Unerinnerbarer Horror“

Emmanuel Carrère erzählt in „Yoga“ von seinem Kampf gegen innere Irrlichter

Es ist ein dor­nen­rei­ches Un­ter­fan­gen ei­ner so irr­lich­tern­den Be­we­gung wie der un­se­res Geis­tes zu fol­gen, ihm in die ver­bor­ge­nen Win­kel nach­zu­drin­gen und noch die win­zigs­ten Er­schei­nungs­for­men sei­ner Un­ru­he au­zu­ma­chen und auf­zu­zeich­nen. Meh­re­re Jah­re sind es schon, dass ich mei­nen Ge­dan­ken nur mich selbst zum Ge­gen­stand ge­setzt ha­be, dass ich nichts an­de­res un­ter­su­che und er­for­sche als mich, und er­for­sche ich doch et­was an­de­res, dann nur, um es auf mich zu be­zie­hen.“ (Mon­tai­g­ne)

Ich wür­de ger­ne et­was an­de­res den­ken als das, was ich den­ke, denn was ich den­ke und oft ge­nug auf­ge­zählt ha­be ist sinn­los, es ist im­mer das­sel­be und über­trie­ben selbstbezogen.“(Carrère)

Yo­ga“, der Ti­tel des jüngs­ten von Em­ma­nu­el Car­rè­re ver­fass­ten Ro­mans mag den Le­ser in die fal­sche Rich­tung füh­ren. Man lernt zwar ei­ni­ges über Yo­ga oder bes­ser über Me­di­ta­ti­on, das stil­le sich von al­len in­ne­ren Irr­lich­tern frei ma­chen­de Sit­zen, wie es be­reits in ei­nem Ro­man von Tim Parks be­schrie­ben wur­de. Doch Car­rè­res Auf­ent­halt in ei­nem klos­ter­glei­chen „Ge­he­ge“, wo al­les, was Spaß macht, ver­bo­ten ist, bil­det nur den ers­ten der vier Tei­le des Buchs die­ses auf au­to­fik­tio­na­les Er­zäh­len abon­nier­ten Au­tors. Sei­nem ich-er­zäh­len­den Ro­man-Ego ist be­wusst, daß sei­ne Art al­le Sät­ze mit Ich zu be­gin­nen, zu­min­dest was das Brie­fe­schrei­ben be­trifft, ent­ge­gen al­len Re­geln ist. Re­geln der Höf­lich­keit und der Rück­sicht, ge­gen die auch der Ro­man ver­stößt, wo­von die Le­se­rin al­ler­dings nur se­kun­där und durch mut­maß­li­che Lü­cken er­fährt. Letz­te­re sind das Re­sul­tat ei­nes Pro­zes­ses, den Car­rè­res Ex-Frau Hé­lè­ne De­vynck ge­wann. Als der Au­tor sich mit­tels Vi­pas­sa­na be­müht sei­ne Vrit­ti zu ver­trei­ben und sei­nen Kampf ge­gen „die Be­we­gun­gen, die den Geist er­schüt­tern“ zu ei­nem Buch zu ma­chen, weiß er da­von noch nichts. Noch gilt ein zu­min­dest ge­rin­ger Teil sei­ner Sor­gen der Frau und den ge­mein­sa­men Kindern.

Auch in den fol­gen­den drei Tei­len schil­dert Car­rè­re Si­tua­tio­nen, de­nen er aus­ge­setzt ist und die er mehr durch­lei­det als durch­lebt. „1825 Ta­ge“ lie­gen die Be­ge­ben­hei­ten nach den Ter­ror-Mor­den an der Re­dak­ti­on von Char­lie Heb­do zu­grun­de, de­nen ein Freund zum Op­fer fiel. Sie bie­ten ihm jen­seits der Be­mü­hung um ei­ne Ge­denk­re­de, die die Ge­fähr­tin des Er­mor­de­ten von ihm er­bit­tet, An­lass über de­ren Lie­bes­glück nach­zu­den­ken und sein ei­ge­nes zu hin­ter­fra­gen. Fast schon the­ra­peu­tisch tre­ten zwi­schen Selbst­er­kennt­nis und Le­bens­weis­hei­ten Aus­sa­gen zu Ta­ge, die aus dem Ro­man ent­fern­te In­hal­te an­deu­ten. „Wenn das Le­ben ei­nem ein sol­ches Ge­schenk macht [die wah­re Lie­be], muss man es an­neh­men und be­hü­ten, denn es gibt nichts Wert­vol­le­res und es gibt nur we­ni­ge Per­so­nen, de­nen es ein zwei­tes Mal ge­macht wird, falls man das Pech oder die Dumm­heit hat, es zu ver­spie­len: Das Le­ben ist nach ei­nem sol­chen Feh­ler zwangs­läu­fig ein bit­te­res, schlech­tes Le­ben, ich hät­te viel da­zu zu sagen.“

Das er­zäh­len­de Ich ist im­mer Car­rè­re, bei der Me­di­ta­ti­on, in den Wo­chen nach dem An­schlag und erst recht im drit­ten Teil, der „Ge­schich­te mei­nes Wahn­sinns“. War­um er in ei­ne aku­te Pha­se der De­pres­si­on fällt, bleibt un­ge­sagt. Car­rè­res li­te­ra­ri­sches Cre­do, sei­ne Li­te­ra­tur sei „der Ort, an dem man nicht lügt“, kann er dies­mal nicht ein­hal­ten. Er springt di­rekt zu den psy­chi­schen Fol­gen, die ihn dank der Hil­fe sei­ner Schwes­ter in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik füh­ren. Erst hier er­kennt er sein „neu­ro­ti­sches Elend“, wel­ches ihn fast sein gan­zes Le­ben be­glei­tet. Es ist kein Nor­mal­zu­stand des Le­bens, es be­trifft nicht je­den. Oder stimmt es doch, was ein Pries­ter ihm einst ver­riet, „die Leu­te sei­en viel un­glück­li­cher, als man glaubt“? Nach vier Mo­na­ten in Saint-An­ne be­schließt der Schrift­stel­ler, „mei­ne psych­ia­tri­sche Au­to­bio­gra­phie und mein Es­say über Yo­ga sind ein und das­sel­be Buch“, auch wenn er Er­fah­run­gen wie „un­er­zähl­ba­rer, un­be­schreib­ba­rer, un­be­nenn­ba­rer (…) uner­in­ner­ba­rer Hor­ror“ macht. Viel­leicht ist dies ein Grund, wes­halb er in die­sem höchst­in­ti­men Teil sei­nes Ro­mans, sei­ne Re­por­ta­ge-Re­cher­chen zu Sa­dam Hus­seins Blut-Ko­ran ein­flie­ßen lässt. Ähn­lich dis­pa­rat er­scheint der letz­te auf der grie­chi­schen In­sel Le­ros an­ge­sie­del­te Teil „Die Jungs“. Die Epi­so­de be­ruht auf Er­leb­tem und ist den­noch weit fik­ti­ver ge­stal­tet als die vor­an­ge­hen­den. Der auf ei­ner Nach­bar­in­sel ur­lau­ben­de Er­zäh­ler er­fährt von ei­ner His­to­ri­ke­rin, die auf Le­ros Schreib­kur­se für Flücht­lin­ge gibt. Er schließt sich ihr an und die bei­den un­ter­stüt­zen nicht nur ei­ne Hand­voll jun­ger Män­ner, son­dern sich ge­gen­sei­tig in ih­rer Hilf­lo­sig­keit, was Car­rè­re mit Iro­nie schildert.

Das Mit­tel der Iro­nie zieht sich durch das gan­ze Buch. Sei­ne bes­ten Mo­men­te hat es, wenn der Au­tor über sich selbst spot­tet, über sei­ne Idio­syn­kra­si­en als „la­bi­ler Nar­zisst“.

Man könn­te „Yo­ga“ vor­wer­fen, es sei ein nar­ziss­ti­scher Ro­man, und doch fin­den sich in ihm wei­se Sät­ze über das „in­ne­re Ge­plap­per“, das in der Me­di­ta­ti­on zur Ru­he kommt, über die Iro­nie als Re­me­di­um ge­gen die Trau­rig­keit, über die wah­re Lie­be und nicht zu­letzt über die Li­te­ra­tur als Ort von Wahr­heit und Lüge.

Emmanuel Carrère, Yoga, übers. v. Claudia Hamm, Matthes & Seitz 2022

Das Erbe der Voortrekker

Damon Galgut erzählt in „Das Versprechen” von der Last der kolonialen Vergangenheit

…die Fa­mi­lie Swart hat so gar nichts Be­son­de­res oder Be­mer­kens­wer­tes, o nein, sie gleicht der Fa­mi­lie von der Nach­bar­farm und der Nach­bar­farm der Nach­bar­farm, nur ein ge­wöhn­li­cher Hau­fen wei­ßer Süd­afri­ka­ner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur ein­mal dar­auf zu ach­ten, wie wir spre­chen. Wir klin­gen nicht an­ders als die an­de­ren Stim­men, wir klin­gen ganz ge­nau­so, und wir er­zäh­len die­sel­ben Ge­schich­ten, in ei­nem brei­igen Ak­zent, mit ge­köpf­ten Kon­so­nan­ten und ge­quetsch­ten Vo­ka­len. Un­se­re See­le ist ir­gend­wie ver­ros­tet, re­gen­fle­ckig und ver­beult, und das hört man un­se­rer Stim­me an.“

Wie im vor kur­zem hier be­spro­che­nen Ro­man von Ali­ne Val­an­gin spielt ein Haus ei­ne Rol­le. Kein pracht­vol­ler Pa­laz­zo, son­dern ei­ne rui­nö­se Hüt­te, ab­ge­le­gen auf dem weit­läu­fi­gen Ge­län­de ei­ner Farm au­ßer­halb Pre­to­ri­as. Dort lebt Sa­lo­me, das schwar­ze Haus­mäd­chen, die der Be­sit­zer „beim Kauf gra­tis da­zu­be­kom­men hat“. Auch wenn sie von den Swarts als In­ven­tar und kaum als In­di­vi­du­um be­trach­tet wird, spielt sie ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Fa­mi­li­en­gefü­ge. Sie hat die Kin­der An­ton, As­trid und Amor auf­ge­zo­gen und pfleg­te de­ren Mut­ter Ra­chel. Als die­se stirbt, nimmt Ra­chel ih­rem Mann das Ver­spre­chen ab, die Hüt­te in Sa­lo­mes Be­sitz zu ge­ben. Ein Wunsch, der we­gen der Apart­heid-Ge­set­ze nicht ver­wirk­licht wer­den kann.

Am Leit­mo­tiv des un­ein­ge­lös­ten Ver­spre­chens ver­folgt Da­mon Gal­gut das Le­ben der ein­zel­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der. Sie sind so dis­pa­rat, daß nur die To­des­fäl­le die Fi­gu­ren zu­sam­men­kom­men las­sen. Die­se Er­eig­nis­se, der Tod der Mut­ter, des Va­ters, der Toch­ter As­trid und des Sohns An­ton bil­den die vier Ka­pi­tel des Romans.

Im Jahr 1986, als das ers­te Ka­pi­tel ein­setzt, be­fin­det sich die Apart­heid in Auf­lö­sung. Über­all im Land kommt es zu Un­ru­hen. Die vom ri­gi­den Re­gime der Ras­sen­tren­nung dis­kri­mi­nier­te nicht­wei­ße Be­völ­ke­rung Süd­afri­kas setzt sich zur Wehr. Die Swarts neh­men le­dig­lich Ver­kehrs­be­hin­de­run­gen im be­nach­bar­ten Town­ship wahr, die sich an­bah­nen­de ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­rung passt nicht in das Welt­bild der Nach­kom­men ei­ner Burenfamilie.

Aus­beu­tung, Ver­trei­bung, Un­ter­drü­ckung, Ras­sis­mus und Kor­rup­ti­on, Miss­stän­de, die Süd­afri­ka bis heu­te pla­gen, sind die ei­gent­li­chen The­men die­ses Ro­mans. Der 1963 in Pre­to­ria ge­bo­re­ne, be­reits mit 17 als Au­tor in Er­schei­nung ge­tre­te­ne Gal­gut, ver­webt sie zu ei­ner Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die über drei Jahr­zehn­te trägt.

Für sein Er­zäh­len wählt er ei­ne li­te­ra­risch an­spruchs­vol­le Form, in der, was an­ge­sichts der The­men über­ra­schen mag, der Hu­mor nicht fehlt. Je­der sei­ner Fi­gu­ren ver­leiht er ei­ne Stim­me. Ein per­so­na­ler Er­zäh­ler, der bis­wei­len in die Ich-Form fällt, schil­dert die Ge­dan­ken und das Er­le­ben des Ein­zel­nen. Nicht nur die Haupt­fi­gu­ren kom­men auf die­se Wei­se zu Wort, auch zahl­rei­chen Ne­ben­fi­gu­ren, so­gar Tiere.

Die Per­spek­tiv­wech­sel voll­zie­hen sich schnell. Auf den ers­ten Sei­ten des Ro­mans sind sie noch mit Na­men mar­kiert. Im wei­te­ren Ver­lauf wei­sen nur Per­so­nal­pro­no­men auf den je­wei­li­gen Spre­cher hin. Manch­mal sind die Über­gän­ge flie­ßend. Gal­gut er­zeugt so ei­ne ge­woll­te Un­ein­deu­tig­keit zwi­schen zwei Er­zähl­stim­men, die zu­gleich zur Ver­bin­dung wird. Da denkt die Ex-Freun­din Amors über de­ren Selbst­auf­op­fe­rung nach und es folgt ei­ne Aus­sa­ge in der Ich-Per­spek­ti­ve, die so­wohl als Ant­wort Amors wie als Aus­sa­ge der im fol­gen­den Ab­schnitt auf­tre­ten­den As­trid ge­le­sen wer­den kann und zu­dem für bei­de Fi­gu­ren glei­cher­ma­ßen gilt.

Su­s­an hat recht, (…) ir­gend­et­was treibt Amor da­zu, das Leid zu su­chen, um es zu lindern.
(…)
Viel­leicht ist das der Grund. Viel­leicht will ich mich so bestrafen.
Doch kaum dass sie es aus­ge­spro­chen hat, weiß As­trid, dass es nicht wahr ist. Auf den Knien im Beicht­stuhl, zum ers­ten Mal seit ei­nem hal­ben Jahr, und sie hat die Ga­be ver­lo­ren, die Wahr­heit zu sagen.“

Ne­ben den Fi­gu­ren­stim­men kom­men­tiert ein aukt­o­ria­ler Er­zäh­ler das Ge­sche­hen, bis­wei­len in di­rek­ter An­spra­che an den Le­ser. „Und so wa­ren die ein­zi­gen bei­den Per­so­nen, die an Ra­chel Swarts Bett wach­ten, als de­ren Zeit ge­kom­men war, ihr Ehe­mann ali­as Pa oder Ma­nie und die klei­ne Schwar­ze, wie heißt sie noch gleich, Sa­lo­me, die aber, lo­gi­scher­wei­se, nicht zählt.“

Viel­leicht ist dies mit ein Grund, wes­halb Sa­lo­mes Stim­me nur ein ein­zi­ges Mal er­klingt? Sie spricht ein Ge­bet für Ra­chel, in des­sen Schluss­satz sie sich bei Gott für das Er­be be­dankt, auch dies ein In­diz für Gal­guts Humor.

Die­sen zeigt er be­reits bei den spre­chen­den Na­men sei­ner Fi­gu­ren. Al­len vor­an die Swarts, die als Vo­ortrek­ker-Nach­fah­ren doch bes­ser Weiß hei­ßen wür­den. Den ka­tho­li­schen Pries­ter tauft er Bat­ty, be­kloppt, den pro­tes­tan­ti­schen Sim­mer, was mit ver­schlif­fe­ner Aus­spra­che, der Sün­de, Sin­ner, sehr na­he­kommt. Bei­de Zu­schrei­bun­gen spie­geln sich im Cha­rak­ter der Geist­li­chen. Die wan­kel­mü­ti­ge As­trid darf sich seit ih­rer zwei­ten Ehe Moo­dy, lau­nisch, nen­nen.

Es gibt auch po­si­ti­ve Na­men wie Amor, De­si­rée und Sa­lo­me. Bei letz­te­rer mag man die Jün­ge­rin Je­su den­ken, die der Le­gen­de nach ei­ne Schwes­ter Ma­ri­as ge­we­sen sein soll.

Trotz die­ses mit der Bi­bel kon­no­tier­ten Na­mens kommt die Kir­che schlecht weg in die­sem Ro­man. Gal­gut kom­men­tiert ih­re ka­tho­li­schen wie auch ih­re nie­der­län­disch-re­for­mier­ten Ver­tre­ter und Ri­tua­le mit bei­ßen­dem Hu­mor. Ma­nies Tod nach dem Schlan­gen­biss ist das Er­geb­nis der fi­xen Idee des streng­gläu­bi­gen Rep­ti­li­en­farm­be­sit­zers. Er ziel­te auf den Re­kord im Zu­sam­men­le­ben mit ei­ner Schlan­ge. Je län­ger, um­so mehr Spen­den er­hoff­ten sich der Gläu­bi­ge und der Pries­ter, doch Sa­tan war da­ge­gen. Mit ih­rem Ver­hal­ten sind die Kir­chen­ver­tre­ter, aber auch eso­te­ri­sche Heils­brin­ger, ein Quell des meist sub­ti­len Spotts. Ein­zig Ju­den­tum und Is­lam, die eben­falls ei­ne, wenn auch klei­ne­re Rol­le spie­len, wer­den verschont.

Ei­ne Er­klä­rung bie­tet die Rol­le der evan­ge­li­schen wie ka­tho­li­schen Kir­che in der Mis­sio­nie­rung und Skla­ven­fra­ge. Do­mi­nee Sim­mers be­trach­tet die Apart­heid als von Gott ver­fügt, des­sen Wunsch sei es, „dass in an­de­ren Räu­men die Söh­ne und Töch­ter Hams zum Nut­zen und From­men ih­rer Her­ren und Her­rin­nen schuf­ten, Holz ha­cken, Was­ser schöp­fen und über­haupt den­je­ni­gen ein le­bens­wer­tes Le­ben be­rei­ten, die das schwe­re Joch der Füh­rung tragen.“

An­ge­sichts des­sen, amü­siert es um­so mehr, wen Gal­gut dem Pries­ter zur Un­zucht über­lässt. Dies mit der 2016 von Fran­zis­kus er­las­se­nen „Amo­ris la­e­ti­tia“ in Zu­sam­men­hang zu brin­gen, wä­re je­doch in­ter­pre­ta­to­risch überzogen.

Lie­ber Le­ser, du siehst ich hat­te auf vie­le Wei­sen Spaß mit die­sem Buch, das ich, auch wenn du ein gu­ter Christ sein soll­test, dir ans Herz le­ge. Zum ei­nen er­in­nert es an Vie­les, was man als blau­äu­gi­ger Eu­ro­pä­er viel­leicht ver­ges­sen hat, zum an­de­ren klärt es die wich­ti­ge Fra­ge: „Muss­te Je­sus je­mals aufs Klo?“

Da­mon Gal­gut wur­de für Das Ver­spre­chen“ 2021 mit dem Boo­ker Pri­ce ausgezeichnet.

Damon Galgut, Das Versprechen, übers. v. Thomas Moor, Luchterhand Verlag 2022

 

 

Keine Frau ihrer Zeit

Aline Valangin erzählt in „Casa Conti“ von Frauen im Tessin der Zwischenkriegszeit

Die Ca­sa Con­ti stand am An­fang ei­nes Dor­fes, al­lein, in­mit­ten ei­nes sanft an­stei­gen­den und in Ter­ras­sen ge­ord­ne­ten Ge­län­des, auf wel­chem zu­un­terst Re­ben, wei­ter oben Kar­tof­feln und ums Haus her­um Ge­mü­se und Blu­men wuch­sen. Zwei Rei­hen Pal­men säum­ten den brei­ten, ge­ra­den Trep­pen­weg vom gro­ßen Tor der Be­sit­zung bis zur obers­ten Platt­form. Links ne­ben dem Hau­se wa­ren klei­ne­re Ge­bäu­de, Stäl­le und Re­mi­sen zu­sam­men­ge­drängt, rechts da­von zog sich der Gar­ten ei­ner ho­hen Mau­er ent­lang, die ihn ge­gen Nor­den schütz­te, dem Obst­gar­ten zu, der wei­ter drü­ben in Wie­sen und klei­ne Äcker aus­lief. Das gan­ze An­we­sen war et­was ver­wahr­lost. (…) Doch tat das der Schön­heit und dem Stolz des Hau­ses we­nig Ab­bruch. Es stand mit di­cken Mau­ern wie für die Ewig­keit ge­schaf­fen da, schau­te et­was hoch­mü­tig aus sei­nen durch Ma­le­rei­en ver­zier­ten und er­höh­ten Fens­tern übers Land hin­aus, und das Wap­pen der Con­ti über der Haus­tü­re war frisch wie am ers­ten Tag.“

Das Cas­tel­lo ist Al­bas El­tern­haus, in das sie ge­zwun­gen durch die ge­schäft­li­che Mi­se­re ih­res Man­nes Vi­to aus Mai­land zu­rück­kehrt. Al­ba ist dar­auf an­ge­wie­sen, daß ihr Va­ter sie wie­der auf­nimmt. Der No­tar und Holz­händ­ler Giu­lio Mor­si­ni hat auf sei­ne al­ten Ta­ge nichts ge­gen die Ge­sell­schaft sei­ner äl­tes­ten Toch­ter ein­zu­wen­den. Küh­ler wird Al­ba von ih­rer Schwes­ter emp­fan­gen. Seit ih­rem letz­ten Wie­der­se­hen bei Li­set­tas Hoch­zeit vor zehn Jah­ren ist die­se ist nicht nur dick, son­dern Al­ba fremd ge­wor­den. Ein un­ehe­li­ches Kind brach­te Li­set­ta die un­glück­li­che Ehe mit dem Dorf­metz­ger Bur­ri ein. Der jäh­zor­ni­ge, pe­ni­bler Deutsch­schwei­zer ist über die Rück­kehr der Schwä­ge­rin we­nig er­freut. Er fürch­tet um die Ca­sa, die als künf­ti­ges Er­be längst ei­nem Schuld­ner ver­spro­chen ist. Da­mit nicht ge­nug an kon­flikt­träch­ti­gem Per­so­nal. Ne­ben Al­bas jun­ger Nich­te Ro­si­na taucht der at­trak­ti­ve Bru­no auf, des­sen Ver­hal­ten Ver­wir­rung stif­tet. Er ist der Sohn von Gio­van­ni Con­ti, wel­cher fa­mi­li­är mit der Ca­sa ver­bun­den und dem einst Al­ba ver­spro­chen war, bis die­se sich in Vi­to verliebte.

Die Ca­sa Con­ti, das re­prä­sen­ta­ti­ve wie re­no­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Cas­tel­lo in den Tes­si­ner Ber­gen, dient Ali­ne Val­an­gin in ih­rem gleich­na­mi­gen Ro­man nicht nur als bild­rei­che Ku­lis­se. Ih­re La­ge be­dingt das Ver­hal­ten der Fi­gu­ren, ih­re Ar­chi­tek­tur macht sie zum Ob­jekt der Be­gier­de. Da­zu kom­men ent­täusch­te Ehe­frau­en, geld­gie­ri­ge Män­ner, glück­los wie hoff­nungs­voll Lie­ben­de. Was nach ei­nem Hei­mat­ro­man vor idyl­li­schem Berg­pan­ora­ma klingt, ver­läuft je­doch un­er­war­tet. Er ent­puppt sich als psy­cho­lo­gi­scher Ro­man, in des­sen Mit­tel­punkt Frau­en im länd­li­chen Tes­sin der Zwi­schen­kriegs­zeit ste­hen. Die Hand­lungs­zeit des Ro­mans liegt fast ein Jahr­hun­dert zu­rück, sei­ne Ein­drück­lich­keit, sei­ne Sinn­lich­keit und Emo­tio­na­li­tät, die Val­an­gins Stil zum Aus­druck brin­gen, wir­ken im­mer noch.

Die 1889 bei Bern ge­bo­re­ne und fast hun­dert­jäh­rig 1986 in As­co­no ver­stor­be­ne Ali­ne Val­an­gin war mit den von ihr auf­ge­wor­fe­nen The­men ver­traut. Seit 1936 leb­te sie im Tes­sin, wo sie in Co­mo­lo­g­no im On­ser­no­ne-Tal den Pa­laz­zo del­la Bar­ca be­wohn­te, des­sen Ar­chi­tek­tur Vor­bild für die Ca­sa Con­ti war. Dort emp­fing die zwei­fach ver­hei­ra­te­te Schrift­stel­le­rin et­li­che Grö­ßen ih­rer Zeit, dar­un­ter Igna­zio Si­lo­ne, Kurt Tu­chol­sky, „Kei­ne Frau ih­rer Zeit“ wei­ter­le­sen

In Sorrent wird alles besser“

Andrea und Dirk Liesemer erzählen von Nietzsches „Neuanfang im Süden“

End­lich ent­fernt er sich vom Land und tritt die Rei­se auf See an, kann al­les Al­te hin­ter sich las­sen, sich ei­nem Schiff an­ver­trau­en, hat un­ter sich nur noch die Tie­fe des Mee­res. Wenn er dann an ei­nem an­de­ren Ort an­kommt, wird er den fes­ten Bo­den ei­ner an­ders­ar­ti­gen Welt be­tre­ten, um sein Le­ben von Neu­em zu be­gin­nen, sich an der Wei­te des süd­li­chen Him­mels erfreuen.”

An Ta­ge in Sor­rent, dem Ro­man von An­drea und Dirk Lie­se­mer, rei­zen mich der Hand­lungs­ort, den ich gut ken­ne, die Epo­che so­wie das Per­so­nal des Ro­mans. Al­len vor­an Fried­rich Nietz­sche, der sich noch jung, aber durch sei­ne Seh­schwä­che be­ein­träch­tigt, auf Ein­la­dung ei­ner Mä­ze­nin im süd­li­chen Sor­rent er­ho­len möch­te. Sei­ne Be­glei­ter, zwei jun­ge Aka­de­mi­ker, rei­sen als Un­ter­stüt­zer mit ihm und wer­den mit der Zeit zu Lei­dens­ge­nos­sen. Wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se, ist al­len ge­mein­sam das Lei­den an sich selbst.

Gleich zu Be­ginn des Ro­mans be­geg­nen wir Nietz­sche, dem das Au­toren­paar Lie­se­mer in per­so­na­ler Er­zähl­form na­he­kommt. Sei­ne Be­find­lich­kei­ten wäh­rend der be­schwer­li­chen Rei­se, sein Ha­dern mit dem In Sor­rent wird al­les bes­ser““ wei­ter­le­sen

Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re „Lie­be und Schmerz“ wei­ter­le­sen

Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn „Vom Ha­cken und Schrei­ben“ wei­ter­le­sen

Bilder, Blicke, Begegnungen in Tokio

In „Tage in Tokio“ hinterfragt Christoph Peters das westliche Japanideal

Wäh­rend Ku­me­ka­wa-san den Ta­xi­fah­rer be­zahlt, ste­he ich et­was ver­lo­ren auf der Stra­ße, ne­ben mir die bei­den Kof­fern, und schaue mich um. Ein Kon­glo­me­rat aus über Jahr­zehn­ten an­ge­sam­mel­ten Bil­dern ja­pa­ni­scher Le­bens­wel­ten schim­mert wie durch ei­ne Milch­glas­schei­be aus dem Hin­ter­kopf ins Be­wusst­sein. Mir däm­mert all­mäh­lich, dass ich das, was ich se­he, hö­re, rie­che, per­ma­nent mit ein­ge­la­ger­ten Vor­stel­lun­gen ab­glei­che und dem­entspre­chend in „ty­pisch“, „un­ge­wöhn­lich“ oder „er­staun­lich“ ein­tei­le. Zu­gleich führt mir das kla­re Licht des spä­ten Vor­mit­tags schlag­ar­tig vor Au­gen, dass jetzt nichts da­von mehr gilt und dass ich von dem, was ich bräuch­te, um mich si­cher und ele­gant durch die Stadt zu be­we­gen, nicht die ge­rings­te Ah­nung habe.“

Von ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Be­geg­nung zwi­schen Ja­pan und Deutsch­land er­zählt Chris­toph Pe­ters be­reits in sei­nem 2014 er­schie­nen Ro­man. Des­sen Ti­tel, Herr Ya­ma­s­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln, deu­tet an, daß man­ches ent­ge­gen den Er­war­tun­gen ver­läuft bei der Zu­sam­men­ar­beit des an Jan Koll­witz an­ge­lehn­ten Ke­ra­mik­künst­lers mit ei­nem ja­pa­ni­schen Ofen­bau­er in der nie­der­deut­schen Provinz.

Ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik, das tra­di­tio­nel­le Tee­ze­re­mo­ni­ell und Jan Koll­witz fin­den auch in Pe­ters neu­em Buch Ta­ge in To­kio Ein­gang. Die Er­leb­nis­se, Er­fah­run­gen und Ge­dan­ken des Au­tors als Rei­se­be­richt zu be­zeich­nen, wä­re zu kurz ge­grif­fen. Für Pe­ters, den die Lei­den­schaft für ja­pa­ni­sche Cha­wan der Mo­moy­a­ma-Zeit (1573–1603) seit über drei­ßig Jah­ren nicht los­lässt, ist es der ers­te Be­such in dem Land, über das er so viel ge­le­sen und ge­hört hat. Sei­ne Be­geg­nun­gen in Kunst, Kul­tur und All­tag über­ra­schen den Rei­sen­den und ver­lei­ten ihn zu phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen. Da­zwi­schen fin­det er im­mer wie­der den Weg zur Ke­ra­mik, sei­nem Spe­zi­al­su­jet, dem wir nicht nur in Ge­stalt der Unoha­na­ga­ki be­geg­nen, ei­ner zum Kunst-Na­tio­nal­schatz Ja­pans er­ho­be­nen Tee­scha­le, die Pe­ters in To­kio bewundert.

Doch zu­nächst muss er erst ein­mal an­kom­men. Schon die ers­ten Bli­cke auf das Land sei­ner Träu­me, wie man es wohl nen­nen darf, kon­fron­tie­ren den durch Lek­tü­re und Ge­sprä­che ge­lehr­ten Be­trach­ter mit der „Bil­der, Bli­cke, Be­geg­nun­gen in To­kio“ wei­ter­le­sen

Dunkelblumer Heimatsagen

In ihrem Roman „Dunkelblum“ erzählt Eva Menasse eine alte Geschichte auf neue Weise

In Dun­kel­blum ha­ben die Mau­ern Oh­ren, die Blü­ten in den Gär­ten ha­ben Au­gen, sie dre­hen ih­re Köpf­chen hier­hin und dort­hin, da­mit ih­nen nichts ent­geht, und das Gras re­gis­triert mit sei­nen Schnurr­haa­ren je­den Schritt. Die Men­schen ha­ben im­mer­zu ein Ge­spür. Die Vor­hän­ge im Ort be­we­gen sich wie von lei­sem Atem ge­trie­ben, ein und aus, le­bens­not­wen­dig. Je­des Mal, wenn Gott von oben in die­se Häu­ser schaut, als hät­ten sie gar kei­ne Dä­cher, wenn er hin­ein­blickt in die Pup­pen­häu­ser sei­nes Mo­dell­städt­chens, das er zu­sam­men mit dem Teu­fel ge­baut hat zur Mah­nung an al­le, dann sieht er in fast je­dem Haus wel­che, die an den Fens­tern hin­ter ih­ren Vor­hän­gen ste­hen und hinausspähen.“

In den ers­ten Sät­zen ih­res neu­en Ro­mans cha­rak­te­ri­siert Eva Men­as­se tref­fend die At­mo­sphä­re von „Dun­kel­blum“. Im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land liegt das fik­ti­ve „Mo­dell­städt­chen“, wel­ches die Au­torin mit sa­ta­ni­scher Schreiblust und gött­li­chem Dich­ter­geist ge­schaf­fen hat, qua­si in Personalunion.

His­to­risch grün­det ih­re Ge­schich­te auf dem Mas­sa­ker von Rech­nitz. In dem Ort wur­den in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 an die 200 Men­schen er­schos­sen, wäh­rend der Graf im Schloss mit der Na­zi­pro­mi­nenz fei­er­te. Die Über­res­te der Op­fer wur­den nie ge­fun­den. Die Tä­ter ent­gin­gen ih­rer Stra­fe dank ef­fi­zi­en­ter Lokalamnesie.

Das Ver­ges­sen oder bes­ser das Nicht­er­in­nern­wol­len herrscht auch in Dun­kel­blum. Der Ort, so Men­as­se in ei­nem In­ter­view, ste­he nicht al­lein für das ös­ter­rei­chi­sche Bur­gen­land, wo hun­der­te Zwangs­ar­bei­ter im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­zweif­lungs­pro­jekt „Süd­ost­wall“ zu To­de ge­schun­den wur­den, son­dern für al­le Or­te, wo die Un­ta­ten der Na­zi­herr­schaft ver­gra­ben und ver­ges­sen sind.

Der Ro­man spielt im Au­gust des Jah­res 1989 und doch scheint die Zeit seit Jahr­zehn­ten „im Grun­de ste­hen ge­blie­ben“, denn die al­ten Ge­sell­schafts- und Ge­sin­nungs­struk­tu­ren le­ben fort. Zwar sind die Ewig­gest­ri­gen „Dun­kel­blu­mer Hei­mat­sa­gen“ wei­ter­le­sen

Flug durch die Zitatenfülle

Hervé Le Tellier trifft in „Die Anomalie“ fast jeden Geschmack

Was ist die­ses Buch? Ein Sci­ence-Fic­tion-Ro­man, der die Erd­be­völ­ke­rung als Ho­lo­gramm ent­larvt? Ein Best­sel­ler, der mit ge­nia­lem Gen­re­mix den Main­stream­ge­schmack trifft? Oder ein Werk der Grup­pe OuLi­Po, de­ren Au­toren sich ex­pe­ri­men­tel­ler Li­te­ra­tur wid­men und bei­spiels­wei­se Ro­ma­ne oh­ne E ver­fas­sen? Viel­leicht ist „Die Ano­ma­lie“ al­les zu­sam­men. Der neue Ro­man von Her­vé Le Tel­lier wur­de 2020 mit dem Prix Gon­court aus­ge­zeich­net und seit sei­ner Über­set­zung durch Ro­my und Jür­gen Rit­te in Li­te­ra­tur­sen­dun­gen wie im Feuil­le­ton eher rauf als run­ter diskutiert.

Der In­halt lässt sich an sei­ner Kon­struk­ti­on kurz um­rei­ßen. In Teil Eins stellt Le Tel­lier die Fi­gu­ren vor, die ne­ben zahl­rei­chen wei­te­ren die Haupt­rol­len in sei­nem Ro­man spie­len. Die un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­re sind in­so­fern in­ter­es­sant, als sie un­ter­schied­li­che Le­ser­vor­lie­ben er­fül­len. Das Ge­schäft ei­nes kalt­blü­ti­gen Auf­trags­kil­lers reiht sich an ei­nen Auf­stieg durch Bil­dung und na­tür­lich darf auch die Lie­be nicht feh­len. Die­se tritt in üb­li­chen Va­ria­tio­nen auf. Die jun­ge, schö­ne, selbst­be­wuss­te, aber in schwie­ri­gen Um­stän­den le­ben­de Frau mit dem al­ten, we­ni­ger schö­nen, da­für wohl­ha­ben­den Mann gibt es eben­so wie die bei­den ver­kopf­ten Wis­sen­schaft­ler, die ih­re Ge­füh­le, vor al­lem die für­ein­an­der, noch ent­de­cken müs­sen. Al­le Prot­ago­nis­ten sind als Pas­sa­gie­re ei­nes Flug­zeugs oder als Wis­sen­schaft­ler von der Ano­ma­lie be­trof­fen, die sich als „Flug durch die Zi­ta­ten­fül­le“ wei­ter­le­sen

Ohne Skrupel und Skalpell

Irene Dische erzählt in Die militante Madonna von einem Ritter von variabler Gestalt

In mei­ner Zeit kann man die Men­schen schon al­lein an ih­ren Zäh­nen aus­ein­an­der­hal­ten. In ih­rer Zeit sind al­le Zäh­ne gleich, und die Schmin­ke wird mit ei­nem Chir­ur­gen­mes­ser auf­ge­tra­gen. Wenn Sie Ihr Los als Mann oder Frau nicht hin­neh­men, schnei­den Sie eben et­was ab oder nä­hen et­was dran. Al­le Sub­ti­li­tät wird ver­bannt. Al­le zar­ten oder stru­deln­den Un­ter­strö­mun­gen wer­den igno­riert. Und das nen­nen Sie „Fort­schritt“!“

Ire­ne Di­sches neu­em Ro­man liegt die Vi­ta ei­ner his­to­ri­schen Per­son zu Grun­de, die an­ders als es der Ti­tel „Die mi­li­tan­te Ma­don­na“ ver­mu­ten lässt, kei­ne Tu­gend­ge­stalt à la Jean D’Arc war. Nein, ei­ne Ma­don­na war der Che­va­lier d’Èon (1728–1810) nicht, eher ei­ne wehr­fä­hi­ge Mi­ner­va, als die er sich einst hat ma­len las­sen. Oder soll­te man bes­ser sa­gen, sie, denn Charles-Ge­neviè­ve-Lou­is-Au­gus­te-An­dré-Ti­mo­thée d’Éon de Be­au­mont wech­sel­te die Iden­ti­tä­ten von Che­va­lier und Che­va­liè­re. Bei­de Rol­len führ­ten ein be­weg­tes Le­ben, an dem ihr In­ha­ber uns Le­ser dank sei­nen Er­in­ne­run­gen teil­neh­men lässt. Di­sche be­dient sich ei­ner Quel­le, der post­hum er­schie­nen Au­to­bio­gra­phie, und formt dar­aus ei­nen Ent­hül­lungs­ro­man, der sehr ver­gnüg­lich zu le­sen ist.

Als „ers­ter Trans­ves­tit der Welt­ge­schich­te“ rühmt der Klap­pen­text den Ich-Er­zäh­ler, der sei­nen, ganz im Stil sei­ner Zeit ge­hal­te­nen Le­bens­be­richt, wie es sich ziemt, mit ei­nen „Vor­spruch“ be­ginnt. Die­ser wen­det sich an Le­ser, die in der zu­künf­ti­gen Mo­der­ne glau­ben, die Gen­der­de­bat­te „Oh­ne Skru­pel und Skal­pell“ wei­ter­le­sen