In Sorrent wird alles besser“

Andrea und Dirk Liesemer erzählen von Nietzsches „Neuanfang im Süden“

End­lich ent­fernt er sich vom Land und tritt die Rei­se auf See an, kann al­les Al­te hin­ter sich las­sen, sich ei­nem Schiff an­ver­trau­en, hat un­ter sich nur noch die Tie­fe des Mee­res. Wenn er dann an ei­nem an­de­ren Ort an­kommt, wird er den fes­ten Bo­den ei­ner an­ders­ar­ti­gen Welt be­tre­ten, um sein Le­ben von Neu­em zu be­gin­nen, sich an der Wei­te des süd­li­chen Him­mels erfreuen.”

An Ta­ge in Sor­rent, dem Ro­man von An­drea und Dirk Lie­se­mer, rei­zen mich der Hand­lungs­ort, den ich gut ken­ne, die Epo­che so­wie das Per­so­nal des Ro­mans. Al­len vor­an Fried­rich Nietz­sche, der sich noch jung, aber durch sei­ne Seh­schwä­che be­ein­träch­tigt, auf Ein­la­dung ei­ner Mä­ze­nin im süd­li­chen Sor­rent er­ho­len möch­te. Sei­ne Be­glei­ter, zwei jun­ge Aka­de­mi­ker, rei­sen als Un­ter­stüt­zer mit ihm und wer­den mit der Zeit zu Lei­dens­ge­nos­sen. Wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se, ist al­len ge­mein­sam das Lei­den an sich selbst.

Gleich zu Be­ginn des Ro­mans be­geg­nen wir Nietz­sche, dem das Au­toren­paar Lie­se­mer in per­so­na­ler Er­zähl­form na­he­kommt. Sei­ne Be­find­lich­kei­ten wäh­rend der be­schwer­li­chen Rei­se, sein Ha­dern mit dem un­pünkt­li­chen Be­glei­ter, sei­ne Angst vor ei­nem er­neu­ten An­fall zei­gen zu­nächst den Men­schen Nietz­sche, be­vor wir von sei­nen Ideen erfahren.

Die Li­te­ra­tur von und über Nietz­sche füllt Bi­blio­the­ken. So wun­der­te es nicht, daß auch sein Sor­rent-Auf­ent­halt durch Pao­lo D‘Iorio un­längst ins wis­sen­schaft­li­che In­ter­es­se rück­te. Aus­ge­wähl­te Wer­ke der Se­kun­där­li­te­ra­tur, Quel­len aus der Hand Nietz­sches und der sei­ner Be­glei­ter dien­ten den Au­toren, wie ei­ne Li­te­ra­tur­lis­te im An­hang zeigt, als Ba­sis für den Ro­man. Re­cher­chen vor Ort, aber auch, wie das Duo in ei­nem In­ter­view be­tont, An­drea Lie­se­mers ei­ge­nes Au­gen­lei­den be­rei­chern den fik­tio­na­len Text durch At­mo­sphä­re und Em­pa­thie und ma­chen die his­to­ri­sche Epi­so­de lebendig.

Sie be­ginnt im Ok­to­ber 1876. Mal­wi­da von Mey­sen­bug, die italo­phi­le im Kul­tur­be­trieb ih­rer Zeit gut ver­netz­te Sa­lo­niè­re, zieht es nach Sor­rent. Sie lädt Fried­rich Nietz­sche ein, der sei­nen Stu­den­ten Al­bert Bren­ner und sei­nen Freund Paul Rée mit­bringt. Nietz­sche und der tu­ber­ku­lo­se­kran­ke Bren­ner sol­len sich im Sü­den er­ho­len. Der Phi­lo­soph Rée ist der Uni­ver­si­tät über­drüs­sig und will sei­ne Zu­kunft über­den­ken. Mal­wi­da von Mey­sen­bug träumt, wie so man­che in ih­rer Zeit, von der Grün­dung ei­ner phi­lo­so­phi­schen Schu­le, die sie nach Vor­bild der Stoa als Grie­chi­sche Aka­de­mie be­zeich­net. Die drei jun­gen Män­ner, die sie eben­so lie­be­voll wie be­sitz­ergrei­fend als ih­re Söh­ne be­zeich­net, schei­nen idea­le Mit­glie­der zu sein.

Der An­kunft in der Vil­la Ru­bi­nac­ci fol­gen hei­te­re Ta­ge. Die Rei­sen­den er­kun­den den Ort, durch­strei­fen ein­zeln oder ge­mein­sam sei­ne Stra­ßen und Plät­zen, ge­nie­ßen auf den klei­nen, von Fel­sen be­grenz­ten Strand­stü­cken die Son­ne und das Meer. Kon­takt mit der hei­mi­schen Be­völ­ke­rung oder an­de­ren Rei­sen­den gibt es kaum, bis auf die Be­su­che bei den Wag­ners, mit de­nen so­wohl Mal­wi­da wie auch Nietz­sche be­freun­det sind und die im no­blen Grand­ho­tel Vit­to­ria re­si­die­ren. Wäh­rend Mal­wi­da hofft, daß auch Paul und Al­bert in die­sen Kreis auf­ge­nom­men wer­den, ent­frem­det sich Nietz­sche von Wag­ner. Des­sen zu­neh­mend na­tio­na­lis­ti­sche Ein­stel­lung, die er mit sei­ner Frau Co­si­ma teilt, zeigt sich in ab­fäl­li­gen Be­mer­kun­gen über Paul Rée, der jü­di­sche Vor­fah­ren hat. Nietz­sche ent­zieht sich den Zu­sam­men­künf­ten, we­ni­ge Ta­ge spä­ter rei­sen die Wag­ners ab. So blei­ben die drei Män­ner mit ih­rer müt­ter­li­chen Für­sor­ge­rin und dem Haus­mäd­chen Tri­na al­lein. Man liest, schreibt, dis­ku­tiert, geht spa­zie­ren und macht, wenn es das Be­fin­den er­laubt, Aus­flü­ge nach Ca­pri, Nea­pel und Pom­pe­ji. Dies al­les wird be­sucht und wie­der­um auch nicht. So hät­te ich über die Be­sich­ti­gung der Rui­nen von Pom­pe­ji ger­ne mehr ge­le­sen. Die Be­schrei­bun­gen wid­men sich mehr dem Strei­fen durch die Obst- und Oli­ven­gär­ten ent­lang der schat­ten­spen­den­den Mau­ern und den Bli­cken auf steil ab­fal­len­de Fels­schluch­ten. Die­se Er­kun­dun­gen, die wir häu­fig in Per­son des jun­gen Bren­ners er­le­ben, spie­geln sich im In­ne­ren der Fi­gur. Sie las­sen den schwär­me­ri­schen Geist spü­ren, der nicht nur den jun­gen Bren­ner in­fi­ziert hat. Auch Nietz­sche und Rée fol­gen nur zu ger­ne den Ideen der idea­lis­ti­schen Mal­wi­da, die die Frei­geis­ter auf ih­re Bah­nen len­ken will. Das muss schief gehen.

Von den durch in­ne­re wie äu­ße­re Um­stän­de ent­täusch­ten Träu­men er­zäh­len die Au­toren in ho­hem, ge­tra­ge­nen Ton. Dar­in zeich­nen sie die at­mo­sphä­ri­schen Land­schafts­bil­der eben­so, wie die ein­fühl­sa­men In­tro­spek­tio­nen. In die Na­tur­er­leb­nis­se bet­ten sie Traum­se­quen­zen, was wie ein tie­fen­psy­cho­lo­gi­sches Ein­tau­chen in in­ne­re Zu­stän­de wirkt. Da­zu zäh­len auch Ge­räu­sche, „Es dau­ert, bis er be­merkt, dass sie aus sei­nem In­ners­ten her­vor­drin­gen. Es sind die dis­so­nan­ten Tö­ne ei­ner über­wun­den ge­glaub­ten Ver­gan­gen­heit, di­ri­giert von ei­nem Mann, der wie aus dem Nichts her­aus vor ihm steht, ei­tel, run­ze­lig, gno­men­haft. Wie pe­ne­trant die­ser Al­te den Neu­an­fang stört.“ Freud lässt grü­ßen, oder in die­sem Fal­le eher Wag­ner. Die­se Ein­bli­cke sind kei­nes­falls rei­ne Spe­ku­la­ti­on, vie­le Ge­dan­ken Nietz­sches sind in den Ro­man ein­ge­flos­sen und als Zi­ta­te kur­siv hervorgehoben.

Psy­cho­lo­gi­sches Er­zähl­ge­schick zeigt sich auch im Auf­bau des Ro­mans. Per­so­na­les Er­zäh­len er­laubt in­ti­me Ein­bli­cke in die Ein­stel­lun­gen der Fi­gu­ren, es wird un­ter­bro­chen durch dia­log­rei­che, le­ben­di­ge Sze­nen. Auf die­se Wei­se ma­chen An­drea und Dirk Lie­se­mer die his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten zu nah­ba­ren Men­schen. Manch­mal ir­ri­tiert der Wech­sel von ho­hem Ton zu ein­fa­chen Tä­tig­kei­ten. So wäscht sich Mal­wi­da von Mey­sen­bug vor ih­rer Ab­rei­se nach Sor­rent, erst „ei­nem Ri­tu­al gleich (…) die Mo­na­te des War­tens vom Leib“ und schlüpft ins „fei­er­lich auf dem Stuhl be­reit ge­leg­te Kleid“. Es folgt, „Sie schmiert ein paar But­ter­bro­te für die lan­ge Fahrt“. Auch das Le­ben ei­ner gro­ßen Idea­lis­tin ist eben manch­mal ein­fach banal.

Der Ro­man schließt mit ei­nem Epi­log, der das wei­te­re Schick­sal sei­ner Prot­ago­nis­ten skiz­ziert. Fried­rich Nietz­sche kehr­te aus Sor­rent zu­rück, mit dem fes­ten Vor­satz, sich „gut, aber reich“ zu ver­hei­ra­ten. Be­kann­ter­ma­ßen wur­de dar­aus nichts. Lou von Sa­lomé kam da­zwi­schen und ent­zwei­te Nietz­sche und Rée, wo­von ein Ro­man Ir­vin Da­vid Yaloms erzählt.

Andrea und Dirk Liesemer, Tage in Sorrent, mare Verlag 2022

Wer­ke, die in Sor­rent ent­stan­den oder be­gon­nen wur­den oder die Epi­so­de erwähnen:

Paul Rée, Der Ur­sprung der mo­ra­li­schen Emp­fin­dun­gen, Schmeit­zner, Chem­nitz 1877.

Fried­rich Nietz­sche, Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches – ein Buch für freie Geis­ter, 1878–1880.

Mal­wi­da von Mey­sen­bug, Der Le­bens­abend ei­ner Idea­lis­tin. Nach­trag zu den Me­mo­ri­en ei­ner Idea­lis­tin, Schuster&Loefer, Berlin/Leipzig 1899.

Al­bert Bren­ner (un­ter dem Pseud­onym Al­bert Nil­son), Das flam­men­de Herz, in: Deut­sche Rund­schau, 3/10 (1877), S. 1–11.

 

Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re Schwie­rig­kei­ten schil­dert Itō mit Iro­nie. Sie ist ein Merk­mal ih­res Ro­mans, der zeigt, daß die Hel­din Hi­ro­mi sehr viel mit der Schrift­stel­le­rin Itō zu tun hat. Doch es han­delt sich bei „Dorn­aus­zie­her“ nicht um ein Werk aus der Ka­te­go­rie Me­moi­re. Da­zu kom­po­niert die als Ly­ri­ke­rin in Ja­pan be­kann­te Itō den Text viel zu kunst­voll mit poe­ti­schem Po­ten­ti­al. Die Dich­te­rin, die sich ger­ne ja­pa­ni­schen My­then wid­met, die sie ins heu­ti­ge Ja­pa­nisch trans­fe­riert, nutzt nicht nur ly­ri­sche Stil­ele­men­te und ei­ne poe­ti­sche Spra­che, son­dern eben­so die auch gra­phisch un­ter­schied­li­chen  For­men der ja­pa­ni­schen Schrift. Das ist in der deut­schen Über­set­zung kaum dar­stell­bar, wie die Ja­pa­no­lo­gin und Über­set­ze­rin Ir­me­la Hi­ji­ya-Kir­sch­ne­r­eit in ih­rem er­hel­len­den Nach­wort darlegt.

Mit der­art viel­fäl­ti­gen Mit­teln er­zählt Itō vom eben­so viel­fäl­ti­gen wie dis­pa­ra­tem Le­ben ih­rer Prot­ago­nis­tin. Mit ih­rem Ehe­mann, von dem sie nicht nur ei­ne Ge­nera­ti­on, son­dern auch die Her­kunft un­ter­schei­det, lebt sie ge­mein­sam mit der jüngs­ten ih­rer drei Töch­ter in Ka­li­for­ni­en. Oft be­sucht sie die El­tern in Ja­pan. Die Rei­sen neh­men zu je äl­ter Mut­ter und Va­ter wer­den. Schließ­lich ver­bringt Hi­ro­mi so vie­le Wo­chen dort, daß ih­re Toch­ter die ja­pa­ni­sche Schu­le be­su­chen kann. Als die Mut­ter stirbt, wird das Ein­zel­kind Hi­ro­mi zur ein­zi­gen Be­zugs­per­son des Va­ters, des­sen Ein­sam­keit vom Pfle­ge­dienst und ei­nem win­zi­gen Hünd­chen ge­lin­dert wird.

Die The­men in Itōs Ro­man wer­den vie­len Le­sern ver­traut sein. Sie sind uni­ver­sell, kul­tur­über­grei­fend, mensch­lich. Sie han­deln von fa­mi­liä­ren Be­zie­hun­gen, von Lie­be, aber auch von Ab­hän­gig­keit und Ver­ant­wor­tung. Aus der Per­spek­ti­ve ei­ner Frau um die Sech­zig er­zählt sie von den al­ten El­tern, die ge­gen ih­re Hilf­lo­sig­keit eben­so an­kämp­fen wie die Hel­fen­de selbst. Von Töch­tern, die in un­ter­schied­li­cher Wei­se ih­rer Un­ter­stüt­zung be­dür­fen. Von Lie­be und Wut, der gan­zen Viel­zahl am­bi­va­len­ter Ge­füh­le in ih­rer Part­ner­schaft, de­ren Psy­cho­lo­gie sie zu ver­ste­hen ver­sucht. Itō, die auch als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin ar­bei­tet, hat mit „Dorn­aus­zie­her“ ei­nen psy­cho­lo­gi­schen Ro­man ge­schaf­fen. Sie schil­dert Stell­ver­tre­ter-Funk­tio­nen, sei­en es der Ta­lis­man aus Su­ga­mo oder der die Kinds­rol­le ein­neh­men­de Spat­zen­hund der El­tern. Die wei­se De­menz der Mut­ter fin­det im Ro­man eben­so Platz, wie die Al­ters­ver­zweif­lung des Va­ters. Das Ge­spräch mit der al­tern­den Dich­te­rin, die fast wie ein künf­ti­ges Spie­gel­bild Hi­ro­mis wirkt, wid­met sich dem Tod.

Bei al­lem bleibt der Aus­gangs­punkt ih­rer Über­le­gun­gen stets ihr Selbst­bild als Frau, das sie ge­gen je­de Fremd­be­stim­mung zu ver­tei­di­gen sucht. Oft ver­geb­lich, des­sen ist sie sich be­wusst. Emo­tio­na­le Ab­hän­gig­kei­ten und in­ter­kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen sind die Ur­sa­chen, eben­so die sich ver­än­dern­den Kör­per­lich­kei­ten. Se­xua­li­tät, Ver­fall und Tod schil­dert Itō di­rekt und dras­tisch. Sie schreckt vor kei­nem Feucht­ge­biet zu­rück, so daß ich mich zu­wei­len fast an je­nes Skan­dal­buch er­in­nert hät­te, wä­re die Mach­art von „Dorn­aus­zie­her“ nicht gänz­lich anders.

Ne­ben der Stim­me der frei­mü­ti­gen Er­zäh­le­rin Hi­ro­mi, fin­den sich amü­san­te und ver­trau­li­che Dia­lo­ge. Zu­sätz­lich bin­det Itō Stim­men und Mo­ti­ve aus Wer­ken der ja­pa­ni­schen My­tho­lo­gie aber auch der Welt­li­te­ra­tur ein, die sie am En­de je­des Ka­pi­tels auf­führt. Auf­fal­lend sind die Wie­der­ho­lun­gen von Sät­zen und Pas­sa­gen, ein „rhyth­misch und klang­vol­les Wie­der­auf­grei­fen sprach­li­cher Wen­dun­gen und For­meln bis sich al­les zur ly­ri­schen Aus­sa­ge hin ver­dich­tet“, wie Ir­me­la Hi­ji­ya-Kir­scher­ne­reit analysiert.

Soll­te man das Nach­wort vor dem Ro­man le­sen, frag­te ei­ne Freun­din, der ich be­geis­tert von dem Buch be­rich­te­te. Nein, denn der le­ben­di­ge Er­zähl­stil und die emo­tio­na­len Schil­de­run­gen Itōs ma­chen den Ro­man auch oh­ne je­des Hin­ter­grund­wis­sen zu ei­ner un­ter­halt­sa­men wie er­hel­len­den Lek­tü­re. Das Nach­wort und die An­mer­kun­gen der Über­set­ze­rin ver­tie­fen sie.

Itō Hiromi, Dornauszieher. Der fabelhafte Jizō von Sugamo, übersetzt und mit einem Nachwort versehen v. Irmela Hijiya-Kirschernereit, Matthes & Seitz 2021

Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn Beat Ster­chis Buch war­tet. „Ein Som­mer in mei­nem Gar­ten“ will be­spro­chen wer­den. „Ca­pri­cho“ liegt schon län­ger hier, ge­le­sen und im Li­te­ra­tur­kreis dis­ku­tiert, wo es fast al­len ge­fal­len hat. Auch mir. Bald kann ich raus, in den Gar­ten. Beat Ster­chi ging zu­erst in den Gar­ten, dann an den Schreib­tisch. Dort ver­such­te er ver­geb­lich sei­nen Text vor­an­zu­brin­gen. Al­so ma­che ich es lie­ber umgekehrt.

Ster­chis Gar­ten liegt im Sü­den Ka­ta­lo­ni­ens, da muss ge­gos­sen wer­den und we­gen der Hit­ze ist das Ha­cken in der Früh an­ge­neh­mer. Es dient, wie ich ges­tern im Ra­dio von ei­ner Gar­ten­fach­frau hör­te, dem Auf­bre­chen der Ka­pil­la­re. So ver­duns­tet das Was­ser we­ni­ger und kann bes­ser auf­ge­nom­men wer­den. Ster­chis spa­ni­sche Nach­barn wis­sen das seit Jahr und Tag. Al­le ha­ben ei­nen Hu­er­to, ei­ne klei­ne Par­zel­le am Dorf­rand, wo sie Ge­mü­se züch­ten, vor al­lem Kar­tof­feln. Die klei­nen Kar­tof­feln, die mit Oli­ven­öl, Kräu­tern und Salz so gut schme­cken, die sol­len auch in sei­nem Hu­er­to wach­sen. Ster­chi schil­dert sei­ne Mü­hen, die von den Dorf­ge­nos­sen be­ob­ach­tet und mit ma­li­zi­ös ge­lä­chel­ten Rat­schlä­gen be­glei­tet werden.

Doch ist dies nur ein Buch über Kar­tof­fel­an­bau? Schil­dert Ster­chi nur ei­nen Som­mer in sei­nem Gar­ten? Nein, er er­lebt sei­ne pro­duk­ti­ve Pro­kras­ti­na­ti­on als ein Ca­pri­cho, ei­ne Lau­ne. Er schreibt, auch wenn er fürch­tet, in die­sem Som­mer in sei­nem Fe­ri­en­haus gar nichts schrei­ben zu kön­nen. Der Schreib­tisch hemmt und der Gar­ten för­dert. Dort lie­gen zwi­schen den Mau­er­rit­zen nicht nur die Ei­dech­sen in der Son­ne, son­dern auch die Stif­te. Ster­chis klei­ne No­tiz­bü­cher fül­len sich, er muss sich Nach­schub besorgen.

(…) es wur­de mit klar, dass ich in mei­nem hu­er­to of­fen­sicht­lich je­de Glüh­würm­chen­exis­tenz als er­wäh­nens­wert er­ach­te­te, (…), was aber mein ei­gent­li­ches Schreib­vor­ha­ben be­traf, starr­te ich noch im­mer in ein trost­lo­ses, schwar­zes Loch.“

Bei sei­nen Be­sor­gun­gen in der Stadt be­merkt er Ver­än­de­run­gen, an den Ge­bäu­den wie an den Be­kann­ten, die seit dem letz­ten Jahr ge­al­tert sind. Die Zeit ver­geht, auch im Dorf, über die Jah­re und über den Som­mer. „Así es la vi­da!“ kom­men­tiert Ma­ría An­ge­les. Im Klei­nen zeigt dies sein Gar­ten oder bes­ser die Kar­tof­feln, die trotz al­ler Wi­der­nis­se, trotz al­ler Un­bill ge­dei­hen. Manch­mal spült das Un­wet­ter sie vor der Zeit her­aus. Doch klei­ne Kar­tof­feln sind gut. Eben­so wie die klei­nen Ka­pi­tel die­ses Buchs.

Der Mar­der, die Gei­er und die Ha­cke“, „Die Ro­se, die Pal­me und das Meer“ aber auch „Die Gül­le, der Zür­gel­baum und der He­li­ko­pter“. Es sind Be­ob­ach­tun­gen, Be­schrei­bun­gen, Be­geg­nun­gen, die sich im Ti­tel-Ter­zett vor­stel­len. Das klingt schlicht und ent­spricht Ster­chis un­prä­ten­tiö­sem Stil. In klei­nen Schrit­ten macht er den Le­ser nach und nach mit dem Dorf und sei­nen Be­woh­nern be­kannt. Wir fol­gen ihm auf den We­gen, strei­fen die Häu­ser, sit­zen abends im Gast­haus oder beim Gril­len hin­term Haus. Es herrscht ei­ne be­trieb­sa­me und den­noch ge­las­se­ne At­mo­sphä­re in die­sem Dorf in der spa­ni­schen Pro­vinz. In vie­lem er­in­nern mich Ster­chi Schil­de­run­gen an Fa­bio An­di­nas „Ta­ge mit Fe­li­ce“. Doch an­ders als An­di­na spielt bei Ster­chi sein ver­meint­li­ches Schei­tern am Schreib­pro­jekt ei­ne Rol­le. Stets ist er auf „der Su­che nach dem ro­ten Fa­den“, den ihm be­reits die kleins­te Maus ab­bei­ßen kann. Dann flieht zum Ha­cken in sei­nen Hu­er­to und wünscht sich solch‘ ste­ten Rhyth­mus für sein Schrei­ben. Was heu­te als Acht­sam­keit ge­prie­sen wird, be­schreibt be­reits Tol­stoi. An des­sen Heu­maht in An­na Ka­re­ni­na denkt Ster­chi nicht. Sei­ne li­te­ra­ri­schen Be­zü­ge fin­det er bei Jo­sef Pla, Iwan Bu­nin oder Lu­is Se­púl­ve­da.

Manch­mal er­in­nern Ster­chis Tex­te an Ta­ge­buch-No­ta­te, knapp er­zählt er von sei­nen Wan­de­run­gen, von Tie­ren und Men­schen. Die Na­tur — das Dorf Mo­rel­la lie­ße sich oh­ne wei­te­res als be­sie­del­te Na­tur be­schrei­ben — ist ihm am liebs­ten. Doch er ro­man­ti­siert es eben­so we­nig als Idyll, wie sei­ne Nach­barn als glück­li­che Land­leu­te. Prag­ma­tisch, bis­wei­len hart wie ih­re Ar­beit sind der Schwei­ne­züch­ter Ra­mon oder Joa­quin, eben­so wie die al­te Do­na Mará, de­ren im Wind we­hen­des Kü­chen­hand­tuch dem Au­tor, wie „ei­ne Fah­ne je­ner Ar­mut“ er­scheint, „die vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit in die­sem Dorf ge­herrscht ha­ben muss“. Haupt­säch­lich herrscht hier Ru­he, die Ster­chi für sein Schrei­ben sucht. Wer hät­te ge­dacht, daß ein Hu­er­to ihn ab­lenkt. Erst spät er­kennt er des­sen in­spi­rie­ren­de Kraft.

Beat Ster­chi, Ca­pri­cho. Ein Som­mer in mei­nem Gar­ten, Dio­ge­nes 2021

Bilder, Blicke, Begegnungen in Tokio

In „Tage in Tokio“ hinterfragt Christoph Peters das westliche Japanideal

Wäh­rend Ku­me­ka­wa-san den Ta­xi­fah­rer be­zahlt, ste­he ich et­was ver­lo­ren auf der Stra­ße, ne­ben mir die bei­den Kof­fern, und schaue mich um. Ein Kon­glo­me­rat aus über Jahr­zehn­ten an­ge­sam­mel­ten Bil­dern ja­pa­ni­scher Le­bens­wel­ten schim­mert wie durch ei­ne Milch­glas­schei­be aus dem Hin­ter­kopf ins Be­wusst­sein. Mir däm­mert all­mäh­lich, dass ich das, was ich se­he, hö­re, rie­che, per­ma­nent mit ein­ge­la­ger­ten Vor­stel­lun­gen ab­glei­che und dem­entspre­chend in „ty­pisch“, „un­ge­wöhn­lich“ oder „er­staun­lich“ ein­tei­le. Zu­gleich führt mir das kla­re Licht des spä­ten Vor­mit­tags schlag­ar­tig vor Au­gen, dass jetzt nichts da­von mehr gilt und dass ich von dem, was ich bräuch­te, um mich si­cher und ele­gant durch die Stadt zu be­we­gen, nicht die ge­rings­te Ah­nung habe.“

Von ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Be­geg­nung zwi­schen Ja­pan und Deutsch­land er­zählt Chris­toph Pe­ters be­reits in sei­nem 2014 er­schie­nen Ro­man. Des­sen Ti­tel, Herr Ya­ma­s­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln, deu­tet an, daß man­ches ent­ge­gen den Er­war­tun­gen ver­läuft bei der Zu­sam­men­ar­beit des an Jan Koll­witz an­ge­lehn­ten Ke­ra­mik­künst­lers mit ei­nem ja­pa­ni­schen Ofen­bau­er in der nie­der­deut­schen Provinz.

Ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik, das tra­di­tio­nel­le Tee­ze­re­mo­ni­ell und Jan Koll­witz fin­den auch in Pe­ters neu­em Buch Ta­ge in To­kio Ein­gang. Die Er­leb­nis­se, Er­fah­run­gen und Ge­dan­ken des Au­tors als Rei­se­be­richt zu be­zeich­nen, wä­re zu kurz ge­grif­fen. Für Pe­ters, den die Lei­den­schaft für ja­pa­ni­sche Cha­wan der Mo­moy­a­ma-Zeit (1573–1603) seit über drei­ßig Jah­ren nicht los­lässt, ist es der ers­te Be­such in dem Land, über das er so viel ge­le­sen und ge­hört hat. Sei­ne Be­geg­nun­gen in Kunst, Kul­tur und All­tag über­ra­schen den Rei­sen­den und ver­lei­ten ihn zu phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen. Da­zwi­schen fin­det er im­mer wie­der den Weg zur Ke­ra­mik, sei­nem Spe­zi­al­su­jet, dem wir nicht nur in Ge­stalt der Unoha­na­ga­ki be­geg­nen, ei­ner zum Kunst-Na­tio­nal­schatz Ja­pans er­ho­be­nen Tee­scha­le, die Pe­ters in To­kio bewundert.

Doch zu­nächst muss er erst ein­mal an­kom­men. Schon die ers­ten Bli­cke auf das Land sei­ner Träu­me, wie man es wohl nen­nen darf, kon­fron­tie­ren den durch Lek­tü­re und Ge­sprä­che ge­lehr­ten Be­trach­ter mit der Dis­kre­panz zwi­schen der Rea­li­tät und sei­nen vor­ge­form­ten Wunsch­bil­dern. Wie schwer es sein kann, die­se er­füllt zu fin­den, das wuss­te schon Proust. Den gut­ge­mein­ten War­nun­gen die be­freun­de­te Ja­pan­ken­ner ihm mit auf den Weg ga­ben, be­darf Pe­ters nicht, denn er ist sich der Ste­reo­ty­pe und Idea­li­sie­run­gen be­wusst. Die Ver­klä­rung des Frem­den, der Exo­tis­mus oder hier Ja­po­nis­mus die­ne der Ver­ein­fa­chung und füh­re zu „ka­te­go­ri­sie­ren­der My­then­bil­dung“. Im Sin­ne des Zen wä­re es, un­vor­ein­ge­nom­men dem Neu­en ge­gen­über zu tre­ten. Ein schwer zu er­rei­chen­des Ziel, wie Pe­ters be­tont, ist doch un­se­re Wahr­neh­mung im­mer von Er­fah­rung ge­prägt und un­ter­liegt sub­jek­ti­ver Interpretation.

So re­la­ti­viert sich auch für ihn „das un­vor­ein­ge­nom­me­ne Be­wusst­sein“. Den ers­ten Blick auf den Fu­ji be­grüßt er als Be­weis, sich tat­säch­lich in Ja­pan zu be­fin­den, eben­so, wie sein Be­glei­ter, Pro­fes­sor Ku­mo­ka­wa, den Re­gen­bo­gen als gu­tes Omen für die Rei­se. „Ja­pa­ner (sind) sehr aber­gläu­bisch“. An Iro­nie fehlt es Pe­ters nicht, auch ge­gen­über sich selbst. Sein Wunsch an Ku­mo­ka­wa, ihn in ei­nem Ryo­kan, ei­nem tra­di­tio­nel­len Gäs­te­haus, un­ter­zu­brin­gen, ent­larvt er als Traum vom ja­po­nis­ti­schen Idyll. Dort scheint al­les so zu sein, wie der ja­pan­ver­lieb­te Tou­rist es sich vor­stellt. Was ein Glück, daß die Gast­ge­be­rin als ehe­ma­li­ge Flug­be­glei­te­rin das tra­di­tio­nel­le Frau­en­bild bricht und sehr gut Eng­lisch spricht.

Sei­ne ers­ten Er­kun­dun­gen un­ter­nimmt der Au­tor kurz nach An­kunft al­lei­ne. Für ei­ne Zi­ga­ret­te muss er ei­ni­ge Stra­ßen durch­strei­fen, bis er die of­fi­zi­el­len Rau­cher­stel­le er­reicht. An­schlie­ßend macht er sich auf den Weg zum Fluss Sumi­da, den er von al­ten Holz­schnit­ten kennt. Die Be­ob­ach­tun­gen der frem­den Um­ge­bung, die ihm auf den ers­ten Blick gar nicht so fremd er­scheint, löst ei­ne Selbst­be­fra­gung aus. Auf die­se Pfa­de des ei­ge­nen Den­kens und Han­delns nimmt Pe­ters sei­ne Le­ser mit. Sind die ver­meint­lich feh­len­den Un­ter­schie­de ein Re­sul­tat sei­nes un­ge­üb­ten, west­li­chen Blicks? Er­schei­nen die Ja­pa­ner in ih­rer zu­rück­hal­ten­den Blick­ver­mei­dung nur dem Ah­nungs­lo­sen höf­lich? Die Sen­si­bi­li­tät für Nu­an­cen ent­steht mit der Zeit und die­se hat­te er noch nicht. Noch über­wäl­ti­gen den Neu­an­kömm­ling die Ein­drü­cke, de­nen er durch die heu­ti­ge Art des Rei­sens, viel zu schnell aus­ge­setzt ist. Ihm fehlt die „Er­fah­rung des vor­bei­zie­hen­den Raums“. Ide­al wä­re es, lang­sam im frem­den Land an­zu­kom­men, al­les ge­las­sen wahr­zu­neh­men und „sei­ne Schrit­te in kei­ne Rich­tung zu len­ken“.

Pe­ters lenkt sei­ne Schrit­te hin­ge­gen in ei­ne ganz be­stimm­te Rich­tung. Im Sun­to­ry Mu­se­um of Art wer­den die be­rühm­tes­ten Cha­wan aus Mi­no aus­ge­stellt, in­for­miert ihn ein Freund aus der Fer­ne. Die­se Ge­le­gen­heit die Uno­g­a­na­ha­ki zu be­trach­ten, will er sich nicht ent­ge­hen las­sen. Ne­ben die­ser sind wei­te­re Cha­wan im Shino‑, Se­to- und Ori­be-Stil zu se­hen. Pe­ters be­geis­ter­te Be­schrei­bung ge­rät zu ei­ner klei­nen Ke­ra­mik-Kun­de, man muss nur noch die Ab­bil­dun­gen der Stü­cke suchen.

Sei­ne Fas­zi­na­ti­on an die­sen Cha­wan führt er auf den mo­dern an­mu­ten­den Ge­stal­tungs­wil­len der Künst­ler aus dem 16. und 17. Jahr­hun­dert zu­rück. Nach de­ren Vor­stel­lung „soll­ten die ele­men­ta­re Kraft der Er­de und die Ur­ge­walt des Feu­ers in die Ge­fä­ße ein­ge­brannt sein“. Ei­ne Hal­tung, die Pe­ters, der an der Karls­ru­her Hoch­schu­le Kunst stu­dier­te, so mo­dern an­mu­tet wie die ei­nes Pi­cas­sos. Nicht nur die Aus­stel­lung gibt ihm An­lass, über ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik zu schrei­ben, und dem Le­ser die Chan­ce, et­was dar­über zu ler­nen. Kennt­nis­reich schil­dert er, wie chi­ne­si­sches Ming-Por­zel­lan Delf­ter Stein­gut präg­te, das wie­der­um in Ja­pan zu nie­der­län­di­schen Land­schafts­mo­ti­ven führ­te. Al­les grün­det auf al­lem und vie­les ist mit­ein­an­der ver­wo­ben, oh­ne daß man es ahnt, so Peters.

In die­sem Sin­ne taucht er, wei­ter ein in die frem­de Stadt To­kio, kos­tet Su­shi mit Voll­korn­kern, be­geg­net Ja­pa­ne­rin­nen mit und oh­ne Bril­le und fährt Me­tro, ge­ord­net und oh­ne Drän­ge­lei, ganz an­ders als er es sich vor­ge­stellt hat­te. Schließ­lich kommt er in ei­nem Uni­ver­si­täts-Se­mi­nar mit jun­gen Ja­pa­nern ins Ge­spräch, für die der von ihm so ver­ehr­te Tee­weg, wenn kei­ne un­be­kann­te, so doch ei­ne sehr ent­le­ge­ne Tra­di­ti­on ist.

Chris­toph Pe­ters „Ta­ge in To­kio“ ge­währt nicht nur Bli­cke auf To­kio und Tee­scha­len, son­dern vor al­lem ei­ne Ah­nung von ei­ge­nen durch exo­tis­ti­sche Zu­schrei­bun­gen ge­färb­ten Unwissen.

Die weit­aus meis­ten Din­ge, die auf die­ser Welt vor sich ge­hen, ver­ste­hen wir nicht, ge­schwei­ge denn, dass wir be­grei­fen, wie viel­fäl­tig sie mit­ein­an­der ver­wo­ben sind.“

Ein­fühl­sa­me Er­gän­zung zu Pe­ters Text bie­ten die zar­ten Zeich­nun­gen von Mat­thi­as Beck­mann.

Christoph Peters, Tage in Tokio, Luchterhand Verlag 2021

Dunkelblumer Heimatsagen

In ihrem Roman „Dunkelblum“ erzählt Eva Menasse eine alte Geschichte auf neue Weise

In Dun­kel­blum ha­ben die Mau­ern Oh­ren, die Blü­ten in den Gär­ten ha­ben Au­gen, sie dre­hen ih­re Köpf­chen hier­hin und dort­hin, da­mit ih­nen nichts ent­geht, und das Gras re­gis­triert mit sei­nen Schnurr­haa­ren je­den Schritt. Die Men­schen ha­ben im­mer­zu ein Ge­spür. Die Vor­hän­ge im Ort be­we­gen sich wie von lei­sem Atem ge­trie­ben, ein und aus, le­bens­not­wen­dig. Je­des Mal, wenn Gott von oben in die­se Häu­ser schaut, als hät­ten sie gar kei­ne Dä­cher, wenn er hin­ein­blickt in die Pup­pen­häu­ser sei­nes Mo­dell­städt­chens, das er zu­sam­men mit dem Teu­fel ge­baut hat zur Mah­nung an al­le, dann sieht er in fast je­dem Haus wel­che, die an den Fens­tern hin­ter ih­ren Vor­hän­gen ste­hen und hinausspähen.“

In den ers­ten Sät­zen ih­res neu­en Ro­mans cha­rak­te­ri­siert Eva Men­as­se tref­fend die At­mo­sphä­re von „Dun­kel­blum“. Im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land liegt das fik­ti­ve „Mo­dell­städt­chen“, wel­ches die Au­torin mit sa­ta­ni­scher Schreiblust und gött­li­chem Dich­ter­geist ge­schaf­fen hat, qua­si in Personalunion.

His­to­risch grün­det ih­re Ge­schich­te auf dem Mas­sa­ker von Rech­nitz. In dem Ort wur­den in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 an die 200 Men­schen er­schos­sen, wäh­rend der Graf im Schloss mit der Na­zi­pro­mi­nenz fei­er­te. Die Über­res­te der Op­fer wur­den nie ge­fun­den. Die Tä­ter ent­gin­gen ih­rer Stra­fe dank ef­fi­zi­en­ter Lokalamnesie.

Das Ver­ges­sen oder bes­ser das Nicht­er­in­nern­wol­len herrscht auch in Dun­kel­blum. Der Ort, so Men­as­se in ei­nem In­ter­view, ste­he nicht al­lein für das ös­ter­rei­chi­sche Bur­gen­land, wo hun­der­te Zwangs­ar­bei­ter im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­zweif­lungs­pro­jekt „Süd­ost­wall“ zu To­de ge­schun­den wur­den, son­dern für al­le Or­te, wo die Un­ta­ten der Na­zi­herr­schaft ver­gra­ben und ver­ges­sen sind.

Der Ro­man spielt im Au­gust des Jah­res 1989 und doch scheint die Zeit seit Jahr­zehn­ten „im Grun­de ste­hen ge­blie­ben“, denn die al­ten Ge­sell­schafts- und Ge­sin­nungs­struk­tu­ren le­ben fort. Zwar sind die Ewig­gest­ri­gen alt ge­wor­den, doch tref­fen sie sich in ge­wohn­ter Run­de. Man­cher der brau­nen Her­ren war ein Gast als Graf und Grä­fin zum Ge­la­ge lu­den, man­cher nur Hand­lan­ger. Al­le ha­ben ver­drängt, was in der Mord­nacht ge­schah. Nicht nur die Stamm­tischna­zis wol­len nichts mehr wis­sen von den al­ten Ge­schich­ten. Auch die an­de­ren Be­woh­ner Dun­kel­blums be­vor­zu­gen das Schwei­gen. Da­zu zählt Re­si Re­schen, die bei der Flucht der Fa­mi­lie Tüf­fer, die Schlüs­sel des Ho­tels er­hielt, das jetzt in ih­rem Be­sitz ist. Sie als Pro­fi­teu­rin zu be­zeich­nen, ver­bie­tet der Blick auf ihr Le­ben. Selbst ein Op­fer der Na­zi­herr­schaft, der Ju­de An­tal Grün, einst wie heu­te Ge­mischt­wa­ren­händ­ler des Orts, bleibt am­bi­va­lent ver­schwie­gen. Das ver­bin­det die an­sons­ten oft un­ei­ni­ge Ortsgemeinschaft.

Die Auf­leh­nung ge­gen die­ses Ver­hal­ten ver­su­chen aus­ge­rech­net die Au­ßen­sei­ter. Sie ar­bei­ten an ei­ner Hei­mat­chro­nik und träu­men von ei­nem Grenz­mu­se­um. Der we­gen sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät drang­sa­lier­te Rei­se­bü­ro­lei­ter Reh­ber­ger, die kürz­lich ver­stor­be­ne Es­z­ter Lo­wetz, seit Jahr­zehn­ten in Dun­kel­blum le­bend, aber we­gen ih­rer un­ga­ri­schen Her­kunft stets die Frem­de von Drü­ben, und Flo­cke Malnitz. Die Toch­ter ei­ner ein­ge­ses­se­nen Win­zer­fa­mi­lie trägt die Bür­de, daß ih­re Mut­ter eben­falls ei­ne Frem­de, wenn auch nur aus dem Nach­bar­dorf, und schlim­mer noch, li­be­ral und welt­of­fen ist. An­de­re sind ein­deu­tig bö­se. Zu ih­nen zählt Hor­ka, „der schwar­ze Mann von Dun­kel­blum“, ein tum­ber Tot­schlä­ger, der vor­treff­lich als Scher­ge dem Ober­na­zi Fel­benz dien­te. Hor­ka war vor zwan­zig Jah­ren spur­los ver­schwun­den. Da war Grün längst zu­rück­ge­kehrt, der seit­dem sein Ge­schäft wie­der in sei­nem von Hor­ka kon­fis­zier­ten Haus führt.

Als im Au­gust des Jah­res 1989 der jun­ge Lo­wetz und ein His­to­ri­ker aus Ame­ri­ka am glei­chen Tag und mit dem glei­chen Bus in Dun­kel­blum ein­tref­fen, klingt dies bei Men­as­se wie der Auf­takt zu et­was Un­heil­vol­lem: „Der Haupt­platz, die End­sta­ti­on, war men­schen­leer. Die Son­ne stand di­rekt über der Pest­säu­le“. Die At­mo­sphä­re spannt sich an, als bei ei­ner Grund­was­ser­son­die­rung ein Ske­lett in der Ro­ten­stein­wie­se ge­fun­den wird und der His­to­ri­ker die zu­ge­schüt­te­ten Er­in­ne­run­gen der Dun­kel­blu­mer an­bohrt. Sein Ziel, den Op­fern des Mas­sa­kers zu ei­ner wür­de­vol­len Be­stat­tung zu ver­hel­fen, ver­birgt er zu­nächst. Erst nach und nach of­fen­bart es sich eben­so wie sei­ne wah­re Identität.

Ne­ben der Schwie­rig­keit von Er­in­ne­rung ist Zu­ge­hö­rig­keit ein The­ma die­ses Ro­mans. Ver­meint­lich un­über­wind­bar scheint die Dif­fe­renz zwi­schen Dun­kel­blu­mern und den „Drü­be­nern“ jen­seits der Gren­ze, zwi­schen ein­hei­misch und fremd in Her­kunft, Re­li­gi­on, Se­xua­li­tät oder geis­ti­ger Hal­tung. Das für Dun­kel­blum her­aus­for­dernd An­de­re wird von den Zu­ge­zo­gen und Zu­rück­ge­kehr­ten ein­ge­führt. Da­mals wa­ren es die Grenz­gän­ger und Wan­der­ar­bei­ter, „fah­ren­des Volk“. 1989 sind es die jun­gen Leu­te aus der Stadt, die den jü­di­schen Fried­hof in Stand set­zen, der aus Wien heim­ge­kehr­te Lo­wetz, die jun­ge Flo­cke Malnitz und nicht zu­letzt ein DDR-Flüchtling.

Men­as­se kon­stru­iert ih­ren Ro­man in wun­der­bar ver­schränk­ter Er­zähl­wei­se. In Rück­bli­cken ent­hüllt sie Stück für Stück die Mo­ti­ve und An­trie­be zum Han­deln und Ver­hal­ten ih­rer Fi­gu­ren. Vie­les er­hellt sich im fort­schrei­ten­den Ver­lauf, fast wie im Ne­ben­bei, oh­ne all­zu deut­lich bis ins Kleins­te aus­buch­sta­biert zu werden.

Was zu Be­ginn wie ei­ne Pro­vinz­pos­se an­mu­tet, zeigt bald sei­ne Schwe­re, die dank Men­as­ses Kunst nie ins Schwer­mü­ti­ge, Bit­te­re ab­glei­tet. Mit Sar­kas­mus ge­wapp­net er­tra­gen sich die be­lang­lo­sen Nach­rich­ten der Pro­vinz­blät­ter eben­so wie „zwäng­le­ri­scher Bau­ern­geiz“. Falls nicht, hilft viel­leicht ein Gla­serl „Freund Flüs­sig­mut und -trost“. Voll­stän­dig lö­sen wird sich das Netz der Ver­stri­ckun­gen nicht. Dies gilt nicht nur für die Fra­ge, wo die Op­fer der März­nacht zu fin­den wä­ren. Es hilft al­les nichts, der Ro­man for­dert mehr­fa­ches Le­sen. Viel­leicht klärt sich so, wes­sen Toch­ter Flo­cke ist, wem der Fin­ger­knö­chel aus der La­den­k­lin­gel ge­hört oder wer Hor­ka be­sei­tigt hat.

Eva Menasse, Dunkelblum, Kiepenheuer & Witsch 2021

Flug durch die Zitatenfülle

Hervé Le Tellier trifft in „Die Anomalie“ fast jeden Geschmack

Was ist die­ses Buch? Ein Sci­ence-Fic­tion-Ro­man, der die Erd­be­völ­ke­rung als Ho­lo­gramm ent­larvt? Ein Best­sel­ler, der mit ge­nia­lem Gen­re­mix den Main­stream­ge­schmack trifft? Oder ein Werk der Grup­pe OuLi­Po, de­ren Au­toren sich ex­pe­ri­men­tel­ler Li­te­ra­tur wid­men und bei­spiels­wei­se Ro­ma­ne oh­ne E ver­fas­sen? Viel­leicht ist „Die Ano­ma­lie“ al­les zu­sam­men. Der neue Ro­man von Her­vé Le Tel­lier wur­de 2020 mit dem Prix Gon­court aus­ge­zeich­net und seit sei­ner Über­set­zung durch Ro­my und Jür­gen Rit­te in Li­te­ra­tur­sen­dun­gen wie im Feuil­le­ton eher rauf als run­ter diskutiert.

Der In­halt lässt sich an sei­ner Kon­struk­ti­on kurz um­rei­ßen. In Teil Eins stellt Le Tel­lier die Fi­gu­ren vor, die ne­ben zahl­rei­chen wei­te­ren die Haupt­rol­len in sei­nem Ro­man spie­len. Die un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­re sind in­so­fern in­ter­es­sant, als sie un­ter­schied­li­che Le­ser­vor­lie­ben er­fül­len. Das Ge­schäft ei­nes kalt­blü­ti­gen Auf­trags­kil­lers reiht sich an ei­nen Auf­stieg durch Bil­dung und na­tür­lich darf auch die Lie­be nicht feh­len. Die­se tritt in üb­li­chen Va­ria­tio­nen auf. Die jun­ge, schö­ne, selbst­be­wuss­te, aber in schwie­ri­gen Um­stän­den le­ben­de Frau mit dem al­ten, we­ni­ger schö­nen, da­für wohl­ha­ben­den Mann gibt es eben­so wie die bei­den ver­kopf­ten Wis­sen­schaft­ler, die ih­re Ge­füh­le, vor al­lem die für­ein­an­der, noch ent­de­cken müs­sen. Al­le Prot­ago­nis­ten sind als Pas­sa­gie­re ei­nes Flug­zeugs oder als Wis­sen­schaft­ler von der Ano­ma­lie be­trof­fen, die sich als Wen­de­punkt ih­res Le­bens er­wei­sen wird. Ein elek­tro­ma­gne­ti­scher Wir­bel­sturm trifft im März 2021 ei­ne Boe­ing auf ih­rem Weg von Pa­ris nach New York. Das Flug­zeug über­steht die Tur­bu­lenz und lan­det un­be­scha­det. Doch drei Mo­na­te spä­ter, im Ju­ni 2021, ist das­sel­be Flug­zeug mit den­sel­ben Pas­sa­gie­ren auf der­sel­ben Rou­te un­ter­wegs, ei­ne höchst un­wahr­schein­li­che Kon­se­quenz. Die Ma­schi­ne mit­samt Men­schen hat sich ver­dop­pelt. Wie der Staat, die Si­cher­heits­be­hör­den und Me­di­en zu­nächst da­mit um­ge­hen, zeigt Le Tel­lier im zwei­ten Teil. Er schil­dert die po­li­ti­schen, phi­lo­so­phi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Maß­nah­men der USA. Das FBI wird eben­so auf­ge­fah­ren, wie Wis­sen­schaft­ler, die ver­meint­lich plan­voll und den­noch kopf­los nach der Ur­sa­che su­chen. Der Prä­si­dent spielt als „ein fet­ter Barsch mit blon­der Pe­rü­cke“ zum Amü­se­ment der Le­se­rin­nen sei­ne ge­wohnt tum­be Rol­le. Im ab­schlie­ßen­den drit­ten Ro­man­teil tref­fen die prag­ma­tisch als Marchs und Ju­nes ka­te­go­ri­sier­ten Dop­pel­gän­ger auf­ein­an­der. Die­se Men­schen, die auch vor der Ano­ma­lie kein li­nea­res Le­ben führ­ten, son­dern durch ver­schie­de­ne Ebe­nen tau­mel­ten, ste­hen plötz­lich vor der Ma­ni­fes­ta­ti­on ih­res Al­ter Egos.

Die­ser stark kon­stru­ier­te Ro­man ist vol­ler Zi­ta­te, ein Prin­zip, das die OuLiPo’sche Selbst-Vor­ga­be des Au­tors sein mag. So ver­weist der Ti­tel des zwei­te Ro­man­teils, „Das Le­ben ist ein Traum, heißt es“ an das Haupt­werk des spa­ni­schen Dich­ters Pe­dro Cal­derón de la Bar­ca. Der Ro­man scheint mit dop­pel­bö­di­gen Dop­pel­gän­gern an­ge­füllt. Li­te­ra­tur- und Film­kun­di­ge wer­den noch wei­te­re schö­ne Blü­ten auf die­ser Wie­se pflü­cken. „Al­le ru­hi­gen Flü­ge sind ein­an­der ähn­lich. Je­der tur­bu­len­te Flug ist es auf sei­ne Wei­se“ er­kennt je­der als Ver­weis auf An­na Ka­re­ni­na, die Ken­ner Le Tel­liers den­ken auch an des­sen Ro­man „All‘ die glück­li­chen Fa­mi­li­en“. Noch knal­li­ger zi­tiert er be­rühm­te OuLi­Poe­ten wie Ita­lo Cal­vi­no mit „Wenn 243 Rei­sen­de in ei­ner Win­ter­nacht“.

Das kann zur Le­se­freu­de bei­tra­gen. Bei mir ließ die­se im Ver­lauf des Ro­mans merk­lich nach. Dem wie ein Epi­so­den­ro­man an­ge­leg­te Be­ginn mit sei­nen un­ter­schied­li­chen Er­zähl­per­spek­ti­ven folg­te ich ger­ne. Die Schil­de­run­gen des Um­gangs mit dem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Vor­komm­nis, die Or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­ble­me und tech­no-phi­lo­so­phi­schen Theo­rien ver­lang­ten al­ler­dings län­ge­ren Atem. Im letz­ten Teil lös­te der Ro­man mei­ne Er­war­tun­gen über­haupt nicht mehr ein. Die in­ter­es­san­te Fra­ge, wie ge­hen Men­schen mit ih­rer Ver­dop­pe­lung um, bleibt an der Ober­flä­che. Le Tel­lier er­zählt von Dop­pel­gän­gern, nicht von ei­nem du­pli­zier­ten Ich mit iden­ti­schen Träu­men, Ge­füh­len, Wün­schen und Un­zu­läng­lich­kei­ten. Die zeit­li­che Dif­fe­renz von drei Mo­na­ten führt zu rein „bio­lo­gi­schen“ Un­ter­schie­den — ge­schwän­gert, ge­stor­ben und „auf­er­stan­den“. Der Sohn der Al­lein­er­zie­hen­den ist plötz­lich mit zwei Müt­tern ge­seg­net. Der Schrift­stel­ler, der sich zwi­schen März und Ju­ni tö­tet, fühlt sich le­ben­dig wie nie. Der Kil­ler löst das Pro­blem mit ge­wohn­ten Mit­teln. Das mag auf man­chen amü­sant wir­ken, mir er­scheint es als Kli­schee. Wie es im In­ne­ren sei­ner Fi­gu­ren aus­sieht, lässt Tel­lier of­fen. So wir­ken die Ver­dop­pel­ten lei­der nur wie zwei Schau­spie­ler, die die glei­che Rol­le spielen.

Hervé Le Tellier, Die Anomalie, übers. V. Romy u. Jürgen Ritte, Rowohlt 2020

Ohne Skrupel und Skalpell

Irene Dische erzählt in Die militante Madonna von einem Ritter von variabler Gestalt

In mei­ner Zeit kann man die Men­schen schon al­lein an ih­ren Zäh­nen aus­ein­an­der­hal­ten. In ih­rer Zeit sind al­le Zäh­ne gleich, und die Schmin­ke wird mit ei­nem Chir­ur­gen­mes­ser auf­ge­tra­gen. Wenn Sie Ihr Los als Mann oder Frau nicht hin­neh­men, schnei­den Sie eben et­was ab oder nä­hen et­was dran. Al­le Sub­ti­li­tät wird ver­bannt. Al­le zar­ten oder stru­deln­den Un­ter­strö­mun­gen wer­den igno­riert. Und das nen­nen Sie „Fort­schritt“!“

Ire­ne Di­sches neu­em Ro­man liegt die Vi­ta ei­ner his­to­ri­schen Per­son zu Grun­de, die an­ders als es der Ti­tel „Die mi­li­tan­te Ma­don­na“ ver­mu­ten lässt, kei­ne Tu­gend­ge­stalt à la Jean D’Arc war. Nein, ei­ne Ma­don­na war der Che­va­lier d’Èon (1728–1810) nicht, eher ei­ne wehr­fä­hi­ge Mi­ner­va, als die er sich einst hat ma­len las­sen. Oder soll­te man bes­ser sa­gen, sie, denn Charles-Ge­neviè­ve-Lou­is-Au­gus­te-An­dré-Ti­mo­thée d’Éon de Be­au­mont wech­sel­te die Iden­ti­tä­ten von Che­va­lier und Che­va­liè­re. Bei­de Rol­len führ­ten ein be­weg­tes Le­ben, an dem ihr In­ha­ber uns Le­ser dank sei­nen Er­in­ne­run­gen teil­neh­men lässt. Di­sche be­dient sich ei­ner Quel­le, der post­hum er­schie­nen Au­to­bio­gra­phie, und formt dar­aus ei­nen Ent­hül­lungs­ro­man, der sehr ver­gnüg­lich zu le­sen ist.

Als „ers­ter Trans­ves­tit der Welt­ge­schich­te“ rühmt der Klap­pen­text den Ich-Er­zäh­ler, der sei­nen, ganz im Stil sei­ner Zeit ge­hal­te­nen Le­bens­be­richt, wie es sich ziemt, mit ei­nen „Vor­spruch“ be­ginnt. Die­ser wen­det sich an Le­ser, die in der zu­künf­ti­gen Mo­der­ne glau­ben, die Gen­der­de­bat­te er­fun­den zu ha­ben. D’Èon will mit sei­ner Ge­schich­te zei­gen, wie er vor 250 Jah­ren ein li­be­ra­les Le­ben führ­te, frei vom spie­ßi­gen Wah­ne der kor­rek­ten Aus­drucks­wei­se. „In mei­ner Zeit und in mei­nen Krei­sen spra­chen wir, wie es uns ge­fiel.“  Den im Vor­wort grob um­ris­se­nen Le­bens­sta­tio­nen folgt der ei­gent­li­che Be­richt. Un­ter Ti­teln „Wie ich mich in den Ar­men ei­ner Ehe ei­nes an­de­ren er­hol­te“ oder „Wie ein Brand in Lon­don mei­ne Iden­ti­tät ver­riet“ er­zäh­len epi­so­den­haf­te Ka­pi­tel die Aben­teu­er ih­res Helden.

Der selbst­re­fle­xi­ve Le­bens­rück­blick wirkt wie ein Schel­men­ro­man, auch wenn der Che­va­lier bei­lei­be kein un­ge­bil­de­ter Tropf ist. Oft ge­rät er in an­schei­nend aus­weg­lo­se Si­tua­tio­nen, aus de­nen ihn zu­fäl­li­ge Be­kannt­schaf­ten ret­ten. Voll Sa­ti­re cha­rak­te­ri­siert er die Um­stän­de und die Men­schen, de­nen er be­geg­net, und wapp­net sich so ge­gen die un­wei­ger­lich ein­tre­ten­den Ent­täu­schun­gen. Mit­un­ter er­tap­pen wir ihn so­gar bei ei­ner ech­ten Münch­hau­sia­de, zum Bei­spiel ei­nem hel­den­haf­ten Ritt von Pe­ters­burg nach Ver­sailles. Ver­letzt durch ei­nen Sturz konn­te er „den Ge­walt­ritt noch wei­te­re vier Ta­ge fort­set­zen, wäh­rend mein ge­bro­che­nes Bein am Steig­bü­gel bau­mel­te und der blan­ke Schien­bein­kno­chen her­aus­stand und den Strumpf durch­scheu­er­te“.

Die Mis­si­on er­füll­te er im Dienst des fran­zö­si­schen Kö­nigs Lou­is XV.. Als Di­plo­mat in ge­hei­mem Auf­trag, vul­go Spi­on, wech­sel­te er nicht nur von Män­ner- in Frau­en­klei­der, als Che­va­lier, der sich mit dem De­gen du­el­lier­te, oder als Lea, der Ver­trau­lich­kei­ten of­fen­bart wur­den. Er wech­sel­te auch Auf­ent­halt und Loya­li­tä­ten. Der Pro­vo­ka­teur und „Gas­sen­jour­na­list“ Mo­ran­de lehr­te ihn In­tri­gen mit In­tri­gen zu be­geg­nen. Ge­mein­sam mit de Be­aum­ar­chais er­san­nen sie ei­nen Plan ge­gen den un­ge­rech­ten Kö­nig. Der Che­va­lier schreck­te vor Er­pres­sung nicht zu­rück und wand­te sich als letz­tes Mit­tel an die Pres­se, ganz mo­dern, wie er der Le­se­rin ge­gen­über betont.

Die Amüsanz der Chevalier‘schen Aben­teu­er er­zählt Ire­ne Di­sche in eben­so amü­san­ter Spra­che. Be­son­de­res Ver­gnü­gen ma­chen ih­re iro­ni­schen Wort­schöp­fun­gen, die un­se­re Jetzt­zeit zu ei­nem „bauch­na­bel­be­schau­li­chen Jahr­hun­dert“ de­gra­die­ren und den fran­zö­si­schen Bot­schaf­ter zur Zeit des Che­va­liers als „feis­tes Zip­fel­hirn“ ent­lar­ven. In ih­ren Wor­ten klin­gen die Wahr­neh­mun­gen ih­res Hel­den wie Weis­hei­ten, die man so Man­chem ger­ne ins Al­bum schrei­ben möch­te. „Aber das Al­ter schmückt ei­nen Hengst nicht, Mo­ran­de mach­te ei­ne lang­sa­me Me­ta­mor­pho­se durch, und mit fünf­zig war er ein zahn­lo­ses Maultier.“ 

Am En­de der Lek­tü­re fällt der Blick noch­mals auf den Klap­pen­text. War er nun ein „Trans­ves­tit“ die­ser d’Èon? Si­cher nicht der ers­te der Welt­ge­schich­te, wür­de er ant­wor­ten. Er ließ sich in sei­ner Iden­ti­tät nicht ger­ne fest­le­gen, als Mensch ei­ner re­vo­lu­tio­nä­ren Epo­che galt ihm sei­ne Frei­heit über al­les, auch die des Ge­fühls und der Ge­stalt. Wel­che Kon­se­quen­zen dies hat­te, da­von er­zählt Di­sche deut­lich und klar.

Irene Dische, Die militante Madonna, übers. V. Ulrich Blumenbach, Hoffmann und Campe 2021

Die unsichtbare Begleiterin

Peter Stamm erzählt in seinem Roman „Das Archiv der Gefühle“ von einer Befreiung

Im Flur gleich ne­ben dem Ein­gang un­ter der al­ter­tüm­li­chen Gar­de­ro­be steht ein gro­ßer Papp­kar­ton mit lee­ren, grau­gel­ben Ak­ten­map­pen, die ich beim sel­ben Groß­händ­ler be­zie­he, von dem auch das Pres­se­haus sei­ne Map­pen ge­kauft hat­te. Ich neh­me zwei her­aus und be­schrif­te sie. Die Ge­räu­sche des Was­sers und Die Ge­räu­sche der Vö­gel im Flug, und le­ge sie auf ei­nen Sta­pel auf dem Schreib­tisch, auf dem be­stimmt schon ein Dut­zend sol­cher be­schrif­te­ter, aber lee­rer Map­pen liegt. Ich weiß nicht, wie ich sie fül­len soll, ich ha­be im­mer nur ge­sam­melt und sor­tiert, ein­ge­ord­net, was an­de­re er­lebt und auf­ge­schrie­ben hatten.“

Manch­mal bin ich über­rascht, wie sehr sich zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Lek­tü­ren the­ma­tisch äh­neln. Die von Da­ni­el Wis­ser be­schrie­be­ne gro­ße Lie­be, die nach Jahr­zehn­ten des klan­des­ti­nen Seh­nens end­lich er­füllt wird, fin­det sich auch im neu­en Ro­man von Pe­ter Stamm, wenn auch in gänz­lich an­de­rer Ausführung.

Der Held und na­men­lo­se Ich-Er­zäh­ler ist im Ge­gen­satz zu Wis­sers Vic­tor Jar­no ein in sich ge­kehr­ter Mensch. Äu­ße­re Be­lan­ge, wie die po­li­ti­sche La­ge oder der Zu­stand der Ge­sell­schaft, küm­mern ihn nur als Mel­dun­gen, die zu ar­chi­vie­ren sind. Als Ar­chi­var ei­nes Pres­se­hau­ses war er lan­ge Jah­re zu­ver­läs­sig, aber oh­ne Am­bi­tio­nen tä­tig, wie er im ers­ten Teil des Ro­mans dar­legt. In die­ser Fi­gu­ren­ex­po­si­ti­on schil­dert Pe­ter Stamm gleich zu Be­ginn ei­ne Ei­gen­art sei­nes Hel­den, die sich auch als Ei­gen­art des Ro­mans be­schrei­ben lie­ße. Der Er­zäh­ler ist so sehr in un­ge­leb­ter Lie­be an Fran­zis­ka ge­fes­selt, daß sie ihm im­mer wie­der in ein­sa­men Mo­men­ten er­scheint. Von de­nen gibt es vie­le, seit der Ar­chi­var ge­kün­digt wur­de und sei­ne Ta­ge al­lei­ne ver­bringt. Die Ar­beit, das Sor­tie­ren von Zei­tungs­mel­dun­gen, er­le­digt er nach wie vor. Er hat so­gar das ge­sam­te Ar­chiv in sein Haus über­nom­men. Sein Rück­zug führ­te zur Tren­nung von Ani­ta, ei­ner Frau, der noch ei­ne be­son­de­re Rol­le zu­kom­men wird. Der Ein­sied­ler ver­lebt den Win­ter — es han­delt sich um den Co­ro­na-Win­ter, der so­wie­so al­le Kon­tak­te ein­ge­fro­ren hat — ein­ge­kap­selt zwi­schen den Zei­tun­gen und Ak­ten im Haus sei­ner El­tern. Die­se le­ben schon lan­ge nicht mehr, las­sen aber ih­re Prä­senz in der un­ver­än­der­ten At­mo­sphä­re spü­ren. Der ver­meint­lich si­che­re Ort hält den Hel­den in sei­nen Er­in­ne­run­gen und Träu­men von Fran­zis­ka ge­fan­gen. Erst der Früh­ling lockt ihn nach drau­ßen auf lan­ge Spa­zier­gän­ge und zum Schwim­men im See.

Pe­ter Stamm schreibt sei­nem hy­perin­tro­spek­ti­vem Prot­ago­nis­ten Zü­ge zu, die sich fast schon als au­tis­tisch be­zeich­nen lie­ßen. Der Ar­chi­var ist nicht nur ein ord­nungs­lie­ben­der Lis­ten­füh­rer, der men­schen­scheue Mann ver­mei­det auch zu gro­ße Nä­he, emo­tio­na­le wie kör­per­li­che. Als Kind zähl­te er zwang­haft Din­ge, manch­mal pack­te ihn der Jäh­zorn. „Un­ter Ein­sam­keit litt ich nur in Ge­gen­wart an­de­rer Men­schen.“ Er liebt das Al­lein­sein, in Ge­sell­schaft fühlt er sich fremd. Sein An­ders­sein ist ihm be­wusst, er ver­gleicht es mit „an­ge­bo­re­ner Schmerz­lo­sig­keit“ und glaubt, „die­se Krank­heit ha­be was mit mir zu tun“.

An die Vor­stel­lung der Fi­gur schließt sich ein nächt­li­cher Spa­zier­gang zum See. Dort ba­det der Er­zäh­ler und ver­strickt sich in den Fän­gen Fran­zis­kas, die ihn in die schwar­zen Un­tie­fen des Sees lockt. Die Ni­xen­sze­ne, der wir noch wei­te­re Ma­le be­geg­nen wer­den, ver­an­schau­licht sei­ne Angst vor Ge­füh­len, vor Nä­he, vor dem Vertrauen.

Die Ni­xe bleibt nicht das ein­zi­ge Mär­chen­mo­tiv in die­sem Ro­man, in dem Stamm auch Mo­ti­ve aus ei­ge­nen Wer­ken ver­steckt. So er­in­nert das ein­sa­me Gast­haus im Wald an sei­ne Er­zäh­lung „Som­mer­gäs­te“ oder der früh­ge­schicht­li­che Ske­lett­fund am See­ufer an „Das schöns­te Kleid“.

Dem Zwi­schen­stück folgt die Ge­schich­te Fran­zis­kas. Wir er­fah­ren von der Freund­schaft zwi­schen ihr und dem Er­zäh­ler, die in der Schul­zeit be­gann und auch nach dem Ab­itur nicht en­de­te. Fran­zis­ka macht ei­ne Aus­bil­dung im Kran­ken­haus, der Er­zäh­ler geht an die Uni­ver­si­tät. Er un­ter­stützt sie bei ih­ren ers­ten Auf­trit­ten als Sän­ge­rin. Doch grö­ße­re An­nä­he­run­gen, die sich bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten er­ge­ben könn­ten, wer­den von bei­den ge­scheut. Als aus Fran­zis­ka die be­rühm­te Schla­ger­sän­ge­rin Fa­bi­en­ne wird, ver­liert sich der Kontakt.

Wir fol­gen der Ge­schich­te aus­schließ­lich in den Er­in­ne­run­gen des Er­zäh­lers. Bis­wei­len mel­det sich Fran­zis­ka zu Wort. Ih­re meist kor­ri­gie­ren­de Sicht wird in Ein­wür­fen wie­der­ge­ge­ben. Die­se sind kurz und an­ders als das Er­zähl­tem­pus im Prä­senz ge­hal­ten. Da die ge­spro­che­nen Sät­ze nicht als sol­che mar­kiert sind, ist die Zu­ord­nung un­ein­deu­tig. Lan­ge bleibt es der In­ter­pre­ta­ti­on der Le­se­rin über­las­sen, ob Fran­zis­ka Zu­hö­re­rin ist oder ei­ne Traum­ge­stalt des Er­zäh­lers. Als er sie auf Sei­te 100 als „un­sicht­ba­re Be­glei­te­rin“ ent­tarnt, sind wir schon mit­ten im drit­ten Teil des Ro­mans, der Kontaktaufnahme.

Die­ser Haupt­teil be­ginnt ge­nau in der Hälf­te des 188 Sei­ten um­fas­sen­den Buchs. In kla­rer und doch sub­til ge­hal­te­ner Kon­struk­ti­on sei­nes Ro­mans bahnt Stamm nach der Ex­po­si­ti­on der bei­den Haupt­fi­gu­ren de­ren Auf­ein­an­der­tref­fen an. Das er­war­te­te Er­eig­nis lädt er durch drei Bin­nen­er­zäh­lun­gen zu­sätz­lich mit Span­nung auf. Sie gel­ten den Frau­en im Le­ben des Er­zäh­lers. Die Ge­schich­te von der „Pa­ri­ser Freun­din“ plat­ziert Stamm vor der Kon­takt­auf­nah­me. Die Be­zie­hun­gen zu sei­ner Kol­le­gin und zu Ani­ta, von de­ren En­de der Le­ser be­reits am An­fang er­fährt, wer­den in der zwei­ten Ro­man­hälf­te er­zählt. Die Ver­bin­dung zu Ani­ta bil­det ei­ne wich­ti­ge Brü­cke im Zu­sam­men­kom­men mit Franziska.

Er­mög­licht wird dies je­doch erst durch die Ent­wick­lung des Er­zäh­lers. Zwar fragt die­ser sich schon zu­vor, ob er nicht eher in das Ge­fühl ver­liebt sei als in Fran­zis­ka, und fürch­tet, „ei­ne Be­zie­hung hät­te mei­ner Lie­be nicht ge­nü­gen kön­nen“. Doch jetzt gibt er sei­ne Ge­wohn­hei­ten auf, er liest kei­ne Zei­tun­gen und be­en­det das Ar­chi­vie­ren. Sei­ne al­te Ei­fer­sucht auf den Fuß­bal­ler, ei­nen ehe­ma­li­gen Ge­lieb­ten Fran­zis­kas, löscht er, in­dem er des­sen Ak­te weg­wirft. Dies, so er­kennt er schnell, funk­tio­niert nicht bei al­lem Schlech­ten der Ver­gan­gen­heit, doch von sei­nen per­sön­li­chen Fi­xie­run­gen kann er sich auf die­se Wei­se be­frei­en. Er über­win­det sei­ne Pas­si­vi­tät, von sei­nem Ar­chiv blei­ben nur die Blan­co-Ak­ten, die er künf­tig mit ei­ge­nen Er­fah­run­gen fül­len wird.

Pe­ter Stamm spielt mit der trü­ge­ri­schen Au­then­ti­zi­tät des Er­in­nerns, die un­ser au­to­bio­gra­phi­sches Ge­dächt­nis zu ei­ner krea­ti­ven Ei­gen­erzäh­lung macht. Er stellt sei­nem Er­zäh­ler ei­ne Er­schei­nung an die Sei­te, die des­sen Ver­gan­gen­heits­in­ter­pre­ta­ti­on zu­recht­rückt. Erst im Ver­lauf sei­ner Selbst­fin­dung iden­ti­fi­ziert der Er­zäh­ler sie als ei­ge­nes Geschöpf.

Die Wer­ke Pe­ter Stamms zäh­len für mich zu den be­ein­dru­ckends­ten Wer­ken der Zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur. Stamm il­lus­triert in prä­zi­ser Spra­che In­nen­wel­ten, die zwi­schen Emo­tio­nen und Er­in­ne­run­gen, Rea­li­tät und Traum chan­gie­ren und ei­ne sur­rea­le At­mo­sphä­re erzeugen.

In „Das Ar­chiv der Ge­füh­le“ er­zählt er in kunst­voll kon­stru­ier­ten Er­zähl­ebe­nen und mit psy­cho­lo­gi­schem Ge­spür von ei­nem Men­schen, der sich durch die Zer­stö­rung der ver­meint­li­chen Ord­nung befreit.

Peter Stamm, Das Archiv der Gefühle, S. Fischer Verlag 2021

A🏆ypse now”

Daniel Wisser schreibt in „Wir bleiben noch“ über das Schräge und das Schöne unserer Zeit

Vic­tor wur­de klar, dass er die Re­ak­ti­on der Fa­mi­lie un­ter­schätzt hat­te. Doch er hat­te auch sei­nen ei­ge­nen Wi­der­stands­geist un­ter­schätzt. In dem Mo­ment, in dem sei­ne ei­ge­ne Mut­ter ihm sei­ne Kind­heits­fo­tos aus­hän­dig­te, weil sie da­für nach ei­ge­nen Wor­ten kei­nen Platz mehr hat­te, in dem Mo­ment, in dem sie zu­sam­men mit sei­ner Tan­te mit al­len recht­li­chen Mit­teln ge­gen den Letz­ten Wil­len der ei­ge­nen Mut­ter vor­ging, be­gann Vic­tor, sie und ih­re gan­ze Ge­nera­ti­on zu ver­ach­ten. Ih­re El­tern hat­ten kämp­fen müs­sen, da­mit die Kin­der über­leb­ten, da­mit sie zur Schu­le, zur Uni­ver­si­tät ge­hen und im Wohl­stand le­ben konn­ten. Doch als die Ge­nera­ti­on von Vic­tors Mut­ter und Tan­te Mar­ga­re­te in ih­rer Ju­gend ih­re Scheini­dea­le aus­ge­lebt hat­te, wähl­te sie Rechts­par­tei­en und for­der­te die Schein­mo­ral, die sie an ih­ren El­tern kri­ti­siert hat­te, neu­er­dings von ih­ren Nach­kom­men. Da­bei sprach sie über ih­re Ju­gend so we­nig wie die Kriegs­ge­nera­ti­on, der sie ihr Schwei­gen im­mer zum Vor­wurf ge­macht hat­te. Sie hat­te ei­nen ma­xi­ma­len Ge­winn aus dem wach­sen­den Wohl­stand in ih­rer Ju­gend, aus den Ar­beits­be­din­gun­gen der 60er- bis 90er-Jah­re und schließ­lich aus ih­ren Pen­sio­nen, von de­nen die Ge­nera­ti­on ih­rer Kin­der nur träu­men konn­te. Das Frie­dens- und Frei­heits­ge­schwätz, mit dem sie ih­ren El­tern und sich selbst auf die Ner­ven ge­fal­len war, küm­mer­te sie nicht mehr. Die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, die ih­nen ih­ren Wohl­stand ver­schafft hat­ten, küm­mer­ten sie nicht mehr. Sie wa­ren Rechts­po­pu­lis­ten ge­wor­den, weil nun kein Platz mehr war. Ei­ne trä­ge, selbst­ge­rech­te, un­mensch­li­che Generation.“

Wie wür­de Vic­tor die neu­es­ten po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in sei­nem Hei­mat­land Ös­ter­reich kom­men­tie­ren? Über­rascht vom Kor­rup­ti­ons­ver­dacht ge­gen Kurz und Co wä­re der über­zeug­te So­zi­al­de­mo­krat wohl kaum. Des­sen Sicht auf Po­li­tik und un­se­re west­li­che Ge­sell­schaft würzt Wis­ser mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie. Sei­nen Hu­mor gab Wis­ser be­reits in „Die Let­ten wer­den die Es­ten sein“ zu er­ken­nen, ei­ne Pro­duk­ti­on sei­ner Band „Ers­tes Wie­ner Heim­or­gel­or­ches­ter“ und er ver­sieht ihn mit bit­te­ren An­klän­gen in sei­nem neu­en Ro­man „Wir blei­ben noch“.

Die Lust an der sprach­spie­le­ri­schen Sa­ti­re scheint et­was Ös­ter­rei­chi­sches zu sein. Sie prägt die Li­te­ra­tur von Wolf Haas eben­so wie die von Mi­cha­el Zie­gel­wag­ner. Es muss an der Luft oder am viel be­sun­ge­nen Wie­ner-Blut A🏆ypse now”“ wei­ter­le­sen

…als wäre das Ende der Welt da“

Charles Ferdinand Ramuz hat mit „Derborence“ ein Sprachkunstwerk in antiker Tradition erschaffen

Ah! Der­bo­rence, du warst so schön, du warst schön in je­ner Zeit, wenn du dich schmück­test von En­de Mai an, für die Män­ner, die kom­men wür­den. Und sie lie­ßen nicht war­ten; so­bald du das Zei­chen gabst, ka­men sie.“

Charles Fer­di­nand Ra­muz (1878–1947) gilt als ei­ner der be­deu­tends­ten Schrift­stel­ler der Schweiz. 1936 er­hielt er den Gro­ßen Preis der Schwei­ze­ri­schen Schil­ler­stif­tung, 2005 wur­den sei­ne Ro­ma­ne in die Bi­blio­t­hè­que de la Plé­ia­de in Pa­ris auf­ge­nom­men, so­gar der No­bel­preis wur­de für ihn gefordert.

Der vor­lie­gen­de 1934 er­schie­ne­ne Ro­man Der­bo­rence lag be­reits ein Jahr spä­ter in deut­scher Über­set­zung un­ter dem Ti­tel „Berg­sturz auf Der­bo­rence“ vor.  Der Ti­tel ist Pro­gramm. Die Alp Der­bo­rence, un­ter­halb des Berg­mas­sivs Les Dia­blerets, liegt auf ei­ner Hö­he von an­nä­hernd 1500 Me­tern zwi­schen den Tä­lern der Rho­ne und des Wal­lis. In den Som­mer­mo­na­ten wei­de­ten die Tal­be­woh­ner dort ihr Vieh. In den Dör­fern zu­rück blie­ben nur die Frau­en und die Al­ten. Am 23. Ju­ni 1749 er­eig­ne­te sich auf die­ser von Fels­wän­den ein­ge­kes­sel­ten Hoch­alp ein Berg­sturz. Er be­grub Le­be­we­sen und …als wä­re das En­de der Welt da““ wei­ter­le­sen