Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der De­cke woll­te ich längst, und nun lie­ge ich hier und kann mich nicht rüh­ren, ich hab’s nicht pro­biert. Ich lie­ge jetzt mal hier und rüh­re mich nicht, ich star­re ein­fach den Riss an.“

Der Ti­tel die­ses kur­zen, in­ten­si­ven Ro­mans ist Pro­gramm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt lie­gen. Es ist we­ni­ger sein Al­ter, das ihn zu Fall bringt, son­dern ei­ne Ab­len­kung durch ei­ne Frau oder bes­ser Wal­ter No­waks Re­ak­ti­on auf die­se. Spä­ter wird er er­zäh­len, er ha­be sich beim Schwim­men ver­schätzt und sich den Kopf am Be­cken­rand ge­sto­ßen.

Ju­lia Wolf, die 2016 mit ei­nem Aus­schnitt aus ih­rem da­mals noch un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man den 3sat Preis beim Bach­mann-Wett­be­werb ge­wann, wur­de mit dem voll­ende­ten Werk ein Jahr spä­ter für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert. Ihr Er­zähl­stil wirkt er­fri­schend neu, auch wenn er be­rühm­ten Vor­gän­gern ver­haf­tet ist.

Die Au­torin führt den Le­ser mit­ten hin­ein in Wal­ter No­waks Hirn und lässt ihn an ei­nem Strom von Er­in­ne­run­gen und As­so­zia­tio­nen teil­ha­ben. Für die bio­gra­phi­sche Au­then­ti­zi­tät der Fi­gur gibt sie kei­ne Ga­ran­tie, sie un­ter­läuft sie mit den Träu­men und Phan­ta­sien ih­res Hel­den. Wal­ters bio­gra­phi­sches „Re­kon­struk­ti­on. (Herr­lich) Un­kor­rekt“ wei­ter­le­sen

Out-of-Body-Experience

John Williams psychologisch intensives  Debüt „Nichts als die Nacht“

Und er dach­te an die Din­ge, an die er nicht den­ken soll­te, er­in­ner­te sich an Sa­chen, an die er sich nicht er­in­nern soll­te. Manch­mal, wenn er sich so al­lein dort sit­zen und sich er­in­nern sah, kam er sich wie ein Arzt vor, der be­ob­ach­te­te, wie ei­ne Krank­heit auf­zog, aber nichts da­ge­gen un­ter­nahm. Man hat­te ihm ge­sagt, dass es Din­ge ge­be, die er ver­ges­sen soll­te, die er ver­ges­sen muss­te.“

Ei­ne Au­ßer­kör­per­li­che Er­fah­rung, das Ge­fühl sei­nen Kör­per zu ver­las­sen, über ihm zu schwe­ben und sich selbst als Ob­jekt ei­ner Sze­ne­rie von au­ßen zu be­trach­ten, spielt ei­ne gro­ße Rol­le in John Wil­liams De­büt „Nichts als die Nacht“. Jen­seits der Li­te­ra­tur schil­dern Men­schen in kör­per­li­chen wie psy­chi­schen Not­si­tua­ti­on, Un­fall- und Ge­walt­op­fer, der­ar­ti­ges. Neu­ro­wis­sen­schaft­ler füh­ren dies auf die Be­ein­träch­ti­gung ver­schie­de­ner Be­rei­che des Hirns zu­rück und zäh­len es als Sym­ptom ei­ner Post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­rung. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, daß  John Wil­liams dies eben­falls aus Be­ob­ach­tung oder ei­ge­nem Er­le­ben kennt, denn die vor­lie­gen­de No­vel­le schrieb er als 22jähriger Kriegs­teil­neh­mer nach dem Ab­sturz sei­nes Flug­zeugs in ei­nem La­ger in Bur­ma.

Gleich zu Be­ginn sei­nes Buchs schickt er sei­nen jun­gen Prot­ago­nis­ten Ar­thur in ei­ne Out-of-Bo­dy-Ex­pe­ri­ence. Es ist die ers­te, wei­te­re wer­den fol­gen. Ar­thur be­fin­det sich auf ei­ner Par­ty, sieht wohl­be­leib­te Smo­king­trä­ger und ih­re knapp be­klei­de­ten Frau­en, er­kennt die De­tails der Woh­nung des Gast­ge­bers und ent­deckt „Out-of-Bo­dy-Ex­pe­ri­ence“ wei­ter­le­sen

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In un­se­rer Ge­sell­schaft ist et­was sehr Un­ge­sun­des im Gan­ge, al­les wird durch den Blick­win­kel der Iden­ti­tät be­trach­tet. Je­der wird auf sei­ne Her­kunft fest­ge­legt, egal, was er tut.“

Mei­ne ein­zi­ge Iden­ti­tät ist ei­ne po­li­ti­sche“, lau­tet das Be­kennt­nis ei­ner Fi­gur im neu­en Ro­man der fran­zö­si­schen Schrift­stel­le­rin Ka­ri­ne Tuil. Be­kannt ge­wor­den durch ih­ren Er­folg Die Gie­ri­gen ist sie nun mit dem bei Ull­stein er­schie­ne­nen und von Ma­ja Ue­ber­le-Pfaff ins Deut­sche über­tra­ge­nen ak­tu­el­len Ro­man Die Zeit der Ru­he­lo­sen ent­spre­chen­den Er­war­tun­gen aus­ge­setzt. Dies mag ei­ner der Grün­de sein, wes­halb er beim „Li­te­ra­tur­club“ des Schwei­zer Fern­se­hens und beim „Li­te­ra­ri­schen Quar­tett“ des Süd­west­funks auf dem Pro­gramm stand.

Im Mit­tel­punkt der Hand­lung ste­hen drei Män­ner, Fran­çois, Ro­main und Os­man, de­ren Er­le­ben Tuil in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln er­zählt, so­wie Ma­ri­on, die zwi­schen zwei­en die­ser Män­ner steht.

Fran­çois Vé­ly lei­tet ei­nen Kon­zern der fran­zö­si­schen Mo­bil­funk­bran­che und ist ei­ner der reichs­ten Män­ner des Lan­des. Der Va­ter drei­er Kin­der aus ers­ter Ehe ist zum zwei­ten Mal mit „Pa­thos mit Kli­schee“ wei­ter­le­sen

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahn­te nicht, dass mich nach Er­schei­nen des Ar­ti­kels ein Ver­le­ger kon­tak­tie­ren wür­de, um mich zu fra­gen, ob ich nicht ein Buch schrei­ben woll­te. Ob ich nicht ir­gend­wel­che Ge­schich­ten über Leu­te ge­hört hät­te, die ich ger­ne er­zäh­len wür­de. Ge­nau die­ses Ge­spräch brach­te mich dann auf die Idee, mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len – von mei­nem Un­fall, den Jah­ren in der Ein­sam­keit und mei­ner lang­wie­ri­gen, merk­wür­di­gen Su­che nach mei­nem Platz in der Welt, nach ei­nem neu­en Ver­ständ­nis der Rea­li­tät, nach ei­ner neu­en Per­spek­ti­ve.“

Die­ses Be­kennt­nis im letz­ten Ka­pi­tel des vor­lie­gen­den Buchs be­schreibt bes­ser als der Ti­tel, daß Al­lein in den Wäl­dern nicht nur vom (Über)leben in der Na­tur er­zählt. Howard Axel­rod schil­dert in sei­nem als Me­moir zu be­zeich­nen­dem Werk kei­ne mo­der­ne Ver­si­on von Tho­re­aus Wal­den“ , auch wenn er die­sen Klas­si­ker zi­tiert.

Par­al­le­len im Ver­hal­ten der bei­den Prot­ago­nis­ten be­stehen durch­aus. Wie Tho­reau so ist auch Axel­rod kein Selbst­ver­sor­ger und den Lau­nen der Na­tur nicht ganz und gar aus­ge­setzt wie ein ein­sa­mer Na­tur­bur­sche fern der Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­se ist mü­he­los zu er­rei­chen, von Axel­rod so­gar mit dem ei­ge­nen Au­to, um sich mit dem Nö­tigs­ten zu ver­sor­gen oder auch mal ein­zu­keh­ren. Wäh­rend Tho­reau bis­wei­len „Me­moir in Na­tur­ku­lis­se“ wei­ter­le­sen

Ein jeder hinkt für sich allein“

Tod und Trauma prägen Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“

SeethalerDer Tod ge­hört zum Le­ben wie der Schim­mel zum Brot“, die­ser Satz fällt im neu­en Ro­man von Ro­bert Seet­ha­ler, der laut Ti­tel „Ein gan­zes Le­ben“ schil­dern will. Ist dies über­haupt mög­lich auf 154 Sei­ten? Zu­mal die Er­eig­nis­se der von Seet­ha­ler ge­wähl­ten Hand­lungs­zeit selbst das ab­ge­le­ge­ne Hoch­ge­birgs­tal er­rei­chen.

Dort ver­bringt An­dre­as Eg­ger fast sein gan­zes Le­ben. 1902 kam der Vier­jäh­ri­ge nach dem Tod sei­ner Mut­ter, der Va­ter war längst ab­han­den ge­kom­men, aus der Stadt in die Ob­hut sei­nes On­kels. Der wohl­ha­ben­de Berg­bau­er nahm ihn als her­an­wach­sen­de bil­li­ge Ar­beits­kraft auf, ver­sorg­te ihn mehr schlecht als recht und ließ an dem Kind sei­ne sa­dis­ti­schen Nei­gun­gen aus. Die Miss­hand­lun­gen, an die ihn sein hin­ken­des Bein im­mer er­in­nern wird, er­trägt Eg­ger so lan­ge bis er stark ge­nug ist sich zur Wehr zu setz­ten. Er ver­lässt den Hof, ge­ra­de 16 Jah­re alt, bleibt aber im Dorf und ver­dingt sich als Hilfs­knecht. Spä­ter fin­det er sein Aus­kom­men beim Berg­bahn­bau. Als Orts­kun­di­ger er­schließt er den un­zu­gäng­li­chen Fels. Mit 29 Jah­ren kann er sich ein klei­nes Grund­stück am obe­ren Orts­rand leis­ten, wo er ei­ne Hüt­te baut.

Es wun­dert, daß Eg­ger in die­sem Dorf bleibt, das ihn we­der will­kom­men heißt noch auf­nimmt. Sein kar­ges Da­sein hellt sich auf als er die Hilfs­kell­ne­rin Ma­rie hei­ra­tet. Doch ei­ne La­wi­ne nimmt Ein je­der hinkt für sich al­lein““ wei­ter­le­sen

Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst au­gen­blick­lich ein. Spürst un­ter dir die trä­ge Last der me­ter­di­cken Torf­schwäm­me, den schwe­ren, fet­ten Leib, der dich um­armt. Ich schlie­ße dich ein, in Was­ser, in Er­de oder ein Ge­men­ge aus bei­dem: feuch­te Kru­me, zä­her Wur­zel­filz, ver­zweig­te Adern über halb­ver­rot­te­ten Äs­ten wie Kno­chen, dar­un­ter das Herz der Tie­fe, brei­ig, kalt pul­sie­rend, noch vor zwei­hun­dert Jah­ren fürch­te­ten mich die Fenn­dor­fer als schwar­zes, schlei­mi­ges Tier, das un­ter den Häu­sern lebt und ih­re Kin­der ver­schlingt.“

Mit dem Moor ver­bin­den wir Ge­heim­nis und Ge­fahr. Die Ge­dan­ken an Moor­lei­chen, Zeu­gen längst ver­gan­ge­ner Ri­tua­le, ma­chen ei­ne Wan­de­rung über den Knüp­pel­damm zu ei­nem un­heim­li­chen Aben­teu­er. Was, wenn man vom Weg ab­kommt und ver­sinkt? Muss man ver­mo­dern, wenn man sich nicht am ei­ge­nen Schopf wie­der her­aus zie­hen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Un­heim­li­ches, es bie­tet Schutz, be­son­ders den Le­be­we­sen, die in der Zi­vi­li­sa­ti­on kei­nen Platz fin­den.

In die­sem Bio­top le­ben die Li­bel­len, die Be­glei­ter Di­ons, des 13-jäh­ri­gen stot­tern­den Prot­ago­nis­ten in Gun­ther Gel­tin­gers neu­em Ro­man Moor. Das Moor ist nicht nur Di­ons Hei­mat, es ist „Me­ta­mor­pho­sen im Moor“ wei­ter­le­sen

Schatten der Erinnerung

In ihrem neuen Roman Die Sonnenposition erzählt Marion Poschmann auf poetische Weise vom Trauma der Kriegsenkel

DBLDoch lei­det man nicht, hö­re ich mich zu Odi­lo sa­gen, nur all­zu­oft an Er­in­ne­run­gen, die nicht die ei­ge­nen sind? Selt­sa­me Ver­seh­run­gen, die wir auf nichts zu­rück­füh­ren kön­nen, ein wie­der­keh­ren­des Un­be­ha­gen, für das wir ver­geb­lich Grün­de su­chen.“

Son­nen­blu­men, Son­nen­strah­len, Son­nen­auf- und Un­ter­gang, wer vor der Lek­tü­re über die Son­ne as­so­zi­iert, am bes­ten in Form ei­nes strah­len­för­mig an­ge­leg­ten Mind­maps, der ist auf Ma­ri­on Po­sch­manns neu­en Ro­man in zwei­er­lei Hin­sicht vor­be­rei­tet. Zum ei­nen wer­den ihm vie­le sei­ner Fund­stü­cke be­geg­nen, sei­en es all­täg­li­che oder his­to­risch kon­no­tier­te, zum an­de­ren wird er er­ken­nen müs­sen, daß die Poe­tin Po­sch­mann ihm in Wort­schöp­fungs­po­tenz haus­hoch über­le­gen ist. Ken­nen­ler­nen konn­te man den Stil der 1969 Ge­bo­re­nen be­reits in Na­tur­ge­dich­ten, No­vel­len und dem Schwarz­weiß­ro­man.

Ihr jetzt vor­lie­gen­des und für den Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­tes Werk trägt den Ti­tel Die Son­nen­po­si­ti­on. Dies ist kei­ne Yo­ga­übung son­dern be­nennt die Stel­lun­gen, die ih­re drei Haupt­fi­gu­ren, al­le­samt jun­ge „früh­zei­tig ver­greis­te“ Er­wach­se­ne, zu­ein­an­der und zu ih­rer Um­welt be­zie­hen. Je­der scheint Fix­stern und Tra­bant zu­gleich.

Den 32-jäh­ri­gen Psych­ia­ter mit dem al­ter­tüm­li­chen Na­men Alt­fried hat es aus der rhei­ni­schen Pro­vinz in ei­ne ost­deut­sche ver­schla­gen. Dort liegt das zur Psych­ia­trie um­funk­tio­nier­te Schloss mit her­ab­stür­zen­den Stuck­son­nen und über­wu­cher­ten Strah­len­bee­ten in rui­nö­sem Zu­stand. Die Pa­ti­en­ten sind meist vom Typ Wen­de­op­fer, „Schat­ten der Er­in­ne­rung“ wei­ter­le­sen

Surreale Odyssee

Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans


„Und was ha­be ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Ei­ne ver­fal­le­ne Kind­heit, ei­ne nie­der­ge­haue­ne Land­schaft und über all dem ei­ne wü­ten­de, ra­sen­de Nacht.“

An­läss­lich des hun­derts­ten Ge­burts­tags von Jean Ca­y­rol (1911–2005) hat der Schöff­ling-Ver­lag des­sen Ro­man „Im Be­reich ei­ner Nacht“ neu auf­ge­legt, in der be­ein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Ce­lan.

Der drei­ßig­jäh­ri­ge Fran­çois ist aus Pa­ris auf­ge­bro­chen um sei­nen Va­ter zu be­su­chen. Die­ser wohnt in Sain­te-Vey­res, nach dem Krieg in Chau­vi­gny um­be­nannt. Man ahnt gleich zu Be­ginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit an­bahnt. Fran­çois ver­lässt den Zug ei­ne Sta­ti­on vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Va­ter von Bahn­hof ab­ge­holt zu wer­den und so ei­ne öf­fent­li­che Um­ar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss be­reut er bald. So sehr ihm vor der Be­geg­nung mit dem Va­ter graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­keln­de Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Stra­ße wis­send sich in die­sem „Schier­lings- und Brom­beer­reich“ heil­los zu ver­lau­fen.

Die Be­geg­nung mit ein paar Jungs, die nach ei­nen Schatz gra­ben, lö­sen Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne, vom Glück weit ent­fern­te Kind­heit aus.

Ich sah ein, daß es un­mög­lich war, aus ei­ge­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich er­run­ge­ne Sieg mei­nes Va­ters, die har­te Lek­ti­on ei­ner knir­schen­den Mai­nacht.“

Wei­ter auf der Su­che nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von ei­nem her­ren­lo­sen Hund, er­in­nert er sich an sei­nen letz­ten Be­such beim Va­ter, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trau­er um ih­re Mut­ter ver­bo­ten hat­te.

Ar­me Mut­ter, nie ha­be ich sie an­ders ge­kannt als an­ge­schmie­det an ih­ren Tod. Va­ter hat­te sie ein­ge­ker­kert, ein­ge­sargt in ei­nem un­zu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durf­te ih­rer ge­den­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er ge­hör­te ihm und nur ihm al­lein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Me­lan­cho­lie er­scheint Fran­çois sein Glück mit Ju­li­et­te. Er denkt an ih­re ers­te Be­geg­nung, an ih­re be­schei­de­ne Woh­nung in Pa­ris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor al­lem, weil sie nicht „den an­de­ren mit ir­gend­wel­chen al­ten Bin­dun­gen be­hel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich le­ben zu kön­nen. „Darf man den an­de­ren Din­ge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr er­trägt?“ Fran­çois trägt nicht als Ein­zi­ger ei­ne sol­che Last mit sich, auch Ju­li­et­te hat ei­ne Er­in­ne­rung zu ver­schwei­gen. De­ren Zeu­gen, die Brie­fe Fer­nands, könn­te sie je­doch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. Fran­çois hin­ge­gen ho­len sei­ne Alb­träu­me an je­dem Weg­wei­ser ein. Sei­ne eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den an­de­ren Mit­glie­dern die­ser un­glück­li­chen Fa­mi­lie nicht fern la­gen, und die to­des­na­he At­mo­sphä­re, de­ren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

Als Kind war ihm kaum et­was an­de­res bei­gebracht wor­den als Angst; ei­ne Angst, der man mit kei­ner­lei Ar­gu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früch­te ei­ner streng re­li­giö­sen Er­zie­hung. „Die­ses Fri­kas­see von Teu­fe­lei­en, das man uns täg­lich auf­tisch­te.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­wei­le von Käl­te, Hun­ger und Er­in­ne­run­gen zer­mürb­te Fran­çois von ei­ner Au­to­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In de­ren Haus er­hält er zwar ein we­nig Wär­me und ei­nen Co­gnac, ge­rät aber zu­gleich in ei­nen Streit zwi­schen Va­ter und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch wel­chen?

Es gibt im­mer zwei We­ge ne­ben­ein­an­der, ei­nen fal­schen und ei­nen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen im­mer nur die We­ge ein, von de­nen kein Mensch et­was wis­sen will. Der rich­ti­ge Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf We­gen her­um, als ob Sie auf Am­seln aus wä­ren, wie die Kin­der.“

Fran­çois’ Weg zu­rück führt wei­ter durch sei­ne Kind­heit, die er ge­mein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ver­brin­gen muss­te, nur ein­mal durf­ten sie ei­nen un­be­schwer­ten Tag in Frei­heit er­le­ben. Da zeigt sich dem er­wach­se­nen Fran­çois plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Si­cher­heit, ima­gi­niert ei­ne „an­hei­meln­de, re­ge, hei­te­re Wohn­stät­te“, for­mu­liert schon den Be­richt sei­ner nächt­li­chen, un­heim­li­che Irr­fahrt an Ju­li­et­te, als er beim Be­tre­ten des Hau­ses ge­fragt wird, ob er we­gen des To­ten kom­me. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Er­in­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Be­wusst­sein. Die Be­woh­ner bet­ten ihn auf ein So­fa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Ne­ben­raum aus lauscht er den Ge­sprä­chen der Frau­en, er­fährt von ih­rem Un­glück und, daß der To­te nur zu Be­such war. Sein Un­wohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die sei­ne Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Va­ters ihn end­gül­tig  be­frei­en wür­de, ob er dann mit Ju­li­et­te ein neu­es Le­ben an­fan­gen kön­ne oder ob er durch die Be­frei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch sei­ne Kind­heit selbst ver­lie­ren wür­de.

Wie­der er­wacht hört er die Schnei­de­rin Ray­mon­de und ih­re Toch­ter Clai­re, spä­ter trifft Si­mon ein, und bringt Un­frie­den in sei­ne Fa­mi­lie. Ei­ne Fa­mi­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Hö­he­punkt des Strei­tes mit ih­rem Va­ter Si­mon, flieht Clai­re aus dem Haus. Fran­çois wird auf­ge­for­dert bei der Su­che zu hel­fen. Die­se gilt al­ler­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Clai­re zur Pro­be über­ge­wor­fen hat­te, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. Fran­çois irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Clai­re schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zu­flucht ge­bo­ten hat. Das Haus des al­ten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lö­sung sei­ner Fra­gen und da­mit das En­de die­ser Nacht er­schließt sich ihm und da­mit auch dem Le­ser auf der vor­letz­ten Sei­te des Ro­mans.

Jean Ca­y­rol be­schreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten Fran­çois zu ei­nem Ziel, wel­ches er ei­gent­lich gar nicht er­rei­chen will. Im­mer wie­der un­ter­bre­chen Er­in­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Su­che. Fet­zen, die sich nach und nach zu­sam­men fü­gen. Da­ne­ben gibt es Ge­dan­ken an sein jet­zi­ges Le­ben, sei­ne Lie­be zu Ju­li­et­te. Von ih­rer Si­tua­ti­on be­rich­tet der Au­tor in zwei kur­zen Ka­pi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von ei­ner Er­in­ne­rung be­las­tet wird.

Jean Ca­y­rol schil­dert die Su­che nach dem rech­ten Weg, der sich in ei­ner vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Ge­sell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­stör­te Or­te und ver­wil­der­te Na­tur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und ob­sku­ren Be­geg­nun­gen. Trotz sei­nes be­drü­cken­den In­halts, fes­selt der Ro­man, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­re­re Be­wusst­seins­strö­me kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Ca­y­rol ein in­ten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Er­fah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Er­in­ne­rung. So er­zeugt die­ser Ro­man, dem ich noch vie­le wei­te­re Le­ser wün­sche, ei­nen un­ge­heu­ren Le­se­sog.

Im Nach­wort wür­digt die Ro­ma­nis­tin Ur­su­la Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Ca­y­rol. Ca­y­rol wur­de als Mit­glied der Ré­sis­tance 1943 im La­ger Maut­hau­sen in­ter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Ge­dich­te von Ra­ci­ne und Rim­baud, so­wie ei­ge­ne Wer­ke vor­trug. Die­se er­schie­nen 1997 un­ter dem Ti­tel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Ca­y­rol ver­le­ge­risch tä­tig. 1973 wur­de er Mit­glied der Aca­dé­mie Gon­court.

In ih­rer Ana­ly­se des Ro­mans be­tont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, so­wie die sub­tex­tua­len An­spie­lun­gen auf die Er­in­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Ca­y­rol hat in al­len sei­nen Wer­ken sei­ne Er­fah­run­gen mit Krieg und Sho­ah ver­ar­bei­tet, die­se aber im­mer im Li­te­ra­ri­schen be­las­sen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Ca­y­rol und Paul Ce­lan, ge­prägt durch die ge­mein­sa­me Ar­beit ge­gen das Ver­ges­sen, führ­te da­zu, daß Ca­y­rol Ce­lan um die Über­set­zung sei­nes Bu­ches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, er­läu­tert die Au­torin.

Dichtung und Wahrheit

Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

In Die Er­fin­dung des Le­bens er­zählt Ortheil die Ent­wick­lungs­ge­schich­te ei­nes Künst­lers, vom wort­los auf­ge­wach­se­nen Kind über das Wer­den ei­nes Pia­nis­ten bis hin zu sei­nen schrift­stel­le­ri­schen An­fän­gen. In die­sen Hand­lungs­strang fü­gen sich Pas­sa­gen ein, die das Le­ben des ge­al­ter­ten Er­zäh­lers in Rom und sei­ne Ar­beit an die­sem Buch schil­dern.

Trotz des ho­hen An­teils von Selbst­er­leb­tem wird die Ro­man­haf­tig­keit die­ses Bu­ches nicht nur durch sei­ne Gen­re­bezeich­nung, son­dern vor al­lem durch den Ti­tel sug­ge­riert. Auf Le­sun­gen, ich hat­te das Ver­gnü­gen sei­ne Buch­vor­stel­lung auf der letzt­jäh­ri­gen Karls­ru­her Bü­cher­schau mit zu er­le­ben, und in In­ter­views of­fen­bart Ortheil je­doch die ho­he Au­then­ti­zi­tät des Dar­ge­stell­ten.

Von den Sta­tio­nen sei­ner Bio­gra­phie, die der Le­ser chro­no­lo­gisch mit­er­lebt, be­ein­druck­ten mich die ers­ten Ka­pi­tel am stärks­ten. Zu Be­ginn steht die Mut­ter-Kind-Sym­bio­se zwi­schen der „Dich­tung und Wahr­heit“ wei­ter­le­sen