Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum be­wegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­delsohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­delsohns „Odys­see“ sehr gut ge­fal­len.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­delsohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­delsohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten „Von Vä­tern und Söh­nen“ wei­ter­le­sen

Vom Sohn zum Freund

David Wagner erzählt in „Der vergessliche Riese“ die Geschichte einer intensiven Vater-Sohn-Begegnung

Sei­ne Stim­me ist die von frü­her, sie hat sich kaum ver­än­dert. Sie klingt noch im­mer so, als sa­ge er nur klu­ge Sa­chen. Frü­her, im selt­sa­men Frü­her, wo liegt die­ses ge­heim­nis­vol­le Land, wuss­te er al­les. Er war der Rie­se, auf den ich klet­tern konn­te, er war der Größ­te.“

Wie Pe­ter Wolff so er­zählt auch Da­vid Wag­ner in sei­nem neu­en Buch „Der ver­gess­li­che Rie­se“ von der De­menz ei­nes El­tern­teils. Auch er setzt auf Dia­lo­ge, mit de­nen er die neue Welt sei­nes Va­ters für den Le­ser er­leb­bar macht. Der Schrift­stel­ler ver­zich­tet weit­ge­hend auf ei­ge­ne Re­fle­xio­nen, an­ders als sein Kol­le­ge Ar­no Gei­ger, der vor acht Jah­ren mit „Der al­te Kö­nig in sei­nem Exil“ ein be­ein­dru­cken­des Buch über sei­nen am Ver­ges­sen lei­den­den Va­ter ver­fass­te. Doch Wag­ners voll­kom­men an­de­re Form, in der nur knap­pe Hand­lungs­se­quen­zen die Dia­lo­ge un­ter­bre­chen, eig­net sich gut, um die de­men­zi­el­len Sym­pto­me zu er­fas­sen, die trotz al­ler Trau­er durch ih­re Ab­sur­di­tät auch Hu­mor aus­lö­sen kön­nen.

In­wie­weit Wag­ners Va­ter-Ge­schich­ten fik­tio­na­li­siert sind, be­ant­wor­te­te er in ei­nem In­ter­view auf dem Blau­en Buch­mes­se-So­fa ein­deu­tig un­ein­deu­tig. Die Ge­sprä­che mö­gen nicht „Vom Sohn zum Freund“ wei­ter­le­sen

Flitzschwebend occupiert

In Lincoln im Bardo schlüpft Saunders innovative Erzähltechnik in die sensible, selbstkritische Seele des Präsidenten

Bleibt, be­schwor ich. Er ist nicht un­er­reich­bar für Eu­re Hil­fe. Ganz und gar nicht. Ihr könnt noch viel Gu­tes für ihn tun. Ihr könnt jetzt so­gar hilf­rei­cher für ihn sein als je­mals an je­nem vor­ma­li­gen Ort.

Denn sei­ne Ewig­keit hängt in der Schwe­be, Sir. Wenn er bleibt, ist das Elend, das ihn über­wäl­ti­gen wird, jen­seits Eu­rer Vor­stel­lungs­kraft.“

Ein­fach be­trach­tet han­delt es sich bei Ge­or­ge Saun­ders Ro­man um ein hoch­emo­tio­na­les Buch. Es um­schreibt die Trau­er ei­nes Va­ters, der sei­nen Sohn ge­ra­de zu Gra­be ge­tra­gen hat. 11 Jah­re war die­ser alt, als er der Di­ph­te­rie er­lag. Es ist das Jahr 1862, der To­te heißt Wil­liam, sein Va­ter Abra­ham Lin­coln. Mit­ten im Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg ver­liert Lin­coln sei­nen Lieb­lings­sohn. Er be­stat­tet ihn in ei­ner der Gruft in George­town, doch Ru­he fin­den sie bei­de nicht, denn Geis­ter um­schwir­ren sie. Die­se ver­ken­nen ih­ren Zu­stand und hän­gen im Bar­do fest, ei­nem Schwe­be­zu­stand zwi­schen tot und ganz tot oder zwi­schen Nir­wa­na und Wie­der­ge­burt, wenn man bei dem von Saun­ders ge­wähl­ten Be­griff aus der ti­be­ta­ni­schen My­tho­lo­gie bleibt.

Die Ge­stal­ten tum­meln sich um Wil­lie, sie sind dem Kna­ben zu­ge­wandt, des­sen Geist rat­los und ver­las­sen auf sei­ner „Kran­ken­kis­te“ sitzt. Der Va­ter kehrt in der Nacht nach der Be­er­di­gung zum Fried­hof zu­rück, auch er kann Wil­lies Zu­stand nicht ak­zep­tie­ren. Er be­freit den Kör­per sei­nes Soh­nes aus „Flitz­schwe­bend oc­cu­p­iert“ wei­ter­le­sen

Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Al­le, die du liebst“ lau­tet der Ti­tel des im ver­gan­ge­nen Jahr er­schie­ne­nen Ro­mans von Ge­org M. Os­wald. Doch an­ders als er ver­mu­ten lässt, han­delt es sich um ein aus­ge­spro­che­nes „Män­ner­buch“. Aus die­sem Grund hat Mann es für un­se­ren Li­te­ra­tur­kreis ge­wählt. Der Ver­ant­wort­li­che fand sein Ge­schlecht in un­se­ren letz­ten Lek­tü­ren nur un­zu­rei­chend ver­tre­ten, auch wenn ein Blick auf un­se­re Le­se­lis­te die­se Aus­sa­ge nur be­dingt zu­lässt. Wem al­so Lüschers oder Es­pe­dals Hel­den zu ab­ge­ho­ben er­schei­nen, den er­war­tet laut Klap­pen­text in die­sem Ro­man ei­ne „poin­tier­te Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Va­ter und Sohn, die Ge­org M. Os­wald auf klu­ge und er­zäh­le­risch mit­rei­ßen­de Wei­se da­zu nutzt, wie durch ein Brenn­glas auf un­se­re west­eu­ro­päi­sche Be­find­lich­keit zu schau­en“.

Im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te steht der al­tern­de An­walt Hart­mut Wil­ke. Er ha­dert mit sei­nem Le­ben, sei­nen Ir­run­gen und Wir­run­gen. Da­zu zäh­len die Schei­dung von sei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe­frau, die er zu spät als sei­ne wah­re, gro­ße Lie­be er­kennt, die Ent­frem­dung von den in­zwi­schen er­wach­se­nen Kin­dern, sei­ne zu jun­ge Ge­lieb­te, de­ren An­sprü­chen er nicht zu ge­nü­gen fürch­tet, so­wie die Steu­er­af­fä­re sei­ner Kanz­lei.

Am drin­gends­ten drückt ihn die Di­stanz zu sei­nem Sohn. Seit des­sen Kind­heit war das Ver­hält­nis schwie­rig, seit der Tren­nung steht Erik end­gül­tig auf der Sei­te sei­ner Mut­ter. Wil­ke pla­gen Schuld­ge­füh­le, was sich üb­ri­gens als per­ma­nen­te Ge­fühls­la­ge durch den Ro­man zieht. So er­greift er Deut­sche Frau­en sind ein Pro­blem““ wei­ter­le­sen

Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

Das ist der Ge­sang der Spin­ne im Netz. Das ist das Wach­sen von Grä­sern und Moos auf den Stei­nen.“

In ih­rem Ro­man „Al­les Ver­wand­te“ nimmt Sa­bi­ne Pe­ters ih­re Le­ser mit auf ei­ne Rei­se. Sie führt nach Por­tu­gal in das Berg­dorf Fei­tal. In der kar­gen Pro­vinz ab­seits der Küs­te be­su­chen sich zwei Frau­en um ih­rer al­ten Freund­schaft wil­len. Dies führt bei­de zu­rück in die Ver­gan­gen­heit ge­mein­sa­mer wie sub­jek­ti­ver Er­in­ne­run­gen.

Mit gro­ßer Em­pa­thie be­schreibt Sa­bi­ne Pe­ters die Frau­en und die Re­gi­on. Im stei­ni­gen Fei­tal, fern von Fort­schritt und Be­trieb, scheint die Zeit still zu ste­hen. Doch die Aus­wir­kun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che sind spür­bar. Die Fi­nanz­kri­se schwächt die ab­seits ge­le­ge­nen Klein­be­trie­be. Das In­ter­net ist er­reich­bar, wenn auch mit ab­ge­schwäch­ter Kraft.

Die por­tu­gie­si­sche Künst­le­rin Li­no lebt nach Jah­ren in Deutsch­land und der Tren­nung von ih­rem Mann wie­der in ih­rem Hei­mat­dorf. Dort er­war­tet sie Ma­rie, ih­re Freun­din aus „Jar­dim de Pe­dras“ wei­ter­le­sen