Proust — Herzflimmern in Balbec

Arrhythmien des Herzens an der Küste von Gomorrha, Bd. IV, 219–367

Ich er­in­ner­te mich an die letz­te Zeit im Le­ben mei­ner Groß­mutter und an al­les, was mit ihr zu­sam­men­hing, an die Trep­pen­haus­tür, die of­fen ge­blie­ben war, als wir zu ih­rem letz­ten Spa­zier­gang hin­aus­gin­gen. Im Ver­gleich da­zu er­schien der Rest der Welt kaum wirk­lich, und mein Lei­den ver­gif­te­te ihn gänz­lich. Schließ­lich dräng­te mei­ne Mut­ter mich, hin­aus­zu­ge­hen. Doch bei je­dem Schritt hin­der­te mich wie ein Wind, ge­gen den man nicht an­kom­men kann, ir­gend­ein ver­ges­se­ner Aspekt des Ka­si­nos oder der Stra­ße, in der ich sie am ers­ten Abend er­war­tet hat­te und auf der ich bis zum Denk­mal für Dugu­ay-Trou­in ge­gan­gen war, am Wei­ter­ge­hen; ich senk­te die Au­gen, um nicht zu sehen.“

Beim zwei­ten Auf­ent­halt in Bal­bec ist für Mar­cel vie­les ähn­lich und doch al­les an­ders. Als Stamm­gast von Rang holt ihn der Di­rek­tor des Grand-Hô­tel per­sön­lich am Bahn­hof ab. Ort und Ge­pflo­gen­hei­ten sind Mar­cel ver­traut, er be­zieht so­gar das­sel­be Zim­mer wie beim Auf­ent­halt mit sei­ner Groß­mutter. Nur ihr be­ru­hi­gen­des Klop­fen vom Nach­bar­raum wird er nicht mehr hö­ren kön­nen. Die vom Ort aus­ge­lös­te, leb­haf­te Er­in­ne­rung an die Ver­stor­be­ne macht ihm be­wusst, „dass sie nie­mals wie­der in mei­ner Nä­he sein wür­de, (…) dass ich sie für im­mer ver­lo­ren hat­te.“ Die Trau­er lähmt ihn.

Da­bei ist er mit gro­ßen Er­war­tun­gen in die Nor­man­die ge­reist. Ei­nen Abend bei den Ver­durins hat er sich vor­ge­nom­men. Nicht weil ihn die Gast­ge­ber oder die Gäs­te die­ses Sa­lons reiz­ten, in Pa­ris hat­te er ihn ge­mie­den, ei­ne ero­ti­sche Ver­hei­ßung, das Kam­mer­kätz­chen der Ma­dame Put­bus, die zum Kreis der Ver­durins zählt, zieht ihn dort hin. Saint-Loup hat­te der­art von ihr ge­schwärmt, daß Mar­cel sich noch in Pa­ris er­kun­digt hat­te, ob die Da­me samt ih­rer Zo­fe auf La Ras­pe­liè­re, der Som­mer­re­si­denz der Ver­durins, zu er­war­ten sei.  An­ge­kün­digt hat sich auch Al­ber­ti­ne, die ih­re Fe­ri­en nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter von Bal­bec ent­fernt ver­bringt. Zu­dem er­war­tet Mar­cel ei­ne Ma­ti­nee bei der Mar­qui­se de Cam­bre­mer, die in Fé­ter­ne emp­fängt, ih­rem pracht­vol­len Land­sitz mit nicht min­der pracht­vol­len Gär­ten. Al­lem sagt er ab und sehnt sich nach dem Ein­tref­fen sei­ner Mut­ter, der er sich im Kum­mer um die Groß­mutter na­he fühlt.

Doch der Er­zäh­ler wä­re nicht der Er­zäh­ler, wenn er we­gen der See­len­pein sei­nes jun­gen Prot­ago­nis­ten das Ta­lent für die amü­sier­te Be­ob­ach­tung ver­lo­ren hät­te. Die­se er­folgt mal in sub­ti­ler Iro­nie, mal mit of­fe­nem Spott. Gleich zu Be­ginn muss die feh­ler­haf­te Aus­spra­che des Di­rek­tors her­hal­ten, was die Aus­ga­ben bei Suhr­kamp und Re­clam ver­schie­den hand­ha­ben. So ver­zich­tet Kel­ler meist auf die Über­set­zung der ent­spre­chen­den Wör­ter, Fi­scher al­ler­dings bringt den Spaß auch auf Deutsch zum Klin­gen. Über die Er­nen­nung des Ge­richts­prä­si­den­ten zum Kom­man­dan­ten der Eh­ren­le­gi­on heißt es bei Kel­ler: „Bom­ben­si­cher hat er Fä­hig­kei­ten, aber es scheint, daß man sie ihm vor al­lem we­gen sei­ner ab­so­lu­ten In­ti­mi­tät (In­te­gri­tät) ge­ge­ben hat“. Fi­scher for­mu­liert: „Bom­ben­si­cher weil er Fä­hig­kei­ten hat, aber es scheint, dass man sie ihm vor al­lem we­gen sei­ner gro­ßen Im­po­tenz ge­ge­ben hat.“ Der Ohn­machts­an­fall der Groß­mutter, den der Ho­tel­di­rek­tor an­spricht, bleibt bei Kel­ler nur leicht ver­än­dert ei­ne „Si­ne­ko­pe“, wäh­rend Fi­scher mit „Um­nachts­an­fall“ ein der Per­son, an die ge­dacht wird, an­ge­mes­se­nes, lie­be­vol­les Schmun­zeln hervorruft.

Mar­cel ver­lässt schließ­lich sein Ho­tel­zim­mer, um in den Dü­nen ver­steckt sei­nen Er­in­ne­run­gen nach­zu­hän­gen. Dann kehrt durch die Sin­nes­rei­ze Bal­becs, das Krei­schen der Kin­der und der Mö­wen, der An­blick der Wel­len, das To­sen der Bran­dung und die Vor­ah­nung auf die Som­mer­hit­ze des Strands, das Le­ben in ihn zu­rück. Er wird sich mit Al­ber­ti­ne tref­fen und mit ih­ren Freun­din­nen. „Ap­fel­bäu­me (…) so­weit das Aug reich­te, in vol­ler Blü­te von un­er­hör­tem Lu­xus, im Ball­kleid und mit den Fü­ßen im Schmutz ga­ben sie kei­ner­lei Ob­acht, nicht den al­ler­herr­lichs­ten ro­si­gen Sa­tin zu ver­der­ben, den man je ge­se­hen hat­te und den die Son­ne zum Glän­zen brach­te. (…) Es war ein Frühlingstag.“

Sie un­ter­neh­men Strand­spa­zier­gän­ge, Al­ber­ti­ne be­sucht ihn auf sei­nem Zim­mer. Trotz der ver­trau­li­chen In­ti­mi­tät miss­traut Mar­cel Al­ber­ti­nes Ab­sich­ten. Sei­ne Ei­fer­sucht wächst, als er sie zu­fäl­lig in ei­nem Lo­kal in der Ge­sell­schaft ih­rer Freun­din An­drée ent­deckt. Die bei­den tan­zen ei­nen Wal­zer, viel zu eng um­schlun­gen, wie sein Be­glei­ter Dr. Cot­tard zu Be­den­ken gibt. Der Arzt sieht das Paar zwar oh­ne Bril­le nur ver­schwom­men, kon­sta­tiert aber, die bei­den be­fän­den sich auf „dem Hö­he­punkt der Wol­lust“. Ei­fer­sucht ver­blen­det auch Mar­cel. Cot­tards Kom­pe­tenz ist je­doch in Zwei­fel zu zie­hen, wie die im An­schluss ge­schil­der­te An­ek­do­te zeigt. Der Pro­fes­sor und To­xi­ko­lo­ge dia­gnos­ti­zier­te und be­han­del­te ein ge­schwol­le­nes, groß­her­zog­li­ches Au­ge als Ver­gif­tung. Das Lei­den des Groß­her­zogs lin­der­te erst ein Land­arzt, der das Staub­korn aus dem Au­ge fisch­te. Mar­cel al­ler­dings ver­traut der ärzt­li­chen Ana­ly­se und grollt Al­ber­ti­ne bis ei­ne Aus­spra­che zur Aus­söh­nung führt. Im Nach­hin­ein er­kennt er, er „hät­te noch am sel­ben Abend ab­rei­sen sol­len, oh­ne sie je­mals wie­der­zu­se­hen“. Sein Ver­dacht auf die sap­p­his­ti­schen Nei­gun­gen sei­ner Freun­din quält ihn. Ist das Balbec’schen Trei­ben doch vol­ler Ge­fahr. Der Sai­son­start spült Frisch­fleisch an die Strän­de, neue Mäd­chen, die ihn zu „Be­sich­ti­gungs­gän­gen“ ani­mie­ren, aber Al­ber­ti­ne ver­füh­ren könn­ten. Es scheint, er ge­ste­he sich zu, was er Al­ber­ti­ne miss­gönnt. Doch bald wünscht er, daß „über­haupt kei­ne Frau mehr nach Bal­bec kä­me“, erst recht nicht die Kam­mer­zo­fe der Ma­dame Putbus.

Als Be­kräf­ti­gung sei­ner Sor­gen und als Be­leg, daß So­dom und Go­mor­rha in Bal­bec nicht fern lie­gen, fol­gen zwei Ge­schich­ten. Go­mor­rha, die öf­fent­lich zur Schau ge­stell­te Li­ai­son von Blochs Schwes­ter mit ei­ner Schau­spie­le­rin, löst im Grand-Hô­tel ei­nen Skan­dal aus. So­dom hin­ge­gen, die Be­zie­hung von Blochs On­kel zu ei­nem jun­gen Saal­die­ner, wirkt wie ein ro­man­ti­sches Ge­heim­nis. Im­mer­hin, „die­ses Ver­gnü­gen war so groß, dass Mon­sieur Nis­sim Ber­nard al­le Jah­re wie­der nach Bal­bec kam und sein Mit­tag­essen au­ßer Haus ein­nahm“.

Al­ber­ti­ne bleibt un­ter Be­ob­ach­tung. Mar­cel re­gis­triert je­den Blick, den sie auf sich zieht. Ih­re Zu­rück­hal­tung ge­gen­über ver­meint­li­chen Avan­cen deu­tet er als List. In sei­ner Ei­fer­sucht auf Al­ber­ti­nes In­ter­es­se an Frau­en geht er so­gar so­weit, daß er ih­ren Flirt mit Saint-Loup, den sie in Don­ciè­res be­su­chen, als Er­leich­te­rung wahrnimmt.

Die Lo­kal­bahn, lie­be­voll auch „klei­ne Ei­sen­bahn“ ge­nannt, ver­bin­det die Küs­ten­or­te und bringt Mar­cel und Al­ber­ti­ne von Bal­bec nach Don­ciè­res. Lei­der er­wi­schen sie kei­nen lee­ren Wa­gen, wo sie sich un­ge­hin­dert küs­sen könn­ten, son­dern müs­sen ihn mit ei­ner un­an­ge­neh­men Da­me tei­len. Wie Dr. Cot­tard, wird auch die­se am nächs­ten Tag bei den Ver­durins an­zu­tref­fen sein. Ein eben­so über­ra­schen­der Gast die­ser Ge­sell­schaft wird Ba­ron de Char­lus wer­den, den Mar­cel am Bahn­hof von Don­ciè­res ent­deckt, „wie er da in sei­nem hel­len Rei­se­an­zug, der ihn di­cker er­schei­nen ließ, her­an­kam und sich in den Hüf­ten wieg­te, ei­nen Schmer­bauch und ein fast sym­bo­li­sches Hin­ter­teil schwin­gend, (zer­leg­te) die Grau­sam­keit des vol­len Ta­ges­lichts all das, was im Lam­pen­schein wie der fri­sche Teint ei­nes noch ju­gend­li­chen Men­schen hät­te wir­ken kön­nen, in Schmin­ke auf den Lip­pen, in Reis­pu­der, der mit Cold­cream fest­ge­klebt war, auf der Na­sen­spit­ze, in Schwär­ze auf dem ge­färb­ten Schnur­bart, des­sen Eben­holz­ton nicht zu den er­grau­ten Haa­ren pass­te“. Durch Char­lus be­geg­net Mar­cel dort auch Mo­rel, dem Sohn des Kam­mer­die­ners sei­nes On­kels, tags­über spielt er im Mu­sik­zug sei­nes Re­gi­ments und abends für Char­lus. Auch ihn wer­den wir in La Ras­pe­liè­re antreffen.

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4 Sodom und Gomorrha, Übersetzung und Anmerkungen von Bernd-Jürgen Fischer, Reclam Verlag

Weltliteratur lebendig umgesetzt

Sodom und Gomorrha“ als Hörspiel-Inszenierung

Auf das Hör­spiel „So­dom und Go­mor­rha“, ei­ner Ge­mein­schafts­pro­duk­ti­on von SWR, Dra­dio Kul­tur und Der Hör­ver­lag, bin ich wäh­rend mei­ner Lek­tü­re des vier­ten Bands von Mar­cel Proust „Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit“ ge­sto­ßen. Die­ser Klas­si­ker be­schäf­tigt mich schon seit ei­ni­ger Zeit, ge­nau ge­nom­men war er so­gar der An­lass mein Blog ins Le­ben zu ru­fen, wo­durch wie­der­rum an­de­re Bü­cher in mein Le­se­le­ben tra­ten. So schrei­tet mei­ne Proust-Lek­tü­re ge­mäch­lich vor­an, mitt­ler­wei­le bin ich im vier­ten Band ge­lan­det, aber nicht gestrandet.

Das Hör­spiel mit sei­nen 318 Mi­nu­ten auf 5 CDs holt mich al­so da ab, wo ich bin. Es ba­siert auf der bei Re­clam er­schie­ne­nen Neu­über­set­zung von Bernd-Jür­gen Fi­scher, die Man­fred Hess für die Pro­duk­ti­on be­ar­bei­te­te. Un­ter der Re­gie von Iris Drö­ge­kamp spre­chen ne­ben an­de­ren Mi­cha­el Rot­schopf (Mar­cel), Li­lith Stan­gen­berg (Al­ber­ti­ne), Gerd Wa­me­ling (Char­lus), Ste­fan Ko­nars­ke (Mo­rel) und Mat­thi­as Ha­bich (Swann). Das En­sem­ble Mo­dern stimmt mu­si­ka­lisch in die At­mo­sphä­re der Bel­le Épo­que ein.

Der vier­te Band der Re­cher­che mit dem Ti­tel „So­dom und Go­mor­rha“ spielt auf For­men gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be an. Er lässt sei­ne Le­se­rin auf gut 700 Sei­ten Neu­es ent­de­cken, be­zieht sich aber eben­so mit vie­len Mo­ti­ven, Per­so­nen und Or­ten auf die vor­aus­ge­gan­ge­nen Bände.

Wir be­geg­nen Ba­ron de Char­lus und ver­fol­gen, wie Mar­cel ent­deckt, was „Welt­li­te­ra­tur le­ben­dig um­ge­setzt“ wei­ter­le­sen

Proust – Sodom und Israel

Die Soiree der Prinzessin von Guermantes, Bd. 4, II. 1

Die An­ge­hö­ri­gen der Ge­sell­schaft stel­len sich Bü­cher gern als ei­ne Art Ku­bus vor, des­sen ei­ne Sei­te ent­fernt ist, so dass der Au­tor nichts Ei­li­ge­res zu tun hat, als die Per­so­nen, de­nen er be­geg­net, hineinzustecken.“

An die­sem Abend er­füllt sich ein lang ge­heg­ter Wunsch des jun­gen Mar­cel. Er ist Gast bei der Soi­ree der Prin­zes­sin von Guer­man­tes, auch wenn er sich nicht si­cher ist, tat­säch­lich ein­ge­la­den zu sein zu die­sem höchst an­ge­se­hen Sa­lon. Hö­her geht es kaum im Rang der Pa­ri­ser Er­eig­nis­se. Das abend­li­che Tref­fen beim Prin­zen und der Prin­zes­sin von Guer­man­tes wird nur durch die an­schlie­ßen­de Teil­nah­me am Sou­per über­trof­fen. Auch dies wird Mar­cel an­ge­bo­ten, doch er schlägt es aus Ge­fühls­grün­den aus.

Wäh­rend der Soi­ree trifft er vie­le Be­kann­te, al­len vor­an Ba­ron de Char­lus. Er führt län­ge­re Ge­sprä­che mit Swann, Saint-Loup und Bloch. Ne­ben den Be­geg­nun­gen amü­siert er sich beim Be­ob­ach­ten der an­de­ren Gäs­te, folgt ih­ren Ge­sprä­chen und ih­rem Ver­hal­ten. Be­son­ders das der ver­steckt Ho­mo­se­xu­el­len er­scheint ihm nun „Proust – So­dom und Is­ra­el“ wei­ter­le­sen

Hummel und Orchidee

Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ — Proust 4. Band, I.

Zu­dem be­griff ich jetzt, wie­so ich vor­hin, als ich Mon­sieur de Char­lus von Ma­dame de Vil­le­pa­ri­sis hat­te her­aus­kom­men se­hen, fin­den konn­te, er se­he aus wie ei­ne Frau: Er war ei­ne! Er ge­hör­te zu der Ras­se je­ner Men­schen (sie sind we­ni­ger wi­der­spruchs­voll, als es den An­schein hat), de­ren Ide­al männ­lich ist, ge­ra­de weil sie von weib­li­chem Tem­pe­ra­ment sind, und sie im Le­ben nur schein­bar den an­de­ren Män­nern glei­chen; (…) ei­ne Ras­se auf der ein Fluch liegt und die in Lü­ge und Mein­eid le­ben muß, da sie weiß, daß ihr Ver­lan­gen, das, was für je­des Ge­schöpf die höchs­te Be­see­li­gung im Da­sein aus­macht, für sträf­lich und schmach­voll, für ganz un­ein­ge­steh­bar gilt.“ (Kel­ler 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hät­te ge­dacht, daß Proust die­se Ent­hül­lung, ‑für die end­gü­li­ge Aus­ga­be ver­warf er den obi­gen Ti­tel des Ka­pi­tels, das auf den Es­says „Über die Päd­eras­tie“ zurückgeht‑, mit der be­kann­ten Me­ta­pher von Blü­te und Bi­en­chen be­bil­dern wür­de? Bei­des spe­zi­fi­ziert er, aus der Blü­te wird ei­ne Or­chi­dee, wenn nicht gar ein Kna­ben­kraut, und aus der Bie­ne ei­ne Hum­mel. Es ist klar, wor­um es geht. Um die Be­fruch­tung, oder um wie­der vom Spe­zi­fi­schen ins All­ge­mei­ne zu kom­men, um die Se­xua­li­tät. Wür­den wir uns hier über die fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be un­ter­hal­ten, wüss­ten wir, daß Proust ‑aber das wis­sen wir so­wie­so- auch im All­ge­mei­nen das Be­son­de­re sieht. So müs­sen die Kom­men­ta­re, den vier­ten Band der Re­cher­che le­se ich in der Re­clam- und in der Suhr­kamp-Aus­ga­be, helfen.

Mar­cel steht am Trep­pen­haus­fens­ter des Pa­lais, weil er die her­zög­li­che An­kunft ab­pas­sen will. Wir er­in­nern uns, er möch­te die Ein­la­dung bei der Fürs­tin son­die­ren. Wäh­rend er war­tet, schweift sein Blick im Hof um­her und fällt auf ei­ne Or­chi­dee, die ih­rer­seits auf ei­ne Hum­mel war­tet. Die­se Boudon, das Wort be­zeich­net im Fran­zö­si­schen auch Pe­nis, er­scheint zu­nächst nicht, um ih­ren Rüs­sel in die Blü­ten­öff­nung zu ste­cken. Da­für taucht Ba­ron de Char­lus auf, des­sen hin­te­re Par­tie hum­mel­ar­tig aus­ragt. Mar­cel duckt sich, er möch­te auf kei­nen Fall von Char­lus auf­ge­spürt wer­den, hat­te der sich doch ihm ge­gen­über in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach selt­sam ver­hal­ten. Wie er­in­nern uns an sei­nen schon et­was län­ger zu­rück­lie­gen­den abend­li­chen Be­such in Mar­cels Zim­mer im Grand-Ho­tel so­wie an den kürz­lich er­folg­ten Be­such Mar­cels bei Char­lus.

Mar­cel späht er­neut durchs Fens­ter und sieht, daß sei­ne Vor­sicht gar nicht von Nö­ten ge­we­sen wä­re. Char­lus’ Auf­merk­sam­keit ist voll­kom­men von an­de­rem ge­fan­gen. Es ist Ju­pien, der auf dem Weg ins Bü­ro, vom Blick auf den Ba­ron in ei­nen bal­zähn­li­chen Zu­stand ver­setzt wur­de. Die bei­den, könn­te man sa­gen, „Hum­mel und Or­chi­dee“ wei­ter­le­sen

Geifernder Apoll gegen Zylinderzertrampler

Proust – Besuch bei Baron de Charlus, Bd. 3, 774–793

Nach dem Di­ner bei der Her­zo­gin von Guer­man­tes macht sich Mar­cel auf den Weg zu Char­lus. Über Saint-Loup hat­te er ihm den Ter­min aus­rich­ten las­sen. Aus­ge­rech­net am Abend des Di­ners er­war­te er ihn we­gen ei­ner drin­gen­den Unterredung.

Nun sitzt Mar­cel vol­ler Span­nung im Vor­zim­mer, um Char­lus von Oria­nes Be­mer­kun­gen zu be­rich­ten. Die­se war er­staunt, so­gar be­sorgt, zu hö­ren, daß die Bei­den seit ei­ni­ger Zeit mit­ein­an­der be­kannt sind. Doch der Ba­ron lässt ihn war­ten. Mar­cel kann sich von sei­nem „Wort­rausch“ nicht be­frei­en. Er hät­te ge­nug Zeit, über die Be­mer­kun­gen wäh­rend der zu­rück­lie­gen­den Stun­den bei den Guer­man­tes nach­zu­den­ken. Oria­ne ent­deck­te in ih­rem Schwa­ger „das Herz ei­ner Frau“, die tür­ki­sche Bot­schaf­te­rin warn­te: „Er ist ein Mann, dem man oh­ne Be­den­ken sei­ne Toch­ter an­ver­trau­en kann, aber nicht sei­nen Sohn“.

Erst nach ei­ner hal­ben Stun­de, Mar­cel will fast wie­der ge­hen, be­rei­tet ihm Char­lus „Gei­fern­der Apoll ge­gen Zy­lin­der­zer­tramp­ler“ wei­ter­le­sen

Diner bei Guermantes

Parsifal unter Blumenmädchen

GuermantesDa erst be­merk­te ich, daß rings um mich her, um mich, der ich bis zu die­sem Ta­ge – ab­ge­se­hen von mei­nem Prak­ti­kum im Sa­lon von Ma­dame Swann – bei mei­ner Mut­ter, in Com­bray und in Pa­ris, ein ganz an­de­res, ent­we­der gön­ner­haf­tes oder re­ser­vier­tes Ver­hal­ten von Sei­ten mür­ri­scher Da­men der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ge­wohnt war, die mich als Kind be­han­del­ten, ein Sze­nen­wech­sel sich voll­zo­gen hat­te, dem­je­ni­gen ver­gleich­bar, der Par­si­fal plötz­lich un­ter die Blu­men­mäd­chen ver­setzt. Die­je­ni­gen, die mich nun um­ga­ben, ganz de­kol­le­tiert (ih­re ent­blöß­ten Schul­tern zeig­ten sich zu bei­den Sei­ten ei­nes ge­wun­de­nen Mi­mo­sen­zwei­ges oder un­ter den wei­ten Blü­ten­blät­tern ei­ner Ro­se) be­grüß­ten mich mit lau­ter lan­gen, da­hin­schmel­zen­den und zärt­li­chen Bli­cken, als hin­de­re sie ein­zig ih­re Schüch­tern­heit, mich zu küssen.“

Mar­cels Traum von der Her­zo­gin wahr­ge­nom­men zu wer­den er­füllt sich mit der Ein­la­dung zum Di­ner bei den Guer­man­tes. Das Idol, dem er seit der Be­geg­nung in Com­bray und mehr noch wäh­rend sei­ner mor­gend­li­chen Ver­fol­gun­gen er­le­gen war, ist Mme de Guer­man­tes je­doch längst nicht mehr. Die Be­geg­nun­gen bei Mme de Vil­le­pa­ri­sis zeig­ten ihm, daß die von ihm ver­ehr­te Hei­li­ge ei­ne ober­fläch­li­che „Di­ner bei Guer­man­tes“ wei­ter­le­sen

Proust – Standesschranken

Ein Abend mit Robert de Saint-Loup, Bd. 3, 555–580

GuermantesDie sel­te­nen mit ihm zu zweit ver­brach­ten Stun­den, be­son­ders aber die­se, sind mir seit­her un­ver­gess­lich ge­blie­ben. Für ihn wie für mich war dies ein Abend der Freund­schaft. Und doch brach­te ich ihm wohl (aus die­sem Grund auch von Ge­wis­sens­bis­sen ge­plagt) in je­nem Au­gen­blick kaum, so fürch­te ich, ei­ne Freund­schaft von der Art ent­ge­gen, wie er sie mir am liebs­ten ein­ge­flößt ha­ben würde.“

Saint-Loup ist auf Front­ur­laub, sei­nen ein­zi­gen Abend in Pa­ris will er mit Mar­cel ver­brin­gen. Er bit­tet, ihn in ein Re­stau­rant zu be­glei­ten. In die­sem Gast­haus trifft sich Ro­bert sehr oft mit sei­nen ad­li­gen Freun­den, Mar­cel hin­ge­gen war noch nie dort. Als die Kut­sche vor dem Ein­gang die­ses Lo­kals, ei­ner neu­mo­di­schen Re­vol­ver­tür, hält, for­dert Ro­bert den Freund auf schon ein­zu­tre­ten, wäh­rend er den Kut­scher be­zahlt. Es ist sehr kalt an die­sem Abend und Mar­cel sehr empfindlich.

Ob­gleich das Re­stau­rant nur ei­nen ein­zi­gen Gast­raum be­sitzt, be­her­bergt es zwei „Proust – Stan­des­schran­ken“ wei­ter­le­sen

Große Männer – Kleine Stadt

Hans Dieter Zimmermann erinnert in „Französische Hauptstadt, deutsche Provinz“ wie Proust einst seine Heimat besuchte

BadezeitungWer sich mit der Ge­schich­te Kreuz­nachs be­schäf­tigt, in­ter­es­siert sich nicht für Proust, wer sich mit Proust be­fasst, dem ist die­se Kur­stadt nicht wichtig.“

Die­ses eher als Lü­cke denn als Miss­stand zu be­zeich­nen­de Ku­rio­sum der Stadt­ge­schich­te ent­hüllt Hans Die­ter Zim­mer­mann mit sei­ner im Rim­baud-Ver­lag vor­lie­gen­den Mo­no­gra­phie. Ihr Un­ter­ti­tel „Mar­cel Proust und der gro­ße Krieg – Bad Kreuz­nach und das kai­ser­li­che Haupt­quar­tier“ weist auf die bei­den his­to­ri­schen Er­eig­nis­se, die der Au­tor in sei­nem zwei­ge­teil­ten Werk zum Ge­gen­stand macht.

Im Spät­som­mer 1897 be­glei­te­ten der 26jährige Mar­cel Proust und sein Bru­der Ro­bert ih­re Mut­ter zu ei­nem Kur­auf­ent­halt nach Kreuz­nach. Sie lo­gier­ten im Ho­tel Ora­ni­en­hof, das 20 Jah­re spä­ter der „Gro­ße Män­ner – Klei­ne Stadt“ wei­ter­le­sen

Proust — Sich rar machen

Einladung von der Herzogin (Bd. 3, 520–536)

GuermantesSelbst im ein­zel­nen Ab­lauf ei­ner Nei­gung hilft ei­ne Ab­we­sen­heit, die Ab­leh­nung ei­ner Ein­la­dung, ei­ne un­frei­wil­lig, un­be­wuß­te Stren­ge weit mehr als al­le Schön­heits­mit­tel und die ge­wähl­tes­te Kleidung.“ 

Auf der Ma­ti­née-Vil­le­pa­ri­sis ist das Bild, was sich der jun­ge Er­zäh­ler von Mme de Guer­man­tes mach­te, zer­brö­ckelt. Das aus der Fer­ne ver­ehr­te Idol ent­puppt sich bei nä­he­rer Be­trach­tung als „dum­me Pu­te“. Mar­cel ver­zich­tet auf sei­ne täg­li­che Pirsch, er ha­be, so sei­ne Mut­ter, „wirk­lich Erns­te­res zu tun, als (sich) am Weg ei­ner Frau zu pos­tie­ren, die auf (ihn) pfeift“.

Die Mor­gen­spa­zier­gän­ge wer­den un­be­schwert. Der Druck, dem Ob­jekt der Be­gier­de be­geg­nen zu müs­sen, ent­fällt und be­freit sei­ne Wahr­neh­mung. Mar­cel er­kennt, daß auch an­de­re nicht in ewi­ger Glück­se­lig­keit le­ben, und freut sich an den klei­nen Zu­nei­gun­gen, wie dem Zwin­kern ei­ner Pas­san­tin. Zu­vor hin­ter­lie­ßen sol­che Mo­men­te kei­ne Spu­ren. Die Fi­xie­rung auf Mme de Guer­man­tes hat­te „Proust — Sich rar ma­chen“ wei­ter­le­sen

Proust — Der Kuss

Der Besuch Albertines (Bd. 3, 484 ‑520)

GuermantesDie Ge­schöp­fe, die in un­se­rem Le­ben ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt ha­ben, ver­las­sen es nur sel­ten mit ei­nem Schlag und für al­le Zei­ten“.

Da­mals auf der Strand­pro­me­na­de Bal­becs war der 15-jäh­ri­ge Er­zäh­ler so­fort ge­fan­gen von „ei­nem Mäd­chen mit blit­zen­den, la­chen­den Au­gen und vol­len, matt­schim­mern­den Wan­gen un­ter ei­ner tief in die Stirn ge­setz­ten schwar­zen Po­lo­müt­ze, das ein Fahr­rad mit der­ma­ßen nach­läs­si­gem Wie­gen der Hüf­ten vor sich her­schob“. Die­ser Al­ber­ti­ne Si­mo­net be­geg­net er noch meh­re­re Ma­le be­vor der Ma­ler El­stir sie ihm vor­ge­stellt. Die Rea­li­tät er­nüch­tert sei­ne schwär­me­ri­sche Phantasie.

In dem Ma­ße, wie ich dem jun­gen Mäd­chen nä­her­kam und sie bes­ser ken­nen­lern­te, voll­zog sich die Be­kannt­schaft mit ihr durch ei­nen Sub­trak­ti­ons­pro­zeß, denn je­der ein­zel­ne der durch Phan­ta­sie und Ver­lan­gen be­stimm­ten Tei­le ih­res We­sens wur­de durch ei­ne Kennt­nis ersetzt.“

Sie freun­den sich an, ge­mein­sam mit den an­de­ren Mäd­chen un­ter­neh­men sie „Proust — Der Kuss“ wei­ter­le­sen