Unerinnerbarer Horror“

Emmanuel Carrère erzählt in „Yoga“ von seinem Kampf gegen innere Irrlichter

Es ist ein dor­nen­rei­ches Un­ter­fan­gen ei­ner so irr­lich­tern­den Be­we­gung wie der un­se­res Geis­tes zu fol­gen, ihm in die ver­bor­ge­nen Win­kel nach­zu­drin­gen und noch die win­zigs­ten Er­schei­nungs­for­men sei­ner Un­ru­he au­zu­ma­chen und auf­zu­zeich­nen. Meh­re­re Jah­re sind es schon, dass ich mei­nen Ge­dan­ken nur mich selbst zum Ge­gen­stand ge­setzt ha­be, dass ich nichts an­de­res un­ter­su­che und er­for­sche als mich, und er­for­sche ich doch et­was an­de­res, dann nur, um es auf mich zu be­zie­hen.“ (Mon­tai­g­ne)

Ich wür­de ger­ne et­was an­de­res den­ken als das, was ich den­ke, denn was ich den­ke und oft ge­nug auf­ge­zählt ha­be ist sinn­los, es ist im­mer das­sel­be und über­trie­ben selbstbezogen.“(Carrère)

Yo­ga“, der Ti­tel des jüngs­ten von Em­ma­nu­el Car­rè­re ver­fass­ten Ro­mans mag den Le­ser in die fal­sche Rich­tung füh­ren. Man lernt zwar ei­ni­ges über Yo­ga oder bes­ser über Me­di­ta­ti­on, das stil­le sich von al­len in­ne­ren Irr­lich­tern frei ma­chen­de Sit­zen, wie es be­reits in ei­nem Ro­man von Tim Parks be­schrie­ben wur­de. Doch Car­rè­res Auf­ent­halt in ei­nem klos­ter­glei­chen „Ge­he­ge“, wo al­les, was Spaß macht, ver­bo­ten ist, bil­det nur den ers­ten der vier Tei­le des Buchs die­ses auf au­to­fik­tio­na­les Er­zäh­len abon­nier­ten Au­tors. Sei­nem ich-er­zäh­len­den Ro­man-Ego ist be­wusst, daß sei­ne Art al­le Sät­ze mit Ich zu be­gin­nen, zu­min­dest was das Brie­fe­schrei­ben be­trifft, ent­ge­gen al­len Re­geln ist. Re­geln der Höf­lich­keit und der Rück­sicht, ge­gen die auch der Ro­man ver­stößt, wo­von die Le­se­rin al­ler­dings nur se­kun­där und durch mut­maß­li­che Lü­cken er­fährt. Letz­te­re sind das Re­sul­tat ei­nes Pro­zes­ses, den Car­rè­res Ex-Frau Hé­lè­ne De­vynck ge­wann. Als der Au­tor sich mit­tels Vi­pas­sa­na be­müht sei­ne Vrit­ti zu ver­trei­ben und sei­nen Kampf ge­gen „die Be­we­gun­gen, die den Geist er­schüt­tern“ zu ei­nem Buch zu ma­chen, weiß er da­von noch nichts. Noch gilt ein zu­min­dest ge­rin­ger Teil sei­ner Sor­gen der Frau und den ge­mein­sa­men Kindern.

Auch in den fol­gen­den drei Tei­len schil­dert Car­rè­re Si­tua­tio­nen, de­nen er aus­ge­setzt ist und die er mehr durch­lei­det als durch­lebt. „1825 Ta­ge“ lie­gen die Be­ge­ben­hei­ten nach den Ter­ror-Mor­den an der Re­dak­ti­on von Char­lie Heb­do zu­grun­de, de­nen ein Freund zum Op­fer fiel. Sie bie­ten ihm jen­seits der Be­mü­hung um ei­ne Ge­denk­re­de, die die Ge­fähr­tin des Er­mor­de­ten von ihm er­bit­tet, An­lass über de­ren Lie­bes­glück nach­zu­den­ken und sein ei­ge­nes zu hin­ter­fra­gen. Fast schon the­ra­peu­tisch tre­ten zwi­schen Selbst­er­kennt­nis und Le­bens­weis­hei­ten Aus­sa­gen zu Ta­ge, die aus dem Ro­man ent­fern­te In­hal­te an­deu­ten. „Wenn das Le­ben ei­nem ein sol­ches Ge­schenk macht [die wah­re Lie­be], muss man es an­neh­men und be­hü­ten, denn es gibt nichts Wert­vol­le­res und es gibt nur we­ni­ge Per­so­nen, de­nen es ein zwei­tes Mal ge­macht wird, falls man das Pech oder die Dumm­heit hat, es zu ver­spie­len: Das Le­ben ist nach ei­nem sol­chen Feh­ler zwangs­läu­fig ein bit­te­res, schlech­tes Le­ben, ich hät­te viel da­zu zu sagen.“

Das er­zäh­len­de Ich ist im­mer Car­rè­re, bei der Me­di­ta­ti­on, in den Wo­chen nach dem An­schlag und erst recht im drit­ten Teil, der „Ge­schich­te mei­nes Wahn­sinns“. War­um er in ei­ne aku­te Pha­se der De­pres­si­on fällt, bleibt un­ge­sagt. Car­rè­res li­te­ra­ri­sches Cre­do, sei­ne Li­te­ra­tur sei „der Ort, an dem man nicht lügt“, kann er dies­mal nicht ein­hal­ten. Er springt di­rekt zu den psy­chi­schen Fol­gen, die ihn dank der Hil­fe sei­ner Schwes­ter in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik füh­ren. Erst hier er­kennt er sein „neu­ro­ti­sches Elend“, wel­ches ihn fast sein gan­zes Le­ben be­glei­tet. Es ist kein Nor­mal­zu­stand des Le­bens, es be­trifft nicht je­den. Oder stimmt es doch, was ein Pries­ter ihm einst ver­riet, „die Leu­te sei­en viel un­glück­li­cher, als man glaubt“? Nach vier Mo­na­ten in Saint-An­ne be­schließt der Schrift­stel­ler, „mei­ne psych­ia­tri­sche Au­to­bio­gra­phie und mein Es­say über Yo­ga sind ein und das­sel­be Buch“, auch wenn er Er­fah­run­gen wie „un­er­zähl­ba­rer, un­be­schreib­ba­rer, un­be­nenn­ba­rer (…) uner­in­ner­ba­rer Hor­ror“ macht. Viel­leicht ist dies ein Grund, wes­halb er in die­sem höchst­in­ti­men Teil sei­nes Ro­mans, sei­ne Re­por­ta­ge-Re­cher­chen zu Sa­dam Hus­seins Blut-Ko­ran ein­flie­ßen lässt. Ähn­lich dis­pa­rat er­scheint der letz­te auf der grie­chi­schen In­sel Le­ros an­ge­sie­del­te Teil „Die Jungs“. Die Epi­so­de be­ruht auf Er­leb­tem und ist den­noch weit fik­ti­ver ge­stal­tet als die vor­an­ge­hen­den. Der auf ei­ner Nach­bar­in­sel ur­lau­ben­de Er­zäh­ler er­fährt von ei­ner His­to­ri­ke­rin, die auf Le­ros Schreib­kur­se für Flücht­lin­ge gibt. Er schließt sich ihr an und die bei­den un­ter­stüt­zen nicht nur ei­ne Hand­voll jun­ger Män­ner, son­dern sich ge­gen­sei­tig in ih­rer Hilf­lo­sig­keit, was Car­rè­re mit Iro­nie schildert.

Das Mit­tel der Iro­nie zieht sich durch das gan­ze Buch. Sei­ne bes­ten Mo­men­te hat es, wenn der Au­tor über sich selbst spot­tet, über sei­ne Idio­syn­kra­si­en als „la­bi­ler Nar­zisst“.

Man könn­te „Yo­ga“ vor­wer­fen, es sei ein nar­ziss­ti­scher Ro­man, und doch fin­den sich in ihm wei­se Sät­ze über das „in­ne­re Ge­plap­per“, das in der Me­di­ta­ti­on zur Ru­he kommt, über die Iro­nie als Re­me­di­um ge­gen die Trau­rig­keit, über die wah­re Lie­be und nicht zu­letzt über die Li­te­ra­tur als Ort von Wahr­heit und Lüge.

Emmanuel Carrère, Yoga, übers. v. Claudia Hamm, Matthes & Seitz 2022

Saftige Lesefrucht

Stephen Fry legt mit „Helden“ den zweiten Band seiner Trilogie antiker Mythen vor

Die Göt­ter in den grie­chi­schen My­then ste­hen für mensch­li­che Mo­ti­ve und An­trie­be, die uns im­mer noch rät­sel­haft vorkommen.“

Als Kind bin ich mit Gus­tav Schwab in die Welt der an­ti­ken My­then ein­ge­taucht. Sie ha­ben mich seit­dem nicht mehr los­ge­las­sen, wie sich un­schwer am Ti­tel mei­nes Blogs er­ken­nen lässt. Ata­lan­te, die ar­ka­di­sche Jä­ge­rin, fehlt auch nicht bei Fry, doch da­zu spä­ter mehr.

Die li­te­ra­ri­schen, aber auch die bild­li­chen Dar­stel­lun­gen an­ti­ker My­then, bie­ten im­mer wie­der An­lass, sich mit ih­nen zu be­schäf­ti­gen. Sei­en es die Spiel­sze­ne zwi­schen Ajax und Achill auf der schwarz­fi­gu­ri­gen Exe­ki­as-Am­pho­re, der Sar­ko­phag aus Per­ge mit den Ta­ten des He­ra­kles oder auch Ti­zi­ans be­rühm­tes Ge­mäl­de „Bac­chus und Ari­ad­ne“. Wer die Ge­schich­ten kennt, die ei­ne Viel­zahl von Bild­wer­ken er­zäh­len, ist „Saf­ti­ge Le­se­frucht“ weiterlesen

Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf die­sen Sei­ten fin­det sich vie­les, von dem ich nie je­man­dem er­zählt ha­be. Es ist selt­sam, wie der Akt des Schrei­bens zu Ge­ständ­nis­sen führt. Nicht, dass es nicht auch da­zu führt, das Blaue vom Him­mel herunterzulügen.“

Man­chem Le­ser mag beim Blick auf das Buch un­wohl wer­den, wenn auch nicht so sehr wie mei­nem Freund. Mit Schre­cken denkt die­ser dar­an zu­rück, wie ein paar mun­te­re Er­wach­se­ne, al­len vor­an sei­ne El­tern, ihn auf den Rü­cken ei­nes rie­si­gen Hun­des hiev­ten. Das Ge­schrei des Drei­jäh­ri­gen war groß, das Reit­tier blieb je­doch ge­las­sen. Es war ei­ne Dog­ge, und da die Ge­schich­te im süd­li­chen Skan­di­na­vi­en spiel­te, ei­ne dä­ni­sche, auch wenn, wie Sig­rid Nu­n­ez in ih­rem Ro­man Der Freund er­klärt, die­se Ras­se als deutsch be­zeich­net wird. Ob der sanf­te Rie­se von da­mals, wie der Hund im Ro­man ei­ne Har­le­kin­dog­ge mit schwar­zen Fle­cken auf wei­ßem Fell  war, ist nicht mehr im Ge­dächt­nis. Ge­blie­ben ist je­doch die Pho­bie. Mein Freund wür­de al­so nie­mals das tun, was in Nu­n­ez‘ Buch ge­schieht, ei­nen hin­ter­las­se­nen Hund aufnehmen.

Sig­rid Nu­n­ez‘ Ich-Er­zäh­le­rin, wie die­se Schrift­stel­le­rin und Do­zen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben, steht zu­nächst wi­der­wil­lig die­sem Er­be ge­gen­über, nach­dem ihr bes­ter Freund den Tod ge­wählt hat. Noch wäh­rend sie trau­ert und nach Ant­wor­ten sucht, er­hält sie die Bot­schaft, daß „Dich­ter-Dog­ge“ weiterlesen

Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich ha­be ei­nen Mann ge­kannt, der hieß Hans, und er war an­ders als al­le an­de­ren. Noch ei­nen kann­te ich, der war auch an­ders als al­le an­de­ren. Dann ei­nen, der war ganz an­ders als al­le an­de­ren und er hieß Hans, ich lieb­te ihn.“ 

Die­se Zei­len in In­ge­borgs Bach­manns Er­zäh­lung „Un­di­ne geht“ wei­sen auf die gro­ßen Lie­ben der Au­torin hin, Hans We­igel, Paul Ce­lan und Hans Wer­ner Hen­ze. Ih­nen räumt auch Hel­mut Böt­ti­ger in sei­nem neu­en Buch „Wir sa­gen uns Dunk­les“ ei­nen Platz ein. Das Er­geb­nis von Böt­tin­gers viel­fäl­ti­gen Ana­ly­sen zeigt al­ler­dings, daß Paul Ce­lan, der Mitt­le­re in Bach­manns Zi­tat, wie kein an­de­rer die Frau und die Schrift­stel­le­rin In­ge­borg Bach­mann präg­te et vice versa.

Hel­mut Böt­ti­ger, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Ver­fas­ser meh­re­rer Wer­ke zur deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, wid­met sich in sei­ner neu­es­ten Stu­die der Be­zie­hung von In­ge­borg Bach­mann und Paul Ce­lan. Er be­leuch­tet dar­in die Sta­tio­nen ih­rer Vi­ta als Lie­ben­de wie als Schrift­stel­ler, ih­re ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung und die Aus­wir­kung auf ih­re Li­te­ra­tur. Die, so zeigt Böt­ti­ger, oft­mals in Chif­fren Re­ak­tio­nen auf die Äu­ße­run­gen des „Ge­mein­sam an­ders“ weiterlesen

Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­y­ard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­y­ard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Rea­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len Aspek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Keen als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Titel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne „Kon­strukt Welt­li­te­ra­tur“ weiterlesen

Augenstern

In „Königsallee“ erweist Hans Pleschinski einem grossen Schriftsteller und einem grossen Gefühl Reverenz

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Und was ist Treue? Sie ist Lie­be, oh­ne zu se­hen, der Sieg über ein ver­haß­tes Ver­ges­sen. Wir be­geg­nen ei­nem An­ge­sicht, das wir lie­ben, und wir wer­den wie­der da­von ge­trennt. Das Ver­ges­sen ist si­cher, al­ler Tren­nungs­schmerz ist nur Schmerz über si­che­res Ver­ges­sen. Un­se­re Ein­bil­dungs­kraft, un­ser Er­in­ne­rungs­ver­mö­gen sind schwä­cher, als wir glau­ben möch­ten. Wir wer­den nicht mehr se­hen und auf­hö­ren zu lie­ben. Was bleibt, ist die Ge­wiß­heit, daß je­des neue Zu­sam­men­tref­fen un­se­rer Na­tur mit die­ser Le­bens­er­schei­nung mit Si­cher­heit un­ser Ge­fühl er­neu­ern, uns wie­der, oder ei­gent­lich noch im­mer, sie lie­ben las­sen wird.“

1927 ver­brach­ten die Manns ih­re Som­mer­fri­sche auf Sylt. Wäh­rend sich Frau Ka­tia in der Strand­ge­sell­schaft lang­weil­te, fand Tho­mas Mann dort sei­nen Au­gen­stern. In vor­sich­ti­gen Ge­sprä­chen nä­her­te er sich dem jun­gen Klaus Heu­ser, es folg­te ei­ne Ein­la­dung in die Münch­ner Fa­mi­li­en­vil­la. Schließ­lich mach­te ein Kuss den Jun­gen zu ei­ner un­ver­ges­se­nen Begegnung.

Die­se un­er­füll­te Lie­be ver­wan­del­te Tho­mas Mann in Li­te­ra­tur und er­schuf man­che sei­ner Fi­gu­ren nach dem Vor­bild je­nes Kna­ben. Hans Ple­schin­ski sei­ner­seits formt aus der rea­len Lie­be und aus „Au­gen­stern“ weiterlesen

Gabinetto Segreto der Literatur

Im Dienst der Literatur erforscht Rainer Moritz „Wer hat den schlechtesten Sex“

9783421046444_CoverIm Neap­ler Mu­seo Na­zio­na­le fin­det sich ne­ben Mo­sai­ken und Ma­le­rei­en aus den vom Ve­suv zer­stör­ten Städ­ten ein spe­zi­el­ler Aus­stel­lungs­raum. Die­ses Ga­bi­net­to Se­gre­to war zum Schutz emp­find­sa­mer See­len lan­ge nur mit Son­der­er­laub­nis zu be­tre­ten. Wer die­se je­doch er­hielt, konn­te sich an ero­ti­schen bis derb se­xu­el­len an­ti­ken Ar­te­fak­ten er­göt­zen. Ein der­ar­ti­ges ero­ti­sches Ge­heim­ka­bi­nett im li­te­ra­ri­schen Sin­ne hat Rai­ner Mo­ritz zu­sam­men­ge­tra­gen. Der Ti­tel Wer hat den schlech­tes­ten Sex? weist auf die spe­zi­fi­sche Aus­rich­tung sei­nes Sammelgebiets.

Rai­ner Mo­ritz, Kri­ti­ker und Lei­ter des Li­te­ra­tur­hau­ses Ham­burg, wur­de nicht erst in sei­nem Stu­di­um der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten mit li­te­ra­ri­schen Feucht­ge­bie­ten kon­fron­tiert. Wie vie­le lei­den­schaft­li­che Le­ser such­te und fand er schon in jun­gen Jah­ren die bes­ten Stel­len in hei­mi­schen Bü­cher­ber­gen. Sei­ne In­itia­ti­on er­folg­te beim eher sof­ten Sex in Nar­ziß und Gold­mund, deut­li­che­re Fin­ger­zei­ge hin­ge­gen lie­fer­te ihm Da­ni­el De­foe. Ich ge­hö­re zur glei­chen Ge­nera­ti­on wie Mo­ritz und er­in­ne­re mich an ähn­li­che Er­fah­run­gen. Je­doch stieß ich „Ga­bi­net­to Se­gre­to der Li­te­ra­tur“ weiterlesen

Feuerwanzenbetriebsamkeit

Die Betrogenen“ — Michael Maars anspielungsreicher Roman über Liebe und Leid im Literaturbetrieb

maar, die betrogenenFeu­er­wan­zen trei­ben es som­mers ger­ne über­all. Wer sie da­bei stört, dem dan­ken sie es mit pe­ne­tran­tem Geruch.

Ähn­li­ches be­schreibt Mi­cha­el Maar in sei­nem an Na­tur­be­ob­ach­tun­gen rei­chen Ro­man Die Be­tro­ge­nen. Maar, als Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker für sei­ne Es­says zu Grö­ßen wie Tho­mas Mann, Mar­cel Proust, Vla­di­mir Na­bo­kov und an­de­ren be­kannt, lässt in sei­nem bel­le­tris­ti­schen De­büt an­spie­lungs­vol­le Pro­sa er­war­ten. Be­reits der Ti­tel er­in­nert an die letz­te Er­zäh­lung Tho­mas Manns, Die Be­tro­ge­ne . Hier wie dort spielt die Na­tur ei­ne Rol­le und hier wie dort ist es trotz des bei To­des­fäl­len not­wen­di­gen Ernsts, iro­nisch und amü­sant, wenn es eben­falls hier wie dort um die Lie­be geht.

In Mi­cha­el Maars pi­kan­ter Pro­sa spielt die­se im Li­te­ra­tur­be­trieb. Wir be­geg­nen ei­nem Kri­ti­ker mitt­le­ren Al­ters, der sich an­schickt zum Bio­gra­phen des Groß­au­tors Ar­thur Bitt­ner zu avan­cie­ren. Der Ver­trag mit dem Ver­lag und die Über­ein­kunft mit Bitt­ner sind schon ge­trof­fen. Da er­for­dert der plötz­li­che Tod des Ver­le­gers den Be­such des Bio­gra­phen auf der Be­er­di­gung und ein nach­fol­gen­des Tref­fen mit dem Schrift­stel­ler. Bitt­ner will sei­ne ei­ge­ne „Feu­er­wan­zen­be­trieb­sam­keit“ weiterlesen

Literatur versus Religion

Norbert Gstrein erzählt in Eine Ahnung vom Anfang von der Last der Verantwortung

DBLIch hat­te ihm vom ers­ten Schul­jahr an, in dem ich sein Leh­rer war, Bü­cher ge­lie­hen, und wenn man woll­te, fand man dar­un­ter auch Ti­tel, die an­ge­tan wa­ren, ihn für ei­nen nor­ma­len All­tag un­taug­lich zu ma­chen, aber Hun­der­te, Tau­sen­de von Leu­ten lie­ben die­sel­ben Bü­cher und wis­sen da­mit um­zu­ge­hen, füh­len sich je­den­falls nicht auf­ge­ru­fen, das ei­ge­ne Le­ben zu sa­bo­tie­ren, wie er es ge­tan hat.“ S. 45

Bü­cher kön­nen hel­fen, die gro­ßen Sinn­fra­gen zu be­ant­wor­ten, die sich fast je­dem ab Be­ginn der Pu­ber­tät stel­len. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve jen­seits der Li­te­ra­tur bie­tet die Re­li­gi­on. Wie ein Gleich­nis über Macht und Ohn­macht die­ser bei­den Ima­gi­na­ti­ons­wel­ten und den Des­il­lu­sio­nie­run­gen, de­nen sie ge­gen­über der Rea­li­tät aus­ge­setzt sind, liest sich Nor­bert Gst­reins Ro­man Ei­ne Ah­nung vom An­fang. Er zeigt auch die Schwie­rig­kei­ten des Er­in­nerns, das im Wunsch Kau­sa­li­tä­ten zu kon­stru­ie­ren, sub­jek­ti­ver In­ter­pre­ta­ti­on und Psy­cho­lo­gi­sie­rung unterliegt.

Gstrein_24334_MR.inddSo er­geht es dem Deutsch- und Ge­schichts­leh­rer An­ton, als er den Be­richt über ei­ne Bom­ben­dro­hung liest und auf dem un­schar­fen Bild der Über­wa­chungs­ka­me­ra ei­nen ehe­ma­li­gen Schü­ler zu er­ken­nen glaubt. Da­ni­el, hy­per­sen­si­bel und hoch­be­gabt, war ihm nicht nur als sehr gu­ter Schü­ler auf­ge­fal­len, son­dern durch ein paar ge­mein­sam ver­brach­te Som­mer­wo­chen ver­traut ge­wor­den. Da­ni­els zö­ger­li­che Ori­en­tie­rung nach dem Ab­itur, sein re­li­giö­ser Tick und sei­ne Schwie­rig­kei­ten mit Frau­en, schei­nen Grund und Fol­ge für Da­ni­els Aus­der­welt­ge­fal­lensein. Doch steckt er auch hin­ter dem an­ge­droh­ten Attentat?

In den drei Tei­len sei­nes Ro­mans schil­dert Gst­rein in at­mo­sphä­ri­scher Spra­che die äu­ße­ren Ge­ge­ben­hei­ten ei­nes ab­ge­le­ge­nen Na­tur­idylls und die in­ne­ren Zu­stän­de von Frei­heit und Re­strik­ti­on. Da­mals im Som­mer ge­noss An­ton die Ein­sam­keit auf ei­nem Müh­len­grund­stück am Fluss. Dort­hin zog er sich zu­rück, an den Nach­mit­ta­gen kurz vor den Som­mer­fe­ri­en, um „Li­te­ra­tur ver­sus Re­li­gi­on“ weiterlesen

Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

Pierre Bayard plädiert in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat für einen neuen Umgang mit Literatur

Pierre BayardNoch be­vor ein ge­bil­de­ter, neu­gie­ri­ger Mensch ein Buch auf­ge­schla­gen hat, kann schon sein Ti­tel oder ein kur­zer Blick auf den Um­schlag ei­ne Rei­he von Bil­dern und Ein­drü­cken bei ihm her­vor­ru­fen, die nur dar­auf war­ten, in ei­ne ers­te Mei­nung ver­wan­delt zu werden.“

Mit ei­ner mei­ner Freun­din­nen re­de ich ger­ne über Li­te­ra­tur, auch wenn die Schnitt­men­ge un­se­rer ge­le­se­nen Bü­cher re­la­tiv klein ist. Sie greift zwi­schen­durch ger­ne mal zum ak­tu­el­len Schwe­den­thril­ler oder zum an­ge­sag­ten Ju­gend­ro­man, um an ih­rer Schu­le mit Kol­le­gen und  Kli­en­tel mit­re­den zu kön­nen, wäh­rend mein Le­se­fut­ter manch­mal in ih­ren Pflicht­be­reich fällt. Doch wir be­schrän­ken un­se­re Dis­kus­sio­nen nicht auf die­se tat­säch­lich ge­mein­sam ge­le­se­nen Bü­cher. Es bleibt auch nicht bei ei­nem ge­gen­sei­ti­gen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch an Le­se­tipps und War­nun­gen. Je­de hat ih­re ei­ge­ne Mei­nung zu dem je­wei­li­gen Buch, ob ge­le­sen oder nicht. Nicht sel­ten ge­ra­ten wir so­gar in ei­ne leb­haf­te Debatte.

Ist dies nun statt­haft? Darf man über Din­ge re­den, die man nicht „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ weiterlesen