Von Verlust und Vertrauen

In „Dankbarkeiten“ erzählt Delphine de Vigan mit zärtlicher Zuneigung von Verlust und Freundschaft

Es dauert nicht mehr lange bis zum Ende, das weißt du, Marie. Ich meine das Ende des Verstands, der ist dann futsch und alle Wörter verflogen. Wann mit dem Körper Schluss ist, weiß man natürlich nicht, aber es hat angefangen, mit dem Verstand zu Ende zu gehen.“

Wer je erlebt hat, wie ein alter Mensch Abschied von seiner Wohnung nimmt und in ein Heim einzieht, für den wird „Dankbarkeiten“ von Delphine de Vigan eine sehr bewegende Lektüre sein. Voller Empathie und dennoch mit klaren Worten schildert die Autorin, wie ihre Protagonistin Mischka, eine alleinlebende, selbstbewusste Frau, ihre Unabhängigkeit gegen ständig präsente Unterstützung eintauscht. Vertraute Begleiter ihres neuen Lebens sind Marie und Jérome, die neben Mischka die Erzählstimmen des kleinen Romans bilden.

Die junge Marie fand als vernachlässigtes Kind Hilfe und Fürsorge bei Mischka, ihrer damaligen Nachbarin. Die Bindung der Beiden blieb über die Jahre bestehen. So ist es auch Marie, die informiert wird, als Mischka hilflos den Notruf alarmiert. Marie erkennt, daß ihre Freundin nicht mehr alleine leben kann, und ahnt, daß die gemeinsame „Zeit von nun an bemessen sein würde“. Sie erzählt in der Rückschau, ebenso wie der junge Logopäde Jérôme, der Mischka im Heim betreut.

Marie und Jérôme beschreiben die Ereignisse als empathische Beobachter. Die Perspektive der Ich-Erzähler gleitet dabei fast unbemerkt in die Rolle des auktorialen Erzählers, wenn Vigan Mischkas Soloszenen schildert. Mischka selbst kommt in dazwischengeschalteten Traumszenen zu Wort, was aufgrund ihrer fortschreitenden Aphasie ein klug gewähltes Konstrukt ist. Darin erlebt sie ihre Ängste, beispielsweise vor einem Bewerbungsgespräche für das Heim, gleichzeitig aber auch schöne Momente des Spiels oder Tanzes, die sie in die heilen Zeiten von Kindheit und Jugend zurückversetzen.

Gefühle prägen auch die Haltung von Marie und Jérôme. Marie bemerkt bei ihren Besuchen traurig die fortschreitenden Verluste. Mischka, die früher als Korrektorin bei einem Magazin arbeitete und Literaturliebhaberin war, liest nicht mehr. Was bleibt, wenn nicht einmal das Telefonieren funktioniert? „Das erwartet dich also, Michk‘: kleine Schritte, kleine Schläfchen, kleine Imbisschen, kleine Spaziergänge, kleine Besuche. Ein reduziertes, eingeengtes, aber perfekt organisiertes Leben.“

Jérôme, der mit ihr gemeinsam gegen den Verlust der Worte ankämpft, erlebt sie als Suchende nach Worten wie nach Orten der Erinnerung. Eine große Sensibilität aber auch die eigene Angst scheinen auf, wenn er sich seine Klienten als junge Menschen imaginiert, die geliebt und getanzt haben wie er.

In der Rolle des Logopäden gelingt es Vigan einfühlsam und zugleich schonungslos Mischkas schwindende Kommunikationsfähigkeiten darzustellen. „Sie beginnt einen Satz, und schon fehlen ihr die Wörter, sie kippt, als fiele sie in ein Loch. Es gibt keine Wegmarken und Anhaltspunkte mehr, denn kein Pfad vermag diese unfruchtbaren Böden zu durchqueren (…) Die Straße ist gesperrt. Der Faden des Austauschs mit den anderen reißt ab.“

Bevor das Allerletzte eintritt, möchte Mischka sich bei den Menschen bedanken, die sie als Kind aufgenommen hatten. Unterstützung erhält sie dabei von Marie und Jérôme, die sie trotz eigener Schwierigkeiten nach Kräften unterstützen. Die Wünsche und Sorgen der beiden jungen Menschen bedeuten der alten Frau nicht weniger als ihre eigenen.

Vigan gelingt es, die Geschichte dieser drei Schicksale zu einem sentimentalen, dennoch nie trivialen Geflecht von Dankbarkeiten zu arrangieren.

Delphine de Vigan, Dankbarkeiten, übers. v. Doris Heinemann, Dumont Verlag 2020

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