Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schicksal gewollt und es hat keinen anderen Weg gegeben.“

Auch der aktuelle Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev behandelt die politischen wie religiösen Gegensätze ihres Heimatlandes. Sie schüren die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, Aufklärung und orthodoxem Glauben, Besatzern und Besetzten sowie die Kluft zwischen Mann und Frau. Ist dies alles unabwendbares „Schicksal“, wie der Titel des Romans insinuiert?

Schicksalhaft verbunden schildert Shalev das Leben, man könnte auch sagen das Leiden, ihrer Protagonistinnen Rachel und Atara, deren personale Erzählstimmen in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen. Da ist zum einen die betagte Rachel, deren Geschichte in die Anfänge des modernen Israels führt. Sie erzählt, was sie als junge Frau bei den Lechi erlebte, einer Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die „Das Leiden der Sündenböcke“ weiterlesen

Tiger träumen

Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen ist ein Roman für schlaflose Nächte

löwen weckenLöwen wecken, der Roman der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen, inszeniert hochdramatisch den Wendepunkt einer Biographie. Der Neurochirurg Etan Grien, verheiratet und Vater zweier Kinder, ist von der renommierten Tel Aviver Großstadt-Klinik strafversetzt in ein Krankenhaus am Rande der Wüste. Der junge und hochmoralische Arzt hat das korrupte Verhalten seines Lehrers, einer Kapazität auf seinem Gebiet, öffentlich gemacht. Sein neuer Job frustriert ihn, so daß er eines abends nach Schichtende eine nächtliche Jeeptour unternimmt. Doch aus der Entspannungsfahrt wird ein Horrortrip. Mitten im dunklen Nirgendwo der Wüste überfährt Etan mit seinem Mercedes einen Eritreer, ausgerechnet zur Musik von Janis Joplin. Der Hirnspezialist erkennt sofort, der Mann kann nicht gerettet werden. Er selbst schon. Aus Angst, Job und Familie zu verlieren, begeht er Fahrerflucht. Diese Szene am Anfang des Romans lässt die nachfolgenden Konflikte erahnen. Sie steigern sich, als Etans Frau, die Polizeikommissarin Liat, diesen Fall übernimmt und potenzieren sich in ungeahntem Maße, als am nächsten Morgen eine schwarze Frau an Etans Haustür klingelt. Es ist Sirkit, die Frau des Eritreers, sie hat den Unfall beobachtet, den Fahrer anhand der verlorenen Brieftasche identifiziert und nun erpresst sie ihn. Der Arzt soll die Illegalen versorgen, jeden Abend in einer ausgedienten Auto-Werkstatt in der Wüste.

Dieser Roman berührt große Themen. Wer trägt die Schuld an dem Unfall, der Fahrer oder der Fußgänger? Wer verschuldet die Not der Flüchtlinge, die Verhältnisse im Herkunftsland, die „Tiger träumen“ weiterlesen

Verrat als Fortschritt

Amos Oz schreibt in seinem neuen Roman „Judas“ über die Wirkmacht von Verrätern

JudasFast alle Menschen gehen mit geschlossenen Augen durchs Leben, von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Auch Sie und ich, Schmuel, mein Lieber. Mit geschlossenen Augen. Würden wir die Augen auch nur eine Sekunde öffnen, würden wir auf der Stelle einen schrecklichen Schrei ausstoßen, wir würden schreien und nicht aufhören zu schreien.“

Als mein Literaturkreis das neue Werk Judas des israelischen Schriftstellers Amos Oz für unser nächstes Treffen wählte, war ich zunächst skeptisch. Ich hatte für Modicks Rilke-Roman gestimmt, ein Thema, für das mich wesentlich stärker zu interessieren glaubte als für Judas, Jesus oder den unlösbaren Konflikt zwischen Israel und Palästina. Entsprechend voreingenommen begann ich die Lektüre, der ich eine Lust von höchstens 40 Seiten einräumte. Doch Amos Oz, der mit zahlreichen Romanen der meist übersetzte Autor Israels ist und als Anwärter für den Literatur-Nobelpreis gilt, verfügt über literarische Tricks, die sogar mir einen Thesenroman über Judas schmackhaft machen.

Handelt es sich überhaupt um einen Thesenroman? Welche Rolle Jesus und somit Judas im Judentum spielt, ist zunächst der Gegenstand einer Magisterarbeit, die der 25-jährige Schmuel Asch, Hauptfigur „Verrat als Fortschritt“ weiterlesen