Schillernde Persönlichkeiten im Paris der Jahrhundertwende

Julian Barnes betreibt in „Der Mann im roten Rock“ einen Streifzug durch die Belle Époque

Ma­chen wir al­so wei­ter mit dem Greif­ba­ren, dem Spe­zi­fi­schen, dem All­täg­li­chen: dem ro­ten Rock. Denn so bin ich dem Bild und dem Mann zum ers­ten Mal be­geg­net: 2015 in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don als Leih­ga­be aus Ame­ri­ka. (…) Das Mo­dell – der Bür­ger­li­che mit dem ita­lie­ni­schen Na­men – ist 35, sieht gut aus, trägt ei­nen Bart und schaut selbst­be­wusst über un­se­re rech­te Schulter.“

Ju­li­an Bar­nes neu­es Werk, Der Mann im ro­ten Rock, weck­te mein In­ter­es­se durch sei­ne ti­tel­ge­ben­de Fi­gur. Die­se sei, so las ich, ei­ne von Prousts In­spi­ra­ti­ons­quel­len für die Fi­gur des Dok­tor Cot­tard ge­we­sen. Wie die­ser war auch Dr. Sa­mu­el Poz­zi, den der ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler John Sin­ger-Sar­gent im auf­fäl­li­gen ro­ten Haus­ge­wand ver­ewig­te, ein be­rühm­ter Me­di­zi­ner. Sein Fach­ge­biet war al­ler­dings an­ders als das des Proust‘schen Arz­tes die Gy­nä­ko­lo­gie. Bei­de wa­ren Frau­en­hel­den, Cot­tards Er­obe­run­gen sind al­ler­dings we­ni­ger sei­nem Äu­ße­ren zu­zu­schrei­ben. Es gibt al­so wohl so vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen der his­to­ri­schen Per­son Poz­zi und der fik­ti­ven Fi­gur Cot­tard wie es Ge­mein­sam­kei­ten gibt. Das gilt für die meis­ten Per­so­nen, die Proust por­trä­tier­te. Ei­ne Aus­nah­me bil­det viel­leicht Mme Cot­tard, der Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet als Vor­bild Poz­zis Ehe­frau Thé­rè­se  zu­schreibt, „die ganz in ih­ren Pflich­ten als Ge­mah­lin auf­geht und die von ih­rem Gat­ten eben­so be­tro­gen wird“.

Die­se hier in we­ni­gen Zei­len auf­ge­zähl­ten Ei­gen­schaf­ten bil­den die Fa­ma Poz­zis. Er galt als fort­schritt­li­cher Arzt, der sich nicht nur be­ruf­lich den Frau­en wid­me­te, als ex­tra­va­gan­ter Sti­list, was sich in sei­ner Klei­dung eben­so wie in sei­nem Kunst­ge­schmack nie­der­schlägt. Ein Mann, „bei­na­he ein Dan­dy“, so be­rühmt, daß er bei Proust zu fin­den ist.

Bar­nes be­nennt die Be­zü­ge und die Be­zie­hun­gen. Proust selbst tritt in „Der Mann im ro­ten Rock“ auf. Ne­ben Flau­bert, auch er wird im Buch er­wähnt, ist er der Schrift­stel­ler, der den Schrift­stel­ler Bar­nes prägt. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die Bel­le Épo­que. Die Zeit um die Wen­de des vor­letz­ten zum letz­ten Jahr­hun­dert ist die ei­gent­li­che Haupt­dar­stel­le­rin des Bu­ches, das als kul­tur­his­to­ri­sches Es­say be­zeich­net wer­den könnte.

Bar­nes hängt sein Who’s who nicht nur an der Per­son Poz­zi auf. Ei­ne Sze­ne aus dem Jahr 1885 dient ihm als Dreh- und An­gel­punkt. Es ist Ju­ni als drei an­ge­se­he­ne Män­ner der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft in die eng­li­sche Haupt­stadt rei­sen. Ed­mond de Po­lignac, Ro­bert de Mon­tes­quiou-Fe­zen­sac, Sa­mu­el Jean Poz­zi, “ei­ner war ein Prinz, ei­ner ein Graf und der Drit­te war ein ein­fa­cher Bür­ger mit ita­lie­ni­schem Fa­mi­li­en­na­men“. Von Os­car Wil­de ver­mit­telt tref­fen sie Hen­ry Ja­mes, kau­fen schö­ne Din­ge und ver­gnü­gen sich im Crys­tal Pa­lace. Das Sze­na­rio dient Bar­nes als Ein­stieg und er kehrt stets da­hin zu­rück. Dies voll­führt er in Vol­ten, die es ihm er­lau­ben, zu wei­te­ren Per­so­nen und Er­eig­nis­sen zu schwei­fen. Bis­wei­len auch zu an­de­ren Or­ten als Pa­ris, dem Zen­trum des Ge­sche­hens, und dem Ne­ben­schau­platz Lon­don. Man reist in die La­gu­ne von Ve­ne­dig, be­sucht die Fest­spie­le von Bay­reuth, ei­nen Me­di­zin­kon­gress in Edin­burgh oder tourt durch Ame­ri­ka. Und nicht nur man, son­dern wie das letz­te Bei­spiel zeigt auch frau.

Sa­rah Bern­hardt, die be­rühm­tes­te Schau­spie­le­rin der Epo­che, die Ber­ma Prousts, kon­sul­tiert Poz­zi aus Über­see als sie auf ei­ner Tour­nee er­krankt. In jun­gen Jah­ren war sie eng mit dem eben­falls noch sehr jun­gen Poz­zi be­freun­det. Wie eng, da will Bar­nes sich nicht fest­le­gen. Er zieht es vor, die Ge­rüch­te als Ge­rücht zu ver­brei­ten. Je­den­falls nann­te die Bern­hardt Poz­zi „Doc­teur Dieu“ und blieb ihm als Freun­din und als Pa­ti­en­tin verbunden.

Von der Schau­spie­le­rin ver­öf­fent­licht Bar­nes das be­rühm­te Fo­to, das Paul Na­dar von ihr ge­fer­tigt hat. Von den zahl­rei­chen an­de­ren Ge­sell­schafts­grö­ßen, die Bar­nes er­wähnt, fin­den sich klei­ne Fo­tos, die die Fir­ma Po­tin als Sam­mel­bil­chen ih­ren Scho­ko­la­den hin­zu­füg­te. Kul­tur­schaf­fen­de statt Fuß­bal­ler, welch‘ glück­li­che Epo­che! Un­ter den Sam­melns­wer­ten fin­den sich die Brü­der Gon­court, Paul Ver­lai­ne, Co­let­te, An­dré Gi­de, Edith Wharton.

Fol­gen wir der Vi­ta Poz­zis, die Bar­nes in Aus­schnit­ten und aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln prä­sen­tiert. Poz­zi bringt die Me­di­zin vor­an mit Hy­gie­ne und neu­en Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken, er ver­fasst Ge­dich­te und über­setzt Dar­win. Bar­nes blickt auf Poz­zis bra­ve Ehe­frau Thé­rè­se und lässt die ei­gen­wil­li­ge Toch­ter Ca­the­ri­ne auf ih­ren Va­ter bli­cken. Die Kon­struk­tio­nen ma­chen ihm Quel­len wie Brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Zei­tungs­ar­ti­kel, aber auch Ro­ma­ne möglich.

Durch den Ein­blick in in­di­vi­du­el­le Ge­schich­ten ge­lingt Bar­nes die Il­lus­trie­rung ei­ner Epo­che. Ent­wick­lun­gen der Wis­sen­schaft und der Kunst, der li­te­ra­ri­schen, mu­si­ka­li­schen so­wie der Bild­kunst be­geg­nen der Le­se­rin die­ses Buchs. Nicht un­er­wähnt sol­len auch die Aus­füh­run­gen zu ei­nem spe­zi­el­len So­zi­al­ver­hal­ten blei­ben. Das Du­ell, die Sa­tis­fak­ti­ons­quel­le der Ge­kränk­ten, in Eng­land ver­pönt, in Pa­ris noch en vogue, be­leuch­tet Bar­nes aus­führ­lich und nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken für die Fort­set­zung sei­ner Geschichte.

Wie über­haupt nichts oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken in die­ses Buch ge­langt sein wird, das in ge­schick­ten Ver­knüp­fun­gen auf kurz­wei­li­ge Wei­se von der Bes­se­ren Ge­sell­schaft er­zählt und ih­re Stars, ih­re Schön­hei­ten, ih­re Künst­ler und Dan­dys in schö­nen wie schau­er­li­chen Sto­ries und His­tör­chen le­ben­dig wer­den lässt.

Bar­nes zeich­net in „Der Mann im ro­ten Rock“ ein viel­ge­stal­ti­ges Epo­chen­bild, aus dem man man­ches lernt. Sei es Ku­rio­ses über die Nahr­haf­tig­keit des Pep­ton­k­lis­tiers oder Klu­ges über die Lie­be. „Aber es kommt oft vor, dass man „denkt man liebt je­man­den“, be­vor man wirk­lich liebt.“

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock, übers. v. Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch 2021

Proust — Herzflimmern in Balbec

Arrhythmien des Herzens an der Küste von Gomorrha, Bd. IV, 219–367

Ich er­in­ner­te mich an die letz­te Zeit im Le­ben mei­ner Groß­mutter und an al­les, was mit ihr zu­sam­men­hing, an die Trep­pen­haus­tür, die of­fen ge­blie­ben war, als wir zu ih­rem letz­ten Spa­zier­gang hin­aus­gin­gen. Im Ver­gleich da­zu er­schien der Rest der Welt kaum wirk­lich, und mein Lei­den ver­gif­te­te ihn gänz­lich. Schließ­lich dräng­te mei­ne Mut­ter mich, hin­aus­zu­ge­hen. Doch bei je­dem Schritt hin­der­te mich wie ein Wind, ge­gen den man nicht an­kom­men kann, ir­gend­ein ver­ges­se­ner Aspekt des Ka­si­nos oder der Stra­ße, in der ich sie am ers­ten Abend er­war­tet hat­te und auf der ich bis zum Denk­mal für Dugu­ay-Trou­in ge­gan­gen war, am Wei­ter­ge­hen; ich senk­te die Au­gen, um nicht zu sehen.“

Beim zwei­ten Auf­ent­halt in Bal­bec ist für Mar­cel vie­les ähn­lich und doch al­les an­ders. Als Stamm­gast von Rang holt ihn der Di­rek­tor des Grand-Hô­tel per­sön­lich am Bahn­hof ab. Ort und Ge­pflo­gen­hei­ten sind Mar­cel ver­traut, er be­zieht so­gar das­sel­be Zim­mer wie beim Auf­ent­halt mit sei­ner Groß­mutter. Nur ihr be­ru­hi­gen­des Klop­fen vom Nach­bar­raum wird er nicht mehr hö­ren kön­nen. Die vom Ort aus­ge­lös­te, leb­haf­te Er­in­ne­rung an die Ver­stor­be­ne macht ihm be­wusst, „dass sie nie­mals wie­der in mei­ner Nä­he sein wür­de, (…) dass ich sie für im­mer ver­lo­ren hat­te.“ Die Trau­er lähmt ihn.

Da­bei ist er mit gro­ßen Er­war­tun­gen in die Nor­man­die ge­reist. Ei­nen Abend bei den Ver­durins hat er sich vor­ge­nom­men. Nicht weil ihn „Proust — Herz­flim­mern in Bal­bec“ wei­ter­le­sen

Weltliteratur lebendig umgesetzt

Sodom und Gomorrha“ als Hörspiel-Inszenierung

Auf das Hör­spiel „So­dom und Go­mor­rha“, ei­ner Ge­mein­schafts­pro­duk­ti­on von SWR, Dra­dio Kul­tur und Der Hör­ver­lag, bin ich wäh­rend mei­ner Lek­tü­re des vier­ten Bands von Mar­cel Proust „Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit“ ge­sto­ßen. Die­ser Klas­si­ker be­schäf­tigt mich schon seit ei­ni­ger Zeit, ge­nau ge­nom­men war er so­gar der An­lass mein Blog ins Le­ben zu ru­fen, wo­durch wie­der­rum an­de­re Bü­cher in mein Le­se­le­ben tra­ten. So schrei­tet mei­ne Proust-Lek­tü­re ge­mäch­lich vor­an, mitt­ler­wei­le bin ich im vier­ten Band ge­lan­det, aber nicht gestrandet.

Das Hör­spiel mit sei­nen 318 Mi­nu­ten auf 5 CDs holt mich al­so da ab, wo ich bin. Es ba­siert auf der bei Re­clam er­schie­ne­nen Neu­über­set­zung von Bernd-Jür­gen Fi­scher, die Man­fred Hess für die Pro­duk­ti­on be­ar­bei­te­te. Un­ter der Re­gie von Iris Drö­ge­kamp spre­chen ne­ben an­de­ren Mi­cha­el Rot­schopf (Mar­cel), Li­lith Stan­gen­berg (Al­ber­ti­ne), Gerd Wa­me­ling (Char­lus), Ste­fan Ko­nars­ke (Mo­rel) und Mat­thi­as Ha­bich (Swann). Das En­sem­ble Mo­dern stimmt mu­si­ka­lisch in die At­mo­sphä­re der Bel­le Épo­que ein.

Der vier­te Band der Re­cher­che mit dem Ti­tel „So­dom und Go­mor­rha“ spielt auf For­men gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be an. Er lässt sei­ne Le­se­rin auf gut 700 Sei­ten Neu­es ent­de­cken, be­zieht sich aber eben­so mit vie­len Mo­ti­ven, Per­so­nen und Or­ten auf die vor­aus­ge­gan­ge­nen Bände.

Wir be­geg­nen Ba­ron de Char­lus und ver­fol­gen, wie Mar­cel ent­deckt, was „Welt­li­te­ra­tur le­ben­dig um­ge­setzt“ wei­ter­le­sen

Proust – Sodom und Israel

Die Soiree der Prinzessin von Guermantes, Bd. 4, II. 1

Die An­ge­hö­ri­gen der Ge­sell­schaft stel­len sich Bü­cher gern als ei­ne Art Ku­bus vor, des­sen ei­ne Sei­te ent­fernt ist, so dass der Au­tor nichts Ei­li­ge­res zu tun hat, als die Per­so­nen, de­nen er be­geg­net, hineinzustecken.“

An die­sem Abend er­füllt sich ein lang ge­heg­ter Wunsch des jun­gen Mar­cel. Er ist Gast bei der Soi­ree der Prin­zes­sin von Guer­man­tes, auch wenn er sich nicht si­cher ist, tat­säch­lich ein­ge­la­den zu sein zu die­sem höchst an­ge­se­hen Sa­lon. Hö­her geht es kaum im Rang der Pa­ri­ser Er­eig­nis­se. Das abend­li­che Tref­fen beim Prin­zen und der Prin­zes­sin von Guer­man­tes wird nur durch die an­schlie­ßen­de Teil­nah­me am Sou­per über­trof­fen. Auch dies wird Mar­cel an­ge­bo­ten, doch er schlägt es aus Ge­fühls­grün­den aus.

Wäh­rend der Soi­ree trifft er vie­le Be­kann­te, al­len vor­an Ba­ron de Char­lus. Er führt län­ge­re Ge­sprä­che mit Swann, Saint-Loup und Bloch. Ne­ben den Be­geg­nun­gen amü­siert er sich beim Be­ob­ach­ten der an­de­ren Gäs­te, folgt ih­ren Ge­sprä­chen und ih­rem Ver­hal­ten. Be­son­ders das der ver­steckt Ho­mo­se­xu­el­len er­scheint ihm nun „Proust – So­dom und Is­ra­el“ wei­ter­le­sen

Hummel und Orchidee

Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ — Proust 4. Band, I.

Zu­dem be­griff ich jetzt, wie­so ich vor­hin, als ich Mon­sieur de Char­lus von Ma­dame de Vil­le­pa­ri­sis hat­te her­aus­kom­men se­hen, fin­den konn­te, er se­he aus wie ei­ne Frau: Er war ei­ne! Er ge­hör­te zu der Ras­se je­ner Men­schen (sie sind we­ni­ger wi­der­spruchs­voll, als es den An­schein hat), de­ren Ide­al männ­lich ist, ge­ra­de weil sie von weib­li­chem Tem­pe­ra­ment sind, und sie im Le­ben nur schein­bar den an­de­ren Män­nern glei­chen; (…) ei­ne Ras­se auf der ein Fluch liegt und die in Lü­ge und Mein­eid le­ben muß, da sie weiß, daß ihr Ver­lan­gen, das, was für je­des Ge­schöpf die höchs­te Be­see­li­gung im Da­sein aus­macht, für sträf­lich und schmach­voll, für ganz un­ein­ge­steh­bar gilt.“ (Kel­ler 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hät­te ge­dacht, daß Proust die­se Ent­hül­lung, ‑für die end­gü­li­ge Aus­ga­be ver­warf er den obi­gen Ti­tel des Ka­pi­tels, das auf den Es­says „Über die Päd­eras­tie“ zurückgeht‑, mit der be­kann­ten Me­ta­pher von Blü­te und Bi­en­chen be­bil­dern wür­de? Bei­des spe­zi­fi­ziert er, aus der Blü­te wird ei­ne Or­chi­dee, wenn nicht gar ein Kna­ben­kraut, und aus der Bie­ne ei­ne Hum­mel. Es ist klar, wor­um es geht. Um die Be­fruch­tung, oder um wie­der vom Spe­zi­fi­schen ins All­ge­mei­ne zu kom­men, um die Se­xua­li­tät. Wür­den wir uns hier über die fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be un­ter­hal­ten, wüss­ten wir, daß Proust ‑aber das wis­sen wir so­wie­so- auch im All­ge­mei­nen das Be­son­de­re sieht. So müs­sen die Kom­men­ta­re, den vier­ten Band der Re­cher­che le­se ich in der Re­clam- und in der Suhr­kamp-Aus­ga­be, helfen.

Mar­cel steht am Trep­pen­haus­fens­ter des Pa­lais, weil er die her­zög­li­che An­kunft ab­pas­sen will. Wir er­in­nern uns, er möch­te die Ein­la­dung bei der Fürs­tin son­die­ren. Wäh­rend er war­tet, schweift sein Blick im Hof um­her und fällt auf ei­ne Or­chi­dee, die ih­rer­seits auf ei­ne Hum­mel war­tet. Die­se Boudon, das Wort be­zeich­net im Fran­zö­si­schen auch Pe­nis, er­scheint zu­nächst nicht, um ih­ren Rüs­sel in die Blü­ten­öff­nung zu ste­cken. Da­für taucht Ba­ron de Char­lus auf, des­sen hin­te­re Par­tie hum­mel­ar­tig aus­ragt. Mar­cel duckt sich, er möch­te auf kei­nen Fall von Char­lus auf­ge­spürt wer­den, hat­te der sich doch ihm ge­gen­über in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach selt­sam ver­hal­ten. Wie er­in­nern uns an sei­nen schon et­was län­ger zu­rück­lie­gen­den abend­li­chen Be­such in Mar­cels Zim­mer im Grand-Ho­tel so­wie an den kürz­lich er­folg­ten Be­such Mar­cels bei Char­lus.

Mar­cel späht er­neut durchs Fens­ter und sieht, daß sei­ne Vor­sicht gar nicht von Nö­ten ge­we­sen wä­re. Char­lus’ Auf­merk­sam­keit ist voll­kom­men von an­de­rem ge­fan­gen. Es ist Ju­pien, der auf dem Weg ins Bü­ro, vom Blick auf den Ba­ron in ei­nen bal­zähn­li­chen Zu­stand ver­setzt wur­de. Die bei­den, könn­te man sa­gen, „Hum­mel und Or­chi­dee“ wei­ter­le­sen

Geifernder Apoll gegen Zylinderzertrampler

Proust – Besuch bei Baron de Charlus, Bd. 3, 774–793

Nach dem Di­ner bei der Her­zo­gin von Guer­man­tes macht sich Mar­cel auf den Weg zu Char­lus. Über Saint-Loup hat­te er ihm den Ter­min aus­rich­ten las­sen. Aus­ge­rech­net am Abend des Di­ners er­war­te er ihn we­gen ei­ner drin­gen­den Unterredung.

Nun sitzt Mar­cel vol­ler Span­nung im Vor­zim­mer, um Char­lus von Oria­nes Be­mer­kun­gen zu be­rich­ten. Die­se war er­staunt, so­gar be­sorgt, zu hö­ren, daß die Bei­den seit ei­ni­ger Zeit mit­ein­an­der be­kannt sind. Doch der Ba­ron lässt ihn war­ten. Mar­cel kann sich von sei­nem „Wort­rausch“ nicht be­frei­en. Er hät­te ge­nug Zeit, über die Be­mer­kun­gen wäh­rend der zu­rück­lie­gen­den Stun­den bei den Guer­man­tes nach­zu­den­ken. Oria­ne ent­deck­te in ih­rem Schwa­ger „das Herz ei­ner Frau“, die tür­ki­sche Bot­schaf­te­rin warn­te: „Er ist ein Mann, dem man oh­ne Be­den­ken sei­ne Toch­ter an­ver­trau­en kann, aber nicht sei­nen Sohn“.

Erst nach ei­ner hal­ben Stun­de, Mar­cel will fast wie­der ge­hen, be­rei­tet ihm Char­lus „Gei­fern­der Apoll ge­gen Zy­lin­der­zer­tramp­ler“ wei­ter­le­sen

Diner bei Guermantes

Parsifal unter Blumenmädchen

GuermantesDa erst be­merk­te ich, daß rings um mich her, um mich, der ich bis zu die­sem Ta­ge – ab­ge­se­hen von mei­nem Prak­ti­kum im Sa­lon von Ma­dame Swann – bei mei­ner Mut­ter, in Com­bray und in Pa­ris, ein ganz an­de­res, ent­we­der gön­ner­haf­tes oder re­ser­vier­tes Ver­hal­ten von Sei­ten mür­ri­scher Da­men der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ge­wohnt war, die mich als Kind be­han­del­ten, ein Sze­nen­wech­sel sich voll­zo­gen hat­te, dem­je­ni­gen ver­gleich­bar, der Par­si­fal plötz­lich un­ter die Blu­men­mäd­chen ver­setzt. Die­je­ni­gen, die mich nun um­ga­ben, ganz de­kol­le­tiert (ih­re ent­blöß­ten Schul­tern zeig­ten sich zu bei­den Sei­ten ei­nes ge­wun­de­nen Mi­mo­sen­zwei­ges oder un­ter den wei­ten Blü­ten­blät­tern ei­ner Ro­se) be­grüß­ten mich mit lau­ter lan­gen, da­hin­schmel­zen­den und zärt­li­chen Bli­cken, als hin­de­re sie ein­zig ih­re Schüch­tern­heit, mich zu küssen.“

Mar­cels Traum von der Her­zo­gin wahr­ge­nom­men zu wer­den er­füllt sich mit der Ein­la­dung zum Di­ner bei den Guer­man­tes. Das Idol, dem er seit der Be­geg­nung in Com­bray und mehr noch wäh­rend sei­ner mor­gend­li­chen Ver­fol­gun­gen er­le­gen war, ist Mme de Guer­man­tes je­doch längst nicht mehr. Die Be­geg­nun­gen bei Mme de Vil­le­pa­ri­sis zeig­ten ihm, daß die von ihm ver­ehr­te Hei­li­ge ei­ne ober­fläch­li­che „Di­ner bei Guer­man­tes“ wei­ter­le­sen

Proust – Standesschranken

Ein Abend mit Robert de Saint-Loup, Bd. 3, 555–580

GuermantesDie sel­te­nen mit ihm zu zweit ver­brach­ten Stun­den, be­son­ders aber die­se, sind mir seit­her un­ver­gess­lich ge­blie­ben. Für ihn wie für mich war dies ein Abend der Freund­schaft. Und doch brach­te ich ihm wohl (aus die­sem Grund auch von Ge­wis­sens­bis­sen ge­plagt) in je­nem Au­gen­blick kaum, so fürch­te ich, ei­ne Freund­schaft von der Art ent­ge­gen, wie er sie mir am liebs­ten ein­ge­flößt ha­ben würde.“

Saint-Loup ist auf Front­ur­laub, sei­nen ein­zi­gen Abend in Pa­ris will er mit Mar­cel ver­brin­gen. Er bit­tet, ihn in ein Re­stau­rant zu be­glei­ten. In die­sem Gast­haus trifft sich Ro­bert sehr oft mit sei­nen ad­li­gen Freun­den, Mar­cel hin­ge­gen war noch nie dort. Als die Kut­sche vor dem Ein­gang die­ses Lo­kals, ei­ner neu­mo­di­schen Re­vol­ver­tür, hält, for­dert Ro­bert den Freund auf schon ein­zu­tre­ten, wäh­rend er den Kut­scher be­zahlt. Es ist sehr kalt an die­sem Abend und Mar­cel sehr empfindlich.

Ob­gleich das Re­stau­rant nur ei­nen ein­zi­gen Gast­raum be­sitzt, be­her­bergt es zwei „Proust – Stan­des­schran­ken“ wei­ter­le­sen

Große Männer – Kleine Stadt

Hans Dieter Zimmermann erinnert in „Französische Hauptstadt, deutsche Provinz“ wie Proust einst seine Heimat besuchte

BadezeitungWer sich mit der Ge­schich­te Kreuz­nachs be­schäf­tigt, in­ter­es­siert sich nicht für Proust, wer sich mit Proust be­fasst, dem ist die­se Kur­stadt nicht wichtig.“

Die­ses eher als Lü­cke denn als Miss­stand zu be­zeich­nen­de Ku­rio­sum der Stadt­ge­schich­te ent­hüllt Hans Die­ter Zim­mer­mann mit sei­ner im Rim­baud-Ver­lag vor­lie­gen­den Mo­no­gra­phie. Ihr Un­ter­ti­tel „Mar­cel Proust und der gro­ße Krieg – Bad Kreuz­nach und das kai­ser­li­che Haupt­quar­tier“ weist auf die bei­den his­to­ri­schen Er­eig­nis­se, die der Au­tor in sei­nem zwei­ge­teil­ten Werk zum Ge­gen­stand macht.

Im Spät­som­mer 1897 be­glei­te­ten der 26jährige Mar­cel Proust und sein Bru­der Ro­bert ih­re Mut­ter zu ei­nem Kur­auf­ent­halt nach Kreuz­nach. Sie lo­gier­ten im Ho­tel Ora­ni­en­hof, das 20 Jah­re spä­ter der „Gro­ße Män­ner – Klei­ne Stadt“ wei­ter­le­sen

Proust — Sich rar machen

Einladung von der Herzogin (Bd. 3, 520–536)

GuermantesSelbst im ein­zel­nen Ab­lauf ei­ner Nei­gung hilft ei­ne Ab­we­sen­heit, die Ab­leh­nung ei­ner Ein­la­dung, ei­ne un­frei­wil­lig, un­be­wuß­te Stren­ge weit mehr als al­le Schön­heits­mit­tel und die ge­wähl­tes­te Kleidung.“ 

Auf der Ma­ti­née-Vil­le­pa­ri­sis ist das Bild, was sich der jun­ge Er­zäh­ler von Mme de Guer­man­tes mach­te, zer­brö­ckelt. Das aus der Fer­ne ver­ehr­te Idol ent­puppt sich bei nä­he­rer Be­trach­tung als „dum­me Pu­te“. Mar­cel ver­zich­tet auf sei­ne täg­li­che Pirsch, er ha­be, so sei­ne Mut­ter, „wirk­lich Erns­te­res zu tun, als (sich) am Weg ei­ner Frau zu pos­tie­ren, die auf (ihn) pfeift“.

Die Mor­gen­spa­zier­gän­ge wer­den un­be­schwert. Der Druck, dem Ob­jekt der Be­gier­de be­geg­nen zu müs­sen, ent­fällt und be­freit sei­ne Wahr­neh­mung. Mar­cel er­kennt, daß auch an­de­re nicht in ewi­ger Glück­se­lig­keit le­ben, und freut sich an den klei­nen Zu­nei­gun­gen, wie dem Zwin­kern ei­ner Pas­san­tin. Zu­vor hin­ter­lie­ßen sol­che Mo­men­te kei­ne Spu­ren. Die Fi­xie­rung auf Mme de Guer­man­tes hat­te „Proust — Sich rar ma­chen“ wei­ter­le­sen