Herd tot. Kühlschrank tot.“

In „Die Stille“ inszeniert Don DeLillo den Systemausfall als absurdes Theater

Die aktuelle Lage macht uns klar, dass es nichts zu sagen gibt, außer was uns spontan in den Kopf kommt und nachher wissen wir das sowieso alle nicht.“

Die Lektüre von Don DeLillos „Die Stille“ konnte ich nicht unvoreingenommen beginnen. „Eine Katastrophe über eine Katastrophe, positiv: nur 100 Seiten und große Buchstaben“, so das knappe Statement eines Mitstreiters aus meinem Literaturkreis. Der tagt momentan höchstens im Chat. Der dieser Kommunikationsform immanente Telegrammstil passt in seiner kargen Unvollständigkeit gut zu DeLillos neuem Buch, das wohl kaum als Roman bezeichnet werden kann.

Ebenso gut passt dazu, daß die Aussage über eine Messenger-App zu mir fand, also mit einem Smartphone notiert, versendet, empfangen und gelesen wurde. Damit zähle ich zu den in diesem Buch angesprochenen Nutzern dieser Technik und sollte für DeLillos Zivilisationskritik empfänglich sein.

Die Geschichte beschreibt die Verhältnisse im Jahr 2022. DeLillo wählt die Dystopie, eine von mir geschätzte Literaturgattung. So finden sich Herd tot. Kühlschrank tot.““ weiterlesen

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf seine Solararmbanduhr zeigte vier Uhr an und er bemerkte irritiert, dass der Batteriestand gegen null ging. Er versäumte bewusst, der Betriebsanleitung zu folgen und die Uhr im Freien immer über der Manschette zu tragen, weil er es immer noch für unwürdig hielt, seine Armbanduhr wie ein lächerlicher Sonnenanbeter dem Licht entgegenzudrehen. Indem er es absichtlich nicht tat, rebellierte er insgeheim auch gegen alle anderen Vorschriften des „Spurenlosen Lebens“. Der Katalog an Dingen, die zu tun oder zu lassen waren, wuchs in letzter Zeit wirklich über jegliches Maß hinaus, fand Bergheim. Es hatte in seiner Jugend ganz harmlos mit der Abfalltrennung begonnen, war aber spätestens seit der letzten Neuerung, dem Verbot des Fleischverzehrs an allen Wochentagen, die kein oder nur ein N in ihrer Buchstabenfolge führen, um so die Treibhausgase halbwegs unter Kontrolle zu bringen, endgültig ins Alberne gedriftet.“

Es ist eine Öko-Dystopie, die Eckhart Nickel in seinem Roman „Hysteria“ genussvoll und mit Ironie gewürzt serviert. Der 1966 geborene, studierte Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker, veröffentlichte vor diesem Romandebüt als Journalist u.a. in Tempo, Süddeutscher Zeitung und F.A.Z. sowie in der von ihm und Christian Kracht gegründeten Literaturzeitschrift Der Freund. Entsprechend weit ist der literarische wie popkulturelle Bezugsrahmen dieses Romans.

Doch man muss nicht zwangsläufig E.T.A. Hoffmann, Sigmund Freud oder die vielen anderen literarischen Leuchttürme, die in „Hysteria“ auftauchen, gelesen haben. Man kann auch mit Musik die Sphären dieser Zukunftswelt durchdringen, wahlweise mit Kraftwerk oder Jean Michel Jarre. Oder ganz einfach den teuren Tee Pariser Provenienz mit dem anspielungsreichen Namen schlürfend über die Abwandlung eines Musikvideos lachen. Der Roman bietet vielfältige Entdeckungen, nicht nur die, daß mit den „Wahrnehmung und Wirklichkeit“ weiterlesen

Endzeit-Elegie

Valerie Fritsch beschreibt in „Winters Garten“ mit pathetisch schönen Bildern die Vergänglichkeit

fritschEr erinnerte sich an die Sommer bei den Großeltern wie an ein Königreich, aus dem man vertrieben worden war. Er dachte an die Butterblumen und die Marillenknödel. Die handtellergroßen Hollerblüten eingelegt in Zucker. (…) Er rief die Bilder der Wiesen zurück, und ihm schien, als sähe er, wie im Garten gleichermaßen die Köpfe der Löwenzähne und die Häupter der Großeltern erst weiß wurden und dann kahl im Wind der Jahre. Wie diese gesunden Menschen mit den Apfelbacken und den Zahnlücken schrumpften. Wie die ledrigen Bauernhände aufrissen und blaue Adern im Marmor der bleichen Haut der Alten wuchsen. Wie alles alt wurde. Wie vieles verschwand.“

Bildreich, wortgewaltig und poetisch klingen bereits die ersten Seiten von Valerie Fritschs Roman Winters Garten. Sie konfrontieren den Menschen mit seiner eigenen Vergänglichkeit, mit der seines Körpers und mit der des Geistes, gespiegelt in seiner Haut, was die Autorin überzeugend auszudrücken weiß.

Das scheint erstaunlich angesichts des Alters von Fritsch, die als weitgereiste Fotografin auf ungewöhnliche Erfahrungen blickt. Auch ihr unlängst auf dem Bachmann-Wettbewerb vorgestellter Text spiegelte dies.

Mit „Winters Garten“ legt sie einen Endzeitroman vor, bei dem die Zivilisationsflucht das „Endzeit-Elegie“ weiterlesen

Träume im Jardin caché

Erwin Uhrmanns Endzeitroman „ Ich bin die Zukunft“ beeindruckt mit suggestiven Beschreibungen und Gegenwartskunst

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Unter dieser Hitze, ist sie schon in den Knochen, im Mark, vor der es kaum mehr einen Schutz gibt, keinen Keller, keinen Verschlag, kein Loch, nichts, verfärbt und verwittert die Landschaft, vergilbt und verkohlt. In den Gebirgen, den Hochtälern, den Falte an Falte liegenden Bergrücken, gibt es kühle Stellen, gibt es Schutz, nahe den Schneefeldern, an Wasserlöchern, in zwischen den Wänden gelegenen Schattenkäfigen, unter Überhängen und in Höhlen.”

Dystopien dienen oft als Mahner. Sie überzeichnen aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Umwelt. Titel der jüngsten Zeit widmen sich den Gefahren der Digitalisierung, man denke an Dave Eggers Der Circle, den man durchaus in der Folge von Orwells 1984 sehen könnte. Doch auch Naturkatastrophen oder extraterrestrische Bedrohung eignen sich hervorragend zur Krise. Dieser begegnet oft ein Einzelner, der um sein Überleben in einer Welt kämpft, deren innere und äußere Ressourcen allmählich zu Grunde gehen.

Im vorliegenden neuen Roman des Österreichers Erwin Uhrmann mit dem anscheinend lebensbejahenden Titel Ich bin die Zukunft bahnt sich die Katastrophe erst an. Uhrmann schildert „Träume im Jardin caché“ weiterlesen

Herz am falschen Fleck

Fabelhafte Konfabulationen in Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss

Ja, werfen Sie noch einen letzten Blick zurück, schauen Sie nur, Doktor, da oben haben wir Hyperboreer gelebt, in azurner Einsamkeit, in Höhen, die kein Vogel je erflog, auf dem Dach der klinischen Welt, um Erlösung vom Ekel zu finden. Und ist es nicht schön, dass dieses Dach zugleich auch schon das ganze Haus, pardon die ganze Welt war?“

Dieser Satz, der gegen Ende fällt, formuliert das Setting des Romans. An einem enthobenen Ort, einer als Wellness-Ashram getarnten psychiatrischen Klinik, leben Patienten und Ärzte in eigentümlicher Symbiose. Abgeschottet von der übrigen Welt, sofern sie noch existiert, verbringen sie ihre Tage nach salutorischen Maßstäben. Yoga steht auf der Tagesordnung ganz oben, die Laufbänder im hellrosa Ambiente eines Oktagons. Abends wird stilvoll gespeist, tagsüber beruhigen sich die Betreuten mit Rhabarber-Opium, die Betreuer mit einer Zigarette. Zwischen dem Sport, wird Stimmenhören oder Sex verordnet. Falls es gar nicht mehr geht, begibt man sich zwecks Inspektion zum Kernanatom oder direkt auf die letzte Reise.

In dieser Welt doktert Franz von Stern. Ganz auf sich allein gestellt ist er allerdings nie. Sein steter Begleiter ist ein Referent, Ergebnis eines implantierten Über-Ichs, ein persönlicher Regulator, der den geordneten Betrieb durchführt. Dieser soll die Erstarkung des alten Egos mit allen seinen Erinnerungen verhindern, während Stern doch gerade darin herumwühlt um einen guten ersten Satz für den von der Klinikleitung geforderten Eigenbericht zu finden.

Angelika Meier schildert in ihrem zweiten Roman eine Gesundheitsdystopie, deren Bewohner nicht nur medizinisch überwacht und durchleuchtet werden. Dies unternimmt die promovierte Philosophin auf äußerst anregende Weise. Querverweise und Zitate aus allen Bereichen der Kulturgeschichte fordern den Leser und bereiten großes Lesevergnügen.

Bereits die Namen der anwesenden Götter in Weiß amüsieren. Wenn Dr. Tulp, „der beste Kernanatom der klinischen Welt“, den Brustkorb zum Mediatorcheck öffnet, fühlt man sich unweigerlich in die Haarlemer Anatomie versetzt, die Rembrandt einst abbildete. Rembrandts Tulp seziert einen Toten, auch die Körper unter dem Skalpell von Meiers Tulp haben kaum noch Leben in sich. Die gebrochenen Herzen wurden zwischen Därme gebettet und durch ein Mediator-System ersetzt.

Lediglich bei Stern scheint dieses nicht mehr rund zu laufen, er träumt sogar sein früheres Leben. Verstärkt wird dies durch die Begegnung mit einer neuen, ambulanten Patientin, die er als seine frühere Frau erkennt. Grund ihrer Einweisung ist eine akute mangelnde Gesundheitseinsicht und ein durch und durch sympathisches Nervensystem. Nach und nach werden auf dem Klinikhügel weitere Familienbande erkennbar, Sohn, Großvater und Großmutter, die reinste Idylle. Doch dieser will Stern entfliehen, weil sie eben nicht gelebt werden kann.

Angelika Meiers Roman stellt für mich die komplexeste Lektüre seit langem dar. In der Anlage ihrer schizoid anmutenden Figur Stern ergibt sich eine doppelte Erzählperspektive. Mal berichtet der Referent, mal fühlt und erinnert der wahre Stern. So entstehen  Rückblenden, in denen sich vermeintlich real Geschehenes mit surreal wirkenden Szenen vermischt. Meiers Sprache ist geistreich und fabelhaft formuliert. Mit mannigfaltigen Referenzen setzt sie ihre Satiren in absurdes Licht. Dies fordert und amüsiert zugleich. Kursiv gesetzt finden sich Zitate von Augustinus, der Bibel, Marx, Puschkin, Rilke und anderen. Mit Arno Schmidt kalauert sie Goethes Italiensehnsucht zu Gen-italien. Eine besondere Referenz erweist die Autorin Gottfried Benn. Sie zitiert nicht nur viele seiner Werke, seiner Novelle Gehirne scheinen die hoch oben gelegene Klinik und der junge Arzt entlehnt.

Meier entwickelt in ihrer Dystopie eine ungeheure Vielfalt an Handlungs- und Wortideen. Zwischen Hallodriegedächtnis und Himmelwasserblau vermischt sie irrwitzigen Medizinjargon mit Therapeutengefasel. Ein schöner Spott über den heilbringenden Gesundheitsglauben und seine Jünger. Er stößt jedoch im Lachen bereits so bitter auf wie zu viel Opium-Rhabarber-Saft. Dieser galt übrigens anno 1814 als Mittel gegen die Ruhr.  Darüber kann man bei der Recherche lachen, vorher, also während des Lesens lacht man laut und garantiert über die Quallenpest der Aquagymnastik und den am Beckenrand vorturnenden Arzt. Erst recht über Pfleger Pflügers Fußreflexzonen Fellatio. Sowie schließlich und endlich über die grünschwarz tätowierten schlangengleichen Arme des Schlafforschers und Wachoffiziers Dr. Dankevicz, der seine wahre Berufung in der Phallologie fand.

Eine klitzekleine Kritik habe ich dennoch an diesem Buch, welches ich sicherlich noch einmal lesen werde, da ich längst nicht alles verstanden habe. Asklepios, der griechische Gott der Heilkunst, und somit in diesem Roman gut platziert auf S. 32, besaß zwar den Stab mit der Schlange, eigentlich war er ja selbst eine, aber ganz bestimmt wurde er nicht mit seinen beiden Söhnen, die er nicht besaß, von Schlangen erwürgt. Das war Laokoon, den Asklepios hat Zeus blitzschnell erledigt mit einem Schlag.

Angelika Meier, Heimlich, heimlich mich vergiss, diaphanes, Zürich, 1. Aufl. 2012
 

Vorläufiges Verzeichnis der Zitate

 

Von Pans Arkadien zu Pans Labyrinth

Wie die Manipulation eines Einzelnen zur manipulierten Gesellschaft führt zeigt Benjamin Stein in „Replay

Eine schöne Geschichte. Aber worauf, frage ich Mantana, willst du eigentlich hinaus? Auf nichts, antwortet er prompt. Aber das ist natürlich gelogen. Ich habe noch nie erlebt, dass er so weit ausgeholt hätte, ohne mir etwas Bestimmtes mitteilen zu wollen.“

Gleich zu Beginn begegnen wir ihm schon, Pan, dem Waldgott der griechischen Mythologie, der in seiner Gier Ziegen, Nymphen und Knaben bespringt, also alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ed Rosen, der Protagonist von Benjamin Steins Utopie erblickt ihn zum ersten Mal in einer Kunstausstellung. Vielmehr erinnert er sich, wie er die Abbildung des triebhaften Naturgottes auf den Bildern des Künstlers Hayman bewunderte. Rosen bewegt sich während des ganzen Geschehens in seinen Erinnerungsbildern und stattet darüber Bericht ab. Erstaunt über die Leichtigkeit mit der sich selbst ein intelligenter Mensch manipulieren lässt, verfolgen wir seine Verwandlung. Aus dem äußerlich vernachlässigten, aber dennoch genialen Wissenschaftler wird nach einem Vorher-Nachher-Programm, das wahlweise dem Märchen oder einer Frauenzeitschrift entstammen könnte, ein fitnessgestählter Körper- oder besser Fußfixierter. Auch sein Hirn, welches seinem neuen Chef und Manipulator Mantana zunächst zur Entwicklung der allmachtverheißenden Technologie UniCom verhilft, verändert sich allmählich. Als Träger des UniCom, eines Implantats, das sowohl eigene Erinnerungen als auch die anderer Träger speichern und vernetzen kann, scheint Rosen allmählich die Kontrolle über sich und über die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt zu verlieren.

Benjamin Stein schildert die Metamorphosen seines Helden auf sehr spannende Weise. Besonders die ersten beiden Drittel der Geschichte haben mir gut gefallen. Sie regen an sich mit verschiedenen Formen der Manipulation auseinander zu setzen, die gerade auch in den neuen Technologien verborgen liegen. Allerdings geht es nicht sehr in die Tiefe. Über psychologische und philosophische Wahrnehmungstheorien hätte ich gerne mehr erfahren. Die umständlichen technologischen Erklärungen hingegen haben mich etwas ermüdet. Nerds und Geeks werden sie erfreuen und diese Spezies wird sich wohl auch wie weiland bei Robert A. Wilsons und Robert Sheas Illuminatus-Trilogie an den erotischen Szenen delektieren.

Alte und neue Mythen, Literatur- und Filmzitate sowie zahlreiche philosophische Verweise überschwemmen diesen schmalen Roman. Vielleicht regt er zur weiteren Lektüre an, meinetwegen auch in virtuellen Büchern.

Dem unterhaltsamen Roman fehlt es nicht an Ironie, wie die zahlreichen Seitenhiebe auf Lifestyler, Latte-Macchiato-Konsumenten und Dislike-Button-Betätiger zeigen.

Nur ob das pulsierende blaue Licht an den Schläfen der UniCom-Träger eine Hommage oder eine Verappleung sein soll, bleibt unklar. Mich erinnert es jedenfalls an mein kleines schlafendes MacBook.

Benjamin Stein, Replay, Beck Verlag, 1. Aufl. 2012