Flug durch die Zitatenfülle

Hervé Le Tellier trifft in „Die Anomalie“ fast jeden Geschmack

Was ist dieses Buch? Ein Science-Fiction-Roman, der die Erdbevölkerung als Hologramm entlarvt? Ein Bestseller, der mit genialem Genremix den Mainstreamgeschmack trifft? Oder ein Werk der Gruppe OuLiPo, deren Autoren sich experimenteller Literatur widmen und beispielsweise Romane ohne E verfassen? Vielleicht ist „Die Anomalie“ alles zusammen. Der neue Roman von Hervé Le Tellier wurde 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und seit seiner Übersetzung durch Romy und Jürgen Ritte in Literatursendungen wie im Feuilleton eher rauf als runter diskutiert.

Der Inhalt lässt sich an seiner Konstruktion kurz umreißen. In Teil Eins stellt Le Tellier die Figuren vor, die neben zahlreichen weiteren die Hauptrollen in seinem Roman spielen. Die unterschiedlichen Charaktere sind insofern interessant, als sie unterschiedliche Leservorlieben erfüllen. Das Geschäft eines kaltblütigen Auftragskillers reiht sich an einen Aufstieg durch Bildung und natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen. Diese tritt in üblichen Variationen auf. Die junge, schöne, selbstbewusste, aber in schwierigen Umständen lebende Frau mit dem alten, weniger schönen, dafür wohlhabenden Mann gibt es ebenso wie die beiden verkopften Wissenschaftler, die ihre Gefühle, vor allem die füreinander, noch entdecken müssen. Alle Protagonisten sind als Passagiere eines Flugzeugs oder als Wissenschaftler von der Anomalie betroffen, die sich als Wendepunkt ihres Lebens erweisen wird. Ein elektromagnetischer Wirbelsturm trifft im März 2021 eine Boeing auf ihrem Weg von Paris nach New York. Das Flugzeug übersteht die Turbulenz und landet unbeschadet. Doch drei Monate später, im Juni 2021, ist dasselbe Flugzeug mit denselben Passagieren auf derselben Route unterwegs, eine höchst unwahrscheinliche Konsequenz. Die Maschine mitsamt Menschen hat sich verdoppelt. Wie der Staat, die Sicherheitsbehörden und Medien zunächst damit umgehen, zeigt Le Tellier im zweiten Teil. Er schildert die politischen, philosophischen und psychologischen Maßnahmen der USA. Das FBI wird ebenso aufgefahren, wie Wissenschaftler, die vermeintlich planvoll und dennoch kopflos nach der Ursache suchen. Der Präsident spielt als „ein fetter Barsch mit blonder Perücke“ zum Amüsement der Leserinnen seine gewohnt tumbe Rolle. Im abschließenden dritten Romanteil treffen die pragmatisch als Marchs und Junes kategorisierten Doppelgänger aufeinander. Diese Menschen, die auch vor der Anomalie kein lineares Leben führten, sondern durch verschiedene Ebenen taumelten, stehen plötzlich vor der Manifestation ihres Alter Egos.

Dieser stark konstruierte Roman ist voller Zitate, ein Prinzip, das die OuLiPo’sche Selbst-Vorgabe des Autors sein mag. So verweist der Titel des zweite Romanteils, „Das Leben ist ein Traum, heißt es“ an das Hauptwerk des spanischen Dichters Pedro Calderón de la Barca. Der Roman scheint mit doppelbödigen Doppelgängern angefüllt. Literatur- und Filmkundige werden noch weitere schöne Blüten auf dieser Wiese pflücken. „Alle ruhigen Flüge sind einander ähnlich. Jeder turbulente Flug ist es auf seine Weise“ erkennt jeder als Verweis auf Anna Karenina, die Kenner Le Telliers denken auch an dessen Roman „All‘ die glücklichen Familien“. Noch knalliger zitiert er berühmte OuLiPoeten wie Italo Calvino mit „Wenn 243 Reisende in einer Winternacht“.

Das kann zur Lesefreude beitragen. Bei mir ließ diese im Verlauf des Romans merklich nach. Dem wie ein Episodenroman angelegte Beginn mit seinen unterschiedlichen Erzählperspektiven folgte ich gerne. Die Schilderungen des Umgangs mit dem außergewöhnlichen Vorkommnis, die Organisationsprobleme und techno-philosophischen Theorien verlangten allerdings längeren Atem. Im letzten Teil löste der Roman meine Erwartungen überhaupt nicht mehr ein. Die interessante Frage, wie gehen Menschen mit ihrer Verdoppelung um, bleibt an der Oberfläche. Le Tellier erzählt von Doppelgängern, nicht von einem duplizierten Ich mit identischen Träumen, Gefühlen, Wünschen und Unzulänglichkeiten. Die zeitliche Differenz von drei Monaten führt zu rein „biologischen“ Unterschieden — geschwängert, gestorben und „auferstanden“. Der Sohn der Alleinerziehenden ist plötzlich mit zwei Müttern gesegnet. Der Schriftsteller, der sich zwischen März und Juni tötet, fühlt sich lebendig wie nie. Der Killer löst das Problem mit gewohnten Mitteln. Das mag auf manchen amüsant wirken, mir erscheint es als Klischee. Wie es im Inneren seiner Figuren aussieht, lässt Tellier offen. So wirken die Verdoppelten leider nur wie zwei Schauspieler, die die gleiche Rolle spielen.

Hervé Le Tellier, Die Anomalie, übers. V. Romy u. Jürgen Ritte, Rowohlt 2020

Ohne Skrupel und Skalpell

Irene Dische erzählt in Die militante Madonna von einem Ritter von variabler Gestalt

In meiner Zeit kann man die Menschen schon allein an ihren Zähnen auseinanderhalten. In ihrer Zeit sind alle Zähne gleich, und die Schminke wird mit einem Chirurgenmesser aufgetragen. Wenn Sie Ihr Los als Mann oder Frau nicht hinnehmen, schneiden Sie eben etwas ab oder nähen etwas dran. Alle Subtilität wird verbannt. Alle zarten oder strudelnden Unterströmungen werden ignoriert. Und das nennen Sie „Fortschritt“!“

Irene Disches neuem Roman liegt die Vita einer historischen Person zu Grunde, die anders als es der Titel „Die militante Madonna“ vermuten lässt, keine Tugendgestalt à la Jean D’Arc war. Nein, eine Madonna war der Chevalier d’Èon (1728–1810) nicht, eher eine wehrfähige Minerva, als die er sich einst hat malen lassen. Oder sollte man besser sagen, sie, denn Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Timothée d’Éon de Beaumont wechselte die Identitäten von Chevalier und Chevalière. Beide Rollen führten ein bewegtes Leben, an dem ihr Inhaber uns Leser dank seinen Erinnerungen teilnehmen lässt. Dische bedient sich einer Quelle, der posthum erschienen Autobiographie, und formt daraus einen Enthüllungsroman, der sehr vergnüglich zu lesen ist.

Als „erster Transvestit der Weltgeschichte“ rühmt der Klappentext den Ich-Erzähler, der seinen, ganz im Stil seiner Zeit gehaltenen Lebensbericht, wie es sich ziemt, mit einen „Vorspruch“ beginnt. Dieser wendet sich an Leser, die in der zukünftigen Moderne glauben, die Genderdebatte erfunden zu haben. D’Èon will mit seiner Geschichte zeigen, wie er vor 250 Jahren ein liberales Leben führte, frei vom spießigen Wahne der korrekten Ausdrucksweise. „In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel.“  Den im Vorwort grob umrissenen Lebensstationen folgt der eigentliche Bericht. Unter Titeln „Wie ich mich in den Armen einer Ehe eines anderen erholte“ oder „Wie ein Brand in London meine Identität verriet“ erzählen episodenhafte Kapitel die Abenteuer ihres Helden.

Der selbstreflexive Lebensrückblick wirkt wie ein Schelmenroman, auch wenn der Chevalier beileibe kein ungebildeter Tropf ist. Oft gerät er in anscheinend ausweglose Situationen, aus denen ihn zufällige Bekanntschaften retten. Voll Satire charakterisiert er die Umstände und die Menschen, denen er begegnet, und wappnet sich so gegen die unweigerlich eintretenden Enttäuschungen. Mitunter ertappen wir ihn sogar bei einer echten Münchhausiade, zum Beispiel einem heldenhaften Ritt von Petersburg nach Versailles. Verletzt durch einen Sturz konnte er „den Gewaltritt noch weitere vier Tage fortsetzen, während mein gebrochenes Bein am Steigbügel baumelte und der blanke Schienbeinknochen herausstand und den Strumpf durchscheuerte“.

Die Mission erfüllte er im Dienst des französischen Königs Louis XV.. Als Diplomat in geheimem Auftrag, vulgo Spion, wechselte er nicht nur von Männer- in Frauenkleider, als Chevalier, der sich mit dem Degen duellierte, oder als Lea, der Vertraulichkeiten offenbart wurden. Er wechselte auch Aufenthalt und Loyalitäten. Der Provokateur und „Gassenjournalist“ Morande lehrte ihn Intrigen mit Intrigen zu begegnen. Gemeinsam mit de Beaumarchais ersannen sie einen Plan gegen den ungerechten König. Der Chevalier schreckte vor Erpressung nicht zurück und wandte sich als letztes Mittel an die Presse, ganz modern, wie er der Leserin gegenüber betont.

Die Amüsanz der Chevalier‘schen Abenteuer erzählt Irene Dische in ebenso amüsanter Sprache. Besonderes Vergnügen machen ihre ironischen Wortschöpfungen, die unsere Jetztzeit zu einem „bauchnabelbeschaulichen Jahrhundert“ degradieren und den französischen Botschafter zur Zeit des Chevaliers als „feistes Zipfelhirn“ entlarven. In ihren Worten klingen die Wahrnehmungen ihres Helden wie Weisheiten, die man so Manchem gerne ins Album schreiben möchte. „Aber das Alter schmückt einen Hengst nicht, Morande machte eine langsame Metamorphose durch, und mit fünfzig war er ein zahnloses Maultier.“ 

Am Ende der Lektüre fällt der Blick nochmals auf den Klappentext. War er nun ein „Transvestit“ dieser d’Èon? Sicher nicht der erste der Weltgeschichte, würde er antworten. Er ließ sich in seiner Identität nicht gerne festlegen, als Mensch einer revolutionären Epoche galt ihm seine Freiheit über alles, auch die des Gefühls und der Gestalt. Welche Konsequenzen dies hatte, davon erzählt Dische deutlich und klar.

Irene Dische, Die militante Madonna, übers. V. Ulrich Blumenbach, Hoffmann und Campe 2021

Die unsichtbare Begleiterin

Peter Stamm erzählt in seinem Roman „Das Archiv der Gefühle“ von einer Befreiung

Im Flur gleich neben dem Eingang unter der altertümlichen Garderobe steht ein großer Pappkarton mit leeren, graugelben Aktenmappen, die ich beim selben Großhändler beziehe, von dem auch das Pressehaus seine Mappen gekauft hatte. Ich nehme zwei heraus und beschrifte sie. Die Geräusche des Wassers und Die Geräusche der Vögel im Flug, und lege sie auf einen Stapel auf dem Schreibtisch, auf dem bestimmt schon ein Dutzend solcher beschrifteter, aber leerer Mappen liegt. Ich weiß nicht, wie ich sie füllen soll, ich habe immer nur gesammelt und sortiert, eingeordnet, was andere erlebt und aufgeschrieben hatten.“

Manchmal bin ich überrascht, wie sehr sich zwei aufeinander folgende Lektüren thematisch ähneln. Die von Daniel Wisser beschriebene große Liebe, die nach Jahrzehnten des klandestinen Sehnens endlich erfüllt wird, findet sich auch im neuen Roman von Peter Stamm, wenn auch in gänzlich anderer Ausführung.

Der Held und namenlose Ich-Erzähler ist im Gegensatz zu Wissers Victor Jarno ein in sich gekehrter Mensch. Äußere Belange, wie die politische Lage oder der Zustand der Gesellschaft, kümmern ihn nur als Meldungen, die zu archivieren sind. Als Archivar eines Pressehauses war er lange Jahre zuverlässig, aber ohne Ambitionen tätig, wie er im ersten Teil des Romans darlegt. In dieser Figurenexposition schildert Peter Stamm gleich zu Beginn eine Eigenart seines Helden, die sich auch als Eigenart des Romans beschreiben ließe. Der Erzähler ist so sehr in ungelebter Liebe an Franziska gefesselt, daß sie ihm immer wieder in einsamen Momenten erscheint. Von denen gibt es viele, seit der Archivar gekündigt wurde und seine Tage alleine verbringt. Die Arbeit, das Sortieren von Zeitungsmeldungen, erledigt er nach wie vor. Er hat sogar das gesamte Archiv in sein Haus übernommen. Sein Rückzug führte zur Trennung von Anita, einer Frau, der noch eine besondere Rolle zukommen wird. Der Einsiedler verlebt den Winter — es handelt sich um den Corona-Winter, der sowieso alle Kontakte eingefroren hat — eingekapselt zwischen den Zeitungen und Akten im Haus seiner Eltern. Diese leben schon lange nicht mehr, lassen aber ihre Präsenz in der unveränderten Atmosphäre spüren. Der vermeintlich sichere Ort hält den Helden in seinen Erinnerungen und Träumen von Franziska gefangen. Erst der Frühling lockt ihn nach draußen auf lange Spaziergänge und zum Schwimmen im See.

Peter Stamm schreibt seinem hyperintrospektivem Protagonisten Züge zu, die sich fast schon als autistisch bezeichnen ließen. Der Archivar ist nicht nur ein ordnungsliebender Listenführer, der menschenscheue Mann vermeidet auch zu große Nähe, emotionale wie körperliche. Als Kind zählte er zwanghaft Dinge, manchmal packte ihn der Jähzorn. „Unter Einsamkeit litt ich nur in Gegenwart anderer Menschen.“ Er liebt das Alleinsein, in Gesellschaft fühlt er sich fremd. Sein Anderssein ist ihm bewusst, er vergleicht es mit „angeborener Schmerzlosigkeit“ und glaubt, „diese Krankheit habe was mit mir zu tun“.

An die Vorstellung der Figur schließt sich ein nächtlicher Spaziergang zum See. Dort badet der Erzähler und verstrickt sich in den Fängen Franziskas, die ihn in die schwarzen Untiefen des Sees lockt. Die Nixenszene, der wir noch weitere Male begegnen werden, veranschaulicht seine Angst vor Gefühlen, vor Nähe, vor dem Vertrauen.

Die Nixe bleibt nicht das einzige Märchenmotiv in diesem Roman, in dem Stamm auch Motive aus eigenen Werken versteckt. So erinnert das einsame Gasthaus im Wald an seine Erzählung „Sommergäste“ oder der frühgeschichtliche Skelettfund am Seeufer an „Das schönste Kleid“.

Dem Zwischenstück folgt die Geschichte Franziskas. Wir erfahren von der Freundschaft zwischen ihr und dem Erzähler, die in der Schulzeit begann und auch nach dem Abitur nicht endete. Franziska macht eine Ausbildung im Krankenhaus, der Erzähler geht an die Universität. Er unterstützt sie bei ihren ersten Auftritten als Sängerin. Doch größere Annäherungen, die sich bei verschiedenen Gelegenheiten ergeben könnten, werden von beiden gescheut. Als aus Franziska die berühmte Schlagersängerin Fabienne wird, verliert sich der Kontakt.

Wir folgen der Geschichte ausschließlich in den Erinnerungen des Erzählers. Bisweilen meldet sich Franziska zu Wort. Ihre meist korrigierende Sicht wird in Einwürfen wiedergegeben. Diese sind kurz und anders als das Erzähltempus im Präsenz gehalten. Da die gesprochenen Sätze nicht als solche markiert sind, ist die Zuordnung uneindeutig. Lange bleibt es der Interpretation der Leserin überlassen, ob Franziska Zuhörerin ist oder eine Traumgestalt des Erzählers. Als er sie auf Seite 100 als „unsichtbare Begleiterin“ enttarnt, sind wir schon mitten im dritten Teil des Romans, der Kontaktaufnahme.

Dieser Hauptteil beginnt genau in der Hälfte des 188 Seiten umfassenden Buchs. In klarer und doch subtil gehaltener Konstruktion seines Romans bahnt Stamm nach der Exposition der beiden Hauptfiguren deren Aufeinandertreffen an. Das erwartete Ereignis lädt er durch drei Binnenerzählungen zusätzlich mit Spannung auf. Sie gelten den Frauen im Leben des Erzählers. Die Geschichte von der „Pariser Freundin“ platziert Stamm vor der Kontaktaufnahme. Die Beziehungen zu seiner Kollegin und zu Anita, von deren Ende der Leser bereits am Anfang erfährt, werden in der zweiten Romanhälfte erzählt. Die Verbindung zu Anita bildet eine wichtige Brücke im Zusammenkommen mit Franziska.

Ermöglicht wird dies jedoch erst durch die Entwicklung des Erzählers. Zwar fragt dieser sich schon zuvor, ob er nicht eher in das Gefühl verliebt sei als in Franziska, und fürchtet, „eine Beziehung hätte meiner Liebe nicht genügen können“. Doch jetzt gibt er seine Gewohnheiten auf, er liest keine Zeitungen und beendet das Archivieren. Seine alte Eifersucht auf den Fußballer, einen ehemaligen Geliebten Franziskas, löscht er, indem er dessen Akte wegwirft. Dies, so erkennt er schnell, funktioniert nicht bei allem Schlechten der Vergangenheit, doch von seinen persönlichen Fixierungen kann er sich auf diese Weise befreien. Er überwindet seine Passivität, von seinem Archiv bleiben nur die Blanco-Akten, die er künftig mit eigenen Erfahrungen füllen wird.

Peter Stamm spielt mit der trügerischen Authentizität des Erinnerns, die unser autobiographisches Gedächtnis zu einer kreativen Eigenerzählung macht. Er stellt seinem Erzähler eine Erscheinung an die Seite, die dessen Vergangenheitsinterpretation zurechtrückt. Erst im Verlauf seiner Selbstfindung identifiziert der Erzähler sie als eigenes Geschöpf.

Die Werke Peter Stamms zählen für mich zu den beeindruckendsten Werken der Zeitgenössischen Literatur. Stamm illustriert in präziser Sprache Innenwelten, die zwischen Emotionen und Erinnerungen, Realität und Traum changieren und eine surreale Atmosphäre erzeugen.

In „Das Archiv der Gefühle“ erzählt er in kunstvoll konstruierten Erzählebenen und mit psychologischem Gespür von einem Menschen, der sich durch die Zerstörung der vermeintlichen Ordnung befreit.

Peter Stamm, Das Archiv der Gefühle, S. Fischer Verlag 2021

A🏆ypse now”

Daniel Wisser schreibt in „Wir bleiben noch“ über das Schräge und das Schöne unserer Zeit

Victor wurde klar, dass er die Reaktion der Familie unterschätzt hatte. Doch er hatte auch seinen eigenen Widerstandsgeist unterschätzt. In dem Moment, in dem seine eigene Mutter ihm seine Kindheitsfotos aushändigte, weil sie dafür nach eigenen Worten keinen Platz mehr hatte, in dem Moment, in dem sie zusammen mit seiner Tante mit allen rechtlichen Mitteln gegen den Letzten Willen der eigenen Mutter vorging, begann Victor, sie und ihre ganze Generation zu verachten. Ihre Eltern hatten kämpfen müssen, damit die Kinder überlebten, damit sie zur Schule, zur Universität gehen und im Wohlstand leben konnten. Doch als die Generation von Victors Mutter und Tante Margarete in ihrer Jugend ihre Scheinideale ausgelebt hatte, wählte sie Rechtsparteien und forderte die Scheinmoral, die sie an ihren Eltern kritisiert hatte, neuerdings von ihren Nachkommen. Dabei sprach sie über ihre Jugend so wenig wie die Kriegsgeneration, der sie ihr Schweigen immer zum Vorwurf gemacht hatte. Sie hatte einen maximalen Gewinn aus dem wachsenden Wohlstand in ihrer Jugend, aus den Arbeitsbedingungen der 60er- bis 90er-Jahre und schließlich aus ihren Pensionen, von denen die Generation ihrer Kinder nur träumen konnte. Das Friedens- und Freiheitsgeschwätz, mit dem sie ihren Eltern und sich selbst auf die Nerven gefallen war, kümmerte sie nicht mehr. Die traditionellen Parteien, die ihnen ihren Wohlstand verschafft hatten, kümmerten sie nicht mehr. Sie waren Rechtspopulisten geworden, weil nun kein Platz mehr war. Eine träge, selbstgerechte, unmenschliche Generation.“

Wie würde Victor die neuesten politischen Entwicklungen in seinem Heimatland Österreich kommentieren? Überrascht vom Korruptionsverdacht gegen Kurz und Co wäre der überzeugte Sozialdemokrat wohl kaum. Dessen Sicht auf Politik und unsere westliche Gesellschaft würzt Wisser mit einer gehörigen Portion Ironie. Seinen Humor gab Wisser bereits in „Die Letten werden die Esten sein“ zu erkennen, eine Produktion seiner Band „Erstes Wiener Heimorgelorchester“ und er versieht ihn mit bitteren Anklängen in seinem neuen Roman „Wir bleiben noch“.

Die Lust an der sprachspielerischen Satire scheint etwas Österreichisches zu sein. Sie prägt die Literatur von Wolf Haas ebenso wie die von Michael Ziegelwagner. Es muss an der Luft oder am viel besungenen Wiener-Blut A🏆ypse now”“ weiterlesen

…als wäre das Ende der Welt da“

Charles Ferdinand Ramuz hat mit „Derborence“ ein Sprachkunstwerk in antiker Tradition erschaffen

Ah! Derborence, du warst so schön, du warst schön in jener Zeit, wenn du dich schmücktest von Ende Mai an, für die Männer, die kommen würden. Und sie ließen nicht warten; sobald du das Zeichen gabst, kamen sie.“

Charles Ferdinand Ramuz (1878–1947) gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Schweiz. 1936 erhielt er den Großen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, 2005 wurden seine Romane in die Bibliothèque de la Pléiade in Paris aufgenommen, sogar der Nobelpreis wurde für ihn gefordert.

Der vorliegende 1934 erschienene Roman Derborence lag bereits ein Jahr später in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Bergsturz auf Derborence“ vor.  Der Titel ist Programm. Die Alp Derborence, unterhalb des Bergmassivs Les Diablerets, liegt auf einer Höhe von annähernd 1500 Metern zwischen den Tälern der Rhone und des Wallis. In den Sommermonaten weideten die Talbewohner dort ihr Vieh. In den Dörfern zurück blieben nur die Frauen und die Alten. Am 23. Juni 1749 ereignete sich auf dieser von Felswänden eingekesselten Hochalp ein Bergsturz. Er begrub Lebewesen und …als wäre das Ende der Welt da““ weiterlesen

Die Jungfrau Maria von Sidcup

Clare Chambers unterhält in ihrem Roman „Kleine Freuden“ mit erwartbaren wie unerwarteten Wendungen

Kleine Freuden — die erste Zigarette des Tages, ein Glas Sherry vor dem Mittagessen am Sonntag, eine Tafel Schokolade, so aufgeteilt, dass sie eine Woche hielt, ein neu erschienenes Buch aus der Bibliothek, noch unberührt und makellos, die ersten Hyazinthen des Frühlings, ein sauber gefalteter Stapel Bügelwäsche, der Geruch des Sommers, der Garten im Schnee, ein Briefpapier-Spontankauf für ihre Schublade – das alles war belebend genug gewesen.“

Kleine Freuden, so der Titel von Chambers Roman, empfindet die Journalistin Jean ebenso, wenn sie in ihrer Kolumne die skurrilen Tipps der Leserinnen veröffentlicht. Jean lebt mit ihrer Mutter in Hayes nahe London und arbeitet als einzige weibliche Reporterin in der Redaktion des ansässigen Lokalblatts „The Kent Echo“. Im Jahr 1957, der Handlungszeit des Romans, sind die Rollen klar verteilt. Neben den Haushalts-Kolumnen fallen der Journalistin stets die weiblichen Themen zu, so auch als eines Tages ein besonderer Leserbrief die Zeitung erreicht.

Er stammt von Gretchen Tilbury und bezieht sich auf einen wenige Tage zuvor erschienenen Bericht über Parthenogenese bei Tieren. Die Leserin behauptet, sie sei ohne männliche Mitwirkung schwanger geworden. Sollte sich „Die Jungfrau Maria von Sidcup“ weiterlesen

Exempla docent

In „Die Schlange im Wolfspelz“ legt Michael Maar die sprachlichen Lebensadern der Literatur frei

Wenn wir uns lesend treiben lassen (…) dann immer in der Hoffnung, man komme, exempla docent, dem Geheimnis des Stils und der großen Literatur nur durch Beispiele nah.“

Der gleichsam belesene wie wortgewandte Michael Maar versucht in seinem neuen Buch dem „Geheimnis großer Literatur“ mehr als auf die Spur zu kommen. Als Proustkenner leuchtet er mir schon lange den Weg und auch als Romancier ist er nicht unbekannt, um nicht zuerst auf seine Verwandtschaft mit einem gewissen gepunkteten Wesen zu verweisen. Mit „Die Schlange im Wolfspelz“ legt Maar nun eine vergnüglich zu lesende Betrachtung der deutschen Literatur vor. So wie Vergil Dante durch die Wälder und Windungen der Unterwelt bis fast ans Licht führt – die letzte Etappe übernimmt bekanntlich Beatrice –, führt Maar seine Leser zunächst in sein Sprach- und Stilverständnis ein und später durch seine Bibliothek. Manche bisher unbekannten Titel wird man nach der Lektüre lesen wollen, dank der Vorbereitung auch ohne jede Beatrice.

Im ersten Teil der Stilkunde fragt Maar nicht, was gut geschrieben ist. Was gefällt, könne nur ein Geschmacksurteil sein und das hatte schon bei Kant keinen Bestand: „Denn jeder ästhetisch von etwas Überzeugte sinnt an, sein subjektives Geschmacksurteil als allgemeingültig zu akzeptieren.“ Jeder, der mit anderen über Literatur diskutiert „Exempla docent“ weiterlesen

Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schicksal gewollt und es hat keinen anderen Weg gegeben.“

Auch der aktuelle Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev behandelt die politischen wie religiösen Gegensätze ihres Heimatlandes. Sie schüren die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, Aufklärung und orthodoxem Glauben, Besatzern und Besetzten sowie die Kluft zwischen Mann und Frau. Ist dies alles unabwendbares „Schicksal“, wie der Titel des Romans insinuiert?

Schicksalhaft verbunden schildert Shalev das Leben, man könnte auch sagen das Leiden, ihrer Protagonistinnen Rachel und Atara, deren personale Erzählstimmen in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen. Da ist zum einen die betagte Rachel, deren Geschichte in die Anfänge des modernen Israels führt. Sie erzählt, was sie als junge Frau bei den Lechi erlebte, einer Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die „Das Leiden der Sündenböcke“ weiterlesen

Zwischen Fakt und Interpretation

Ulrike Sprenger bietet in „Das Proust-ABC“ einen kompakten und anregenden Zugang zu Prousts Roman

Die Lektüre erscheint als ein Vorgang, bei dem nicht die Welt reproduziert wird, die der Autor sich beim Schreiben vorgestellt hat, sondern bei dem der Leser den Text zum Anlass nimmt, sich daraus assoziativ eine eigene subjektive Welt zu bauen.“

Jede Proust-Lektüre wird von Hilfsmitteln begleitet. Diese bestehen primär aus den Kommentaren der Übersetzungen, daneben aus den Quellen, den Briefen und weiteren Werken Prousts. Zudem kann die Leserin zahllose Werke der Sekundärliteratur befragen oder gar in andere Romane über den Roman eintauchen. Bücher über Proust und sein Werk bilden einen reizvollen Kosmos, in den man sich gerne verliert. Wer allerdings die Lektüre der Recherche nicht all‘ zu lange unterbrechen will, ist für knapp gehaltene Auskünfte dankbar.

Solche bietet „Das Marcel-Proust-Lexikon“ von Philippe Michel-Thiriet, das 1992 bei Suhrkamp erschien. Thematisch geordnet verbindet es Biographisches, wie Lebenslauf, Familie und Beziehungen Prousts, mit fiktionalen Personen, Orten und Themen seines Werks.

Einen ähnlich kompakten und doch anderen Zugang legt Ulrike Sprenger in „Das Proust-ABC“ vor. Das 1997 von Reclam herausgegebene Werk liegt in einer aktualisierten Neuausgabe vor. Alexander Kluge verortet im Vorwort ganz pandämie-aktuell Sprengers Gegenstand in unsere Zeit. Er verweist auf Prousts selbstgewählte Quarantäne und erinnert an die Bemühungen von Adrien Proust „Zwischen Fakt und Interpretation“ weiterlesen

Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild längere Geschichten schwierig findet. Sprache scheint seine Instinkte zu verwirren, sie erschwert das blind Verstehen, das Finden, darüber hinaus fehlt ihm die Geduld, er hat keine Nerven für eine längere Geschichte, letztlich hat er vielleicht schlicht keine Lust. Aber er hat den Blick für das Wesentliche, er kann auf den Punkt kommen.“

Diese Aussage der Ich-Erzählerin in Judith Hermanns neuem Roman klingt wie das Konzept der Autorin. Daheim ist wie schon ihre vorigen Bücher ein Roman der kurzen Strecke. Auf knapp zweihundert Seiten erzählt er eine Geschichte, deren seltsam sedierte Stimmung sich in der Sprache spiegelt. Hier schlagen Sätze keine Kapriolen, sondern kommen in karger Notwendigkeit daher. Die sprachliche Lakonie entlarvt erschreckend kluge Ansichten über die Beziehungen zwischen Menschen, darin liegt die Kunst.

Die Erinnerungen der unzuverlässigen Ich-Erzählerin, „möglicherweise träume ich und habe alles nur geträumt“, stehen am Anfang. Sie blickt zurück auf ihr Leben in einer kleinen Wohnung an der Ausfallstraße und der Arbeit in der Zigarettenfabrik. Eines Tages unterbricht ein abenteuerliches Angebot die „Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus“ weiterlesen