Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_CoverWie sagt man hier­zu­lan­de? It ta­kes one to know one. Of­fen­sicht­lich hat­te sich der Ver­rück­te da drau­ßen für sein Wahn-Ich treff­si­cher ei­nen der ver­rück­tes­ten Phy­si­ker her­aus­ge­sucht, der sich in der deut­schen Ge­schich­te fin­den ließ.

Wäh­rend sie sich selbst noch la­chen hör­te, durch­fuhr es Jo­han­na wie ein Stich. Wie kam sie da­zu, auf ei­nen Wis­sen­schaft­ler, der küh­ne Ge­dan­ken wag­te, eben­so bor­niert und selbst­ge­fäl­lig zu re­agie­ren, wie es das Pack der – wie hat­te er sie ge­nannt?-, das Pack der Phi­lis­ter tat? Litt sie selbst nicht im­mer noch un­ter je­nem Brief, mit dem die deut­sche Ethik­kom­mis­si­on vor we­ni­gen Wo­chen ihr wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt, ihr Le­bens­pro­jekt, ab­ge­kan­zelt hat­te? Die we­ni­gen – in ih­rer Knapp­heit dop­pelt ver­let­zen­den – Sät­ze hat­ten sich ihr so tief ins Ge­dächt­nis ein­ge­prägt, dass sie den un­säg­li­chen Schrieb gar nicht mehr brauch­te, um ihn Wort für Wort vor sich zu se­hen: „ (…) Ihr Pro­jekt, die phy­sio­lo­gi­sche Re­ge­ne­ra­ti­on weit über das gat­tungs­spe­zi­fi­sche Maß hin­aus zu ak­ti­vie­ren und gleich­zei­tig die Zell­se­nes­zenz zu re­tar­die­ren bzw. voll­stän­dig zu un­ter­bin­den, stellt kein ethisch ver­tret­ba­res For­schungs­ziel dar. Al­tern ge­hört zu den Grund­ge­ge­ben­hei­ten mensch­li­cher Exis­tenz und ist in die­sem Sin­ne nicht als Krank­heit zu be­trach­ten…“

Die­ses Buch ist vie­les zu­gleich, ein Faust­stoff in sei­ner Su­che nach Un­sterb­lich­keit und ei­ne Zeit­rei­se, die ei­nen Wis­sen­schaft­ler des 17. Jahr­hun­derts ins Hier und Heu­te ver­setzt, ein His­to­ri­scher Ro­man, der mit Er­in­ne­run­gen und Schrift­quel­len in die Ver­gan­gen­heit führt, und ein Wis­sen­schafts­thril­ler, der sei­ne Le­ser mit Theo­ri­en und Ex­pe­ri­men­ten kon­fron­tiert. An­ge­rei­chert mit Fra­gen nach Sinn und Sein, mit Re­li­gi­ons­kri­tik und voll sub­ti­ler Iro­nie kom­po­niert Thea Dorn die­se Zu­ta­ten zu ih­rem neu­en Ro­man „Die Un­glück­se­li­gen“.

Span­nend ist be­reits der Be­ginn, wo der Zu­fall die bei­den Haupt­fi­gu­ren zwei­mal zu­sam­men bringt. An der Kas­se ei­nes Su­per­markts und am Sei­ten­strei­fen ei­ner Au­to­bahn trifft Jo­han­na Ma­wet, ei­ne deut­sche Mo­le­ku­lar­bio­lo­gin, die in ei­nem In­sti­tut an der ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te forscht, auf ei­nen ko­mi­schen Kautz im Ha­waii­hemd, der sich bald als der 1776 ge­bo­re­ne Phy­si­ker Jo­hann Wil­helm Rit­ter ent­puppt.

Die­se über­ra­schen­de Iden­ti­tät des noch nicht Ver­stor­be­nen wä­re der For­sche­rin ver­bor­gen ge­blie­ben, kä­me ihr nicht aber­mals der Zu­fall zur Hil­fe. Sie ver­misst ih­ren Pass und kehrt zu der Hüt­te im Wald zu­rück, wo sie Rit­ter am Vor­tag ab­setz­te. Dort fin­det sie ihn von ei­nem Schuss schwer ver­letzt und be­schließt Rit­ter, der sich je­der ärzt­li­chen Hil­fe ver­wei­gert, zu pfle­gen. In den fol­gen­den Ta­gen fal­len ihr nicht nur die wun­der­li­che Aus­drucks­wei­se ih­res Pa­ti­en­ten auf, son­dern auch an­de­re un­ge­wöhn­li­che Merk­ma­le, wie feh­len­de Al­ters­fle­cken und der Ge­gen­satz von wei­ßer Kör­per­be­haa­rung und schwar­zem Haupt­haar. Be­wei­sen sie tat­säch­lich sein Ge­ständ­nis, er sei über 200 Jah­re alt?

Das For­scher­in­ter­es­se von Jo­han­na Ma­wet ist ge­weckt. Es gilt dem Ver­zö­gern von Al­te­rungs­pro­zes­sen, was sie bis­her mit bio­tech­no­lo­gi­schen Ma­ni­pu­la­tio­nen am Erb­gut von Mäu­sen und Fi­schen un­ter­sucht hat­te. Wenn die­ser Phy­si­ker aus dem 18. Jahr­hun­dert tat­säch­lich re­ge­ne­ra­ti­ve Zel­len be­sä­ße, wür­de Jo­han­na dann bald Rit­ter-Mäu­se an­statt Ze­bra­fisch-Mäu­se züch­ten? Oder könn­te gar sie selbst da­von pro­fi­tie­ren? Auf der Su­che nach der Un­sterb­lich­keits­sub­stanz lässt sie Rit­ters Ge­nom ana­ly­sie­ren und löst da­durch un­vor­her­seh­ba­re Er­eig­nis­se aus.

So­weit der span­nen­de Plot, der dem 550 Sei­ten um­fas­sen­den Ro­man zu­grun­de liegt. Die­ser be­steht aus zwei Tei­len, und wird von ei­nem Vor­spiel, Zwi­schen­spiel und Nach­spiel um­fasst, die dem Teu­fel als Büh­ne die­nen. In di­rek­ter An­spra­che wen­det er sich dort an die Le­ser wie an die Haupt­fi­gu­ren, de­ren Trei­ben er auch in der ei­gent­li­chen Ro­man­hand­lung ger­ne kom­men­tie­rend un­ter­bricht. Er­gänzt wird dies zu­dem durch Tex­te ver­schie­dens­ter Art. Dar­un­ter fin­den sich Lied­tex­te und Ver­se, ein Lehr­buch der Mi­li­tär­chir­ur­gie, ein uto­pi­sches Dra­ma und ei­ne Kin­der­ge­schich­te, das Pro­to­koll ei­nes Ex­pe­ri­ments und ein Ex­or­zis­mus-Be­richt. Beim letzt­ge­nann­ten Text, dem Brief des Jus­ti­nus Ker­ner an Pfar­rer Blum­hardt han­delt es sich um ei­ne au­then­ti­sche Quel­le, eben­so wie die von Rit­ter ver­fass­ten „Frag­men­te aus dem Nach­lass ei­nes jun­gen Phy­si­kers“. Bei­de hat Thea Dorn in Aus­zü­gen in ih­ren Ro­man über­nom­men. Zu­dem ver­weist sie mit Zi­ta­ten und Zei­chen auf Au­to­ren wie Goe­the, Ten­nes­see Wil­liams, Le­wit­schar­off oder den Co­mic-Hel­den Wer­ner.

Zwi­schen die­ser auch sprach­li­chen Viel­falt setzt die Au­to­rin ih­re bei­den Hel­den Jo­han­na Ma­wet und Jo­hann Wil­helm Rit­ter. Ein Paar, das bald mehr eint als un­ter­schei­det. Un­er­schro­cken for­schen sie nach der Es­senz der Un­sterb­lich­keit, wo­bei Ma­wet, die nach dem jü­di­schen To­des­en­gel be­nannt ist, sie er­lan­gen und der un­sterb­li­che Rit­ter sie über­win­den möch­te. An den Ge­schi­cken der Bei­den dis­ku­tiert Dorn nicht nur die­se ge­gen­sätz­li­che Po­si­ti­on, son­dern zu­gleich das Di­lem­ma der Wis­sen­schaft zwi­schen For­schung und Ver­ant­wor­tung. Soll al­les, was mög­lich ist, auch mach­bar sein?

Das his­to­ri­sche Vor­bild ih­rer Fi­gur, je­ner Jo­hann Wil­helm Rit­ter wur­de 1776 in Schle­si­en ge­bo­ren und starb 1810. Als an­ge­se­he­ner Na­tur­for­scher sei­ner Zeit war er mit Goe­the, Schle­gel und Her­der be­kannt. Thea Dorn ent­deck­te ihn, laut ei­nem In­ter­view in ih­rer „al­ten“ Li­te­ra­tur­sen­dung „Le­sens­wert“, durch den Hin­weis ei­nes Ar­chi­vars. Sie stu­dier­te Rit­ters Schrift und ließ sich von sei­nen The­sen und sei­ner Spra­che in­spi­rie­ren.

Wie in den au­then­ti­schen Quel­len, bleibt die­se auch im größ­ten Teil der fik­ti­ven Tex­te dem 18. Jahr­hun­dert ver­haf­tet. Auch die Spra­che der Fi­gur Rit­ter klingt al­ter­tüm­lich und da­her un­ge­wohnt. Da­ne­ben ste­hen in Bay­risch, Schwä­bisch und Schle­sisch ge­hal­te­ne Pas­sa­gen. Doch man liest sich ein und freut sich dann an Dorns schö­nen Wort­schöp­fun­gen, wie La­bor­ra­ten­ru­del für die klei­ne For­scher­grup­pe des In­sti­tuts oder Schoß­auf für ei­nen Lap­top, der auch ger­ne als Ap­fel­kas­ten be­ti­telt wird.

Auch ak­tu­el­le Be­zü­ge greift die Au­to­rin auf. Mit Iro­nie führt sie die Aus­wüch­se von Selb­st­op­ti­mie­rung und Fit­ness­wahn beim Kon­gress der Im­mor­ta­lis­ten vor. Wie Kir­che und Re­li­gi­on sich Tod und Teu­fel zu Diens­ten ma­chen, da­von liest man eben­falls in die­sem Ro­man, der in sei­ner schöns­ten Sze­ne den Teu­fel selbst als Whist­leb­lo­wer zeigt.

Es lohnt sich al­so dran zu blei­ben, auch wenn die Span­nung der hand­lungs­star­ken Pas­sa­gen bis­wei­len durch die Er­grün­dung tief­sin­ni­ger Fra­gen ver­zö­gert wird. Doch wer be­haup­tet, daß ei­ne Lek­tü­re, zu­mal ei­ne ge­winn­brin­gen­de, nicht her­aus­for­dern darf?

Thea Dorn, Die Unglücksseligen, Knaus Verlag, 1. Aufl. 2016
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