Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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Wie fik­tiv al­les ist!“, sag­te Wolf. „Sie wa­ren über­zeugt, dass Sie mich ge­tö­tet hat­ten, ich war mir si­cher, dass Sie letzt­lich durch mei­ne Schuld um­ge­kom­men wa­ren, und wir hat­ten bei­de nicht recht. (…)“

Gas­danow be­ginnt sei­nen Ro­man Das Phan­tom des Alex­an­der Wolf mit der Schlüs­sel­sze­ne. In ei­nem Som­mer ge­gen En­de des Rus­si­schen Bür­ger­kriegs tref­fen zwei feind­li­che Kämp­fer auf­ein­an­der. Das Pferd des ei­nen wird von ei­nem Schuss nie­der­ge­streckt. Als sein Rei­ter un­ver­letzt auf­steht, sieht er wie der Schüt­ze er­neut das Ge­wehr an­legt. Er zückt sei­ne Pis­to­le zur Ge­gen­wehr und trifft den an­de­ren zu­erst. Töd­lich, wie ihm ein Blick ver­si­chert. We­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter hört er Wei­te­re her­an­na­hen und flieht auf dem Schim­mel des Ge­tö­te­ten.

 

Zu der Zeit, als das ge­schah, war ich 16 Jah­re –so­mit war die­ser Mord der Be­ginn mei­nes selb­stän­di­gen Le­bens, und ich bin mir nicht si­cher, ob er nicht un­will­kür­lich al­les ge­prägt hat, was zu er­fah­ren und zu er­bli­cken mir spä­ter be­schie­den war.

Jah­re spä­ter, er lebt in­zwi­schen in Pa­ris und schreibt für die Zei­tung, stößt der Er­zäh­ler auf ei­ne Ge­schich­te, die de­tail­liert die Schuss­sze­ne wie­der­gibt. Au­tors des Ban­des ist ein ge­wis­ser Alex­an­der Wolf, ein Eng­län­der, der den ins­ge­samt vier Ge­schich­ten ein Zi­tat Ed­gar Al­len Poes vor­an­ge­stellt hat: „Be­ne­ath me lay my corp­se with the ar­row in my temp­le“.

Die­ser Blick auf den ei­ge­nen durch ei­nen Kopf­schuss hin­ge­streck­ten Kör­per er­in­nert an Aus­sa­gen von Ver­letz­ten na­he am Tod. Der Tod ist ei­nes der be­herr­schen­den The­men in die­sem Ro­man. Er ist der Punkt auf den das Le­ben zu­läuft, sein Ge­gen­part und da­mit der stärks­te Grund für die Exis­tenz. Wie je­des ein­zel­ne Le­ben schick­sal­haft mit dem an­de­rer ver­bun­den ist, scheint der Grund­ge­dan­ke von Gas­danows Ro­man.

Sein Held, der gleich­zei­tig der Ich-Er­zäh­ler ist, macht sich auf die Su­che nach Alex­an­der Wolf, den Mann, der den prä­gen­den Au­gen­blick sei­nes Le­bens zu ken­nen scheint. Er schreibt an Wolfs Ver­lag in Lon­don und wird schließ­lich per­sön­lich vor­stel­lig. Der Er­zäh­ler spürt die gro­ße Ab­nei­gung des Ver­le­gers ge­gen­über sei­nem eins­ti­gen Au­tor, doch die Aus­kunft bleibt spär­lich.

Mehr er­fährt er in Pa­ris, wo er auf zwei Per­so­nen trifft, die Alex­an­der Wolf ken­nen. Wos­nes­sen­ski, ein äl­te­rer Herr, mit dem er in ei­nem rus­si­schen Re­stau­rant zu­fäl­lig den Hei­lig­abend ver­bringt, weiß, daß Wolf ein Rus­se ist, auch wenn er auf Eng­lisch schreibt. Die­ser Wos­nes­sen­ski trägt so­gar den be­sag­ten Er­zäh­lungs­band mit sich.

Kurz dar­auf be­geg­net der Er­zäh­ler ei­ner Frau, die eben­falls ei­ne Ver­bin­dung zu Alex­an­der Wolf hat­te. Der Le­ser er­kennt dies nach gut hun­dert Sei­ten. Der Er­zäh­ler hin­ge­ge­gen rät­selt bis zur Of­fen­ba­rung am En­de des Ro­mans. Das ist un­glaub­wür­dig. Wäh­rend der Le­ser dank der In­for­ma­tio­nen des Er­zäh­lers schon längst die Ver­bin­dung von Wolf zu Je­le­na ahnt, tappt die­ser noch völ­lig im Dun­keln und bleibt trotz un­heil­schwan­ge­rer Chan­son-Zei­len, die das Ge­sche­hen durch­we­hen, taub.

Un­be­frie­di­gend sind auch die Dis­kre­pan­zen in den Zeit­ab­läu­fen. Wos­nes­sen­ski, so er­fah­ren wir, war ei­ner der her­an­na­hen­den Rei­ter von da­mals. Er küm­mer­te sich um Wolf nach sei­ner Ge­ne­sung und blieb sein Freund, ob­wohl Wolf ihm die Ge­lieb­te aus­spann. Der Bür­ger­krieg war noch nicht be­en­det, auf der Flucht trenn­ten sie sich schließ­lich in Is­tan­bul. Erst 12 Jah­re spä­ter sa­hen sie sich in Pa­ris wie­der. Zwi­schen dem Bür­ger­krieg und der Ge­gen­wart des Ro­mans lie­gen folg­lich min­des­tens 12 Jah­re. Je­le­na war „un­ge­fähr zu der Zeit als ich durch die Step­pe irr­te“, al­so wäh­rend des Bür­ger­kriegs, um die Sieb­zehn. Als sie den Er­zäh­ler ken­nen­lernt ist sie je­doch erst 25.

Eben­falls stö­rend emp­fand ich die häu­fi­ge Ver­wen­dung des Be­griffs „In­to­na­ti­on“. Be­son­ders Je­le­na spricht ger­ne mit „zu­rück­hal­ten­der“, „be­kann­ter“, „mensch­li­cher“ oder an­ders ge­ar­te­ter In­to­na­ti­on.

Die psy­cho­lo­gi­sche Prä­zi­si­on in der Dar­stel­lung von Ge­fühls­zu­stän­den be­ein­druckt da­hin­ge­gen. Die­se tie­fe Em­pa­thie macht es leicht, sich in die Fi­gur des Er­zäh­lers hin­ein zu ver­set­zen. Über­zeu­gend ge­stal­tet Gas­danow, wie die ers­te Be­geg­nung mit Je­le­na sei­nem Hel­den zu­setzt. Sie geht ihm nicht aus dem Kopf, selbst wenn er par­al­lel die Re­por­ta­ge über den Box­kampf for­mu­liert. Ein gran­dio­ser Wett­streit von Ge­dan­ken und Ge­füh­len.

Dem Box­kampf al­ler­dings hat der Au­tor viel Raum ein­ge­räumt, eben­so der ge­gen En­de hin in­sze­nier­ten Jagd auf den Ver­bre­cher Pier­rot, ei­ne voll­kom­men un­be­kann­te zu­vor nicht in Er­schei­nung ge­tre­te­ne Fi­gur. Bei­de Sze­nen die­nen der in­ne­ren Lo­gik der Ge­schich­te — oh­ne Box­kampf kei­ne Je­le­na und oh­ne Pier­rot kei­ne Pis­to­le -, doch sie wir­ken über­di­men­sio­niert bei dem ins­ge­samt 170 Sei­ten um­fas­sen­den Buch.

Das Phan­tom des Alex­an­der Wolf“ ma­chen die vie­len fein­sin­ni­gen Ein­sich­ten le­sens­wert. Ein „gros­ser Ro­man der Welt­li­te­ra­tur“, wie ein Blurb der Rück­sei­te tönt, ist die­se über­kon­stru­ier­te und von Omi­na über­völ­ker­te Ge­schich­te nicht.

Er­gänzt wird der Ro­man durch ein Nach­wort sei­ner Über­set­ze­rin Ro­se­ma­rie Tiet­ze. Es wid­met sich vor al­lem der Wie­der­ent­de­ckung von Gas­danow und den rus­si­schen Exi­lan­ten in Pa­ris, die bei­den letz­ten Sei­ten be­zie­hen sich auf den Ro­man.

Schön wä­ren An­mer­kun­gen ge­we­sen, die zum Bei­spiel hät­ten klä­ren kön­nen, ob Je­le­na auf ih­rer Hoch­zeits­rei­se tat­säch­lich Apu­lei­us’ Der gol­de­ne Esel im Meer ver­senk­te.

Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf, 1. Aufl. 2012, Hanser Verlag
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