte. Ein allzu vertrautes Geräusch! Fast gleichzeitig stiegen die schönsten und angenehmsten Erinnerungen in ihrem Gedächtnis empor. Sie blieb wie festgenagelt stehen und spähte durch eine Lücke zwischen den Schaulustigen. Verstreut auf dem Boden zwischen Stapeln von Kinderbüchern liegend, sah sie Mah-Jongg-Spielsteine und daneben eine ölverschmierte Holzschachtel. Das Glück war ihr in den Schoß gefallen.“

 „Blume Vollmond“, das neue Werk der chinesischen Autorin Fang Fang konnte nach seiner Vollendung 2024 wegen des staatlich verhängten Publikationsverbots nicht in der Heimat der Schriftstellerin erscheinen und wurde erstmals 2025 in der deutschen Übersetzung von Michael Kahn-Ackermann publiziert. Der Roman überrascht durch seinen Ton, den einfachen Satzbau, der Wiederholung von Motiven und Kernaussagen sowie den moralischen Bewertungen seines allwissenden Erzählers. Man vermutet sich in einem Märchen oder eher einer Legende, denn die Zeit und der Ort sind deutlich benannt. Die Handlung spielt in einer Kreisstadt der Volksrepublik China, einem „abseits gelegenen Städtchen“ im „Süden des Landes“ und umfasst den Zeitraum von 1949 bis 2008. Die Hauptfigur ist die Tochter eines reichen Geschäftsmanns, die ihren schönen sprechenden Namen Hua Manyue, Blume Vollmond, schon bald in das nichtssagende Pseudonym Yue Manhua umwandeln muss. Als „verzogener Sprössling einer reichen Familie“ saß sie im Spielsalon der „ehrwürdigen Dame Chen“ vertieft beim Mah-Jongg und verpasste die Flucht ihrer Familie. Die Hua hatten es als Nachkommen eines Warlords zu Wohlstand und Einfluss gebracht. „Hua Daogang, der Hausherr, galt als klug und umsichtig und trug den Beinamen »Ohnefeind«, sein Sohn, Hua Majiang, war stark und ungestüm und wurde »der Tyrann« genannt. Diese Bezeichnungen waren nicht unbegründet. Das Geschäft der Familie nahm fast die halbe Straße ein, und die Straße selbst hieß »Halbe Hua-Straße«.“ Doch nun ist der gesamte Besitz perdu und Hua Manyue wird der Eintritt in ihr Zuhause von Soldaten verwehrt. Heimat- und mittellos bleibt ihr einzig der niedrigste Diener des Hauses, Wang Vier, der „Emanzipation durch Eskapismus?“ weiterlesen

Versuch einer Selbstbefreiung

Kerstin Holzer ergründet in „Monascella“ Monika Manns Lebenskrisen

„Man muss sich verhärten, sonst geht man kaputt.“

Dieser Satz fiel 1986 auf Capri in der Villa Monacone, die ihren Namen nicht von Monika Mann, der damaligen Bewohnerin erhielt, sondern wegen ihres Ausblicks auf den „Scoglio di Monacone“, einen Meeres-Felsen vor der Südostspitze der Insel. Die mittlere Tochter aus der berühmten Familie Mann zog die bittere Bilanz nach 75 Lebensjahren und offenbarte sie der Journalistin Helga Schalkhäuser. Sie schloß den Wunsch an, diese möge nicht nur einen Artikel schreiben, sondern ein ganzes Buch über sie. Was die Journalistin damals ablehnte, erfüllt Kerstin Holzer mit „Monascella“, einem Buch, das entgegen seinem Untertitel, weitaus mehr als „Monika Mann und ihr Leben auf Capri“ behandelt. Zwar war eine persönliche Begegnung verwehrt, Monika Mann starb 1992, doch Holzer konnte auf Briefe und andere Textquellen zurückgreifen und führte Gespräche mit Zeitzeugen, unter anderen mit Frido Mann und ihrer Vorgängerin Schalkhäuser.

In „Monascella“ steht nicht nur Monika Manns Leben auf Capri im Vordergrund, das sie von 1954 bis 1986 fast von Anfang an mit Antonio Spadaro teilte, einem Capreser, dessen Familie Eigentümerin der Villa war, und der ebenfalls dort eine Wohnung besaß. Zunächst nur als Zuflucht gedacht bot Capri Monika die „Versuch einer Selbstbefreiung“ weiterlesen

Idyll mit Hund

„Thomas Mann macht Ferien“ von Kerstin Holzer  – Thomas Mann Jubiläum

„Dieses Fleckchen bayerischer Erde, es ist wirklich ein Idyll. Wenn Thomas Mann auf der Terrasse seiner Ferienvilla steht, die auf einer kleinen Anhöhe thront, blickt er über eine saftig grüne Wiese mit Löwenzahn und Gänseblümchen, über Fliederbüsche, Apfelbäume und einen kleinen Wald, der den abschüssigen und malerisch verwilderten Garten rechts begrenzt, dahinter erhebt sich ein Berg. Nach Süden sieht er weit in die Alpen, und gleich unten am Hang wartet die eigentliche Sensation: Der Tegernsee leuchtet. Zum Anwesen gehören ein schmaler, kiesgesäumter Badestrand (»Lido« nennt Thomas Mann ihn, das klingt mondäner) und ein Steg, ein kleines Bootshaus und ein Ruderboot.“ (…) „Und wer mit seinem Hund täglich durch ein solches Idyll streift, kann ohnehin nicht anders, als trotz aller Sorgen gelegentliche Hochstimmung zu erfahren. Die Begeisterungsfähigkeit und Lebensfreude eines Vierbeiners sind rettungslos ansteckend, Gott sei Dank. So übel kann die Laune gar nicht sein, dass man von der Morgenrunde mit seinem Hund nicht leichteren Herzens zurückkehren würde.“

2025 jährt sich der Geburtstag des Schriftstellers Thomas Mann zum 150. Mal. Pünktlich zu diesem Jubiläum erschienen zahlreiche Werke, von denen mich einige in den zurückliegenden Wochen begleiteten. Darunter die erzählenden Sachbücher von Kerstin Holzer und Florian Illies sowie die Biographien von Tilmann Lahme und Martin Mittelmeier.

Holzers kleines Buch, „Thomas Mann macht Ferien“, war passenderweise meine Urlaubslektüre. Während ich an einem nordischen Fjord Kunst und Kühen begegnete, war Familie Mann mit fünf Kindern und dem Hund Bauschan am Tegernsee. Dieser war schon lange die Destination der Wahl. Nicht weit vom Wohnort München gelegen, verbrachten die Manns den Sommer im eigenen Ferienhaus in Tölz. Da Mann dieses 1917 in Kriegsanleihen umsetzte, wurde 1918 mit Unterstützung der Schwiegereltern Pringsheim die Villa Defregger angemietet. Umgeben von einem großen Garten am Ufer des Sees bot das Anwesen genügend Raum für Familie, Personal und Besucher.

Anschaulich und psychologisch einfühlsam erzählt Holzer, was die Manns in ihrer Sommerfrische treiben. Die Hauptfigur ist hier allerdings der Hund, denn die Autorin lässt Bauschan bereits im Prolog auftreten, „ein kurzhaariger Hühnerhund (…) krummbeiniger, kleiner und schnauzbärtiger, als die Züchter fordern, dafür sehr sympathisch mit seinem dunkel gestromten, rötlichen Fell und der schwarzen Nase“. Seine Bühne ist der Steg, wo er allabendlich seinen Herrn bei der Rückkehr von der Bootstour mit seiner Ehefrau, überschwänglich empfängt. Während diese den Hund nur nebenbei streift, ist die Freude bei „Idyll mit Hund“ weiterlesen

Zauberlehrling?

Nelio Biedermanns Familien-Saga „Lázár“ lebt durch gute Konstruktion auf den Schultern von Riesen

„Am meisten liebte er es zu schreiben. Wobei „lieben“ eigentlich das falsche Wort war, denn er schrieb nicht aus Liebe, sondern aus einem sich völlig natürlich anfühlenden Zwang heraus, einem Zwang, der sich wohl am ehesten mit jenem, atmen zu müssen, vergleichen lässt. Es war dem Jungen, als müsse er alles Wichtige aufschreiben, als würden ihm die Dinge sonst entgleiten, als würden sie erst durch die von ihm vollführte Materialisierung ihre Gültigkeit erhalten.“

Ein großes Echo hat Nelio Biedermann mit seinem Roman „Lázár“ erzeugt. Überschwänglich wurde er von Literaturkritikern und Schriftstellerkollegen gelobt, die ihn schwärmerisch in höchste Sphären hoben. Dies erzeugt Erwartungen, denen es standzuhalten gilt.

Ich hätte von der Lektüre des Romans Abstand genommen, wäre da nicht mein Literaturkreis gewesen, der „Lázár“ aufs Programm setzte. Angesichts der Medienpräsenz des Buches sicher ganz zu Recht. Um es vorwegzunehmen, nicht alle in unserer Runde waren enttäuscht: „Lázár“ habe einen großen Unterhaltungswert, wurde kritischen Stimmen entgegengesetzt. Mängel, wie uneindeutige Bezüge in Satzgirlanden oder unausgeführte Motive seien dem Alter des Autors geschuldet. Dieser wirke im Übrigen grundsympathisch. Doch das stellt ebenso wenig ein literarisches Kriterium dar, wie, banal gesagt, die Frisur eines Schriftstellers oder, was schon schwerwiegender wäre, dessen politische Einstellung.

Der Erfolg von „Lázár“, immerhin wurden die Rechte am Roman vor Erscheinen an über 20 fremdsprachige Verlage verkauft, basiert zum nicht unerheblichen Teil auf seiner Konstruktion. Biedermanns Schreibkunst erzeugt einen schnellen Lesefluss. So hatte ich das Buch trotz anfänglicher Verzweiflung bald beendet, seines pathetischen Tons, vorhersehbarer Abläufe und alberner Sex- „Zauberlehrling?“ weiterlesen

Kunstverbrechen

Laura Evans berichtet im „Atlas der Kunstverbrechen“ über Diebe, Fälscher und Vandalen

„Mit jedem verschwundenen Kunstwerk verlieren wir einen Teil unserer kollektiven Menschlichkeit. Eine Verbindung zu unserer Vergangenheit wird für immer gekappt und unser Sinn für Identität sowie unser Vertrauen verletzt.“

Vor wenigen Tagen wurde der Louvre erneut zum Tatort eines Kunstraubs. Die Täter gelangten mit einer Hebebühne auf einen Balkon, zerstörten die Fenster und betraten die Gallerie d’Apollon, wo die sogenannten Kronjuwelen Frankreichs auf Bewunderung warten. Einige Besucher befanden sich bereits im Raum -das Museum hatte seit einer halben Stunde geöffnet- und erlebten verblüfft, wie Diebe die Vitrinen aufbrachen und mehrere Schmuckstücke herausrissen.

Dieser dreiste Coup vor aller Augen zeigt wieder einmal, wie schwer es ist, Sicherheit in einem Museum zu garantieren, das dem Publikum ohne große Hürden zugänglich sein will. Man fühlt sich an vergangene Zeiten erinnert, als die Mona Lisa ohne Aufsehen zu erregen von einem Handwerker entführt werden konnte. Das wäre heute nicht mehr möglich, meint man angesichts der Einlasskontrollen und des allgegenwärtigen Wachpersonals. Doch weitere Anschläge auf „Kunstverbrechen“ weiterlesen