Der Vergangenheit ihre Privatsphäre rauben

Ian McEwan gewährt in „Was wir wissen können“ einen kritischen Blick in die Gegenwart

Al­les, was je durchs In­ter­net ström­te, ist wohl­be­hü­tet in Neu-La­gos ge­spei­chert und wur­de längst ka­ta­lo­gi­siert. Durch Fort­schrit­te in Quan­ten­com­pu­ting und Ma­the­ma­tik wur­de al­les ge­knackt, was einst ver­schlüs­selt war. Wie gern wür­de ich den Men­schen vor hun­dert Jah­ren durch ein Loch in der Zeit­de­cke zu­ru­fen: Wollt ihr eu­re Ge­heim­nis­se wah­ren, flüs­tert sie ins Ohr eu­res liebs­ten, ver­trau­ens­wür­digs­ten Freun­des. Ver­traut nie der Tas­ta­tur und dem Bild­schirm. Wenn ihr das tut, wer­den wir al­les erfahren.“

Was gibt es Bes­se­res für ei­ne li­te­ra­tur­lie­ben­de His­to­ri­ke­rin als ei­nen Ro­man, der in der Zu­kunft spielt und auf der Su­che nach ei­nem Schatz in ei­ne Ver­gan­gen­heit taucht, die in der Le­bens­zeit der Le­se­rin liegt? Ob es sich bei Ian McE­wans Ro­man „Was wir wis­sen kön­nen“ um ei­ne Dys­to­pie oder ei­ne Uto­pie han­delt, ist nicht ein­deu­tig zu ent­schei­den. Klar ist je­doch, daß in den Jahr­zehn­ten vor 2119 so man­ches schief­ge­lau­fen ist. Ge­nau­er ge­sagt, wa­ren die Men­schen des 21. Jahr­hun­derts, wie wir wis­sen, ein­fach nicht klug, denn sie lie­ßen Kli­ma­ka­ta­stro­phe, Krie­ge so­wie die so­zi­al sa­bo­tie­ren­den Me­di­en ein­fach zu. McE­wan gar­niert sei­nen mah­nen­den Blick auf die Fol­gen mit ei­nem ge­hö­ri­gen Au­gen­zwin­kern und er­zeugt Ver­blüf­fung mit Sät­zen wie: „Als sich Sau­di-Ara­bi­en mit Is­ra­el für ei­nen Ein­marsch in den Iran ver­bün­de­te um zu ver­hin­dern, dass das Land in den Be­sitz von Nu­kle­ar­waf­fen ge­riet, muss­ten sie fest­stel­len, dass die längst vor­han­den wa­ren.“.

Der­ar­ti­ge Aus­sa­gen mö­gen aus Ge­sprä­chen mit dem His­to­ri­ker Ti­mo­thy Gar­ton Ash her­vor­ge­gan­gen sein. Dem Freund wid­met er den Ro­man, gab die­ser doch den Hin­weis auf das Ge­dicht „Mar­s­ton Me­a­dows: A co­ro­na for Prue“ von John Ful­ler. Es dient in Form und The­ma als Vor­bild für den ver­schol­le­nen li­te­ra­ri­schen Schatz des Ro­mans, den So­net­ten­kranz des Ly­ri­kers Fran­cis Blun­dy. „Ein So­net­ten­kranz ist ein ein­drucks­vol­les Un­ter­fan­gen. Die letz­te Zei­le je­des So­netts wird mit der ers­ten Zei­le des nächs­ten wie­der­holt. Das fünf­zehn­te So­nett, der ›Kranz‹, muss die je ers­te Zei­le der vor­her­ge­hen­den vier­zehn wie­der­ho­len und Sinn ergeben.“

Nicht nur aus die­sem Grund in­ter­es­siert sich der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker Tho­mas Met­cal­fe für das Werk. Es gab nur ei­ne ein­zi­ge Ab­schrift auf Per­ga­ment, die Blun­dy sei­ner Frau Vi­vi­en im Jahr 2014 schenk­te, nach­dem er es auf ih­rer Ge­burts­tags­fei­er vor­ge­tra­gen hat­te. Ruhm und Ge­rüch­te ran­ken sich um das un­ver­öf­fent­lich­te ex­klu­si­ve Ex­em­plar und ma­chen es zum Hei­li­gen Gral der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker, zu­min­dest der­je­ni­gen, die wie Met­cal­fe auf die Epo­che zwi­schen 1990 und 2030 spe­zia­li­siert sind. Die Su­che ge­rät für Tom zur Ob­ses­si­on, um so mehr, da sei­ne Lehr­tä­tig­keit an der Uni­ver­si­tät auf des­in­ter­es­sier­te Stu­den­ten trifft, de­ren Auf­merk­sam­keits­span­ne Lek­tü­ren un­mög­lich ma­chen und die stär­ker am Chat mit der KI als an der aka­de­mi­schen Leh­re in­ter­es­siert sind. Tom Met­cal­fe steckt al­so al­len Ehr­geiz in die Re­cher­che. Doch die ge­stal­tet sich im Jahr 2119 nicht so ein­fach. Das liegt nicht an der Quel­len­la­ge, son­dern an der Zu­gäng­lich­keit der Do­ku­men­te. Wir er­fah­ren dies bei Toms Rei­sen zu den Ar­chi­ven. Die­se lie­gen eben­so wie al­le an­de­ren, wich­ti­gen Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen auf den An­hö­hen der vie­len In­seln, aus de­nen Groß­bri­tan­ni­en seit der Gro­ßen Über­flu­tung im Jahr 2042 be­steht. Die ge­sam­te Land­mas­se der Er­de wur­de da­mals ge­trof­fen, die Be­völ­ke­rung er­heb­lich de­zi­miert. „Die Zeit der Schwer­indus­trie und fos­si­len Brenn­stof­fe war vor­bei. Der so­ge­nann­te Kriegs­staub vom nu­klea­ren Nah­ost-Schlacht­feld stieg in die obe­re At­mo­sphä­re auf, und die welt­wei­te Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur sank. Et­wa zu der Zeit, als das dar­nie­der­lie­gen­de Deutsch­land von Groß­russ­land ein­ver­leibt wur­de, war die Erd­be­völ­ke­rung in­fol­ge von Tsu­na­mis, Krie­gen, Hun­gers­nö­ten und Krank­hei­ten auf knapp vier Mil­li­ar­den ge­sun­ken.“ Im Ge­gen­satz zu den Ar­chi­ven der rea­len Welt und ih­ren ding­li­chen Hin­ter­las­sen­schaf­ten von Blun­dy und sei­nen Zeit­ge­nos­sen sind de­ren di­gi­ta­len Da­ten voll­um­fäng­lich in den Cloud­ser­vern der Welt- und In­ter­net­macht Ni­ge­ria ge­spei­chert und für Tom leicht verfügbar.

Aus die­sen re­kon­stru­iert der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker zu­nächst den be­sag­ten Abend, um dann dem Ver­bleib des Ge­dichts auf die Spur zu kom­men. Liegt das Per­ga­ment noch ver­bor­gen in ei­nem Ar­chiv? Gibt es ein Ma­nu­skript, das sich er­hal­ten hat? Oder ei­ne wei­te­re Ab­schrift? Toms Über­le­gun­gen und In­ter­pre­ta­tio­nen, aber auch sei­ne Le­bens- und For­schungs­um­stän­de sind Ge­gen­stand des ers­ten Roman­teils. Da­bei blei­ben die ver­gan­ge­nen Ge­scheh­nis­se stets ein bruch­stück­haf­tes Kon­glo­me­rat all des­sen, was er wis­sen kann. Lehr­stel­len und In­ter­pre­ta­tio­nen füh­ren un­wei­ger­lich zu Irr­tü­mern. Wel­che, er­fah­ren wir im zwei­ten Teil des Ro­mans, aus dem Ta­ge­buch von Vi­vi­en. Zu­ver­läs­sig ist al­ler­dings auch die­se Quel­le kaum, wie die Ver­fas­se­rin of­fen­her­zig dar­legt: „Fast un­merk­lich wer­den mei­ne Ta­ge­bü­cher zum Be­richt mei­nes bes­se­ren Selbst. Ich hät­te es ab­ge­strit­ten, aber mit der Zeit hör­ten die Ein­trä­ge auf, pri­vat zu sein. Ich hat­te ei­nen Le­ser im Sinn.“ Es gilt der al­te Merk­satz: Wer sagt was zu wem und vor al­lem, warum?

Die Su­che nach der Ver­gan­gen­heit, dem seit je zum Schei­tern ver­ur­teil­ten Ver­such ei­ner au­then­ti­schen Re­kon­struk­ti­on, macht McE­wan zur Grund­la­ge sei­nes Ro­mans, der trotz al­ler erns­ten Be­gleit­um­stän­de ein gro­ßes li­te­ra­ri­sches Ver­gnü­gen ist. Auf amü­san­te Wei­se dis­ku­tiert er schwer­wie­gen­de The­men, et­wa den künf­ti­gen Stel­len­wert von Li­te­ra­tur und der Be­deu­tung un­se­res his­to­ri­schen Er­bes in Zei­ten ei­ner KI-ge­steu­er­ten Ge­sell­schaft. Sei­ne Kri­tik spie­gelt McE­wan in den dis­rup­ti­ven Zu­stän­den. Zu­gleich be­tont er die Be­deu­tung des Pri­va­ten. An ver­schie­de­ne Ar­ten von Be­zie­hun­gen stellt er die Fra­ge, wie die­se ge­lin­gen kön­nen und wor­an sie schei­tern, Über­for­de­rung, Scham und Schuld in­be­grif­fen. „Was wir wis­sen kön­nen“ ist ein span­nen­der, the­ma­tisch viel­fäl­ti­ger Ro­man, der von der Lei­den­schaft ei­nes His­to­ri­kers er­zählt und hell­sich­tig ei­ne mög­li­che Zu­kunft entwirft!

Ian McEwan, Was wir wissen können, übers. v. Bernhard Robben, Diogenes 2025

 

Emanzipation durch Eskapismus?

Fang Fang schildert in „Blume Vollmond“ die Auswirkungen von Kontrolle und Fremdbestimmung

Für Raz­zi­en die­ser Art in­ter­es­sier­te Yue Man­hua sich nicht. Als sie sich je­doch durch die Men­ge der Gaf­fer dräng­te, ver­nahm sie plötz­lich ein klap­pern­des Ge­räusch, als fie­len un­ter­schied­lich gro­ße Per­len auf ein Ja­de­ta­blett, ein Ge­räusch, das schlag­ar­tig ih­re Ner­ven zum Er­zit­tern brach­te. Ein all­zu ver­trau­tes Ge­räusch! Fast gleich­zei­tig stie­gen die schöns­ten und an­ge­nehms­ten Er­in­ne­run­gen in ih­rem Ge­dächt­nis em­por. Sie blieb wie fest­ge­na­gelt ste­hen und späh­te durch ei­ne Lü­cke zwi­schen den Schau­lus­ti­gen. Ver­streut auf dem Bo­den zwi­schen Sta­peln von Kin­der­bü­chern lie­gend, sah sie Mah-Jongg-Spiel­stei­ne und da­ne­ben ei­ne öl­ver­schmier­te Holz­schach­tel. Das Glück war ihr in den Schoß gefallen.“

 „Blu­me Voll­mond“, das neue Werk der chi­ne­si­schen Au­torin Fang Fang konn­te nach sei­ner Voll­endung 2024 we­gen des staat­lich ver­häng­ten Pu­bli­ka­ti­ons­ver­bots nicht in der Hei­mat der Schrift­stel­le­rin er­schei­nen und wur­de erst­mals 2025 in der deut­schen Über­set­zung von Mi­cha­el Kahn-Acker­mann pu­bli­ziert. Der Ro­man über­rascht durch sei­nen Ton, den ein­fa­chen Satz­bau, der Wie­der­ho­lung von Mo­ti­ven und Kern­aus­sa­gen so­wie den mo­ra­li­schen Be­wer­tun­gen sei­nes all­wis­sen­den Er­zäh­lers. Man ver­mu­tet sich in ei­nem Mär­chen oder eher ei­ner Le­gen­de, denn die Zeit und der Ort sind deut­lich be­nannt. Die Hand­lung spielt in ei­ner Kreis­stadt der Volks­re­pu­blik Chi­na, ei­nem „ab­seits ge­le­ge­nen Städt­chen“ im „Sü­den des Lan­des“ und um­fasst den Zeit­raum von 1949 bis 2008. Die Haupt­fi­gur ist die Toch­ter ei­nes rei­chen Ge­schäfts­manns, die ih­ren schö­nen spre­chen­den Na­men Hua Manyue, Blu­me Voll­mond, schon bald in das nichts­sa­gen­de Pseud­onym Yue Man­hua um­wan­deln muss. Als „ver­zo­ge­ner Spröss­ling ei­ner rei­chen Fa­mi­lie“ saß sie im Spiel­sa­lon der „ehr­wür­di­gen Da­me Chen“ ver­tieft beim Mah-Jongg und ver­pass­te die Flucht ih­rer Fa­mi­lie. Die Hua hat­ten es als Nach­kom­men ei­nes War­lords zu Wohl­stand und Ein­fluss ge­bracht. „Hua Dao­gang, der Haus­herr, galt als klug und um­sich­tig und trug den Bei­na­men »Oh­ne­feind«, sein Sohn, Hua Ma­jiang, war stark und un­ge­stüm und wur­de »der Ty­rann« ge­nannt. Die­se Be­zeich­nun­gen wa­ren nicht un­be­grün­det. Das Ge­schäft der Fa­mi­lie nahm fast die hal­be Stra­ße ein, und die Stra­ße selbst hieß »Hal­be Hua-Stra­ße«.“ Doch nun ist der ge­sam­te Be­sitz per­du und Hua Manyue wird der Ein­tritt in ihr Zu­hau­se von Sol­da­ten ver­wehrt. Hei­mat- und mit­tel­los bleibt ihr ein­zig der nied­rigs­te Die­ner des Hau­ses, Wang Vier, der „Eman­zi­pa­ti­on durch Es­ka­pis­mus?“ weiterlesen

Zauberlehrling?

Nelio Biedermanns Familien-Saga „Lázár“ lebt durch gute Konstruktion auf den Schultern von Riesen

Am meis­ten lieb­te er es zu schrei­ben. Wo­bei „lie­ben“ ei­gent­lich das fal­sche Wort war, denn er schrieb nicht aus Lie­be, son­dern aus ei­nem sich völ­lig na­tür­lich an­füh­len­den Zwang her­aus, ei­nem Zwang, der sich wohl am ehes­ten mit je­nem, at­men zu müs­sen, ver­glei­chen lässt. Es war dem Jun­gen, als müs­se er al­les Wich­ti­ge auf­schrei­ben, als wür­den ihm die Din­ge sonst ent­glei­ten, als wür­den sie erst durch die von ihm voll­führ­te Ma­te­ria­li­sie­rung ih­re Gül­tig­keit erhalten.“

Ein gro­ßes Echo hat Ne­lio Bie­der­mann mit sei­nem Ro­man „Lá­zár“ er­zeugt. Über­schwäng­lich wur­de er von Li­te­ra­tur­kri­ti­kern und Schrift­stel­ler­kol­le­gen ge­lobt, die ihn schwär­me­risch in höchs­te Sphä­ren ho­ben. Dies er­zeugt Er­war­tun­gen, de­nen es stand­zu­hal­ten gilt.

Ich hät­te von der Lek­tü­re des Ro­mans Ab­stand ge­nom­men, wä­re da nicht mein Li­te­ra­tur­kreis ge­we­sen, der „Lá­zár“ aufs Pro­gramm setz­te. An­ge­sichts der Me­di­en­prä­senz des Bu­ches si­cher ganz zu Recht. Um es vor­weg­zu­neh­men, nicht al­le in un­se­rer Run­de wa­ren ent­täuscht: „Lá­zár“ ha­be ei­nen gro­ßen Un­ter­hal­tungs­wert, wur­de kri­ti­schen Stim­men ent­ge­gen­ge­setzt. Män­gel, wie un­ein­deu­ti­ge Be­zü­gen in Satz­gir­lan­den oder un­aus­ge­führ­te Mo­ti­ve sei­en dem Al­ter des Au­tors ge­schul­det. Die­ser wir­ke im Üb­ri­gen grund­sym­pa­thisch. Doch das stellt eben­so we­nig ein li­te­ra­ri­sches Kri­te­ri­um dar, wie, ba­nal ge­sagt, die Fri­sur ei­nes Schrift­stel­lers oder, was schon schwer­wie­gen­der wä­re, des­sen po­li­ti­sche Einstellung.

Der Er­folg von „Lá­zár“, im­mer­hin wur­den die Rech­te am Ro­man vor Er­schei­nen an über 20 fremd­spra­chi­ge Ver­la­ge ver­kauft, ba­siert zum nicht un­er­heb­li­chen Teil auf sei­ner Kon­struk­ti­on. Bie­der­manns Schreib­kunst er­zeugt ei­nen schnel­len Le­se­fluss. So hat­te ich das Buch trotz an­fäng­li­cher Ver­zweif­lung bald be­en­det, sei­nes pa­the­ti­schen Tons, vor­her­seh­ba­rer Ab­läu­fe und al­ber­ner Sex- „Zau­ber­lehr­ling?“ weiterlesen

Ein überquellender Schambecher

In „Dream Count“ thematisiert Chimamanda Ngozi Adichie die Diskriminierung weiblicher Lebensentwürfe hart am Chicklit

»Lebst du das Le­ben, das du dir für dich vor­ge­stellt hast?«, frag­te ich. »Nein, aber wer tut das schon?« »Ich den­ke, da gibt es ei­ni­ge Leu­te.« »Man­che Leu­te den­ken, dass man­che Leu­te es tun.« »Wie meinst du das? Dass es auf nie­man­den zu­trifft? Das ist de­pri­mie­rend.« »Ist es das? Ich fin­de es ziem­lich be­ru­hi­gend.« »Ich möch­te dar­an glau­ben, dass man­che Men­schen es tun. Was für ei­nen Sinn hät­te das Gan­ze denn sonst?« Er sah er­nüch­tert aus. »Hilft es zu wis­sen, dass die Welt vol­ler Men­schen ist, die noch trau­ri­ger sind als du?«

Für ihr Werk „Ame­ri­ca­nah“ er­hielt die in Ame­ri­ka le­ben­de Ni­ge­ria­ne­rin Chi­ma­man­da Ngo­zi Adi­chie Auf­merk­sam­keit und An­er­ken­nung. Mit „Dream Count“ hat sie nun ei­nen Ro­man vor­ge­legt, von dem man, an­ge­sichts sei­nes Schmö­ker­po­ten­ti­als, nicht all­zu viel ver­ra­ten möch­te. Adi­chie the­ma­ti­siert dar­in die Un­ge­rech­tig­kei­ten zwi­schen Män­ner und Frau­en, Rei­chen und Ar­men, Wei­ßen und Nicht­wei­ßen, kurz ge­sagt zwi­schen Pri­vi­le­gier­ten und Nicht­pri­vi­le­gier­ten. Auf 528 Sei­ten lässt sie in fünf Ka­pi­teln vier in den USA le­ben­de Afri­ka­ne­rin­nen auf­tre­ten. Drei ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen, Zi­ko­ra, Ka­dia­tou und Ome­logor, er­hal­ten je­weils ein ei­ge­nes Ka­pi­tel. Chi­ama­ka, wel­che die Ver­bin­dung zwi­schen den Frau­en knüpft, kommt im ers­ten und letz­ten Teil des Ro­mans zu Wort, was ihn in­halt­lich wie for­mal rahmt.

Chi­ama­ka war zum Stu­di­um in die USA ge­kom­men, gibt die­ses je­doch auf, wird Rei­se­schrift­stel­le­rin und träumt da­von, ei­nen Ro­man zu schrei­ben. Die Iso­la­ti­on der Co­ro­na­zeit bie­tet ihr Mu­ße, sich an ih­ren „Dream Count“ zu er­in­nern, die Män­ner ih­rer ver­gan­ge­nen Lie­bes­be­zie­hun­gen. Ih­re Cou­si­ne Ome­logor er­kennt dar­in das An­zei­chen ei­nes emo­tio­na­len De­fi­zits, „Ein über­quel­len­der Scham­be­cher“ weiterlesen

Die durchsichtige Frau

In „Die Spielerin“ erzählt Isabelle Lehn von einer Frau, die sich zurücknimmt, um nach vorne zu gelangen

Man um­schreibt sie als Frau mitt­le­ren Al­ters. In die­se Rol­le fügt sie sich ein, ihr be­zeich­nen­des Merk­mal ist ih­re Durch­schnitt­lich­keit. Man könn­te sie für die Ge­richts­pro­to­kol­lan­tin hal­ten, die le­dig­lich den fal­schen Platz ge­wählt hat, und wür­de man ihr auf der Stra­ße be­geg­nen, dann könn­te man sie leicht übersehen. 
Jetzt aber sind al­le Au­gen auf sie ge­rich­tet. A. wirft die Bli­cke zu­rück, sie ver­wei­gert die Aus­sa­ge, nun, da man ihr zu­hö­ren wür­de. Lie­ber will sie die Leer­stel­le blei­ben, der blin­de Fleck im Sys­tem, den sie jah­re­lang dar­ge­stellt hat, und so­lan­ge sie schweigt, ver­flüch­tigt sie sich zu den Ge­schich­ten, die an­de­re von ihr er­zäh­len, um die Leer­stel­le A. zu um­stel­len. Es könn­te kein bes­se­res Ver­steck für A. geben.“

Eben­so ge­schickt wie die Haupt­fi­gur in Isa­bel­le Lehns Ro­man „Die Spie­le­rin“ sich hin­ter ih­rer Un­auf­fäl­lig­keit zu ver­ste­cken weiß, in­sze­niert die Au­torin die­se Ca­mou­fla­ge. Sie er­streckt sich über den gan­zen Ro­man und ent­hüllt sich noch nicht ein­mal auf den zwei­ten Blick, denn ihr Po­ten­ti­al ent­wi­ckelt die­se in­tel­li­gen­te Frau im Ver­bor­ge­nen. Zu Be­ginn des Ro­mans der 1979 ge­bo­re­nen Rhe­to­ri­ke­rin und Schrift­stel­le­rin Isa­bel­le Lehn steht das En­de der Ge­schich­te, das mit dem En­de des Er­folgs ih­rer Fi­gur zu­sam­men­fällt. Doch auch in die­ser Si­tua­ti­on als An­ge­klag­te vor Ge­richt ver­hält sie sich ge­schickt bedeckt.

Le­dig­lich ei­nem Un­be­kann­ten hat sie vor ih­rer Fest­nah­me „Die durch­sich­ti­ge Frau“ weiterlesen

Wirkmächtige Schatten

Mit „Unmöglicher Abschied“ errichtet Han Kang den Opfern ein Mahnmal zwischen Traum und Realität

Es schnei­te stark. Ich stand auf ei­nem Acker, an des­sen ei­nem En­de sich ein nied­ri­ger Berg an­schloss. Auf die­ser Sei­te war er vom Fuß bis zur Kup­pe mit Tau­sen­den von schwar­zen Baum­stäm­men be­stan­den, die et­wa so dick wie Ei­sen­bahn­schwel­len und ver­schie­den hoch wa­ren, wie Men­schen un­ter­schied­li­chen Al­ters. Zu­gleich wa­ren sie nicht ker­zen­ge­ra­de ge­wach­sen, son­dern leicht ge­bo­gen oder ge­neigt und wirk­ten, als hät­te man am Hang Tau­sen­de von Män­nern, Frau­en und ma­ge­ren Kin­dern im Schnee aus­ge­setzt, die die Schul­tern hoch­zo­gen. Ist das hier ein Fried­hof?, fra­ge ich mich.“

Den Li­te­ra­tur-No­bel­preis des ver­gan­ge­nen Jah­res er­hielt Han Kang, de­ren Ro­ma­ne in ih­rer Hei­mat Süd­ko­rea sehr er­folg­reich sind und die mit „Die Ve­ge­ta­rie­rin“ welt­weit Fu­ro­re mach­te. Die 1970 ge­bo­re­ne Schrift­stel­le­rin stu­dier­te Ko­rea­ni­sche Li­te­ra­tur und un­ter­rich­te­te Krea­ti­ves Schrei­ben. Sie de­bü­tier­te mit Ge­dich­ten und ver­fass­te meh­re­re Ro­ma­ne. Der No­bel­prei­ses „für ih­re in­ten­si­ve Pro­sa, die sich his­to­ri­schen Trau­ma­ta stellt und die Zer­brech­lich­keit des mensch­li­chen Le­bens auf­zeigt“, schenk­te al­ler­dings nicht nur der Au­torin selbst Auf­merk­sam­keit. Er lenk­te den Blick auf die his­to­ri­sche Ver­gan­gen­heit Süd­ko­re­as, die eu­ro­päi­schen Le­sern weit­ge­hend un­be­kannt sein dürfte.

Es ist vor al­lem die Ge­walt­ge­schich­te des Lan­des, die Han Kang im­mer wie­der in ih­re Wer­ke ein­flie­ßen lässt. So auch in ih­rem jüngst auf Deutsch ver­öf­fent­lich­ten Ro­man „Un­mög­li­cher Ab­schied“. In Süd­ko­rea er­schien er be­reits 2021, sein ins Eng­li­sche tran­skri­bier­ter Ti­tel lau­tet „We do not part“„Wir tren­nen uns nicht“.

Kei­ne Tren­nung, kein Ver­ab­schie­den, kein Ver­ges­sen! Das gilt auch für die Op­fer des 1948 auf der In­sel Je­ju durch­ge­führ­ten Mas­sa­kers. Gan­ze Dör­fer wur­den vom Mi­li­tär­re­gime Ko­re­as un­ter ja­pa­ni­schem Mit­wir­ken und us-ame­ri­ka­ni­scher Dul­dung zer­stört, 30000 Men­schen hin­ge­rich­tet. Die­sen „Wirk­mäch­ti­ge Schat­ten“ weiterlesen

Protokoll einer Zerrüttung

CoverLjuba Arnautović macht in „Erste Töchter“ aus großen Leben eine kleine Geschichte

Spä­ter hat er über sein Le­ben ein Buch ge­schrie­ben und dar­über, wie po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se mensch­li­che Schick­sa­le bestimmen.“

Die­ses Zi­tat könn­te das Mo­tiv von Lju­ba Ar­n­au­to­vićs Schrei­ben sein und so­mit auch das ih­res Buchs „Ers­te Töch­ter“. Zu­ge­schrie­ben hat sie es Wolf­gang Le­on­hard, ei­ner ih­rer Ne­ben­fi­gur, der durch sei­nen au­to­bio­gra­phi­schen Be­richt „Die Re­vo­lu­ti­on ent­lässt ih­re Kin­der“ be­kannt wur­de. Au­to­bio­gra­phisch ist auch Ar­n­au­to­vićs Werk. Wie be­reits in „Im Ver­bor­ge­nen“ und in „Ju­ni­schnee“ er­zählt die in Wien le­ben­de und 1954 in Kursk ge­bo­re­ne Au­torin von ih­rer Fa­mi­lie, die, so der Klap­pen­text, vom „Dra­ma des 20. Jahr­hun­derts in Wien, Mos­kau und im Gu­lag“ ge­prägt wur­de. Der letz­te Band die­ser Tri­lo­gie fügt Mün­chen als Hand­lungs­ort hinzu.

Dort lebt Karl mit sei­ner neu­en Frau und ei­ner sei­ner ers­ten Töch­ter. Zu­vor hat­te er die­se und ih­re jün­ge­re Schwes­ter erst von de­ren Mut­ter Ni­na, dann von der Er­satz­mut­ter Eri­ka ge­trennt und nun so­gar von­ein­an­der. La­ra geht nach Wien, Lu­na bleibt in Mün­chen. Ei­ne Kon­stel­la­ti­on wie in Erich Käst­ners „Pro­to­koll ei­ner Zer­rüt­tung“ weiterlesen

Willkommen im Auenland“

Markus Thielemann erzählt in „Von Norden rollt ein Donner” auf spannende Weise über die Ambivalenz eines vermeintlichen Idylls

Un­ten drän­gen sich die Tie­re an­ein­an­der. He­ra und Kasch, die bei­den Hüte­hun­de, um­krei­sen den Pulk. Jan­nes blickt hin­un­ter, die Be­we­gun­gen er­in­nern ihn an Bil­der aus ei­ner Do­ku­men­ta­ti­on über den Welt­raum. Wie Mon­de oder Pla­ne­ten krei­sen sie um die Her­de, das Zen­trum des Alls. Und dann schweift er ab: er hat sei­nen ei­ge­nen dunk­len Wan­de­rer, ei­nen Ge­dan­ken, der seit Ta­gen kommt und geht auf el­lip­ti­scher Bahn, des­sen Gra­vi­ta­ti­on drückt und lähmt, bis ihn die Flieh­kraft ein­mal mehr zu­rück in die Nacht schleu­dert: Pa­pa geht zum Arzt.“

Die Welt, in der Jan­nes kreist, ist ei­ne be­grenz­te. Es ist die Hei­de süd­lich von Lü­ne­burg, in der er mit den Schnu­cken des Fa­mi­li­en­be­triebs um­her­zieht. Fa­mi­lie und Tra­di­ti­on ma­chen ihn zum Schä­fer in die­ser ver­meint­lich idyl­li­schen Land­schaft. Ei­ne Su­che nach der ei­ge­nen Iden­ti­tät, wie sie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen un­ter­neh­men, ist un­ter die­sen Um­stän­den nicht nur nicht nö­tig, son­dern un­mög­lich. Das Le­ben scheint vor­ge­zeich­net für den 19-jäh­ri­gen Prot­ago­nis­ten in „Von Nor­den rollt ein Don­ner“, dem zwei­ten und für den dies­jäh­ri­gen Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­ten Ro­man des jun­gen Au­tors Mar­kus Thie­le­mann.

Auch wenn der Ti­tel, wie die ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten und der Ver­lauf der Ge­schich­te zei­gen, in dop­pel­ter Wei­se deut­bar ist, er­zeugt er zu­nächst ei­nen star­ken Be­zug zur Na­tur. Die Na­tur be­stimmt den Be­ruf des Schä­fers, in­dem sie mit Wet­ter und Jah­res­zei­ten den Rhyth­mus dik­tiert. Jan­nes und sei­ne Her­de sind ab­hän­gig von der Flo­ra, dem Ge­dei­hen der Fut­ter­pflan­zen, wie von der Fau­na, die sich im Wohl der Schnu­cken und im Ge­schick der Hüte­hun­de of­fen­bart und mit dem Wolf de­ren Ha­bi­tat be­droht. Jan­nes ist ihm schon Will­kom­men im Au­en­land““ weiterlesen

Distanzerfahrung

Iris Wolff erzählt in „Lichtungen“ von „Zugehörigkeit und Fremdsein“

Schon wäh­rend der Ge­sprä­che im Zug war ihm der Ge­dan­ke ge­kom­men, dass al­le Rei­sen­den auf ge­wis­se Wei­se ihr Land ver­tra­ten. Aber durf­ten ein­zel­ne Men­schen und Er­fah­run­gen fürs Gan­ze stehen?“

Ihr Deut­schen lebt in der Stra­ße, seid ganz mit eu­rem Haus ver­wach­sen, zieht die Vor­hän­ge zu, ver­bergt euch im Hof wie ein Fuchs in sei­ner Höh­le. Wir Ru­mä­nen je­doch le­ben auf der Stra­ße, für je­den sicht­bar, an­sprech­bar. Soll­te sich die Stra­ße nei­gen, weg­rut­schen, fal­len wir mit, rut­schen wir mit. Nimmt man euch die Stra­ße, eu­er Haus, was seid ihr dann? – Noch jetzt traf ihn die Un­ter­schei­dung sei­nes Bru­ders in: wir und ihr.“

Im­re war schweig­sam, leb­te für sich. Aber nach Levs Er­mes­sen ta­ten dies al­le: Bre­di­ca, Do­rin, Va­lea, Bu­ni­ca, Fer­ry und auch sei­ne Mut­ter Lis. Das We­sent­li­che teil­ten sie nicht. Selbst bei Ka­to und ihm war das nicht an­ders, auch wenn er sich das manch­mal wünschte.“

Vor kur­zem fiel mir auf dem Dach­bo­den ein Ta­ge­buch in die Hand, ich fing an dar­in zu le­sen und blät­ter­te beim letz­ten Ein­trag be­gin­nend zu­rück. Ganz ähn­lich hat Iris Wolff ih­ren neu­en Ro­man „Lich­tun­gen“ an­ge­legt. Er liest sich wie ein Jour­nal vol­ler Er­leb­nis­se, Be­ob­ach­tun­gen und Ideen und er­zählt sei­ne Ge­schich­te vom En­de her. Da­mit dies auch je­der ver­steht, wer­den die Ka­pi­tel im Count­down ge­zählt. Zu Be­ginn steht die Haupt­fi­gur, Lev, mit Mit­te 30 am En­de sei­ner Ent­wick­lung, so­weit dies den Ro­man be­trifft. Doch wo­von han­delt dieser?

Da ist zum ei­nen die Ge­schich­te zwi­schen dem Mäd­chen Ka­to und dem Jun­gen Lev, die sich als Kin­der be­geg­nen und ei­ne Freund­schaft zu­ein­an­der ent­wi­ckeln, die mit zu­neh­men­dem Al­ter so in­ten­siv wird, daß „Di­stanz­er­fah­rung“ weiterlesen

Ein alter Alutopf und eine riesige, rote Couch

In ihren Romanen „Mama Odessa“ und „Baumgartner“ erschaffen Maxim Biller und Paul Auster vielfältige Wege zur Erinnerung und zeigen einige Gemeinsamkeiten

An­na war an sei­ner Sei­te, auf der gan­zen Rei­se gin­gen sie ne­ben­ein­an­der­her, spra­chen mit­ein­an­der, hör­ten ein­an­der zu, wäh­rend sie durch die Räu­me und schwach be­leuch­te­ten Kor­ri­do­re des Pa­lasts der Er­in­ne­rung zo­gen und Hun­der­te gro­ße und klei­ne Din­ge auf­such­ten, die sie in die­sen vier­zig Jah­ren er­lebt hat­ten. Selbst­ver­ständ­lich war sie nicht in Fleisch und Blut bei ihm, aber als er zum ers­ten Mal nach weiß Gott wie lan­ger Zeit ih­re Brie­fe und Ma­nu­skrip­te las, fand er im­mer­hin ih­re Stim­me wie­der, und als er sich in die zahl­lo­sen Fo­tos ver­tief­te, die er und an­de­re Zeit ih­res Le­bens von ihr ge­macht hat­ten, fand er auch ih­ren Kör­per wie­der.“ (Paul Aus­ter, Baumgartner)

„Ich stand jetzt, fast fünf­zig Jah­re spä­ter, vor den bei­den Bil­dern im al­ten Ar­beits­zim­mer mei­ner Mut­ter in der Bie­ber­stra­ße und sah sie mi­nu­ten­lang an. Da­bei ver­such­te ich, mich an mei­ne rus­si­sche Kind­heit zu er­in­nern, oder we­nigs­tens an ein paar Mo­men­te, Ge­rü­che, Bli­cke. Aber da war nichts, gar nichts. Mei­ne Er­in­ne­run­gen be­stan­den fast nur aus al­ten Fo­tos und den Bil­dern, die mein Groß­va­ter nach ih­nen ge­malt hat­te. War ich nicht, dach­te ich plötz­lich, manch­mal bei ihm im Ate­lier in der Mol­do­wan­ka ge­we­sen? Ja, rich­tig. Das Ate­lier war im Erd­ge­schoss, hin­ten, am En­de des Hofs, (…) War­um hat­te ich das ver­ges­sen? War­um er­in­ner­te ich mich plötz­lich dar­an?“ (Ma­xim Bil­ler, Ma­ma Odessa)

Manch­mal, es mag Zu­fall sein, of­fen­ba­ren zwei Ro­ma­ne, die ich oh­ne be­stimm­te Ab­sicht nach­ein­an­der ge­le­sen ha­be, star­ke Ge­mein­sam­kei­ten, die mich ein­fach nicht mehr los­las­sen und zum Wei­ter­den­ken an­re­gen. So er­ging es mir auch mit den neu­en Ro­ma­nen von Ma­xim Bil­ler und Paul Aus­ter, „Ma­ma Odes­sa“ und „Baum­gart­ner“.

Die stärks­te Ge­mein­sam­keit liegt dar­in, wie in den bei­den Wer­ken „Ein al­ter Alutopf und ei­ne rie­si­ge, ro­te Couch“ weiterlesen