Das Erbe der Voortrekker

Damon Galgut erzählt in „Das Versprechen” von der Last der kolonialen Vergangenheit

…die Fa­mi­lie Swart hat so gar nichts Be­son­de­res oder Be­mer­kens­wer­tes, o nein, sie gleicht der Fa­mi­lie von der Nach­bar­farm und der Nach­bar­farm der Nach­bar­farm, nur ein ge­wöhn­li­cher Hau­fen wei­ßer Süd­afri­ka­ner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur ein­mal dar­auf zu ach­ten, wie wir spre­chen. Wir klin­gen nicht an­ders als die an­de­ren Stim­men, wir klin­gen ganz ge­nau­so, und wir er­zäh­len die­sel­ben Ge­schich­ten, in ei­nem brei­igen Ak­zent, mit ge­köpf­ten Kon­so­nan­ten und ge­quetsch­ten Vo­ka­len. Un­se­re See­le ist ir­gend­wie ver­ros­tet, re­gen­fle­ckig und ver­beult, und das hört man un­se­rer Stim­me an.“

Wie im vor kur­zem hier be­spro­che­nen Ro­man von Ali­ne Val­an­gin spielt ein Haus ei­ne Rol­le. Kein pracht­vol­ler Pa­laz­zo, son­dern ei­ne rui­nö­se Hüt­te, ab­ge­le­gen auf dem weit­läu­fi­gen Ge­län­de ei­ner Farm au­ßer­halb Pre­to­ri­as. Dort lebt Sa­lo­me, das schwar­ze Haus­mäd­chen, die der Be­sit­zer „beim Kauf gra­tis da­zu­be­kom­men hat“. Auch wenn sie von den Swarts als In­ven­tar und kaum als In­di­vi­du­um be­trach­tet wird, spielt sie ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Fa­mi­li­en­gefü­ge. Sie hat die Kin­der An­ton, As­trid und Amor auf­ge­zo­gen und pfleg­te de­ren Mut­ter Ra­chel. Als die­se stirbt, nimmt Ra­chel ih­rem Mann das Ver­spre­chen ab, die Hüt­te in Sa­lo­mes Be­sitz zu ge­ben. Ein Wunsch, der we­gen der Apart­heid-Ge­set­ze nicht ver­wirk­licht wer­den kann.

Am Leit­mo­tiv des un­ein­ge­lös­ten Ver­spre­chens ver­folgt Da­mon Gal­gut das Le­ben der ein­zel­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der. Sie sind so dis­pa­rat, daß nur die To­des­fäl­le die Fi­gu­ren zu­sam­men­kom­men las­sen. Die­se Er­eig­nis­se, der Tod der Mut­ter, des Va­ters, der Toch­ter As­trid und des Sohns An­ton bil­den die vier Ka­pi­tel des Romans.

Im Jahr 1986, als das ers­te Ka­pi­tel ein­setzt, be­fin­det sich die Apart­heid in Auf­lö­sung. Über­all im Land kommt es zu Un­ru­hen. Die vom ri­gi­den Re­gime der Ras­sen­tren­nung dis­kri­mi­nier­te nicht­wei­ße Be­völ­ke­rung Süd­afri­kas setzt sich zur Wehr. Die Swarts neh­men le­dig­lich Ver­kehrs­be­hin­de­run­gen im be­nach­bar­ten Town­ship wahr, die sich an­bah­nen­de ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­rung passt nicht in das Welt­bild der Nach­kom­men ei­ner Burenfamilie.

Aus­beu­tung, Ver­trei­bung, Un­ter­drü­ckung, Ras­sis­mus und Kor­rup­ti­on, Miss­stän­de, die Süd­afri­ka bis heu­te pla­gen, sind die ei­gent­li­chen The­men die­ses Ro­mans. Der 1963 in Pre­to­ria ge­bo­re­ne, be­reits mit 17 als Au­tor in Er­schei­nung ge­tre­te­ne Gal­gut, ver­webt sie zu ei­ner Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die über drei Jahr­zehn­te trägt.

Für sein Er­zäh­len wählt er ei­ne li­te­ra­risch an­spruchs­vol­le Form, in der, was an­ge­sichts der The­men über­ra­schen mag, der Hu­mor nicht fehlt. Je­der sei­ner Fi­gu­ren ver­leiht er ei­ne Stim­me. Ein per­so­na­ler Er­zäh­ler, der bis­wei­len in die Ich-Form fällt, schil­dert die Ge­dan­ken und das Er­le­ben des Ein­zel­nen. Nicht nur die Haupt­fi­gu­ren kom­men auf die­se Wei­se zu Wort, auch zahl­rei­chen Ne­ben­fi­gu­ren, so­gar Tiere.

Die Per­spek­tiv­wech­sel voll­zie­hen sich schnell. Auf den ers­ten Sei­ten des Ro­mans sind sie noch mit Na­men mar­kiert. Im wei­te­ren Ver­lauf wei­sen nur Per­so­nal­pro­no­men auf den je­wei­li­gen Spre­cher hin. Manch­mal sind die Über­gän­ge flie­ßend. Gal­gut er­zeugt so ei­ne ge­woll­te Un­ein­deu­tig­keit zwi­schen zwei Er­zähl­stim­men, die zu­gleich zur Ver­bin­dung wird. Da denkt die Ex-Freun­din Amors über de­ren Selbst­auf­op­fe­rung nach und es folgt ei­ne Aus­sa­ge in der Ich-Per­spek­ti­ve, die so­wohl als Ant­wort Amors wie als Aus­sa­ge der im fol­gen­den Ab­schnitt auf­tre­ten­den As­trid ge­le­sen wer­den kann und zu­dem für bei­de Fi­gu­ren glei­cher­ma­ßen gilt.

Su­s­an hat recht, (…) ir­gend­et­was treibt Amor da­zu, das Leid zu su­chen, um es zu lindern.
(…)
Viel­leicht ist das der Grund. Viel­leicht will ich mich so bestrafen.
Doch kaum dass sie es aus­ge­spro­chen hat, weiß As­trid, dass es nicht wahr ist. Auf den Knien im Beicht­stuhl, zum ers­ten Mal seit ei­nem hal­ben Jahr, und sie hat die Ga­be ver­lo­ren, die Wahr­heit zu sagen.“

Ne­ben den Fi­gu­ren­stim­men kom­men­tiert ein aukt­o­ria­ler Er­zäh­ler das Ge­sche­hen, bis­wei­len in di­rek­ter An­spra­che an den Le­ser. „Und so wa­ren die ein­zi­gen bei­den Per­so­nen, die an Ra­chel Swarts Bett wach­ten, als de­ren Zeit ge­kom­men war, ihr Ehe­mann ali­as Pa oder Ma­nie und die klei­ne Schwar­ze, wie heißt sie noch gleich, Sa­lo­me, die aber, lo­gi­scher­wei­se, nicht zählt.“

Viel­leicht ist dies mit ein Grund, wes­halb Sa­lo­mes Stim­me nur ein ein­zi­ges Mal er­klingt? Sie spricht ein Ge­bet für Ra­chel, in des­sen Schluss­satz sie sich bei Gott für das Er­be be­dankt, auch dies ein In­diz für Gal­guts Humor.

Die­sen zeigt er be­reits bei den spre­chen­den Na­men sei­ner Fi­gu­ren. Al­len vor­an die Swarts, die als Vo­ortrek­ker-Nach­fah­ren doch bes­ser Weiß hei­ßen wür­den. Den ka­tho­li­schen Pries­ter tauft er Bat­ty, be­kloppt, den pro­tes­tan­ti­schen Sim­mer, was mit ver­schlif­fe­ner Aus­spra­che, der Sün­de, Sin­ner, sehr na­he­kommt. Bei­de Zu­schrei­bun­gen spie­geln sich im Cha­rak­ter der Geist­li­chen. Die wan­kel­mü­ti­ge As­trid darf sich seit ih­rer zwei­ten Ehe Moo­dy, lau­nisch, nen­nen.

Es gibt auch po­si­ti­ve Na­men wie Amor, De­si­rée und Sa­lo­me. Bei letz­te­rer mag man die Jün­ge­rin Je­su den­ken, die der Le­gen­de nach ei­ne Schwes­ter Ma­ri­as ge­we­sen sein soll.

Trotz die­ses mit der Bi­bel kon­no­tier­ten Na­mens kommt die Kir­che schlecht weg in die­sem Ro­man. Gal­gut kom­men­tiert ih­re ka­tho­li­schen wie auch ih­re nie­der­län­disch-re­for­mier­ten Ver­tre­ter und Ri­tua­le mit bei­ßen­dem Hu­mor. Ma­nies Tod nach dem Schlan­gen­biss ist das Er­geb­nis der fi­xen Idee des streng­gläu­bi­gen Rep­ti­li­en­farm­be­sit­zers. Er ziel­te auf den Re­kord im Zu­sam­men­le­ben mit ei­ner Schlan­ge. Je län­ger, um­so mehr Spen­den er­hoff­ten sich der Gläu­bi­ge und der Pries­ter, doch Sa­tan war da­ge­gen. Mit ih­rem Ver­hal­ten sind die Kir­chen­ver­tre­ter, aber auch eso­te­ri­sche Heils­brin­ger, ein Quell des meist sub­ti­len Spotts. Ein­zig Ju­den­tum und Is­lam, die eben­falls ei­ne, wenn auch klei­ne­re Rol­le spie­len, wer­den verschont.

Ei­ne Er­klä­rung bie­tet die Rol­le der evan­ge­li­schen wie ka­tho­li­schen Kir­che in der Mis­sio­nie­rung und Skla­ven­fra­ge. Do­mi­nee Sim­mers be­trach­tet die Apart­heid als von Gott ver­fügt, des­sen Wunsch sei es, „dass in an­de­ren Räu­men die Söh­ne und Töch­ter Hams zum Nut­zen und From­men ih­rer Her­ren und Her­rin­nen schuf­ten, Holz ha­cken, Was­ser schöp­fen und über­haupt den­je­ni­gen ein le­bens­wer­tes Le­ben be­rei­ten, die das schwe­re Joch der Füh­rung tragen.“

An­ge­sichts des­sen, amü­siert es um­so mehr, wen Gal­gut dem Pries­ter zur Un­zucht über­lässt. Dies mit der 2016 von Fran­zis­kus er­las­se­nen „Amo­ris la­e­ti­tia“ in Zu­sam­men­hang zu brin­gen, wä­re je­doch in­ter­pre­ta­to­risch überzogen.

Lie­ber Le­ser, du siehst ich hat­te auf vie­le Wei­sen Spaß mit die­sem Buch, das ich, auch wenn du ein gu­ter Christ sein soll­test, dir ans Herz le­ge. Zum ei­nen er­in­nert es an Vie­les, was man als blau­äu­gi­ger Eu­ro­pä­er viel­leicht ver­ges­sen hat, zum an­de­ren klärt es die wich­ti­ge Fra­ge: „Muss­te Je­sus je­mals aufs Klo?“

Da­mon Gal­gut wur­de für Das Ver­spre­chen“ 2021 mit dem Boo­ker Pri­ce ausgezeichnet.

Damon Galgut, Das Versprechen, übers. v. Thomas Moor, Luchterhand Verlag 2022

 

 

Dunkelblumer Heimatsagen

In ihrem Roman „Dunkelblum“ erzählt Eva Menasse eine alte Geschichte auf neue Weise

In Dun­kel­blum ha­ben die Mau­ern Oh­ren, die Blü­ten in den Gär­ten ha­ben Au­gen, sie dre­hen ih­re Köpf­chen hier­hin und dort­hin, da­mit ih­nen nichts ent­geht, und das Gras re­gis­triert mit sei­nen Schnurr­haa­ren je­den Schritt. Die Men­schen ha­ben im­mer­zu ein Ge­spür. Die Vor­hän­ge im Ort be­we­gen sich wie von lei­sem Atem ge­trie­ben, ein und aus, le­bens­not­wen­dig. Je­des Mal, wenn Gott von oben in die­se Häu­ser schaut, als hät­ten sie gar kei­ne Dä­cher, wenn er hin­ein­blickt in die Pup­pen­häu­ser sei­nes Mo­dell­städt­chens, das er zu­sam­men mit dem Teu­fel ge­baut hat zur Mah­nung an al­le, dann sieht er in fast je­dem Haus wel­che, die an den Fens­tern hin­ter ih­ren Vor­hän­gen ste­hen und hinausspähen.“

In den ers­ten Sät­zen ih­res neu­en Ro­mans cha­rak­te­ri­siert Eva Men­as­se tref­fend die At­mo­sphä­re von „Dun­kel­blum“. Im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land liegt das fik­ti­ve „Mo­dell­städt­chen“, wel­ches die Au­torin mit sa­ta­ni­scher Schreiblust und gött­li­chem Dich­ter­geist ge­schaf­fen hat, qua­si in Personalunion.

His­to­risch grün­det ih­re Ge­schich­te auf dem Mas­sa­ker von Rech­nitz. In dem Ort wur­den in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 an die 200 Men­schen er­schos­sen, wäh­rend der Graf im Schloss mit der Na­zi­pro­mi­nenz fei­er­te. Die Über­res­te der Op­fer wur­den nie ge­fun­den. Die Tä­ter ent­gin­gen ih­rer Stra­fe dank ef­fi­zi­en­ter Lokalamnesie.

Das Ver­ges­sen oder bes­ser das Nicht­er­in­nern­wol­len herrscht auch in Dun­kel­blum. Der Ort, so Men­as­se in ei­nem In­ter­view, ste­he nicht al­lein für das ös­ter­rei­chi­sche Bur­gen­land, wo hun­der­te Zwangs­ar­bei­ter im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­zweif­lungs­pro­jekt „Süd­ost­wall“ zu To­de ge­schun­den wur­den, son­dern für al­le Or­te, wo die Un­ta­ten der Na­zi­herr­schaft ver­gra­ben und ver­ges­sen sind.

Der Ro­man spielt im Au­gust des Jah­res 1989 und doch scheint die Zeit seit Jahr­zehn­ten „im Grun­de ste­hen ge­blie­ben“, denn die al­ten Ge­sell­schafts- und Ge­sin­nungs­struk­tu­ren le­ben fort. Zwar sind die Ewig­gest­ri­gen „Dun­kel­blu­mer Hei­mat­sa­gen“ weiterlesen

TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?

Eine Nachlese

Al­les ist ei­ne Fra­ge der Spra­che“, der Satz In­ge­borg Bach­manns fiel häu­fig beim dies­jäh­ri­gen Bach­mann-Wett­be­werb und er lei­te­te auch die Ab­stim­mung am Sonn­tag­vor­mit­tag ein. Mo­de­ra­tor Chris­ti­an An­ko­witch zi­tier­te al­ler­dings auch ei­nen Satz aus Fer­i­dun Zai­mo­g­lus Er­öff­nungs­re­de, des­sen Aus­sa­ge „wir ste­hen bei den Ver­las­se­nen“ im Hin­blick auf die Preis­ver­ga­be fast pro­gram­ma­tisch scheint.

Mich hat das Spek­ta­kel sehr über­rascht. Ich war er­staunt, daß in­ter­es­san­te Tex­te die­ses Jahr­gangs auf der Short­list fehl­ten. Dort fan­den sich die Au­toren Bov Bje­rg, Joshua Groß und die Au­torin­nen Öz­lem Öz­gül Dündar, Ra­phae­la Edel­bau­er, Al­ly Klein, Tan­ja Mal­jart­schuk und An­na Stern. Letz­te­re war ei­ne un­ver­ständ­li­che Wahl. Die ve­he­men­te Kri­tik an ih­rem Text wäh­rend der Ju­ry­dis­kus­si­on er­wies sich schließ­lich so­gar bei der Ab­stim­mung nicht als Hin­der­nis. Sie er­hielt für „War­ten auf Ava“ den 3sat-Preis, selbst  sehr über­rascht, wie ih­re ver­blüff­te Mie­ne zeig­te. Das Er­stau­nen war ver­ständ­lich „TddL ’18 — Well-ma­de Wett­be­werb?“ weiterlesen

TddL 18 – Raphaela Edelbauer, Martina Clavadetscher, Stephan Lohse, Anna Stern, Joshua Groß

Von Folter an Mensch und Natur, der Metamorphose einer Störschneiderin, einem weißen Schwarzen, einem Unglück und zu viel Dissonanz

Der Vor­mit­tag des 1. Wett­be­werbs­ta­ges hin­ter­lässt ei­nen har­mo­ni­schen Ein­druck, un­ge­wohnt für mich, die ich nach zwei Jah­ren Pau­se end­lich wie­der Zeit ha­be, die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen zu ver­fol­gen. Ja, ja, frü­her war mehr Dis­put, Ge­plän­kel und Ge­me­cker un­ter den Kri­ti­kern und zu den Tex­ten. Aber auch mehr Hu­mor. Heu­te gibt es neue Köp­fe, neue Kon­stel­la­tio­nen, und ein­deu­tig ei­ne an­de­re Art mit man­geln­dem Kon­sens und Kon­flik­ten um­zu­ge­hen. Was nicht in al­lem schlecht ist. Viel­leicht lag es auch ein­fach an den drei ers­ten Tex­ten des Wett­be­werbs. Kei­ner ließ mich ab­schwei­fen. Die bei­den ers­ten ge­fie­len mir so­gar aus­ge­spro­chen gut.

Den An­fang mach­te Ra­phae­la Edel­bau­er. Als ein­zi­ge Ös­ter­rei­che­rin ist ihr die Start­po­si­ti­on zu Recht zu­ge­fal­len. Zu fürch­ten braucht sie sie nicht, denn ihr Text ist in­ter­es­sant und gut erzählt.

Das Loch“ han­delt von den Zer­stö­run­gen, die ein Berg­werk an­rich­tet und an­ge­rich­tet hat. Dass Edel­bau­er kei­ne schö­ne Ge­schich­te er­zäh­len will, wird klar, als sie die An­fän­ge des Berg­werks im Jahr 1890 schil­dert. Pfer­de muss­ten ge­blen­det wer­den, um un­ter Ta­ge zu ar­bei­ten. Die Grau­sam­kei­ten „TddL 18 – Ra­phae­la Edel­bau­er, Mar­ti­na Cla­va­detscher, Ste­phan Loh­se, An­na Stern, Joshua Groß“ weiterlesen

Bereit für Bachmann — TddL 2018

Fer­i­dun Zai­mo­g­lu, selbst Preis­trä­ger des Jah­res 2003, er­öff­net heu­te Abend den 42. Bach­mann­preis-Be­werb mit ei­ner Re­de. Ihr Ti­tel, „Der Wert der Wor­te“, scheint an­ge­sichts ak­tu­el­ler Po­li­tik­wir­ren äu­ßerst pas­send. Doch in den nächs­ten vier Ta­gen des Wett­be­werb zu Eh­ren von In­ge­borg Bach­mann wer­den 14 Schrift­stel­ler vor­ran­gig am li­te­ra­ri­schen Wert ih­rer Wor­te gemessen.

Dies be­ur­teilt ei­ne Ju­ry aus nach wie vor sie­ben Mit­glie­dern. Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, die aus dem Schwei­zer Li­te­ra­tur­club be­kann­te Pro­fes­so­rin ist am längs­ten da­bei. Ein JAhr vor­aus hat sie Hu­bert Win­kels, seit 2010 Ju­ror da­bei ist und seit 2015 den Vor­sitz führt. In der Chro­no­lo­gie fol­gen Klaus Kas­t­ber­ger, Li­te­ra­tur­pro­fes­sor in Graz, und der „aus der Schweiz ein­ge­wan­der­te“ „Be­reit für Bach­mann — TddL 2018“ weiterlesen

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wie­viel mei­ner Ge­schich­te mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Pe­ter Stamm be­vor­zugt in sei­nem Schrei­ben das Spiel mit den Ebe­nen. Sei­ne Fi­gu­ren chan­gie­ren in ih­ren Funk­tio­nen, be­wusst oder un­be­wusst. Der Prot­ago­nist wird zum Er­zäh­ler, der Er­zäh­ler zur Fi­gur, zu­wei­len so­gar mit den Zü­gen des Au­tors. So ent­steht ei­ne Mi­schung aus Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, die Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern Le­se­freu­de be­rei­tet, und mit der sich seit ge­rau­mer Zeit auch vie­le Schü­ler und de­ren Leh­rer aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Nach­dem Agnes zu­min­dest in den Schu­len hier im Länd­le tur­nus­be­dingt als Abi-Stoff aus­sor­tiert wur­de, bie­tet sich Stamms neu­er Ro­man als Nach­fol­ger an, denn „Die sanf­te Gleich­gül­tig­keit der Welt“ nimmt deut­lich Be­zug auf Stamms be­rühm­tes De­büt. Hier wie dort ver­schie­ben sich Er­zähl­ebe­nen und Fi­gu­ren in par­al­le­len Wel­ten. Hier wie dort steht ein Schrift­stel­ler im Mit­tel­punkt, der sei­ne Lie­be zum Ge­gen­stand sei­ner Fik­ti­on macht.

Stamm stellt wie so oft in sei­nen Ro­ma­nen die Fra­ge nach der Au­then­ti­zi­tät von Er­in­ne­rung. Kön­nen wir ihr und da­mit uns selbst ver­trau­en? Oder for­men wir, in­dem wir uns er­in­nern, nicht stän­dig al­les um? Wel­che Rol­le spielt da­bei die Literatur?

In sei­ner Re­de zum So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis, bie­tet Pe­ter Stamm ei­nen Schlüs­sel „Mein Ich ist ein An­de­rer“ weiterlesen

Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich ha­be ei­nen Mann ge­kannt, der hieß Hans, und er war an­ders als al­le an­de­ren. Noch ei­nen kann­te ich, der war auch an­ders als al­le an­de­ren. Dann ei­nen, der war ganz an­ders als al­le an­de­ren und er hieß Hans, ich lieb­te ihn.“ 

Die­se Zei­len in In­ge­borgs Bach­manns Er­zäh­lung „Un­di­ne geht“ wei­sen auf die gro­ßen Lie­ben der Au­torin hin, Hans We­igel, Paul Ce­lan und Hans Wer­ner Hen­ze. Ih­nen räumt auch Hel­mut Böt­ti­ger in sei­nem neu­en Buch „Wir sa­gen uns Dunk­les“ ei­nen Platz ein. Das Er­geb­nis von Böt­tin­gers viel­fäl­ti­gen Ana­ly­sen zeigt al­ler­dings, daß Paul Ce­lan, der Mitt­le­re in Bach­manns Zi­tat, wie kein an­de­rer die Frau und die Schrift­stel­le­rin In­ge­borg Bach­mann präg­te et vice versa.

Hel­mut Böt­ti­ger, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Ver­fas­ser meh­re­rer Wer­ke zur deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, wid­met sich in sei­ner neu­es­ten Stu­die der Be­zie­hung von In­ge­borg Bach­mann und Paul Ce­lan. Er be­leuch­tet dar­in die Sta­tio­nen ih­rer Vi­ta als Lie­ben­de wie als Schrift­stel­ler, ih­re ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung und die Aus­wir­kung auf ih­re Li­te­ra­tur. Die, so zeigt Böt­ti­ger, oft­mals in Chif­fren Re­ak­tio­nen auf die Äu­ße­run­gen des „Ge­mein­sam an­ders“ weiterlesen

Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der De­cke woll­te ich längst, und nun lie­ge ich hier und kann mich nicht rüh­ren, ich hab’s nicht pro­biert. Ich lie­ge jetzt mal hier und rüh­re mich nicht, ich star­re ein­fach den Riss an.“

Der Ti­tel die­ses kur­zen, in­ten­si­ven Ro­mans ist Pro­gramm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt lie­gen. Es ist we­ni­ger sein Al­ter, das ihn zu Fall bringt, son­dern ei­ne Ab­len­kung durch ei­ne Frau oder bes­ser Wal­ter No­waks Re­ak­ti­on auf die­se. Spä­ter wird er er­zäh­len, er ha­be sich beim Schwim­men ver­schätzt und sich den Kopf am Be­cken­rand gestoßen.

Ju­lia Wolf, die 2016 mit ei­nem Aus­schnitt aus ih­rem da­mals noch un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man den 3sat Preis beim Bach­mann-Wett­be­werb ge­wann, wur­de mit dem voll­ende­ten Werk ein Jahr spä­ter für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert. Ihr Er­zähl­stil wirkt er­fri­schend neu, auch wenn er be­rühm­ten Vor­gän­gern ver­haf­tet ist.

Die Au­torin führt den Le­ser mit­ten hin­ein in Wal­ter No­waks Hirn und lässt ihn an ei­nem Strom von Er­in­ne­run­gen und As­so­zia­tio­nen teil­ha­ben. Für die bio­gra­phi­sche Au­then­ti­zi­tät der Fi­gur gibt sie kei­ne Ga­ran­tie, sie un­ter­läuft sie mit den Träu­men und Phan­ta­sien ih­res Hel­den. Wal­ters bio­gra­phi­sches „Re­kon­struk­ti­on. (Herr­lich) Un­kor­rekt“ weiterlesen

Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deut­sche Buch­preis wird am 9. Ok­to­ber zum 13. Mal ver­ge­ben. Die Re­gu­la­ri­en sind hin­rei­chend be­kannt und kön­nen im Zwei­fel auf der ei­gens ein­ge­rich­te­ten Buch­preis-Sei­te des Bör­sen­ver­eins nach­ge­le­sen wer­den. Pro­pa­giert als Preis für den bes­ten deutsch­spra­chi­gen Ro­man, ge­dacht als Mar­ke­ting­stra­te­gie für den deut­schen Buch­han­del und rea­li­siert von ei­ner jähr­lich wech­seln­den Ju­ry, be­sche­ren die No­mi­nie­run­gen mit­ten im Som­mer­loch Ge­sprächs­stoff für Blogs und Feuilleton.

Ich ver­fol­ge den Buch­preis von Be­ginn an. Auf mei­ner 2010 ge­grün­de­ten Sei­te er­schien 2011 der ers­te Buch­preis-Bei­trag. Im Jahr 2013 nahm ich als „of­fi­zi­el­le“ Buch­preis­blog­ge­rin teil. Mein bes­tes Buch­preis-Jahr war al­ler­dings 2009, da vie­le mei­ner Lieb­lings­schrift­stel­ler an­tra­ten. Mit In­ter­es­se las „Wer­wöl­fe und Fran­ken­stein­ex­per­ten — Die Lon­g­list des Deut­schen Buch­prei­ses 2017“ weiterlesen

Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285Wäh­rend der ge­sam­ten nächs­ten drei Jah­re wohn­te ich bei ih­nen und die Zeit mit mei­nen Groß­el­tern war viel­leicht so­gar in­ten­si­ver und prä­gen­der für mich als die Aus­bil­dung selbst. Drei Jah­re lang soll­ten die­se bei­den kom­plett ver­schie­de­nen Wel­ten mei­ne Le­ben bestimmten.“

Be­vor ich mit der Be­spre­chung des Ro­mans be­gin­ne, muss ich beim Au­tor Ab­bit­te leis­ten. 2013 als der da­mals an der Wie­ner Burg en­ga­gier­te Schau­spie­ler beim Bach­mann-Wett­be­werb aus dem vor­lie­gen­den Ro­man las, hat mir dies ganz und gar nicht ge­fal­len. Es lag zum ei­nen an der Sze­ne, die mir als pu­ber­tä­re La­den­dieb­f­ar­ce er­schien und die ich auch jetzt nach der Lek­tü­re des kom­plet­ten Ro­mans noch als schwach er­ach­te. Doch noch viel mehr stör­te mich die Prä­senz von Mey­er­hoffs Vor­trag, der ge­ra­de­zu un­an­stän­dig gut zwi­schen den Be­mü­hun­gen sei­ner Mit­be­wer­ber her­vor­stach. Die­se Pro­fes­sio­na­li­tät hat für mich den Text stark über­la­gert. Ich war al­so nicht auf sei­ner Sei­te. Nie hät­te ich ge­dacht, dass der Ro­man zu die­sem Stück mich so be­ein­dru­cken würde.

Ken­nen­ge­lernt hat­te ich den Au­tor be­reits ei­ni­ge Jah­re zu­vor. Da­mals emp­fahl mir ei­ne Freun­din den ers­ten, 2011 er­schie­ne­nen Ro­man „Ame­ri­ka“. Da lag er und ich las und „Spi­rit und Spi­ri­tuo­sen“ weiterlesen