Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schicksal gewollt und es hat keinen anderen Weg gegeben.“

Auch der aktuelle Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev behandelt die politischen wie religiösen Gegensätze ihres Heimatlandes. Sie schüren die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, Aufklärung und orthodoxem Glauben, Besatzern und Besetzten sowie die Kluft zwischen Mann und Frau. Ist dies alles unabwendbares „Schicksal“, wie der Titel des Romans insinuiert?

Schicksalhaft verbunden schildert Shalev das Leben, man könnte auch sagen das Leiden, ihrer Protagonistinnen Rachel und Atara, deren personale Erzählstimmen in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen. Da ist zum einen die betagte Rachel, deren Geschichte in die Anfänge des modernen Israels führt. Sie erzählt, was sie als junge Frau bei den Lechi erlebte, einer Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die „Das Leiden der Sündenböcke“ weiterlesen

Muse Melancholie

Steven Price imaginiert in Der letzte Prinzdie Beziehung von Schöpfer und Werk

Manchmal war es, als hörte er den Roman mit sich reden. Sein Fürst, den er sich immer als vom fehlenden Glauben ausgehöhlt gedacht hatte, entpuppte sich vielmehr als Letzter der Gläubigen. Doch war der Glaube des Fürsten ein Glaube an die Tradition, an das Schicksal eines Geschlechts, und in solchen Augenblicken erkannte Giuseppe, dass er sich durch die eigene Bitterkeit hin zu dem Menschen geschrieben hatte, der er gern geworden wäre. Sein Fürst stand allein, ungerührt, brauchte niemanden, und gerade deshalb, und weil es kein wahres Überleben in der Isolation gibt, war die Stärke des Fürsten das, was ihn zerstörte.“

Der Leopard“ oder besser „Il Gattopardo“, — die Wildkatze im Titel, die anders als das gefleckte Raubtier, sich nicht mit Brüllen Respekt verschaffen kann, enthüllt das Motto des Romans -, ist wohl jedem italophilen Leser bekannt. Der berühmteste italienische Roman des 20. Jahrhunderts schildert den Umschwung der Verhältnisse, die das Risorgimento ein Jahrhundert zuvor in Italien ausgelöst hatte. Von den Folgen des Freiheitskampfs unter Garibaldi erzählt Giuseppe Tomasi di Lampedusa, selbst Spross einer ehemals mächtigen Fürstenfamilie, am Beispiel des Adelsgeschlechts Salina. Dessen Oberhaupt, Fürst Fabrizio Salina, erkennt weitsichtig wie weise die gesellschaftlichen Veränderungen, die der politische Umbruch herbeiführen wird. Sein Neffe Tancredi arrangiert sich frühzeitig, indem er die zugrunde gehende Tradition zugunsten des Erfolgs hinter sich lässt, getreu seinem Wahlspruch „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern“.

Oft wird diese Haltung und damit der Roman als Gleichnis auf die postfaschistischen Verhältnisse Siziliens gedeutet. Ebenso liest man ihn als melancholische Reminiszenz des Autors auf die eigene Familie, trägt Don Fabrizio doch Züge von Tomasis Urgroßvater Giulio Fabrizio di Lampedusa. Auch weist Tancredi, der geliebte Neffe Don Fabrizios, Ähnlichkeiten mit Gioacchino Lanza auf, dem gleichfalls geliebten Neffen und Adoptivsohn Tomasis.

1954 begann Giuseppe Tomasi mit der Arbeit an seinem Roman, den er zwei Jahre später vollendete. Die Verlage Mondadori und Einaudi lehnten eine Veröffentlichung ab. Erst 1958, ein Jahr nach Tomasis Tod, erschien er durch die Fürsprache Giorgio Bassanis bei Feltrinelli. Weitere Jahrzehnte sollte es dauern, bis der Roman endlich in vollständiger Form erschien, inklusive zurückgehaltener Passagen.

Diese verschlungenen Beziehungen zwischen der Biographie Tomasis und dessen Werk mögen es sein, die den amerikanischen Literaturwissenschaftler Steven Price zu seinem Roman Der letzte Prinz veranlassten. Er erzählt „Muse Melancholie“ weiterlesen

Von Verlust und Vertrauen

In „Dankbarkeiten“ erzählt Delphine de Vigan mit zärtlicher Zuneigung von Verlust und Freundschaft

Es dauert nicht mehr lange bis zum Ende, das weißt du, Marie. Ich meine das Ende des Verstands, der ist dann futsch und alle Wörter verflogen. Wann mit dem Körper Schluss ist, weiß man natürlich nicht, aber es hat angefangen, mit dem Verstand zu Ende zu gehen.“

Wer je erlebt hat, wie ein alter Mensch Abschied von seiner Wohnung nimmt und in ein Heim einzieht, für den wird „Dankbarkeiten“ von Delphine de Vigan eine sehr bewegende Lektüre sein. Voller Empathie und dennoch mit klaren Worten schildert die Autorin, wie ihre Protagonistin Mischka, eine alleinlebende, selbstbewusste Frau, ihre Unabhängigkeit gegen ständig präsente Unterstützung eintauscht. Vertraute Begleiter ihres neuen Lebens sind Marie und Jérome, die neben Mischka die Erzählstimmen des kleinen Romans bilden.

Die junge Marie fand als vernachlässigtes Kind Hilfe und Fürsorge bei Mischka, ihrer damaligen Nachbarin. Die Bindung der Beiden blieb über die Jahre bestehen. So ist es auch Marie, die informiert wird, als Mischka hilflos „Von Verlust und Vertrauen“ weiterlesen

Trauerschwestern und Flügelwesen

Kerstin Hensel gelingt mit ihrer Novelle „Regenbeins Farben“ ein kunstvolles Trauerbuch

Im Halbdurchsichtigen drei Nereiden, aus ihren Höhlen am Grunde des Meeres gestiegen, hoch zu ihrem Gott, der auf einem Fabelwesen über Wellen reitet, vorne Pferd, hinten Fisch. Nymphen umkreisen ihn, und er erfleht ihre Gesellschaft, spielt den Schiffbrüchigen, den sie beschützen, besingen, begleiten sollten. Doch die Nymphen treiben andere Spiele. Im Wasser schwesterlich schwebend, sind die Seefrauen, die nur sich selbst unterhalten, in kecken Spielen plaudernd, mit Delfinen singend. Während der Gott um Rettung seiner Mächtigkeit fleht, zwingt er sein Reittier zu einer schaumschlagenden Levade. Poseidon, der Poser! Der Hippokamp trägt in durch die brodelnde Brühe der Geschichte (…)“

Diese laut- und wortschönen Sätze verraten Kerstin Hensel als Lyrikerin, die ihre poetische Sprache auch in der Novelle „Regenbeins Farben“ verwendet. Darin vereint sie vier Personen zu einer besonderen Gemeinschaft. Fast ein volles Jahr währt diese, lediglich drei Minuten fehlen, wie die punktgenauen Datierungen im ersten und letzten Kapitel zeigen.

Auch wenn der Tod als Motiv diese Novelle durchzieht und ein Teil der Handlung kammerspielartig auf einem Friedhof stattfindet, handelt es sich keineswegs um ein trauriges Buch. Als Trauerbuch hingegen ließe es sich sehr wohl bezeichnen, denn es erzählt, wie man Trauer bewältigt und sich von der Vergangenheit befreit. Die Kunst ist dabei das Mittel der Wahl. Dies zeigen schon die ersten Kapitel, in denen uns die Friedhofsgemeinschaft vorgestellt wird.

Die Malerin Karline Regenbein ist die Jüngste, an Alter wie an der Dauer ihrer Trauer gemessen. Es folgen Eduard Wettengel, der Galerist, Lore Müller-Kilian, die ihr Mäzenatentum dem verstorbenen Gatten verdankt und schließlich die Älteste, Ziva Schlott, die Kunstprofessorin mit „Kippchen“. Alle vier „Trauerschwestern und Flügelwesen“ weiterlesen

Alte Freundinnen

Charlotte Wood konfrontiert in „Ein Wochenende“ drei Freundinnen mit sich selbst und ihrer in die Jahre gekommenen Freundschaft

So würden die Tage ohne Sylvie also sein, mit dieser Distanz zwischen ihnen, die sich ausweitete und vertiefte. Sie blieb stehen und beobachtete, wie der Abstand zu den beiden anderen immer größer wurde. Auch sie gingen nicht gemeinsam. Bis jetzt hatte sie nie darüber nachgedacht, dass sich das ausgeleierte Gummiband ihrer Freundschaft eines Tages auflösen könnte. Es schien unmöglich. Aber etwas Totes hatte sich in ihre Gefühle füreinander eingeschlichen und schien sich auszudehnen.“

Die meisten Menschen haben eine Handvoll enger Freunde, oft sogar weniger. Alles, was die Zahl drei übersteigt, so scheint es, sprengt den Rahmen. Oft erweisen sich die unterschiedlichen Eigenarten, Vorlieben, kurz die Persönlichkeiten der Freunde als Störfaktor. Dies zeigt sich bei gemeinsamen Unternehmungen. Und was macht erst das Alter daraus? Die langen Jahre des Lebens? Die zunehmende Starrköpfigkeit?

Von einer derartigen Gemengelage erzählt der neue Roman der australischen Autorin Charlotte Wood. Mit seinen knapp 300 Seiten hat er die richtige Länge, um seine Leserinnen wie seine Leser — auch wenn im Buch behauptet wird, daß Männer kaum „Alte Freundinnen“ weiterlesen

Flitzschwebend occupiert

In Lincoln im Bardo schlüpft Saunders innovative Erzähltechnik in die sensible, selbstkritische Seele des Präsidenten

Bleibt, beschwor ich. Er ist nicht unerreichbar für Eure Hilfe. Ganz und gar nicht. Ihr könnt noch viel Gutes für ihn tun. Ihr könnt jetzt sogar hilfreicher für ihn sein als jemals an jenem vormaligen Ort.

Denn seine Ewigkeit hängt in der Schwebe, Sir. Wenn er bleibt, ist das Elend, das ihn überwältigen wird, jenseits Eurer Vorstellungskraft.“

Einfach betrachtet handelt es sich bei George Saunders Roman um ein hochemotionales Buch. Es umschreibt die Trauer eines Vaters, der seinen Sohn gerade zu Grabe getragen hat. 11 Jahre war dieser alt, als er der Diphterie erlag. Es ist das Jahr 1862, der Tote heißt William, sein Vater Abraham Lincoln. Mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg verliert Lincoln seinen Lieblingssohn. Er bestattet ihn in einer der Gruft in Georgetown, doch Ruhe finden sie beide nicht, denn Geister umschwirren sie. Diese verkennen ihren Zustand und hängen im Bardo fest, einem Schwebezustand zwischen tot und ganz tot oder zwischen Nirwana und Wiedergeburt, wenn man bei dem von Saunders gewählten Begriff aus der tibetanischen Mythologie bleibt.

Die Gestalten tummeln sich um Willie, sie sind dem Knaben zugewandt, dessen Geist ratlos und verlassen auf seiner „Krankenkiste“ sitzt. Der Vater kehrt in der Nacht nach der Beerdigung zum Friedhof zurück, auch er kann Willies Zustand nicht akzeptieren. Er befreit den Körper seines Sohnes aus „Flitzschwebend occupiert“ weiterlesen

Unüberwundener Abschied

Kristine Bilkau erzählt in „Eine Liebe in Gedanken“ von dem, was nach einem Verlust bleibt

Ich wollte Edgar Janssen dazu bringen, sich an meine Mutter zu erinnern, an seine und ihre gemeinsame Zeit. An die Liebe zwischen Toni und Edgar, die von so kurzer Dauer gewesen war und für meine Mutter doch ein Leben lang gehalten hat.“

Eine Liebe in Gedanken“, der Titel des aktuellen Romans von Kristine Bilkau ist zugleich sein Thema: Eine große Liebe, die unerfüllt bleiben wird. Doch würde das Attribut noch treffen, wenn die Liebe gelebt worden wäre, über alle Schrecken des Alltags hinweg? Große Liebe, ‑im Roman selbst fällt dieser Ausdruck nie‑, so könnten sie es genannt haben, die Tochter, die davon erzählt, wie die Mutter, die es erlebt hat.

Antonia Weber hat ihren Heimatort an der Küste verlassen und in Hamburg ihr unabhängiges Leben begonnen.  Die 22-jährige arbeitet als Sekretärin und wohnt bei der Zigarillo rauchenden Frau Konrad zur Untermiete, wie dies 1964 für unverheiratete Frauen üblich war. Doch Toni bleibt nicht lange allein. Eine zufällige Bekanntschaft bringt sie mit Edgar zusammen und schnell ist für beide klar, daß sie „Unüberwundener Abschied“ weiterlesen

Herumstreunen, Zeitverplempern und Rumgaffen

Wilhelm Genazino zelebriert in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ die Lebenskunst der Ratlosigkeit

Es ist viel sinnvoller (…), so oft wie möglich wenigstens beiseite zu schauen, dorthin, wo die anderen nicht hinschauen.“

Die Werke des 1943 geborenen Schriftstellers Wilhelm Genazino beschäftigen mich schon seit langem. Es begann mit Ein Regenschirm für diesen Tag, das durch die Diskussion im Literarischen Quartett Aufmerksamkeit erlangte. Seitdem folgten etliche Romane, von denen manche Kritiker behaupten, sie erzählten immer das Gleiche. Doch auch wenn in allen ein „nicht mehr ganz junger Junggeselle“ seine Unzufriedenheit mit dem Leben durch permanente Selbst- und Fremdbeobachtung zu verdrängen sucht, gibt es feine Unterschiede, die sich zu entdecken lohnen.

Der Flaneur des neuen Romans Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze fühlt sich mit 60 Jahren „fast alt“, sein Blick hingegen „schien jung geblieben“. Dieser fällt auf die Tiere der Stadt, die wie er durch die Straßen streunen. Anders als diese besitzt er jedoch weder Ziel noch Plan. Er strebt nichts an, sondern flieht vor seiner eigenen Gedankenqual. „Ich löse viele meiner Probleme und Stimmungen durch Umhergehen.“ Dieser fast therapeutische Ansatz findet sich „Herumstreunen, Zeitverplempern und Rumgaffen“ weiterlesen

Mit Heilandzack ins Aldilà

Das Pfingstwunder“ — Sibylle Lewitscharoffs persönlich poetische Reise durch Dantes Jenseits

Die Jenseitsverwirrung ist über mich gekommen in Form galoppierender Assoziationen.“

Als im September 2016 der sechste Roman der Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff erschien, zögerte ich ihn zu lesen, der Nominierung für den Deutschen Buchpreises zum Trotz und obwohl mich andere Werke der Schriftstellerin beeindruckt hatten. Einen Roman über die Divina Commedia zu lesen, das Werk mit dem Dante Alighieri nicht nur seine Epoche prägte, sondern bis heute die gesamte Sprache und Kultur Italiens, ohne dieses selbst zu kennen, schien mir wenig sinnvoll. Mit Kurt Flaschs übersetzter Prosaversion plante ich mich zu präparieren, doch eine Diskussion zwischen Lewitscharoff und Denis Scheck, die ich zufällig im Radio hörte, verführte mich „Das Pfingstwunder“ vorzuziehen. Es ist kein Roman, das wird schnell klar, eher ein persönlicher poetischer Commedia-Kommentar. Getarnt als Bericht des Dante-Experten Georg Elsheimer, der vor allem sich selbst darüber klar werden will, was sich Unglaubliches beim Dante-Kongresses zu Pfingsten 2013 im Saal der Malteser auf dem römischen Aventin ereignete.

Wieso wurde er als einziger Teilnehmer von diesem Pfingstwunder verschont oder besser „Mit Heilandzack ins Aldilà“ weiterlesen

Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285Während der gesamten nächsten drei Jahre wohnte ich bei ihnen und die Zeit mit meinen Großeltern war vielleicht sogar intensiver und prägender für mich als die Ausbildung selbst. Drei Jahre lang sollten diese beiden komplett verschiedenen Welten meine Leben bestimmten.“

Bevor ich mit der Besprechung des Romans beginne, muss ich beim Autor Abbitte leisten. 2013 als der damals an der Wiener Burg engagierte Schauspieler beim Bachmann-Wettbewerb aus dem vorliegenden Roman las, hat mir dies ganz und gar nicht gefallen. Es lag zum einen an der Szene, die mir als pubertäre Ladendiebfarce erschien und die ich auch jetzt nach der Lektüre des kompletten Romans noch als schwach erachte. Doch noch viel mehr störte mich die Präsenz von Meyerhoffs Vortrag, der geradezu unanständig gut zwischen den Bemühungen seiner Mitbewerber hervorstach. Diese Professionalität hat für mich den Text stark überlagert. Ich war also nicht auf seiner Seite. Nie hätte ich gedacht, dass der Roman zu diesem Stück mich so beeindrucken würde.

Kennengelernt hatte ich den Autor bereits einige Jahre zuvor. Damals empfahl mir eine Freundin den ersten, 2011 erschienenen Roman „Amerika“. Da lag er und ich las und „Spirit und Spirituosen“ weiterlesen