Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost”

In „La pozza del Felice“ feiert Fabio Andina die Zufriedenheit am Ende des Lebens

Che poi, che la po­li­ti­ca l’è tut­ta una gran por­ca­da, e che il mondo è in ma­no ai so­li­ti due o tre fa­ra­but­ti, ques­to lo san­no an­che i pe­sci di ques­to fi­ume, per con­to mio, ir­rom­pe il Fe­li­ce guar­d­an­do l’aqua.” – Und au­ßer­dem, dass die Po­li­tik ei­ne ein­zi­ge Saue­rei ist und die Welt in den Hän­den der üb­li­chen zwei oder drei Schur­ken liegt, das wis­sen so­gar die Fi­sche in die­sem Fluss, wenn man mich fragt, un­ter­brach Fe­li­ce und blick­te aufs Was­ser.

Je äl­ter wir wer­den, um­so mehr wird un­ser Le­ben von Ri­tua­len ge­prägt. Es meh­ren sich die im­mer­glei­chen We­ge, Be­geg­nun­gen und Hand­lun­gen, die den All­tag struk­tu­rie­ren. Im Val­le di Ble­nio, ein­ge­bet­tet in die Berg­zü­ge des Schwei­zer Tes­sin, sind es die Glo­cken der zahl­rei­chen Dorf­kir­chen, die Ori­en­tie­rung in Raum und Zeit bie­ten, auch den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes Le­on­ti­ca. Dort ver­bringt Fa­bio An­di­na, der Au­tor von La poz­za del Fe­li­ce”, seit sei­ner Kind­heit die Fe­ri­en, ganz wie sein Er­zäh­ler.

An­di­na ist ver­traut mit dem Ort und der Na­tur, die er als Sze­ne­rie für sei­nen Ro­man über­nimmt. Sei­ne Fi­gu­ren je­doch hat er er­fun­den, wenn sie auch viel ge­mein ha­ben mit ih­ren Vor­bil­dern. Sie füh­ren ein kar­ges und be­schei­de­nes Le­ben mit der Na­tur. Als zu­frie­de­ne Selbst­ver­sor­ger ver­zich­ten sie auf Kon­sum, Ab­wechs­lung auf dem Tisch brin­gen Tausch und Jah­res­zei­ten. Die Dorf­ge­mein­schaft, vor­wie­gend Al­te, aber auch ei­ni­ge Fa­mi­li­en mit Teen­agern und klei­nen Kin­dern, be­ruht auf ge­gen­sei­ti­ger Un­ter­stüt­zung. Frei von Un­ei­nig­keit ist sie nicht, doch man be­geg­net sich mit Re­spekt und Ak­zep­tanz. Dies ist auch die Ma­xi­me des al­ten Fe­li­ce, der je­den Tag mit ei­nem Marsch zur hoch­ge­le­ge­nen Poz­za be­ginnt, um in ihr eis­kal­tes Was­ser ein­zu­tau­chen. Zu je­der Jah­res­zeit, bei je­dem Wet­ter und trotz sei­ner neun­zig Le­bens­jah­re. „Se la bat­te­ria non mi sca­ri­ca“So­lan­ge mei­ne Bat­te­rie nicht leer ist, sagt er. Um die­ses Ri­tu­al zu ver­ste­hen, be­schließt der Er­zäh­ler, ei­ni­ge Ta­ge mit Fe­li­ce zu ver­brin­gen.

Er be­glei­tet ihn durch den Tag und weicht ihm kaum von der Sei­te. In al­ler Frü­he, mit­ten in der No­vem­ber­dun­kel­heit, be­gin­nen sie den Auf­stieg. Der noch som­mer­lich ge­klei­de­te Fe­li­ce geht vor­an, bar­fuß, mit kur­zer Ho­se und of­fe­nen Hemd. Vor­bei an den letz­ten Häu­sern der Ort­schaft, am Esel und dem Kuh­stall führt sie der Weg durch ei­nen fins­te­ren Wald, über Ge­röll und Stei­ne bis sie schließ­lich die Poz­za er­rei­chen. Das Was­ser­loch liegt zwi­schen den Fel­sen, auf ei­nem Pla­teau, das in der Mor­gen­däm­me­rung ei­nen gran­dio­sen Blick auf die um­lie­gen­den Gip­fel und Tä­ler frei­gibt.

Fe­li­ce voll­zieht sein Ri­tu­al, taucht un­ter in der Poz­za und lässt sei­nen nack­ten Kör­per an­schlie­ßend auf ei­nem Fel­sen ho­ckend vom Wind trock­nen. Sei­nen Be­glei­ter hin­ge­gen kos­tet das Bad gro­ße Über­win­dung. An­di­nas Be­schrei­bun­gen ver­mit­teln dies ein­dring­lich, eben­so wie sie das sen­so­ri­sche Glücks­ge­fühl da­nach glaub­haft zei­gen. In den fol­gen­den Ta­gen, so er­fährt der Le­ser, wird dar­aus auch für Fe­li­ces Be­glei­ter ei­ne Ge­wohn­heit, den Mor­gen zu be­grü­ßen.

Da­nach stei­gen sie ab, neh­men ein Schluck Milch bei Sos­ta, dem Milch­bau­ern, und keh­ren zu ei­nem fru­ga­len Früh­stück in Fe­li­ces Hüt­te ein. Nüs­se, Ho­nig, Jo­ghurt ste­hen auf dem Tisch, da­zu Kräu­ter­tee mit ei­ner Bri­se Salz. Den Caf­fè gibt es erst spä­ter in der Bar Gal­lo Cedro­ne. Am Abend ver­sam­melt sich dort im Au­er­hahn fast das gan­ze Dorf zum Aus­tausch der neu­es­ten Nach­rich­ten oder auf ei­ne Par­tie Scopa.

Bei ei­nem Caf­fè oder ei­ner Grap­pa sit­zen dort Emi­lio Co­nig­lio, Ka­nin­chen­züch­ter und Fe­li­ces bes­ter Freund, Ke­vin, Mis­ter Con­ta­di­no Ti­ci­ne­se, mit sei­ner neus­ten Er­obe­rung, Ora­zio Pi­cas­so, der An­sich­ten vom Dorf und den Ber­gen malt, aber auch Sa­bi­na, die Leh­re­rin, mit ih­ren Zwil­lin­gen Pris­ka und Dus­ka. An­de­re hin­ge­gen, be­son­ders die al­ten Da­men des Dor­fes blei­ben abends in ih­ren Häu­sern. Der Er­zäh­ler kommt auch ih­nen in Be­glei­tung Fe­li­ces nä­her und lernt ih­re Ei­gen­hei­ten ken­nen. Die Nach­ba­rin Vit­to­ri­na, Wit­we von Os­val­do, oder La Mu­ta, de­ren Wort­karg­heit das Ge­gen­teil von La Ra­dio ist.

Nicht we­ni­ger schö­ne Na­men gibt An­di­na den im Wort­sin­ne un­ge­bun­de­nen Hun­den Le­on­ti­cas. Wir be­geg­nen dem Bern­ha­di­ner-Bas­tard Fu­ria, den Hun­den des Milch­bau­ern, Sub­a­ru und Ford und dem Kläf­fer Bo­bi.

Al­le ha­ben ih­ren Platz in An­di­nas Al­pen­idyll und al­len steht, wenn es nach Fe­li­ce geht, das glei­che En­de be­vor. „Quan­do crepia­mo div­en­ti­am tut­ti del com­post­ag­gio, tut­ti ugua­le, che il san­gue è ros­so per tut­ti, ser­vi e pa­dro­ni, bel­li e brut­ti, creti­ni dot­to­ri con­ta­di­ni e pre­ti, tut­ti den­tro un bu­co, due me­tri sot­to ter­ra e amen, e ques­ta qui è una gran bel­la ve­ri­tà che è semp­re esis­t­i­ta e mai cam­bierà.“Wenn wir kre­pie­ren wer­den wir al­le zu Kom­post, al­le glei­cher­ma­ßen, das Blut ist bei al­len rot, bei Die­nern und Her­ren, Schö­nen und Häss­li­chen, Dumm­köp­fen, Ge­lehr­ten, Bau­ern und Pries­ter, al­le lan­den in ei­nem Loch, zwei Me­ter tief und Amen, das ist die schö­ne und ein­zi­ge Wahr­heit, so war es schon im­mer und dar­an wird sich nichts än­dern.

Mit der Kir­che hat Fe­li­ce nichts am Hut, nicht erst seit sei­nen Mo­na­ten in Mos­kau. Dort be­ob­ach­te­te er einst zwei Män­ner, die in der Mo­skwa ihr Mor­gen­bad nah­men. Wie die­ser fer­ne, lan­ge und ru­hi­ge Fluss, so sieht Fe­li­ce sein Le­ben im Al­ter. Wie der Er­zäh­ler bin ich ihm ger­ne ge­folgt und ha­be mich an der Ru­he, der Na­tur, aber auch an den hu­mor­vol­len Weis­hei­ten Fe­li­ces er­freut. An­ders als vie­le Al­te kennt er kein Frü­herwar­al­les­bes­ser. Im Ge­gen­teil, als sein Be­glei­ter ihn zu ei­nem Be­such Bel­lin­zo­nas ein­lädt, ant­wor­tet Fe­li­ce auf die Fra­ge, wie es frü­her dort war. „Era co­me ades­so. Una bot­te­ga pie­na die creti­ni che si fan mun­ge­re co­me dei mer­luz­zi.” – Es war wie jetzt. Ein La­den vol­ler Dumm­köp­fe, die sich wie die Dor­sche mel­ken las­sen.

An­di­nas Le­on­ti­ca hin­ge­gen wird durch die Bin­dung sei­ner Be­woh­ner an die Na­tur ein mys­ti­scher Ort der Be­sin­nung, des Träu­mens und der Sehn­sucht.

Fabio Andina, La pozza del Felice, 2018, Rubbettino Editore. Die deutsche Ausgabe „Tage mit Felice“ erschien 2020 in der Übersetzung von Karin Diemerling im Rotpunktverlag. Die Übersetzungen in der Rezension stammen von mir.

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht tot­schlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Ber­lin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ wei­ter­le­sen

Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odys­see selbst be­wegt sich durch die Zeit in der glei­chen ge­wun­de­nen Wei­se, wie sich Odys­seus durch den Raum be­wegt.“

Wie die bei­den zu­vor be­spro­che­nen Bü­cher han­delt es sich auch bei „Ei­ne Odys­see“ von Da­ni­el Men­delsohn um ein Va­ter­buch. „Mein Va­ter, ein Epos und ich“, so der Un­ter­ti­tel, wur­de je­doch nicht von mir ge­wählt, son­dern von un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis. Be­reut ha­be ich es nicht, was ich nicht von je­der un­se­rer Lek­tü­ren be­haup­ten kann. Nicht nur mir, auch den an­de­ren Teil­neh­mern, zu­min­dest den An­we­sen­den, hat Men­delsohns „Odys­see“ sehr gut ge­fal­len.

Vor­der­grün­dig er­zählt der Alt­phi­lo­lo­ge und Uni-Do­zent Da­ni­el Men­delsohn von ei­nem Odys­see-Se­mi­nar und dem Wunsch sei­nes Va­ters Jay dar­an teil­zu­neh­men. Im Lau­fe der Ge­schich­te wird das Se­mi­nar für Va­ter und Sohn zum An­lass und Ve­hi­kel über Ge­mein­sa­mes nach­zu­den­ken. Mit dem Epos als Schatz­kar­te gräbt Men­delsohn in der Ver­gan­gen­heit und bringt Ge­schich­ten zu Ta­ge, die er mit den Er­eig­nis­sen der Odys­see in Ver­bin­dung bringt.

Schon beim Auf­bau sei­nes Buchs dient ihm das Epos als Vor­bild. Wie in die­sem und an­de­ren Epen der An­ti­ke steht zu Be­ginn das Pro­ömi­um, wel­ches die wich­tigs­ten „Von Vä­tern und Söh­nen“ wei­ter­le­sen

Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Da­nie­la Kri­ens Ro­man „Die Lie­be im Ernst­fall“ in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis zum Vor­schlag kam, hat­te ich nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Der Ti­tel er­in­ner­te mich zwar an ei­nen ZDF-Fern­seh­film, die Plat­zie­rung des Ro­mans auf der SWR-Bes­ten­lis­te sprach je­doch ge­gen mei­ne Ein­schät­zung. Lei­der ha­ben sich die po­si­ti­ven Er­war­tun­gen nicht ein­ge­löst. An­ders als vie­le Kri­ti­ker in über­schwäng­li­chen Re­zen­sio­nen be­to­nen, ver­spü­re ich kei­ne Be­geis­te­rung. Auch mei­ne Mit­strei­te­rin­nen im Li­te­ra­tur­kreis füh­len sich durch Kri­ens Ro­man an die Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger er­in­nert.

Da­mals leg­ten die Ver­la­ge ei­ge­ne Rei­hen zur Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buch­hand­lun­gen mach­ten gan­ze Re­gal­me­ter frei. Dort stand dann Be­zie­hungs-Eman­zi­pa­ti­ons-Selbst­fin­dungs­pro­sa, wie Ju­dith Jann­bergs pro­gram­ma­ti­scher Ti­tel„Ich bin ich“, an den mich „Die Lie­be im Ernst­fall“ nun gut vier­zig Jah­re spä­ter er­in­nert. Man soll­te mei­nen, daß sich in der Zwi­schen­zeit die Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft ge­wan­delt hat.

In un­se­rer Dis­kus­si­ons­run­de blie­ben lei­der aus­ge­rech­net bei die­sem „Tod und Trä­nen in der Hän­ge­mat­te“ wei­ter­le­sen

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf sei­ne So­lar­arm­band­uhr zeig­te vier Uhr an und er be­merk­te ir­ri­tiert, dass der Bat­te­rie­stand ge­gen null ging. Er ver­säum­te be­wusst, der Be­triebs­an­lei­tung zu fol­gen und die Uhr im Frei­en im­mer über der Man­schet­te zu tra­gen, weil er es im­mer noch für un­wür­dig hielt, sei­ne Arm­band­uhr wie ein lä­cher­li­cher Son­nen­an­be­ter dem Licht ent­ge­gen­zu­dre­hen. In­dem er es ab­sicht­lich nicht tat, re­bel­lier­te er ins­ge­heim auch ge­gen al­le an­de­ren Vor­schrif­ten des „Spu­ren­lo­sen Le­bens“. Der Ka­ta­log an Din­gen, die zu tun oder zu las­sen wa­ren, wuchs in letz­ter Zeit wirk­lich über jeg­li­ches Maß hin­aus, fand Berg­heim. Es hat­te in sei­ner Ju­gend ganz harm­los mit der Ab­fall­tren­nung be­gon­nen, war aber spä­tes­tens seit der letz­ten Neue­rung, dem Ver­bot des Fleisch­ver­zehrs an al­len Wo­chen­ta­gen, die kein oder nur ein N in ih­rer Buch­sta­ben­fol­ge füh­ren, um so die Treib­haus­ga­se halb­wegs un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, end­gül­tig ins Al­ber­ne ge­drif­tet.“

Es ist ei­ne Öko-Dys­to­pie, die Eck­hart Ni­ckel in sei­nem Ro­man „Hys­te­ria“ ge­nuss­voll und mit Iro­nie ge­würzt ser­viert. Der 1966 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kunst­his­to­ri­ker, ver­öf­fent­lich­te vor die­sem Ro­man­de­büt als Jour­na­list u.a. in Tem­po, Süd­deut­scher Zei­tung und F.A.Z. so­wie in der von ihm und Chris­ti­an Kracht ge­grün­de­ten Li­te­ra­tur­zeit­schrift Der Freund. Ent­spre­chend weit ist der li­te­ra­ri­sche wie pop­kul­tu­rel­le Be­zugs­rah­men die­ses Ro­mans.

Doch man muss nicht zwangs­läu­fig E.T.A. Hoff­mann, Sig­mund Freud oder die vie­len an­de­ren li­te­ra­ri­schen Leucht­tür­me, die in „Hys­te­ria“ auf­tau­chen, ge­le­sen ha­ben. Man kann auch mit Mu­sik die Sphä­ren die­ser Zu­kunfts­welt durch­drin­gen, wahl­wei­se mit Kraft­werk oder Jean Mi­chel Jar­re. Oder ganz ein­fach den teu­ren Tee Pa­ri­ser Pro­ve­ni­enz mit dem an­spie­lungs­rei­chen Na­men schlür­fend über die Ab­wand­lung ei­nes Mu­sik­vi­de­os la­chen. Der Ro­man bie­tet viel­fäl­ti­ge Ent­de­ckun­gen, nicht nur die, daß mit den „Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit“ wei­ter­le­sen

Die Philluministin

Wioletta Greg beschreibt in „Unreife Früchte“ eine Kindheit in Polen voll Licht und Schatten

An je­nem Abend sa­ßen wir im Licht des Ofens wie vor­sint­flut­li­che, in Bern­stein ver­schlos­se­ne In­sek­ten (…) Aus dem Asche­kas­ten sprüh­ten Fun­ken und ver­schwan­den auf dem mar­mo­rier­ten Lin­ole­um wie Me­teo­ri­ten im dunk­len, un­durch­dring­li­chen Oze­an.“

Mit ih­rer Art, das Licht zu ma­len, re­vo­lu­tio­nier­ten die Im­pres­sio­nis­ten die Ma­le­rei und of­fen­bar­ten ei­nen be­son­de­ren Blick auf an­schei­nend all­täg­li­che An­bli­cke. In ähn­li­cher Wei­se nutzt Wio­let­ta Greg das Licht in ih­ren Er­in­ne­run­gen an ei­ne Ju­gend in der pol­ni­schen Pro­vinz. Es sind das Licht und sei­ne Er­zeu­ger, Son­ne, Feu­er und Elek­tri­zi­tät, mit de­nen sie die­ser ver­meint­li­chen Tris­tesse un­ge­ahn­ten Glanz ver­leiht.

Wio­let­ta Greg, 1974 in Ko­zieg­lo­wy ge­bo­ren, trägt ei­gent­lich den für Deut­sche na­he­zu un­aus­sprech­li­chen Na­men Grze­gor­zew­s­ka. In ih­rer Hei­mat ist sie durch ih­re poe­ti­schen Wer­ke be­kannt. Ne­ben die­sen hat sie drei Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht. Der vor­lie­gen­de, au­to­bio­gra­phisch ge­präg­te Ro­man „Un­rei­fe Früch­te“ wur­de 2017 für den Man Boo­ker In­ter­na­tio­nal no­mi­niert.

Al­ler­dings stellt sich die Fra­ge, ob es sich tat­säch­lich um ei­nen Ro­man han­delt. „Die Phil­lu­mi­nis­tin“ wei­ter­le­sen

Lügen machen schöne Beine

Ayelet Gundar-Goshen konstruiert ihren neuen Roman „Die Lügnerin“ nach dem Aschenputtelprinzip

Die Faust­schlä­ge be­ein­druck­ten we­der die bei­den Be­am­ten ihm ge­gen­über noch den Holz­tisch. Der hat­te in sei­nem Le­ben schon so vie­le Hie­be ein­ste­cken müs­sen, mal von den Ver­hör­ten, mal von den Ver­hö­ren­den, dass er seit Lan­gem je­de Hoff­nung auf Ret­tung ver­lo­ren hat­te. Sei­ne Brü­der vom Fließ­band stan­den in öf­fent­li­chen Bü­che­rei­en, bei der Post, ei­ner hat­te es so­gar ins Ein­woh­ner­mel­de­amt ge­schafft, aber die­ses Ex­em­plar hat­te Pech ge­habt und war im Po­li­zei­re­vier an der Haupt­stra­ße ge­lan­det.“

Die 1982 ge­bo­re­ne Is­rae­lin Aye­let Gundar-Gos­hen kennt als Psy­cho­lo­gin das mensch­li­che Ver­hal­ten und die Fall­stri­cke, in die es sich ge­le­gent­lich ver­fängt. Eben­so be­herrscht sie als Dreh­buch­au­torin die Kon­struk­ti­on ei­nes span­nen­den Plots. Be­wie­sen hat sie dies in ih­rem vor­letz­ten Ro­man „Lö­wen we­cken“, der was na­he liegt zur Zeit als TV-Se­rie pro­du­ziert wird. Die­se Kar­rie­re, wenn man es so be­zeich­nen möch­te, könn­te auch dem ak­tu­el­len Werk, Die Lüg­ne­rin“ , be­vor­ste­hen. Das Er­geb­nis wird je­doch bes­ten­falls in der All-Age-Ab­tei­lung zu fin­den sein. Al­ler­dings ist es nicht nur die ju­gend­li­che Haupt­fi­gur, die den Ro­man der gleich­alt­ri­gen Ziel­grup­pe zu­ord­net.

Die 17-jäh­ri­ge Nu­phar, ein von äu­ße­ren wie in­ne­ren Pro­ble­men ge­plag­ter Teen­ager, jobbt in den Fe­ri­en an der Eis­the­ke. Dort muss sie ei­nes Ta­ges nicht nur ih­re ehe­mals bes­te Freun­din und de­ren neue Cli­que der be­lieb­tes­ten Kids der Schu­le be­die­nen. Sie trifft nach die­ser De­mü­ti­gung zu­dem „Lü­gen ma­chen schö­ne Bei­ne“ wei­ter­le­sen

Schmaler Pfad in die Freiheit

James Baldwins autobiographischer Roman „Von dieser Welt“

Pre­di­ger sein hat noch kei­nen (…) von sei­nen Schwei­ne­rei­en ab­ge­hal­ten.“

Von Lie­be und Un­ter­drü­ckung han­delt der im Jahr 1953 er­schie­ne­ne und jetzt in ei­ner Neu­über­set­zung wie­der auf­ge­leg­te Ro­man „Von die­ser Welt“ des Ame­ri­ka­ners Ja­mes Bald­win. Sein The­ma ist die be­gin­nen­de Eman­zi­pa­ti­on ei­nes Her­an­wach­sen­den.

Der vier­zehn­jäh­ri­ge John lei­det un­ter Fremd­be­stim­mung und ei­nem Man­gel an Lie­be. Er weiß nicht, daß der Va­ter, Dia­kon ei­ner Bap­tis­ten­ge­mein­de, nicht sein leib­li­cher ist. Der streng­gläu­bi­ge Ga­bri­el nahm als er Eli­sa­beth hei­ra­te­te, de­ren „in Sün­de“ ge­zeug­ten Sohn als Süh­ne ei­ge­ner Ver­feh­lun­gen auf. Doch trotz sei­nes Ge­lüb­des, soll­ten ihm die vä­ter­li­chen Ge­füh­le nie ge­lin­gen. Fun­da­men­ta­lis­ti­sche Fröm­mig­keit so­wie de­ren Schat­ten­sei­te, die Schein­hei­lig­keit, sind die gro­ßen The­men die­ses Ro­mans, des­sen Hand­lungs­rah­men der Er­we­ckungs­got­tes­dienst ei­ner evan­ge­li­ka­len Bap­tis­ten­ge­mein­de in Har­lem bil­det.

Der in die­ser Glau­bens­ge­mein­schaft ge­fan­ge­ne John trägt au­to­bio­gra­phi­sche Zü­ge, zu de­nen sich der 1924 in New York ge­bo­re­ne und 1987 im süd­fran­zö­si­schen Saint-Paul ge­stor­be­ne Ja­mes Bald­win of­fen be­kann­te. Um den ras­sis­ti­schen Ver­hält­nis­sen sei­ner Hei­mat, ge­gen die er in der „Schma­ler Pfad in die Frei­heit“ wei­ter­le­sen

Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Al­le, die du liebst“ lau­tet der Ti­tel des im ver­gan­ge­nen Jahr er­schie­ne­nen Ro­mans von Ge­org M. Os­wald. Doch an­ders als er ver­mu­ten lässt, han­delt es sich um ein aus­ge­spro­che­nes „Män­ner­buch“. Aus die­sem Grund hat Mann es für un­se­ren Li­te­ra­tur­kreis ge­wählt. Der Ver­ant­wort­li­che fand sein Ge­schlecht in un­se­ren letz­ten Lek­tü­ren nur un­zu­rei­chend ver­tre­ten, auch wenn ein Blick auf un­se­re Le­se­lis­te die­se Aus­sa­ge nur be­dingt zu­lässt. Wem al­so Lüschers oder Es­pe­dals Hel­den zu ab­ge­ho­ben er­schei­nen, den er­war­tet laut Klap­pen­text in die­sem Ro­man ei­ne „poin­tier­te Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Va­ter und Sohn, die Ge­org M. Os­wald auf klu­ge und er­zäh­le­risch mit­rei­ßen­de Wei­se da­zu nutzt, wie durch ein Brenn­glas auf un­se­re west­eu­ro­päi­sche Be­find­lich­keit zu schau­en“.

Im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te steht der al­tern­de An­walt Hart­mut Wil­ke. Er ha­dert mit sei­nem Le­ben, sei­nen Ir­run­gen und Wir­run­gen. Da­zu zäh­len die Schei­dung von sei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe­frau, die er zu spät als sei­ne wah­re, gro­ße Lie­be er­kennt, die Ent­frem­dung von den in­zwi­schen er­wach­se­nen Kin­dern, sei­ne zu jun­ge Ge­lieb­te, de­ren An­sprü­chen er nicht zu ge­nü­gen fürch­tet, so­wie die Steu­er­af­fä­re sei­ner Kanz­lei.

Am drin­gends­ten drückt ihn die Di­stanz zu sei­nem Sohn. Seit des­sen Kind­heit war das Ver­hält­nis schwie­rig, seit der Tren­nung steht Erik end­gül­tig auf der Sei­te sei­ner Mut­ter. Wil­ke pla­gen Schuld­ge­füh­le, was sich üb­ri­gens als per­ma­nen­te Ge­fühls­la­ge durch den Ro­man zieht. So er­greift er Deut­sche Frau­en sind ein Pro­blem““ wei­ter­le­sen

Unsichtbar und unverzichtbar

Leïla Slimanis gesellschaftskritischer Roman „Dann schlaf auch du“ spielt mit dem Dilemma von Überforderung und Ausbeutung

Die Nan­ny ist wie die­se Sche­men, die im Thea­ter im Dun­keln das Büh­nen­bild um­bau­en. Sie he­ben ein So­fa an, ver­schie­ben ge­schwind ei­ne Säu­le aus Pap­pe, ein Stück Mau­er. Loui­se wirkt hin­ter den Ku­lis­sen, un­be­merkt und mäch­tig. Sie hat die un­sicht­ba­ren Fä­den in der Hand, oh­ne die der Zau­ber nicht funk­tio­niert. Sie ist Vish­nu, die näh­ren­de, ei­fer­süch­ti­ge und schüt­zen­de Gott­heit. Sie ist die Wöl­fin mit der Zit­ze, an der sie al­le trin­ken, die ver­läss­li­che Quel­le ih­res Fa­mi­li­en­glücks.“

Die Mo­ti­ve für Kinds­mord lie­gen meist im Wahn und der Ver­zweif­lung der Tä­te­rin. Nicht nur die Psy­che der Mut­ter oder wie hier der Nan­ny trägt zur Tat bei, son­dern oft auch die ge­sell­schaft­li­chen Um­stän­de. Leï­la Sli­ma­ni stellt in ih­rem neu­en Ro­man Dann schlaf auch du bei­des her­aus, zum Glück oh­ne al­le Fra­gen ein­deu­tig zu be­ant­wor­ten.

Zu Be­ginn ist die blu­ti­ge Tat be­reits voll­bracht. Ei­ne Frau ver­liert die Fas­sung vor den leb­lo­sen Kör­pern ih­rer bei­den Kin­der, die von ih­rem Kin­der­mäd­chen „Un­sicht­bar und un­ver­zicht­bar“ wei­ter­le­sen