Unerinnerbarer Horror“

Emmanuel Carrère erzählt in „Yoga“ von seinem Kampf gegen innere Irrlichter

Es ist ein dor­nen­rei­ches Un­ter­fan­gen ei­ner so irr­lich­tern­den Be­we­gung wie der un­se­res Geis­tes zu fol­gen, ihm in die ver­bor­ge­nen Win­kel nach­zu­drin­gen und noch die win­zigs­ten Er­schei­nungs­for­men sei­ner Un­ru­he au­zu­ma­chen und auf­zu­zeich­nen. Meh­re­re Jah­re sind es schon, dass ich mei­nen Ge­dan­ken nur mich selbst zum Ge­gen­stand ge­setzt ha­be, dass ich nichts an­de­res un­ter­su­che und er­for­sche als mich, und er­for­sche ich doch et­was an­de­res, dann nur, um es auf mich zu be­zie­hen.“ (Mon­tai­g­ne)

Ich wür­de ger­ne et­was an­de­res den­ken als das, was ich den­ke, denn was ich den­ke und oft ge­nug auf­ge­zählt ha­be ist sinn­los, es ist im­mer das­sel­be und über­trie­ben selbstbezogen.“(Carrère)

Yo­ga“, der Ti­tel des jüngs­ten von Em­ma­nu­el Car­rè­re ver­fass­ten Ro­mans mag den Le­ser in die fal­sche Rich­tung füh­ren. Man lernt zwar ei­ni­ges über Yo­ga oder bes­ser über Me­di­ta­ti­on, das stil­le sich von al­len in­ne­ren Irr­lich­tern frei ma­chen­de Sit­zen, wie es be­reits in ei­nem Ro­man von Tim Parks be­schrie­ben wur­de. Doch Car­rè­res Auf­ent­halt in ei­nem klos­ter­glei­chen „Ge­he­ge“, wo al­les, was Spaß macht, ver­bo­ten ist, bil­det nur den ers­ten der vier Tei­le des Buchs die­ses auf au­to­fik­tio­na­les Er­zäh­len abon­nier­ten Au­tors. Sei­nem ich-er­zäh­len­den Ro­man-Ego ist be­wusst, daß sei­ne Art al­le Sät­ze mit Ich zu be­gin­nen, zu­min­dest was das Brie­fe­schrei­ben be­trifft, ent­ge­gen al­len Re­geln ist. Re­geln der Höf­lich­keit und der Rück­sicht, ge­gen die auch der Ro­man ver­stößt, wo­von die Le­se­rin al­ler­dings nur se­kun­där und durch mut­maß­li­che Lü­cken er­fährt. Letz­te­re sind das Re­sul­tat ei­nes Pro­zes­ses, den Car­rè­res Ex-Frau Hé­lè­ne De­vynck ge­wann. Als der Au­tor sich mit­tels Vi­pas­sa­na be­müht sei­ne Vrit­ti zu ver­trei­ben und sei­nen Kampf ge­gen „die Be­we­gun­gen, die den Geist er­schüt­tern“ zu ei­nem Buch zu ma­chen, weiß er da­von noch nichts. Noch gilt ein zu­min­dest ge­rin­ger Teil sei­ner Sor­gen der Frau und den ge­mein­sa­men Kindern.

Auch in den fol­gen­den drei Tei­len schil­dert Car­rè­re Si­tua­tio­nen, de­nen er aus­ge­setzt ist und die er mehr durch­lei­det als durch­lebt. „1825 Ta­ge“ lie­gen die Be­ge­ben­hei­ten nach den Ter­ror-Mor­den an der Re­dak­ti­on von Char­lie Heb­do zu­grun­de, de­nen ein Freund zum Op­fer fiel. Sie bie­ten ihm jen­seits der Be­mü­hung um ei­ne Ge­denk­re­de, die die Ge­fähr­tin des Er­mor­de­ten von ihm er­bit­tet, An­lass über de­ren Lie­bes­glück nach­zu­den­ken und sein ei­ge­nes zu hin­ter­fra­gen. Fast schon the­ra­peu­tisch tre­ten zwi­schen Selbst­er­kennt­nis und Le­bens­weis­hei­ten Aus­sa­gen zu Ta­ge, die aus dem Ro­man ent­fern­te In­hal­te an­deu­ten. „Wenn das Le­ben ei­nem ein sol­ches Ge­schenk macht [die wah­re Lie­be], muss man es an­neh­men und be­hü­ten, denn es gibt nichts Wert­vol­le­res und es gibt nur we­ni­ge Per­so­nen, de­nen es ein zwei­tes Mal ge­macht wird, falls man das Pech oder die Dumm­heit hat, es zu ver­spie­len: Das Le­ben ist nach ei­nem sol­chen Feh­ler zwangs­läu­fig ein bit­te­res, schlech­tes Le­ben, ich hät­te viel da­zu zu sagen.“

Das er­zäh­len­de Ich ist im­mer Car­rè­re, bei der Me­di­ta­ti­on, in den Wo­chen nach dem An­schlag und erst recht im drit­ten Teil, der „Ge­schich­te mei­nes Wahn­sinns“. War­um er in ei­ne aku­te Pha­se der De­pres­si­on fällt, bleibt un­ge­sagt. Car­rè­res li­te­ra­ri­sches Cre­do, sei­ne Li­te­ra­tur sei „der Ort, an dem man nicht lügt“, kann er dies­mal nicht ein­hal­ten. Er springt di­rekt zu den psy­chi­schen Fol­gen, die ihn dank der Hil­fe sei­ner Schwes­ter in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik füh­ren. Erst hier er­kennt er sein „neu­ro­ti­sches Elend“, wel­ches ihn fast sein gan­zes Le­ben be­glei­tet. Es ist kein Nor­mal­zu­stand des Le­bens, es be­trifft nicht je­den. Oder stimmt es doch, was ein Pries­ter ihm einst ver­riet, „die Leu­te sei­en viel un­glück­li­cher, als man glaubt“? Nach vier Mo­na­ten in Saint-An­ne be­schließt der Schrift­stel­ler, „mei­ne psych­ia­tri­sche Au­to­bio­gra­phie und mein Es­say über Yo­ga sind ein und das­sel­be Buch“, auch wenn er Er­fah­run­gen wie „un­er­zähl­ba­rer, un­be­schreib­ba­rer, un­be­nenn­ba­rer (…) uner­in­ner­ba­rer Hor­ror“ macht. Viel­leicht ist dies ein Grund, wes­halb er in die­sem höchst­in­ti­men Teil sei­nes Ro­mans, sei­ne Re­por­ta­ge-Re­cher­chen zu Sa­dam Hus­seins Blut-Ko­ran ein­flie­ßen lässt. Ähn­lich dis­pa­rat er­scheint der letz­te auf der grie­chi­schen In­sel Le­ros an­ge­sie­del­te Teil „Die Jungs“. Die Epi­so­de be­ruht auf Er­leb­tem und ist den­noch weit fik­ti­ver ge­stal­tet als die vor­an­ge­hen­den. Der auf ei­ner Nach­bar­in­sel ur­lau­ben­de Er­zäh­ler er­fährt von ei­ner His­to­ri­ke­rin, die auf Le­ros Schreib­kur­se für Flücht­lin­ge gibt. Er schließt sich ihr an und die bei­den un­ter­stüt­zen nicht nur ei­ne Hand­voll jun­ger Män­ner, son­dern sich ge­gen­sei­tig in ih­rer Hilf­lo­sig­keit, was Car­rè­re mit Iro­nie schildert.

Das Mit­tel der Iro­nie zieht sich durch das gan­ze Buch. Sei­ne bes­ten Mo­men­te hat es, wenn der Au­tor über sich selbst spot­tet, über sei­ne Idio­syn­kra­si­en als „la­bi­ler Nar­zisst“.

Man könn­te „Yo­ga“ vor­wer­fen, es sei ein nar­ziss­ti­scher Ro­man, und doch fin­den sich in ihm wei­se Sät­ze über das „in­ne­re Ge­plap­per“, das in der Me­di­ta­ti­on zur Ru­he kommt, über die Iro­nie als Re­me­di­um ge­gen die Trau­rig­keit, über die wah­re Lie­be und nicht zu­letzt über die Li­te­ra­tur als Ort von Wahr­heit und Lüge.

Emmanuel Carrère, Yoga, übers. v. Claudia Hamm, Matthes & Seitz 2022

Das Erbe der Voortrekker

Damon Galgut erzählt in „Das Versprechen” von der Last der kolonialen Vergangenheit

…die Fa­mi­lie Swart hat so gar nichts Be­son­de­res oder Be­mer­kens­wer­tes, o nein, sie gleicht der Fa­mi­lie von der Nach­bar­farm und der Nach­bar­farm der Nach­bar­farm, nur ein ge­wöhn­li­cher Hau­fen wei­ßer Süd­afri­ka­ner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur ein­mal dar­auf zu ach­ten, wie wir spre­chen. Wir klin­gen nicht an­ders als die an­de­ren Stim­men, wir klin­gen ganz ge­nau­so, und wir er­zäh­len die­sel­ben Ge­schich­ten, in ei­nem brei­igen Ak­zent, mit ge­köpf­ten Kon­so­nan­ten und ge­quetsch­ten Vo­ka­len. Un­se­re See­le ist ir­gend­wie ver­ros­tet, re­gen­fle­ckig und ver­beult, und das hört man un­se­rer Stim­me an.“

Wie im vor kur­zem hier be­spro­che­nen Ro­man von Ali­ne Val­an­gin spielt ein Haus ei­ne Rol­le. Kein pracht­vol­ler Pa­laz­zo, son­dern ei­ne rui­nö­se Hüt­te, ab­ge­le­gen auf dem weit­läu­fi­gen Ge­län­de ei­ner Farm au­ßer­halb Pre­to­ri­as. Dort lebt Sa­lo­me, das schwar­ze Haus­mäd­chen, die der Be­sit­zer „beim Kauf gra­tis da­zu­be­kom­men hat“. Auch wenn sie von den Swarts als In­ven­tar und kaum als In­di­vi­du­um be­trach­tet wird, spielt sie ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Fa­mi­li­en­gefü­ge. Sie hat die Kin­der An­ton, As­trid und Amor auf­ge­zo­gen und pfleg­te de­ren Mut­ter Ra­chel. Als die­se stirbt, nimmt Ra­chel ih­rem Mann das Ver­spre­chen ab, die Hüt­te in Sa­lo­mes Be­sitz zu ge­ben. Ein Wunsch, der we­gen der Apart­heid-Ge­set­ze nicht ver­wirk­licht wer­den kann.

Am Leit­mo­tiv des un­ein­ge­lös­ten Ver­spre­chens ver­folgt Da­mon Gal­gut das Le­ben der ein­zel­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der. Sie sind so dis­pa­rat, daß nur die To­des­fäl­le die Fi­gu­ren zu­sam­men­kom­men las­sen. Die­se Er­eig­nis­se, der Tod der Mut­ter, des Va­ters, der Toch­ter As­trid und des Sohns An­ton bil­den die vier Ka­pi­tel des Romans.

Im Jahr 1986, als das ers­te Ka­pi­tel ein­setzt, be­fin­det sich die Apart­heid in Auf­lö­sung. Über­all im Land kommt es zu Un­ru­hen. Die vom ri­gi­den Re­gime der Ras­sen­tren­nung dis­kri­mi­nier­te nicht­wei­ße Be­völ­ke­rung Süd­afri­kas setzt sich zur Wehr. Die Swarts neh­men le­dig­lich Ver­kehrs­be­hin­de­run­gen im be­nach­bar­ten Town­ship wahr, die sich an­bah­nen­de ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­rung passt nicht in das Welt­bild der Nach­kom­men ei­ner Burenfamilie.

Aus­beu­tung, Ver­trei­bung, Un­ter­drü­ckung, Ras­sis­mus und Kor­rup­ti­on, Miss­stän­de, die Süd­afri­ka bis heu­te pla­gen, sind die ei­gent­li­chen The­men die­ses Ro­mans. Der 1963 in Pre­to­ria ge­bo­re­ne, be­reits mit 17 als Au­tor in Er­schei­nung ge­tre­te­ne Gal­gut, ver­webt sie zu ei­ner Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die über drei Jahr­zehn­te trägt.

Für sein Er­zäh­len wählt er ei­ne li­te­ra­risch an­spruchs­vol­le Form, in der, was an­ge­sichts der The­men über­ra­schen mag, der Hu­mor nicht fehlt. Je­der sei­ner Fi­gu­ren ver­leiht er ei­ne Stim­me. Ein per­so­na­ler Er­zäh­ler, der bis­wei­len in die Ich-Form fällt, schil­dert die Ge­dan­ken und das Er­le­ben des Ein­zel­nen. Nicht nur die Haupt­fi­gu­ren kom­men auf die­se Wei­se zu Wort, auch zahl­rei­chen Ne­ben­fi­gu­ren, so­gar Tiere.

Die Per­spek­tiv­wech­sel voll­zie­hen sich schnell. Auf den ers­ten Sei­ten des Ro­mans sind sie noch mit Na­men mar­kiert. Im wei­te­ren Ver­lauf wei­sen nur Per­so­nal­pro­no­men auf den je­wei­li­gen Spre­cher hin. Manch­mal sind die Über­gän­ge flie­ßend. Gal­gut er­zeugt so ei­ne ge­woll­te Un­ein­deu­tig­keit zwi­schen zwei Er­zähl­stim­men, die zu­gleich zur Ver­bin­dung wird. Da denkt die Ex-Freun­din Amors über de­ren Selbst­auf­op­fe­rung nach und es folgt ei­ne Aus­sa­ge in der Ich-Per­spek­ti­ve, die so­wohl als Ant­wort Amors wie als Aus­sa­ge der im fol­gen­den Ab­schnitt auf­tre­ten­den As­trid ge­le­sen wer­den kann und zu­dem für bei­de Fi­gu­ren glei­cher­ma­ßen gilt.

Su­s­an hat recht, (…) ir­gend­et­was treibt Amor da­zu, das Leid zu su­chen, um es zu lindern.
(…)
Viel­leicht ist das der Grund. Viel­leicht will ich mich so bestrafen.
Doch kaum dass sie es aus­ge­spro­chen hat, weiß As­trid, dass es nicht wahr ist. Auf den Knien im Beicht­stuhl, zum ers­ten Mal seit ei­nem hal­ben Jahr, und sie hat die Ga­be ver­lo­ren, die Wahr­heit zu sagen.“

Ne­ben den Fi­gu­ren­stim­men kom­men­tiert ein aukt­o­ria­ler Er­zäh­ler das Ge­sche­hen, bis­wei­len in di­rek­ter An­spra­che an den Le­ser. „Und so wa­ren die ein­zi­gen bei­den Per­so­nen, die an Ra­chel Swarts Bett wach­ten, als de­ren Zeit ge­kom­men war, ihr Ehe­mann ali­as Pa oder Ma­nie und die klei­ne Schwar­ze, wie heißt sie noch gleich, Sa­lo­me, die aber, lo­gi­scher­wei­se, nicht zählt.“

Viel­leicht ist dies mit ein Grund, wes­halb Sa­lo­mes Stim­me nur ein ein­zi­ges Mal er­klingt? Sie spricht ein Ge­bet für Ra­chel, in des­sen Schluss­satz sie sich bei Gott für das Er­be be­dankt, auch dies ein In­diz für Gal­guts Humor.

Die­sen zeigt er be­reits bei den spre­chen­den Na­men sei­ner Fi­gu­ren. Al­len vor­an die Swarts, die als Vo­ortrek­ker-Nach­fah­ren doch bes­ser Weiß hei­ßen wür­den. Den ka­tho­li­schen Pries­ter tauft er Bat­ty, be­kloppt, den pro­tes­tan­ti­schen Sim­mer, was mit ver­schlif­fe­ner Aus­spra­che, der Sün­de, Sin­ner, sehr na­he­kommt. Bei­de Zu­schrei­bun­gen spie­geln sich im Cha­rak­ter der Geist­li­chen. Die wan­kel­mü­ti­ge As­trid darf sich seit ih­rer zwei­ten Ehe Moo­dy, lau­nisch, nen­nen.

Es gibt auch po­si­ti­ve Na­men wie Amor, De­si­rée und Sa­lo­me. Bei letz­te­rer mag man die Jün­ge­rin Je­su den­ken, die der Le­gen­de nach ei­ne Schwes­ter Ma­ri­as ge­we­sen sein soll.

Trotz die­ses mit der Bi­bel kon­no­tier­ten Na­mens kommt die Kir­che schlecht weg in die­sem Ro­man. Gal­gut kom­men­tiert ih­re ka­tho­li­schen wie auch ih­re nie­der­län­disch-re­for­mier­ten Ver­tre­ter und Ri­tua­le mit bei­ßen­dem Hu­mor. Ma­nies Tod nach dem Schlan­gen­biss ist das Er­geb­nis der fi­xen Idee des streng­gläu­bi­gen Rep­ti­li­en­farm­be­sit­zers. Er ziel­te auf den Re­kord im Zu­sam­men­le­ben mit ei­ner Schlan­ge. Je län­ger, um­so mehr Spen­den er­hoff­ten sich der Gläu­bi­ge und der Pries­ter, doch Sa­tan war da­ge­gen. Mit ih­rem Ver­hal­ten sind die Kir­chen­ver­tre­ter, aber auch eso­te­ri­sche Heils­brin­ger, ein Quell des meist sub­ti­len Spotts. Ein­zig Ju­den­tum und Is­lam, die eben­falls ei­ne, wenn auch klei­ne­re Rol­le spie­len, wer­den verschont.

Ei­ne Er­klä­rung bie­tet die Rol­le der evan­ge­li­schen wie ka­tho­li­schen Kir­che in der Mis­sio­nie­rung und Skla­ven­fra­ge. Do­mi­nee Sim­mers be­trach­tet die Apart­heid als von Gott ver­fügt, des­sen Wunsch sei es, „dass in an­de­ren Räu­men die Söh­ne und Töch­ter Hams zum Nut­zen und From­men ih­rer Her­ren und Her­rin­nen schuf­ten, Holz ha­cken, Was­ser schöp­fen und über­haupt den­je­ni­gen ein le­bens­wer­tes Le­ben be­rei­ten, die das schwe­re Joch der Füh­rung tragen.“

An­ge­sichts des­sen, amü­siert es um­so mehr, wen Gal­gut dem Pries­ter zur Un­zucht über­lässt. Dies mit der 2016 von Fran­zis­kus er­las­se­nen „Amo­ris la­e­ti­tia“ in Zu­sam­men­hang zu brin­gen, wä­re je­doch in­ter­pre­ta­to­risch überzogen.

Lie­ber Le­ser, du siehst ich hat­te auf vie­le Wei­sen Spaß mit die­sem Buch, das ich, auch wenn du ein gu­ter Christ sein soll­test, dir ans Herz le­ge. Zum ei­nen er­in­nert es an Vie­les, was man als blau­äu­gi­ger Eu­ro­pä­er viel­leicht ver­ges­sen hat, zum an­de­ren klärt es die wich­ti­ge Fra­ge: „Muss­te Je­sus je­mals aufs Klo?“

Da­mon Gal­gut wur­de für Das Ver­spre­chen“ 2021 mit dem Boo­ker Pri­ce ausgezeichnet.

Damon Galgut, Das Versprechen, übers. v. Thomas Moor, Luchterhand Verlag 2022

 

 

Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re „Lie­be und Schmerz“ weiterlesen

Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn „Vom Ha­cken und Schrei­ben“ weiterlesen

Die unsichtbare Begleiterin

Peter Stamm erzählt in seinem Roman „Das Archiv der Gefühle“ von einer Befreiung

Im Flur gleich ne­ben dem Ein­gang un­ter der al­ter­tüm­li­chen Gar­de­ro­be steht ein gro­ßer Papp­kar­ton mit lee­ren, grau­gel­ben Ak­ten­map­pen, die ich beim sel­ben Groß­händ­ler be­zie­he, von dem auch das Pres­se­haus sei­ne Map­pen ge­kauft hat­te. Ich neh­me zwei her­aus und be­schrif­te sie. Die Ge­räu­sche des Was­sers und Die Ge­räu­sche der Vö­gel im Flug, und le­ge sie auf ei­nen Sta­pel auf dem Schreib­tisch, auf dem be­stimmt schon ein Dut­zend sol­cher be­schrif­te­ter, aber lee­rer Map­pen liegt. Ich weiß nicht, wie ich sie fül­len soll, ich ha­be im­mer nur ge­sam­melt und sor­tiert, ein­ge­ord­net, was an­de­re er­lebt und auf­ge­schrie­ben hatten.“

Manch­mal bin ich über­rascht, wie sehr sich zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Lek­tü­ren the­ma­tisch äh­neln. Die von Da­ni­el Wis­ser be­schrie­be­ne gro­ße Lie­be, die nach Jahr­zehn­ten des klan­des­ti­nen Seh­nens end­lich er­füllt wird, fin­det sich auch im neu­en Ro­man von Pe­ter Stamm, wenn auch in gänz­lich an­de­rer Ausführung.

Der Held und na­men­lo­se Ich-Er­zäh­ler ist im Ge­gen­satz zu Wis­sers Vic­tor Jar­no ein in sich ge­kehr­ter Mensch. Äu­ße­re Be­lan­ge, wie die po­li­ti­sche La­ge oder der Zu­stand der Ge­sell­schaft, küm­mern ihn nur als Mel­dun­gen, die zu ar­chi­vie­ren sind. Als Ar­chi­var ei­nes Pres­se­hau­ses war er lan­ge Jah­re zu­ver­läs­sig, aber oh­ne Am­bi­tio­nen tä­tig, wie er im ers­ten Teil des Ro­mans dar­legt. In die­ser Fi­gu­ren­ex­po­si­ti­on schil­dert Pe­ter Stamm gleich zu Be­ginn ei­ne Ei­gen­art sei­nes Hel­den, die sich auch als Ei­gen­art des Ro­mans be­schrei­ben lie­ße. Der Er­zäh­ler ist so sehr in un­ge­leb­ter Lie­be an Fran­zis­ka ge­fes­selt, daß sie „Die un­sicht­ba­re Be­glei­te­rin“ weiterlesen

Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schick­sal ge­wollt und es hat kei­nen an­de­ren Weg gegeben.“

Auch der ak­tu­el­le Ro­man der is­rae­li­schen Au­torin Ze­ru­ya Shalev be­han­delt die po­li­ti­schen wie re­li­giö­sen Ge­gen­sät­ze ih­res Hei­mat­lan­des. Sie schü­ren die Kon­flik­te zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ne, Auf­klä­rung und or­tho­do­xem Glau­ben, Be­sat­zern und Be­setz­ten so­wie die Kluft zwi­schen Mann und Frau. Ist dies al­les un­ab­wend­ba­res „Schick­sal“, wie der Ti­tel des Ro­mans insinuiert?

Schick­sal­haft ver­bun­den schil­dert Shalev das Le­ben, man könn­te auch sa­gen das Lei­den, ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen Ra­chel und Ata­ra, de­ren per­so­na­le Er­zähl­stim­men in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln zu Wort kom­men. Da ist zum ei­nen die be­tag­te Ra­chel, de­ren Ge­schich­te in die An­fän­ge des mo­der­nen Is­ra­els führt. Sie er­zählt, was sie als jun­ge Frau bei den Lechi er­leb­te, ei­ner Un­ter­grund­be­we­gung, die mit ter­ro­ris­ti­schen Mit­teln ge­gen die „Das Lei­den der Sün­den­bö­cke“ weiterlesen

Herd tot. Kühlschrank tot.“

In „Die Stille“ inszeniert Don DeLillo den Systemausfall als absurdes Theater

Die ak­tu­el­le La­ge macht uns klar, dass es nichts zu sa­gen gibt, au­ßer was uns spon­tan in den Kopf kommt und nach­her wis­sen wir das so­wie­so al­le nicht.“

Die Lek­tü­re von Don De­Lil­los „Die Stil­le“ konn­te ich nicht un­vor­ein­ge­nom­men be­gin­nen. „Ei­ne Ka­ta­stro­phe über ei­ne Ka­ta­stro­phe, po­si­tiv: nur 100 Sei­ten und gro­ße Buch­sta­ben“, so das knap­pe State­ment ei­nes Mit­strei­ters aus mei­nem Li­te­ra­tur­kreis. Der tagt mo­men­tan höchs­tens im Chat. Der die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form im­ma­nen­te Te­le­gramm­stil passt in sei­ner kar­gen Un­voll­stän­dig­keit gut zu De­Lil­los neu­em Buch, das wohl kaum als Ro­man be­zeich­net wer­den kann.

Eben­so gut passt da­zu, daß die Aus­sa­ge über ei­ne Mes­sen­ger-App zu mir fand, al­so mit ei­nem Smart­pho­ne no­tiert, ver­sen­det, emp­fan­gen und ge­le­sen wur­de. Da­mit zäh­le ich zu den in die­sem Buch an­ge­spro­che­nen Nut­zern die­ser Tech­nik und soll­te für De­Lil­los Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik emp­fäng­lich sein.

Die Ge­schich­te be­schreibt die Ver­hält­nis­se im Jahr 2022. De­Lil­lo wählt die Dys­to­pie, ei­ne von mir ge­schätz­te Li­te­ra­tur­gat­tung. So fin­den sich Herd tot. Kühl­schrank tot.““ weiterlesen

Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost”

In „La pozza del Felice“ feiert Fabio Andina die Zufriedenheit am Ende des Lebens

Che poi, che la po­li­ti­ca l’è tut­ta una gran por­ca­da, e che il mondo è in ma­no ai so­li­ti due o tre fa­ra­but­ti, ques­to lo san­no an­che i pe­sci di ques­to fi­ume, per con­to mio, ir­rom­pe il Fe­li­ce guar­d­an­do l’aqua.” – Und au­ßer­dem, dass die Po­li­tik ei­ne ein­zi­ge Saue­rei ist und die Welt in den Hän­den der üb­li­chen zwei oder drei Schur­ken liegt, das wis­sen so­gar die Fi­sche in die­sem Fluss, wenn man mich fragt, un­ter­brach Fe­li­ce und blick­te aufs Wasser.

Je äl­ter wir wer­den, um­so mehr wird un­ser Le­ben von Ri­tua­len ge­prägt. Es meh­ren sich die im­mer­glei­chen We­ge, Be­geg­nun­gen und Hand­lun­gen, die den All­tag struk­tu­rie­ren. Im Val­le di Ble­nio, ein­ge­bet­tet in die Berg­zü­ge des Schwei­zer Tes­sin, sind es die Glo­cken der zahl­rei­chen Dorf­kir­chen, die Ori­en­tie­rung in Raum und Zeit bie­ten, auch den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes Le­on­ti­ca. Dort ver­bringt Fa­bio An­di­na, der Au­tor von La poz­za del Fe­li­ce”, seit sei­ner Kind­heit die Fe­ri­en, ganz wie sein Erzähler.

An­di­na ist ver­traut mit dem Ort und der Na­tur, die er als Sze­ne­rie für sei­nen Ro­man über­nimmt. Sei­ne Fi­gu­ren je­doch hat er Wenn wir kre­pie­ren, wer­den wir al­le zu Kom­post”“ weiterlesen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Berlin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ weiterlesen

Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum bewegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­delsohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­delsohns „Odys­see“ sehr gut gefallen.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­delsohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­delsohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten „Von Vä­tern und Söh­nen“ weiterlesen