Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wie­viel mei­ner Ge­schich­te mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Pe­ter Stamm be­vor­zugt in sei­nem Schrei­ben das Spiel mit den Ebe­nen. Sei­ne Fi­gu­ren chan­gie­ren in ih­ren Funk­tio­nen, be­wusst oder un­be­wusst. Der Prot­ago­nist wird zum Er­zäh­ler, der Er­zäh­ler zur Fi­gur, zu­wei­len so­gar mit den Zü­gen des Au­tors. So ent­steht ei­ne Mi­schung aus Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, die Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern Le­se­freu­de be­rei­tet, und mit der sich seit ge­rau­mer Zeit auch vie­le Schü­ler und de­ren Leh­rer aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Nach­dem Agnes zu­min­dest in den Schu­len hier im Länd­le tur­nus­be­dingt als Abi-Stoff aus­sor­tiert wur­de, bie­tet sich Stamms neu­er Ro­man als Nach­fol­ger an, denn „Die sanf­te Gleich­gül­tig­keit der Welt“ nimmt deut­lich Be­zug auf Stamms be­rühm­tes De­büt. Hier wie dort ver­schie­ben sich Er­zähl­ebe­nen und Fi­gu­ren in par­al­le­len Wel­ten. Hier wie dort steht ein Schrift­stel­ler im Mit­tel­punkt, der sei­ne Lie­be zum Ge­gen­stand sei­ner Fik­ti­on macht.

Stamm stellt wie so oft in sei­nen Ro­ma­nen die Fra­ge nach der Au­then­ti­zi­tät von Er­in­ne­rung. Kön­nen wir ihr und da­mit uns selbst ver­trau­en? Oder for­men wir, in­dem wir uns er­in­nern, nicht stän­dig al­les um? Wel­che Rol­le spielt da­bei die Li­te­ra­tur?

In sei­ner Re­de zum So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis, bie­tet Pe­ter Stamm ei­nen Schlüs­sel „Mein Ich ist ein An­de­rer“ wei­ter­le­sen

Meine fatale Freundin

Delphine de Vigan manipuliert in ihrem neuen Roman „Nach einer wahren Geschichte“ den Leser mit Phantasie

Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te von Del­phi­ne Vi­gan

Wahr, was ist das? Dar­über wird nicht nur vor Ge­richt ge­strit­ten, denn je­de er­in­ner­te Wahr­heit be­steht mehr aus Zu­sam­men­ge­reim­ten als aus un­um­stöß­li­chen Fak­ten. Was al­so kann an ei­ner Ge­schich­te wahr sein? Oder an ei­nem Ro­man nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te? Darf ein Ro­man über­haupt wahr sein? Del­phi­ne de Vi­gan macht die­se span­nen­den Me­tafra­gen zum Ge­gen­stand ih­res neu­en nicht min­der span­nen­den Ro­mans mit dem sug­ges­ti­ven Ti­tel Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te.

Die Schwie­rig­keit über Pri­va­tes zu schrei­ben the­ma­ti­sier­te die Au­torin be­reits in Das Lä­cheln mei­ner Mut­ter. Die Last des Er­folgs, den ihr die­ser bio­gra­phi­sche Ro­man be­scher­te, schil­dert Vi­gan zu Be­ginn ih­res neu­en. Des­sen Prot­ago­nis­tin Del­phi­ne trägt nicht nur den glei­chen Vor­na­men wie die Au­torin, sie lebt wie die­se mit zwei fast er­wach­se­nen Kin­dern in Pa­ris, hat ei­nen Part­ner, der im Buch­be­trieb tä­tig ist, und ar­bei­tet als Schrift­stel­le­rin. Al­lei­ne wie­viel von der Ge­schich­te, die die­ses Grund­ge­rüst trägt, aus Fik­ti­on oder Fak­ten kon­stru­iert ist, bleibt of­fen. Wir wis­sen al­so nicht, ob Del­phi­ne de Vi­gan „Mei­ne fa­ta­le Freun­din“ wei­ter­le­sen

Metaebenen in Liebe und Literatur

Peter Stamm erzählt in „Agnes“ über die Schwierigkeit von Nähe

Das Ma­nu­skript die­ses Ro­mans reich­te Pe­ter Stamm bei meh­re­ren Ver­la­gen ver­geb­lich ein, be­vor es im Zü­ri­cher Ar­che Ver­lag zum er­folg­rei­chen De­büt wur­de. Viel­leicht war es so lan­ge ver­kannt, weil Stamm auf den ers­ten Blick ei­ne alt­be­kann­te Ge­schich­te er­zählt, die ei­ner Be­zie­hung, auf die ein gleich und gleich eben­so zu­trifft wie die sich an­zie­hen­den Ge­gen­sät­ze.

Stamm sie­delt sein Paar in Chi­ca­go an, wo es im Le­se­saal der Pu­blic Li­bra­ry ein­an­der be­geg­net. Un­gleich im Al­ter sind die bei­den, sie 25, er, der fast ihr Va­ter sein könn­te, um die 40, auch in ih­ren In­ter­es­sen ver­schie­den. Agnes pro­mo­viert in Phy­sik, der Schwei­zer Sach­buch­au­tor schreibt über Lu­xus­wa­gons von Pull­mann. Bei­de agie­ren scheu in ih­ren An­nä­he­run­gen, doch ei­ni­ge Zi­ga­ret­ten und Kaf­fees spä­ter wer­den sie ein Paar. Das Schüch­ter­ne und die Schwie­rig­keit über Ge­füh­le zu spre­chen blei­ben.

Ein un­spek­ta­ku­lä­res Su­jet, das al­ler­dings durch das Spiel mit der Me­ta­ebe­ne „Me­ta­ebe­nen in Lie­be und Li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen