Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re Schwie­rig­kei­ten schil­dert Itō mit Iro­nie. Sie ist ein Merk­mal ih­res Ro­mans, der zeigt, daß die Hel­din Hi­ro­mi sehr viel mit der Schrift­stel­le­rin Itō zu tun hat. Doch es han­delt sich bei „Dorn­aus­zie­her“ nicht um ein Werk aus der Ka­te­go­rie Me­moi­re. Da­zu kom­po­niert die als Ly­ri­ke­rin in Ja­pan be­kann­te Itō den Text viel zu kunst­voll mit poe­ti­schem Po­ten­ti­al. Die Dich­te­rin, die sich ger­ne ja­pa­ni­schen My­then wid­met, die sie ins heu­ti­ge Ja­pa­nisch trans­fe­riert, nutzt nicht nur ly­ri­sche Stil­ele­men­te und ei­ne poe­ti­sche Spra­che, son­dern eben­so die auch gra­phisch un­ter­schied­li­chen  For­men der ja­pa­ni­schen Schrift. Das ist in der deut­schen Über­set­zung kaum dar­stell­bar, wie die Ja­pa­no­lo­gin und Über­set­ze­rin Ir­me­la Hi­ji­ya-Kir­sch­ne­r­eit in ih­rem er­hel­len­den Nach­wort darlegt.

Mit der­art viel­fäl­ti­gen Mit­teln er­zählt Itō vom eben­so viel­fäl­ti­gen wie dis­pa­ra­tem Le­ben ih­rer Prot­ago­nis­tin. Mit ih­rem Ehe­mann, von dem sie nicht nur ei­ne Ge­nera­ti­on, son­dern auch die Her­kunft un­ter­schei­det, lebt sie ge­mein­sam mit der jüngs­ten ih­rer drei Töch­ter in Ka­li­for­ni­en. Oft be­sucht sie die El­tern in Ja­pan. Die Rei­sen neh­men zu je äl­ter Mut­ter und Va­ter wer­den. Schließ­lich ver­bringt Hi­ro­mi so vie­le Wo­chen dort, daß ih­re Toch­ter die ja­pa­ni­sche Schu­le be­su­chen kann. Als die Mut­ter stirbt, wird das Ein­zel­kind Hi­ro­mi zur ein­zi­gen Be­zugs­per­son des Va­ters, des­sen Ein­sam­keit vom Pfle­ge­dienst und ei­nem win­zi­gen Hünd­chen ge­lin­dert wird.

Die The­men in Itōs Ro­man wer­den vie­len Le­sern ver­traut sein. Sie sind uni­ver­sell, kul­tur­über­grei­fend, mensch­lich. Sie han­deln von fa­mi­liä­ren Be­zie­hun­gen, von Lie­be, aber auch von Ab­hän­gig­keit und Ver­ant­wor­tung. Aus der Per­spek­ti­ve ei­ner Frau um die Sech­zig er­zählt sie von den al­ten El­tern, die ge­gen ih­re Hilf­lo­sig­keit eben­so an­kämp­fen wie die Hel­fen­de selbst. Von Töch­tern, die in un­ter­schied­li­cher Wei­se ih­rer Un­ter­stüt­zung be­dür­fen. Von Lie­be und Wut, der gan­zen Viel­zahl am­bi­va­len­ter Ge­füh­le in ih­rer Part­ner­schaft, de­ren Psy­cho­lo­gie sie zu ver­ste­hen ver­sucht. Itō, die auch als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin ar­bei­tet, hat mit „Dorn­aus­zie­her“ ei­nen psy­cho­lo­gi­schen Ro­man ge­schaf­fen. Sie schil­dert Stell­ver­tre­ter-Funk­tio­nen, sei­en es der Ta­lis­man aus Su­ga­mo oder der die Kinds­rol­le ein­neh­men­de Spat­zen­hund der El­tern. Die wei­se De­menz der Mut­ter fin­det im Ro­man eben­so Platz, wie die Al­ters­ver­zweif­lung des Va­ters. Das Ge­spräch mit der al­tern­den Dich­te­rin, die fast wie ein künf­ti­ges Spie­gel­bild Hi­ro­mis wirkt, wid­met sich dem Tod.

Bei al­lem bleibt der Aus­gangs­punkt ih­rer Über­le­gun­gen stets ihr Selbst­bild als Frau, das sie ge­gen je­de Fremd­be­stim­mung zu ver­tei­di­gen sucht. Oft ver­geb­lich, des­sen ist sie sich be­wusst. Emo­tio­na­le Ab­hän­gig­kei­ten und in­ter­kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen sind die Ur­sa­chen, eben­so die sich ver­än­dern­den Kör­per­lich­kei­ten. Se­xua­li­tät, Ver­fall und Tod schil­dert Itō di­rekt und dras­tisch. Sie schreckt vor kei­nem Feucht­ge­biet zu­rück, so daß ich mich zu­wei­len fast an je­nes Skan­dal­buch er­in­nert hät­te, wä­re die Mach­art von „Dorn­aus­zie­her“ nicht gänz­lich anders.

Ne­ben der Stim­me der frei­mü­ti­gen Er­zäh­le­rin Hi­ro­mi, fin­den sich amü­san­te und ver­trau­li­che Dia­lo­ge. Zu­sätz­lich bin­det Itō Stim­men und Mo­ti­ve aus Wer­ken der ja­pa­ni­schen My­tho­lo­gie aber auch der Welt­li­te­ra­tur ein, die sie am En­de je­des Ka­pi­tels auf­führt. Auf­fal­lend sind die Wie­der­ho­lun­gen von Sät­zen und Pas­sa­gen, ein „rhyth­misch und klang­vol­les Wie­der­auf­grei­fen sprach­li­cher Wen­dun­gen und For­meln bis sich al­les zur ly­ri­schen Aus­sa­ge hin ver­dich­tet“, wie Ir­me­la Hi­ji­ya-Kir­scher­ne­reit analysiert.

Soll­te man das Nach­wort vor dem Ro­man le­sen, frag­te ei­ne Freun­din, der ich be­geis­tert von dem Buch be­rich­te­te. Nein, denn der le­ben­di­ge Er­zähl­stil und die emo­tio­na­len Schil­de­run­gen Itōs ma­chen den Ro­man auch oh­ne je­des Hin­ter­grund­wis­sen zu ei­ner un­ter­halt­sa­men wie er­hel­len­den Lek­tü­re. Das Nach­wort und die An­mer­kun­gen der Über­set­ze­rin ver­tie­fen sie.

Itō Hiromi, Dornauszieher. Der fabelhafte Jizō von Sugamo, übersetzt und mit einem Nachwort versehen v. Irmela Hijiya-Kirschernereit, Matthes & Seitz 2021

Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn Beat Ster­chis Buch war­tet. „Ein Som­mer in mei­nem Gar­ten“ will be­spro­chen wer­den. „Ca­pri­cho“ liegt schon län­ger hier, ge­le­sen und im Li­te­ra­tur­kreis dis­ku­tiert, wo es fast al­len ge­fal­len hat. Auch mir. Bald kann ich raus, in den Gar­ten. Beat Ster­chi ging zu­erst in den Gar­ten, dann an den Schreib­tisch. Dort ver­such­te er ver­geb­lich sei­nen Text vor­an­zu­brin­gen. Al­so ma­che ich es lie­ber umgekehrt.

Ster­chis Gar­ten liegt im Sü­den Ka­ta­lo­ni­ens, da muss ge­gos­sen wer­den und we­gen der Hit­ze ist das Ha­cken in der Früh an­ge­neh­mer. Es dient, wie ich ges­tern im Ra­dio von ei­ner Gar­ten­fach­frau hör­te, dem Auf­bre­chen der Ka­pil­la­re. So ver­duns­tet das Was­ser we­ni­ger und kann bes­ser auf­ge­nom­men wer­den. Ster­chis spa­ni­sche Nach­barn wis­sen das seit Jahr und Tag. Al­le ha­ben ei­nen Hu­er­to, ei­ne klei­ne Par­zel­le am Dorf­rand, wo sie Ge­mü­se züch­ten, vor al­lem Kar­tof­feln. Die klei­nen Kar­tof­feln, die mit Oli­ven­öl, Kräu­tern und Salz so gut schme­cken, die sol­len auch in sei­nem Hu­er­to wach­sen. Ster­chi schil­dert sei­ne Mü­hen, die von den Dorf­ge­nos­sen be­ob­ach­tet und mit ma­li­zi­ös ge­lä­chel­ten Rat­schlä­gen be­glei­tet werden.

Doch ist dies nur ein Buch über Kar­tof­fel­an­bau? Schil­dert Ster­chi nur ei­nen Som­mer in sei­nem Gar­ten? Nein, er er­lebt sei­ne pro­duk­ti­ve Pro­kras­ti­na­ti­on als ein Ca­pri­cho, ei­ne Lau­ne. Er schreibt, auch wenn er fürch­tet, in die­sem Som­mer in sei­nem Fe­ri­en­haus gar nichts schrei­ben zu kön­nen. Der Schreib­tisch hemmt und der Gar­ten för­dert. Dort lie­gen zwi­schen den Mau­er­rit­zen nicht nur die Ei­dech­sen in der Son­ne, son­dern auch die Stif­te. Ster­chis klei­ne No­tiz­bü­cher fül­len sich, er muss sich Nach­schub besorgen.

(…) es wur­de mit klar, dass ich in mei­nem hu­er­to of­fen­sicht­lich je­de Glüh­würm­chen­exis­tenz als er­wäh­nens­wert er­ach­te­te, (…), was aber mein ei­gent­li­ches Schreib­vor­ha­ben be­traf, starr­te ich noch im­mer in ein trost­lo­ses, schwar­zes Loch.“

Bei sei­nen Be­sor­gun­gen in der Stadt be­merkt er Ver­än­de­run­gen, an den Ge­bäu­den wie an den Be­kann­ten, die seit dem letz­ten Jahr ge­al­tert sind. Die Zeit ver­geht, auch im Dorf, über die Jah­re und über den Som­mer. „Así es la vi­da!“ kom­men­tiert Ma­ría An­ge­les. Im Klei­nen zeigt dies sein Gar­ten oder bes­ser die Kar­tof­feln, die trotz al­ler Wi­der­nis­se, trotz al­ler Un­bill ge­dei­hen. Manch­mal spült das Un­wet­ter sie vor der Zeit her­aus. Doch klei­ne Kar­tof­feln sind gut. Eben­so wie die klei­nen Ka­pi­tel die­ses Buchs.

Der Mar­der, die Gei­er und die Ha­cke“, „Die Ro­se, die Pal­me und das Meer“ aber auch „Die Gül­le, der Zür­gel­baum und der He­li­ko­pter“. Es sind Be­ob­ach­tun­gen, Be­schrei­bun­gen, Be­geg­nun­gen, die sich im Ti­tel-Ter­zett vor­stel­len. Das klingt schlicht und ent­spricht Ster­chis un­prä­ten­tiö­sem Stil. In klei­nen Schrit­ten macht er den Le­ser nach und nach mit dem Dorf und sei­nen Be­woh­nern be­kannt. Wir fol­gen ihm auf den We­gen, strei­fen die Häu­ser, sit­zen abends im Gast­haus oder beim Gril­len hin­term Haus. Es herrscht ei­ne be­trieb­sa­me und den­noch ge­las­se­ne At­mo­sphä­re in die­sem Dorf in der spa­ni­schen Pro­vinz. In vie­lem er­in­nern mich Ster­chi Schil­de­run­gen an Fa­bio An­di­nas „Ta­ge mit Fe­li­ce“. Doch an­ders als An­di­na spielt bei Ster­chi sein ver­meint­li­ches Schei­tern am Schreib­pro­jekt ei­ne Rol­le. Stets ist er auf „der Su­che nach dem ro­ten Fa­den“, den ihm be­reits die kleins­te Maus ab­bei­ßen kann. Dann flieht zum Ha­cken in sei­nen Hu­er­to und wünscht sich solch‘ ste­ten Rhyth­mus für sein Schrei­ben. Was heu­te als Acht­sam­keit ge­prie­sen wird, be­schreibt be­reits Tol­stoi. An des­sen Heu­maht in An­na Ka­re­ni­na denkt Ster­chi nicht. Sei­ne li­te­ra­ri­schen Be­zü­ge fin­det er bei Jo­sef Pla, Iwan Bu­nin oder Lu­is Se­púl­ve­da.

Manch­mal er­in­nern Ster­chis Tex­te an Ta­ge­buch-No­ta­te, knapp er­zählt er von sei­nen Wan­de­run­gen, von Tie­ren und Men­schen. Die Na­tur — das Dorf Mo­rel­la lie­ße sich oh­ne wei­te­res als be­sie­del­te Na­tur be­schrei­ben — ist ihm am liebs­ten. Doch er ro­man­ti­siert es eben­so we­nig als Idyll, wie sei­ne Nach­barn als glück­li­che Land­leu­te. Prag­ma­tisch, bis­wei­len hart wie ih­re Ar­beit sind der Schwei­ne­züch­ter Ra­mon oder Joa­quin, eben­so wie die al­te Do­na Mará, de­ren im Wind we­hen­des Kü­chen­hand­tuch dem Au­tor, wie „ei­ne Fah­ne je­ner Ar­mut“ er­scheint, „die vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit in die­sem Dorf ge­herrscht ha­ben muss“. Haupt­säch­lich herrscht hier Ru­he, die Ster­chi für sein Schrei­ben sucht. Wer hät­te ge­dacht, daß ein Hu­er­to ihn ab­lenkt. Erst spät er­kennt er des­sen in­spi­rie­ren­de Kraft.

Beat Ster­chi, Ca­pri­cho. Ein Som­mer in mei­nem Gar­ten, Dio­ge­nes 2021

Die unsichtbare Begleiterin

Peter Stamm erzählt in seinem Roman „Das Archiv der Gefühle“ von einer Befreiung

Im Flur gleich ne­ben dem Ein­gang un­ter der al­ter­tüm­li­chen Gar­de­ro­be steht ein gro­ßer Papp­kar­ton mit lee­ren, grau­gel­ben Ak­ten­map­pen, die ich beim sel­ben Groß­händ­ler be­zie­he, von dem auch das Pres­se­haus sei­ne Map­pen ge­kauft hat­te. Ich neh­me zwei her­aus und be­schrif­te sie. Die Ge­räu­sche des Was­sers und Die Ge­räu­sche der Vö­gel im Flug, und le­ge sie auf ei­nen Sta­pel auf dem Schreib­tisch, auf dem be­stimmt schon ein Dut­zend sol­cher be­schrif­te­ter, aber lee­rer Map­pen liegt. Ich weiß nicht, wie ich sie fül­len soll, ich ha­be im­mer nur ge­sam­melt und sor­tiert, ein­ge­ord­net, was an­de­re er­lebt und auf­ge­schrie­ben hatten.“

Manch­mal bin ich über­rascht, wie sehr sich zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Lek­tü­ren the­ma­tisch äh­neln. Die von Da­ni­el Wis­ser be­schrie­be­ne gro­ße Lie­be, die nach Jahr­zehn­ten des klan­des­ti­nen Seh­nens end­lich er­füllt wird, fin­det sich auch im neu­en Ro­man von Pe­ter Stamm, wenn auch in gänz­lich an­de­rer Ausführung.

Der Held und na­men­lo­se Ich-Er­zäh­ler ist im Ge­gen­satz zu Wis­sers Vic­tor Jar­no ein in sich ge­kehr­ter Mensch. Äu­ße­re Be­lan­ge, wie die po­li­ti­sche La­ge oder der Zu­stand der Ge­sell­schaft, küm­mern ihn nur als Mel­dun­gen, die zu ar­chi­vie­ren sind. Als Ar­chi­var ei­nes Pres­se­hau­ses war er lan­ge Jah­re zu­ver­läs­sig, aber oh­ne Am­bi­tio­nen tä­tig, wie er im ers­ten Teil des Ro­mans dar­legt. In die­ser Fi­gu­ren­ex­po­si­ti­on schil­dert Pe­ter Stamm gleich zu Be­ginn ei­ne Ei­gen­art sei­nes Hel­den, die sich auch als Ei­gen­art des Ro­mans be­schrei­ben lie­ße. Der Er­zäh­ler ist so sehr in un­ge­leb­ter Lie­be an Fran­zis­ka ge­fes­selt, daß sie ihm im­mer wie­der in ein­sa­men Mo­men­ten er­scheint. Von de­nen gibt es vie­le, seit der Ar­chi­var ge­kün­digt wur­de und sei­ne Ta­ge al­lei­ne ver­bringt. Die Ar­beit, das Sor­tie­ren von Zei­tungs­mel­dun­gen, er­le­digt er nach wie vor. Er hat so­gar das ge­sam­te Ar­chiv in sein Haus über­nom­men. Sein Rück­zug führ­te zur Tren­nung von Ani­ta, ei­ner Frau, der noch ei­ne be­son­de­re Rol­le zu­kom­men wird. Der Ein­sied­ler ver­lebt den Win­ter — es han­delt sich um den Co­ro­na-Win­ter, der so­wie­so al­le Kon­tak­te ein­ge­fro­ren hat — ein­ge­kap­selt zwi­schen den Zei­tun­gen und Ak­ten im Haus sei­ner El­tern. Die­se le­ben schon lan­ge nicht mehr, las­sen aber ih­re Prä­senz in der un­ver­än­der­ten At­mo­sphä­re spü­ren. Der ver­meint­lich si­che­re Ort hält den Hel­den in sei­nen Er­in­ne­run­gen und Träu­men von Fran­zis­ka ge­fan­gen. Erst der Früh­ling lockt ihn nach drau­ßen auf lan­ge Spa­zier­gän­ge und zum Schwim­men im See.

Pe­ter Stamm schreibt sei­nem hy­perin­tro­spek­ti­vem Prot­ago­nis­ten Zü­ge zu, die sich fast schon als au­tis­tisch be­zeich­nen lie­ßen. Der Ar­chi­var ist nicht nur ein ord­nungs­lie­ben­der Lis­ten­füh­rer, der men­schen­scheue Mann ver­mei­det auch zu gro­ße Nä­he, emo­tio­na­le wie kör­per­li­che. Als Kind zähl­te er zwang­haft Din­ge, manch­mal pack­te ihn der Jäh­zorn. „Un­ter Ein­sam­keit litt ich nur in Ge­gen­wart an­de­rer Men­schen.“ Er liebt das Al­lein­sein, in Ge­sell­schaft fühlt er sich fremd. Sein An­ders­sein ist ihm be­wusst, er ver­gleicht es mit „an­ge­bo­re­ner Schmerz­lo­sig­keit“ und glaubt, „die­se Krank­heit ha­be was mit mir zu tun“.

An die Vor­stel­lung der Fi­gur schließt sich ein nächt­li­cher Spa­zier­gang zum See. Dort ba­det der Er­zäh­ler und ver­strickt sich in den Fän­gen Fran­zis­kas, die ihn in die schwar­zen Un­tie­fen des Sees lockt. Die Ni­xen­sze­ne, der wir noch wei­te­re Ma­le be­geg­nen wer­den, ver­an­schau­licht sei­ne Angst vor Ge­füh­len, vor Nä­he, vor dem Vertrauen.

Die Ni­xe bleibt nicht das ein­zi­ge Mär­chen­mo­tiv in die­sem Ro­man, in dem Stamm auch Mo­ti­ve aus ei­ge­nen Wer­ken ver­steckt. So er­in­nert das ein­sa­me Gast­haus im Wald an sei­ne Er­zäh­lung „Som­mer­gäs­te“ oder der früh­ge­schicht­li­che Ske­lett­fund am See­ufer an „Das schöns­te Kleid“.

Dem Zwi­schen­stück folgt die Ge­schich­te Fran­zis­kas. Wir er­fah­ren von der Freund­schaft zwi­schen ihr und dem Er­zäh­ler, die in der Schul­zeit be­gann und auch nach dem Ab­itur nicht en­de­te. Fran­zis­ka macht ei­ne Aus­bil­dung im Kran­ken­haus, der Er­zäh­ler geht an die Uni­ver­si­tät. Er un­ter­stützt sie bei ih­ren ers­ten Auf­trit­ten als Sän­ge­rin. Doch grö­ße­re An­nä­he­run­gen, die sich bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten er­ge­ben könn­ten, wer­den von bei­den ge­scheut. Als aus Fran­zis­ka die be­rühm­te Schla­ger­sän­ge­rin Fa­bi­en­ne wird, ver­liert sich der Kontakt.

Wir fol­gen der Ge­schich­te aus­schließ­lich in den Er­in­ne­run­gen des Er­zäh­lers. Bis­wei­len mel­det sich Fran­zis­ka zu Wort. Ih­re meist kor­ri­gie­ren­de Sicht wird in Ein­wür­fen wie­der­ge­ge­ben. Die­se sind kurz und an­ders als das Er­zähl­tem­pus im Prä­senz ge­hal­ten. Da die ge­spro­che­nen Sät­ze nicht als sol­che mar­kiert sind, ist die Zu­ord­nung un­ein­deu­tig. Lan­ge bleibt es der In­ter­pre­ta­ti­on der Le­se­rin über­las­sen, ob Fran­zis­ka Zu­hö­re­rin ist oder ei­ne Traum­ge­stalt des Er­zäh­lers. Als er sie auf Sei­te 100 als „un­sicht­ba­re Be­glei­te­rin“ ent­tarnt, sind wir schon mit­ten im drit­ten Teil des Ro­mans, der Kontaktaufnahme.

Die­ser Haupt­teil be­ginnt ge­nau in der Hälf­te des 188 Sei­ten um­fas­sen­den Buchs. In kla­rer und doch sub­til ge­hal­te­ner Kon­struk­ti­on sei­nes Ro­mans bahnt Stamm nach der Ex­po­si­ti­on der bei­den Haupt­fi­gu­ren de­ren Auf­ein­an­der­tref­fen an. Das er­war­te­te Er­eig­nis lädt er durch drei Bin­nen­er­zäh­lun­gen zu­sätz­lich mit Span­nung auf. Sie gel­ten den Frau­en im Le­ben des Er­zäh­lers. Die Ge­schich­te von der „Pa­ri­ser Freun­din“ plat­ziert Stamm vor der Kon­takt­auf­nah­me. Die Be­zie­hun­gen zu sei­ner Kol­le­gin und zu Ani­ta, von de­ren En­de der Le­ser be­reits am An­fang er­fährt, wer­den in der zwei­ten Ro­man­hälf­te er­zählt. Die Ver­bin­dung zu Ani­ta bil­det ei­ne wich­ti­ge Brü­cke im Zu­sam­men­kom­men mit Franziska.

Er­mög­licht wird dies je­doch erst durch die Ent­wick­lung des Er­zäh­lers. Zwar fragt die­ser sich schon zu­vor, ob er nicht eher in das Ge­fühl ver­liebt sei als in Fran­zis­ka, und fürch­tet, „ei­ne Be­zie­hung hät­te mei­ner Lie­be nicht ge­nü­gen kön­nen“. Doch jetzt gibt er sei­ne Ge­wohn­hei­ten auf, er liest kei­ne Zei­tun­gen und be­en­det das Ar­chi­vie­ren. Sei­ne al­te Ei­fer­sucht auf den Fuß­bal­ler, ei­nen ehe­ma­li­gen Ge­lieb­ten Fran­zis­kas, löscht er, in­dem er des­sen Ak­te weg­wirft. Dies, so er­kennt er schnell, funk­tio­niert nicht bei al­lem Schlech­ten der Ver­gan­gen­heit, doch von sei­nen per­sön­li­chen Fi­xie­run­gen kann er sich auf die­se Wei­se be­frei­en. Er über­win­det sei­ne Pas­si­vi­tät, von sei­nem Ar­chiv blei­ben nur die Blan­co-Ak­ten, die er künf­tig mit ei­ge­nen Er­fah­run­gen fül­len wird.

Pe­ter Stamm spielt mit der trü­ge­ri­schen Au­then­ti­zi­tät des Er­in­nerns, die un­ser au­to­bio­gra­phi­sches Ge­dächt­nis zu ei­ner krea­ti­ven Ei­gen­erzäh­lung macht. Er stellt sei­nem Er­zäh­ler ei­ne Er­schei­nung an die Sei­te, die des­sen Ver­gan­gen­heits­in­ter­pre­ta­ti­on zu­recht­rückt. Erst im Ver­lauf sei­ner Selbst­fin­dung iden­ti­fi­ziert der Er­zäh­ler sie als ei­ge­nes Geschöpf.

Die Wer­ke Pe­ter Stamms zäh­len für mich zu den be­ein­dru­ckends­ten Wer­ken der Zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur. Stamm il­lus­triert in prä­zi­ser Spra­che In­nen­wel­ten, die zwi­schen Emo­tio­nen und Er­in­ne­run­gen, Rea­li­tät und Traum chan­gie­ren und ei­ne sur­rea­le At­mo­sphä­re erzeugen.

In „Das Ar­chiv der Ge­füh­le“ er­zählt er in kunst­voll kon­stru­ier­ten Er­zähl­ebe­nen und mit psy­cho­lo­gi­schem Ge­spür von ei­nem Men­schen, der sich durch die Zer­stö­rung der ver­meint­li­chen Ord­nung befreit.

Peter Stamm, Das Archiv der Gefühle, S. Fischer Verlag 2021

Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schick­sal ge­wollt und es hat kei­nen an­de­ren Weg gegeben.“

Auch der ak­tu­el­le Ro­man der is­rae­li­schen Au­torin Ze­ru­ya Shalev be­han­delt die po­li­ti­schen wie re­li­giö­sen Ge­gen­sät­ze ih­res Hei­mat­lan­des. Sie schü­ren die Kon­flik­te zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ne, Auf­klä­rung und or­tho­do­xem Glau­ben, Be­sat­zern und Be­setz­ten so­wie die Kluft zwi­schen Mann und Frau. Ist dies al­les un­ab­wend­ba­res „Schick­sal“, wie der Ti­tel des Ro­mans insinuiert?

Schick­sal­haft ver­bun­den schil­dert Shalev das Le­ben, man könn­te auch sa­gen das Lei­den, ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen Ra­chel und Ata­ra, de­ren per­so­na­le Er­zähl­stim­men in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln zu Wort kom­men. Da ist zum ei­nen die be­tag­te Ra­chel, de­ren Ge­schich­te in die An­fän­ge des mo­der­nen Is­ra­els führt. Sie er­zählt, was sie als jun­ge Frau bei den Lechi er­leb­te, ei­ner Un­ter­grund­be­we­gung, die mit ter­ro­ris­ti­schen Mit­teln ge­gen die „Das Lei­den der Sün­den­bö­cke“ wei­ter­le­sen

Herd tot. Kühlschrank tot.“

In „Die Stille“ inszeniert Don DeLillo den Systemausfall als absurdes Theater

Die ak­tu­el­le La­ge macht uns klar, dass es nichts zu sa­gen gibt, au­ßer was uns spon­tan in den Kopf kommt und nach­her wis­sen wir das so­wie­so al­le nicht.“

Die Lek­tü­re von Don De­Lil­los „Die Stil­le“ konn­te ich nicht un­vor­ein­ge­nom­men be­gin­nen. „Ei­ne Ka­ta­stro­phe über ei­ne Ka­ta­stro­phe, po­si­tiv: nur 100 Sei­ten und gro­ße Buch­sta­ben“, so das knap­pe State­ment ei­nes Mit­strei­ters aus mei­nem Li­te­ra­tur­kreis. Der tagt mo­men­tan höchs­tens im Chat. Der die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form im­ma­nen­te Te­le­gramm­stil passt in sei­ner kar­gen Un­voll­stän­dig­keit gut zu De­Lil­los neu­em Buch, das wohl kaum als Ro­man be­zeich­net wer­den kann.

Eben­so gut passt da­zu, daß die Aus­sa­ge über ei­ne Mes­sen­ger-App zu mir fand, al­so mit ei­nem Smart­pho­ne no­tiert, ver­sen­det, emp­fan­gen und ge­le­sen wur­de. Da­mit zäh­le ich zu den in die­sem Buch an­ge­spro­che­nen Nut­zern die­ser Tech­nik und soll­te für De­Lil­los Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik emp­fäng­lich sein.

Die Ge­schich­te be­schreibt die Ver­hält­nis­se im Jahr 2022. De­Lil­lo wählt die Dys­to­pie, ei­ne von mir ge­schätz­te Li­te­ra­tur­gat­tung. So fin­den sich Herd tot. Kühl­schrank tot.““ wei­ter­le­sen

Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost”

In „La pozza del Felice“ feiert Fabio Andina die Zufriedenheit am Ende des Lebens

Che poi, che la po­li­ti­ca l’è tut­ta una gran por­ca­da, e che il mondo è in ma­no ai so­li­ti due o tre fa­ra­but­ti, ques­to lo san­no an­che i pe­sci di ques­to fi­ume, per con­to mio, ir­rom­pe il Fe­li­ce guar­d­an­do l’aqua.” – Und au­ßer­dem, dass die Po­li­tik ei­ne ein­zi­ge Saue­rei ist und die Welt in den Hän­den der üb­li­chen zwei oder drei Schur­ken liegt, das wis­sen so­gar die Fi­sche in die­sem Fluss, wenn man mich fragt, un­ter­brach Fe­li­ce und blick­te aufs Wasser.

Je äl­ter wir wer­den, um­so mehr wird un­ser Le­ben von Ri­tua­len ge­prägt. Es meh­ren sich die im­mer­glei­chen We­ge, Be­geg­nun­gen und Hand­lun­gen, die den All­tag struk­tu­rie­ren. Im Val­le di Ble­nio, ein­ge­bet­tet in die Berg­zü­ge des Schwei­zer Tes­sin, sind es die Glo­cken der zahl­rei­chen Dorf­kir­chen, die Ori­en­tie­rung in Raum und Zeit bie­ten, auch den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes Le­on­ti­ca. Dort ver­bringt Fa­bio An­di­na, der Au­tor von La poz­za del Fe­li­ce”, seit sei­ner Kind­heit die Fe­ri­en, ganz wie sein Erzähler.

An­di­na ist ver­traut mit dem Ort und der Na­tur, die er als Sze­ne­rie für sei­nen Ro­man über­nimmt. Sei­ne Fi­gu­ren je­doch hat er Wenn wir kre­pie­ren, wer­den wir al­le zu Kom­post”“ wei­ter­le­sen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Berlin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ wei­ter­le­sen

Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum bewegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­delsohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­delsohns „Odys­see“ sehr gut gefallen.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­delsohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­delsohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten „Von Vä­tern und Söh­nen“ wei­ter­le­sen

Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Da­nie­la Kri­ens Ro­man „Die Lie­be im Ernst­fall“ in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis zum Vor­schlag kam, hat­te ich nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Der Ti­tel er­in­ner­te mich zwar an ei­nen ZDF-Fern­seh­film, die Plat­zie­rung des Ro­mans auf der SWR-Bes­ten­lis­te sprach je­doch ge­gen mei­ne Ein­schät­zung. Lei­der ha­ben sich die po­si­ti­ven Er­war­tun­gen nicht ein­ge­löst. An­ders als vie­le Kri­ti­ker in über­schwäng­li­chen Re­zen­sio­nen be­to­nen, ver­spü­re ich kei­ne Be­geis­te­rung. Auch mei­ne Mit­strei­te­rin­nen im Li­te­ra­tur­kreis füh­len sich durch Kri­ens Ro­man an die Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger erinnert.

Da­mals leg­ten die Ver­la­ge ei­ge­ne Rei­hen zur Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buch­hand­lun­gen mach­ten gan­ze Re­gal­me­ter frei. Dort stand dann Be­zie­hungs-Eman­zi­pa­ti­ons-Selbst­fin­dungs­pro­sa, wie Ju­dith Jann­bergs pro­gram­ma­ti­scher Ti­tel„Ich bin ich“, an den mich „Die Lie­be im Ernst­fall“ nun gut vier­zig Jah­re spä­ter er­in­nert. Man soll­te mei­nen, daß sich in der Zwi­schen­zeit die Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft ge­wan­delt hat.

In un­se­rer Dis­kus­si­ons­run­de blie­ben lei­der aus­ge­rech­net bei die­sem „Tod und Trä­nen in der Hän­ge­mat­te“ wei­ter­le­sen

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf sei­ne So­lar­arm­band­uhr zeig­te vier Uhr an und er be­merk­te ir­ri­tiert, dass der Bat­te­rie­stand ge­gen null ging. Er ver­säum­te be­wusst, der Be­triebs­an­lei­tung zu fol­gen und die Uhr im Frei­en im­mer über der Man­schet­te zu tra­gen, weil er es im­mer noch für un­wür­dig hielt, sei­ne Arm­band­uhr wie ein lä­cher­li­cher Son­nen­an­be­ter dem Licht ent­ge­gen­zu­dre­hen. In­dem er es ab­sicht­lich nicht tat, re­bel­lier­te er ins­ge­heim auch ge­gen al­le an­de­ren Vor­schrif­ten des „Spu­ren­lo­sen Le­bens“. Der Ka­ta­log an Din­gen, die zu tun oder zu las­sen wa­ren, wuchs in letz­ter Zeit wirk­lich über jeg­li­ches Maß hin­aus, fand Berg­heim. Es hat­te in sei­ner Ju­gend ganz harm­los mit der Ab­fall­tren­nung be­gon­nen, war aber spä­tes­tens seit der letz­ten Neue­rung, dem Ver­bot des Fleisch­ver­zehrs an al­len Wo­chen­ta­gen, die kein oder nur ein N in ih­rer Buch­sta­ben­fol­ge füh­ren, um so die Treib­haus­ga­se halb­wegs un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, end­gül­tig ins Al­ber­ne gedriftet.“

Es ist ei­ne Öko-Dys­to­pie, die Eck­hart Ni­ckel in sei­nem Ro­man „Hys­te­ria“ ge­nuss­voll und mit Iro­nie ge­würzt ser­viert. Der 1966 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kunst­his­to­ri­ker, ver­öf­fent­lich­te vor die­sem Ro­man­de­büt als Jour­na­list u.a. in Tem­po, Süd­deut­scher Zei­tung und F.A.Z. so­wie in der von ihm und Chris­ti­an Kracht ge­grün­de­ten Li­te­ra­tur­zeit­schrift Der Freund. Ent­spre­chend weit ist der li­te­ra­ri­sche wie pop­kul­tu­rel­le Be­zugs­rah­men die­ses Romans.

Doch man muss nicht zwangs­läu­fig E.T.A. Hoff­mann, Sig­mund Freud oder die vie­len an­de­ren li­te­ra­ri­schen Leucht­tür­me, die in „Hys­te­ria“ auf­tau­chen, ge­le­sen ha­ben. Man kann auch mit Mu­sik die Sphä­ren die­ser Zu­kunfts­welt durch­drin­gen, wahl­wei­se mit Kraft­werk oder Jean Mi­chel Jar­re. Oder ganz ein­fach den teu­ren Tee Pa­ri­ser Pro­ve­ni­enz mit dem an­spie­lungs­rei­chen Na­men schlür­fend über die Ab­wand­lung ei­nes Mu­sik­vi­de­os la­chen. Der Ro­man bie­tet viel­fäl­ti­ge Ent­de­ckun­gen, nicht nur die, daß mit den „Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit“ wei­ter­le­sen