Dunkelblumer Heimatsagen

In ihrem Roman „Dunkelblum“ erzählt Eva Menasse eine alte Geschichte auf neue Weise

In Dun­kel­blum ha­ben die Mau­ern Oh­ren, die Blü­ten in den Gär­ten ha­ben Au­gen, sie dre­hen ih­re Köpf­chen hier­hin und dort­hin, da­mit ih­nen nichts ent­geht, und das Gras re­gis­triert mit sei­nen Schnurr­haa­ren je­den Schritt. Die Men­schen ha­ben im­mer­zu ein Ge­spür. Die Vor­hän­ge im Ort be­we­gen sich wie von lei­sem Atem ge­trie­ben, ein und aus, le­bens­not­wen­dig. Je­des Mal, wenn Gott von oben in die­se Häu­ser schaut, als hät­ten sie gar kei­ne Dä­cher, wenn er hin­ein­blickt in die Pup­pen­häu­ser sei­nes Mo­dell­städt­chens, das er zu­sam­men mit dem Teu­fel ge­baut hat zur Mah­nung an al­le, dann sieht er in fast je­dem Haus wel­che, die an den Fens­tern hin­ter ih­ren Vor­hän­gen ste­hen und hinausspähen.“

In den ers­ten Sät­zen ih­res neu­en Ro­mans cha­rak­te­ri­siert Eva Men­as­se tref­fend die At­mo­sphä­re von „Dun­kel­blum“. Im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land liegt das fik­ti­ve „Mo­dell­städt­chen“, wel­ches die Au­torin mit sa­ta­ni­scher Schreiblust und gött­li­chem Dich­ter­geist ge­schaf­fen hat, qua­si in Personalunion.

His­to­risch grün­det ih­re Ge­schich­te auf dem Mas­sa­ker von Rech­nitz. In dem Ort wur­den in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 an die 200 Men­schen er­schos­sen, wäh­rend der Graf im Schloss mit der Na­zi­pro­mi­nenz fei­er­te. Die Über­res­te der Op­fer wur­den nie ge­fun­den. Die Tä­ter ent­gin­gen ih­rer Stra­fe dank ef­fi­zi­en­ter Lokalamnesie.

Das Ver­ges­sen oder bes­ser das Nicht­er­in­nern­wol­len herrscht auch in Dun­kel­blum. Der Ort, so Men­as­se in ei­nem In­ter­view, ste­he nicht al­lein für das ös­ter­rei­chi­sche Bur­gen­land, wo hun­der­te Zwangs­ar­bei­ter im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­zweif­lungs­pro­jekt „Süd­ost­wall“ zu To­de ge­schun­den wur­den, son­dern für al­le Or­te, wo die Un­ta­ten der Na­zi­herr­schaft ver­gra­ben und ver­ges­sen sind.

Der Ro­man spielt im Au­gust des Jah­res 1989 und doch scheint die Zeit seit Jahr­zehn­ten „im Grun­de ste­hen ge­blie­ben“, denn die al­ten Ge­sell­schafts- und Ge­sin­nungs­struk­tu­ren le­ben fort. Zwar sind die Ewig­gest­ri­gen alt ge­wor­den, doch tref­fen sie sich in ge­wohn­ter Run­de. Man­cher der brau­nen Her­ren war ein Gast als Graf und Grä­fin zum Ge­la­ge lu­den, man­cher nur Hand­lan­ger. Al­le ha­ben ver­drängt, was in der Mord­nacht ge­schah. Nicht nur die Stamm­tischna­zis wol­len nichts mehr wis­sen von den al­ten Ge­schich­ten. Auch die an­de­ren Be­woh­ner Dun­kel­blums be­vor­zu­gen das Schwei­gen. Da­zu zählt Re­si Re­schen, die bei der Flucht der Fa­mi­lie Tüf­fer, die Schlüs­sel des Ho­tels er­hielt, das jetzt in ih­rem Be­sitz ist. Sie als Pro­fi­teu­rin zu be­zeich­nen, ver­bie­tet der Blick auf ihr Le­ben. Selbst ein Op­fer der Na­zi­herr­schaft, der Ju­de An­tal Grün, einst wie heu­te Ge­mischt­wa­ren­händ­ler des Orts, bleibt am­bi­va­lent ver­schwie­gen. Das ver­bin­det die an­sons­ten oft un­ei­ni­ge Ortsgemeinschaft.

Die Auf­leh­nung ge­gen die­ses Ver­hal­ten ver­su­chen aus­ge­rech­net die Au­ßen­sei­ter. Sie ar­bei­ten an ei­ner Hei­mat­chro­nik und träu­men von ei­nem Grenz­mu­se­um. Der we­gen sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät drang­sa­lier­te Rei­se­bü­ro­lei­ter Reh­ber­ger, die kürz­lich ver­stor­be­ne Es­z­ter Lo­wetz, seit Jahr­zehn­ten in Dun­kel­blum le­bend, aber we­gen ih­rer un­ga­ri­schen Her­kunft stets die Frem­de von Drü­ben, und Flo­cke Malnitz. Die Toch­ter ei­ner ein­ge­ses­se­nen Win­zer­fa­mi­lie trägt die Bür­de, daß ih­re Mut­ter eben­falls ei­ne Frem­de, wenn auch nur aus dem Nach­bar­dorf, und schlim­mer noch, li­be­ral und welt­of­fen ist. An­de­re sind ein­deu­tig bö­se. Zu ih­nen zählt Hor­ka, „der schwar­ze Mann von Dun­kel­blum“, ein tum­ber Tot­schlä­ger, der vor­treff­lich als Scher­ge dem Ober­na­zi Fel­benz dien­te. Hor­ka war vor zwan­zig Jah­ren spur­los ver­schwun­den. Da war Grün längst zu­rück­ge­kehrt, der seit­dem sein Ge­schäft wie­der in sei­nem von Hor­ka kon­fis­zier­ten Haus führt.

Als im Au­gust des Jah­res 1989 der jun­ge Lo­wetz und ein His­to­ri­ker aus Ame­ri­ka am glei­chen Tag und mit dem glei­chen Bus in Dun­kel­blum ein­tref­fen, klingt dies bei Men­as­se wie der Auf­takt zu et­was Un­heil­vol­lem: „Der Haupt­platz, die End­sta­ti­on, war men­schen­leer. Die Son­ne stand di­rekt über der Pest­säu­le“. Die At­mo­sphä­re spannt sich an, als bei ei­ner Grund­was­ser­son­die­rung ein Ske­lett in der Ro­ten­stein­wie­se ge­fun­den wird und der His­to­ri­ker die zu­ge­schüt­te­ten Er­in­ne­run­gen der Dun­kel­blu­mer an­bohrt. Sein Ziel, den Op­fern des Mas­sa­kers zu ei­ner wür­de­vol­len Be­stat­tung zu ver­hel­fen, ver­birgt er zu­nächst. Erst nach und nach of­fen­bart es sich eben­so wie sei­ne wah­re Identität.

Ne­ben der Schwie­rig­keit von Er­in­ne­rung ist Zu­ge­hö­rig­keit ein The­ma die­ses Ro­mans. Ver­meint­lich un­über­wind­bar scheint die Dif­fe­renz zwi­schen Dun­kel­blu­mern und den „Drü­be­nern“ jen­seits der Gren­ze, zwi­schen ein­hei­misch und fremd in Her­kunft, Re­li­gi­on, Se­xua­li­tät oder geis­ti­ger Hal­tung. Das für Dun­kel­blum her­aus­for­dernd An­de­re wird von den Zu­ge­zo­gen und Zu­rück­ge­kehr­ten ein­ge­führt. Da­mals wa­ren es die Grenz­gän­ger und Wan­der­ar­bei­ter, „fah­ren­des Volk“. 1989 sind es die jun­gen Leu­te aus der Stadt, die den jü­di­schen Fried­hof in Stand set­zen, der aus Wien heim­ge­kehr­te Lo­wetz, die jun­ge Flo­cke Malnitz und nicht zu­letzt ein DDR-Flüchtling.

Men­as­se kon­stru­iert ih­ren Ro­man in wun­der­bar ver­schränk­ter Er­zähl­wei­se. In Rück­bli­cken ent­hüllt sie Stück für Stück die Mo­ti­ve und An­trie­be zum Han­deln und Ver­hal­ten ih­rer Fi­gu­ren. Vie­les er­hellt sich im fort­schrei­ten­den Ver­lauf, fast wie im Ne­ben­bei, oh­ne all­zu deut­lich bis ins Kleins­te aus­buch­sta­biert zu werden.

Was zu Be­ginn wie ei­ne Pro­vinz­pos­se an­mu­tet, zeigt bald sei­ne Schwe­re, die dank Men­as­ses Kunst nie ins Schwer­mü­ti­ge, Bit­te­re ab­glei­tet. Mit Sar­kas­mus ge­wapp­net er­tra­gen sich die be­lang­lo­sen Nach­rich­ten der Pro­vinz­blät­ter eben­so wie „zwäng­le­ri­scher Bau­ern­geiz“. Falls nicht, hilft viel­leicht ein Gla­serl „Freund Flüs­sig­mut und -trost“. Voll­stän­dig lö­sen wird sich das Netz der Ver­stri­ckun­gen nicht. Dies gilt nicht nur für die Fra­ge, wo die Op­fer der März­nacht zu fin­den wä­ren. Es hilft al­les nichts, der Ro­man for­dert mehr­fa­ches Le­sen. Viel­leicht klärt sich so, wes­sen Toch­ter Flo­cke ist, wem der Fin­ger­knö­chel aus der La­den­k­lin­gel ge­hört oder wer Hor­ka be­sei­tigt hat.

Eva Menasse, Dunkelblum, Kiepenheuer & Witsch 2021

Die unsichtbare Begleiterin

Peter Stamm erzählt in seinem Roman „Das Archiv der Gefühle“ von einer Befreiung

Im Flur gleich ne­ben dem Ein­gang un­ter der al­ter­tüm­li­chen Gar­de­ro­be steht ein gro­ßer Papp­kar­ton mit lee­ren, grau­gel­ben Ak­ten­map­pen, die ich beim sel­ben Groß­händ­ler be­zie­he, von dem auch das Pres­se­haus sei­ne Map­pen ge­kauft hat­te. Ich neh­me zwei her­aus und be­schrif­te sie. Die Ge­räu­sche des Was­sers und Die Ge­räu­sche der Vö­gel im Flug, und le­ge sie auf ei­nen Sta­pel auf dem Schreib­tisch, auf dem be­stimmt schon ein Dut­zend sol­cher be­schrif­te­ter, aber lee­rer Map­pen liegt. Ich weiß nicht, wie ich sie fül­len soll, ich ha­be im­mer nur ge­sam­melt und sor­tiert, ein­ge­ord­net, was an­de­re er­lebt und auf­ge­schrie­ben hatten.“

Manch­mal bin ich über­rascht, wie sehr sich zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Lek­tü­ren the­ma­tisch äh­neln. Die von Da­ni­el Wis­ser be­schrie­be­ne gro­ße Lie­be, die nach Jahr­zehn­ten des klan­des­ti­nen Seh­nens end­lich er­füllt wird, fin­det sich auch im neu­en Ro­man von Pe­ter Stamm, wenn auch in gänz­lich an­de­rer Ausführung.

Der Held und na­men­lo­se Ich-Er­zäh­ler ist im Ge­gen­satz zu Wis­sers Vic­tor Jar­no ein in sich ge­kehr­ter Mensch. Äu­ße­re Be­lan­ge, wie die po­li­ti­sche La­ge oder der Zu­stand der Ge­sell­schaft, küm­mern ihn nur als Mel­dun­gen, die zu ar­chi­vie­ren sind. Als Ar­chi­var ei­nes Pres­se­hau­ses war er lan­ge Jah­re zu­ver­läs­sig, aber oh­ne Am­bi­tio­nen tä­tig, wie er im ers­ten Teil des Ro­mans dar­legt. In die­ser Fi­gu­ren­ex­po­si­ti­on schil­dert Pe­ter Stamm gleich zu Be­ginn ei­ne Ei­gen­art sei­nes Hel­den, die sich auch als Ei­gen­art des Ro­mans be­schrei­ben lie­ße. Der Er­zäh­ler ist so sehr in un­ge­leb­ter Lie­be an Fran­zis­ka ge­fes­selt, daß sie ihm im­mer wie­der in ein­sa­men Mo­men­ten er­scheint. Von de­nen gibt es vie­le, seit der Ar­chi­var ge­kün­digt wur­de und sei­ne Ta­ge al­lei­ne ver­bringt. Die Ar­beit, das Sor­tie­ren von Zei­tungs­mel­dun­gen, er­le­digt er nach wie vor. Er hat so­gar das ge­sam­te Ar­chiv in sein Haus über­nom­men. Sein Rück­zug führ­te zur Tren­nung von Ani­ta, ei­ner Frau, der noch ei­ne be­son­de­re Rol­le zu­kom­men wird. Der Ein­sied­ler ver­lebt den Win­ter — es han­delt sich um den Co­ro­na-Win­ter, der so­wie­so al­le Kon­tak­te ein­ge­fro­ren hat — ein­ge­kap­selt zwi­schen den Zei­tun­gen und Ak­ten im Haus sei­ner El­tern. Die­se le­ben schon lan­ge nicht mehr, las­sen aber ih­re Prä­senz in der un­ver­än­der­ten At­mo­sphä­re spü­ren. Der ver­meint­lich si­che­re Ort hält den Hel­den in sei­nen Er­in­ne­run­gen und Träu­men von Fran­zis­ka ge­fan­gen. Erst der Früh­ling lockt ihn nach drau­ßen auf lan­ge Spa­zier­gän­ge und zum Schwim­men im See.

Pe­ter Stamm schreibt sei­nem hy­perin­tro­spek­ti­vem Prot­ago­nis­ten Zü­ge zu, die sich fast schon als au­tis­tisch be­zeich­nen lie­ßen. Der Ar­chi­var ist nicht nur ein ord­nungs­lie­ben­der Lis­ten­füh­rer, der men­schen­scheue Mann ver­mei­det auch zu gro­ße Nä­he, emo­tio­na­le wie kör­per­li­che. Als Kind zähl­te er zwang­haft Din­ge, manch­mal pack­te ihn der Jäh­zorn. „Un­ter Ein­sam­keit litt ich nur in Ge­gen­wart an­de­rer Men­schen.“ Er liebt das Al­lein­sein, in Ge­sell­schaft fühlt er sich fremd. Sein An­ders­sein ist ihm be­wusst, er ver­gleicht es mit „an­ge­bo­re­ner Schmerz­lo­sig­keit“ und glaubt, „die­se Krank­heit ha­be was mit mir zu tun“.

An die Vor­stel­lung der Fi­gur schließt sich ein nächt­li­cher Spa­zier­gang zum See. Dort ba­det der Er­zäh­ler und ver­strickt sich in den Fän­gen Fran­zis­kas, die ihn in die schwar­zen Un­tie­fen des Sees lockt. Die Ni­xen­sze­ne, der wir noch wei­te­re Ma­le be­geg­nen wer­den, ver­an­schau­licht sei­ne Angst vor Ge­füh­len, vor Nä­he, vor dem Vertrauen.

Die Ni­xe bleibt nicht das ein­zi­ge Mär­chen­mo­tiv in die­sem Ro­man, in dem Stamm auch Mo­ti­ve aus ei­ge­nen Wer­ken ver­steckt. So er­in­nert das ein­sa­me Gast­haus im Wald an sei­ne Er­zäh­lung „Som­mer­gäs­te“ oder der früh­ge­schicht­li­che Ske­lett­fund am See­ufer an „Das schöns­te Kleid“.

Dem Zwi­schen­stück folgt die Ge­schich­te Fran­zis­kas. Wir er­fah­ren von der Freund­schaft zwi­schen ihr und dem Er­zäh­ler, die in der Schul­zeit be­gann und auch nach dem Ab­itur nicht en­de­te. Fran­zis­ka macht ei­ne Aus­bil­dung im Kran­ken­haus, der Er­zäh­ler geht an die Uni­ver­si­tät. Er un­ter­stützt sie bei ih­ren ers­ten Auf­trit­ten als Sän­ge­rin. Doch grö­ße­re An­nä­he­run­gen, die sich bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten er­ge­ben könn­ten, wer­den von bei­den ge­scheut. Als aus Fran­zis­ka die be­rühm­te Schla­ger­sän­ge­rin Fa­bi­en­ne wird, ver­liert sich der Kontakt.

Wir fol­gen der Ge­schich­te aus­schließ­lich in den Er­in­ne­run­gen des Er­zäh­lers. Bis­wei­len mel­det sich Fran­zis­ka zu Wort. Ih­re meist kor­ri­gie­ren­de Sicht wird in Ein­wür­fen wie­der­ge­ge­ben. Die­se sind kurz und an­ders als das Er­zähl­tem­pus im Prä­senz ge­hal­ten. Da die ge­spro­che­nen Sät­ze nicht als sol­che mar­kiert sind, ist die Zu­ord­nung un­ein­deu­tig. Lan­ge bleibt es der In­ter­pre­ta­ti­on der Le­se­rin über­las­sen, ob Fran­zis­ka Zu­hö­re­rin ist oder ei­ne Traum­ge­stalt des Er­zäh­lers. Als er sie auf Sei­te 100 als „un­sicht­ba­re Be­glei­te­rin“ ent­tarnt, sind wir schon mit­ten im drit­ten Teil des Ro­mans, der Kontaktaufnahme.

Die­ser Haupt­teil be­ginnt ge­nau in der Hälf­te des 188 Sei­ten um­fas­sen­den Buchs. In kla­rer und doch sub­til ge­hal­te­ner Kon­struk­ti­on sei­nes Ro­mans bahnt Stamm nach der Ex­po­si­ti­on der bei­den Haupt­fi­gu­ren de­ren Auf­ein­an­der­tref­fen an. Das er­war­te­te Er­eig­nis lädt er durch drei Bin­nen­er­zäh­lun­gen zu­sätz­lich mit Span­nung auf. Sie gel­ten den Frau­en im Le­ben des Er­zäh­lers. Die Ge­schich­te von der „Pa­ri­ser Freun­din“ plat­ziert Stamm vor der Kon­takt­auf­nah­me. Die Be­zie­hun­gen zu sei­ner Kol­le­gin und zu Ani­ta, von de­ren En­de der Le­ser be­reits am An­fang er­fährt, wer­den in der zwei­ten Ro­man­hälf­te er­zählt. Die Ver­bin­dung zu Ani­ta bil­det ei­ne wich­ti­ge Brü­cke im Zu­sam­men­kom­men mit Franziska.

Er­mög­licht wird dies je­doch erst durch die Ent­wick­lung des Er­zäh­lers. Zwar fragt die­ser sich schon zu­vor, ob er nicht eher in das Ge­fühl ver­liebt sei als in Fran­zis­ka, und fürch­tet, „ei­ne Be­zie­hung hät­te mei­ner Lie­be nicht ge­nü­gen kön­nen“. Doch jetzt gibt er sei­ne Ge­wohn­hei­ten auf, er liest kei­ne Zei­tun­gen und be­en­det das Ar­chi­vie­ren. Sei­ne al­te Ei­fer­sucht auf den Fuß­bal­ler, ei­nen ehe­ma­li­gen Ge­lieb­ten Fran­zis­kas, löscht er, in­dem er des­sen Ak­te weg­wirft. Dies, so er­kennt er schnell, funk­tio­niert nicht bei al­lem Schlech­ten der Ver­gan­gen­heit, doch von sei­nen per­sön­li­chen Fi­xie­run­gen kann er sich auf die­se Wei­se be­frei­en. Er über­win­det sei­ne Pas­si­vi­tät, von sei­nem Ar­chiv blei­ben nur die Blan­co-Ak­ten, die er künf­tig mit ei­ge­nen Er­fah­run­gen fül­len wird.

Pe­ter Stamm spielt mit der trü­ge­ri­schen Au­then­ti­zi­tät des Er­in­nerns, die un­ser au­to­bio­gra­phi­sches Ge­dächt­nis zu ei­ner krea­ti­ven Ei­gen­erzäh­lung macht. Er stellt sei­nem Er­zäh­ler ei­ne Er­schei­nung an die Sei­te, die des­sen Ver­gan­gen­heits­in­ter­pre­ta­ti­on zu­recht­rückt. Erst im Ver­lauf sei­ner Selbst­fin­dung iden­ti­fi­ziert der Er­zäh­ler sie als ei­ge­nes Geschöpf.

Die Wer­ke Pe­ter Stamms zäh­len für mich zu den be­ein­dru­ckends­ten Wer­ken der Zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur. Stamm il­lus­triert in prä­zi­ser Spra­che In­nen­wel­ten, die zwi­schen Emo­tio­nen und Er­in­ne­run­gen, Rea­li­tät und Traum chan­gie­ren und ei­ne sur­rea­le At­mo­sphä­re erzeugen.

In „Das Ar­chiv der Ge­füh­le“ er­zählt er in kunst­voll kon­stru­ier­ten Er­zähl­ebe­nen und mit psy­cho­lo­gi­schem Ge­spür von ei­nem Men­schen, der sich durch die Zer­stö­rung der ver­meint­li­chen Ord­nung befreit.

Peter Stamm, Das Archiv der Gefühle, S. Fischer Verlag 2021

Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum bewegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­delsohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­delsohns „Odys­see“ sehr gut gefallen.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­delsohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­delsohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten „Von Vä­tern und Söh­nen“ wei­ter­le­sen

Im Rückblick wird so manches klar

In „Frau Wolff wird wunderlich“ erzählt Peter Wolff, wie Demenz eine Beziehung neu begründet

Wir müs­sen stark sein für sie, auch wenn wir sel­ber von Ge­füh­len der Trau­er, der Hilf­lo­sig­keit und der Angst, den wei­te­ren Ver­lauf der Krank­heit be­tref­fend, ge­plagt sind.“

Vie­le Men­schen mei­ner Ge­nera­ti­on ha­ben An­ge­hö­ri­ge, die von De­menz be­trof­fen sind. Auch wenn die ge­nau­en Dia­gno­sen und die Aus­prä­gun­gen ver­schie­den sein mö­gen, so ist den Be­trof­fe­nen ei­nes ge­mein­sam, der Ver­lust der Er­in­ne­run­gen und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Pro­ble­me, sich in der Ge­gen­wart zu ver­or­ten. „Ich weiß gar nicht mehr, wo ich ei­gent­lich hin­ge­hö­re“, die­ser Satz mei­ner Mut­ter zeigt, wel­che Not dies aus­zu­lö­sen ver­mag. Ei­ne Not, die ein Ver­hal­ten zur Fol­ge hat, mit dem die An­ge­hö­ri­gen erst ein­mal zu­recht­kom­men müs­sen. Manch­mal hilft es dar­über zu schrei­ben, um die­sen Pro­zess der Ver­än­de­rung beim Be­trof­fe­nen wie bei sich selbst zu reflektieren.

Ähn­lich mag der An­trieb von Pe­ter Wolff ge­we­sen sein, der mit „Frau Wolff wird wun­der­lich“ ein per­sön­li­ches Buch über die Krank­heit sei­ner Mut­ter vor­legt. Man könn­te dies mo­ra­lisch in Fra­ge stel­len, zu­mal auch Fo­to­gra­fien von Frau Wolff ge­zeigt wer­den. Ihr Sohn hat al­ler­dings, wie er „Im Rück­blick wird so man­ches klar“ wei­ter­le­sen

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf sei­ne So­lar­arm­band­uhr zeig­te vier Uhr an und er be­merk­te ir­ri­tiert, dass der Bat­te­rie­stand ge­gen null ging. Er ver­säum­te be­wusst, der Be­triebs­an­lei­tung zu fol­gen und die Uhr im Frei­en im­mer über der Man­schet­te zu tra­gen, weil er es im­mer noch für un­wür­dig hielt, sei­ne Arm­band­uhr wie ein lä­cher­li­cher Son­nen­an­be­ter dem Licht ent­ge­gen­zu­dre­hen. In­dem er es ab­sicht­lich nicht tat, re­bel­lier­te er ins­ge­heim auch ge­gen al­le an­de­ren Vor­schrif­ten des „Spu­ren­lo­sen Le­bens“. Der Ka­ta­log an Din­gen, die zu tun oder zu las­sen wa­ren, wuchs in letz­ter Zeit wirk­lich über jeg­li­ches Maß hin­aus, fand Berg­heim. Es hat­te in sei­ner Ju­gend ganz harm­los mit der Ab­fall­tren­nung be­gon­nen, war aber spä­tes­tens seit der letz­ten Neue­rung, dem Ver­bot des Fleisch­ver­zehrs an al­len Wo­chen­ta­gen, die kein oder nur ein N in ih­rer Buch­sta­ben­fol­ge füh­ren, um so die Treib­haus­ga­se halb­wegs un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, end­gül­tig ins Al­ber­ne gedriftet.“

Es ist ei­ne Öko-Dys­to­pie, die Eck­hart Ni­ckel in sei­nem Ro­man „Hys­te­ria“ ge­nuss­voll und mit Iro­nie ge­würzt ser­viert. Der 1966 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kunst­his­to­ri­ker, ver­öf­fent­lich­te vor die­sem Ro­man­de­büt als Jour­na­list u.a. in Tem­po, Süd­deut­scher Zei­tung und F.A.Z. so­wie in der von ihm und Chris­ti­an Kracht ge­grün­de­ten Li­te­ra­tur­zeit­schrift Der Freund. Ent­spre­chend weit ist der li­te­ra­ri­sche wie pop­kul­tu­rel­le Be­zugs­rah­men die­ses Romans.

Doch man muss nicht zwangs­läu­fig E.T.A. Hoff­mann, Sig­mund Freud oder die vie­len an­de­ren li­te­ra­ri­schen Leucht­tür­me, die in „Hys­te­ria“ auf­tau­chen, ge­le­sen ha­ben. Man kann auch mit Mu­sik die Sphä­ren die­ser Zu­kunfts­welt durch­drin­gen, wahl­wei­se mit Kraft­werk oder Jean Mi­chel Jar­re. Oder ganz ein­fach den teu­ren Tee Pa­ri­ser Pro­ve­ni­enz mit dem an­spie­lungs­rei­chen Na­men schlür­fend über die Ab­wand­lung ei­nes Mu­sik­vi­de­os la­chen. Der Ro­man bie­tet viel­fäl­ti­ge Ent­de­ckun­gen, nicht nur die, daß mit den „Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit“ wei­ter­le­sen

Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der De­cke woll­te ich längst, und nun lie­ge ich hier und kann mich nicht rüh­ren, ich hab’s nicht pro­biert. Ich lie­ge jetzt mal hier und rüh­re mich nicht, ich star­re ein­fach den Riss an.“

Der Ti­tel die­ses kur­zen, in­ten­si­ven Ro­mans ist Pro­gramm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt lie­gen. Es ist we­ni­ger sein Al­ter, das ihn zu Fall bringt, son­dern ei­ne Ab­len­kung durch ei­ne Frau oder bes­ser Wal­ter No­waks Re­ak­ti­on auf die­se. Spä­ter wird er er­zäh­len, er ha­be sich beim Schwim­men ver­schätzt und sich den Kopf am Be­cken­rand gestoßen.

Ju­lia Wolf, die 2016 mit ei­nem Aus­schnitt aus ih­rem da­mals noch un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man den 3sat Preis beim Bach­mann-Wett­be­werb ge­wann, wur­de mit dem voll­ende­ten Werk ein Jahr spä­ter für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert. Ihr Er­zähl­stil wirkt er­fri­schend neu, auch wenn er be­rühm­ten Vor­gän­gern ver­haf­tet ist.

Die Au­torin führt den Le­ser mit­ten hin­ein in Wal­ter No­waks Hirn und lässt ihn an ei­nem Strom von Er­in­ne­run­gen und As­so­zia­tio­nen teil­ha­ben. Für die bio­gra­phi­sche Au­then­ti­zi­tät der Fi­gur gibt sie kei­ne Ga­ran­tie, sie un­ter­läuft sie mit den Träu­men und Phan­ta­sien ih­res Hel­den. Wal­ters bio­gra­phi­sches „Re­kon­struk­ti­on. (Herr­lich) Un­kor­rekt“ wei­ter­le­sen

Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

Das ist der Ge­sang der Spin­ne im Netz. Das ist das Wach­sen von Grä­sern und Moos auf den Steinen.“

In ih­rem Ro­man „Al­les Ver­wand­te“ nimmt Sa­bi­ne Pe­ters ih­re Le­ser mit auf ei­ne Rei­se. Sie führt nach Por­tu­gal in das Berg­dorf Fei­tal. In der kar­gen Pro­vinz ab­seits der Küs­te be­su­chen sich zwei Frau­en um ih­rer al­ten Freund­schaft wil­len. Dies führt bei­de zu­rück in die Ver­gan­gen­heit ge­mein­sa­mer wie sub­jek­ti­ver Erinnerungen.

Mit gro­ßer Em­pa­thie be­schreibt Sa­bi­ne Pe­ters die Frau­en und die Re­gi­on. Im stei­ni­gen Fei­tal, fern von Fort­schritt und Be­trieb, scheint die Zeit still zu ste­hen. Doch die Aus­wir­kun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che sind spür­bar. Die Fi­nanz­kri­se schwächt die ab­seits ge­le­ge­nen Klein­be­trie­be. Das In­ter­net ist er­reich­bar, wenn auch mit ab­ge­schwäch­ter Kraft.

Die por­tu­gie­si­sche Künst­le­rin Li­no lebt nach Jah­ren in Deutsch­land und der Tren­nung von ih­rem Mann wie­der in ih­rem Hei­mat­dorf. Dort er­war­tet sie Ma­rie, ih­re Freun­din aus „Jar­dim de Pe­dras“ wei­ter­le­sen

Die schauerliche Stille brechender Herzen“

Vom Grausamen im Krieg und in der Liebe erzählt Anna Baar in „Als ob sie träumend gingen“

Klee liegt im Kran­ken­bett oder eher im Ster­be­bett? In ei­ner An­stalt für Kran­ke oder eher für Ir­re? Sein Na­me lau­tet Paul oder eher Pablo?

Klee ist die Haupt­fi­gur in An­na Baars neu­em Ro­man „Als ob sie träu­mend gin­gen“. Von sei­nen Ge­dan­ken, Ge­füh­len und Er­in­ne­run­gen er­zählt Baars na­men­lo­ser Er­zäh­ler, der im Pro­log be­kennt: „Man­ches hat er mir er­zählt, man­ches bil­de ich mir ein, vie­les wird ge­träumt sein oder ausgedacht.“

Klees Er­in­ne­run­gen sind brü­chig, nicht nur sei­nes Zu­stands we­gen, son­dern auf­grund der grau­sa­men Ge­scheh­nis­se selbst, den er­leb­ten Kriegs­gräu­eln und den Ver­lus­ten, vor al­lem in der Liebe.

Klee kämpft ge­gen das Ver­ges­sen, wes­we­gen er al­les sei­nen Kas­set­ten an­ver­traut, vor al­lem die Sa­che mit Li­ly. Bei­de kom­men aus ei­nem Dorf, das nicht kon­kret ver­or­tet ist. Baar will, wie sie in ei­nem In­ter­view be­tont, al­le Ge­scheh­nis­se ih­res Ro­mans nicht kon­kre­ti­siert wis­sen. Doch lie­fert sie Hin­wei­se ge­nug, den Ort an der ju­go­sla­wi­schen Küs­te und die Zeit im zwei­ten Vier­tel des letz­ten Jahr­hun­derts zu lo­ka­li­sie­ren. Im­mer­hin wird im Die schau­er­li­che Stil­le bre­chen­der Her­zen““ wei­ter­le­sen

Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285Wäh­rend der ge­sam­ten nächs­ten drei Jah­re wohn­te ich bei ih­nen und die Zeit mit mei­nen Groß­el­tern war viel­leicht so­gar in­ten­si­ver und prä­gen­der für mich als die Aus­bil­dung selbst. Drei Jah­re lang soll­ten die­se bei­den kom­plett ver­schie­de­nen Wel­ten mei­ne Le­ben bestimmten.“

Be­vor ich mit der Be­spre­chung des Ro­mans be­gin­ne, muss ich beim Au­tor Ab­bit­te leis­ten. 2013 als der da­mals an der Wie­ner Burg en­ga­gier­te Schau­spie­ler beim Bach­mann-Wett­be­werb aus dem vor­lie­gen­den Ro­man las, hat mir dies ganz und gar nicht ge­fal­len. Es lag zum ei­nen an der Sze­ne, die mir als pu­ber­tä­re La­den­dieb­f­ar­ce er­schien und die ich auch jetzt nach der Lek­tü­re des kom­plet­ten Ro­mans noch als schwach er­ach­te. Doch noch viel mehr stör­te mich die Prä­senz von Mey­er­hoffs Vor­trag, der ge­ra­de­zu un­an­stän­dig gut zwi­schen den Be­mü­hun­gen sei­ner Mit­be­wer­ber her­vor­stach. Die­se Pro­fes­sio­na­li­tät hat für mich den Text stark über­la­gert. Ich war al­so nicht auf sei­ner Sei­te. Nie hät­te ich ge­dacht, dass der Ro­man zu die­sem Stück mich so be­ein­dru­cken würde.

Ken­nen­ge­lernt hat­te ich den Au­tor be­reits ei­ni­ge Jah­re zu­vor. Da­mals emp­fahl mir ei­ne Freun­din den ers­ten, 2011 er­schie­ne­nen Ro­man „Ame­ri­ka“. Da lag er und ich las und „Spi­rit und Spi­ri­tuo­sen“ wei­ter­le­sen

Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit“

Sándor Márai entfacht in „Die Glut“ ein grandioses Drama im Kopf

Die GlutJa, du hast wohl viel er­lebt. In der Welt drau­ßen. Da ver­gißt man rasch.“ „Nein“, sagt der an­de­re. „Die Welt ist nichts. Das Wich­ti­ge ver­gißt man nie. Das ha­be ich erst spä­ter ge­merkt. Als ich schon um ei­ni­ges äl­ter war.“

Auch Hen­rik, der 75jährige Prot­ago­nist in Sán­dor Má­rais Ro­man Die Glut kann das ein­schnei­den­de Er­eig­nis sei­nes Le­bens nicht ver­ges­sen. Es ba­siert auf ei­nem Ver­dacht, für den dem al­ten Ge­ne­ral aber je­der Be­weis fehlt. Lie­fern könn­te ihn der ein­zi­ge noch le­ben­de Zeu­ge, sein Freund Kon­rád, der sich nach sei­nem Ver­schwin­den vor 41 Jah­ren zu ei­nem Be­such an­kün­digt. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren füg­ten sich Er­in­ne­run­gen und Phan­ta­sien zu ei­nem Dra­ma in Hen­riks Kopf, das Má­rai als psy­cho­lo­gi­sches Kam­mer­spiel in­sze­niert. 1942 er­schien der Ro­man in Un­garn, wur­de 1950 mit dem Ti­tel „Die Ker­zen bren­nen ab“ von Eu­gen Gör­cz ins Deut­sche über­tra­gen und 1999 in der Neu­über­set­zung von Chris­ti­na Vi­ragh vom Pi­per Ver­lag wie­der­ent­deckt und be­rühmt. Ein Jahr­zehnt zu­vor hat­te Sán­dor Má­rai den Frei­tod ge­wählt. Ein Welt­bür­ger, den es nach Deutsch­land, Pa­ris, Ita­li­en und den USA führ­te und der doch im­mer ein Un­gar blieb. „Die Glut“ spielt in der Ver­gan­gen­heit sei­nes Hei­mat­lan­des, im ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Glanz der Jahr­hun­dert­wen­de und dem we­nig glanz­vol­len gro­ßen Krieg. Doch die­se po­li­ti­schen Er­eig­nis­se sind Mar­gi­na­li­en in ei­nem Werk, in dem ein 75jähriger Mann die Fra­gen sei­nes Le­bens stellt.

Mit die­sen kon­fron­tiert er sei­nem Gast, den gleich­alt­ri­gen Kon­rád. Der hat­te die Freund­schaft jäh ver­ra­ten, als er vor 41 Jah­ren oh­ne Er­klä­rung die Ge­gend ver­ließ. Es war im Ju­li 1899 als das Un­ge­heu­re Die Wirk­lich­keit ist nicht die Wahr­heit““ wei­ter­le­sen