Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der De­cke woll­te ich längst, und nun lie­ge ich hier und kann mich nicht rüh­ren, ich hab’s nicht pro­biert. Ich lie­ge jetzt mal hier und rüh­re mich nicht, ich star­re ein­fach den Riss an.“

Der Ti­tel die­ses kur­zen, in­ten­si­ven Ro­mans ist Pro­gramm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt lie­gen. Es ist we­ni­ger sein Al­ter, das ihn zu Fall bringt, son­dern ei­ne Ab­len­kung durch ei­ne Frau oder bes­ser Wal­ter No­waks Re­ak­ti­on auf die­se. Spä­ter wird er er­zäh­len, er ha­be sich beim Schwim­men ver­schätzt und sich den Kopf am Be­cken­rand ge­sto­ßen.

Ju­lia Wolf, die 2016 mit ei­nem Aus­schnitt aus ih­rem da­mals noch un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man den 3sat Preis beim Bach­mann-Wett­be­werb ge­wann, wur­de mit dem voll­ende­ten Werk ein Jahr spä­ter für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert. Ihr Er­zähl­stil wirkt er­fri­schend neu, auch wenn er be­rühm­ten Vor­gän­gern ver­haf­tet ist.

Die Au­to­rin führt den Le­ser mit­ten hin­ein in Wal­ter No­waks Hirn und lässt ihn an ei­nem Strom von Er­in­ne­run­gen und As­so­zia­tio­nen teil­ha­ben. Für die bio­gra­phi­sche Au­then­ti­zi­tät der Fi­gur gibt sie kei­ne Ga­ran­tie, sie un­ter­läuft sie mit den Träu­men und Phan­ta­si­en ih­res Hel­den. Wal­ters bio­gra­phi­sches Ge­dächt­nis ist wie bei je­dem an­de­ren ein sub­jek­tiv ge­wünsch­tes, in sei­nem spe­zi­el­len Fall kommt ein durch den Sturz leicht lä­dier­tes Hirn hin­zu.

Sein Er­in­nern schweift al­so vom un­mit­tel­ba­ren Ge­sche­hen zur Ge­schich­te im Schwimm­bad bis zu längst ver­gan­ge­nen Er­eig­nis­sen. So­bald sich Wal­ter der Rea­li­tät be­wusst wird, ver­sucht er sei­ne La­ge auf den Ba­de­zim­mer­flie­sen zu er­klä­ren. Nicht sich selbst, son­dern sei­ner Yvon­ne, die bald zu­rück­keh­ren und ihn fra­gen wird. Wäh­rend er sich ei­ne Ver­si­on zu­recht­legt, bran­den in im­mer neu­en Wel­len Er­in­ne­run­gen an den Rand sei­nes Be­wusst­seins. Dem 68-jäh­ri­gen macht nicht die ak­tu­el­le hilf­lo­se Si­tua­ti­on sei­nes Kör­pers zu schaf­fen. Ihn stört sein Al­ter, ge­gen das er je­den Mor­gen ei­sern an­schwimmt. Zu­dem be­droht ein uro­lo­gi­scher Be­fund, noch da­zu er­ho­ben von ei­ner Frau, sein männ­li­ches Selbst­ver­ständ­nis. Fit und vi­ril will er blei­ben, für sich und für sei­ne jun­ge Frau Yvon­ne, in sei­nen Wunsch­träu­men auch für an­de­re. Doch es fällt ihm zu­neh­mend schwer mit Yvon­ne Schritt zu hal­ten. Sie, we­gen der er die Ehe mit Gi­se­la, aber auch sei­nen Sohn Fe­lix ver­las­sen hat, ent­fernt sich zu­neh­mend. Wal­ter ha­dert mit ih­ren Ein­stel­lun­gen und ih­rem En­ga­ge­ment und hält ih­re ge­sun­de Er­näh­rung so­wie ih­re po­li­ti­sche Kor­rekt­heit für über­trie­ben. Dies ge­fähr­det ih­re Be­zie­hung, aber an­statt zu re­den, ent­wi­ckelt Wal­ter Ei­fer­sucht. Da­bei ist er selbst kein Un­schulds­lamm, sonst wür­de er nicht hilf­los hier lie­gen und nach ei­ner Er­klä­rung für Yvon­ne su­chen. Die, so hofft er, kommt spä­tes­tens am nächs­ten Mor­gen zu­rück. Wal­ter war­tet und ver­sinkt im Meer sei­ner Er­in­ne­run­gen, um­so tie­fer, je län­ger er liegt. Vor­bei an ers­ter Ehe und Be­ruf lan­det er in sei­ner Kind­heit und ei­nem ver­ges­sen ge­glaub­ten Trau­ma. Die Gren­zen zwi­schen tat­säch­lich Ge­sche­he­nem und phan­ta­sie­voll Aus­ge­schmück­tem ver­schwim­men.

Wal­ters Ge­dan­ken­bruch­stü­cke setzt Ju­lia Wolf durch ei­ne all­mäh­li­che Auf­lö­sung der Syn­tax in Sze­ne, die zer­bricht, wenn ihr Held auf den Flie­sen er­wacht. So­bald er je­doch wie­der in sei­ne Traum­er­in­ne­run­gen ab­taucht, fließt sie wie­der. „Ich muss mich jetzt mal. Zu­sam­men. Rei­ßen. Die­sen Tag rum. Rei­ßen.“ Oder „Aus kei­ner Mü­cke, Ele­fan­ten, das wol­len wir nicht. Nein.“ Die Tren­nung der Sät­ze durch Punkt und Kom­ma ver­leiht den Wor­ten ei­ne be­son­de­re Be­to­nung. Sie mar­kiert den Zu­stand des Er­zäh­lers, des­sen Un­zu­ver­läs­sig­keit den Le­ser ge­schickt in die Ir­re zu füh­ren ver­mag. Ge­spannt er­lebt die­ser ei­ne Odys­see durch Wal­ters Ge­dan­ken­flu­ten, liest amü­siert Wal­ters herr­lich un­kor­rek­te An­sich­ten, um schließ­lich von der schnö­den Wahr­heit über­rascht zu wer­den.

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, Frankfurter Verlags Anstalt, 2017
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