Zwischen den Zeiten

In „Das Gartenzimmer“ konstruiert Andreas Schäfer kunstvoll Geschichte

Bei der Vorstellung, dass Elsa Rosen den Brief in seinem späteren Zimmer geschrieben hatte, schauderte ihm, als klebte etwas von den damaligen Ereignissen an ihm, weil er jahrelang in den gleichen Räumen gelebt und die Ausdünstungen ihrer Wände geatmet hatte.“

Man mag „Das Gartenzimmer“ von Andreas Schäfer als historischen Roman lesen, der anhand seines Sujets, einer Architektenvilla in Berlin-Dahlem, den Umbruch vom langen Neunzehnten Jahrhundert in die Wirren des Zwanzigsten in Szene setzt. Doch das wäre zu kurz gegriffen, denn die Geschichte der Villa Rosen bildet den Angelpunkt, um den sich viele weitere Geschichten des Romans drehen.

Erbaut wurde das Haus, in dem das titelgebende Gartenzimmer eine besondere Rolle spielt, im Jahr 1909 von Max Taubert. Umstände und Figur hat Schäfer an den Architekten Mies van der Rohe angelehnt. Eine Villa Rosen wird man folglich in Berlin-Dahlem vergeblich suchen. Doch ähnlich wie diese „Zwischen den Zeiten“ weiterlesen

Das Haus am Hagebuttenberg

Barbara Zemans Debüt „Immerjahn“ ist eine Wunderkammer voll skurriler Geschichten

Es kam ihm noch immer unwirklich vor, dass seine Sammlung, die so lang nur ihm gehört hatte, jetzt auch für andere sichtbar sein sollte. In ungefähr zwei Wochen würde er hier an fremden Personen vorübergehen. Sie würden hier stehen, ganz genau wie er gerade auch, nur hoffentlich ein bisschen gespannter, denn er, das dachte er sich, wann immer er in der letzten Zeit durch diese Säle ging, hatte sich sattgesehen. Manchmal erschrak er über den Verdacht, dass er Kunst vielleicht gar nicht mehr liebte, (…)“

Mit „Immerjahn“ legt Barbara Zeman pünktlich zum Bauhaus-Jubiläum einen Roman vor, in dessen Mittelpunkt ein Werk des Architekten Mies van der Rohe steht. Errichtet wurde der Bau auf dem Hagebuttenberg, einer Erhebung, deren steiniger Boden einst nur Dorngestrüpp zuließ. Jetzt wächst noch nicht einmal Unkraut dort, wo sich inmitten von Steinwiesen und Kieswegen die schlichte Strenge der Villa im Wasser eines großzügigen Bassins spiegelt.

Dieser Beton gewordene Traum eines Zementmoguls realisiert von einem der berühmtesten Architekten seiner Zeit zeigt, was es heißt, steinreich zu sein. Ein Roman, der in einem derartig kunstvollen und nicht ohne Ironie konstruierten Habitat spielt, verspricht amüsante Lektüre. Auch wenn sein Titel „Immerjahn“, wie der jüngste Spross der Fabrikantendynastie schlicht genannt wird, andere „Das Haus am Hagebuttenberg“ weiterlesen

Dilemma

In Was gewesen wäre erzählt Gregor Sander von der Unfreiheit im Leben wie in der Liebe

SanderIch würde wirklich gern raus aus diesem Land“, sagt Margarete, während sie die Pässe vom ungarischen Zöllner wieder in Empfang nimmt. „Aber das ist mit Jósef nicht zu machen. Das kannst du vergessen. Ohne sein Ungarn ist der nichts.“

Was wäre gewesen, wäre Astrid Jana nicht auf dieses Sommerfest gefolgt? Astrid hätte Julius vielleicht nie kennengelernt. Was wäre gewesen, wenn Julius’ Vater nicht im Westen gelebt hätte? Sein Westbruder hätte Julius vielleicht nie zur Flucht überredet. Was wäre gewesen, wenn Astrid ihren Westbesuch nie beendet hätte? Aus den Beiden wäre vielleicht ein Paar geworden und sie wären sich nicht 25 Jahre später in einem Budapester Hotel begegnet.

Was gewesen wäre, diese Überlegung kennt wahrscheinlich jeder. Gregor Sander macht sie zum Titel und Konzept seines neuen Romans. Im ersten Kapitel erzählt er wie die Liebe zwischen Julius und „Dilemma“ weiterlesen

Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht

Ralph Dutlis eindrucksreicher Künstlerroman Soutines letzte Fahrt

DBLSol sajn, as ich boj in der luft majne schlesser.
Sol sajn, as majn got is in ganzen nischt do.
In trojm wet mir lajchter, in trojm wet mir besser,
In trojm is der himl mir blojer wi blo.“ S. 87

Manche Menschen, die dem Tode nahe waren, beschreiben die überstandene Situation als eine Fahrt ins weiße Licht, während der Stationen ihres Lebens in kürzester Zeit vorüber ziehen.

Das Sterben des jüdischen Malers Chaim Soutine umfasste mehr als die 24 Stunden des 6. Augusts 1943. Versteckt in einem schwarzen Citroën Corbillard, einem Leichenwagen, ging an diesem Tag die Fahrt abseits aller Kontrollen von der Loire nach Paris. Dort sollte in einem Krankenhaus die lebensrettende Operation erfolgen. „Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht“ weiterlesen

Le secret de maman

Hélène Grémillon enthüllt in „Das geheime Prinzip der Liebe” Müttergeheimnisse

Leihmutterschaft ist kein modernes Phänomen. Vor der Entwicklung der In-Vitro-Technik fand die Befruchtung auf natürlichem Wege statt. Die Leihmutter war identisch mit der leiblichen Mutter, lediglich der Mann des Kinderwunschpaares gab seine Erbanlagen weiter. Da der austragenden Frau ihre Mühen gut bezahlt wurden, fanden sich für derartige Abkommen vor allem Angehörige der unteren Schichten bereit.

Friedrich Hebbel thematisiert einen solchen Vorgang und dessen Konflikt in seinem 1857 entstandenen dramatischen Gedicht „Mutter und Kind“. Hélène Grémillon, die Autorin von „Das geheime Prinzip der Liebe“, verlegt ihn ins Frankreich des Jahres 1939.

Wie der deutsche Titel des Romans in größter Klarheit sagt, handelt er vor allem von der Liebe. Doch nicht nur von der manchmal großen und oft nicht einzigen zwischen einem Paar, sondern „Le secret de maman“ weiterlesen