Die schauerliche Stille brechender Herzen“

Vom Grausamen im Krieg und in der Liebe erzählt Anna Baar in „Als ob sie träumend gingen“

Klee liegt im Krankenbett oder eher im Sterbebett? In einer Anstalt für Kranke oder eher für Irre? Sein Name lautet Paul oder eher Pablo?

Klee ist die Hauptfigur in Anna Baars neuem Roman „Als ob sie träumend gingen“. Von seinen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen erzählt Baars namenloser Erzähler, der im Prolog bekennt: „Manches hat er mir erzählt, manches bilde ich mir ein, vieles wird geträumt sein oder ausgedacht.“

Klees Erinnerungen sind brüchig, nicht nur seines Zustands wegen, sondern aufgrund der grausamen Geschehnisse selbst, den erlebten Kriegsgräueln und den Verlusten, vor allem in der Liebe.

Klee kämpft gegen das Vergessen, weswegen er alles seinen Kassetten anvertraut, vor allem die Sache mit Lily. Beide kommen aus einem Dorf, das nicht konkret verortet ist. Baar will, wie sie in einem Interview betont, alle Geschehnisse ihres Romans nicht konkretisiert wissen. Doch liefert sie Hinweise genug, den Ort an der jugoslawischen Küste und die Zeit im zweiten Viertel des letzten Jahrhunderts zu lokalisieren. Immerhin wird im Die schauerliche Stille brechender Herzen““ weiterlesen

Eine vielköpfige, wunderliche Familie“

Tilmann Lahmes Biographie über die Manns schenkt neue Einblicke und ein großes Lesevergnügen

 

MannsAlle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

Dieser erste Satz in Tolstois Anna Karenina gilt auch für die Manns, die bekannteste Schriftstellerfamilie Deutschlands. Literatur über sie lässt sich in Regalmetern messen, nicht nur wegen der weltweit berühmten Werke ihres Oberhaupts, sondern weil sie alle zur Feder griffen.

Der Historiker und Germanist Tilmann Lahme, der 2009 mit einer Biographie über Golo Mann hervortrat, gewährt nun mit Die Manns: Geschichte einer Familie neue Einblicke. Bisher unbekannte Familienbriefe bilden die Grundlage seiner Analyse. Sie setzt im Frühjahr 1922 ein, als das Ehepaar Mann die Pubertätsprobleme ihrer Ältesten, Erika und Klaus, kurzerhand mit der Internatsverschickung löst. Sie endet im Jahr 2002 mit dem Tod der Tochter Elisabeth. Auf den gut 400 Seiten dazwischen erzählt Lahme von den Mitgliedern der Kernfamilie Mann mit gelegentlichen Seitenblicken auf die Schwiegereltern, den Bruder Heinrich und die Enkel.

Seine Hauptpersonen sind die acht Manns, Thomas, Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Im Familienjargon, Pielein, Mielein, Eri, Eissi, Moni, Medi, Bibi und das Eine vielköpfige, wunderliche Familie““ weiterlesen

Ehrenwerte Rebellin

Susanne Kippenberger porträtiert in Das rote Schaf der Familie Jessica Mitford und ihre Schwester

HB Kippenberger_978-3-443-24649-2_MR.inddDie Mitford Sisters sind in England eine nationale Legende, außerhalb des Commonwealth allerdings wenig bekannt. Lediglich eine der sechs Töchter von Lord und Lady Redesdale brachte es durch ihre Freundschaft mit Hitler zu historischem Ruhm. Das Schicksal schien diese Verbindung für Unity Mitford bestimmt zu haben. Nicht nur ihr Vorname Valkyrie auch ihre Zeugung im kanadischen Swastika sind Omina, die Aischylos nicht treffender hätte erdichten können. Wie im antiken Drama endet ihre arische Ära fast tödlich. Sie schießt sich am 3.9.39 in den Kopf verzweifelt darüber, daß die Briten Deutschland den Krieg erklärt haben. Dennoch überlebt sie diesen um drei Jahre.

Auch ihre Schwester Diana besitzt ein Faible für Faschisten. Sie heiratet in zweiter Ehe Oswald Mosley, den Gründer der British Union of Faschist. Finanziell unterstützt wurde er von Mussolini, freundlich verbunden waren auch die Mosleys mit ihren braunen deutschen Kameraden. Ihre Trauung fand in Goebbels Privatwohnung statt.

Jessica „Decca“ Mitford war, wie der Titel der Biographie ahnen lässt, politisch gesehen das krasse Gegenteil ihrer beiden Schwestern. Mit 20 pfeift sie auf die Upperclass und folgt ihrer ersten „Ehrenwerte Rebellin“ weiterlesen

Identität und Schicksal

Erri de Lucas antike Tragödie „Il giorno prima della felicità”

I vecchi palazzi contenevano botole murate, passaggi segreti, delitti e amori. I vecchi palazzi erano nidi di fantasmi. (…) Mi figuravo da bambino di essere un pezzo di questo palazzo, mio padre era l’edificio, mia madre il cortile.“

In einem alten Palazzo voller Geheimnisse lebt der Ich-Erzähler aus Erri de Lucas Roman „Il giorno prima della felicità/ Der Tag vor dem Glück. Das Wohnhaus steht in einer Gasse Neapels, der Stadt am Vesuv, die 700 v. Chr. während der Griechischen Kolonisation gegründet wurde. Relikte ihrer altgriechischen Wurzeln lassen sich in archäologischen Funden fassen und ebenso in der Sprache der Stadt, dem Napoletano.

Der aus Neapel stammenden Autor Erri de Luca tradiert dieses Erbe. Napoletano prägt die Dialoge seines Roman, der in Inhalt und Form einem antiken Stoff gleicht. Wie im Mythos trifft ein Held auf seinen Gegenspieler, beschützt von einer Figur mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Begleitumstände werden wie im antiken Drama als Nebengeschichten kommentiert. Im „Identität und Schicksal“ weiterlesen

Geschichte ist etwas Angeborenes“

Anne Webers „Ahnen“ führt die Autorin durchs Riesengebirge zu sich selbst

ahnenIch denke mir die Zeit, die zwischen uns beiden liegt, als einen Weg. Wir sind zwei Wanderer, die auf derselben Strecke unterwegs sind, ohne einander je zu begegnen. Der Weg, der sich zwischen uns hinzieht und den keiner von uns je betreten wird, verbindet uns und trennt uns zugleich voneinander.“

 „Seit ich aufgebrochen bin zu dieser Reise in die Fremde, zu meinen Vorfahren hin, habe ich ein Bild vor Augen: Ich sehe ein unüberwindbar scheinendes Gebirge, das sich zwischen mir und dem hundert Jahre vor mir Geborenen aufrichtet. Ein gewaltiges Massiv, ein Riesengebirge; angehäuft aus Toten.“ 

Historikern ist das Vorgehen von Anne Webers in ihrem neuem Buch Ahnen vertraut. Die Recherche prägt die Struktur ihres Zeitreisetagebuchs, das überdies, wie es jedem Tagebuch zu eigen ist, Empfindungen genauso beschreibt wie es Abschweifungen zulässt. Und so wie die Autorin sich während ihrer Arbeit fragt, ob ein Stöbern im Nachlass ihrer Ahnen zulässig sei, mag sich auch ein Leser fragen, ob das Lesen dieser von Verletzungen nicht freien persönlichen Geschichte, indiskret sei.

Anne Weber gewährt Einblick und dieser ragt im Ganzen gesehen über das rein Geschichte ist etwas Angeborenes““ weiterlesen

Blinde Brüder

Angharad Price besingt im Roman ihrer Familie das Walisische Idyll

priceMir war ein langes, an Erfahrung reiches Leben beschieden, es hat sich über das ganze zwanzigste Jahrhundert erstreckt. Ich habe die Schläge des Unglücks zu spüren bekommen und die Liebkosungen des Glücks. Viele dunkle Stunden habe ich durchlebt. Aber immer wieder wurde es hell. Ich habe gelernt: Haben bedeutet Verlieren. Das ist der Preis.“

Dieses Resümee formuliert Rebecca Jones, die Ich-Erzählerin in Angharad Prices Roman, als sich ihr Leben seinem Ende nähert. In Tynybraich bei Maesglasau in einem Tal von Wales wurde sie 1905 als älteste Tochter eines Farmers geboren. Sie schildert das harte Leben in der Natur, besingt diese aber hymnisch. Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Jones, Vater Evan, Mutter Rebecca und die Kinder Rebecca, Robert, Gruffydd, William und Lewis, sowie deren Vor- und Nachfahren. Zu ihnen zählt auch die Autorin dieser Familienbiographie, Angharad Price. Sie ist die Großnichte der Erzählerin und Literaturwissenschaftlerin an der walisischen Universität Bangor. Ihren Roman, der in Wales ausgezeichnet wurde, nutzt sie als Streitschrift für die Kultur ihres Landes.

Dennoch ist es eine fiktive Familienchronik, die sie ihre Protagonistin in fünf Kapiteln „Blinde Brüder“ weiterlesen

Spazierengehen, spazierengehen und nochmals spazierengehen”

Michael Köhlmeier erzählt in „Zwei Herren am Strand” von Strategien gegen die Depression

Köhlmeier, StrandBeide hielten sie nicht viel von der Philosophie, schon gar nicht von der deutschen, aber Nietzsches Meinung, dass der Gedanke an Selbstmord ein starkes Trostmittel sei, mit dem man über manch böse Nacht hinwegkomme, teilten sie; obwohl keiner von ihnen die Stelle benennen konnte, wo das geschrieben stand. Damit dieses radikalste Trostmittel nicht irgendwann als einziges übrig bliebe, darum hatten Churchill und Chaplin beschlossen, einander immer wieder zu treffen, denn wenn es einen gäbe, der den anderen von diesem Weg abhalten könne, dann er oder er.”

Depression, besonders die bipolare mit manischen Episoden gepaarte Variante, trifft nicht selten kreative Menschen. Denken wir an Edvard Munch, Ernest Hemingway und Virginia Woolf.

Michael Köhlmeier nähert sich dieser Künstlerkrankheit mit großer Empathie. Zwei Persönlichkeiten der neueren Geschichte stehen im Fokus seines aktuellen Romans mit dem Titel Zwei Herren am Strand, die Briten Winston Leonard Spencer Churchill (1874–1964) und Charles Spencer Chaplin (1889–1977). Sie verbindet nicht Spazierengehen, spazierengehen und nochmals spazierengehen”“ weiterlesen

Schatten der Erinnerung

In ihrem neuen Roman Die Sonnenposition erzählt Marion Poschmann auf poetische Weise vom Trauma der Kriegsenkel

DBLDoch leidet man nicht, höre ich mich zu Odilo sagen, nur allzuoft an Erinnerungen, die nicht die eigenen sind? Seltsame Versehrungen, die wir auf nichts zurückführen können, ein wiederkehrendes Unbehagen, für das wir vergeblich Gründe suchen.“

Sonnenblumen, Sonnenstrahlen, Sonnenauf- und Untergang, wer vor der Lektüre über die Sonne assoziiert, am besten in Form eines strahlenförmig angelegten Mindmaps, der ist auf Marion Poschmanns neuen Roman in zweierlei Hinsicht vorbereitet. Zum einen werden ihm viele seiner Fundstücke begegnen, seien es alltägliche oder historisch konnotierte, zum anderen wird er erkennen müssen, daß die Poetin Poschmann ihm in Wortschöpfungspotenz haushoch überlegen ist. Kennenlernen konnte man den Stil der 1969 Geborenen bereits in Naturgedichten, Novellen und dem Schwarzweißroman.

Ihr jetzt vorliegendes und für den Deutschen Buchpreis nominiertes Werk trägt den Titel Die Sonnenposition. Dies ist keine Yogaübung sondern benennt die Stellungen, die ihre drei Hauptfiguren, allesamt junge „frühzeitig vergreiste“ Erwachsene, zueinander und zu ihrer Umwelt beziehen. Jeder scheint Fixstern und Trabant zugleich.

Den 32-jährigen Psychiater mit dem altertümlichen Namen Altfried hat es aus der rheinischen Provinz in eine ostdeutsche verschlagen. Dort liegt das zur Psychiatrie umfunktionierte Schloss mit herabstürzenden Stucksonnen und überwucherten Strahlenbeeten in ruinösem Zustand. Die Patienten sind meist vom Typ Wendeopfer, „Schatten der Erinnerung“ weiterlesen

Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht

Ralph Dutlis eindrucksreicher Künstlerroman Soutines letzte Fahrt

DBLSol sajn, as ich boj in der luft majne schlesser.
Sol sajn, as majn got is in ganzen nischt do.
In trojm wet mir lajchter, in trojm wet mir besser,
In trojm is der himl mir blojer wi blo.“ S. 87

Manche Menschen, die dem Tode nahe waren, beschreiben die überstandene Situation als eine Fahrt ins weiße Licht, während der Stationen ihres Lebens in kürzester Zeit vorüber ziehen.

Das Sterben des jüdischen Malers Chaim Soutine umfasste mehr als die 24 Stunden des 6. Augusts 1943. Versteckt in einem schwarzen Citroën Corbillard, einem Leichenwagen, ging an diesem Tag die Fahrt abseits aller Kontrollen von der Loire nach Paris. Dort sollte in einem Krankenhaus die lebensrettende Operation erfolgen. „Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht“ weiterlesen

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Einsame Spaziergänge in der Natur befördern oft den Gedankenfluss und die darin auftauchenden Erinnerungen. So auch bei Trond, dessen Tage durch regelmäßige Runden mit dem Hund Lyra strukturiert sind. Trond lebte schon an vielen Orten, nun hat er sich mit 67 Jahren in eine alte Hütte am See zurückgezogen. Ein kleiner Fluss, der manchmal Forellen führt, mündet in diesen. Dort liegt gerade noch in Blickweite die nächste Hütte dieser einsamen Gegend. Die beiden Nachbarn haben einiges gemein, Alter, Hunde, Natur und Einsamkeit. Und noch mehr.

Im Lauf der Geschichte stellt sich heraus, daß sie sich in ihrer Kindheit kannten. Sommererinnerungen an ein kleines norwegisches Dorf an der schwedischen Grenze und ihre Beziehungen zu den wenigen Bewohner verbinden sie. Doch wollen sie sich daran erinnern? Bis auf eine knappe Verständigung über das gegenseitige Wiedererkennen und dem Erstaunen ausgerechnet in dieser Einöde nun zu Nachbarn geworden zu sein, findet zunächst keine Kommunikation über das Vergangene statt.

Trond bleibt mit seinen ungesuchten Erinnerungen alleine. Durch diese erlebt er noch einmal den Sommer von einst, in dem sich so viel veränderte. Trond war fünfzehn und verbrachte wie schon oft die Sommerferien mit seinem Vater. Er streunte mit dem Nachbarsjungen durch die Gegend, half bei der Landarbeit und beim Holzmachen. Doch es gibt auch schmerzhafte Erinnerungen, zu denen besonders das Ende der unbeschwerten Kindheit zählt.

Verlust und Abschied prägten den Sommer des Fünfzehnjährigen. Als Erwachsener lebt er ein erfolgreiches Lebens, nicht nur in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, sondern auch erfolgreich im Versuch zu Vergessen. Erst die Begegnung mit Lars führt ihn wieder zu den ungeklärten Fragen.

Dem norwegischen Autor Per Petterson gelingen bildhafte, ruhige Naturdarstellungen, die den Leser sofort in den Sommer Norwegens versetzen. Das Aufgehen und die Befriedigung in landwirtschaftlicher Arbeiten erinnert an eines der schönsten Flowerlebnisse der Weltliteratur in „Anna Karenina”. Als weitere literarische Vorbilder, neben Tolstoi, führt Petterson Dickens und Rimbaud an.

Durch die Erinnerungen, die sich im Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart entwickeln, entsteht eine sich ständig steigernde Spannung. Aber gerade diese Spannung, die Petterson so subtil aufbaut, löst der Autor nicht ein. So bleiben viele Fragen offen. Innere Vorgänge werden kaum benannt, Motive und Verhältnisse bleiben unklar. Über allem liegt Schweigen, skandinavisches Schweigen. Stille, nach der Trond sich sein ganzes Leben lang sehnte.

Per Petterson, Pferde stehlen,  übersetzt v. Ina Kronenberger, Fischer Taschenbuch Verlag, 6. Aufl. 2008