Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der Decke wollte ich längst, und nun liege ich hier und kann mich nicht rühren, ich hab’s nicht probiert. Ich liege jetzt mal hier und rühre mich nicht, ich starre einfach den Riss an.“

Der Titel dieses kurzen, intensiven Romans ist Programm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt liegen. Es ist weniger sein Alter, das ihn zu Fall bringt, sondern eine Ablenkung durch eine Frau oder besser Walter Nowaks Reaktion auf diese. Später wird er erzählen, er habe sich beim Schwimmen verschätzt und sich den Kopf am Beckenrand gestoßen.

Julia Wolf, die 2016 mit einem Ausschnitt aus ihrem damals noch unveröffentlichten Roman den 3sat Preis beim Bachmann-Wettbewerb gewann, wurde mit dem vollendeten Werk ein Jahr später für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihr Erzählstil wirkt erfrischend neu, auch wenn er berühmten Vorgängern verhaftet ist.

Die Autorin führt den Leser mitten hinein in Walter Nowaks Hirn und lässt ihn an einem Strom von Erinnerungen und Assoziationen teilhaben. Für die biographische Authentizität der Figur gibt sie keine Garantie, sie unterläuft sie mit den Träumen und Phantasien ihres Helden. Walters biographisches „Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt“ weiterlesen

Out-of-Body-Experience

John Williams psychologisch intensives  Debüt „Nichts als die Nacht“

Und er dachte an die Dinge, an die er nicht denken sollte, erinnerte sich an Sachen, an die er sich nicht erinnern sollte. Manchmal, wenn er sich so allein dort sitzen und sich erinnern sah, kam er sich wie ein Arzt vor, der beobachtete, wie eine Krankheit aufzog, aber nichts dagegen unternahm. Man hatte ihm gesagt, dass es Dinge gebe, die er vergessen sollte, die er vergessen musste.“

Eine Außerkörperliche Erfahrung, das Gefühl seinen Körper zu verlassen, über ihm zu schweben und sich selbst als Objekt einer Szenerie von außen zu betrachten, spielt eine große Rolle in John Williams Debüt „Nichts als die Nacht“. Jenseits der Literatur schildern Menschen in körperlichen wie psychischen Notsituation, Unfall- und Gewaltopfer, derartiges. Neurowissenschaftler führen dies auf die Beeinträchtigung verschiedener Bereiche des Hirns zurück und zählen es als Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist davon auszugehen, daß  John Williams dies ebenfalls aus Beobachtung oder eigenem Erleben kennt, denn die vorliegende Novelle schrieb er als 22jähriger Kriegsteilnehmer nach dem Absturz seines Flugzeugs in einem Lager in Burma.

Gleich zu Beginn seines Buchs schickt er seinen jungen Protagonisten Arthur in eine Out-of-Body-Experience. Es ist die erste, weitere werden folgen. Arthur befindet sich auf einer Party, sieht wohlbeleibte Smokingträger und ihre knapp bekleideten Frauen, erkennt die Details der Wohnung des Gastgebers und entdeckt „Out-of-Body-Experience“ weiterlesen

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut.“

Meine einzige Identität ist eine politische“, lautet das Bekenntnis einer Figur im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil. Bekannt geworden durch ihren Erfolg Die Gierigen ist sie nun mit dem bei Ullstein erschienenen und von Maja Ueberle-Pfaff ins Deutsche übertragenen aktuellen Roman Die Zeit der Ruhelosen entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb er beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und beim „Literarischen Quartett“ des Südwestfunks auf dem Programm stand.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Männer, François, Romain und Osman, deren Erleben Tuil in alternierenden Kapiteln erzählt, sowie Marion, die zwischen zweien dieser Männer steht.

François Vély leitet einen Konzern der französischen Mobilfunkbranche und ist einer der reichsten Männer des Landes. Der Vater dreier Kinder aus erster Ehe ist zum zweiten Mal mit „Pathos mit Klischee“ weiterlesen

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahnte nicht, dass mich nach Erscheinen des Artikels ein Verleger kontaktieren würde, um mich zu fragen, ob ich nicht ein Buch schreiben wollte. Ob ich nicht irgendwelche Geschichten über Leute gehört hätte, die ich gerne erzählen würde. Genau dieses Gespräch brachte mich dann auf die Idee, meine eigene Geschichte zu erzählen – von meinem Unfall, den Jahren in der Einsamkeit und meiner langwierigen, merkwürdigen Suche nach meinem Platz in der Welt, nach einem neuen Verständnis der Realität, nach einer neuen Perspektive.“

Dieses Bekenntnis im letzten Kapitel des vorliegenden Buchs beschreibt besser als der Titel, daß Allein in den Wäldern nicht nur vom (Über)leben in der Natur erzählt. Howard Axelrod schildert in seinem als Memoir zu bezeichnendem Werk keine moderne Version von Thoreaus Walden“ , auch wenn er diesen Klassiker zitiert.

Parallelen im Verhalten der beiden Protagonisten bestehen durchaus. Wie Thoreau so ist auch Axelrod kein Selbstversorger und den Launen der Natur nicht ganz und gar ausgesetzt wie ein einsamer Naturbursche fern der Zivilisation. Diese ist mühelos zu erreichen, von Axelrod sogar mit dem eigenen Auto, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen oder auch mal einzukehren. Während Thoreau bisweilen „Memoir in Naturkulisse“ weiterlesen

Ein jeder hinkt für sich allein“

Tod und Trauma prägen Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“

SeethalerDer Tod gehört zum Leben wie der Schimmel zum Brot“, dieser Satz fällt im neuen Roman von Robert Seethaler, der laut Titel „Ein ganzes Leben“ schildern will. Ist dies überhaupt möglich auf 154 Seiten? Zumal die Ereignisse der von Seethaler gewählten Handlungszeit selbst das abgelegene Hochgebirgstal erreichen.

Dort verbringt Andreas Egger fast sein ganzes Leben. 1902 kam der Vierjährige nach dem Tod seiner Mutter, der Vater war längst abhanden gekommen, aus der Stadt in die Obhut seines Onkels. Der wohlhabende Bergbauer nahm ihn als heranwachsende billige Arbeitskraft auf, versorgte ihn mehr schlecht als recht und ließ an dem Kind seine sadistischen Neigungen aus. Die Misshandlungen, an die ihn sein hinkendes Bein immer erinnern wird, erträgt Egger so lange bis er stark genug ist sich zur Wehr zu setzten. Er verlässt den Hof, gerade 16 Jahre alt, bleibt aber im Dorf und verdingt sich als Hilfsknecht. Später findet er sein Auskommen beim Bergbahnbau. Als Ortskundiger erschließt er den unzugänglichen Fels. Mit 29 Jahren kann er sich ein kleines Grundstück am oberen Ortsrand leisten, wo er eine Hütte baut.

Es wundert, daß Egger in diesem Dorf bleibt, das ihn weder willkommen heißt noch aufnimmt. Sein karges Dasein hellt sich auf als er die Hilfskellnerin Marie heiratet. Doch eine Lawine nimmt Ein jeder hinkt für sich allein““ weiterlesen

Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst augenblicklich ein. Spürst unter dir die träge Last der meterdicken Torfschwämme, den schweren, fetten Leib, der dich umarmt. Ich schließe dich ein, in Wasser, in Erde oder ein Gemenge aus beidem: feuchte Krume, zäher Wurzelfilz, verzweigte Adern über halbverrotteten Ästen wie Knochen, darunter das Herz der Tiefe, breiig, kalt pulsierend, noch vor zweihundert Jahren fürchteten mich die Fenndorfer als schwarzes, schleimiges Tier, das unter den Häusern lebt und ihre Kinder verschlingt.“

Mit dem Moor verbinden wir Geheimnis und Gefahr. Die Gedanken an Moorleichen, Zeugen längst vergangener Rituale, machen eine Wanderung über den Knüppeldamm zu einem unheimlichen Abenteuer. Was, wenn man vom Weg abkommt und versinkt? Muss man vermodern, wenn man sich nicht am eigenen Schopf wieder heraus ziehen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Unheimliches, es bietet Schutz, besonders den Lebewesen, die in der Zivilisation keinen Platz finden.

In diesem Biotop leben die Libellen, die Begleiter Dions, des 13-jährigen stotternden Protagonisten in Gunther Geltingers neuem Roman Moor. Das Moor ist nicht nur Dions Heimat, es ist „Metamorphosen im Moor“ weiterlesen

Schatten der Erinnerung

In ihrem neuen Roman Die Sonnenposition erzählt Marion Poschmann auf poetische Weise vom Trauma der Kriegsenkel

DBLDoch leidet man nicht, höre ich mich zu Odilo sagen, nur allzuoft an Erinnerungen, die nicht die eigenen sind? Seltsame Versehrungen, die wir auf nichts zurückführen können, ein wiederkehrendes Unbehagen, für das wir vergeblich Gründe suchen.“

Sonnenblumen, Sonnenstrahlen, Sonnenauf- und Untergang, wer vor der Lektüre über die Sonne assoziiert, am besten in Form eines strahlenförmig angelegten Mindmaps, der ist auf Marion Poschmanns neuen Roman in zweierlei Hinsicht vorbereitet. Zum einen werden ihm viele seiner Fundstücke begegnen, seien es alltägliche oder historisch konnotierte, zum anderen wird er erkennen müssen, daß die Poetin Poschmann ihm in Wortschöpfungspotenz haushoch überlegen ist. Kennenlernen konnte man den Stil der 1969 Geborenen bereits in Naturgedichten, Novellen und dem Schwarzweißroman.

Ihr jetzt vorliegendes und für den Deutschen Buchpreis nominiertes Werk trägt den Titel Die Sonnenposition. Dies ist keine Yogaübung sondern benennt die Stellungen, die ihre drei Hauptfiguren, allesamt junge „frühzeitig vergreiste“ Erwachsene, zueinander und zu ihrer Umwelt beziehen. Jeder scheint Fixstern und Trabant zugleich.

Den 32-jährigen Psychiater mit dem altertümlichen Namen Altfried hat es aus der rheinischen Provinz in eine ostdeutsche verschlagen. Dort liegt das zur Psychiatrie umfunktionierte Schloss mit herabstürzenden Stucksonnen und überwucherten Strahlenbeeten in ruinösem Zustand. Die Patienten sind meist vom Typ Wendeopfer, „Schatten der Erinnerung“ weiterlesen

Surreale Odyssee

Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans


„Und was habe ich in diesem Winkel hier wiedergefunden? Eine verfallene Kindheit, eine niedergehauene Landschaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“

Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag dessen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu aufgelegt, in der beeindruckenden Übersetzung durch Paul Celan.

Der dreißigjährige François ist aus Paris aufgebrochen um seinen Vater zu besuchen. Dieser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chauvigny umbenannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freudiges Wiedersehen mit dem Ort und den Personen der Kindheit anbahnt. François verlässt den Zug eine Station vor dem Ziel, um nicht von seinen Vater von Bahnhof abgeholt zu werden und so eine öffentliche Umarmung  zu vermeiden. Doch diesen Entschluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begegnung mit dem Vater graut, ängstigt ihn der Fußweg durch die graue, dunkelnde Herbstlandschaft. Er verlässt die Straße wissend sich in diesem „Schierlings- und Brombeerreich“ heillos zu verlaufen.

Die Begegnung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz graben, lösen Erinnerungen an seine eigene, vom Glück weit entfernte Kindheit aus.

Ich sah ein, daß es unmöglich war, aus eigenen Kräften glücklich zu werden: das war der kunstreich errungene Sieg meines Vaters, die harte Lektion einer knirschenden Mainacht.“

Weiter auf der Suche nach dem rechten Weg durch ein vom Krieg zerstörtes Dorf und seinen Wald, verfolgt von einem herrenlosen Hund, erinnert er sich an seinen letzten Besuch beim Vater, dem „Überwitwer“, der seinen beiden Kindern die Trauer um ihre Mutter verboten hatte.

Arme Mutter, nie habe ich sie anders gekannt als angeschmiedet an ihren Tod. Vater hatte sie eingekerkert, eingesargt in einem unzugänglichen Kummer. Niemand durfte ihrer gedenken. Nur auf seinen Wink hin durften die Tränen fließen und die Seufzer laut werden. Er gehörte ihm und nur ihm allein, dieser Tod.“

Als einziger Lichtblick in dieser Herbstdämmerung voll schwarzer Melancholie erscheint François sein Glück mit Juliette. Er denkt an ihre erste Begegnung, an ihre bescheidene Wohnung in Paris, in der sie glücklich sein wollen, vor allem, weil sie nicht „den anderen mit irgendwelchen alten Bindungen behelligen“. Die Vergangenheit muss verdrängt werden, um glücklich leben zu können. „Darf man den anderen Dinge aufbürden, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Einziger eine solche Last mit sich, auch Juliette hat eine Erinnerung zu verschweigen. Deren Zeugen, die Briefe Fernands, könnte sie jedoch mit Leichtigkeit verbrennen. François hingegen holen seine Albträume an jedem Wegweiser ein. Seine einstigen Selbstmordgedanken, die auch den anderen Mitgliedern dieser unglücklichen Familie nicht fern lagen, und die todesnahe Atmosphäre, deren vorherrschendes Element die Angst war.

Als Kind war ihm kaum etwas anderes beigebracht worden als Angst; eine Angst, der man mit keinerlei Argumenten, mit keinerlei Mut beikam.“ Früchte einer streng religiösen Erziehung. „Dieses Frikassee von Teufeleien, das man uns täglich auftischte.“

Schließlich wird der mittlerweile von Kälte, Hunger und Erinnerungen zermürbte François von einer Autofahrerin aufgelesen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwischen Vater und Tochter, der ihn schnell seinen Weg fortsetzen lässt. Doch welchen?

Es gibt immer zwei Wege nebeneinander, einen falschen und einen richtigen. Und Sie – Sie schlagen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wissen will. Der richtige Weg läuft an den Gleisen entlang. Sie rennen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“

François’ Weg zurück führt weiter durch seine Kindheit, die er gemeinsam mit seiner Schwester hinter verschlossenen Türen verbringen musste, nur einmal durften sie einen unbeschwerten Tag in Freiheit erleben. Da zeigt sich dem erwachsenen François plötzlich ein Licht in der Dunkelheit, er wähnt sich in Sicherheit, imaginiert eine „anheimelnde, rege, heitere Wohnstätte“, formuliert schon den Bericht seiner nächtlichen, unheimliche Irrfahrt an Juliette, als er beim Betreten des Hauses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Voller Schreck, von abermaligen Erinnerungen überwältig, verliert er das Bewusstsein. Die Bewohner betten ihn auf ein Sofa und bieten ihm an über Nacht zu bleiben. Vom Nebenraum aus lauscht er den Gesprächen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohlsein lässt ihn in Fieberphantasien fallen, die seine Kindheit heraufbeschwören und ihn fragen lassen, ob der Tod seines Vaters ihn endgültig  befreien würde, ob er dann mit Juliette ein neues Leben anfangen könne oder ob er durch die Befreiung vom Verursacher seines Kindheitsunglücks gleichzeitig auch seine Kindheit selbst verlieren würde.

Wieder erwacht hört er die Schneiderin Raymonde und ihre Tochter Claire, später trifft Simon ein, und bringt Unfrieden in seine Familie. Eine Familie, die wie sich zeigen wird, schon längst zerstört ist. Auf dem Höhepunkt des Streites mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird aufgefordert bei der Suche zu helfen. Diese gilt allerdings mehr dem teuren Hochzeitskleid, daß Claire zur Probe übergeworfen hatte, als dem jungen Mädchen selbst. François irrt wieder durch die Nacht und findet Claire schließlich in dem Haus, welches ihm als Knaben Zuflucht geboten hat. Das Haus des alten, lieben Lehrers Jean.

Die Lösung seiner Fragen und damit das Ende dieser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vorletzten Seite des Romans.

Jean Cayrol beschreibt in seinem Werk die nächtliche Odyssee seines Protagonisten François zu einem Ziel, welches er eigentlich gar nicht erreichen will. Immer wieder unterbrechen Erinnerungen an die Schrecken seiner Kindheit die Suche. Fetzen, die sich nach und nach zusammen fügen. Daneben gibt es Gedanken an sein jetziges Leben, seine Liebe zu Juliette. Von ihrer Situation berichtet der Autor in zwei kurzen Kapiteln. Sie zeigen, wie auch sie von einer Erinnerung belastet wird.

Jean Cayrol schildert die Suche nach dem rechten Weg, der sich in einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft nur schwerlich finden lässt. Er führt durch zerstörte Orte und verwilderte Natur, vorbei an verfallenen Häusern und obskuren Begegnungen. Trotz seines bedrückenden Inhalts, fesselt der Roman, leicht und fließend formuliert. Mehrere Bewusstseinsströme kombinierend entwickelt Cayrol ein intensives Psychogramm des Protagonisten. Erfahrung und Phantasie, Fieber und Traum bilden die Wirklichkeit dieser dunklen Nacht der Erinnerung. So erzeugt dieser Roman, dem ich noch viele weitere Leser wünsche, einen ungeheuren Lesesog.

Im Nachwort würdigt die Romanistin Ursula Hennigfeld den Dichter und Verleger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mitglied der Résistance 1943 im Lager Mauthausen interniert, wo er den Mitinhaftierten Gedichte von Racine und Rimbaud, sowie eigene Werke vortrug. Diese erschienen 1997 unter dem Titel „Schattenalarm“. Seit 1949 war Cayrol verlegerisch tätig. 1973 wurde er Mitglied der Académie Goncourt.

In ihrer Analyse des Romans betont Hennigfeld dessen surrealistische Struktur, sowie die subtextualen Anspielungen auf die Erinnerungspolitik des französischen Staates. Cayrol hat in allen seinen Werken seine Erfahrungen mit Krieg und Shoah verarbeitet, diese aber immer im Literarischen belassen.

Die Freundschaft zwischen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemeinsame Arbeit gegen das Vergessen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Übersetzung seines Buches bat. Welche dichterische Freiheit er ihm hierbei ließ, erläutert die Autorin.

Dichtung und Wahrheit

Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

In Die Erfindung des Lebens erzählt Ortheil die Entwicklungsgeschichte eines Künstlers, vom wortlos aufgewachsenen Kind über das Werden eines Pianisten bis hin zu seinen schriftstellerischen Anfängen. In diesen Handlungsstrang fügen sich Passagen ein, die das Leben des gealterten Erzählers in Rom und seine Arbeit an diesem Buch schildern.

Trotz des hohen Anteils von Selbsterlebtem wird die Romanhaftigkeit dieses Buches nicht nur durch seine Genrebezeichnung, sondern vor allem durch den Titel suggeriert. Auf Lesungen, ich hatte das Vergnügen seine Buchvorstellung auf der letztjährigen Karlsruher Bücherschau mit zu erleben, und in Interviews offenbart Ortheil jedoch die hohe Authentizität des Dargestellten.

Von den Stationen seiner Biographie, die der Leser chronologisch miterlebt, beeindruckten mich die ersten Kapitel am stärksten. Zu Beginn steht die Mutter-Kind-Symbiose zwischen der „Dichtung und Wahrheit“ weiterlesen