Die unsichtbare Begleiterin

Peter Stamm erzählt in seinem Roman „Das Archiv der Gefühle“ von einer Befreiung

Im Flur gleich ne­ben dem Ein­gang un­ter der al­ter­tüm­li­chen Gar­de­ro­be steht ein gro­ßer Papp­kar­ton mit lee­ren, grau­gel­ben Ak­ten­map­pen, die ich beim sel­ben Groß­händ­ler be­zie­he, von dem auch das Pres­se­haus sei­ne Map­pen ge­kauft hat­te. Ich neh­me zwei her­aus und be­schrif­te sie. Die Ge­räu­sche des Was­sers und Die Ge­räu­sche der Vö­gel im Flug, und le­ge sie auf ei­nen Sta­pel auf dem Schreib­tisch, auf dem be­stimmt schon ein Dut­zend sol­cher be­schrif­te­ter, aber lee­rer Map­pen liegt. Ich weiß nicht, wie ich sie fül­len soll, ich ha­be im­mer nur ge­sam­melt und sor­tiert, ein­ge­ord­net, was an­de­re er­lebt und auf­ge­schrie­ben hatten.“

Manch­mal bin ich über­rascht, wie sehr sich zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Lek­tü­ren the­ma­tisch äh­neln. Die von Da­ni­el Wis­ser be­schrie­be­ne gro­ße Lie­be, die nach Jahr­zehn­ten des klan­des­ti­nen Seh­nens end­lich er­füllt wird, fin­det sich auch im neu­en Ro­man von Pe­ter Stamm, wenn auch in gänz­lich an­de­rer Ausführung.

Der Held und na­men­lo­se Ich-Er­zäh­ler ist im Ge­gen­satz zu Wis­sers Vic­tor Jar­no ein in sich ge­kehr­ter Mensch. Äu­ße­re Be­lan­ge, wie die po­li­ti­sche La­ge oder der Zu­stand der Ge­sell­schaft, küm­mern ihn nur als Mel­dun­gen, die zu ar­chi­vie­ren sind. Als Ar­chi­var ei­nes Pres­se­hau­ses war er lan­ge Jah­re zu­ver­läs­sig, aber oh­ne Am­bi­tio­nen tä­tig, wie er im ers­ten Teil des Ro­mans dar­legt. In die­ser Fi­gu­ren­ex­po­si­ti­on schil­dert Pe­ter Stamm gleich zu Be­ginn ei­ne Ei­gen­art sei­nes Hel­den, die sich auch als Ei­gen­art des Ro­mans be­schrei­ben lie­ße. Der Er­zäh­ler ist so sehr in un­ge­leb­ter Lie­be an Fran­zis­ka ge­fes­selt, daß sie ihm im­mer wie­der in ein­sa­men Mo­men­ten er­scheint. Von de­nen gibt es vie­le, seit der Ar­chi­var ge­kün­digt wur­de und sei­ne Ta­ge al­lei­ne ver­bringt. Die Ar­beit, das Sor­tie­ren von Zei­tungs­mel­dun­gen, er­le­digt er nach wie vor. Er hat so­gar das ge­sam­te Ar­chiv in sein Haus über­nom­men. Sein Rück­zug führ­te zur Tren­nung von Ani­ta, ei­ner Frau, der noch ei­ne be­son­de­re Rol­le zu­kom­men wird. Der Ein­sied­ler ver­lebt den Win­ter — es han­delt sich um den Co­ro­na-Win­ter, der so­wie­so al­le Kon­tak­te ein­ge­fro­ren hat — ein­ge­kap­selt zwi­schen den Zei­tun­gen und Ak­ten im Haus sei­ner El­tern. Die­se le­ben schon lan­ge nicht mehr, las­sen aber ih­re Prä­senz in der un­ver­än­der­ten At­mo­sphä­re spü­ren. Der ver­meint­lich si­che­re Ort hält den Hel­den in sei­nen Er­in­ne­run­gen und Träu­men von Fran­zis­ka ge­fan­gen. Erst der Früh­ling lockt ihn nach drau­ßen auf lan­ge Spa­zier­gän­ge und zum Schwim­men im See.

Pe­ter Stamm schreibt sei­nem hy­perin­tro­spek­ti­vem Prot­ago­nis­ten Zü­ge zu, die sich fast schon als au­tis­tisch be­zeich­nen lie­ßen. Der Ar­chi­var ist nicht nur ein ord­nungs­lie­ben­der Lis­ten­füh­rer, der men­schen­scheue Mann ver­mei­det auch zu gro­ße Nä­he, emo­tio­na­le wie kör­per­li­che. Als Kind zähl­te er zwang­haft Din­ge, manch­mal pack­te ihn der Jäh­zorn. „Un­ter Ein­sam­keit litt ich nur in Ge­gen­wart an­de­rer Men­schen.“ Er liebt das Al­lein­sein, in Ge­sell­schaft fühlt er sich fremd. Sein An­ders­sein ist ihm be­wusst, er ver­gleicht es mit „an­ge­bo­re­ner Schmerz­lo­sig­keit“ und glaubt, „die­se Krank­heit ha­be was mit mir zu tun“.

An die Vor­stel­lung der Fi­gur schließt sich ein nächt­li­cher Spa­zier­gang zum See. Dort ba­det der Er­zäh­ler und ver­strickt sich in den Fän­gen Fran­zis­kas, die ihn in die schwar­zen Un­tie­fen des Sees lockt. Die Ni­xen­sze­ne, der wir noch wei­te­re Ma­le be­geg­nen wer­den, ver­an­schau­licht sei­ne Angst vor Ge­füh­len, vor Nä­he, vor dem Vertrauen.

Die Ni­xe bleibt nicht das ein­zi­ge Mär­chen­mo­tiv in die­sem Ro­man, in dem Stamm auch Mo­ti­ve aus ei­ge­nen Wer­ken ver­steckt. So er­in­nert das ein­sa­me Gast­haus im Wald an sei­ne Er­zäh­lung „Som­mer­gäs­te“ oder der früh­ge­schicht­li­che Ske­lett­fund am See­ufer an „Das schöns­te Kleid“.

Dem Zwi­schen­stück folgt die Ge­schich­te Fran­zis­kas. Wir er­fah­ren von der Freund­schaft zwi­schen ihr und dem Er­zäh­ler, die in der Schul­zeit be­gann und auch nach dem Ab­itur nicht en­de­te. Fran­zis­ka macht ei­ne Aus­bil­dung im Kran­ken­haus, der Er­zäh­ler geht an die Uni­ver­si­tät. Er un­ter­stützt sie bei ih­ren ers­ten Auf­trit­ten als Sän­ge­rin. Doch grö­ße­re An­nä­he­run­gen, die sich bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten er­ge­ben könn­ten, wer­den von bei­den ge­scheut. Als aus Fran­zis­ka die be­rühm­te Schla­ger­sän­ge­rin Fa­bi­en­ne wird, ver­liert sich der Kontakt.

Wir fol­gen der Ge­schich­te aus­schließ­lich in den Er­in­ne­run­gen des Er­zäh­lers. Bis­wei­len mel­det sich Fran­zis­ka zu Wort. Ih­re meist kor­ri­gie­ren­de Sicht wird in Ein­wür­fen wie­der­ge­ge­ben. Die­se sind kurz und an­ders als das Er­zähl­tem­pus im Prä­senz ge­hal­ten. Da die ge­spro­che­nen Sät­ze nicht als sol­che mar­kiert sind, ist die Zu­ord­nung un­ein­deu­tig. Lan­ge bleibt es der In­ter­pre­ta­ti­on der Le­se­rin über­las­sen, ob Fran­zis­ka Zu­hö­re­rin ist oder ei­ne Traum­ge­stalt des Er­zäh­lers. Als er sie auf Sei­te 100 als „un­sicht­ba­re Be­glei­te­rin“ ent­tarnt, sind wir schon mit­ten im drit­ten Teil des Ro­mans, der Kontaktaufnahme.

Die­ser Haupt­teil be­ginnt ge­nau in der Hälf­te des 188 Sei­ten um­fas­sen­den Buchs. In kla­rer und doch sub­til ge­hal­te­ner Kon­struk­ti­on sei­nes Ro­mans bahnt Stamm nach der Ex­po­si­ti­on der bei­den Haupt­fi­gu­ren de­ren Auf­ein­an­der­tref­fen an. Das er­war­te­te Er­eig­nis lädt er durch drei Bin­nen­er­zäh­lun­gen zu­sätz­lich mit Span­nung auf. Sie gel­ten den Frau­en im Le­ben des Er­zäh­lers. Die Ge­schich­te von der „Pa­ri­ser Freun­din“ plat­ziert Stamm vor der Kon­takt­auf­nah­me. Die Be­zie­hun­gen zu sei­ner Kol­le­gin und zu Ani­ta, von de­ren En­de der Le­ser be­reits am An­fang er­fährt, wer­den in der zwei­ten Ro­man­hälf­te er­zählt. Die Ver­bin­dung zu Ani­ta bil­det ei­ne wich­ti­ge Brü­cke im Zu­sam­men­kom­men mit Franziska.

Er­mög­licht wird dies je­doch erst durch die Ent­wick­lung des Er­zäh­lers. Zwar fragt die­ser sich schon zu­vor, ob er nicht eher in das Ge­fühl ver­liebt sei als in Fran­zis­ka, und fürch­tet, „ei­ne Be­zie­hung hät­te mei­ner Lie­be nicht ge­nü­gen kön­nen“. Doch jetzt gibt er sei­ne Ge­wohn­hei­ten auf, er liest kei­ne Zei­tun­gen und be­en­det das Ar­chi­vie­ren. Sei­ne al­te Ei­fer­sucht auf den Fuß­bal­ler, ei­nen ehe­ma­li­gen Ge­lieb­ten Fran­zis­kas, löscht er, in­dem er des­sen Ak­te weg­wirft. Dies, so er­kennt er schnell, funk­tio­niert nicht bei al­lem Schlech­ten der Ver­gan­gen­heit, doch von sei­nen per­sön­li­chen Fi­xie­run­gen kann er sich auf die­se Wei­se be­frei­en. Er über­win­det sei­ne Pas­si­vi­tät, von sei­nem Ar­chiv blei­ben nur die Blan­co-Ak­ten, die er künf­tig mit ei­ge­nen Er­fah­run­gen fül­len wird.

Pe­ter Stamm spielt mit der trü­ge­ri­schen Au­then­ti­zi­tät des Er­in­nerns, die un­ser au­to­bio­gra­phi­sches Ge­dächt­nis zu ei­ner krea­ti­ven Ei­gen­erzäh­lung macht. Er stellt sei­nem Er­zäh­ler ei­ne Er­schei­nung an die Sei­te, die des­sen Ver­gan­gen­heits­in­ter­pre­ta­ti­on zu­recht­rückt. Erst im Ver­lauf sei­ner Selbst­fin­dung iden­ti­fi­ziert der Er­zäh­ler sie als ei­ge­nes Geschöpf.

Die Wer­ke Pe­ter Stamms zäh­len für mich zu den be­ein­dru­ckends­ten Wer­ken der Zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur. Stamm il­lus­triert in prä­zi­ser Spra­che In­nen­wel­ten, die zwi­schen Emo­tio­nen und Er­in­ne­run­gen, Rea­li­tät und Traum chan­gie­ren und ei­ne sur­rea­le At­mo­sphä­re erzeugen.

In „Das Ar­chiv der Ge­füh­le“ er­zählt er in kunst­voll kon­stru­ier­ten Er­zähl­ebe­nen und mit psy­cho­lo­gi­schem Ge­spür von ei­nem Men­schen, der sich durch die Zer­stö­rung der ver­meint­li­chen Ord­nung befreit.

Peter Stamm, Das Archiv der Gefühle, S. Fischer Verlag 2021

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf sei­ne So­lar­arm­band­uhr zeig­te vier Uhr an und er be­merk­te ir­ri­tiert, dass der Bat­te­rie­stand ge­gen null ging. Er ver­säum­te be­wusst, der Be­triebs­an­lei­tung zu fol­gen und die Uhr im Frei­en im­mer über der Man­schet­te zu tra­gen, weil er es im­mer noch für un­wür­dig hielt, sei­ne Arm­band­uhr wie ein lä­cher­li­cher Son­nen­an­be­ter dem Licht ent­ge­gen­zu­dre­hen. In­dem er es ab­sicht­lich nicht tat, re­bel­lier­te er ins­ge­heim auch ge­gen al­le an­de­ren Vor­schrif­ten des „Spu­ren­lo­sen Le­bens“. Der Ka­ta­log an Din­gen, die zu tun oder zu las­sen wa­ren, wuchs in letz­ter Zeit wirk­lich über jeg­li­ches Maß hin­aus, fand Berg­heim. Es hat­te in sei­ner Ju­gend ganz harm­los mit der Ab­fall­tren­nung be­gon­nen, war aber spä­tes­tens seit der letz­ten Neue­rung, dem Ver­bot des Fleisch­ver­zehrs an al­len Wo­chen­ta­gen, die kein oder nur ein N in ih­rer Buch­sta­ben­fol­ge füh­ren, um so die Treib­haus­ga­se halb­wegs un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, end­gül­tig ins Al­ber­ne gedriftet.“

Es ist ei­ne Öko-Dys­to­pie, die Eck­hart Ni­ckel in sei­nem Ro­man „Hys­te­ria“ ge­nuss­voll und mit Iro­nie ge­würzt ser­viert. Der 1966 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kunst­his­to­ri­ker, ver­öf­fent­lich­te vor die­sem Ro­man­de­büt als Jour­na­list u.a. in Tem­po, Süd­deut­scher Zei­tung und F.A.Z. so­wie in der von ihm und Chris­ti­an Kracht ge­grün­de­ten Li­te­ra­tur­zeit­schrift Der Freund. Ent­spre­chend weit ist der li­te­ra­ri­sche wie pop­kul­tu­rel­le Be­zugs­rah­men die­ses Romans.

Doch man muss nicht zwangs­läu­fig E.T.A. Hoff­mann, Sig­mund Freud oder die vie­len an­de­ren li­te­ra­ri­schen Leucht­tür­me, die in „Hys­te­ria“ auf­tau­chen, ge­le­sen ha­ben. Man kann auch mit Mu­sik die Sphä­ren die­ser Zu­kunfts­welt durch­drin­gen, wahl­wei­se mit Kraft­werk oder Jean Mi­chel Jar­re. Oder ganz ein­fach den teu­ren Tee Pa­ri­ser Pro­ve­ni­enz mit dem an­spie­lungs­rei­chen Na­men schlür­fend über die Ab­wand­lung ei­nes Mu­sik­vi­de­os la­chen. Der Ro­man bie­tet viel­fäl­ti­ge Ent­de­ckun­gen, nicht nur die, daß mit den „Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit“ wei­ter­le­sen

Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der De­cke woll­te ich längst, und nun lie­ge ich hier und kann mich nicht rüh­ren, ich hab’s nicht pro­biert. Ich lie­ge jetzt mal hier und rüh­re mich nicht, ich star­re ein­fach den Riss an.“

Der Ti­tel die­ses kur­zen, in­ten­si­ven Ro­mans ist Pro­gramm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt lie­gen. Es ist we­ni­ger sein Al­ter, das ihn zu Fall bringt, son­dern ei­ne Ab­len­kung durch ei­ne Frau oder bes­ser Wal­ter No­waks Re­ak­ti­on auf die­se. Spä­ter wird er er­zäh­len, er ha­be sich beim Schwim­men ver­schätzt und sich den Kopf am Be­cken­rand gestoßen.

Ju­lia Wolf, die 2016 mit ei­nem Aus­schnitt aus ih­rem da­mals noch un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man den 3sat Preis beim Bach­mann-Wett­be­werb ge­wann, wur­de mit dem voll­ende­ten Werk ein Jahr spä­ter für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert. Ihr Er­zähl­stil wirkt er­fri­schend neu, auch wenn er be­rühm­ten Vor­gän­gern ver­haf­tet ist.

Die Au­torin führt den Le­ser mit­ten hin­ein in Wal­ter No­waks Hirn und lässt ihn an ei­nem Strom von Er­in­ne­run­gen und As­so­zia­tio­nen teil­ha­ben. Für die bio­gra­phi­sche Au­then­ti­zi­tät der Fi­gur gibt sie kei­ne Ga­ran­tie, sie un­ter­läuft sie mit den Träu­men und Phan­ta­sien ih­res Hel­den. Wal­ters bio­gra­phi­sches „Re­kon­struk­ti­on. (Herr­lich) Un­kor­rekt“ wei­ter­le­sen

Humus der Vergangenheit

Wie Erinnerungen gedeihen — Patrick Modianos „Gräser der Nacht“

modianoDu hast ei­ne kur­ze Zeit dei­nes Le­bens – ein­fach so in den Tag hin­ein, oh­ne dir Fra­gen zu stel­len – un­ter selt­sa­men Um­stän­den ge­lebt, um­ge­ben von eben­falls selt­sa­men Men­schen. Und erst viel spä­ter kannst du end­lich ver­ste­hen, was du er­lebt hast und wer die­se Men­schen aus dei­ner Um­ge­bung ei­gent­lich wa­ren, vor­aus­ge­setzt, man gibt dir end­lich die Mög­lich­keit, ei­ne ver­schlüs­sel­te Spra­che zu ent­wir­ren. Die meis­ten Leu­te sind nicht in die­ser La­ge: ih­re Er­in­ne­run­gen sind ein­fach, ge­rad­li­nig und ge­nü­gen sich selbst, und sie brau­chen auch nicht zig Jah­re, um sie zu erhellen.“

Die­sen Er­in­ne­rungs­pro­zess be­schreibt Pa­trick Mo­dia­no in sei­nem jüngs­ten Ro­man Grä­ser der Nacht. Doch nicht nur der Ich-Er­zäh­ler auch der Au­tor selbst sind Meis­ter des li­te­ra­ri­schen Er­in­nerns, wo­für der 1945 ge­bo­re­ne fran­zö­si­sche Ro­man­cier im zu­rück­lie­gen­den Jahr mit dem Li­te­ra­tur­no­bel­preis ge­ehrt wurde.

Sein zu­nächst na­men­lo­ser Held, des­sen Vor­na­me Jean sich erst spät of­fen­bart, rät­selt noch im­mer am Ver­schwin­den sei­ner eins­ti­gen Lie­be Dan­nie. Er be­tritt Or­te der Ver­gan­gen­heit und taucht durch sie in die zu­rück­lie­gen­de Zeit. Doch han­delt es sich an­ders als in Prousts Re­cher­che nicht um ei­ne „Hu­mus der Ver­gan­gen­heit“ wei­ter­le­sen

Träume im Jardin caché

Erwin Uhrmanns Endzeitroman „ Ich bin die Zukunft“ beeindruckt mit suggestiven Beschreibungen und Gegenwartskunst

uhrmann1

Un­ter die­ser Hit­ze, ist sie schon in den Kno­chen, im Mark, vor der es kaum mehr ei­nen Schutz gibt, kei­nen Kel­ler, kei­nen Ver­schlag, kein Loch, nichts, ver­färbt und ver­wit­tert die Land­schaft, ver­gilbt und ver­kohlt. In den Ge­bir­gen, den Hoch­t­ä­lern, den Fal­te an Fal­te lie­gen­den Berg­rü­cken, gibt es küh­le Stel­len, gibt es Schutz, na­he den Schnee­fel­dern, an Was­ser­lö­chern, in zwi­schen den Wän­den ge­le­ge­nen Schat­ten­kä­fi­gen, un­ter Über­hän­gen und in Höhlen.”

Dys­to­pien die­nen oft als Mah­ner. Sie über­zeich­nen ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen in Ge­sell­schaft, Po­li­tik und Um­welt. Ti­tel der jüngs­ten Zeit wid­men sich den Ge­fah­ren der Di­gi­ta­li­sie­rung, man den­ke an Da­ve Eg­gers Der Cir­cle, den man durch­aus in der Fol­ge von Or­wells 1984 se­hen könn­te. Doch auch Na­tur­ka­ta­stro­phen oder ex­tra­ter­res­tri­sche Be­dro­hung eig­nen sich her­vor­ra­gend zur Kri­se. Die­ser be­geg­net oft ein Ein­zel­ner, der um sein Über­le­ben in ei­ner Welt kämpft, de­ren in­ne­re und äu­ße­re Res­sour­cen all­mäh­lich zu Grun­de gehen.

Im vor­lie­gen­den neu­en Ro­man des Ös­ter­rei­chers Er­win Uhr­mann mit dem an­schei­nend le­bens­be­ja­hen­den Ti­tel Ich bin die Zu­kunft bahnt sich die Ka­ta­stro­phe erst an. Uhr­mann schil­dert „Träu­me im Jar­din caché“ wei­ter­le­sen

Sushi Murakami — Die Lebenspartitur

Das 18. Kapitel

Vor sei­ner Rück­rei­se will Tsuku­ru „Ord­nung in sei­ne Ge­füh­le brin­gen“. Er bum­melt ziel­los durch Hel­sin­ki und lan­det schließ­lich am Bahn­hof, wo er den Zü­gen zuschaut.

Zu­rück in To­kio zö­gert er zu­nächst Sa­ra an­zu­ru­fen. Schließ­lich mel­det er sich am fol­gen­den Tag, er­reicht aber nur ih­ren An­ruf­be­ant­wor­ter. Er ver­sucht sei­ne Ei­fer­sucht mit All­tags­pflich­ten zu ver­de­cken, doch sei­ne Ge­dan­ken krei­sen um Sa­ra und den Frem­den. Al­lei­ne im Schwim­men fin­det er Ablenkung.

Abends er­hält er Sa­ras An­ruf und ei­nen Rüf­fel, weil er kei­ne Nach­richt hin­ter­las­sen hat. Auch Sa­ra hat den Sonn­tag sinn­voll ver­bracht, mit Put­zen, Wa­schen, Ein­kau­fen. In­ter­es­san­ter als die Er­wäh­nung sol­cher Be­lang­lo­sig­kei­ten ist Tsuku­rus Wunsch die Kat­ze nun end­lich aus dem Sack zu las­sen. Na ja, ge­nau ge­nom­men bleibt sie halb „Su­shi Mura­ka­mi — Die Le­bens­par­ti­tur“ wei­ter­le­sen

Sushi Murakami — fLeckFrei

7. Kapitel

Be­vor die Nacht der selt­sa­men Din­ge be­ginnt, sei noch ein­mal an den selt­sa­men Mi­dori­ga­wa er­in­nert, der sein an­de­res Ich in ei­nem Beu­tel spa­zie­ren trug und mit flin­ken Fin­gern den Tas­ten Tö­ne entlockte.

In be­sag­ter Nacht er­wacht Tsuku­ru, wie ge­lähmt und ans Bett ge­fes­selt, erst spürt er et­was im Dun­keln lau­ern, dann weiß er, nur Hai­da kann dort ste­hen und ihn an­star­ren. Oder des­sen an­de­res Ich. Wir den­ken noch­mals an „Su­shi Mura­ka­mi — fLeck­Frei“ wei­ter­le­sen

Sushi Murakami — Das glitschig-feuchte Gefühl

3. Kapitel

Die sechs Trau­er­mo­na­te zeh­ren an Tsuku­ru, er ma­gert ab und ist ge­schwächt. Mura­ka­mi wählt für die­sen Zu­stand ein durch­aus pas­sen­des Bild. „Er hing ge­ra­de noch an der Welt wie ei­ne tro­cke­ne Hül­le ei­nes In­sekts, die an ei­nem Ast schau­kelt und kurz da­vor ist, von nächs­ten Wind­stoß für im­mer da­von ge­weht zu werden.“

Auf der Schwel­le zum Tod ste­hend, er­weckt ein Traum ihn zu neu­em Le­ben. Al­ler­dings ist der Traum­in­halt äu­ßerst merk­wür­dig, es han­delt sich näm­lich um ein Ge­fühl, wel­ches Tsuku­ru noch nie­mals ge­spürt hat, die Ei­fer­sucht. Kann er dann da­von träu­men? Auch die­se Sze­ne prä­sen­tiert sich in dop­pel­ter Aus­füh­rung. Tsuku­ru er­klärt, daß er noch nie Ei­fer­sucht ver­spürt ha­be. Dar­auf­hin legt er sein theo­re­ti­sches Wis­sen über die­sen Zu­stand dar, um an­schlie­ßend noch­mals zu ver­kün­den, daß er dies noch nie er­lebt hät­te, was wie­der in ei­ne Auf­zäh­lung ver­schie­de­ner Ei­fer­suchts­er­schei­nun­gen mün­det. War­um wie­der­holt Mura­ka­mi stän­dig al­les? „Su­shi Mura­ka­mi — Das glit­schig-feuch­te Ge­fühl“ wei­ter­le­sen

Die Traumblätter des Trafikanten

Robert Seethalers melancholischer Wienroman „Der Trafikant”

seethaler_trafikant_3D15. April 1938

Im Pra­ter geht ein Mäd­chen, es steigt ins Rie­sen­rad, über­all blit­zen Ha­ken­kreu­ze, das Mäd­chen steigt im­mer hö­her, plötz­lich bre­chen die Wur­zeln, und das Rie­sen­rad rollt über die Stadt und walzt al­les nie­der, das Mäd­chen juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein Wolkenfetzen.“(S. 180)

Je­der träumt, vie­le er­in­nern sich ih­rer Träu­me, man­cher er­zählt sie wei­ter. Doch wer kommt schon auf die Idee sei­ne Träu­me in der Öf­fent­lich­keit aus­zu­hän­gen? Da müss­te man lan­ge su­chen, erst recht in Wien vor acht­zig Jah­ren. Auch wenn dort zu die­ser Zeit der Traum­fach­mann des Jahr­hun­derts lebt, Sig­mund Freud. Nach des­sen An­wei­sung no­tiert der jun­ge Franz sei­ne Träu­me und hängt die­se an das Fens­ter der Trafik.

Wie es so­weit kam und was da­nach ge­schah, schil­dert Ro­bert Seet­ha­ler in sei­nem neu­en Ro­man Der Tra­fi­kant. Von Hei­mat und Lie­be, von Freund­schaft und Tod, kurz „Die Traum­blät­ter des Tra­fi­kan­ten“ wei­ter­le­sen