Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schicksal gewollt und es hat keinen anderen Weg gegeben.“

Auch der aktuelle Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev behandelt die politischen wie religiösen Gegensätze ihres Heimatlandes. Sie schüren die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, Aufklärung und orthodoxem Glauben, Besatzern und Besetzten sowie die Kluft zwischen Mann und Frau. Ist dies alles unabwendbares „Schicksal“, wie der Titel des Romans insinuiert?

Schicksalhaft verbunden schildert Shalev das Leben, man könnte auch sagen das Leiden, ihrer Protagonistinnen Rachel und Atara, deren personale Erzählstimmen in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen. Da ist zum einen die betagte Rachel, deren Geschichte in die Anfänge des modernen Israels führt. Sie erzählt, was sie als junge Frau bei den Lechi erlebte, einer Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die „Das Leiden der Sündenböcke“ weiterlesen

Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ in unserem Literaturkreis zum Vorschlag kam, hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Der Titel erinnerte mich zwar an einen ZDF-Fernsehfilm, die Platzierung des Romans auf der SWR-Bestenliste sprach jedoch gegen meine Einschätzung. Leider haben sich die positiven Erwartungen nicht eingelöst. Anders als viele Kritiker in überschwänglichen Rezensionen betonen, verspüre ich keine Begeisterung. Auch meine Mitstreiterinnen im Literaturkreis fühlen sich durch Kriens Roman an die Frauenliteratur der Achtziger erinnert.

Damals legten die Verlage eigene Reihen zur Rolle der Frau in der Gesellschaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buchhandlungen machten ganze Regalmeter frei. Dort stand dann Beziehungs-Emanzipations-Selbstfindungsprosa, wie Judith Jannbergs programmatischer Titel„Ich bin ich“, an den mich „Die Liebe im Ernstfall“ nun gut vierzig Jahre später erinnert. Man sollte meinen, daß sich in der Zwischenzeit die Rolle der Frau in der Gesellschaft gewandelt hat.

In unserer Diskussionsrunde blieben leider ausgerechnet bei diesem „Tod und Tränen in der Hängematte“ weiterlesen

Psychische Landvermessung

In Hanns-Josef Ortheils „Das Kind, das nicht fragte“ sucht ein Scheuer sich selbst und wird nicht nur vom Fruchtkörper Siziliens beglückt

-(…) mein Wissen ist ganz und gar intuitiv.
-Intuitiv?! Aber das ist ja unglaublich.
-Manchmal weiß ich bestimmte Dinge durch Intuition. Im Deutschen gab es in früheren Jahrhunderten dafür einmal das schöne Wort ‚Ahndung‘.
-‚Ahn-dunk‘? Spreche ich es richtig aus?
-Perfekt.
-‚Ahn-dunk‘, ‑das ist ein geheimes Wissen, das die anderen nicht haben? Wissen, an das man durch Überlegung nicht herankommt?
-Ja, es ist Wissen, das aus dem Dunkeln kommt, Dunkelwissen.“

Selten hat mich ein Roman so zwiegespalten zurückgelassen! Es handelte sich um meinen zweiten Anlauf, denn ich hatte „Das Kind, das nicht fragte“ von Hanns-Josef Ortheil schon einmal beiseite gelegt. Zu stark erinnerten mich die Anfangsszenen und Eigenheiten der Hauptfigur an den 2011 erschienen Roman „Liebesnähe“. Dazu zählten das Möbelrücken in der fremden Unterkunft, das Einrichten des Schreibplatzes mit Stiften, Papier und einem zu Zweck und Tageszeit passendem Getränk. Gewohnheiten, zu denen sich Ortheil selbst in Interviews bekennt.

Eine Reise in den Südosten Siziliens, der Handlungsregion des Romans, hat mich allerdings erneut zur Lektüre bewogen. Um es vorab zu sagen, ich habe es nicht bereut, mich aber oft gewundert.

Das Kind, das nicht fragte“ ist ein Roman voller Gegensätze, was seine Handlung, die Art der Darstellung und die Entwicklung der Hauptfigur angehen. Die Eitelkeit des Protagonisten, die „Psychische Landvermessung“ weiterlesen

Lügen machen schöne Beine

Ayelet Gundar-Goshen konstruiert ihren neuen Roman „Die Lügnerin“ nach dem Aschenputtelprinzip

Die Faustschläge beeindruckten weder die beiden Beamten ihm gegenüber noch den Holztisch. Der hatte in seinem Leben schon so viele Hiebe einstecken müssen, mal von den Verhörten, mal von den Verhörenden, dass er seit Langem jede Hoffnung auf Rettung verloren hatte. Seine Brüder vom Fließband standen in öffentlichen Büchereien, bei der Post, einer hatte es sogar ins Einwohnermeldeamt geschafft, aber dieses Exemplar hatte Pech gehabt und war im Polizeirevier an der Hauptstraße gelandet.“

Die 1982 geborene Israelin Ayelet Gundar-Goshen kennt als Psychologin das menschliche Verhalten und die Fallstricke, in die es sich gelegentlich verfängt. Ebenso beherrscht sie als Drehbuchautorin die Konstruktion eines spannenden Plots. Bewiesen hat sie dies in ihrem vorletzten Roman „Löwen wecken“, der was nahe liegt zur Zeit als TV-Serie produziert wird. Diese Karriere, wenn man es so bezeichnen möchte, könnte auch dem aktuellen Werk, Die Lügnerin“ , bevorstehen. Das Ergebnis wird jedoch bestenfalls in der All-Age-Abteilung zu finden sein. Allerdings ist es nicht nur die jugendliche Hauptfigur, die den Roman der gleichaltrigen Zielgruppe zuordnet.

Die 17-jährige Nuphar, ein von äußeren wie inneren Problemen geplagter Teenager, jobbt in den Ferien an der Eistheke. Dort muss sie eines Tages nicht nur ihre ehemals beste Freundin und deren neue Clique der beliebtesten Kids der Schule bedienen. Sie trifft nach dieser Demütigung zudem „Lügen machen schöne Beine“ weiterlesen

Unter dem Vulkan

Verena Carls sprachschöner Roman „Die Lichter unter uns“ erstickt stilsicher am Pathos

Wer will was von wem woraus.“ 

Dieser im Roman zitierte juristische Merksatz könnte als sein Leitmotiv durchgehen, denn fast alle Figuren in Verena Carls „Die Lichter unter uns“ befinden sich auf der Suche. Wonach scheint ihnen jedoch selbst verborgen.

Anna sucht Aufmerksamkeit, ihr Mann Jo Sicherheit, Alexander seine Vitalität und seine junge Geliebte sowie sein erwachsener Sohn suchen nicht unähnlich der 11-jährigen Judith, Tochter von Anna und Jo, den Ausweg aus dem Dschungel des Erwachsenwerdens. Einzig Bruno, Judiths kleiner Bruder, sucht und findet mit kindlicher Sorglosigkeit in einer Taucherbrille mit Schnorchel sein einstweiliges Glück.

Anna, die nach zwölf Jahren Ehe, mit ihrer Familie einige Tage in Taormina verbringt, dem Ort ihrer Flitterwochen, steht im Mittelpunkt der multiperspektiv erzählten Geschichte. Sie sondiert ihre Befindlichkeiten, ‑wann fände man besser Zeit als im Urlaub‑, und stellt ihr Familienleben wie „Unter dem Vulkan“ weiterlesen

Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Alle, die du liebst“ lautet der Titel des im vergangenen Jahr erschienenen Romans von Georg M. Oswald. Doch anders als er vermuten lässt, handelt es sich um ein ausgesprochenes „Männerbuch“. Aus diesem Grund hat Mann es für unseren Literaturkreis gewählt. Der Verantwortliche fand sein Geschlecht in unseren letzten Lektüren nur unzureichend vertreten, auch wenn ein Blick auf unsere Leseliste diese Aussage nur bedingt zulässt. Wem also Lüschers oder Espedals Helden zu abgehoben erscheinen, den erwartet laut Klappentext in diesem Roman eine „pointierte Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, die Georg M. Oswald auf kluge und erzählerisch mitreißende Weise dazu nutzt, wie durch ein Brennglas auf unsere westeuropäische Befindlichkeit zu schauen“.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der alternde Anwalt Hartmut Wilke. Er hadert mit seinem Leben, seinen Irrungen und Wirrungen. Dazu zählen die Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau, die er zu spät als seine wahre, große Liebe erkennt, die Entfremdung von den inzwischen erwachsenen Kindern, seine zu junge Geliebte, deren Ansprüchen er nicht zu genügen fürchtet, sowie die Steueraffäre seiner Kanzlei.

Am dringendsten drückt ihn die Distanz zu seinem Sohn. Seit dessen Kindheit war das Verhältnis schwierig, seit der Trennung steht Erik endgültig auf der Seite seiner Mutter. Wilke plagen Schuldgefühle, was sich übrigens als permanente Gefühlslage durch den Roman zieht. So ergreift er Deutsche Frauen sind ein Problem““ weiterlesen

Pinkelbaum und Schnarchmuseum

Was ein amerikanisches Journalisten-Trio beeindruckt

Großartig las sich der Ankündigungstext des Verlags. Als dem Skurrilem zugeneigte Historikerin bekam ich sofort Lust, diese Sammlung der „seltsamsten, abgelegensten (sic!) und sonderbarsten Orte“ zu studieren.„Liebevoll ausgestattet“ versprach sie, die trübe Jahreszeit unterhaltsam und anregend zu erhellen. Doch das Bunte ist in Wirklichkeit meist grau, das erkannte schon der Erzähler in Marcel Prousts Erinnerungswerk, sobald er zu den Orten gelangte, von denen er geträumt hatte.

So ergeht es mir auch im Atlas Obscura. Als Lehnstuhlreisende benötige ich fast eine Lupe, um die wenig qualitätvollen Fotografien zu erkunden, die oft in geringem Format abgebildet sind. Die schlechte Papierqualität vergeigt die Optik noch mehr und nicht nur das. Das beige Recyclingpapier verströmt einen Geruch, der das Blättern verleidet. Normalerweise sind dies Kriterien, die in meinen Rezensionen keine Rolle spielen. Ein großformatiges, auf Ausstattung angelegtes Handbuch sollte in seinem Auftritt jedoch auch olfaktorisch tadellos sein, sonst gibt’s keinen Platz auf dem Coffeetable.

Das rote Lesebändchen des von den amerikanischen Journalisten Joshua Foer, Dylan Thuras und Ella Morton verfassten Werks, das Orte jenseits der „immer gleichen Nullachtfünfzehn Attraktionen“ entdeckt haben will, markiert Battleship Island (S. 205), eine Betonruineninsel nahe Nagasaki, die an ein „Pinkelbaum und Schnarchmuseum“ weiterlesen

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut.“

Meine einzige Identität ist eine politische“, lautet das Bekenntnis einer Figur im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil. Bekannt geworden durch ihren Erfolg Die Gierigen ist sie nun mit dem bei Ullstein erschienenen und von Maja Ueberle-Pfaff ins Deutsche übertragenen aktuellen Roman Die Zeit der Ruhelosen entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb er beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und beim „Literarischen Quartett“ des Südwestfunks auf dem Programm stand.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Männer, François, Romain und Osman, deren Erleben Tuil in alternierenden Kapiteln erzählt, sowie Marion, die zwischen zweien dieser Männer steht.

François Vély leitet einen Konzern der französischen Mobilfunkbranche und ist einer der reichsten Männer des Landes. Der Vater dreier Kinder aus erster Ehe ist zum zweiten Mal mit „Pathos mit Klischee“ weiterlesen

Leseschonkost

Mit der Ausgrabung von J. L. Carrs „Ein Monat auf dem Land“  erschliesst Dumont sanften Lesestoff

Und wer weiß, vielleicht könnte ich anschließend einen Neuanfang machen und vergessen, was der Krieg und die Streitereien mit Vinny bei mir angerichtet hatten, und ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Das war es, was ich brauchte, dachte ich – einen Neuanfang, und hinterher würde ich vielleicht kein allzu Versehrter mehr sein. Nur die Hoffnung hält uns aufrecht.“

Wer vor 30 Jahren ein konfessionelles Krankenhaus meiner bischöflichen Heimatstadt aufsuchte, tat gut daran seine eigene Lektüre dabei zu haben. Die Auswahl der Angebote im Wartezimmer beschränkte sich neben Bibeln und Gebetbüchern auf die kleinformatigen Magazine, in denen Reader’s Digest das vermeintlich Beste seinen Lesern präsentierte: gekürzte Romane und kleine Geschichten, denen alles Ungute fehlte. Passend für das Milieu dieses Ortes zeigte so bereits der Lesestoff Sedierung und präzise Chirurgie.

Heutzutage findet man diese Hefte kaum noch, einen Ersatz „Leseschonkost“ weiterlesen

Das Tagebuch aus Márais „Die Glut“

In „Hallgatás“ versucht Ursula Pecinska die Fragen aus Márais „Der Glut“ zu beantworten

pecinskaUnverständlich bleibt mir Dein Schweigen, Henrik! Ich aber kann nicht länger schweigen. Ich breche heute mein Gelübde und werde ein lange gehütetes Geheimnis preisgeben.“

Seit 1999 Sándor Márais Roman „Die Glut“ für den deutschsprachigen Buchmarkt wieder entdeckt wurde, überzeugt er durch sein spannendes Konstrukt und psychologische Tiefe. Unzählige Leser sind begeistert, wovon zahlreiche Auflagen und Übersetzungen künden. „Die Glut“ gilt heute mit Recht als Klassiker der europäischen Literatur.

Die Schweizer Schriftstellerin Ursula Pecinska regte er sogar zu einem eigenen Roman an. Sie will Sándors Werk nicht nur ergänzen, sondern das Geheimnis seiner Vorlage offenbaren. „Hallgatás“, benannt nach dem ungarische Wort für Schweigen, ist –so Pecinskas Fiktion- „Das Tagebuch der Krisztina“. Das, wie wir uns erinnern, am Ende von Márais Roman ungelesen in der Glut landet.

Verloren ist damit die Antwort darauf, was den Bund zwischen dem Paar Henrik und Krisztina und dem Freund Konrád auseinander sprengte. War Henriks Verdacht, Konrad wolle „Das Tagebuch aus Márais „Die Glut““ weiterlesen