Der Vergangenheit ihre Privatsphäre rauben

Ian McEwan gewährt in „Was wir wissen können“ einen kritischen Blick in die Gegenwart

Al­les, was je durchs In­ter­net ström­te, ist wohl­be­hü­tet in Neu-La­gos ge­spei­chert und wur­de längst ka­ta­lo­gi­siert. Durch Fort­schrit­te in Quan­ten­com­pu­ting und Ma­the­ma­tik wur­de al­les ge­knackt, was einst ver­schlüs­selt war. Wie gern wür­de ich den Men­schen vor hun­dert Jah­ren durch ein Loch in der Zeit­de­cke zu­ru­fen: Wollt ihr eu­re Ge­heim­nis­se wah­ren, flüs­tert sie ins Ohr eu­res liebs­ten, ver­trau­ens­wür­digs­ten Freun­des. Ver­traut nie der Tas­ta­tur und dem Bild­schirm. Wenn ihr das tut, wer­den wir al­les erfahren.“

Was gibt es Bes­se­res für ei­ne li­te­ra­tur­lie­ben­de His­to­ri­ke­rin als ei­nen Ro­man, der in der Zu­kunft spielt und auf der Su­che nach ei­nem Schatz in ei­ne Ver­gan­gen­heit taucht, die in der Le­bens­zeit der Le­se­rin liegt? Ob es sich bei Ian McE­wans Ro­man „Was wir wis­sen kön­nen“ um ei­ne Dys­to­pie oder ei­ne Uto­pie han­delt, ist nicht ein­deu­tig zu ent­schei­den. Klar ist je­doch, daß in den Jahr­zehn­ten vor 2119 so man­ches schief­ge­lau­fen ist. Ge­nau­er ge­sagt, wa­ren die Men­schen des 21. Jahr­hun­derts, wie wir wis­sen, ein­fach nicht klug, denn sie lie­ßen Kli­ma­ka­ta­stro­phe, Krie­ge so­wie die so­zi­al sa­bo­tie­ren­den Me­di­en ein­fach zu. McE­wan gar­niert sei­nen mah­nen­den Blick auf die Fol­gen mit ei­nem ge­hö­ri­gen Au­gen­zwin­kern und er­zeugt Ver­blüf­fung mit Sät­zen wie: „Als sich Sau­di-Ara­bi­en mit Is­ra­el für ei­nen Ein­marsch in den Iran ver­bün­de­te um zu ver­hin­dern, dass das Land in den Be­sitz von Nu­kle­ar­waf­fen ge­riet, muss­ten sie fest­stel­len, dass die längst vor­han­den wa­ren.“.

Der­ar­ti­ge Aus­sa­gen mö­gen aus Ge­sprä­chen mit dem His­to­ri­ker Ti­mo­thy Gar­ton Ash her­vor­ge­gan­gen sein. Dem Freund wid­met er den Ro­man, gab die­ser doch den Hin­weis auf das Ge­dicht „Mar­s­ton Me­a­dows: A co­ro­na for Prue“ von John Ful­ler. Es dient in Form und The­ma als Vor­bild für den ver­schol­le­nen li­te­ra­ri­schen Schatz des Ro­mans, den So­net­ten­kranz des Ly­ri­kers Fran­cis Blun­dy. „Ein So­net­ten­kranz ist ein ein­drucks­vol­les Un­ter­fan­gen. Die letz­te Zei­le je­des So­netts wird mit der ers­ten Zei­le des nächs­ten wie­der­holt. Das fünf­zehn­te So­nett, der ›Kranz‹, muss die je ers­te Zei­le der vor­her­ge­hen­den vier­zehn wie­der­ho­len und Sinn ergeben.“

Nicht nur aus die­sem Grund in­ter­es­siert sich der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker Tho­mas Met­cal­fe für das Werk. Es gab nur ei­ne ein­zi­ge Ab­schrift auf Per­ga­ment, die Blun­dy sei­ner Frau Vi­vi­en im Jahr 2014 schenk­te, nach­dem er es auf ih­rer Ge­burts­tags­fei­er vor­ge­tra­gen hat­te. Ruhm und Ge­rüch­te ran­ken sich um das un­ver­öf­fent­lich­te ex­klu­si­ve Ex­em­plar und ma­chen es zum Hei­li­gen Gral der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker, zu­min­dest der­je­ni­gen, die wie Met­cal­fe auf die Epo­che zwi­schen 1990 und 2030 spe­zia­li­siert sind. Die Su­che ge­rät für Tom zur Ob­ses­si­on, um so mehr, da sei­ne Lehr­tä­tig­keit an der Uni­ver­si­tät auf des­in­ter­es­sier­te Stu­den­ten trifft, de­ren Auf­merk­sam­keits­span­ne Lek­tü­ren un­mög­lich ma­chen und die stär­ker am Chat mit der KI als an der aka­de­mi­schen Leh­re in­ter­es­siert sind. Tom Met­cal­fe steckt al­so al­len Ehr­geiz in die Re­cher­che. Doch die ge­stal­tet sich im Jahr 2119 nicht so ein­fach. Das liegt nicht an der Quel­len­la­ge, son­dern an der Zu­gäng­lich­keit der Do­ku­men­te. Wir er­fah­ren dies bei Toms Rei­sen zu den Ar­chi­ven. Die­se lie­gen eben­so wie al­le an­de­ren, wich­ti­gen Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen auf den An­hö­hen der vie­len In­seln, aus de­nen Groß­bri­tan­ni­en seit der Gro­ßen Über­flu­tung im Jahr 2042 be­steht. Die ge­sam­te Land­mas­se der Er­de wur­de da­mals ge­trof­fen, die Be­völ­ke­rung er­heb­lich de­zi­miert. „Die Zeit der Schwer­indus­trie und fos­si­len Brenn­stof­fe war vor­bei. Der so­ge­nann­te Kriegs­staub vom nu­klea­ren Nah­ost-Schlacht­feld stieg in die obe­re At­mo­sphä­re auf, und die welt­wei­te Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur sank. Et­wa zu der Zeit, als das dar­nie­der­lie­gen­de Deutsch­land von Groß­russ­land ein­ver­leibt wur­de, war die Erd­be­völ­ke­rung in­fol­ge von Tsu­na­mis, Krie­gen, Hun­gers­nö­ten und Krank­hei­ten auf knapp vier Mil­li­ar­den ge­sun­ken.“ Im Ge­gen­satz zu den Ar­chi­ven der rea­len Welt und ih­ren ding­li­chen Hin­ter­las­sen­schaf­ten von Blun­dy und sei­nen Zeit­ge­nos­sen sind de­ren di­gi­ta­len Da­ten voll­um­fäng­lich in den Cloud­ser­vern der Welt- und In­ter­net­macht Ni­ge­ria ge­spei­chert und für Tom leicht verfügbar.

Aus die­sen re­kon­stru­iert der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker zu­nächst den be­sag­ten Abend, um dann dem Ver­bleib des Ge­dichts auf die Spur zu kom­men. Liegt das Per­ga­ment noch ver­bor­gen in ei­nem Ar­chiv? Gibt es ein Ma­nu­skript, das sich er­hal­ten hat? Oder ei­ne wei­te­re Ab­schrift? Toms Über­le­gun­gen und In­ter­pre­ta­tio­nen, aber auch sei­ne Le­bens- und For­schungs­um­stän­de sind Ge­gen­stand des ers­ten Roman­teils. Da­bei blei­ben die ver­gan­ge­nen Ge­scheh­nis­se stets ein bruch­stück­haf­tes Kon­glo­me­rat all des­sen, was er wis­sen kann. Lehr­stel­len und In­ter­pre­ta­tio­nen füh­ren un­wei­ger­lich zu Irr­tü­mern. Wel­che, er­fah­ren wir im zwei­ten Teil des Ro­mans, aus dem Ta­ge­buch von Vi­vi­en. Zu­ver­läs­sig ist al­ler­dings auch die­se Quel­le kaum, wie die Ver­fas­se­rin of­fen­her­zig dar­legt: „Fast un­merk­lich wer­den mei­ne Ta­ge­bü­cher zum Be­richt mei­nes bes­se­ren Selbst. Ich hät­te es ab­ge­strit­ten, aber mit der Zeit hör­ten die Ein­trä­ge auf, pri­vat zu sein. Ich hat­te ei­nen Le­ser im Sinn.“ Es gilt der al­te Merk­satz: Wer sagt was zu wem und vor al­lem, warum?

Die Su­che nach der Ver­gan­gen­heit, dem seit je zum Schei­tern ver­ur­teil­ten Ver­such ei­ner au­then­ti­schen Re­kon­struk­ti­on, macht McE­wan zur Grund­la­ge sei­nes Ro­mans, der trotz al­ler erns­ten Be­gleit­um­stän­de ein gro­ßes li­te­ra­ri­sches Ver­gnü­gen ist. Auf amü­san­te Wei­se dis­ku­tiert er schwer­wie­gen­de The­men, et­wa den künf­ti­gen Stel­len­wert von Li­te­ra­tur und der Be­deu­tung un­se­res his­to­ri­schen Er­bes in Zei­ten ei­ner KI-ge­steu­er­ten Ge­sell­schaft. Sei­ne Kri­tik spie­gelt McE­wan in den dis­rup­ti­ven Zu­stän­den. Zu­gleich be­tont er die Be­deu­tung des Pri­va­ten. An ver­schie­de­ne Ar­ten von Be­zie­hun­gen stellt er die Fra­ge, wie die­se ge­lin­gen kön­nen und wor­an sie schei­tern, Über­for­de­rung, Scham und Schuld in­be­grif­fen. „Was wir wis­sen kön­nen“ ist ein span­nen­der, the­ma­tisch viel­fäl­ti­ger Ro­man, der von der Lei­den­schaft ei­nes His­to­ri­kers er­zählt und hell­sich­tig ei­ne mög­li­che Zu­kunft entwirft!

Ian McEwan, Was wir wissen können, übers. v. Bernhard Robben, Diogenes 2025

 

Vom Schatten ins Licht

In „Moosland“ findet Katrin Zipse eine poetische Form, um von Unerträglichem zu erzählen

Es kom­men Näch­te, da hält sie es nicht mehr im Haus. Sie zieht die Strick­ja­cke über und schleicht aus der Tür, hin­aus ins schat­ten­lo­se Licht. Der ge­tram­pel­te Pfad vom Hof weg führt an den mah­len­den Pfer­den vor­bei zum Gras­so­den­haus und en­det, wo die auf­ge­häng­ten Fi­sche im Wind klap­pern. Aber sie geht wei­ter über das feuch­te Gras, über Frau­en­man­tel, Schaf­gar­be und Pols­ter aus Thy­mi­an, am Fuß des Hoch­pla­teaus ent­lang, und erst dort, wo der Fels in mäch­ti­gen Qua­dern aus­läuft und schwarz-wei­ße Vö­gel mit oran­ge­far­be­nen Schnä­beln krei­sen, steigt sie auf und läuft bis an die Klippen. (…)
Hier ist der Him­mel im­mer zu weit. Es hilft nichts, wenn sie die Au­gen schließt. Es ist ein Him­mel, dem man nicht ent­rin­nen kann, un­ter dem das Le­ben er­bar­mungs­los weitergeht.“

Wer an Is­land denkt, denkt an die wei­te Land­schaft die­ser In­sel, wald­los, was­ser­reich, von Meer um­ge­ben und spär­lich be­sie­delt von Men­schen, die sich die frucht­ba­ren Re­gio­nen mit Scha­fen und Is­land­pfer­den teilen.

In Kat­rin Zip­ses neu­em Ro­man „Moos­land“ ist Is­land mehr als ein Hand­lungs­ort. Sei­ne Land­schaf­ten und sein Licht prä­gen das Ge­sche­hen. Sei­ne Spra­che wird zum Mit­tel der An­nä­he­rung. Kat­rin Zip­se, die als Sti­pen­dia­tin der Künst­ler­re­si­denz Ska­gast­rönd die In­sel ken­nen­lern­te, er­zählt vom Schick­sal ei­ner jun­gen Deut­schen, die im Jahr 1949 auf An­wer­bung des Is­län­di­schen Bau­ern­ver­bands die In­sel er­reich­te, um für ein Jahr Hilfs­kraft ei­ner Bau­ern­fa­mi­lie zu werden.

Be­reits auf den ers­ten Sei­ten deu­tet sich die ho­he Ver­letzt­heit der jun­gen El­sa an. Wäh­rend ih­re Be­glei­te­rin Ger­da, de­ren Plan sie man­gels Le­bens­kraft folgt, die In­sel als Chan­ce für ein neu­es Le­ben be­greift, ver­harrt El­sa in Schwei­gen, das sie nicht ab­zu­le­gen ver­mag. Ein Zu­stand, den sie vor­erst hin­ter der ihr un­be­kann­ten Spra­che ver­steckt. Kaum ver­ber­gen kann sie je­doch ih­re Un­ru­he, die sie nachts be­fällt, wenn sie von Alb­träu­men ge­plagt auf­wacht. „Ein Nacht­ge­spenst, ein Alb, aus der Tie­fe ge­kro­chen, ein grin­sen­des Es-war-ein­mal.“ Die Bäue­rin ahnt El­sas Not und be­geg­net ihr mit Für­sor­ge, al­ler­dings in ei­ner Zu­rück­hal­tung, die „Vom Schat­ten ins Licht“ weiterlesen

Das Leben — eine Illusion

Andreas Schäfer erzählt in „Letzter Akt“ von der „Wahrheit, die uns die Lüge der Kunst begreifbar macht“

»Sie sind Agnes, die Toch­ter ei­nes in­di­schen Got­tes in Au­gust Strind­bergs Traum­spiel. Agnes kommt vom Him­mel auf die Er­de und muss be­grei­fen, wie leid­voll und schmerz­haft das Le­ben sein kann. Ihr Man­tra wird der fa­ta­lis­ti­sche Satz: Es ist scha­de um die Men­schen! Ziem­lich des­il­lu­sio­nie­rend. Was hat Sie an der Rol­le fasziniert?“
„Die Hoff­nung.“ Ih­re Ant­wort kam schnel­ler als be­ab­sich­tigt. Vi­vi­an leg­te er­staunt den Kopf zur Sei­te. „Auch wenn Agnes wäh­rend ih­rer Odys­see er­nüch­tert wird, ver­liert sie nie ihr Stau­nen. Sie be­wahrt sich die Fä­hig­keit, al­les, was sie durch­lebt, neu­gie­rig von au­ßen zu be­trach­ten. Wie ei­ne Zeu­gin. Und dar­in liegt für mich ih­re Frei­heit – und ein Mo­ment von Hoffnung.“
Ein Lä­cheln auf Vi­vi­ans Lippen.
„Strind­berg ist be­rühmt für den Krieg zwi­schen den Ge­schlech­tern, für ein ge­ra­de­zu tra­gi­sches Un­ver­ständ­nis zwi­schen Mann und Frau. (…).«
[…]
»Ich ha­be mich stän­dig ver­wan­delt und mich schon als Mo­de­de­si­gne­rin in Pa­ris ge­se­hen. Ich ha­be mir die Welt im­mer an­ders vorgestellt.«

Auf dem Thea­ter wie in der Ma­le­rei spie­len Il­lu­sio­nen ei­ne nicht un­be­deu­ten­de Rol­le. Dies gilt für je­de Kunst, auch die der Li­te­ra­tur und erst recht die des Le­bens, denn die Il­lu­si­on scheint meist viel schö­ner als die Realität.

Als Schau­spie­le­rin ist Do­ra, die Prot­ago­nis­tin in An­dre­as Schä­fers Ro­man „Letz­ter Akt“, ge­wohnt, sich stän­dig zu ver­wan­deln, Rol­len ein­zu­neh­men und frem­de Per­sön­lich­kei­ten zu ver­kör­pern. Die­se Kunst be­herrscht sie als Star ih­rer Bran­che per­fekt. Auf der Büh­ne gibt sie ei­ne Göt­tin, die das ir­di­sche Le­ben ent­setzt, ist es doch so ganz an­ders als sie es sich vor­ge­stellt hat. Ei­ne Er­kennt­nis, ge­gen die sich auch Do­ra lan­ge Zeit mit ganz ei­ge­nen Mit­teln wehrt. An­dre­as Schä­fer zeich­net die­sen Weg in sei­nem klug kon­stru­ier­ten Ro­man nach.

Be­reits der Ti­tel „Letz­ter Akt“ weist auf die bei­den für den Ro­man maß­geb­li­chen Küns­te, das Thea­ter und die Ma­le­rei. Die Ein­stiegs-Sze­ne spielt in ei­nem Ate­lier, in dem sich Do­ra auf die ihr un­ge­wohn­te Rol­le ei­nes Akt-Mo­dells vor­be­rei­tet. Der ers­te Satz die­ses drei­sei­ti­gen Pro­logs zeigt, daß die bei­den an­we­sen­den Per­so­nen sich mehr be­deu­ten als Mo­dell und Ma­ler, Künst­ler und Kunst­ge­gen­stand. Do­ra, die Schau­spie­le­rin, und Vic­tor, der Ma­ler, sind seit kur­zem ein Paar. Zu­fäl­lig sind sie sich ei­nes Abends als Un­be­kann­te be­geg­net. An­schei­nend weiß Vic­tor nichts von Do­ras Ruhm, was die­ser die Mög­lich­keit schenkt, von al­ler Er­war­tung be­freit die neue Be­zie­hung zu be­gin­nen. Als Vic­tor schließ­lich er­fährt, wer sie ist ‑es gilt, sich vor der Meu­te der Fo­to­gra­fen zu ver­ste­cken- , ver­spricht er, „ich möch­te mit dir zu­sam­men sein, nicht von dir profitieren“.

Was in mei­nem spär­li­chen An­riss wie ei­ne vor­her­seh­ba­re Lie­bes­ge­schich­te klin­gen mag, ent­wi­ckelt sich zu ei­ner span­nen­den psy­cho­lo­gi­schen Kon­stel­la­ti­on. Im Sinn des Le­se­ver­gnü­gens darf nicht mehr ver­ra­ten wer­den, bis auf ei­nes viel­leicht, die ein­gangs vor­be­rei­te­te Sze­ne wird „Das Le­ben — ei­ne Il­lu­si­on“ weiterlesen

Versuch einer Selbstbefreiung

Kerstin Holzer ergründet in „Monascella“ Monika Manns Lebenskrisen

Man muss sich ver­här­ten, sonst geht man kaputt.“

Die­ser Satz fiel 1986 auf Ca­pri in der Vil­la Mo­na­co­ne, die ih­ren Na­men nicht von Mo­ni­ka Mann, der da­ma­li­gen Be­woh­ne­rin er­hielt, son­dern we­gen ih­res Aus­blicks auf den „Sco­glio di Mo­na­co­ne“, ei­nen Mee­res-Fel­sen vor der Süd­ost­spit­ze der In­sel. Die mitt­le­re Toch­ter aus der be­rühm­ten Fa­mi­lie Mann zog die bit­te­re Bi­lanz nach 75 Le­bens­jah­ren und of­fen­bar­te sie der Jour­na­lis­tin Hel­ga Schalk­häu­ser. Sie schloß den Wunsch an, die­se mö­ge nicht nur ei­nen Ar­ti­kel schrei­ben, son­dern ein gan­zes Buch über sie. Was die Jour­na­lis­tin da­mals ab­lehn­te, er­füllt Kers­tin Hol­zer mit „Mo­nas­cel­la“, ei­nem Buch, das ent­ge­gen sei­nem Un­ter­ti­tel, weit­aus mehr als „Mo­ni­ka Mann und ihr Le­ben auf Ca­pri“ be­han­delt. Zwar war ei­ne per­sön­li­che Be­geg­nung ver­wehrt, Mo­ni­ka Mann starb 1992, doch Hol­zer konn­te auf Brie­fe und an­de­re Text­quel­len zu­rück­grei­fen und führ­te Ge­sprä­che mit Zeit­zeu­gen, un­ter an­de­ren mit Fri­do Mann und ih­rer Vor­gän­ge­rin Schalkhäuser.

In „Mo­nas­cel­la“ steht nicht nur Mo­ni­ka Manns Le­ben auf Ca­pri im Vor­der­grund, das sie von 1954 bis 1986 fast von An­fang an mit An­to­nio Spa­da­ro teil­te, ei­nem Ca­p­re­ser, des­sen Fa­mi­lie Ei­gen­tü­me­rin der Vil­la war, und der eben­falls dort ei­ne Woh­nung be­saß. Zu­nächst nur als Zu­flucht ge­dacht bot Ca­pri Mo­ni­ka die „Ver­such ei­ner Selbst­be­frei­ung“ weiterlesen

Kunstverbrechen

Laura Evans berichtet im Atlas der Kunstverbrechenüber Diebe, Fälscher und Vandalen

Mit je­dem ver­schwun­de­nen Kunst­werk ver­lie­ren wir ei­nen Teil un­se­rer kol­lek­ti­ven Mensch­lich­keit. Ei­ne Ver­bin­dung zu un­se­rer Ver­gan­gen­heit wird für im­mer ge­kappt und un­ser Sinn für Iden­ti­tät so­wie un­ser Ver­trau­en verletzt.“

Vor we­ni­gen Ta­gen wur­de der Lou­vre er­neut zum Tat­ort ei­nes Kunst­raubs. Die Tä­ter ge­lang­ten mit ei­ner He­be­büh­ne auf ei­nen Bal­kon, zer­stör­ten die Fens­ter und be­tra­ten die Gal­le­rie d’Apollon, wo die so­ge­nann­ten Kron­ju­we­len Frank­reichs auf Be­wun­de­rung war­ten. Ei­ni­ge Be­su­cher be­fan­den sich be­reits im Raum ‑das Mu­se­um hat­te seit ei­ner hal­ben Stun­de ge­öff­net- und er­leb­ten ver­blüfft, wie Die­be die Vi­tri­nen auf­bra­chen und meh­re­re Schmuck­stü­cke herausrissen.

Die­ser dreis­te Coup vor al­ler Au­gen zeigt wie­der ein­mal, wie schwer es ist, Si­cher­heit in ei­nem Mu­se­um zu ga­ran­tie­ren, das dem Pu­bli­kum oh­ne gro­ße Hür­den zu­gäng­lich sein will. Man fühlt sich an ver­gan­ge­ne Zei­ten er­in­nert, als die Mo­na Li­sa oh­ne Auf­se­hen zu er­re­gen von ei­nem Hand­wer­ker ent­führt wer­den konn­te. Das wä­re heu­te nicht mehr mög­lich, meint man an­ge­sichts der Ein­lass­kon­trol­len und des all­ge­gen­wär­ti­gen Wach­per­so­nals. Doch wei­te­re An­schlä­ge auf „Kunst­ver­bre­chen“ weiterlesen

High-Performer

Verena Keßler schreibt in „Gym“ über den zwanghaften Ehrgeiz einer Frau

Es war nur ei­ne Pha­se, sag­te ich mir. Es wür­de al­les bes­ser wer­den, wenn ich mein Ziel er­reicht hät­te. Wenn ich da wä­re, wo ich hin­ge­hör­te. Wenn ich ge­zeigt hät­te, dass ich nicht nur gut war. Son­dern die Beste.“

 Zu­ge­ge­ben, we­der der Ti­tel noch das Co­ver die­ses Ro­mans ha­ben mich an­ge­spro­chen. An ei­nem Gym ge­he ich höchs­tens vor­bei und wun­de­re mich über die Leu­te auf den Lauf­bän­dern, die egal wie schnell sie ren­nen nicht vom Fleck kom­men, son­dern hin­ter den Glas­schei­ben blei­ben. Und doch war ich nach we­ni­gen Sät­zen mit­ten­drin in Ve­re­na Keß­lers Gym, ei­nem „Pa­last aus glän­zen­den Oberflächen.“

Dort ar­bei­tet die na­men­lo­se Ich-Er­zäh­le­rin, ei­ne Frau in den Drei­ßi­gern, die, wie der Pro­log of­fen­bart, bald die Me­cha­nis­men der Bran­che durch­blickt. Sie steht hin­ter dem Tre­sen zwi­schen Shakes mit Na­men wie „Mus­cle-Hust­le“ oder „Six­pack on the Beach“ und schnell wird klar, daß sie dort hoff­nungs­los un­ter­for­dert ist. „Es er­staun­te mich selbst, wie schnell ich in die­se pas­si­ve Hal­tung hin­ein­ge­fun­den hat­te, wie leicht es mir fiel, all die Din­ge zu igno­rie­ren, die man ver­bes­sern könn­te — Ar­beits­ab­läu­fe, Preis­ge­stal­tung, Kurs­plä­ne. Wann im­mer mir da­zu ein Ge­dan­ke kam, schob ich ihn ein­fach bei­sei­te und er­in­ner­te mich dar­an, dass so et­was von mir nicht er­war­tet wur­de. Ich war nur ei­ne ge­wöhn­li­che Mit­ar­bei­te­rin, nichts weiter.“

Die­se Hoch- oder viel­mehr Tief­stap­le­rin hat ein Ge­heim­nis. Es ist nicht nur die Lü­ge, vor kur­zem ent­bun­den zu ha­ben, mit der sie ih­ren fit­ness­fer­nen Kör­per ka­schiert und den Job er­gat­tert. Manch­mal er­in­ner­te sie sich „an frü­her, als ich mei­ne Kaf­fee­tas­sen nach Fei­er­abend ein­fach in die Bü­ro­kü­che ge­stellt hat­te. Nicht in den Ge­schirr­spü­ler, son­dern auf die Ar­beits­flä­che. Wir al­le hat­ten das so ge­macht, hät­ten nie ei­nen Fin­ger ge­krümmt für et­was, das nicht als billable hour ein­ge­tra­gen wer­den konnte.“

Je tie­fer man durch Keß­lers tem­po­rei­ches wie sub­til iro­ni­sches Er­zäh­len in die­ses Gym, das man doch ei­gent­lich gar nicht be­tre­ten woll­te, hin­ein­ge­zo­gen wird, um­so mehr of­fen­bart sich „High-Per­for­mer“ weiterlesen

Retrograde Dystopie

Selina Holešinsky entwickelt in ihrem Debüt „Schaltiere am Waldboden“ ein atemraubendes Pilot-Projekt

Va­ti er­klär­te mir das mit den Au­tos so, dass der Staat woll­te, dass die Men­schen ih­re Au­tos auf­ga­ben, weil je­mand, der noch grö­ßer war als der Staat, es so ver­lang­te. Da­her konn­te man auch dem Staat nicht die Schuld ge­ben. Je wei­ter man aber nach dem Schul­di­gen such­te, des­to hö­her hin­auf muss­te man, und ir­gend­wann lan­de­te man beim Wet­ter. Und dort liegt das ei­gent­li­che Pro­blem, weißt du, Ma­rill­chen? Al­so hat­te der Staat un­ser Dorf aus­ge­wählt, weil es al­lei­ne war, ein­sa­mer und ru­hi­ger als al­le an­de­ren Dör­fer zu­sam­men. So ru­hig so­gar, dass vor ei­ni­ger Zeit ei­ne Wel­le Stadt­men­schen die­ses Dorf auf­grund sei­ner Idyl­le ge­flu­tet hat­te. Das Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge hat­te das Dorf nach fieb­ri­ger Su­che als Ku­lis­se für sei­nen Gar­ten­ka­ta­log aus­ge­wählt, wäh­rend al­le Dorf­men­schen und al­le Stadt­men­schen wo­chen­lang spe­ku­lier­ten, wel­ches Dorf ge­win­nen wür­de. Dör­fer wur­den auf Lis­ten ge­setzt, Bil­der ver­schickt, das Für und das Wi­der an saf­ti­gen Gras­hal­men her­bei­ge­zo­gen und ver­wor­fen. Den Dörf­lern ging es um ih­ren Stolz, den Städ­tern um den Traum von Idyl­le am Land, dem nur ein klei­ner Teil der Stadt­men­schen tat­säch­lich nach­ging. Die­ser klei­ne Teil aber be­völ­ker­te das aus­er­ko­re­ne Ge­win­ner­dorf in ei­ner Dich­te, wie es die Dorf­men­schen nicht er­war­tet hat­ten. Die Neu­en, sie ka­men mit ver­klär­ten Au­gen und träu­men­den Wor­ten. Sie ka­men mit Bil­dern, die sie über das brö­ckeln­de Ge­mäu­er, die tropf­nas­sen Dä­cher, die lee­ren Spei­se­kam­mern stülp­ten und die ein Glück mit­brach­ten, das den Hie­si­gen nicht an­ge­nehm war.“

Gibt es ei­gent­lich noch den Ma­nu­fac­tum-Ka­ta­log, die Welt der schö­nen, al­ten Din­ge, wo we­der Ther­mo­mix noch Saug­ro­bo­ter zu fin­den sind, son­dern But­ter­fäss­chen mit Hand­kur­bel und ähn­li­cher Re­tro­schick? Se­li­na Ho­lešin­sky macht in ih­rem De­büt „Schal­tie­re am Wald­bo­den“ ein Dorf zum Schau­platz ih­rer Dys­to­pie, des­sen na­tur­na­hes Idyll es zu­nächst zur Ku­lis­se für das „Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge“ kürt und es dann zum Mo­dell für das Kli­ma­pro­jekt der Re­gie­rung macht. Sei­ne Be­woh­ner hat­ten Auf­la­gen zu er­fül­len, de­nen sie we­gen der gro­ßen Kri­se, höchst „Re­tro­gra­de Dys­to­pie“ weiterlesen

Geiz als religiöser Wahn

Das Fräulein“ von Ivo Andrić „ist zufrieden mit sich selbst und dieser Welt, in der es überall und immer etwas zu sparen gibt“

Für sie gab es seit lan­gem zwei ganz ver­schie­de­ne, wenn auch nicht ganz von­ein­an­der ge­trenn­te Wel­ten. Die ei­ne war un­se­re Welt, das, was al­le Welt Welt nennt, die­se ganz ge­räusch­vol­le und un­über­seh­ba­re Er­de mit den Men­schen und ih­rem Le­ben, ih­ren Trie­ben, Sehn­süch­ten, Ge­dan­ke und Glau­bens­vor­stel­lun­gen, mit ih­rem ewi­gen Be­dürf­nis nach Auf­bau und Zer­stö­rung, mit dem un­ver­ständ­li­chen Spiel ge­gen­sei­ti­gen An­zie­hens und Ab­sto­ßens. Und die an­de­re, die an­de­re war die Welt des Gel­des, das Reich des Ge­winns und der Spar­sam­keit, ein ver­bor­ge­nes, stil­les, nur den we­nigs­ten be­kann­tes, aber un­end­li­ches Ge­biet des laut­lo­sen Kamp­fes und be­stän­di­gen Pla­nens, in dem Rech­nung und Maß wie zwei stum­me Gott­hei­ten herrschten.“

Geiz­kra­gen, Knicks­tie­bel, Furz­klem­mer, Knor­zer, zahl­reich sind die Be­grif­fe für Ty­pen, die je­den Pfen­nig zwei­mal um­dre­hen, um ihn dann doch im Sack zu las­sen. Man­che ha­ben es bis in die Li­te­ra­tur ge­schafft, wie Mo­liè­res Har­pa­gnon als ge­ra­de­zu ar­che­ty­pi­sche Fi­gur. Und wer kennt nicht die En­te oder ih­re mensch­li­che Ent­spre­chung, die lie­ber im Geld ba­det, als es aus­zu­ge­ben? Oder den Pfen­nig­fuch­ser, der bei je­dem noch so klei­nen Han­del feilscht? Die knaus­ri­gen Kni­cker knap­sen nicht zu­letzt auch bei sich selbst, denn „Spar­sam­keit ist ih­re Re­li­gi­on“. Sie ge­bär­den sich wie Ber­n­i­nis hei­li­ge Te­re­sa, wenn sie wie­der et­was bei­sei­te­le­gen, raus­schla­gen oder je­man­den über den Tisch zie­hen kön­nen. Ei­nem der­ar­ti­gen al­ler­dings weib­li­chen Geiz­dra­chen setz­te Ivo An­drić in „Das Fräu­lein“ ein Denkmal.

Der Klas­si­ker des No­bel­preis­trä­gers er­schien 1945 als Ab­schluss ei­ner Tri­lo­gie, die An­drić wäh­rend der Jah­re 1941 bis 1944 ver­fass­te. 2023 wur­de die von Ka­tha­ri­na Wolf-Grieß­ha­ber über­ar­bei­te­te Über­set­zung „Geiz als re­li­giö­ser Wahn“ weiterlesen

Die durchsichtige Frau

In „Die Spielerin“ erzählt Isabelle Lehn von einer Frau, die sich zurücknimmt, um nach vorne zu gelangen

Man um­schreibt sie als Frau mitt­le­ren Al­ters. In die­se Rol­le fügt sie sich ein, ihr be­zeich­nen­des Merk­mal ist ih­re Durch­schnitt­lich­keit. Man könn­te sie für die Ge­richts­pro­to­kol­lan­tin hal­ten, die le­dig­lich den fal­schen Platz ge­wählt hat, und wür­de man ihr auf der Stra­ße be­geg­nen, dann könn­te man sie leicht übersehen. 
Jetzt aber sind al­le Au­gen auf sie ge­rich­tet. A. wirft die Bli­cke zu­rück, sie ver­wei­gert die Aus­sa­ge, nun, da man ihr zu­hö­ren wür­de. Lie­ber will sie die Leer­stel­le blei­ben, der blin­de Fleck im Sys­tem, den sie jah­re­lang dar­ge­stellt hat, und so­lan­ge sie schweigt, ver­flüch­tigt sie sich zu den Ge­schich­ten, die an­de­re von ihr er­zäh­len, um die Leer­stel­le A. zu um­stel­len. Es könn­te kein bes­se­res Ver­steck für A. geben.“

Eben­so ge­schickt wie die Haupt­fi­gur in Isa­bel­le Lehns Ro­man „Die Spie­le­rin“ sich hin­ter ih­rer Un­auf­fäl­lig­keit zu ver­ste­cken weiß, in­sze­niert die Au­torin die­se Ca­mou­fla­ge. Sie er­streckt sich über den gan­zen Ro­man und ent­hüllt sich noch nicht ein­mal auf den zwei­ten Blick, denn ihr Po­ten­ti­al ent­wi­ckelt die­se in­tel­li­gen­te Frau im Ver­bor­ge­nen. Zu Be­ginn des Ro­mans der 1979 ge­bo­re­nen Rhe­to­ri­ke­rin und Schrift­stel­le­rin Isa­bel­le Lehn steht das En­de der Ge­schich­te, das mit dem En­de des Er­folgs ih­rer Fi­gur zu­sam­men­fällt. Doch auch in die­ser Si­tua­ti­on als An­ge­klag­te vor Ge­richt ver­hält sie sich ge­schickt bedeckt.

Le­dig­lich ei­nem Un­be­kann­ten hat sie vor ih­rer Fest­nah­me „Die durch­sich­ti­ge Frau“ weiterlesen

Puzzle-Appassionato

Wackelkontakt Wolf Haas‘ meisterhafte Mise en abyme

Ist ja ir­re, die hal­be Kunst­ge­schich­te als Puz­zle. Wer stellt so was her? Das ist ja echt ein biss­chen – ich pack das ir­gend­wie nicht.“ „Such dir ei­nes aus“, sag­te Escher groß­mü­tig und öff­ne­te ge­dan­ken­ver­lo­ren die Tor­ten­schach­tel, ob­wohl er das Süß­zeug doch auf spä­ter ver­schie­ben woll­te. „Aber nimm lie­ber ei­nes von de­nen da un­ten. Da sind die mit fünf­hun­dert Tei­len. Das kön­nen wir auf dem Tisch ma­chen. Dann müs­sen wir nicht auf dem Bo­den her­um­krie­chen.“ „Das hat schon was, oder?“, lach­te Nel­lie Wie­sel­bur­ger kin­disch. „Soll ich dir viel­leicht mei­ne Puz­zle­samm­lung zei­gen? Das ist wie mit der Brief­mar­ken­samm­lung, oder?“

Muss man noch et­was zu Wolf Haas‘ Wa­ckel­kon­takt sa­gen, ei­nem Buch, das be­reits sämt­li­che Bes­ten- und Best­sel­ler­lis­ten er­klom­men hat und für Buch­prei­se no­mi­niert ist? Un­be­dingt, denn die­ses Auf­ein­an­der­tref­fen ei­nes Trau­er­red­ners und ei­nes Ex-Ma­fio­so ist ein gro­ßer Spaß. Das gilt für die Hand­lung, die aber­wit­zi­ge Vol­ten schlägt, für die nicht min­der aber­wit­zi­ge „Puz­zle-Ap­pas­sio­na­to“ weiterlesen