Über Manipulation

T.C. Boyle vereint in seinem neuen Roman „Terranauten“ Ökologie und Gruppendynamik

„Nichts rein, nichts raus“ so lautet das Prinzip, dem das Setting in T.C. Boyles neuem Roman „Die Terranauten“ zugrunde liegt. Als Projekt Ecosphere 2 sollen acht Menschen autark zwei Jahre in einer Gewächshaus-Welt leben oder besser überleben. Inspiriert hat Boyle ein ganz ähnliches Unternehmen, das in den 90er Jahre in der Sonora Wüste unweit von Tucson gestartet wurde. Biosphere 2 lief über die Planzeit von zwei Jahren, aber nicht in vollkommener Abgeschlossenheit und damit entgegen den Vorschriften. Dies lag nicht an der existentiellen Dringlichkeit von Nahrungsbeschaffung oder Sauerstoffversorgung, sondern an einem simplen medizinischen Notfall, der eine, wenn auch nur kurzzeitige, Öffnung der Schleuse verlangte. Das 1994 gestartete Folgeexperiment war sogar schon nach sechs Monaten zu Ende. Ausschlaggebend für den Abbruch dieses Menschenversuchs war ein Mitglied der Außencrew. Er irritierte seine eingeschlossenen Kollegen derart, daß das Projekt scheiterte. Sein Name ist Steve Bannon.

Auch ohne einen solchen desaströsen Provokateur stellt dauerndes Zusammenleben eine Gruppe vor große Herausforderungen. Dieser psychologische Aspekt interessiert mich sehr. Wie verhalten sich Menschen in einer Zwangsgemeinschaft, aus der es kein Entrinnen gibt? Das Thema ist nicht nur Forschungsgebiet der Psychologie und brachte klassischen Studien zur Gruppendynamik hervor. Auch in der Literatur wurde es immer wieder aufgegriffen, man denke an Goldings Herr der Fliegen“. Natürlich ist es auch aus der Trivialkultur nicht weg zu denken. Big Brother oder Dschungelcamp bedienen Abenteuerlust und Voyeurismus gleichermaßen, menschliche Eigenschaften, mit denen sich viel Geld verdienen lässt.

Dies wissen auch die Strippenzieher in Boyles Roman, der Ort und Handlungszeit bis ins Detail von seinen Vorbildern übernimmt. Die Teilnehmer dieses Medienspektakels, das vordergründig die Möglichkeiten des Überlebens ohne Fremdressourcen auf einem anderen Planeten oder nach einer ökologischen Katastrophe erforschen soll, werden nicht nur nach ihren Fähigkeiten, sondern auch nach ihrer Attraktivität ausgewählt. Dies vermutet Linda, eine der Kandidatinnen, vor dem Einschluss der acht Terranauten. Sie zählt schließlich nicht den Ausgewählten im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Dawn. In Ecosphere 2 trägt sie den Namen Eos, Göttin der Morgenröte, ist weiß, blond und gut proportioniert, Linda als koreanische Komodo-Lady hingegen klein und vollschlank. Diese zwei Frauen und Ramsay, der Kommunikationsbeauftragte in Ecosphere 2, macht Boyle zu seinen Erzählern. Aus der Rückschau, aber nur selten rückblickend, treiben sie die Handlung voran. Wechselweise lesen wir ihren Bericht, der meist dort einsetzt, wo der Vorredner endete. Als Ich-Erzähler geben die Drei Einblicke in ihre Innenwelten und schildern den Fortgang des Geschehens. Dieses ist äußerst spannend. Wie alle Beteiligten des Projekts will auch der Leser vieles erfahren, nicht zuletzt, wie es ist, mit einem begrenzten und immer gleichen Speiseplan zurecht zu kommen. Boyle schildert im Detail, aber ohne zu langweilen, das Einleben der Crew, ihre täglichen Routinen, ihre Aufgaben die Innenwelt intakt zu halten sowie ihre Kontakte zur Außenwelt über Telefon und Besucherfenster. Wir verfolgen durch Linda von außen und durch Dawn und Ramsey von innen, wie sich Zwischenmenschliches entwickelt und was aus Zurückgelassenem wird.

Boyle ist ein Meister des Fährtenlegens und wendet die Handlung stets in unvermutete Richtungen. Manchmal allerdings vergibt er auch Chancen und lässt Konflikte nicht eskalieren. So verläuft die sich anbahnende Rivalität um Dawn zwischen Techniker Tom und Ramsay im Sande. Vielleicht fiel sie der Kürzung der Hörbuchvariante, der ich mit Genuss gelauscht habe, zum Opfer? Sie wurde von August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid eingelesenen. Oder fehlte Boyle auf seinen ereignisreichen 600 Seiten einfach der Platz für mehr Politik und Psychologie?

Die Wirkkräfte und Auswirkungen von Manipulation stellt er auf unterhaltende wie hellsichtige Weise dar. Mehr erfahren wir vielleicht im Bericht über die nächste Ecosphere oder im Tagebuch der echten Terranautin Jane Poynter, „The Human Experiment“.

T.C. Boyle, Die Terranauten, übers. v. Dirk van Gunsteren, gekürzte Lesung mit August Diehl, Ulrike C. Tscharre, Eli Wasserscheid, Der Hörverlag 2017
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„Der Arm weiß, wo’s langgeht“

„1933 war ein schlimmes Jahr“ – John Fantes 1963 entstandenes Werk über Träume und Lebenswirklichkeiten von Immigranten

„Wie ich so in der Garderobe auf Kenny wartete, döste ich auf der Bank ein. Der Raum war warm und roch nach Dampf, Schweiß und Desinfektionsmitteln. Ich spürte, wie meine Zukunft sich näherte, die Verheißung kommender Tage, die aufregenden Jahre, die vor mir lagen. Alle großen Männer vor mir hatten dieses gleiche Sirren in den Knochen gehabt, diese geheimnisvolle Energie, die sie vom Rest der Menschheit unterschied. Sie wussten es! Sie waren anders.“

1933 war ein schlimmes Jahr muss man lesen! Zum einen droht angesichts grassierender Potentatitis auch das Jahr 2017 so zu werden. Zum anderen stellt John Fante (1909-1983) das Schicksal von Einwanderern in den Mittelpunkt seines Romans.

Der in Colorado geborene Schriftsteller aus einer Familie italienischer Migranten kannte deren Träume und Sehnsüchte ebenso so gut wie das Gefühl des Fremdseins in einem anderen Land. Diese universellen Themen der Migration bestimmen seit jeher die Geschichte der Menschheit, die durch permanente Ein- und Auswanderung erst richtig in Schwung kam und kommt. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Einen guten Anstoß bietet dieses schmale, vom Blumenbar Verlag in Signalgelb getauchte und von Alex Capus übersetzte Buch.

Capus, der auch andere Werke Fantes ins Deutsche übertragen hat, ist nicht nur ein Kenner dieses Schriftstellers. „Fante war der Held meiner Jugend“ bekennt er im Nachwort. Damit ist er ganz nah dran an Bukowskis „Fante was my God“. Bukowski wurde in den 70er Jahren auf Fantes Werk aufmerksam und verhalf ihm zu Neuauflagen und Erstveröffentlichungen. Dazu zählte auch „1933 war ein schlimmes Jahr“. Informationen, die man im umfangreichen Nachwort Capus’ vergeblich sucht. Dafür lässt sich manch anderes, aber auch Überflüssiges wie Details von Fantes Krankheitsgeschichte, erfahren.

Als Sohn italienischer Einwanderer wuchs John Fante in Boulder auf, suchte als junger Mann in Los Angeles sein Glück und fand es, wenn man dies am finanziellen Erfolg misst, nicht mit seinen Romanen, von denen viele erst von Bukowski aus der Schublade gekramt wurden, sondern mit dem Verfassen von Drehbüchern. Die acht Romane, so Capus, spiegeln, wie Handlungsorte, Figuren und deren Konflikten zeigen, Fantes eigene Erfahrungen.

Den vorliegenden Roman hat er allerdings erst im Jahr 1963 mit 54 Jahren verfasst. Die Einsichten eines erfahrenen Menschen merkt man dem Buch an, denn die Gedanken des 17-jährigen Ich-Erzählers sind aufbrausend, skurril, empfindsam, bisweilen aber auch weise.

Das größte Pfand dieses Dominic Molise ist sein Arm, dessen Schlagkraft ihn trotz geringer Körpergröße zum begehrten Pitcher der örtlichen Baseball-Mannschaft macht. Der Arm könne ihn gross machen, meint Ken Parrish, sein bester Freund, Sohn des reichsten Mannes von Roper. Dieser besitzt eine Eisenwarenhandlung, während Doms Vater nur einen alten Betonmischer hat, der ihm seine Existenz als Mauerer sichert. Kens Familie residiert in einer Villa mit Pool, die Molises hausen mit Großmutter und vier Kindern auf engstem Raum. Auch das treibt den Vater abends aus dem Haus.

In schnellem Tempo schildert der Pubertierende seine widerstreitenden Gefühle. Er spürt Verzweiflung und Wut über seine Situation, sein Aussehen, das mangelnde Geld, das Verhalten der Erwachsenen. Gleichzeitig empfindet er Empathie, er hat Mitleid mit der aus ihrer Heimat herausgerissenen Großmutter und mit seiner Mutter, die sich im Glauben tröstet. Sogar den Hang des Vaters zu Billard, Frauen und Alkohol versteht er, schließlich wird der es nie schaffen und immer der arme Maurer bleiben. So will Dom nicht enden. Er hat seinen Traum, die Baseballkarriere, zu der ihm der Arm verhelfen wird. Sein „gesegneter, heiliger, (…) von Gott gegebener Arm“ ist seine Hoffnung und Baseball seine Zukunft.

Dom will raus, raus aus Roper, raus aus der Armut, raus aus diesem Leben. Er hat nichts mehr, was ihn hält, auch nicht Dorothy, Kens attraktive, ältere Schwester, die ihn bis zum Übergriff provoziert. Kens Idee sich als Pitcher bei den Colorado Cubs zu bewerben, scheint perfekt, würden ihm nicht 50 Dollar fehlen.

Mir gefällt der schnelle Ton und die Sprache, die Fante seinem Helden gibt. Sie spiegeln den jugendlichen Tatendrang seines Erzählers wie dessen Ambivalenz zwischen Geborgenheit und Aufbruch. Seine Gedanken zeigen seine verletzliche Seite. Besonders wenn Fante für sie poetische Metaphern wählt, wie „Ihre verstörte Seele flatterte hinter ihr her wie ein zerschlissener Brautschleier“. Die Zwiegespräche mit dem Arm, dem Alter Ego Doms, zeigen sein Ringen mit sich selbst.

Neben dem eigenen Stil sind es die unerwarteten Wendungen, die den Roman auszeichnen. Manche gehen bis an die Grenze des Kitschs, doch kurz davor kriegen sie, genauso wie Dom, noch die Kurve.

John Fante, 1933 war ein schlimmes Jahr, übers. v. Alex Capus, Blumenbar Verlag, 3. Aufl. 2016

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Amerika und Europa – Eitelkeit und Leidenschaft

„Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ – fünf Erzählungen von Henry James

„Auf jeden Fall war sie für mich das fesselndste; es ist nicht meine Schuld, wenn ich nun einmal so veranlagt bin, dass ich an Situationen, die zweifelhaft sind und der Interpretation bedürfen, vielfach mehr Leben ausmachen kann als am offenkundigen Geklapper im Vordergrund. Und es steckten alle möglichen Dinge, anrührende, amüsante, rätselhafte Dinge – und vor allem eine solche Gelegenheit, wie sie sich mir zuvor noch nie geboten hatte – in diesem lustigen kleinen Schicksal (…).“

Warum man gute Literatur – und dazu zählen zweifellos die Werke Henry James’ – lesen sollte, zeigt dieses Zitat des Autors, dessen hundertster Todestag im vergangenen Jahr viele Verlage mit Neuausgaben ehrten. So hatte ich mit Daisy Miller und Eine Dame von Welt zum ersten Mal das Vergnügen, diesem Autor zu begegnen. Vor allem seine ironischen, schnellen Dialoge garantieren eine kurzweilige Lektüre. Sein Hauptthema, die kulturellen Differenzen zwischen den USA und Europa, scheint heute aktueller denn je. Die Ansichten des neunjährigen, neureichen Amerikaners über europäische Verhältnisse würde POTUS45 sicher goutieren.

Der 1843 geborene Amerikaner Henry James war ein ausgezeichneter Europa-Experte. Seit seiner Jugend bereiste er den Kontinent, auf dem er bald seine Wahlheimat fand. Die gegenseitigen Stereotype und Vorurteile waren ihm wohlvertraut, insbesondere als Ursachen von Wirren und Liebesleid, wie seine feinfühligen Beobachtungen zeigen.

Die titelgebende Erzählung Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren bietet schon durch die Form einen tiefen Blick in die Innenwelt ihres Protagonisten. Der 52jährige reist an den Ort seiner einstigen Leidenschaft zurück und erlebt in Florenz einen Frühling, dessen Sonnenstrahlen – ähnlich wie Prousts Madeleine – verdrängte Erinnerungen wecken. „Die Wärme dieser gelben Sonne von Florenz ist es, die den Text meiner eigenen jugendlichen Romanze erneut zum Vorschein gebracht hat.“

Seine Liebe zur Contessa Salvi blieb vor 27 Jahren unerfüllt. Noch heute ist er davon überzeugt, sie habe ihn nach einem Flirt fallengelassen. Vergessen hat er sie nie, seine Streifzüge durch Florenz, seine Besuche der Boboli-Gärten reichen „eine begrabene Episode von vor mehr als einem Vierteljahrhundert wieder zu exhumieren“. Ein Zufall führt ihn zum Salon seiner damaligen Contessa. Ein weiterer Zufall macht ihn mit einem jungen Engländer bekannt, der dort ein und aus geht. So wie er damals der Mutter ist sein Landsmann ihrer Tochter, der Contessa Salvi-Scarabelli, verfallen. So empfindet es der Tagebuchschreiber, der den jungen Mr. Stanmer mit allen Mitteln vor dem drohenden Unglück zu retten sucht.

Ein Tagebuch ist eine geeignete Form die Gefühle seines Verfassers offen zu legen. James nutzt dies geschickt und stellt gleich zu Beginn Fragen nach der Authentizität von Erinnerung und ihrer Veränderung im Laufe der Zeit. „Was wird in den langen Zeitspannen des Bewusstseins aus solchen Dingen? Wo halten sie sich versteckt? In welchen unbeachteten Gelassen und verborgenen Winkeln unseres Seins überdauern sie?“

Die Begegnung mit dem jungen Verehrer der Contessa gerät dem Protagonisten zum Déjà-vu. Der Ältere zieht den Jüngeren ins Vertrauen und erhält Zugang zum Salon der Salvi. Schließlich offenbart er sich der Contessa, die sich an den Giovane Inglese aus den Erzählungen ihrer Mutter erinnert. Der Dialog zwischen Beiden kommt trotz aller Anspielungen nicht zum Kern der Sache, so daß der Ältere weiterhin seinen vermeintlichen Leidensgenossen von seiner Leidenschaft abzubringen sucht. Erst Jahre später offenbart ihm eine erneute Begegnung Einsicht.

Die 1879 entstandene Erzählung ist die älteste der insgesamt fünf des Bandes. Mit ihren 50 Seiten Umfang liegt sie im mittleren Bereich, aus dem die ebenfalls als Tagebuch gefasste Erzählung „Die Eindrücke einer Cousine“ mit doppelter Länge herausfällt. Das macht sie allerdings auch etwas zäh. Mehr Spaß bieten die übrigen vier. In „Louisa Pallant“ variiert James das Thema der Tagebuch-Geschichte. Im „Der Beldonald-Holbein“ stellt er eine Amerikanerin, „gut erhalten wie eingemachtes Obst in spiritus“, zur Schau, auf die, „die Eitelkeit den seltsamen Effekt gehabt hat, sie ganz gesund und munter zu halten“. Während er in „Der spezielle Fall“ die in verwirrender Weise aufgestellten Personen „von einer Leidenschaft (packt), durchgeschüttelt wie eine Ratte im Rachen eines Terriers“.

Die kurze Form war, so Maike Albath in ihrem lesenswerten Nachwort, meist von den Zeitschriften vorgegeben, für die James schrieb. Albath berichtet auch von der wechselweisen Inspiration Henry James’ und seines Bruders William, der als einflussreicher Psychologe in Harvard lehrte. Psychologisches Gespür beweist James bei allen Erzählungen, ob er sie der Eitelkeit, der Eifersucht oder dem großen Thema der Zurückweisung widmet. Aus der tiefen Melancholie, die „nicht genug Herzenskraft (lässt), um eine andere Frau zu heiraten“ rettet der Autor sich und seine Leser durch Ironie.

Die Erzählungen des schön gestalteten Manesse-Bandes liegen in der aktuellen Erstübersetzung von Friedhelm Rathjen vor und sind durch Anmerkungen ergänzt sowie durch ein ausführliches Nachwort von Maike Albath.

Henry James, Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren, übers. v. Friedhelm Rathjen, 1. Aufl. 2015, Manesse Verlag
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Das Ende der Maxim-Biller-Show

Maxim Biller verlässt das Literarische Quartett – Schade!

„Ich weiß ja nicht, was ich am Schrecklichsten an diesem Buch finde“, diesen Satz wird so wohl nicht mehr zu hören sein. Wenigstens nicht von Maxim Biller, der dieser Provokation stets eine fundierte Meinung folgen ließ. Er hat keine Lust mehr auf Das Literarische Quartett. Ihm wird er fehlen.

Biller brachte Spannung in die Bücherrunde. In scharfem Schlagabtausch verfocht er seine literaturkritische Position. Inhaltlich und rhetorisch konnte der interessierte Zuschauer viel lernen. Zugegeben, die erste Folge des im Oktober 2015 neuaufgelegten Literarischen Quartetts hatte ich noch als Maxim-Biller-Show abgetan. Doch schnell entwickelte sie sich zu einem der interessantesten Literatur-Formate im Fernsehen, trotz oder wegen Billers Präsenz.

Im Schweizer Literaturclub besitzen sie viel Sendezeit, in der ARD Denis Scheck. Es macht also gar nichts, wenn das Quartett viel Biller zeigt. Damit ist es vorbei. Liegt es an den Büchern, der Besetzung oder am Zwiespalt, Schriftsteller und Kritiker zugleich zu sein? Biller verkündet, er brauche mehr Zeit zum Schreiben. Zurück bleiben die grundsympathische Christine Westermann und der superdiplomatische Volker Weidermann.

Wer wird Billers Lücke füllen? Wer ist groß genug und in jeder Hinsicht präpariert? Denis Scheck hat Druckfrisch und Lesenswert und dazu die Meinung, daß die Saisonrunde bei Lesenswert die Mutter aller Literatur-Quartette sei. Doch wie war die Konstellation im Original, das bekanntlich von 1988-2001 als Das literarische Quartett von vielen Zuschauern verfolgt wurde? Reich-Ranicki führte als gelehrter Literaturkritiker provokant und bisweilen autokratisch durch die Sendung. Mit ihm diskutierten Hellmuth Karasek, wie Westermann Journalist und Autor, und mit Sigrid Löffler und später Iris Radisch zwei ebenso höfliche wie profunde Literaturkennerinnen und wie Weidermann bekannt aus den großen Feuilletons.

Es fehlt also ein Kritiker, der wie Biller und MRR, seine Meinung mit Verstand und Florett vertritt. Humor hilft dabei. Wie wäre es also mit Daniela Strigl, die im vorletzten Jahr aus der Bachmann-Jury geschasst wurde, oder mit ihrem einstigen Jury-Kollege Paul Jandl? Beide würden das Büchergespräch mit bissigen Bonmots bereichern. Auch Philipp Tingler, das kluge Enfant terrible des Schweizer Literaturclubs, könnte der Runde guttun. Ebenso eigenständig würde Thea Dorn mit klaren Aussagen und Titeln jenseits des Mainstreams die Sendung bereichern.

Genau dieses wünsche ich mir für die neuen Folgen des Quartetts, die Bereitschaft über Bücher zu reden, die nicht schon sattsam bekannt sind, damit Billers Nachfolger nicht mit folgendem Satz seinen Vorgänger zitieren kann: „Seit Monaten verkauft sich dieser Blödsinn, warum müssen wir darüber reden?“

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Leseschonkost

Mit der Ausgrabung von J. L. Carrs „Ein Monat auf dem Land“  erschliesst Dumont sanften Lesestoff

„Und wer weiß, vielleicht könnte ich anschließend einen Neuanfang machen und vergessen, was der Krieg und die Streitereien mit Vinny bei mir angerichtet hatten, und ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Das war es, was ich brauchte, dachte ich – einen Neuanfang, und hinterher würde ich vielleicht kein allzu Versehrter mehr sein. Nur die Hoffnung hält uns aufrecht.“

Wer vor 30 Jahren ein konfessionelles Krankenhaus meiner bischöflichen Heimatstadt aufsuchte, tat gut daran seine eigene Lektüre dabei zu haben. Die Auswahl der Angebote im Wartezimmer beschränkte sich neben Bibeln und Gebetbüchern auf die kleinformatigen Magazine, in denen Reader’s Digest das vermeintlich Beste seinen Lesern präsentierte: gekürzte Romane und kleine Geschichten, denen alles Ungute fehlte. Passend für das Milieu dieses Ortes zeigte so bereits der Lesestoff Sedierung und präzise Chirurgie.

Heutzutage findet man diese Hefte kaum noch, ein Ersatz bietet die kleine Erzählung „Ein Monat auf dem Land“. Der britische Lehrer und Autor J. L. Carr hatte mit ihr vor gut 30 Jahren viel Erfolg. Sie erzielte eine Nominierung für den Booker Prize und wurde mit Colin Firth und Kenneth Branagh verfilmt. Vermutlich zählte sie auch zum englischsprachigen Programm von Reader’s Digest. Für deutsche Leser hat nun nach gut 30 Jahren der Dumont-Verlag dieses Werk zugänglich gemacht.

Der Wunsch nach Wohlfühlliteratur ist wieder erwacht, wie so manches, was längst überwunden schien. Vielleicht hängt es ja zusammen, die politische Rückwärtsgewandtheit und die Leserregression? Auf jeden Fall ist die 144 Seiten lange Erzählung die ideale Begleitung für einen präoperativen Labortag. Zudem bietet sie Beruhigung in aufregenden Zeiten und sogar einen Vorschlag, wie mit Personen umzugehen sei, die vom Krieg traumatisiert in der Fremde neu anfangen.

Eine solche Person ist Tom Birkin, der Erzähler dieses Buchs. Er blickt im Jahr 1978 weit zurück, um die Erlebnisse eines Sommers in der englischen Provinz zu schildern. Dieser Junge -man ist erstaunt, daß er tatsächlich erst Mitte Zwanzig ist, so altbacken wirkt er- hat die Grabenkämpfe des 1. Weltkriegs überlebt und kommt 1920 nach Oxgodby. Körperlich blieb er unversehrt, aber der „Granatenschock“ hat sein Gesicht zum Zucken und sein Inneres in tiefste Unordnung gebracht. Dies nicht genug, verließ ihn seine Frau Vinny. Derart derangiert erreicht der an der Kunstakademie geschulte Restaurator die Kirche in Oxgodby. Dort soll er nach dem Willen und mit dem Geld einer verstorbenen Kunstkennerin ein mittelalterliches Fresko freilegen. Die Mäzenin verantwortet noch ein weiteres ästhetisches Projekt im kulturfernen aber gottnahen Landidyll. Die archäologische Suche nach einem Ahnengrab, welches ein anderer Kriegsveteran, der Offizier Moon, unternimmt.

Birkin und Moon verbindet also einiges. Doch den Schicksalsgenossen merkt man ihre Traumatisierung kaum an. Sie leben, hätte ihnen der Krieg nicht den Glauben vergällt, in fast frommer Zufriedenheit unter den einfachsten Umständen. Der eine in der Kammer des zugigen Glockenturms, der andere im Graben unterm Zelt. Nur mit knappen Verweisen auf die Erlebnisse im Stellungskrieg markiert Carr die Beiden als Kriegsteilnehmer, stellt aber die Verletzungen weder im Verhalten noch im Fühlen seiner Protagonisten dar. Umso deutlicher tritt die frühere Profession des Autors hervor. Geradezu pädagogisch vermittelt er seinen Leser-Schülern die Grausamkeiten des Kriegs, vorsichtig versteht sich, und würzt dies nicht minder lehrerhaft mit Informationen über mittelalterliche Kunst und Archäologie, die selten über Halbwissen herausragen. Denn nicht anders kann die Behauptung bewertet werden, daß „seinerzeit“ –also im Mittelalter- „die meisten Bauwerke alle fünfzig Jahre nach der jeweils gängigen Mode drastisch umgestaltet“ worden seinen, noch die krude Theorie zu den Erhaltungsbedingungen eines Skeletts.

Dies mag alles hinnehmbar sein, schließlich handelt es sich nicht um ein Sachbuch, sondern um „schöne Literatur“. Nicht hinnehmbar ist allerdings die Neigung des Autors, seinen Lesern jedes Geschehen auch zu erklären. Wenn Alice sich Turmzimmer an Tom schmiegt, wissen wir sehr wohl, was geschehen soll und verstehen auch, warum es nicht geschieht. Doch Carr lässt seinen Erzähler erläutern: „In diesem Moment hätte ich den Arm um ihre Schultern legen, ihr Gesicht zu mir hin drehen und sie küssen sollen. Ich hätte die Gelegenheit beim Schopf packen sollen. Deshalb war sie gekommen. Das hätte alles verändert. Mein Leben, ihres. Wir hätten über uns reden und laut aussprechen müssen, was wir beide wussten, -auch der Leser weiß es längst- und hätten uns dann vielleicht vom Fenster abgewandt und uns auf meinem provisorischen Lager geliebt. Danach wären wir zusammen weggegangen, womöglich schon mit dem nächsten Zug.“

Es ist nicht nur die keusche Liebesanbahnung, die mich wieder an die harmlosen Reader’s Digest Stoffe erinnert, es ist auch die Atmosphäre, die Carr in „Ein Monat auf dem Land“ zeichnet. Ein harmonisches Idyll mit naiver Landbevölkerung, dessen einziger Konflikt der Kauf eines Harmoniums darstellt. Die Liebesgeschichte schraubt Carr schließlich zu einem hochdramatischen Ende, einer Hedwig Courths-Mahler oder Rosamunde Pilcher würdig, wenn auch invers.

„Ein Monat auf dem Land“ muss man nicht lesen, man kann es aber. Besonders wenn man sanfte Unterhaltung sucht und aussagekräftige Rückblicke störender findet als krude Metaphern oder falsche Fakten.

J. L. Carr, Ein Monat auf dem Land, übers. V. Monika Köpfer, Dumont Verlag, 1. Aufl. 2016
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Konstrukt Weltliteratur

„Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ – Tim Parks über Literatur

Es ist eine Weile her, da habe ich unter dem Titel „Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden“ ein Buch besprochen, welches nicht nur wie das vorliegende im Kunstmann Verlag erscheint, sondern dessen Autor, Pierre Bayard wie Tim Parks auch wissenschaftlich der Literatur zugewandt ist. Während Bayard zur Lücke anleitet unter dem originalgetreu übersetzten Titel „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“, erläutert Parks in „Where I’m Reading from“ seine Sicht aufs Lesen. Seine Essays zu fast allen Aspekten des Lesens und Schreibens liegen nun in der Übersetzung von Ulrike Becker und Ruth Keen als „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ vor. Ein wirklich schöner Titel.

Parks Buch ist nur unwesentlich länger als die charmante Schummelfibel seines französischen Kollegen. Gut 230 Seiten, portioniert in vier Teile mit 33 Kapiteln, widmen sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Roman gemacht? Wieso wird er ein Erfolg? Was macht uns auf ihn so aufmerksam, daß wir ihn lesen und über ihn reden wollen? Parks Kernthema wird bald klar. In der globalisierten Welt drohe eine Lesen fortsetzen

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Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285„Während der gesamten nächsten drei Jahre wohnte ich bei ihnen und die Zeit mit meinen Großeltern war vielleicht sogar intensiver und prägender für mich als die Ausbildung selbst. Drei Jahre lang sollten diese beiden komplett verschiedenen Welten meine Leben bestimmten.“

Bevor ich mit der Besprechung des Romans beginne, muss ich beim Autor Abbitte leisten. 2013 als der damals an der Wiener Burg engagierte Schauspieler beim Bachmann-Wettbewerb aus dem vorliegenden Roman las, hat mir dies ganz und gar nicht gefallen. Es lag zum einen an der Szene, die mir als pubertäre Ladendiebfarce erschien und die ich auch jetzt nach der Lektüre des kompletten Romans noch als schwach erachte. Doch noch viel mehr störte mich die Präsenz von Meyerhoffs Vortrag, der geradezu unanständig gut zwischen den Bemühungen seiner Mitbewerber hervorstach. Diese Professionalität hat für mich den Text stark überlagert. Ich war also nicht auf seiner Seite. Nie hätte ich gedacht, dass der Roman zu diesem Stück mich so beeindrucken würde.

Kennengelernt hatte ich den Autor bereits einige Jahre zuvor. Damals empfahl mir eine Freundin den ersten, 2011 erschienenen Roman „Amerika“. Da lag er und ich las und Lesen fortsetzen

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Verlangen nach Bedeutsamkeit

„Außer uns spricht niemand über uns“ erkennen die Helden in Wilhelm Genazinos Roman

Genazino_25273_MR1.indd„Vielleicht gab es die Krücken nur deswegen, weil die Menschen zwischendurch an ihrem Bewusstsein litten, dass ihnen geholfen werden musste. Allgemeine Mangelgefühle waren auch mir seit der Kindheit vertraut. Seit etwa vierzehn Tagen litt ich wieder an einem Drang. Von dem ich nicht wusste, ob er mich irgendwann ins Unglück stürzen würde: Ich wollte endlich ein bedeutsames Leben führen. Ich ahnte, dass die menschliche Bedeutsamkeit in zahllosen Einzelheiten des wirklichen Lebens aufbewahrt war und dass es an den Menschen lag, diese Bedeutsamkeit in ihr Leben einzubauen; aber wie? Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh.“

Das Leben des Einzelnen ist kaum spürbar im Getriebe der Welt, das mit oder ohne ihn weiterläuft. Die Sinnsuche bleibt Sache des Subjekts. Mancher Lebensplan erweist sich als Illusion und droht seinen Protagonisten der Bedeutungslosigkeit auszusetzen. Dies ist kurz gefasst das Leid des Ich-Erzählers in Wilhelm Genazinos neuem Roman mit dem prägnanten Titel „Außer uns spricht niemand über uns“. Bedrückt von seiner Belanglosigkeit wird der Hauptfigur bewusst „mein Leben verlief nicht so, wie ich es mir einmal vorgestellt hatte“.

Als typischer Genazino-Held lässt er seinen Entwurf davon schwimmen und ergibt sich in seine Geworfenheit. Beobachtend nimmt er das alltäglich Banale hin, nicht Lesen fortsetzen

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Damnatio Memoriae

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ – über Schuld und den Versuch der Erinnerung zu entfliehen

jpeg_1718_160429Widerfahrnis ist mein erstes Buch von Bodo Kirchhoff und ich weiß gar nicht so recht, warum? Aber ich weiß nach der Lektüre, daß es nicht mein letztes sein wird.

Gewählt habe ich Kirchhoffs neuestes Werk nicht, weil er damit den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sondern weil mir die Leseprobe im zugehörigen Heft sehr gut gefiel. Zudem steht der Titel in zwei Diskussionsrunden auf dem Programm. Die eine findet virtuell bei Whatchareadin statt, die andere demnächst in unserem Literaturkreis.

Auch im vorliegenden Buch taucht eine solche Runde auf. Leonie Palm, eine der beiden Hauptfiguren, ist deren „treibende Kraft“. So bezeichnet sie jedenfalls Julius Reither, an dessen Tür Leonie eines Abends klopft. Der 70jährige hat vor kurzem seinen Verlag geschlossen und sich in ein nobles Apartment in den Bergen zurückgezogen. Hier lebt er in der Natur und in den Erinnerungen, die er redigiert wie einst als Lektor neue Texte. Ein schmerzhafter Prozess. Reither Lesen fortsetzen

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Erlebtes erfunden

Matthias Brandt erzählt in „Raumpatrouille“ von seiner Kanzlerkind-Kindheit

brandt-raumpatrouille-lowres-b8ce18d8d4687ff6b5eb1cada6eb4feb„Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt, manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“

Wer soll die Geschichten lesen, die in Matthias Brandts „Raumpatrouille“ versammelt sind? Alle, die den Autor als Schauspieler schätzen? Leser von Biographien, geschrieben von Schauspielern – man denke an Meyerhoff – oder von Nachkommen der Politikprominenz? Oder die Altersgenossen des Autors, die, so der Klappentext, „literarische Reisen in einen Kosmos, den jeder kennt, den Kosmos der eigenen Kindheit (…) in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts“ unternehmen können?

Schnell wird klar, daß in diesen 178 Seiten mehr steckt. Brandt mischt nicht nur Autobiographisches mit Symbolen der Siebziger. Er widmet diese vierzehn Geschichten der Phantasie, der des damaligen Jungen und der des jetzigen Schriftstellers Matthias Brandt. Schließlich kennt Erinnerung keine Authentizität.

Sein Vater, Willy Brandt, Bundeskanzler von 1969 bis 1974 war ein vielbeschäftigter, Lesen fortsetzen

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