Saftige Lesefrucht

Stephen Fry legt mit „Helden“ den zweiten Band seiner Trilogie antiker Mythen vor

Die Göt­ter in den grie­chi­schen My­then ste­hen für mensch­li­che Mo­ti­ve und An­trie­be, die uns im­mer noch rät­sel­haft vorkommen.“

Als Kind bin ich mit Gus­tav Schwab in die Welt der an­ti­ken My­then ein­ge­taucht. Sie ha­ben mich seit­dem nicht mehr los­ge­las­sen, wie sich un­schwer am Ti­tel mei­nes Blogs er­ken­nen lässt. Ata­lan­te, die ar­ka­di­sche Jä­ge­rin, fehlt auch nicht bei Fry, doch da­zu spä­ter mehr.

Die li­te­ra­ri­schen, aber auch die bild­li­chen Dar­stel­lun­gen an­ti­ker My­then, bie­ten im­mer wie­der An­lass, sich mit ih­nen zu be­schäf­ti­gen. Sei­en es die Spiel­sze­ne zwi­schen Ajax und Achill auf der schwarz­fi­gu­ri­gen Exe­ki­as-Am­pho­re, der Sar­ko­phag aus Per­ge mit den Ta­ten des He­ra­kles oder auch Ti­zi­ans be­rühm­tes Ge­mäl­de „Bac­chus und Ari­ad­ne“. Wer die Ge­schich­ten kennt, die ei­ne Viel­zahl von Bild­wer­ken er­zäh­len, ist gut ge­rüs­tet. Das gilt nicht we­ni­ger für die Li­te­ra­tur. Und es sind auch Schrift­stel­ler, die sich im­mer wie­der in der Er­zäh­lung an­ti­ker Stof­fe ver­su­chen. Es sei hier nur auf Mi­cha­el Köhl­mey­er und Raoul Schrott ver­wie­sen. Zu­letzt war ich von Da­ni­el Men­delsohn sehr be­ein­druckt, der die Er­in­ne­run­gen an sei­nen Va­ter mit sei­ner Ver­si­on von Ho­mers Odys­see ver­wob. Nun lie­gen mit „Hel­den“, der zwei­te Teil­band, der von Ste­phen Fry er­zähl­ten an­ti­ken My­then vor.

Zu­sam­men mit dem Vor­gän­ger „My­thos“, den Fry den Ti­ta­nen und der Er­schaf­fung des Men­schen­ge­schlechts wid­met, und ei­nem noch nicht er­schie­ne­nen Band, in dem er vom Tro­ja­ni­schen Krieg und des­sen Fol­gen er­zäh­len will, bil­det „Hel­den“ ei­ne Tri­lo­gie der Klas­si­schen My­then der Grie­chen. Erst­mals ver­wirk­licht hat Fry die Idee sei­ner My­then­ver­si­on als Thea­ter­stück, auf­ge­führt 2018 im Shaw Theat­re in Niagara-on-the-Lake.

Das vor­lie­gen­de Buch hat er um wei­te­re He­ro­en und He­ro­in­nen, z.B. die un­ver­gess­li­che Ata­lan­te, er­wei­tert. Da­bei folgt er ei­ner Chro­no­lo­gie, die sich quel­len­be­dingt schon bei Schwab fin­det. Wir hö­ren nach ei­ner kur­zen Ein­füh­rung von den Hel­den­ta­ten des Per­seus, der die Gor­go Me­du­sa ei­nen Kopf kür­zen mach­te und da­mit pas­send für Athe­nes Brust­pan­zer, wo sie zu­dring­li­che Gaf­fer be­straft. Es folgt der wohl be­rühm­tes­te Held der An­ti­ke, He­ra­kles, und des­sen zwölf Ta­ten, de­ren Voll­endung sei­nen Auf­trag­ge­ber Eu­ry­stheus meist pa­nisch in den Pit­tos jag­ten. Das Flü­gel­pferd Bel­lero­phon, Or­pheus, der Sän­ger mit Hang zur Un­ter­welt, der Jä­ger Ja­son und die Jä­ge­rin Ata­lan­te, der ver­zwei­felt ver­wirr­te Ödi­pus und schließ­lich The­seus, der oh­ne Ari­ad­ne nie aus dem La­by­rinth ge­fun­den hät­te, schlie­ßen sich an. All” die­se Ge­stal­ten be­frei­ten die an­ti­ke Welt von Un­ge­mach und be­rei­te­ten, wenn man Frys „Schluss­stro­phe“ folgt, die Ba­sis für das auf­ge­klär­te Be­wusst­sein des mo­der­nen Menschen.

Ste­phen Fry wählt ei­nen lo­cke­ren Ton für sei­ne Nach­schöp­fung, die den schon in den Ur­fas­sun­gen an­ge­leg­ten Witz deut­lich spü­ren lässt. Und wie soll­te man auch nicht wit­zig er­zäh­len von den durch­aus schwie­ri­gen, aber stets amü­san­ten Aben­teu­ern der Hel­den und Hel­din­nen. Die Ta­ten des He­ra­kles wur­den nicht nur in der Mo­der­ne un­ter­halt­sam in­ter­pre­tiert — ich er­in­ne­re mich leb­haft an ei­ne Zei­chen­trick­fol­ge im Deut­schen Fern­se­hen. Sie dien­ten auch in der An­ti­ke dem Amü­se­ment, wie vor al­lem Ma­le­rei­en auf Va­sen und Wän­den zei­gen. Auf mei­nem Schreib­tisch steht ei­ne Post­kar­te mit dem Aus­schnitt ei­ner Wand­ma­le­rei aus dem Haus der Vet­tier in Pom­pe­ji. Sie zeigt He­ra­kles als bä­ren­star­kes Ba­by lao­ko­on­gleich von Schlan­gen um­schlun­gen. Wie die Ge­schich­te aus­geht, zeigt der Ti­tel der Post­kar­te, de­ren deut­sche Über­set­zung der Über­ra­schung, die na­tür­lich auch bei Fry nicht fehlt, in nichts nach­steht, „Kna­be Er­co­le was gur­gel Schlan­gen“.

My­tho­lo­gie macht al­so Spaß und eig­net sich ganz her­vor­ra­gend zur Un­ter­hal­tung. So­gar als Vor­le­se­stoff für Vor­schul­kin­der bie­tet sie wie Grimms Mär­chen mehr Phan­ta­sie als Nin­ja Turt­les, auch wenn sich auch dar­über la­chen lässt. Es ist ein­fach lus­tig zu le­sen oder mit an­zu­hö­ren, wie He­ra­kles das über­wäl­tig­te Mons­ter oder die Res­te da­von zu dem ge­mei­nen Eu­ry­stheus bringt, der sich bib­bernd in ei­nem rie­si­gen Vor­rats­ge­fäß ver­birgt. Ei­ne schö­ne Dar­stel­lung die­ser Sze­ne fin­det man auf ei­ner schwarz­fi­gu­ri­gen Hy­dra im Louvre.

An­ders als Schwab ge­lingt es Fry nicht nur tref­fend den Witz her­aus­zu­ar­bei­ten, er ver­sucht auch, die teil­wei­se wi­der­sprüch­li­chen oder bruch­stück­haf­ten Quel­len zu ei­ner kon­sis­ten­ten Ge­schich­te zu ge­stal­ten. Da­bei wird man­ches ver­mischt oder zu­sam­men­ge­zo­gen, die­ser Eklek­ti­zis­mus liegt je­doch in der Na­tur der Sa­che oder bes­ser in ih­rer my­thi­schen Ver­gan­gen­heit. Auch bei Ata­lan­te, mein be­son­ders Au­gen­merk ist ver­ständ­lich, lie­gen ver­schie­de­ne An­ga­ben zu­grun­de. Apol­lo­dor, He­si­od und Ovid schrei­ben ihr ver­schie­de­ne Vä­ter zu, Schoi­n­eus und Ia­sos, und ver­schie­de­ne Her­kunfts­ge­gen­den, Ar­ka­di­en und Böo­ti­en. Mal ist sie ei­ne Jä­ge­rin, die ih­re Pfei­le ziel­si­cher auf Schwei­ne und Män­ner ab­schießt, mal ei­ne Jung­frau, die den letz­te­ren am liebs­ten da­von­läuft. Viel­leicht war sie auch bei­des zu­gleich, wie Fry phan­ta­sie­voll ver­mu­tet. Wer dem auf den Grund ge­hen möch­te, fin­det in Frys An­hän­gen, in sei­nem Nach­wort und dem Ver­zeich­nis der my­tho­lo­gi­schen Ge­stal­ten ei­ni­ge Hin­wei­se. Ma­te­ri­al bie­tet auch Der Klei­ne Pau­ly“, um nicht di­rekt auf die RE zu ver­wei­sen, oder auf das weit­aus hand­li­che­re, un­über­treff­li­che „Le­xi­kon der grie­chi­schen und rö­mi­schen My­tho­lo­gie“ von Her­bert Hun­ger, das mich seit 40 Jah­ren als Ro­wohlt Ta­schen­buch­aus­ga­be be­glei­tet und lei­der nur noch an­ti­qua­risch er­hält­lich ist.

Was al­le die­se Hand­bü­cher und die äl­te­ren Über­set­zun­gen wie Schwab nicht bie­ten, ist die Le­ben­dig­keit mit der Fry in die Welt der An­ti­ke ent­führt. Far­big schil­dert er in bild­haf­ter Spra­che wie es bei­spiels­wei­se hät­te zu­ge­hen kön­nen in der rup­pi­gen Jagd­ge­sell­schaft des Me­le­ager und wir ver­fol­gen, wie blu­tig fast al­le Pfei­le da­ne­ben­ge­hen be­vor der Eber end­lich am Bo­den liegt. In sei­ner hand­lungs­star­ken Dras­tik hat mich das wie­der­um an Schrotts Ili­as und an Men­delsohns Odys­see erinnert.

Fry scheut sich nicht mo­der­ne Re­de­wei­sen zu ver­wen­den oder die Le­se­rin mit ana­chro­nis­ti­schen Ver­glei­chen zu er­freu­en. Da brennt „in den Oh­ren von Zeus (…) die Nen­nung (s)eines Na­mens wie Zi­tro­nen­saft in der Wun­de“, ei­ne Nacht mit Zeus und mit Am­phy­t­r­i­on be­schert Alk­me­ne ei­ne „Su­per­fe­kun­da­ti­on“, als de­ren ei­ne Frucht He­ra­kles ent­springt, der „weit da­von ent­fernt ist, das hells­te Pi­xel auf dem Bild­schirm zu sein“. Viel­leicht gibt Fry die­sem Hel­den bei der schier un­er­füll­bar schei­nen­den Auf­ga­be, den Au­gi­as­stall aus­zu­mis­ten, des­halb den Rat, „Wie Yo­da es schon vor lan­ger Zeit in ei­ner sehr, sehr weit ent­fern­ten Ga­la­xie for­mu­liert hat­te: Tu es. Oder tu es nicht. Es ist ein Versuch.“.

Frys Ver­such mit „Hel­den“ die an­ti­ken My­then zu ent­stau­ben und bei Le­sern, die nicht mit dem Schwab auf den Knien groß­ge­wor­den sind, In­ter­es­se für die Ge­schich­ten der An­ti­ke zu we­cken, ist ge­glückt. Die Deu­tung von My­tho­lo­gie ist, so Fry in sei­nem Nach­wort, „ein wei­tes Feld, auf dem je­der­mann sä­en und ern­ten kann“. In die­sem Sin­ne ist Ste­phen Fry ei­ne äu­ßerst saf­ti­ge Le­se­frucht gelungen.

Ste­phen Fry, Hel­den, übers. v. Mat­thi­as Frings, Auf­bau Ver­lag 2020

Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf die­sen Sei­ten fin­det sich vie­les, von dem ich nie je­man­dem er­zählt ha­be. Es ist selt­sam, wie der Akt des Schrei­bens zu Ge­ständ­nis­sen führt. Nicht, dass es nicht auch da­zu führt, das Blaue vom Him­mel herunterzulügen.“

Man­chem Le­ser mag beim Blick auf das Buch un­wohl wer­den, wenn auch nicht so sehr wie mei­nem Freund. Mit Schre­cken denkt die­ser dar­an zu­rück, wie ein paar mun­te­re Er­wach­se­ne, al­len vor­an sei­ne El­tern, ihn auf den Rü­cken ei­nes rie­si­gen Hun­des hiev­ten. Das Ge­schrei des Drei­jäh­ri­gen war groß, das Reit­tier blieb je­doch ge­las­sen. Es war ei­ne Dog­ge, und da die Ge­schich­te im süd­li­chen Skan­di­na­vi­en spiel­te, ei­ne dä­ni­sche, auch wenn, wie Sig­rid Nu­n­ez in ih­rem Ro­man Der Freund er­klärt, die­se Ras­se als deutsch be­zeich­net wird. Ob der sanf­te Rie­se von da­mals, wie der Hund im Ro­man ei­ne Har­le­kin­dog­ge mit schwar­zen Fle­cken auf wei­ßem Fell  war, ist nicht mehr im Ge­dächt­nis. Ge­blie­ben ist je­doch die Pho­bie. Mein Freund wür­de al­so nie­mals das tun, was in Nu­n­ez‘ Buch ge­schieht, ei­nen hin­ter­las­se­nen Hund aufnehmen.

Sig­rid Nu­n­ez‘ Ich-Er­zäh­le­rin, wie die­se Schrift­stel­le­rin und Do­zen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben, steht zu­nächst wi­der­wil­lig die­sem Er­be ge­gen­über, nach­dem ihr bes­ter Freund den Tod ge­wählt hat. Noch wäh­rend sie trau­ert und nach Ant­wor­ten sucht, er­hält sie die Bot­schaft, daß „Dich­ter-Dog­ge“ wei­ter­le­sen

Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich ha­be ei­nen Mann ge­kannt, der hieß Hans, und er war an­ders als al­le an­de­ren. Noch ei­nen kann­te ich, der war auch an­ders als al­le an­de­ren. Dann ei­nen, der war ganz an­ders als al­le an­de­ren und er hieß Hans, ich lieb­te ihn.“ 

Die­se Zei­len in In­ge­borgs Bach­manns Er­zäh­lung „Un­di­ne geht“ wei­sen auf die gro­ßen Lie­ben der Au­torin hin, Hans We­igel, Paul Ce­lan und Hans Wer­ner Hen­ze. Ih­nen räumt auch Hel­mut Böt­ti­ger in sei­nem neu­en Buch „Wir sa­gen uns Dunk­les“ ei­nen Platz ein. Das Er­geb­nis von Böt­tin­gers viel­fäl­ti­gen Ana­ly­sen zeigt al­ler­dings, daß Paul Ce­lan, der Mitt­le­re in Bach­manns Zi­tat, wie kein an­de­rer die Frau und die Schrift­stel­le­rin In­ge­borg Bach­mann präg­te et vice versa.

Hel­mut Böt­ti­ger, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Ver­fas­ser meh­re­rer Wer­ke zur deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, wid­met sich in sei­ner neu­es­ten Stu­die der Be­zie­hung von In­ge­borg Bach­mann und Paul Ce­lan. Er be­leuch­tet dar­in die Sta­tio­nen ih­rer Vi­ta als Lie­ben­de wie als Schrift­stel­ler, ih­re ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung und die Aus­wir­kung auf ih­re Li­te­ra­tur. Die, so zeigt Böt­ti­ger, oft­mals in Chif­fren Re­ak­tio­nen auf die Äu­ße­run­gen des „Ge­mein­sam an­ders“ wei­ter­le­sen

Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­y­ard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­y­ard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Rea­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len Aspek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Keen als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Titel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne „Kon­strukt Welt­li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Augenstern

In „Königsallee“ erweist Hans Pleschinski einem grossen Schriftsteller und einem grossen Gefühl Reverenz

9783423144162

Und was ist Treue? Sie ist Lie­be, oh­ne zu se­hen, der Sieg über ein ver­haß­tes Ver­ges­sen. Wir be­geg­nen ei­nem An­ge­sicht, das wir lie­ben, und wir wer­den wie­der da­von ge­trennt. Das Ver­ges­sen ist si­cher, al­ler Tren­nungs­schmerz ist nur Schmerz über si­che­res Ver­ges­sen. Un­se­re Ein­bil­dungs­kraft, un­ser Er­in­ne­rungs­ver­mö­gen sind schwä­cher, als wir glau­ben möch­ten. Wir wer­den nicht mehr se­hen und auf­hö­ren zu lie­ben. Was bleibt, ist die Ge­wiß­heit, daß je­des neue Zu­sam­men­tref­fen un­se­rer Na­tur mit die­ser Le­bens­er­schei­nung mit Si­cher­heit un­ser Ge­fühl er­neu­ern, uns wie­der, oder ei­gent­lich noch im­mer, sie lie­ben las­sen wird.“

1927 ver­brach­ten die Manns ih­re Som­mer­fri­sche auf Sylt. Wäh­rend sich Frau Ka­tia in der Strand­ge­sell­schaft lang­weil­te, fand Tho­mas Mann dort sei­nen Au­gen­stern. In vor­sich­ti­gen Ge­sprä­chen nä­her­te er sich dem jun­gen Klaus Heu­ser, es folg­te ei­ne Ein­la­dung in die Münch­ner Fa­mi­li­en­vil­la. Schließ­lich mach­te ein Kuss den Jun­gen zu ei­ner un­ver­ges­se­nen Begegnung.

Die­se un­er­füll­te Lie­be ver­wan­del­te Tho­mas Mann in Li­te­ra­tur und er­schuf man­che sei­ner Fi­gu­ren nach dem Vor­bild je­nes Kna­ben. Hans Ple­schin­ski sei­ner­seits formt aus der rea­len Lie­be und aus „Au­gen­stern“ wei­ter­le­sen

Gabinetto Segreto der Literatur

Im Dienst der Literatur erforscht Rainer Moritz „Wer hat den schlechtesten Sex“

9783421046444_CoverIm Neap­ler Mu­seo Na­zio­na­le fin­det sich ne­ben Mo­sai­ken und Ma­le­rei­en aus den vom Ve­suv zer­stör­ten Städ­ten ein spe­zi­el­ler Aus­stel­lungs­raum. Die­ses Ga­bi­net­to Se­gre­to war zum Schutz emp­find­sa­mer See­len lan­ge nur mit Son­der­er­laub­nis zu be­tre­ten. Wer die­se je­doch er­hielt, konn­te sich an ero­ti­schen bis derb se­xu­el­len an­ti­ken Ar­te­fak­ten er­göt­zen. Ein der­ar­ti­ges ero­ti­sches Ge­heim­ka­bi­nett im li­te­ra­ri­schen Sin­ne hat Rai­ner Mo­ritz zu­sam­men­ge­tra­gen. Der Ti­tel Wer hat den schlech­tes­ten Sex? weist auf die spe­zi­fi­sche Aus­rich­tung sei­nes Sammelgebiets.

Rai­ner Mo­ritz, Kri­ti­ker und Lei­ter des Li­te­ra­tur­hau­ses Ham­burg, wur­de nicht erst in sei­nem Stu­di­um der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten mit li­te­ra­ri­schen Feucht­ge­bie­ten kon­fron­tiert. Wie vie­le lei­den­schaft­li­che Le­ser such­te und fand er schon in jun­gen Jah­ren die bes­ten Stel­len in hei­mi­schen Bü­cher­ber­gen. Sei­ne In­itia­ti­on er­folg­te beim eher sof­ten Sex in Nar­ziß und Gold­mund, deut­li­che­re Fin­ger­zei­ge hin­ge­gen lie­fer­te ihm Da­ni­el De­foe. Ich ge­hö­re zur glei­chen Ge­nera­ti­on wie Mo­ritz und er­in­ne­re mich an ähn­li­che Er­fah­run­gen. Je­doch stieß ich „Ga­bi­net­to Se­gre­to der Li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Feuerwanzenbetriebsamkeit

Die Betrogenen“ — Michael Maars anspielungsreicher Roman über Liebe und Leid im Literaturbetrieb

maar, die betrogenenFeu­er­wan­zen trei­ben es som­mers ger­ne über­all. Wer sie da­bei stört, dem dan­ken sie es mit pe­ne­tran­tem Geruch.

Ähn­li­ches be­schreibt Mi­cha­el Maar in sei­nem an Na­tur­be­ob­ach­tun­gen rei­chen Ro­man Die Be­tro­ge­nen. Maar, als Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker für sei­ne Es­says zu Grö­ßen wie Tho­mas Mann, Mar­cel Proust, Vla­di­mir Na­bo­kov und an­de­ren be­kannt, lässt in sei­nem bel­le­tris­ti­schen De­büt an­spie­lungs­vol­le Pro­sa er­war­ten. Be­reits der Ti­tel er­in­nert an die letz­te Er­zäh­lung Tho­mas Manns, Die Be­tro­ge­ne . Hier wie dort spielt die Na­tur ei­ne Rol­le und hier wie dort ist es trotz des bei To­des­fäl­len not­wen­di­gen Ernsts, iro­nisch und amü­sant, wenn es eben­falls hier wie dort um die Lie­be geht.

In Mi­cha­el Maars pi­kan­ter Pro­sa spielt die­se im Li­te­ra­tur­be­trieb. Wir be­geg­nen ei­nem Kri­ti­ker mitt­le­ren Al­ters, der sich an­schickt zum Bio­gra­phen des Groß­au­tors Ar­thur Bitt­ner zu avan­cie­ren. Der Ver­trag mit dem Ver­lag und die Über­ein­kunft mit Bitt­ner sind schon ge­trof­fen. Da er­for­dert der plötz­li­che Tod des Ver­le­gers den Be­such des Bio­gra­phen auf der Be­er­di­gung und ein nach­fol­gen­des Tref­fen mit dem Schrift­stel­ler. Bitt­ner will sei­ne ei­ge­ne „Feu­er­wan­zen­be­trieb­sam­keit“ wei­ter­le­sen

Literatur versus Religion

Norbert Gstrein erzählt in Eine Ahnung vom Anfang von der Last der Verantwortung

DBLIch hat­te ihm vom ers­ten Schul­jahr an, in dem ich sein Leh­rer war, Bü­cher ge­lie­hen, und wenn man woll­te, fand man dar­un­ter auch Ti­tel, die an­ge­tan wa­ren, ihn für ei­nen nor­ma­len All­tag un­taug­lich zu ma­chen, aber Hun­der­te, Tau­sen­de von Leu­ten lie­ben die­sel­ben Bü­cher und wis­sen da­mit um­zu­ge­hen, füh­len sich je­den­falls nicht auf­ge­ru­fen, das ei­ge­ne Le­ben zu sa­bo­tie­ren, wie er es ge­tan hat.“ S. 45

Bü­cher kön­nen hel­fen, die gro­ßen Sinn­fra­gen zu be­ant­wor­ten, die sich fast je­dem ab Be­ginn der Pu­ber­tät stel­len. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve jen­seits der Li­te­ra­tur bie­tet die Re­li­gi­on. Wie ein Gleich­nis über Macht und Ohn­macht die­ser bei­den Ima­gi­na­ti­ons­wel­ten und den Des­il­lu­sio­nie­run­gen, de­nen sie ge­gen­über der Rea­li­tät aus­ge­setzt sind, liest sich Nor­bert Gst­reins Ro­man Ei­ne Ah­nung vom An­fang. Er zeigt auch die Schwie­rig­kei­ten des Er­in­nerns, das im Wunsch Kau­sa­li­tä­ten zu kon­stru­ie­ren, sub­jek­ti­ver In­ter­pre­ta­ti­on und Psy­cho­lo­gi­sie­rung unterliegt.

Gstrein_24334_MR.inddSo er­geht es dem Deutsch- und Ge­schichts­leh­rer An­ton, als er den Be­richt über ei­ne Bom­ben­dro­hung liest und auf dem un­schar­fen Bild der Über­wa­chungs­ka­me­ra ei­nen ehe­ma­li­gen Schü­ler zu er­ken­nen glaubt. Da­ni­el, hy­per­sen­si­bel und hoch­be­gabt, war ihm nicht nur als sehr gu­ter Schü­ler auf­ge­fal­len, son­dern durch ein paar ge­mein­sam ver­brach­te Som­mer­wo­chen ver­traut ge­wor­den. Da­ni­els zö­ger­li­che Ori­en­tie­rung nach dem Ab­itur, sein re­li­giö­ser Tick und sei­ne Schwie­rig­kei­ten mit Frau­en, schei­nen Grund und Fol­ge für Da­ni­els Aus­der­welt­ge­fal­lensein. Doch steckt er auch hin­ter dem an­ge­droh­ten Attentat?

In den drei Tei­len sei­nes Ro­mans schil­dert Gst­rein in at­mo­sphä­ri­scher Spra­che die äu­ße­ren Ge­ge­ben­hei­ten ei­nes ab­ge­le­ge­nen Na­tur­idylls und die in­ne­ren Zu­stän­de von Frei­heit und Re­strik­ti­on. Da­mals im Som­mer ge­noss An­ton die Ein­sam­keit auf ei­nem Müh­len­grund­stück am Fluss. Dort­hin zog er sich zu­rück, an den Nach­mit­ta­gen kurz vor den Som­mer­fe­ri­en, um „Li­te­ra­tur ver­sus Re­li­gi­on“ wei­ter­le­sen

Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

Pierre Bayard plädiert in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat für einen neuen Umgang mit Literatur

Pierre BayardNoch be­vor ein ge­bil­de­ter, neu­gie­ri­ger Mensch ein Buch auf­ge­schla­gen hat, kann schon sein Ti­tel oder ein kur­zer Blick auf den Um­schlag ei­ne Rei­he von Bil­dern und Ein­drü­cken bei ihm her­vor­ru­fen, die nur dar­auf war­ten, in ei­ne ers­te Mei­nung ver­wan­delt zu werden.“

Mit ei­ner mei­ner Freun­din­nen re­de ich ger­ne über Li­te­ra­tur, auch wenn die Schnitt­men­ge un­se­rer ge­le­se­nen Bü­cher re­la­tiv klein ist. Sie greift zwi­schen­durch ger­ne mal zum ak­tu­el­len Schwe­den­thril­ler oder zum an­ge­sag­ten Ju­gend­ro­man, um an ih­rer Schu­le mit Kol­le­gen und  Kli­en­tel mit­re­den zu kön­nen, wäh­rend mein Le­se­fut­ter manch­mal in ih­ren Pflicht­be­reich fällt. Doch wir be­schrän­ken un­se­re Dis­kus­sio­nen nicht auf die­se tat­säch­lich ge­mein­sam ge­le­se­nen Bü­cher. Es bleibt auch nicht bei ei­nem ge­gen­sei­ti­gen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch an Le­se­tipps und War­nun­gen. Je­de hat ih­re ei­ge­ne Mei­nung zu dem je­wei­li­gen Buch, ob ge­le­sen oder nicht. Nicht sel­ten ge­ra­ten wir so­gar in ei­ne leb­haf­te Debatte.

Ist dies nun statt­haft? Darf man über Din­ge re­den, die man nicht „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ wei­ter­le­sen

Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erinnert Sigrid Damm an ihre Entdeckung des Südens

dammIm ho­hen Nor­den füh­le ich mich so­fort auf mein gan­zes Le­ben be­ru­higt, bin mit­ten im Le­ben, mit­ten in die­ser Un­end­lich­keit, hier aber, in Rom, emp­fin­de ich mich am äu­ßers­ten Rand ei­ner be­gra­be­nen Zeit.“

Wo­hin mit mir“, die­ser Ti­tel er­in­nert an frau­en­be­weg­te Selbst­fin­dungs­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger Jah­re, der­ar­ti­ges klingt in die­sem rö­mi­schen Rei­se­buch durch­aus an. Die aus der DDR stam­men­de Au­torin Sig­rid Damm wur­de mit Bü­chern über his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen Li­te­ra­tur be­kannt, vor al­lem mit ih­rem 1998 er­schie­nen Ti­tel „Chris­tia­ne und Goe­the“.

Die Fer­tig­stel­lung die­ses Wer­kes liegt 1999 ge­ra­de ein Jahr hin­ter ihr und sie plant be­reits ein neu­es Pro­jekt. In ih­rer neu­en Wahl­hei­mat Nord­schwe­den will sie zu­sam­men mit ih­ren bei­den Söh­nen ein Buch über Lapp­land schrei­ben, da er­hält sie ein Sti­pen­di­um der Ca­sa di Goe­the.

Ein hal­bes Jahr in Rom, grö­ßer könn­te der Ge­gen­satz zu ih­ren jet­zi­gen Le­bens­um­stän­den nicht sein. Er of­fen­bart sich auch in ih­ren Er­war­tun­gen und in den ers­ten „Vom En­de der Welt nach Ar­ka­di­en“ wei­ter­le­sen