Dunkelblumer Heimatsagen

In ihrem Roman „Dunkelblum“ erzählt Eva Menasse eine alte Geschichte auf neue Weise

In Dun­kel­blum ha­ben die Mau­ern Oh­ren, die Blü­ten in den Gär­ten ha­ben Au­gen, sie dre­hen ih­re Köpf­chen hier­hin und dort­hin, da­mit ih­nen nichts ent­geht, und das Gras re­gis­triert mit sei­nen Schnurr­haa­ren je­den Schritt. Die Men­schen ha­ben im­mer­zu ein Ge­spür. Die Vor­hän­ge im Ort be­we­gen sich wie von lei­sem Atem ge­trie­ben, ein und aus, le­bens­not­wen­dig. Je­des Mal, wenn Gott von oben in die­se Häu­ser schaut, als hät­ten sie gar kei­ne Dä­cher, wenn er hin­ein­blickt in die Pup­pen­häu­ser sei­nes Mo­dell­städt­chens, das er zu­sam­men mit dem Teu­fel ge­baut hat zur Mah­nung an al­le, dann sieht er in fast je­dem Haus wel­che, die an den Fens­tern hin­ter ih­ren Vor­hän­gen ste­hen und hinausspähen.“

In den ers­ten Sät­zen ih­res neu­en Ro­mans cha­rak­te­ri­siert Eva Men­as­se tref­fend die At­mo­sphä­re von „Dun­kel­blum“. Im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land liegt das fik­ti­ve „Mo­dell­städt­chen“, wel­ches die Au­torin mit sa­ta­ni­scher Schreiblust und gött­li­chem Dich­ter­geist ge­schaf­fen hat, qua­si in Personalunion.

His­to­risch grün­det ih­re Ge­schich­te auf dem Mas­sa­ker von Rech­nitz. In dem Ort wur­den in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 an die 200 Men­schen er­schos­sen, wäh­rend der Graf im Schloss mit der Na­zi­pro­mi­nenz fei­er­te. Die Über­res­te der Op­fer wur­den nie ge­fun­den. Die Tä­ter ent­gin­gen ih­rer Stra­fe dank ef­fi­zi­en­ter Lokalamnesie.

Das Ver­ges­sen oder bes­ser das Nicht­er­in­nern­wol­len herrscht auch in Dun­kel­blum. Der Ort, so Men­as­se in ei­nem In­ter­view, ste­he nicht al­lein für das ös­ter­rei­chi­sche Bur­gen­land, wo hun­der­te Zwangs­ar­bei­ter im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­zweif­lungs­pro­jekt „Süd­ost­wall“ zu To­de ge­schun­den wur­den, son­dern für al­le Or­te, wo die Un­ta­ten der Na­zi­herr­schaft ver­gra­ben und ver­ges­sen sind.

Der Ro­man spielt im Au­gust des Jah­res 1989 und doch scheint die Zeit seit Jahr­zehn­ten „im Grun­de ste­hen ge­blie­ben“, denn die al­ten Ge­sell­schafts- und Ge­sin­nungs­struk­tu­ren le­ben fort. Zwar sind die Ewig­gest­ri­gen „Dun­kel­blu­mer Hei­mat­sa­gen“ wei­ter­le­sen

A🏆ypse now”

Daniel Wisser schreibt in „Wir bleiben noch“ über das Schräge und das Schöne unserer Zeit

Vic­tor wur­de klar, dass er die Re­ak­ti­on der Fa­mi­lie un­ter­schätzt hat­te. Doch er hat­te auch sei­nen ei­ge­nen Wi­der­stands­geist un­ter­schätzt. In dem Mo­ment, in dem sei­ne ei­ge­ne Mut­ter ihm sei­ne Kind­heits­fo­tos aus­hän­dig­te, weil sie da­für nach ei­ge­nen Wor­ten kei­nen Platz mehr hat­te, in dem Mo­ment, in dem sie zu­sam­men mit sei­ner Tan­te mit al­len recht­li­chen Mit­teln ge­gen den Letz­ten Wil­len der ei­ge­nen Mut­ter vor­ging, be­gann Vic­tor, sie und ih­re gan­ze Ge­nera­ti­on zu ver­ach­ten. Ih­re El­tern hat­ten kämp­fen müs­sen, da­mit die Kin­der über­leb­ten, da­mit sie zur Schu­le, zur Uni­ver­si­tät ge­hen und im Wohl­stand le­ben konn­ten. Doch als die Ge­nera­ti­on von Vic­tors Mut­ter und Tan­te Mar­ga­re­te in ih­rer Ju­gend ih­re Scheini­dea­le aus­ge­lebt hat­te, wähl­te sie Rechts­par­tei­en und for­der­te die Schein­mo­ral, die sie an ih­ren El­tern kri­ti­siert hat­te, neu­er­dings von ih­ren Nach­kom­men. Da­bei sprach sie über ih­re Ju­gend so we­nig wie die Kriegs­ge­nera­ti­on, der sie ihr Schwei­gen im­mer zum Vor­wurf ge­macht hat­te. Sie hat­te ei­nen ma­xi­ma­len Ge­winn aus dem wach­sen­den Wohl­stand in ih­rer Ju­gend, aus den Ar­beits­be­din­gun­gen der 60er- bis 90er-Jah­re und schließ­lich aus ih­ren Pen­sio­nen, von de­nen die Ge­nera­ti­on ih­rer Kin­der nur träu­men konn­te. Das Frie­dens- und Frei­heits­ge­schwätz, mit dem sie ih­ren El­tern und sich selbst auf die Ner­ven ge­fal­len war, küm­mer­te sie nicht mehr. Die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, die ih­nen ih­ren Wohl­stand ver­schafft hat­ten, küm­mer­ten sie nicht mehr. Sie wa­ren Rechts­po­pu­lis­ten ge­wor­den, weil nun kein Platz mehr war. Ei­ne trä­ge, selbst­ge­rech­te, un­mensch­li­che Generation.“

Wie wür­de Vic­tor die neu­es­ten po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in sei­nem Hei­mat­land Ös­ter­reich kom­men­tie­ren? Über­rascht vom Kor­rup­ti­ons­ver­dacht ge­gen Kurz und Co wä­re der über­zeug­te So­zi­al­de­mo­krat wohl kaum. Des­sen Sicht auf Po­li­tik und un­se­re west­li­che Ge­sell­schaft würzt Wis­ser mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie. Sei­nen Hu­mor gab Wis­ser be­reits in „Die Let­ten wer­den die Es­ten sein“ zu er­ken­nen, ei­ne Pro­duk­ti­on sei­ner Band „Ers­tes Wie­ner Heim­or­gel­or­ches­ter“ und er ver­sieht ihn mit bit­te­ren An­klän­gen in sei­nem neu­en Ro­man „Wir blei­ben noch“.

Die Lust an der sprach­spie­le­ri­schen Sa­ti­re scheint et­was Ös­ter­rei­chi­sches zu sein. Sie prägt die Li­te­ra­tur von Wolf Haas eben­so wie die von Mi­cha­el Zie­gel­wag­ner. Es muss an der Luft oder am viel be­sun­ge­nen Wie­ner-Blut A🏆ypse now”“ wei­ter­le­sen

Die Grundfarben der Vorvergangenheit

In „Die Bagage“ ordnet Monika Helfer ihre Familiengeschichte mit Gefühl und Phantasie

So viel ge­schieht, und es ge­schieht ne­ben­ein­an­der, auch wenn es nach­ein­an­der ge­schieht. Wie auf den Bil­dern von Pie­ter Brue­gel dem Äl­te­ren. Ich ha­be es pro­biert. Ein biss­chen kann ich ma­len. Aber ich war nie da­mit zu­frie­den. Wä­re ich doch ei­ne Mu­si­kan­tin! Die Grund­far­ben mei­ner Vor­ver­gan­gen­heit sind fast al­le im Be­reich von Braun. Ocker, Kuh­stall­warm, die Far­be der Kuh­stäl­le ist braun. Weich. Oder ge­fro­re­ne Er­de, ei­sig und ei­sen­hart, über­zo­gen mit ei­nem Ei­sen­hauch von Grau. Mit der Zun­ge blieb ich an ei­nem ei­si­gen Mor­gen im Jän­ner an der Tür­schnal­le hän­gen, an­ge­fro­ren, und ha­be mit ein Stück Haut abgerissen. (…) 
Die Er­in­ne­rung muss als heil­lo­ses Durch­ein­an­der ge­se­hen wer­den. Erst wenn man ein Dra­ma dar­aus macht, herrscht Ordnung.“

Die­se Ge­dan­ken Mo­ni­ka Hel­fers fin­den sich in „Die Ba­ga­ge“, dem Ro­man, der ih­re ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te zum Ge­gen­stand hat. Sie zei­gen Hel­fers Ver­such, den Er­in­ne­run­gen na­he zu kom­men, die fa­mi­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen zu er­fas­sen, und zu­gleich ih­re Vor­ge­hens­wei­se, Er­zähl­tes mit Er­dach­tem zu ver­bin­den. Ei­ne gro­ße Rol­le spie­len ih­re As­so­zia­tio­nen, die sie beim Er­zäh­len und Be­ob­ach­ten be­fal­len. Und auch beim Hö­ren, denn in vie­len De­tails stützt die Au­torin sich auf die Er­zäh­lun­gen ih­rer „Die Grund­far­ben der Vor­ver­gan­gen­heit“ wei­ter­le­sen

Die Letzten ihrer Art

In „Toko“ erzählt Erwin Uhrmann von Weltuntergang und Zivilisationsverdruss

Was, wenn die Welt für uns ge­nau so zer­fällt, wie für die­sen Rie­sen. Das Fun­da­ment all des­sen, was er als si­cher emp­fand, wur­de ge­ra­de ge­sprengt. Am liebs­ten wä­re er un­ter den Sau­ri­er ge­kro­chen und hät­te sich versteckt.“

Sau­ri­er spie­len die ih­nen na­tur­ge­mäß gro­ße Rol­le in Er­win Uhr­manns neu­em Ro­man „To­ko“. Sei­ne Lie­be für skur­ri­le Tie­re be­wies der ös­ter­rei­chi­sche Schrift­stel­ler be­reits in sei­nen 2014 er­schie­nen Ro­man „Ich bin die Zu­kunft“, der mich sehr be­ein­druck­te. Wäh­rend dort schil­lern­de Neu­zeit­kä­fer die über­hitz­te Land­schaft be­völ­kern, ver­lie­ren im neu­en Werk „To­ko“ Ur­zeit­tie­re ih­ren letz­ten Glanz. Die Ge­schich­te führt den Le­ser je­doch nicht, wie man mei­nen könn­te, in ei­ne weit zu­rück­lie­gen­de Ver­gan­gen­heit, son­dern in ei­nen ma­ro­den Sau­ri­er­park im wei­te­ren Um­kreis Wiens.

Dort steht das Mo­dell ei­nes Di­no­sau­ri­ers, der als Little­foot in ei­nem Zei­chen­trick­film Fu­ro­re mach­te. Nun ziert er das Co­ver des Romans.

Heißt Little­foot hier jetzt To­ko? Oder be­deu­tet To­ko et­was ganz an­de­res? Im Grie­chi­schen heißt die Schwan­ger­schaft To­ko, ein re­nom­mier­tes Schwei­zer Ski-Wachs trägt die­sen Na­men, eben­so wie der dä­ni­sche Wil­helm Tell, es exis­tiert ei­ne Vo­gel­art die­ses Na­mens, ein Fuß­ball­spie­ler, ein Twit­ter­ac­count und tat­säch­lich hört auch ein Hund auf ihn, wie ei­ne In­ter­net­su­che offenbart.

Auch der Hund im Ro­man heißt To­ko. Oder ist es viel­leicht gar kein Hund, wie der Klap­pen­text raunt? Spä­ter wird so­gar von ei­nem wei­te­ren To­ko die Re­de sein, dem Grün­der und In­ha­ber des Parks. Doch auch die­se In­for­ma­ti­on zer­streut nicht die Skep­sis der Le­se­rin. Viel­leicht ist To­ko „Die Letz­ten ih­rer Art“ wei­ter­le­sen

Literaturpreis–Glücksspiel

Literaturpreis Alpha 2015

Nach­dem in die­sem Jahr ei­ne Ver­qui­ckung von Nach­läs­sig­keit und Über­druss mich von Li­te­ra­tur­prei­sen fern­hielt, soll ei­ner doch Be­ach­tung fin­den, al­lei­ne, weil ich die Kom­bi­na­ti­on von Ca­si­no und Hoch­kul­tur un­nach­ahm­lich fin­de. Ist das ei­gent­lich schon nach Las Ve­gas vor­ge­drun­gen? Viel­leicht bau­en sie ja dort ei­ne schö­ne Ko­pie des Frank­fur­ter Rö­mer und ver­an­stal­ten ein DBP-Remake?

In un­se­rem Nach­bar­land sind sie schon seit 2010 so weit. Fe­lix Aus­tria hat in den gleich­na­mi­gen Ca­si­nos nicht nur Glück beim Spiel, son­dern auch mit der Kul­tur­för­de­rung. Die ist im Fal­le des Al­pha-Prei­ses „Literaturpreis–Glücksspiel“ wei­ter­le­sen

Ein letzter Zipfel Monarchie

Michael Ziegelwagner sinniert in „Der aufblasbare Kaiser“ über den Moment

roBerlin_Ziegelwagner_128x209_LT.inddBü­cher fal­len mit­un­ter schon durch ihr Äu­ße­res ins Au­ge. So ver­spricht der neue Ro­man Der auf­blas­ba­re Kai­ser durch sei­nen Ti­tel, das Por­trät ei­nes Dan­dys mit Por­no­bril­le und das Fo­to des Au­tors mit Ni­ckel­bril­le ge­ball­te Skur­ri­li­tät. Als Ös­ter­rei­cher, Sa­ti­ri­ker und Mit­glied der Ti­ta­nic-Crew kom­men­tiert Mi­cha­el Zie­gel­wag­ner un­se­re „voll­um­fäng­li­che Da­seins­un­si­cher­heit“. Un­ter die­ser lei­det, ähn­lich den Fi­gu­ren Wil­helm Ge­n­azi­nos, Zie­gel­wag­ners Prot­ago­nis­tin, die 26-jäh­ri­ge Ve­ra Beacher. Sie notiert:

An­nah­me 1. Das Le­ben ist nichts wert, wenn es uns nicht ge­lingt hin und wie­der ei­nen Mo­ment herauszulösen. 
An­nah­me 2. Was wir her­aus­lö­sen, soll au­ßer­ge­wöhn­lich sein. 
An­nah­me 3. Un­se­re wich­tigs­ten Er­fah­run­gen soll­ten wir am An­fang un­se­res Le­bens ma­chen. Wir wer­den sie noch ha­ben, wenn die meis­ten Men­schen, die sie ge­teilt ha­ben, weg­ge­stor­ben sind. Sie ge­hö­ren uns dann exklusiv.
An­nah­me 3a. Dar­um soll­te mög­lichst et­was Ab­ster­ben­des in un­ser Le­ben ge­ret­tet wer­den, das uns mög­lichst früh ex­klu­siv gehört.“ 

Auch die­se An­ge­stell­te lang­weilt sich im Amt dem Ru­he­stand ent­ge­gen, un­ter Auf­sicht ih­res fa­den „Ein letz­ter Zip­fel Mon­ar­chie“ wei­ter­le­sen

Alpha-Preis 2014 – Die Shortlist

Alpha, Beta und die anderen

Auf den Al­pha-Preis bin ich im letz­ten Jahr auf­merk­sam ge­wor­den. Al­pha? Nein, nix Sek­te und Sci­ence, wo­bei sich das ja eh per de­fi­ni­tio­nem aus­schließt, son­dern Glücks­spiel und Li­te­ra­tur. Das passt! Ist es nicht oft ei­ne Fra­ge des Glücks, wer auf wel­chen Li­te­ra­tur­preis­lis­ten lan­det und ist nicht letzt­end­lich al­les ei­ne Fra­ge des Geldes?

So er­scheint es fast fol­ge­rich­tig, daß die Ca­si­nos Aus­tria heu­er zum fünf­ten Mal das li­te­ra­ri­sche Glücks­spiel um den Al­pha-Preis aus­schrei­ben. Er­son­nen von Vor­stands­di­rek­tor Mag. Diet­mar Ho­scher (ein wei­te­rer Grund im nächs­ten Le­ben die Ge­burt in Ös­ter­reich an­zu­stre­ben, dort trägt man den Ma­gis­ter als Ti­tel) för­dert der Preis Nach­wuchs­ta­len­te (sic!). Ein­zi­ge Be­din­gun­gen, sie müs­sen ech­te Ös­ter­rei­cher oder Wahlös­ter­rei­cher sein, not­falls reicht auch ein ös­ter­rei­chi­scher Ver­lag und sie dür­fen nicht mehr als drei (sic!) li­te­ra­ri­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen aufweisen.

Ist dies er­füllt, kön­nen sie ihr Buch ein­rei­chen. Aus der Flut an Li­te­ra­tur trifft „Al­pha-Preis 2014 – Die Short­list“ wei­ter­le­sen

Alpha-Preis 2013

Literatur und Glücksspiel

Die ge­gen­sei­ti­ge Wahr­neh­mung li­te­ra­ri­scher Neu­erschei­nun­gen scheint in­ner­halb der deutsch­spra­chi­gen Nach­bar­län­der noch im­mer dis­kre­pant zu sein. Dies stell­te jüngst die ös­ter­rei­chi­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl, die in die­sem Jahr den Al­fred-Kerr-Preis für Li­te­ra­tur­kri­tik er­hielt, in ei­nem In­ter­view her­aus. Auch im Bei­trag des ös­ter­rei­chi­schen Li­te­ra­tur­ge­flüs­ters zum Deut­schen Buch­preis kling die­ses an.

Der­art sen­si­bi­li­siert weck­te die Be­kannt­ga­be der Short­list des ös­ter­rei­chi­schen Buch­prei­ses Al­pha be­son­de­res In­ter­es­se bei mir. Es han­delt sich um neun Ti­tel von neun Au­toren, die mir zum Teil durch ih­re Le­sun­gen im Bach­mann­wett­be­werb be­kannt sind, dar­un­ter Isa­bel­la Fei­mer, Ju­lya Ra­bi­nowich und Cor­du­la Si­mon. „Al­pha-Preis 2013“ wei­ter­le­sen

Die Traumblätter des Trafikanten

Robert Seethalers melancholischer Wienroman „Der Trafikant”

seethaler_trafikant_3D15. April 1938

Im Pra­ter geht ein Mäd­chen, es steigt ins Rie­sen­rad, über­all blit­zen Ha­ken­kreu­ze, das Mäd­chen steigt im­mer hö­her, plötz­lich bre­chen die Wur­zeln, und das Rie­sen­rad rollt über die Stadt und walzt al­les nie­der, das Mäd­chen juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein Wolkenfetzen.“(S. 180)

Je­der träumt, vie­le er­in­nern sich ih­rer Träu­me, man­cher er­zählt sie wei­ter. Doch wer kommt schon auf die Idee sei­ne Träu­me in der Öf­fent­lich­keit aus­zu­hän­gen? Da müss­te man lan­ge su­chen, erst recht in Wien vor acht­zig Jah­ren. Auch wenn dort zu die­ser Zeit der Traum­fach­mann des Jahr­hun­derts lebt, Sig­mund Freud. Nach des­sen An­wei­sung no­tiert der jun­ge Franz sei­ne Träu­me und hängt die­se an das Fens­ter der Trafik.

Wie es so­weit kam und was da­nach ge­schah, schil­dert Ro­bert Seet­ha­ler in sei­nem neu­en Ro­man Der Tra­fi­kant. Von Hei­mat und Lie­be, von Freund­schaft und Tod, kurz „Die Traum­blät­ter des Tra­fi­kan­ten“ wei­ter­le­sen

Erinnerung an den Vater

In „Engel des Vergessens“ erzählt Maja Haderlap vom Kampf der Kärntner Slowenen

Nun hat das Wäld­chen sei­ne Ver­traut­heit ver­lo­ren. Es hat sich dem gro­ßen Wald an­ge­schlos­sen und sich in ein grü­nes Meer ge­wan­delt, voll spit­zer Na­deln und scharf­kan­ti­ger Schup­pen, mit ei­nem wo­gen­den, aus­ufern­den Un­ter­holz aus rau­en Borken.”

Ein Mäd­chen sieht den Wald plötz­lich mit an­de­ren Au­gen. So setzt sie ein die Le­sung von Ma­ja Ha­der­lap, der letzt­jäh­ri­gen Preis­trä­ge­rin des Bach­mann-Wett­be­werbs in Kla­gen­furt. Kla­gen­furt am Wör­ther­see, nicht weit von der ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze zu Slo­we­ni­en ge­le­gen, ist heu­te Wohn- und Ar­beits­ort der Au­torin. In der Ver­gan­gen­heit fuhr sie nach Kla­gen­furt zur Schu­le, wohn­te dort wäh­rend der Wo­che, ih­re Hei­mat, ihr Zu­hau­se lag in den be­wal­de­ten Tä­lern um Ei­sen­kap­pel, in den Grä­ben mit ih­ren Hub­en. Dort in der Wald­dun­kel­heit zwi­schen Brom­beer­sträu­chern und Pilz­plät­zen kämpf­ten die Par­ti­sa­nen ge­gen die Na­zi­scher­gen. Da­von er­zählt En­gel des Ver­ges­sens, der ers­te Ro­man der Dich­te­rin und Dra­ma­tur­gin in sei­ner poe­ti­schen deut­schen Spra­che. Das Deut­sche, so Ha­der­lap, las­se sie zu den Er­eig­nis­sen der Ver­gan­gen­heit den Ab­stand ein­neh­men, der ihr das Er­zäh­len erst er­mög­li­che. Die 1961 ge­bo­re­ne Au­torin hat den Wi­der­stand der Kärnt­ner Slo­we­nen ge­gen die Un­ter­drü­ckung und Grau­sam­keit der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nicht selbst er­lebt. Aber sie ist in ei­ner Ge­mein­schaft auf­ge­wach­sen, die noch tie­fe Spu­ren der Trau­ma­ti­sie­rung trug. Nicht nur die Men­schen, die Par­ti­sa­nen, de­ren Fa­mi­li­en, die Nach­barn und Wald­be­woh­ner zeig­ten un­heil­ba­re Ver­let­zun­gen. Auch die Na­tur er­in­nert an den Krieg. „Der Krieg hat sich in un­se­ren Grä­ben in den Wald zu­rück ge­zo­gen, er hat die Wie­sen und Äcker, Hü­gel und Hän­ge, die Berg­leh­ne und Bach­bet­te zu sei­nem Kampf­platz gemacht, …“

Al­le Be­woh­ner des Tals ha­ben Ge­schich­ten von Angst und Ge­walt zu er­zäh­len. Der Va­ter dien­te, selbst noch ein Kind, den Par­ti­sa­nen als Mel­de­bo­te, die Groß­mutter be­rich­tet von ih­rer Ge­fan­gen­schaft in Ra­vens­brück. Auch die nicht un­mit­tel­bar Be­tei­lig­ten, ih­re Mut­ter und die Ge­schwis­ter, lei­den, sie wer­den von den be­ängs­ti­gen­den Aus­brü­chen des trau­ma­ti­sier­ten Va­ters ge­quält. Die­sem Va­ter, dem zwölf­jäh­ri­gen Par­ti­sa­nen, der von der Na­zi­po­li­zei ge­fol­tert, den Gräu­eln des Krie­ges ent­rin­nen konn­te, wid­met die Au­torin ihr Buch. Er ist ih­re Haupt­per­son, de­ren Schick­sal sie be­glei­tet. In­dem sie von ihm er­zählt, von sei­nen Er­in­ne­run­gen, von sei­nem Le­ben, vom Holz­fäl­len und Ja­gen und von sei­ner Ver­zweif­lung. Als Kind gab sie ihm das stil­le Ver­spre­chen, „ihn auf sei­nen Heim­we­gen und sei­nen Schul­we­gen zu be­glei­ten, auf den We­gen in die­se Land­schaft viel­leicht oder in sei­ne Er­in­ne­rung. Als Schrift­stel­le­rin löst sie dies nun ein. Mit der ihr ei­ge­nen poe­ti­schen Spra­che führt sie in die Hei­mat und Häu­ser ih­rer Kind­heit. Ne­ben den Schre­cken der zu­rück­lie­gen­den Er­in­ne­rung be­stim­men auch gu­te Er­fah­run­gen ihr Kind­heits­bild. Be­son­ders die Groß­mutter trägt da­zu bei, die ih­re En­ke­lin mit Stär­ke und Wär­me schützt. Auf ih­re Lei­tung ver­traut sie in der oft ori­en­tie­rungs­lo­sen Fa­mi­lie. „Kaum setzt sie sich in Be­we­gung, fol­ge ich ihr. Sie ist mei­ne Bie­nen­kö­ni­gin und ich bin ih­re Droh­ne. Ich ha­be den Duft ih­rer Klei­dung in der Na­se, den Ge­ruch nach Milch und Rauch, ei­nen Hauch von bit­te­ren Kräu­tern, der an ih­rer Schür­ze haf­tet. Sie gibt mir den Rund­tanz vor und ich tänz­le ihr nach.“

Kurz vor der Ma­tu­ra stirbt die Groß­mutter. Ihr Tod bil­det ei­ne Zä­sur im Le­ben der Er­zäh­le­rin, die man auch in der Er­zähl­wei­se zu spü­ren ver­meint. Um Nu­an­cen nüch­ter­ner be­rich­tet sie von den po­li­ti­schen Zu­stän­den, über die im­mer noch vor­herr­schen­den Res­sen­ti­ments ge­gen die eins­ti­gen Frei­heits­kämp­fer. Im­mer noch wird die Ge­schich­te der slo­we­ni­schen Min­der­heit ver­fälscht dar­ge­stellt. Man­che Be­woh­ner ver­las­sen ih­re Hei­mat, um den Er­in­ne­run­gen und Be­geg­nun­gen zu ent­ge­hen. Bei den Zu­rück­ge­blie­be­nen weckt die Kriegs­dro­hung Ju­go­sla­wi­ens gro­ße Verzweiflung.

Die Er­zäh­le­rin ent­schließt sich zum Stu­di­um der Thea­ter­wis­sen­schaft, das sie nach Wien führt und von Grä­ben und Wäl­dern ent­fernt. Dort träumt sie von den Per­so­nen ih­rer Hei­mat. Träu­me, die als sur­rea­les Ele­ment Un­be­wuss­tes mit Rea­lem mi­schen. Mit ih­rem Va­ter bleibt sie eng ver­bun­den durch den un­un­ter­bro­che­nen Ver­such ihn zu ver­ste­hen. In ei­nem der letz­ten Ka­pi­tel, dem Va­ter­ka­pi­tel, schil­dert sie wie es zu sei­nem Ver­hal­ten kam, das sie nun als krank­ma­chen­des Kriegs­t­rau­ma er­kennt. Als der Va­ter stirbt bleibt der Toch­ter die­se Er­in­ne­rung, der En­gel des Ver­ges­sens hat ver­ges­sen sie zu tilgen.

Ich fürch­te, dass sich der Tod in mir ein­ge­nis­tet hat, wie ein klei­ner schwar­zer Knopf, wie ei­ne dunk­le Spit­zen­flech­te, die sich un­sicht­bar über mei­ne Haut zieht.“

Im Ar­chiv des Bach­mann-Wett­be­werbs fin­den sich Auf­zeich­nun­gen von Le­sung und Dis­kus­si­on so­wie ein Text­aus­schnitt und In­for­ma­tio­nen zur Autorin.

 Ma­ja Ha­der­lap, En­gel des Ver­ges­sens, Wall­stein Ver­lag, 4. Aufl. 2011