TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?

Eine Nachlese

Alles ist eine Frage der Sprache“, der Satz Ingeborg Bachmanns fiel häufig beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb und er leitete auch die Abstimmung am Sonntagvormittag ein. Moderator Christian Ankowitch zitierte allerdings auch einen Satz aus Feridun Zaimoglus Eröffnungsrede, dessen Aussage „wir stehen bei den Verlassenen“ im Hinblick auf die Preisvergabe fast programmatisch scheint.

Mich hat das Spektakel sehr überrascht. Ich war erstaunt, daß interessante Texte dieses Jahrgangs auf der Shortlist fehlten. Dort fanden sich die Autoren Bov Bjerg, Joshua Groß und die Autorinnen Özlem Özgül Dündar, Raphaela Edelbauer, Ally Klein, Tanja Maljartschuk und Anna Stern. Letztere war eine unverständliche Wahl. Die vehemente Kritik an ihrem Text während der Jurydiskussion erwies sich schließlich sogar bei der Abstimmung nicht als Hindernis. Sie erhielt für „Warten auf Ava“ den 3sat-Preis, selbst  sehr überrascht, wie ihre verblüffte Miene zeigte. Das Erstaunen war verständlich „TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?“ weiterlesen

TddL 18 – Raphaela Edelbauer, Martina Clavadetscher, Stephan Lohse, Anna Stern, Joshua Groß

Von Folter an Mensch und Natur, der Metamorphose einer Störschneiderin, einem weißen Schwarzen, einem Unglück und zu viel Dissonanz

Der Vormittag des 1. Wettbewerbstages hinterlässt einen harmonischen Eindruck, ungewohnt für mich, die ich nach zwei Jahren Pause endlich wieder Zeit habe, die Lesungen und Diskussionen zu verfolgen. Ja, ja, früher war mehr Disput, Geplänkel und Gemecker unter den Kritikern und zu den Texten. Aber auch mehr Humor. Heute gibt es neue Köpfe, neue Konstellationen, und eindeutig eine andere Art mit mangelndem Konsens und Konflikten umzugehen. Was nicht in allem schlecht ist. Vielleicht lag es auch einfach an den drei ersten Texten des Wettbewerbs. Keiner ließ mich abschweifen. Die beiden ersten gefielen mir sogar ausgesprochen gut.

Den Anfang machte Raphaela Edelbauer. Als einzige Österreicherin ist ihr die Startposition zu Recht zugefallen. Zu fürchten braucht sie sie nicht, denn ihr Text ist interessant und gut erzählt.

Das Loch“ handelt von den Zerstörungen, die ein Bergwerk anrichtet und angerichtet hat. Dass Edelbauer keine schöne Geschichte erzählen will, wird klar, als sie die Anfänge des Bergwerks im Jahr 1890 schildert. Pferde mussten geblendet werden, um unter Tage zu arbeiten. Die Grausamkeiten „TddL 18 – Raphaela Edelbauer, Martina Clavadetscher, Stephan Lohse, Anna Stern, Joshua Groß“ weiterlesen

Bereit für Bachmann — TddL 2018

Feridun Zaimoglu, selbst Preisträger des Jahres 2003, eröffnet heute Abend den 42. Bachmannpreis-Bewerb mit einer Rede. Ihr Titel, „Der Wert der Worte“, scheint angesichts aktueller Politikwirren äußerst passend. Doch in den nächsten vier Tagen des Wettbewerb zu Ehren von Ingeborg Bachmann werden 14 Schriftsteller vorrangig am literarischen Wert ihrer Worte gemessen.

Dies beurteilt eine Jury aus nach wie vor sieben Mitgliedern. Hildegard Elisabeth Keller, die aus dem Schweizer Literaturclub bekannte Professorin ist am längsten dabei. Ein JAhr voraus hat sie Hubert Winkels, seit 2010 Juror dabei ist und seit 2015 den Vorsitz führt. In der Chronologie folgen Klaus Kastberger, Literaturprofessor in Graz, und der „aus der Schweiz eingewanderte“ „Bereit für Bachmann — TddL 2018“ weiterlesen

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wieviel meiner Geschichte mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Peter Stamm bevorzugt in seinem Schreiben das Spiel mit den Ebenen. Seine Figuren changieren in ihren Funktionen, bewusst oder unbewusst. Der Protagonist wird zum Erzähler, der Erzähler zur Figur, zuweilen sogar mit den Zügen des Autors. So entsteht eine Mischung aus Fiktion und Metafiktion, die Literaturliebhabern Lesefreude bereitet, und mit der sich seit geraumer Zeit auch viele Schüler und deren Lehrer auseinandersetzen müssen. Nachdem Agnes zumindest in den Schulen hier im Ländle turnusbedingt als Abi-Stoff aussortiert wurde, bietet sich Stamms neuer Roman als Nachfolger an, denn „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ nimmt deutlich Bezug auf Stamms berühmtes Debüt. Hier wie dort verschieben sich Erzählebenen und Figuren in parallelen Welten. Hier wie dort steht ein Schriftsteller im Mittelpunkt, der seine Liebe zum Gegenstand seiner Fiktion macht.

Stamm stellt wie so oft in seinen Romanen die Frage nach der Authentizität von Erinnerung. Können wir ihr und damit uns selbst vertrauen? Oder formen wir, indem wir uns erinnern, nicht ständig alles um? Welche Rolle spielt dabei die Literatur?

In seiner Rede zum Solothurner Literaturpreis, bietet Peter Stamm einen Schlüssel „Mein Ich ist ein Anderer“ weiterlesen

Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich habe einen Mann gekannt, der hieß Hans, und er war anders als alle anderen. Noch einen kannte ich, der war auch anders als alle anderen. Dann einen, der war ganz anders als alle anderen und er hieß Hans, ich liebte ihn.“ 

Diese Zeilen in Ingeborgs Bachmanns Erzählung „Undine geht“ weisen auf die großen Lieben der Autorin hin, Hans Weigel, Paul Celan und Hans Werner Henze. Ihnen räumt auch Helmut Böttiger in seinem neuen Buch „Wir sagen uns Dunkles“ einen Platz ein. Das Ergebnis von Böttingers vielfältigen Analysen zeigt allerdings, daß Paul Celan, der Mittlere in Bachmanns Zitat, wie kein anderer die Frau und die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann prägte et vice versa.

Helmut Böttiger, Literaturkritiker und Verfasser mehrerer Werke zur deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, widmet sich in seiner neuesten Studie der Beziehung von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Er beleuchtet darin die Stationen ihrer Vita als Liebende wie als Schriftsteller, ihre gegenseitige Beeinflussung und die Auswirkung auf ihre Literatur. Die, so zeigt Böttiger, oftmals in Chiffren Reaktionen auf die Äußerungen des „Gemeinsam anders“ weiterlesen

Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt

Julia Wolf lässt in ihrem Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ das Hirn ihres Protagonisten erzählen

Den Riss in der Decke wollte ich längst, und nun liege ich hier und kann mich nicht rühren, ich hab’s nicht probiert. Ich liege jetzt mal hier und rühre mich nicht, ich starre einfach den Riss an.“

Der Titel dieses kurzen, intensiven Romans ist Programm. Ein Mann an die 70 stürzt im Bad und bleibt liegen. Es ist weniger sein Alter, das ihn zu Fall bringt, sondern eine Ablenkung durch eine Frau oder besser Walter Nowaks Reaktion auf diese. Später wird er erzählen, er habe sich beim Schwimmen verschätzt und sich den Kopf am Beckenrand gestoßen.

Julia Wolf, die 2016 mit einem Ausschnitt aus ihrem damals noch unveröffentlichten Roman den 3sat Preis beim Bachmann-Wettbewerb gewann, wurde mit dem vollendeten Werk ein Jahr später für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihr Erzählstil wirkt erfrischend neu, auch wenn er berühmten Vorgängern verhaftet ist.

Die Autorin führt den Leser mitten hinein in Walter Nowaks Hirn und lässt ihn an einem Strom von Erinnerungen und Assoziationen teilhaben. Für die biographische Authentizität der Figur gibt sie keine Garantie, sie unterläuft sie mit den Träumen und Phantasien ihres Helden. Walters biographisches „Rekonstruktion. (Herrlich) Unkorrekt“ weiterlesen

Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deutsche Buchpreis wird am 9. Oktober zum 13. Mal vergeben. Die Regularien sind hinreichend bekannt und können im Zweifel auf der eigens eingerichteten Buchpreis-Seite des Börsenvereins nachgelesen werden. Propagiert als Preis für den besten deutschsprachigen Roman, gedacht als Marketingstrategie für den deutschen Buchhandel und realisiert von einer jährlich wechselnden Jury, bescheren die Nominierungen mitten im Sommerloch Gesprächsstoff für Blogs und Feuilleton.

Ich verfolge den Buchpreis von Beginn an. Auf meiner 2010 gegründeten Seite erschien 2011 der erste Buchpreis-Beitrag. Im Jahr 2013 nahm ich als „offizielle“ Buchpreisbloggerin teil. Mein bestes Buchpreis-Jahr war allerdings 2009, da viele meiner Lieblingsschriftsteller antraten. Mit Interesse las „Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017“ weiterlesen

Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285Während der gesamten nächsten drei Jahre wohnte ich bei ihnen und die Zeit mit meinen Großeltern war vielleicht sogar intensiver und prägender für mich als die Ausbildung selbst. Drei Jahre lang sollten diese beiden komplett verschiedenen Welten meine Leben bestimmten.“

Bevor ich mit der Besprechung des Romans beginne, muss ich beim Autor Abbitte leisten. 2013 als der damals an der Wiener Burg engagierte Schauspieler beim Bachmann-Wettbewerb aus dem vorliegenden Roman las, hat mir dies ganz und gar nicht gefallen. Es lag zum einen an der Szene, die mir als pubertäre Ladendiebfarce erschien und die ich auch jetzt nach der Lektüre des kompletten Romans noch als schwach erachte. Doch noch viel mehr störte mich die Präsenz von Meyerhoffs Vortrag, der geradezu unanständig gut zwischen den Bemühungen seiner Mitbewerber hervorstach. Diese Professionalität hat für mich den Text stark überlagert. Ich war also nicht auf seiner Seite. Nie hätte ich gedacht, dass der Roman zu diesem Stück mich so beeindrucken würde.

Kennengelernt hatte ich den Autor bereits einige Jahre zuvor. Damals empfahl mir eine Freundin den ersten, 2011 erschienenen Roman „Amerika“. Da lag er und ich las und „Spirit und Spirituosen“ weiterlesen

Damnatio Memoriae

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ — über Schuld und den Versuch der Erinnerung zu entfliehen

jpeg_1718_160429Widerfahrnis ist mein erstes Buch von Bodo Kirchhoff und ich weiß gar nicht so recht, warum? Aber ich weiß nach der Lektüre, daß es nicht mein letztes sein wird.

Gewählt habe ich Kirchhoffs neuestes Werk nicht, weil er damit den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sondern weil mir die Leseprobe im zugehörigen Heft sehr gut gefiel. Zudem steht der Titel in zwei Diskussionsrunden auf dem Programm. Die eine findet virtuell bei Whatchareadin statt, die andere demnächst in unserem Literaturkreis.

Auch im vorliegenden Buch taucht eine solche Runde auf. Leonie Palm, eine der beiden Hauptfiguren, ist deren „treibende Kraft“. So bezeichnet sie jedenfalls Julius Reither, an dessen Tür Leonie eines Abends klopft. Der 70jährige hat vor kurzem seinen Verlag geschlossen und sich in ein nobles Apartment in den Bergen zurückgezogen. Hier lebt er in der Natur und in den Erinnerungen, die er redigiert wie einst als Lektor neue Texte. Ein schmerzhafter Prozess. Reither „Damnatio Memoriae“ weiterlesen

Longlist-Kostproben 2016

Beziehungen, Bedrohungen, Selbsterkundungen

haendlerErnst-Wilhelm Händler konstatiert im Kurzporträt „Der Mensch ist ein in Geld eingewickeltes Stück Fleisch“. Ein schöne, wenn auch grausame Metapher, die jene Kälte vorwegnimmt, die in „München“ herrscht.

Im surrealen Ambiente eines neomodernen Architektenhauses folgen wir Thaddea, Ärztin für Psychosomatik, die im schicken Studio den ersten Klienten empfängt und daran scheitert. Er verkörpert mit seinem versehrten Gesicht genau die Leiden, deren Behandlung sie mit ihrer Spezialisierung meidet. Vielleicht will sie nicht an ihren eigenen Makel, das Humpeln, erinnert werden? Was offensichtlich wird, da ihre Freundin Kata, die Architektin ihres Stadthauses in Schwabing und des Greenhouse in Grünwald, viele Treppen einbauen ließ. Sprachlich überzeugt mich der Ausschnitt, aber ich habe keine Ahnung, wohin der Roman will. „Longlist-Kostproben 2016“ weiterlesen