Die schauerliche Stille brechender Herzen“

Vom Grausamen im Krieg und in der Liebe erzählt Anna Baar in „Als ob sie träumend gingen“

Klee liegt im Kran­ken­bett oder eher im Ster­be­bett? In ei­ner An­stalt für Kran­ke oder eher für Ir­re? Sein Na­me lau­tet Paul oder eher Pa­blo?

Klee ist die Haupt­fi­gur in An­na Baars neu­em Ro­man „Als ob sie träu­mend gin­gen“. Von sei­nen Ge­dan­ken, Ge­füh­len und Er­in­ne­run­gen er­zählt Baars na­men­lo­ser Er­zäh­ler, der im Pro­log be­kennt: „Man­ches hat er mir er­zählt, man­ches bil­de ich mir ein, vie­les wird ge­träumt sein oder aus­ge­dacht.“

Klees Er­in­ne­run­gen sind brü­chig, nicht nur sei­nes Zu­stands we­gen, son­dern auf­grund der grau­sa­men Ge­scheh­nis­se selbst, den er­leb­ten Kriegs­gräu­eln und den Ver­lus­ten, vor al­lem in der Lie­be.

Klee kämpft ge­gen das Ver­ges­sen, wes­we­gen er al­les sei­nen Kas­set­ten an­ver­traut, vor al­lem die Sa­che mit Li­ly. Bei­de kom­men aus ei­nem Dorf, das nicht kon­kret ver­or­tet ist. Baar will, wie sie in ei­nem In­ter­view be­tont, al­le Ge­scheh­nis­se ih­res Ro­mans nicht kon­kre­ti­siert wis­sen. Doch lie­fert sie Hin­wei­se ge­nug, den Ort an der ju­go­sla­wi­schen Küs­te und die Zeit im zwei­ten Vier­tel des letz­ten Jahr­hun­derts zu lo­ka­li­sie­ren. Im­mer­hin wird im Die schau­er­li­che Stil­le bre­chen­der Her­zen““ wei­ter­le­sen

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In un­se­rer Ge­sell­schaft ist et­was sehr Un­ge­sun­des im Gan­ge, al­les wird durch den Blick­win­kel der Iden­ti­tät be­trach­tet. Je­der wird auf sei­ne Her­kunft fest­ge­legt, egal, was er tut.“

Mei­ne ein­zi­ge Iden­ti­tät ist ei­ne po­li­ti­sche“, lau­tet das Be­kennt­nis ei­ner Fi­gur im neu­en Ro­man der fran­zö­si­schen Schrift­stel­le­rin Ka­ri­ne Tuil. Be­kannt ge­wor­den durch ih­ren Er­folg Die Gie­ri­gen ist sie nun mit dem bei Ull­stein er­schie­ne­nen und von Ma­ja Ue­ber­le-Pfaff ins Deut­sche über­tra­ge­nen ak­tu­el­len Ro­man Die Zeit der Ru­he­lo­sen ent­spre­chen­den Er­war­tun­gen aus­ge­setzt. Dies mag ei­ner der Grün­de sein, wes­halb er beim „Li­te­ra­tur­club“ des Schwei­zer Fern­se­hens und beim „Li­te­ra­ri­schen Quar­tett“ des Süd­west­funks auf dem Pro­gramm stand.

Im Mit­tel­punkt der Hand­lung ste­hen drei Män­ner, Fran­çois, Ro­main und Os­man, de­ren Er­le­ben Tuil in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln er­zählt, so­wie Ma­ri­on, die zwi­schen zwei­en die­ser Män­ner steht.

Fran­çois Vé­ly lei­tet ei­nen Kon­zern der fran­zö­si­schen Mo­bil­funk­bran­che und ist ei­ner der reichs­ten Män­ner des Lan­des. Der Va­ter drei­er Kin­der aus ers­ter Ehe ist zum zwei­ten Mal mit „Pa­thos mit Kli­schee“ wei­ter­le­sen

Verrat als Fortschritt

Amos Oz schreibt in seinem neuen Roman „Judas“ über die Wirkmacht von Verrätern

JudasFast al­le Men­schen ge­hen mit ge­schlos­se­nen Au­gen durchs Le­ben, von ih­rer Ge­burt bis zu ih­rem Tod. Auch Sie und ich, Schmu­el, mein Lie­ber. Mit ge­schlos­se­nen Au­gen. Wür­den wir die Au­gen auch nur ei­ne Se­kun­de öff­nen, wür­den wir auf der Stel­le ei­nen schreck­li­chen Schrei aus­sto­ßen, wir wür­den schrei­en und nicht auf­hö­ren zu schrei­en.“

Als mein Li­te­ra­tur­kreis das neue Werk Ju­das des is­rae­li­schen Schrift­stel­lers Amos Oz für un­ser nächs­tes Tref­fen wähl­te, war ich zu­nächst skep­tisch. Ich hat­te für Mo­dicks Ril­ke-Ro­man ge­stimmt, ein The­ma, für das mich we­sent­lich stär­ker zu in­ter­es­sie­ren glaub­te als für Ju­das, Je­sus oder den un­lös­ba­ren Kon­flikt zwi­schen Is­ra­el und Pa­läs­ti­na. Ent­spre­chend vor­ein­ge­nom­men be­gann ich die Lek­tü­re, der ich ei­ne Lust von höchs­tens 40 Sei­ten ein­räum­te. Doch Amos Oz, der mit zahl­rei­chen Ro­ma­nen der meist über­setz­te Au­tor Is­ra­els ist und als An­wär­ter für den Li­te­ra­tur-No­bel­preis gilt, ver­fügt über li­te­ra­ri­sche Tricks, die so­gar mir ei­nen The­sen­ro­man über Ju­das schmack­haft ma­chen.

Han­delt es sich über­haupt um ei­nen The­sen­ro­man? Wel­che Rol­le Je­sus und so­mit Ju­das im Ju­den­tum spielt, ist zu­nächst der Ge­gen­stand ei­ner Ma­gis­ter­ar­beit, die der 25-jäh­ri­ge Schmu­el Asch, Haupt­fi­gur „Ver­rat als Fort­schritt“ wei­ter­le­sen

Pioniere für Palästina

In seinem neuen Roman Sommer in Brandenburg erinnert Urs Faes an eine unerzählte Geschichte

42419_FaesIn der Re­gel nutzt ein Au­tor Vor- und Nach­wort, um dar­zu­le­gen, wie er zum The­ma sei­nes Werks fand und auf wel­che Wei­se er sich ihm ge­nä­hert hat. Urs Fa­es ver­la­gert dies in sei­nen Ro­man hin­ein. Vier kur­ze Ein­schü­be, die er Nach­er­zäh­len nennt und die sich im Schrift­bild von der Ro­man­hand­lung ab­he­ben, be­rich­ten von Ge­sprä­chen mit Zeit­zeu­gen, Orts­be­ge­hun­gen und Ar­chiv-Re­cher­chen. Es scheint rich­tig, daß Fa­es die­se Form ge­wählt hat. Er lenkt die Auf­merk­sam­keit wäh­rend der Ro­man­lek­tü­re auf In­for­ma­tio­nen, die als Ver­ständ­nis­brü­cken zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät die­nen. Es gab sie wirk­lich, da­mals im Som­mer 1938 in Bran­den­burg, die Lie­be zwi­schen zwei jü­di­schen Ju­gend­li­chen und die Hachs­cha­ra, die sie für Pa­läs­ti­na vor­be­rei­te­te. Wie bei­des ge­sche­hen sein mag, da­von er­zählt Fa­es in Som­mer in Bran­den­burg.
Das Land­werk in Ah­rens­dorf war ei­ne von über 30 Hachs­cha­ra­stät­ten, die jü­di­sche Ju­gend­li­che auf die Be­sied­lung Pa­läs­ti­nas vor­be­rei­te­ten. In den Zwan­zi­ger Jah­ren ge­grün­det er­hielt die jü­di­sche Sied­lungs­be­we­gung wäh­rend der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­er­grei­fung im­mer stär­ke­ren Zu­lauf. Das an­ti­se­mi­ti­sche Vor­ge­hen der „Pio­nie­re für Pa­läs­ti­na“ wei­ter­le­sen

Donau vs. America

 In „Tod auf der Donau“ schildert Michal Hvorecky eine handlungsreiche Donauflussfahrt

Nicht nur in der Slo­wa­kei sind die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten li­te­ra­ri­scher Über­set­zer rar und schlecht. Dies treibt man­chen Jung­aka­de­mi­ker un­ter ein be­rufs­fer­nes, aber pe­ku­ni­är ein­träg­li­ches Joch jen­seits sei­nes geis­ti­gen Ni­veaus. Auch Mar­tin Roy, der Prot­ago­nist in Mi­chal Hvor­eckys Do­nau­ro­man, ist trotz be­ruf­li­cher Er­fol­ge ge­zwun­gen ei­nen der­ar­ti­gen Job an­zu­neh­men. Die­ser bringt Geld, ihn je­doch oft ge­nug an den Rand sei­ner Ge­duld. An­statt sich um Wor­te und In­ten­tio­nen von Dich­tern zu küm­mern, bin­det er nun Ba­nau­sen Bä­ren auf den Wohl­stands­bauch. Ist Mar­tin der Fähr­mann über den Ache­ron? Je­de Men­ge Tod­ge­weih­ter nimmt er in sei­nen Na­chen auf und lässt sich dies in Mün­ze und gu­ten Be­wer­tun­gen ver­gel­ten. Nur das si­chert sei­nen Pos­ten. Sei­ne wah­ren Pas­sio­nen ver­leug­net er pro­fes­sio­nell und ver­dingt sich als Kreuz­fahrt­knecht. Freund­lichst zu Diens­ten, je­der­zeit ein ex­zel­lent säu­selnd, or­ga­ni­siert und er­klärt er, hilft wei­ter, auch wo es kaum mehr geht, be­sorgt über­ge­wich­ti­gen Be­hin­der­ten hel­fen­de Hän­de für die Trieb­ab­fuhr und er­läu­tert den Ah­nungs­lo­sen ver­blüf­fen­de Fak­ten.

Mar­tin, bit­te, was ist Ba­rock? Die Frau Rei­se­füh­re­rin hat es ei­ni­ge Ma­le er­wähnt“, fragt Jef­frey und beugt sich über den Schal­ter.

Dar­über brauchst du dir nicht den Kopf zu zer­bre­chen. Das habt ihr in Ame­ri­ka nicht.“

Wirk­lich nicht?“

Ba­rock war ei­ne ita­lie­nisch-po­li­ti­sche Dik­ta­tur, die noch vor der Go­tik in Eu­ro­pa herrsch­te. Sehr bö­se, ob­skur und ge­fähr­lich!“

Gut, dass wir das in Ame­ri­ka nicht ha­ben! So was brau­chen wir auch nicht. Was wir jetzt brau­chen ist ei­ne gu­te Wirt­schafts­la­ge und Ord­nung.“

Sein Sar­kas­mus scheint die ein­zi­ge Not­wehr ge­gen die ver­ord­ne­te zu­cker­sü­ße Freund­lich­keit. Die­se stößt ihm je­doch um­so bit­te­rer auf je län­ger die Rei­se von Re­gens­burg bis zum Schwar­zen Meer dau­ert. Auch un­ter der Be­sat­zung fühlt sich Mar­tin fremd.

An Bord leb­te Mar­tin in ei­ner Män­ner­ge­sell­schaft. Von mor­gens bis abends at­me­te er ei­ne Luft, die mit Män­ner­ge­rü­chen ge­sät­tigt war. Er ge­wöhn­te sich an ih­re Ges­ten, den schnel­len Gang, die ver­rauch­ten Stim­men und ver­sof­fe­nen Au­gen. Die meis­ten moch­te er auch auf ge­wis­se Art und Wei­se, al­ler­dings war dies mehr ei­ne Zweck­ge­mein­schaft, ihm blieb gar nichts an­de­res üb­rig, er woll­te nicht ver­rückt wer­den.“

Ein­zig der Fluss, die Do­nau, ent­schä­digt ihn. Sie ver­strömt ei­ne An­zie­hung, die er seit sei­ner Kind­heit in Bra­tis­la­va ge­spürt hat.

Die Do­nau er­in­ner­te an ei­ne lang ge­zo­ge­nen Schlan­ge, de­ren Kopf im Schwar­zen Meer lag, ihr Kör­per brei­te­te sich über den ge­sam­ten Kon­ti­nent aus, und die Schwanz­spit­ze ver­lor sich ir­gend­wo im Schwarz­wald. Der Fluss fas­zi­nier­te ihn. Dort­hin muss­te er mal fah­ren! Die Schlan­ge hat­te ihn fas­zi­niert.“

Mar­tin taucht ein in die Er­in­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit in Bra­tis­la­va, sein Ver­steck an der Ufer­bö­schung, sei­ne Lie­be zum Fluss und zu ei­ner Frau. Ge­nau die­se er­scheint plötz­lich an Bord, Mo­na, die Mar­tin noch mehr de­mü­tig­te als sei­ne Pas­sa­gie­re es je ver­mö­gen, und de­ren vi­ta­le Ero­tik auf die­sem Grei­sen­schiff kei­nen un­pas­sen­de­re Büh­ne hät­te fin­den kön­nen. Sie löst nicht nur in Mar­tin ein Cha­os aus. Ihr Han­deln führt ins Ab­sur­de, ist un­be­re­chen­bar und ge­fähr­lich wie die Stru­del der Do­nau.

Doch die MS Ame­ri­ca hält un­be­irr­bar ih­ren Kurs seit Re­gens­burg, der Stadt mit der Stei­ner­nen Brü­cke an den drei Flüs­sen, die sehr wohl weiß, was Ba­rock be­deu­tet. Auf all ih­rer schö­nen Ge­schich­te prangt je­doch ein Ma­kel, dem Hvor­ecky im Ver­lauf sei­nes Bu­ches nach­geht, die Ver­fol­gung der Ju­den. Die Do­nau spielt als Ret­te­rin wie als töd­li­ches Ver­häng­nis ei­ne schick­sal­haf­te Rol­le. Es über­zeu­gen die stil­len his­to­ri­schen Me­men­ti. Er­schüt­tern­de Er­in­ne­run­gen von Ver­fol­gung und Angst, in de­nen die schö­ne, blaue Do­nau oft schwarz und häss­lich wirkt.

Viel­fäl­tig sind auch die li­te­ra­ri­schen Zi­ta­te, dar­un­ter sei vor al­lem Do­nau, Bio­gra­phie ei­nes Flus­ses von Clau­dio Magris ge­nannt.

Al­ler­dings fragt man sich ge­gen En­de, ob die Mor­de nicht eher ein Ne­ben­bei sind. Schließ­lich lö­sen sie sich zwar nicht in Wohl­ge­fal­len aber in ele­men­ta­rer Wei­se auf. Er­freu­li­cher als die ver­ein­zel­ten Schwarz-Weiß-Fo­tos wä­re ei­ne Do­nau­kar­te ge­we­sen.

Doch das sind nur äu­ße­re Kri­tik­punk­te an die­sem er­fri­schend an­ders­ar­ti­gen Do­nau­ro­man, des­sen Lek­tü­re fast je­dem emp­foh­len sei.

Mit dem Buch­ti­tel, im Ori­gi­nal „Dun­aj v Ame­ri­ke“, der nicht wie sei­ne deut­sche Ver­si­on auf den be­kann­ten Klas­si­ker Aga­tha Chris­ties an­spielt, evo­ziert Hvor­ecky ei­nen Wett­kampf. Des­sen Ver­lauf, die Kon­tra­hen­ten, ih­re Auf und Ab, er­zählt er mit vie­len Ne­ben­strän­gen, nicht oh­ne ein ful­mi­nan­tes Show­down aus­zu­spa­ren.

Der von der Ro­bert Bosch Stif­tung Grenz­gän­ger ge­för­der­te Ro­man ist bei Tro­pen/­Klett-Cot­ta er­schie­nen und von Mi­chal Sta­va­ric aus dem Slo­wa­ki­schen über­setzt.

In­ter­views und wei­te­re De­tails zum Ro­man fin­den sich auf dem Blog des Au­tors zum Buch.

Mi­chal Hvor­ecky, Tod auf der Do­nau, übers. v. Mi­chal Sta­va­ric, Tro­pen/­Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2012