Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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Wie fik­tiv al­les ist!“, sag­te Wolf. „Sie wa­ren über­zeugt, dass Sie mich ge­tö­tet hat­ten, ich war mir si­cher, dass Sie letzt­lich durch mei­ne Schuld um­ge­kom­men wa­ren, und wir hat­ten bei­de nicht recht. (…)“

Gas­danow be­ginnt sei­nen Ro­man Das Phan­tom des Alex­an­der Wolf mit der Schlüs­sel­sze­ne. In ei­nem Som­mer ge­gen En­de des Rus­si­schen Bür­ger­kriegs tref­fen zwei feind­li­che Kämp­fer auf­ein­an­der. Das Pferd des ei­nen wird von ei­nem Schuss nie­der­ge­streckt. Als sein Rei­ter un­ver­letzt auf­steht, sieht er wie der Schüt­ze er­neut das Ge­wehr an­legt. Er zückt sei­ne Pis­to­le zur Ge­gen­wehr und trifft den an­de­ren zu­erst. Töd­lich, wie ihm ein Blick ver­si­chert. We­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter hört er Wei­te­re her­an­na­hen und flieht auf dem Schim­mel des Ge­tö­te­ten.

 

Zu der Zeit, als das ge­schah, war ich 16 Jah­re –so­mit war die­ser Mord der Be­ginn mei­nes selb­stän­di­gen Le­bens, und ich bin mir nicht si­cher, ob er nicht un­will­kür­lich al­les ge­prägt hat, was zu er­fah­ren und zu er­bli­cken mir spä­ter be­schie­den war.

Jah­re spä­ter, er lebt in­zwi­schen in Pa­ris und schreibt für die Zei­tung, stößt der Er­zäh­ler auf ei­ne Ge­schich­te, die de­tail­liert die Schuss­sze­ne wie­der­gibt. Au­tors des Ban­des ist ein ge­wis­ser Alex­an­der Wolf, Wie fik­tiv al­les ist!““ wei­ter­le­sen

Kunstvolles Spiel von Wort und Bild

Angelika Overath porträtiert in „Sie dreht sich um“ die Nebenfiguren der Kunst

9783630873497_CoverIch ha­be mich trei­ben las­sen, war in Edin­burgh, Ko­pen­ha­gen, Bos­ton, Städ­te, die ich nicht kann­te. Es war schön, zum ers­ten Mal ir­gend­wo zu sein. Ich bin viel in Ga­le­rien. Und nun wer­de ich in die Ber­ge fah­ren, ich weiß noch nicht wo­hin. Ich no­ma­di­sie­re ein biß­chen. So vie­le Jah­re ha­be ich mich ver­nünf­tig ver­hal­ten. Wann, wenn nicht jetzt wä­re Zeit für et­was Un­ge­plan­tes? Ich rei­se wie im Spiel, den Zu­fäl­len nach.“

An­ge­li­ka Over­ath ken­ne ich seit sie im Jahr 2009 mit  Flug­ha­fen­fi­sche für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert war. Dar­in er­zählt sie von der ka­pri­ziö­sen Fort­pflan­zungs­akro­ba­tik der See­pferd­chen und von mensch­li­cher Lie­bes­mü­he. Auch in ih­rem neu­en Ro­man fin­det sich ein Aqua­ri­um, doch der Schwer­punkt liegt auf Ge­mäl­den, in de­nen ih­re Haupt­fi­gur den Fi­gu­ren der Ma­ler be­geg­net.

Wie Bild­wer­ke zu Li­te­ra­tur wer­den, ha­be ich im Herbst 2013 be­reits in der Kunst­hal­le Karls­ru­he be­staunt. In der Aus­stel­lung „Un­ter vier Au­gen – Por­träts se­hen, hö­ren, le­sen“ zeig­ten Schrift­stel­ler der deut­schen Ge­gen­warts­li­te­ra­tur ih­re li­te­ra­ri­schen Bild­phan­ta­sien zu Ge­mäl­den be­kann­ter Künst­ler.

An­ge­li­ka Over­ath war ei­ne der be­tei­lig­ten Künst­le­rin­nen. Ih­rer Be­trach­tung zu „Kunst­vol­les Spiel von Wort und Bild“ wei­ter­le­sen

Proust — Salonplaudereien

Matinée bei Madame de Villeparisis (Bd. 3, 254–438)

GuermantesDer Sa­lon der Mar­qui­se moch­te sich zwar von ei­nem wirk­lich ele­gan­ten Sa­lon un­ter­schei­den, in dem vie­le von den bür­ger­li­chen Da­men ge­fehlt hät­ten, die sie bei sich emp­fing, und an­de­rer­seits vie­le von den glanz­vol­len Er­schei­nun­gen der gro­ßen Welt an­we­send ge­we­sen wä­ren, die Ma­dame Le­roi schließ­lich in ihr Haus zu zie­hen ver­mocht hat­te.“ (Bd. 3, 269)

Mar­cel Proust war ein Ken­ner der Pa­ri­ser Sa­lons. Be­vor er sich in sei­ne schall­dich­te Kam­mer zu­rück­zog, be­ob­ach­te­te er als Ak­teur das Trei­ben bei Ma­dame Le­mai­re oder der Com­tesse de Gref­fuh­le. Sie bo­ten in ih­ren Sa­lons die Ge­le­gen­heit zum ge­sell­schaft­li­chen Um­krei­sen. Was dar­un­ter zu ver­ste­hen ist, be­schreibt Proust auf rund 200 Sei­ten im drit­ten Teil der Re­cher­che. Sein jun­ger Mar­cel be­sucht zum ers­ten Mal ei­ne Ma­ti­nee bei „Proust — Sa­lon­plau­de­rei­en“ wei­ter­le­sen

Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht

Ralph Dutlis eindrucksreicher Künstlerroman Soutines letzte Fahrt

DBLSol sa­jn, as ich boj in der luft ma­j­ne schles­ser.
Sol sa­jn, as ma­jn got is in gan­zen nischt do.
In trojm wet mir la­jch­ter, in trojm wet mir bes­ser,
In trojm is der himl mir blo­jer wi blo.“ S. 87

Man­che Men­schen, die dem To­de na­he wa­ren, be­schrei­ben die über­stan­de­ne Si­tua­ti­on als ei­ne Fahrt ins wei­ße Licht, wäh­rend der Sta­tio­nen ih­res Le­bens in kür­zes­ter Zeit vor­über zie­hen.

Das Ster­ben des jü­di­schen Ma­lers Chaim Sou­ti­ne um­fass­te mehr als die 24 Stun­den des 6. Au­gusts 1943. Ver­steckt in ei­nem schwar­zen Ci­tro­ën Cor­bil­lard, ei­nem Lei­chen­wa­gen, ging an die­sem Tag die Fahrt ab­seits al­ler Kon­trol­len von der Loire nach Pa­ris. Dort soll­te in ei­nem Kran­ken­haus die le­bens­ret­ten­de Ope­ra­ti­on er­fol­gen. „Chaim heißt Le­ben und das Le­ben stirbt nicht“ wei­ter­le­sen

Coincidenza inverosimile – Die Proust-Sammlung des Jacques Guérin

In  „Il cappotto di Proust“ schildert Lorenza Foschini die Sammelleidenschaft eines Liebhabers

Manch­mal bringt uns der Zu­fall in den Be­sitz ei­nes ein­zig­ar­ti­gen Ge­gen­stands und manch­mal weckt er nicht nur In­ter­es­se, son­dern Lei­den­schaft, die bis­wei­len Spu­ren in Mu­se­en hin­ter­lässt.

So prä­sen­tiert noch heu­te das Pa­ri­ser Mu­sée Car­na­va­let Mo­bi­li­ar aus dem Be­sitz von Mar­cel Proust. Schreib­tisch, Ses­sel und Mes­sing­bett sind dort in ei­nem se­pa­ra­ten Raum aus­ge­stellt. Ein wei­te­res Be­sitz­tum, der dunk­le Woll­man­tel mit Bi­ber­pelz­fut­ter, liegt hin­ge­gen we­gen sei­nes schlech­ten Er­hal­tungs­zu­stands im Ma­ga­zin. Jac­ques Gué­rin, Par­fu­m­eur und Samm­ler, ver­mach­te die­se Prous­tia­na kurz vor sei­nem Tod dem Mu­se­um.

Wie er vom Proust­ver­eh­rer durch zu­fäl­li­ge Be­ge­ben­hei­ten zum Samm­ler wur­de, er­zählt die ita­lie­ni­sche Jour­na­lis­tin Lo­ren­za Fo­schi­ni in ih­rer klei­nen Mo­no­gra­phie „Prousts Man­tel“. Auch ihr In­ter­es­se ent­stand eher ne­ben­bei. In ei­nem In­ter­view mit Pie­ro Tos­si, dem Kos­tüm­bild­ner von Lu­chi­no Vis­con­ti, „Co­in­ci­den­za in­vero­si­mi­le – Die Proust-Samm­lung des Jac­ques Gué­rin“ wei­ter­le­sen

Proust — Liebesträume

Die Metamorphosen der Madame de Guermantes — (Bd. 3, 1)

GuermantesDie Er­in­ne­rung an ei­ne Per­son, die für uns von Be­deu­tung war, ver­än­dert sich im Lau­fe der Zeit. Je län­ger wir die­sem Men­schen nicht be­geg­nen um so stär­ker wan­delt er sich zum Ide­al, das mit der all­täg­li­chen Per­son kaum noch über­ein­stimmt.

So er­geht es auch dem Prot­ago­nis­ten, der im Pa­ri­ser Pa­lais der Guer­man­tes wohnt und da­mit in un­mit­tel­ba­rer Nä­he die­ses Adels­ge­schlech­tes, des­sen Na­me ihn schon in Com­bray mit Ehr­furcht er­füll­te. Als er Ma­dame de Guer­man­tes, der Frau des Her­zogs, zu­fäl­lig auf der Stra­ße be­geg­net, ist es ihm un­mög­lich, sein Bild von die­ser Frau mit dem Ide­al in Über­ein­stim­mung zu brin­gen, wel­ches ihn seit ih­rem An­blick in der Kir­che von Com­bray be­setzt. Das Her­aus­ra­gen­de wird un­ver­se­hens zu et­was All­täg­li­chem, es voll­zieht sich ei­ne Des­il­lu­si­on, die er sich als Me­ta­mor­pho­se zu er­klä­ren ver­sucht. Wie bei Ovid aus ei­ner Nym­phe ei­ne Pflan­ze oder ei­ne Quel­le wer­den kann und die­se da­durch ih­ren ur­sprüng­li­chen Lieb­reiz ver­liert, so ver­wan­delt die rea­le All­tags­si­tua­ti­on den Zau­ber der Her­zo­gin. Die­ser stellt sich je­doch wie­der ein, so­bald nur noch Er­in­ne­rung die­ses Bild zu­sam­men­setzt. Ge­hirn und Ge­fühl re­kon­stru­ie­ren die be­gehr­te Pro­jek­ti­on. Und doch ver­ur­sacht je­de neue Be­geg­nung wie­der Ent­täu­schung. Die Ba­na­li­tät des All­tags zer­stört das Ide­al. Der Fas­zi­nier­te be­ob­ach­tet bei Ma­dame de Guer­man­tes ei­nen Hang zur mo­di­schen Klei­dung, die ihm si­gna­li­siert, daß sie auf das Ur­teil der Pas­san­ten Wert legt. „Die­se so tief un­ter ihr ste­hen­de Rol­le der ele­gan­ten Frau“, ent­spricht nicht sei­ner Vor­stel­lung von ih­rer her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­keit. Erst als er sie in der Oper er­blickt, nimmt die Klei­dung für ihn ei­nen an­de­ren Stel­len­wert ein. Er deu­tet sie als Zei­chen für die Auf­he­bung der Me­ta­mor­pho­se. Die Ro­be mit dem pai­let­ten­be­setz­ten Ober­teil of­fen­bart die wah­re Ge­stalt der Ma­dame de Guer­man­tes, die Ägis ver­rät die Mi­ner­va. Sie er­scheint als Göt­tin, die bei sei­nem An­blick al­ler­dings wie­der zur Frau wird und ihn lä­chelnd grüßt.

Der jun­ge Mar­cel ist ver­liebt und dies so­fort un­glück­lich, da er ahnt, daß die­se Göt­tin für ihn un­er­reich­bar blei­ben wird. „Ich hat­te mich, in Wirk­lich­keit lei­der, da­für ent­schie­den, die Frau zu lie­ben, die viel­leicht die größ­te Zahl von ver­schie­den­ar­ti­gen Vor­tei­len auf sich ver­ei­nig­te und in de­ren Au­gen ich des­we­gen nicht hof­fen konn­te, auch nur ir­gend­ein An­se­hen zu ge­nie­ßen; denn sie war eben­so reich wie der Reichs­te, der da­ne­ben nicht auch noch ad­lig war, ganz zu schwei­gen von ih­rem per­sön­li­chen Charme, durch den sie ton­an­ge­bend und un­ter al­len ge­wis­ser­ma­ßen die Kö­ni­gin war.“

Wie­der ein­mal hält ihn ei­ne me­lan­cho­li­sche Lie­be in Lie­bes­träu­men ge­fan­gen. Er ver­sucht die Her­zo­gin auf der Stra­ße ab­zu­pas­sen, un­ter­nimmt zur glei­chen Zeit sei­ne Spa­zier­gän­ge, war­tet an den Ecken, die sie pas­sie­ren wird, war­tet ver­geb­lich, muss sein War­ten ver­ber­gen, will nicht auf­fal­len und han­delt da­durch viel­leicht ver­kehrt, wenn er bei ei­ner der we­ni­gen Be­geg­nun­gen, ih­re Auf­merk­sam­keit er­regt, je­doch den Gruß nicht er­wi­dert. Sein Ver­such nicht auf­dring­lich zu er­schei­nen, könn­te sie als Un­höf­lich­keit deu­ten, was ihn be­drückt. „War­um ver­spür­te ich den glei­chen Schau­er, heu­chel­te ich die­sel­be Gleich­gül­tig­keit, wand­te ich die Au­gen auf die glei­che zer­streu­te Wei­se ab, wie am Vor­tag, wenn in ei­ner Sei­ten­stra­ße und un­ter ei­ner klei­nen ma­ri­neblau­en To­que ei­ne Vo­gel­na­se im Pro­fil auf­tauch­te, längs ei­ner ro­ten Wan­ge, die von ei­nem ste­chen­den Au­ge quer durch­schnit­ten wur­de, gleich­sam die Er­schei­nung ei­ner ägyp­ti­schen Gott­heit?“

Sei­ne Angst durch­schaut zu wer­den wächst, Fran­çoi­se wis­sen­der Blick, wenn er mor­gens die Woh­nung ver­lässt, könn­te aus ei­ner Be­mer­kung der Be­diens­te­ten der Her­zo­gin re­sul­tie­ren, die sich ab­fäl­lig über den „Mis­se­tä­ter“ ge­äu­ßert ha­ben mag.

Hat­te er zu Be­ginn Ma­dame de Guer­man­tes noch ge­gen die bis­he­ri­gen Lie­ben, Al­ber­ti­ne, Gil­ber­te, gar ge­gen un­be­kann­te reiz­vol­le Mäd­chen ab­ge­wo­gen, ist die­ser Ver­gleich nun ganz sei­ner Über­zeu­gung un­ter­le­gen, daß die­se Guer­man­tes egal in wel­cher Form sie ihm auch er­scheint, sei­ne Göt­tin ist. „Was ich lieb­te, war die un­sicht­ba­re Per­son, die das al­les in Be­we­gung setz­te, war sie, de­ren Feind­se­lig­keit ich hät­te ver­ja­gen wol­len.“ Und doch scheint er aus­sichts­los in sei­nem un­er­füll­ba­ren Ver­lan­gen. „Ich lieb­te Ma­dame de Guer­man­tes wirk­lich. Das größ­te Glück, das ich von Gott hät­te er­bit­ten kön­nen, wä­re ge­we­sen, daß er al­le nur mög­li­chen Ka­ta­stro­phen auf sie nie­der­ge­hen las­se und daß sie, (…) , zu mir kom­me, um bei mir Zu­flucht zu su­chen.“

Er be­schließt über ei­nen Um­weg, durch den Be­such bei ih­rem Nef­fen Ro­bert de Saint-Loup, in ih­re Nä­he zu ge­lan­gen. Viel­leicht er­wähnt ihn Saint-Loup bei sei­ner Tan­te, viel­leicht kann er so­gar ei­ne Be­geg­nung ar­ran­gie­ren? Auch wenn die­ser Be­such und die ent­ste­hen­de Freund­schaft zu Ro­bert ihn zu­nächst von sei­nem Ziel ab­zu­len­ken scheint, ist sei­ne Sehn­sucht stets ge­gen­wär­tig. „Es war, als ha­be ei­ne ge­schick­ter Ana­tom ei­nen Teil mei­ner Angst ent­fernt und ihn durch ei­nen glei­chen Teil un­kör­per­li­chen Schmer­zes er­setzt.“ Es stellt sich die glei­che Me­lan­cho­lie ein, die ihn schon frü­her be­setzt hielt, der ge­rings­te An­lass weckt sei­ne Er­in­ne­rung. „Ein wei­cher Luft­hauch, der vor­über strich, schien mit ei­ne Bot­schaft von ihr zu brin­gen wie einst von Gil­ber­te auf den Fel­dern von Mé­ség­li­se.“

Saint-Loup ver­spricht ihn bei sei­ner Tan­te ein­zu­füh­ren, doch ein Zwi­schen­fall macht Saint-Loups bal­di­gen Be­such in Pa­ris un­wahr­schein­lich. Auch Mar­cels Zeit ist be­grenzt, da er zu ei­nem er­neu­ten Auf­ent­halt in Bal­bec auf­bre­chen wird. Um zu­vor von Ma­dame de Guer­man­tes emp­fan­gen zu wer­den, er­in­nert er Ro­bert an sei­ne Be­geis­te­rung für die Kunst El­stirs. Da drei sei­ner Wer­ke sich im Pa­lais Guer­man­tes be­fin­den, bit­tet er ihn ei­ne Be­sich­ti­gung zu ar­ran­gie­ren.

Wie­der in Pa­ris zö­gert un­ser Held sei­ne Spa­zier­gän­ge auf­zu­neh­men. Er fürch­tet Ma­dame de Guer­man­tes zu be­geg­nen, als ob sie ihm al­le sei­ne Be­mü­hun­gen an­se­hen könn­te. Doch er kann sei­nen Wunsch nicht be­zwin­gen und er­fin­det Recht­fer­ti­gun­gen, die ihn nö­ti­gen das Haus zu ver­las­sen. Wie­der weiß er bei den zu­fäl­li­gen Be­geg­nun­gen nicht, ob er grü­ßen soll. Sei­ne Hem­mun­gen schei­nen ge­wach­sen zu sein. Er­schien die Her­zo­gin ihm vor sei­ner Ab­rei­se nach Don­ciè­res als ei­ne Ge­stalt aus dem an­ti­ken Göt­ter­him­mel, so er­scheint sie ihm nun in ih­rem Kleid aus hell­ro­tem Samt gleich­sam im „mys­ti­schen Licht“ ei­ner „Hei­li­gen aus der ers­ten Zeit der Chris­ten­heit“ und da­mit un­er­reich­bar wie bei der ers­ten Be­geg­nung im Licht der Kir­che von Com­bray.

Die­se emp­fun­de­ne Un­er­reich­bar­keit be­stä­tigt sich auch in der Rea­li­tät. Saint-Loup kann ihm vor­erst kei­ne Ein­la­dung bei sei­ner Tan­te ver­schaf­fen, denn die­se sei „gar nicht mehr so nett“.

Le secret de maman

Hélène Grémillon enthüllt in „Das geheime Prinzip der Liebe” Müttergeheimnisse

Leih­mut­ter­schaft ist kein mo­der­nes Phä­no­men. Vor der Ent­wick­lung der In-Vi­tro-Tech­nik fand die Be­fruch­tung auf na­tür­li­chem We­ge statt. Die Leih­mut­ter war iden­tisch mit der leib­li­chen Mut­ter, le­dig­lich der Mann des Kin­der­wunsch­paa­res gab sei­ne Erb­an­la­gen wei­ter. Da der aus­tra­gen­den Frau ih­re Mü­hen gut be­zahlt wur­den, fan­den sich für der­ar­ti­ge Ab­kom­men vor al­lem An­ge­hö­ri­ge der un­te­ren Schich­ten be­reit.

Fried­rich Heb­bel the­ma­ti­siert ei­nen sol­chen Vor­gang und des­sen Kon­flikt in sei­nem 1857 ent­stan­de­nen dra­ma­ti­schen Ge­dicht „Mut­ter und Kind“. Hé­lè­ne Gré­mil­lon, die Au­torin von „Das ge­hei­me Prin­zip der Lie­be“, ver­legt ihn ins Frank­reich des Jah­res 1939.

Wie der deut­sche Ti­tel des Ro­mans in größ­ter Klar­heit sagt, han­delt er vor al­lem von der Lie­be. Doch nicht nur von der manch­mal gro­ßen und oft nicht ein­zi­gen zwi­schen ei­nem Paar, son­dern „Le se­cret de ma­man“ wei­ter­le­sen

Proust — Faubourg Saint-Germain

Hôtel de Guermantes


Der drit­te Band trägt den Ti­tel „Guer­man­tes“, den Na­men des Adels­ge­schlechts, des­sen Her­zo­gin der Er­zäh­ler einst als über­na­tür­li­che Er­schei­nung in der Kir­che wahr­ge­nom­men hat­te. Wir er­in­nern uns nur zu gut an die Wie­der­erwe­ckung die­ser Emp­fin­dung im ers­ten Band der Re­cher­che. An­lass für die­sen Rück­blick bie­tet der Um­zug der Fa­mi­lie in ei­ne Woh­nung im Sei­ten­flü­gel des Hô­tel de Guer­man­tes. Die­ses im Fau­bourg Saint-Ger­main ge­le­ge­ne Stadt­pa­lais weckt in Mar­cel viel­fäl­ti­ge Er­in­ne­run­gen. Sie krei­sen um den Na­men Guer­man­tes, der die kaum be­kann­te Per­son in ein un­er­reich­ba­res Idol ver­wan­del­te. Jetzt rückt sie in räum­li­che Nä­he und gibt sich da­durch der Ge­fahr preis, ih­ren Zau­ber im All­täg­li­chen zu ver­lie­ren. Der Er­zäh­ler be­fürch­tet die oft er­fah­re­ne Dis­kre­panz zwi­schen Vor­stel­lung und Rea­li­tät auch hier. Doch zu­nächst bleibt Ma­dame de Guer­man­tes ei­ne Er­in­ne­rung, die den jun­gen Mar­cel mit syn­äs­the­ti­scher Kraft nach Com­bray ver­setzt. Nicht nur die leuch­ten­den Farb­spie­le von Mauve bis Ge­ra­ni­en­ro­sa, die im Licht der Kir­chen­fens­ter Feu­er fan­gen, auch die Luft Com­brays in ih­rer Früh­lings­fri­sche und der un­ver­gess­li­che Weiß­dorn­duft meint der Er­zäh­ler wahr­zu­neh­men. Selbst die Tau­ben auf dem Dach schei­nen als Bo­ten des Kind­heits­glücks di­rekt von dort nach Pa­ris ge­flo­gen zu sein. Das fer­ne Schloß der Guer­man­tes bei Com­bray mit all sei­nen Wand­tep­pi­chen und wert­vol­lem In­te­ri­eur ma­te­ria­li­siert sich in die­sem Stadt­pa­lais, in dem Hand­wer­ker und Putz­ma­cher, klei­ne Ge­schäf­te und Bür­ger an­ge­sie­delt sind. Durch den Um­zug wird Mar­cel zwar nicht Teil der Welt der Guer­man­tes, aber er rückt in die Nä­he ih­res Mys­te­ri­ums. Die Neu­gier der Kö­chin Fran­çoi­se, die in leut­se­li­gem Klatsch Kon­tak­te knüpft, hilft ihm da­bei. Zu die­sem Zweck ver­setzt sich der Er­zäh­ler in die Welt Fran­çoi­ses, er be­schreibt das Le­ben der Dienst­bo­ten, dar­un­ter mit köst­li­cher Iro­nie das sa­kro­sank­te Ri­tu­al der Mit­tags­mahl­zeit, „je­ne Art von fei­er­li­chem Pas­sah­mal (…), das nie­mand un­ter­bre­chen darf, ei­ne hei­li­ge, „ihr Mit­tag­essen“ ge­nann­te Hand­lung, S. 18“.

Gleich­zei­tig be­tont er die sym­bio­ti­sche Be­zie­hung der Haus­an­ge­stell­ten zur Fa­mi­lie des Er­zäh­lers, de­ren ge­sell­schaft­li­chen Sta­tus sie auch für sich an­nimmt und den sie in der neu­en Nach­bar­schaft ge­wahrt wis­sen möch­te. Ei­nen Ver­bün­de­ten fin­det sie in Ju­pien, dem Wes­ten­ma­cher, des­sen me­lan­cho­lisch bli­cken­de Au­gen sei­ne Ge­sichts­zü­ge do­mi­nie­ren. Man meint in die­ser klei­nen Cha­rak­ter­s­kiz­ze ein Selbst­por­trät Prousts zu er­ken­nen, „…sei­ne Au­gen, de­ren mit­lei­di­ger, ver­zwei­fel­ter und ver­sun­ke­ner Blick gleich­sam über­quoll, un­ter gänz­li­cher Auf­he­bung des Ein­drucks, den oh­ne ihn sei­ne di­cken Wan­gen und sei­ne blü­hen­de Ge­sichts­far­be ge­macht hät­ten, den Ge­dan­ken auf­kom­men, er sei sehr krank oder so­eben von ei­nem schwe­ren Trau­er­fall heim­ge­sucht wor­den. Nicht nur konn­te da­von kei­ne Re­de sein, viel­mehr wirk­te er, so­bald er sprach, in ma­kel­lo­ser Wei­se üb­ri­gens, eher spöt­tisch und kalt.…Als Ent­spre­chung viel­leicht zu je­ner Über­flu­tung sei­nes Ge­sichts durch die Au­gen (…) stell­te ich tat­säch­lich sehr bald bei ihm ei­ne un­ge­wöhn­li­che In­tel­li­genz fest, zu­dem ei­ne der na­tür­lichs­ten li­te­ra­risch ge­präg­ten, S. 23f.“

Die an­fäng­li­chen Be­fürch­tun­gen, durch die Nä­he könn­te der Na­me Guer­man­tes an Glanz ver­lie­ren er­füllt sich bei­nah als der Er­zäh­ler er­fährt, daß es sich bei dem Pa­lais nicht um ei­nen alt­ehr­wür­di­gen Fa­mi­li­en­sitz han­de­le, son­dern um ei­ne noch nicht all­zu lan­ge wäh­ren­de Miet­sa­che. Doch als er hört, die Her­zo­gin füh­re das ele­gan­tes­te Haus im Fau­bourg Saint-Ger­main, hält er an sei­nem Ziel fest, ei­nes Ta­ges zum Sa­lon de Guer­man­tes ge­la­den zu wer­den.

Die­ser ers­te Ab­schnitt des drit­ten Ban­des bie­tet ei­nen Ein­blick in das Mi­lieu ei­nes vor­neh­men Pa­ri­ser Wohn­vier­tels, ge­spie­gelt durch den Blick der Dienst­bo­ten, An­ge­stell­ten und Hand­wer­ker, der, wenn auch iro­ni­siert vie­les von dem Selbst­ver­ständ­nis der je­wei­li­gen Grup­pe ver­rät. Nicht zu­letzt zeigt er die noch im­mer be­stehen­de Fas­zi­na­ti­on, die der Adel auf das „ge­mei­ne“ Volk aus­üb­te, man möch­te hin­zu­fü­gen, nicht nur da­mals, nicht nur dort.

Of­fen­sicht­lich ist die Ver­eh­rung des Adels, mit ei­nem ge­wis­sen Geist der Auf­leh­nung ge­mischt und auf ihn ab­ge­stimmt, dem Volk aus dem fran­zö­si­schen Bo­den als Erb­teil mit­ge­ge­ben und wirkt kräf­tig wei­ter in ihm. Denn Fran­çoi­se, zu der man über Na­po­le­ons Ge­nia­li­tät oder über draht­lo­se Te­le­gra­phie spre­chen konn­te, oh­ne ih­re Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen und oh­ne da sie auch nur ei­nen Au­gen­blick ih­re Be­we­gun­gen ver­lang­samt hät­te, wäh­rend sie die Asche aus dem Ka­min hol­te oder den Tisch deck­te, brach, wenn ihr sol­che Be­son­der­hei­ten zu Oh­ren ka­men, wie daß der jüngs­te Sohn des Her­zogs von Guer­man­tes ge­wöhn­lich Fürst von Olé­ron hieß, in die Wor­te aus: „Das ist aber schön!“ und blieb ver­zückt ste­hen wie vor ei­nem far­bi­gen Kir­chen­fens­ter, S. 43.“

Lei­der läßt sich nicht sa­gen, wel­ches der vie­len Pa­ri­ser Stadt­pa­lais Proust vor Au­gen hat­te als er das Hô­tel de Guer­man­tes schuf. Es be­sitzt den Plan ei­nes „Hô­tel par­ti­cu­lier”, ei­nes mehr­stö­cki­gen Ge­bäu­des, des­sen Stra­ßen­front über ein Por­tal Zu­gang zum Eh­ren­hof und den Sei­ten­flü­geln ge­währt. Der Haupt­wohn­trakt, Corps de lo­gis, mit der im ers­ten Stock ge­le­ge­nen Eta­ge no­ble schließt den Hof ab, da­hin­ter liegt der Gar­ten. Die Fa­mi­lie Proust leb­te von 1871–1909 in ei­ner Woh­nung am Bou­le­vard Ma­le­sher­bes Nr. 9, auch dort be­fand sich die Schnei­de­rei ei­nes Wes­ten­ma­chers, so daß man ge­neigt ist auch das Pa­lais Guer­man­tes in die­ser Ge­gend an­zu­sie­deln. Rai­ner Mo­ritz, der den schö­nen klei­nen Band „Mit Proust durch Pa­ris“ ver­fasst hat, be­zwei­felt dies je­doch und ver­mu­tet ei­ne La­ge auf der an­de­ren Sei­te des Flu­ßes im Fau­bourg Saint-Ho­no­ré.

Proust — Hoffnungshölle

Ach, Gilberte!

Un­ser Glau­be, daß ein We­sen an ei­nem un­be­kann­ten Le­ben teil­hat, in das sei­ne Lie­be uns mit hin­ein­tra­gen wür­de, ist un­ter al­lem, was die Lie­be zu ih­rer Ent­ste­hung braucht, das Be­deu­tungs­volls­te, dem ge­gen­über al­les an­de­re nur noch we­nig ins Ge­wicht fal­len kann.“

Als Mar­cel Gil­ber­te ken­nen lernt, wünscht er sich nichts sehn­li­cher als auch von Swann ak­zep­tiert und in den Kreis der Per­so­nen auf­ge­nom­men zu wer­den, die von ihm und Odet­te emp­fan­gen wer­den. Dies ge­lingt ihm recht bald. Die Swanns sind so­gar der­art von ihm be­ein­druckt, daß sie ei­nen po­si­ti­ven Ein­fluss auf ih­re Toch­ter er­hof­fen. Je in­ni­ger sich je­doch die­ses von Be­wun­de­rung und Ver­trau­en ge­präg­te Ver­hält­nis ent­wi­ckelt, um so mehr di­stan­ziert sich Gil­ber­te von ih­rem Ver­eh­rer. Viel­leicht fand sie es wie heu­ti­ge Pu­ber­tie­ren­de ein­fach un­cool von ei­nem Jun­gen um­schwärmt zu wer­den, der sich for­mi­da­bel mit den El­tern ver­steht, von de­nen man sich doch ge­ra­de zu eman­zi­pie­ren ver­sucht?

Auf je­den Fall lei­det man mit Mar­cel. Doch zu­nächst ist man zu­sam­men mit ihm ver­liebt. Bei der ers­ten Ein­la­dung zum Tee ver­spürt man ei­ne der­ar­ti­ge Auf­re­gung, daß das Ge­hirn wie „Proust — Hoff­nungs­höl­le“ wei­ter­le­sen

Proust — Sehnsuchtsorte

Balbec, Venedig, Florenz, Champs-Élysées, Bois de Boulogne — (Bd. 1, 3)

An stür­mi­schen Ta­gen be­fällt den jun­gen Mar­cel Fern­weh nach Bal­bec, ei­nem Küs­ten­ort in der Nor­man­die, der in al­ler her­auf­be­schwo­re­nen Phan­ta­sie bi­zar­rer er­scheint als er sich in Wirk­lich­keit er­wei­sen soll­te. Ein Phä­no­men, wel­ches er auch beim Klang der ita­lie­ni­schen Städ­te­na­men Ve­ne­dig und Flo­renz emp­fin­det. Die Er­war­tung stellt ihm die­se Or­te „schö­ner und an­ders dar, als nor­man­ni­sche oder tos­ka­ni­sche Städ­te es in Wirk­lich­keit sein kön­nen“. Mit der Lek­tü­re von Kunst- und Rei­se­füh­rern taucht er ein in die­se Welt fern der Rea­li­tät. „Selbst un­ter ei­nem ganz rea­len Ge­sichts­punkt neh­men die Ge­gen­den, nach de­nen wir uns seh­nen, in je­dem Au­gen­blick un­se­res wirk­li­chen Le­bens sehr viel mehr Raum ein als das Land, in dem wir uns be­fin­den.“ Doch sei­ne Krank­heit ver­hin­dert die Rei­se.

An­statt ita­lie­ni­scher Re­nais­sance­bau­ten muss er mit den Gar­ten­an­la­gen der Champs-Ély­sées vor­lieb neh­men. Es scheint ihm un­er­träg­lich. Man könn­te in Er­in­ne­rung an be­reits „Proust — Sehn­suchts­or­te“ wei­ter­le­sen