Scrap

Calla Henkel legt mit „Ein letztes Geschenk“ einen Spannungsroman voll sarkastischer Gesellschaftskritik vor

»Ich ma­che kei­ne Kunst, son­dern Kunst­hand­werk.« Nao­mi leg­te den Kopf schräg. »Was ist der Un­ter­schied?« »Bei Letz­te­rem geht es um den Her­stel­lungs­pro­zess und den spä­te­ren Nut­zen, bei Ers­te­rem um den Markt­wert und ums Ego.« Ich hielt in­ne und sah mich im Re­stau­rant um. »Beim Kunst­hand­werk gibt es kein Ego – je­der kann es er­ler­nen und dar­in zum Meis­ter wer­den. Kunst be­ruht auf der Iso­lie­rung ei­nes Ge­nies, wo­hin­ge­gen Kunst­hand­werk … in­te­ger ist.« Nao­mi schob ih­re Un­ter­lip­pe vor. »Sie hal­ten das al­les hier al­so für Schwach­sinn?« Ich nickte.“

Der Plot von „Ein letz­tes Ge­schenk“, dem zwei­ten Ro­man der ame­ri­ka­ni­schen Au­torin Cal­la Hen­kel, soll nur knapp er­zählt wer­den, da er dem Gen­re der Span­nungs­li­te­ra­tur an­ge­hört. Es­ther, ei­ne be­gab­te Por­trät­künst­le­rin, die aus Frust am Be­trieb in den Wäl­dern North Ca­ro­li­nas hand­ge­bun­de­ne Bü­cher an­fer­tigt, er­hält von ei­ner New Yor­ke­rin Mil­li­ar­dä­rin den Auf­trag zur Her­stel­lung von Scrap­books. Aus den von Nao­mi über Jah­re ge­sam­mel­ten Fo­tos und Do­ku­men­ten sol­len Er­in­ne­rungs­al­ben ent­ste­hen, mit de­nen sie ih­ren Ehe­mann über­ra­schen möch­te. Zu­nächst lehnt Es­ther ab, doch die Um­stän­de zwin­gen sie, den lu­kra­ti­ven Job an­zu­neh­men. Als ih­re Auf­trag­ge­be­rin ver­schwin­det, macht sie sich, ganz im Sin­ne der von ihr ge­lieb­ten True-Crime-Pod­casts, auf ei­ne ge­fähr­li­che Spurensuche.

Was soll mich an ei­nem Ro­man rei­zen, in dem ei­ne zur Buch­bin­de­rin de­gra­dier­te Su­per­künst­le­rin für ei­ne Su­per­rei­che Scrap­books ge­stal­tet? Manch­mal ist die Ant­wort ganz ein­fach, der Co­ver-Blurb und das Wet­ter. Zwar bin ich für Span­nungs­ro­ma­ne eher nicht emp­fäng­lich, für schwar­zen Hu­mor je­doch um­so mehr. Der eig­net sich ganz fa­bel­haft ge­gen ta­ge­lan­gen Re­gen, sub­tro­pi­sche Feuch­tig­keit so­wie an­de­re äu­ße­re wie in­ner­li­che Un­päss­lich­kei­ten. Zu­dem, so war ich ge­wiss, wird von die­sem Ver­lag so man­ches, aber kein schlech­ter Ro­man kommen.

Zu­ge­ge­ben, auf den ers­ten Sei­ten frem­del­te ich ein we­nig, aber dann war ich drin in der höchst­mög­li­chen Ab­ge­lenkt­heit. Man kennt sol­che Zu­stän­de aus dem Bin­ge Wat­ching von Se­ri­en. Ein Ver­gleich, der mir nicht von un­ge­fähr in den Sinn kommt, dar­an er­in­nern nicht nur die un­vor­her­ge­se­he­nen Wen­dun­gen, die das Ge­sche­hen um­len­ken, aber ra­sant wei­ter­trei­ben. Auch das Set­ting äh­nelt dem ei­ner Se­rie wie Re­ven­ge.

Ne­ben dem Block­haus in den Wäl­dern mit Selbst­ge­töp­fer­tem, gibt es Häu­ser in den Hamp­tons mit Kunst und ed­lem In­te­ri­eur. Dort wer­den ab­ge­se­hen von ei­ner eher ge­rin­ge­ren Do­sis Sex&Crime vor­al­lem Ver­lus­te auf­ge­ar­bei­tet und Be­zie­hun­gen durch­leuch­tet. Be­son­ders die zwi­schen El­tern und Kin­dern, wo­bei Müt­ter und Töch­ter ein­deu­tig im Vor­der­grund ste­hen. Das gilt für al­le Frau­en­fi­gu­ren des Ro­mans, was nicht nur dar­an liegt, daß Es­ther, die Ich-Er­zäh­le­rin, Frau­en liebt. In Rück­bli­cken er­zählt die­se ver­letz­te wie stark ver­letz­li­che Fi­gur von ih­rem Vor­le­ben als be­gab­te Ma­le­rin im Schat­ten ei­nes hoch­do­tier­ten Künst­lers wie von ih­rer Kind­heit mit ei­ner pro­ble­ma­ti­schen Mutter.

Da­bei fällt ei­ne ge­wis­se Di­stanz auf, mit de­nen sie ih­re Er­in­ne­run­gen for­mu­liert. Ein Selbst­schutz, der sich oft ge­nug in Sar­kas­mus klei­det, nicht zu­letzt zum Ver­gnü­gen der Le­se­rin. Mit die­sem Hu­mor feit Hen­kel ih­re Hel­din vor dem Le­ben und der Lie­be, de­nen sie fort­an oh­ne Il­lu­si­on und Idea­li­sie­rung ent­ge­gen­sieht. Sei­ten­hie­be auf die ver­schie­de­nen Mi­lieus, in de­nen Es­ther sich um­treibt, nicht aus­ge­schlos­sen. Die Su­per­rei­chen, ver­kör­pert durch Nao­mi und ihr Ge­fol­ge, ent­larvt sie in ih­rem ver­meint­li­chen Äs­the­ti­zis­mus. „Un­se­re Woh­nung hat schwar­zen Par­kett­bo­den und wei­ße Wän­de, kei­ne Kunst, kei­ne Fo­tos, gar nichts. Größ­ten­teils be­geis­tert mich das. Wir sind zwar kei­ne Amish, aber wir mö­gen es clean. Er be­trach­tet un­ser Zu­hau­se als äs­the­ti­sche Oa­se, aber wir wit­zeln manch­mal, dass sein Pu­ris­mus schon an Fa­schis­mus grenzt.“ An­de­rer­seits be­för­dern sie aus Sta­tus-Grün­den ei­ne „hy­per­ka­pi­ta­lis­ti­sche Kunst­welt“, in der der Künst­ler die Selbst­ge­fäl­lig­keit sei­ner Kun­den be­dient und sein Werk pro­sti­tu­iert. „Ich war wie­der die Hof­när­rin, die auf das Wohl­wol­len der Rei­chen an­ge­wie­sen war, und das, ob­wohl ich mir nach un­zäh­li­gen Por­trät­ge­mäl­den im Auf­trag von Mi­cha­el Va­len­ti­ne ge­schwo­ren hat­te, mich nie wie­der ver­trag­lich an ir­gend­wel­che wohl­ha­ben­den Mä­ze­ne zu binden.“

Da­ne­ben be­geg­nen wir al­ter­na­ti­ven Kunst­hand­wer­ke­rin­nen, die sich na­tur­nah selbst­ver­wirk­li­chen, was sie nicht da­von ab­hält, sich bei In­sta­gram zu ver­mark­ten. „An die­sem Berg­hang gab es kei­ne quee­ren Frau­en, aber in As­he­ville wim­mel­te es von Les­ben. Der in­of­fi­zi­el­le Wer­be­slo­gan der Stadt, der wäh­rend ei­nes In­di­go-Girls-Kon­zerts in den Neun­zi­gern ent­stan­den war, lau­te­te: Zehn­tau­send Les­ben kön­nen nicht falsch lie­gen. Und na­tür­lich brau­ten sich al­le die­se Frau­en Kom­bu­cha-Tee, aßen von selbst­ge­töp­fer­tem Ge­schirr, glaub­ten an As­tro­lo­gie und »wan­der­ten gern«.“

Es­ther ist selbst ein Teil die­ser quee­ren Sze­ne in den Blue Ridge Moun­ta­ins, die dort ih­re „les­bi­sche Cot­ta­ge­co­re-Fan­ta­sie“ su­chen, ve­gan und mit Craft­beer ver­steht sich. Dort­hin scheint sich ihr neu­er Nach­bar ver­irrt zu ha­ben, mit dem Hen­kel ein wei­te­res pro­ble­ma­ti­sches Ka­pi­tel der Ge­sell­schaft öffnet.

Durch die­se un­ter­schied­li­chen Krei­se be­wegt sich Es­ther auf der Su­che nach Nao­mi, da­bei fällt ihr de­ren Lieb­lings­buch in die Hän­de, das wie ei­ne Vor­la­ge von Nao­mis Han­deln wirkt, aber auch Be­zü­ge zum vor­lie­gen­den Ro­man auf­weist. „Schließ­lich zog ich Nao­mis Lieb­lings­buch her­vor, Go­ne Girl von Gil­li­an Flynn. Ich hat­te seit dem Col­lege, wo Fran­ken­stein von Ma­ry Shel­ley Pflicht­lek­tü­re ge­we­sen war, kei­ne Er­zähl­li­te­ra­tur mehr ge­le­sen. In mei­nen Au­gen war Fik­ti­on ma­ni­pu­la­tiv und steck­te vol­ler Über­trei­bun­gen. (…) Was mich an dem Ro­man am meis­ten fas­zi­nier­te, war, dass die Hand­lung wie ein Vi­deo­spiel an­ge­legt war, wie ei­ne atem­lo­se Schnitzeljagd.“

Zwi­schen Kunst, Ka­pi­tal und Selbst­su­che ent­wi­ckelt Cal­la Hen­kel Fi­gu­ren, die ih­re Ver­let­zun­gen auf ver­schie­de­ne Wei­se zu kom­pen­sie­ren su­chen. Die­se Ver­stri­ckun­gen be­rei­chert sie auf äu­ßerst span­nen­de Wei­se mit ei­nem Rät­sel, des­sen Lö­sung die Le­se­rin sehr ger­ne folgte.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel „Scrap“, der in sei­ner Mehr­deu­tig­keit kaum über­setz­bar ist. Hät­te man ihn doch über­nom­men. Den deut­schen Ti­tel fin­de ich eben­so wie das Co­ver we­nig pas­send. Doch das nur am Rande.

Calla Henkel, Ein letztes Geschenk, übers. v. Verena Kilchling, Kein&Aber 2024

Ein alter Alutopf und eine riesige, rote Couch

In ihren Romanen „Mama Odessa“ und „Baumgartner“ erschaffen Maxim Biller und Paul Auster vielfältige Wege zur Erinnerung und zeigen einige Gemeinsamkeiten

An­na war an sei­ner Sei­te, auf der gan­zen Rei­se gin­gen sie ne­ben­ein­an­der­her, spra­chen mit­ein­an­der, hör­ten ein­an­der zu, wäh­rend sie durch die Räu­me und schwach be­leuch­te­ten Kor­ri­do­re des Pa­lasts der Er­in­ne­rung zo­gen und Hun­der­te gro­ße und klei­ne Din­ge auf­such­ten, die sie in die­sen vier­zig Jah­ren er­lebt hat­ten. Selbst­ver­ständ­lich war sie nicht in Fleisch und Blut bei ihm, aber als er zum ers­ten Mal nach weiß Gott wie lan­ger Zeit ih­re Brie­fe und Ma­nu­skrip­te las, fand er im­mer­hin ih­re Stim­me wie­der, und als er sich in die zahl­lo­sen Fo­tos ver­tief­te, die er und an­de­re Zeit ih­res Le­bens von ihr ge­macht hat­ten, fand er auch ih­ren Kör­per wie­der.“ (Paul Aus­ter, Baumgartner)

„Ich stand jetzt, fast fünf­zig Jah­re spä­ter, vor den bei­den Bil­dern im al­ten Ar­beits­zim­mer mei­ner Mut­ter in der Bie­ber­stra­ße und sah sie mi­nu­ten­lang an. Da­bei ver­such­te ich, mich an mei­ne rus­si­sche Kind­heit zu er­in­nern, oder we­nigs­tens an ein paar Mo­men­te, Ge­rü­che, Bli­cke. Aber da war nichts, gar nichts. Mei­ne Er­in­ne­run­gen be­stan­den fast nur aus al­ten Fo­tos und den Bil­dern, die mein Groß­va­ter nach ih­nen ge­malt hat­te. War ich nicht, dach­te ich plötz­lich, manch­mal bei ihm im Ate­lier in der Mol­do­wan­ka ge­we­sen? Ja, rich­tig. Das Ate­lier war im Erd­ge­schoss, hin­ten, am En­de des Hofs, (…) War­um hat­te ich das ver­ges­sen? War­um er­in­ner­te ich mich plötz­lich dar­an?“ (Ma­xim Bil­ler, Ma­ma Odessa)

Manch­mal, es mag Zu­fall sein, of­fen­ba­ren zwei Ro­ma­ne, die ich oh­ne be­stimm­te Ab­sicht nach­ein­an­der ge­le­sen ha­be, star­ke Ge­mein­sam­kei­ten, die mich ein­fach nicht mehr los­las­sen und zum Wei­ter­den­ken an­re­gen. So er­ging es mir auch mit den neu­en Ro­ma­nen von Ma­xim Bil­ler und Paul Aus­ter, „Ma­ma Odes­sa“ und „Baum­gart­ner“.

Die stärks­te Ge­mein­sam­keit liegt dar­in, wie in den bei­den Wer­ken „Ein al­ter Alutopf und ei­ne rie­si­ge, ro­te Couch“ weiterlesen

Besessene Sinnsuche

Thomas Glavinic schildert in Das grössere Wunder innere und äussere Extremwelten

DBLWas für ein Ge­fühl, dach­te Jo­nas wäh­rend des Falls. Was für ein Rau­schen, was für ein Ge­ruch, was für ein Leuch­ten, was für ei­ne Kraft, welch Wild­heit, was für ei­ne Prä­zi­si­on, was für ei­ne Er­schüt­te­rung, was für ein Pri­ckeln, was für ei­ne Über­ra­schung, was für ei­ne Mu­sik, was für ein Wind, welch Stolz, wie schön, was für ei­ne Leich­tig­keit, was für ein Wahn­sinn, was für ein Him­mel, was für ei­ne Zeit, was für ei­ne Er­fah­rung, was für ein Le­ben. Und er fiel und fiel und fiel. Und er fiel noch im­mer. Und fiel.“ S. 203

Stel­len Sie sich letz­te Fra­gen und in­ter­es­sie­ren Sie sich für Ex­trem­si­tua­tio­nen, dann le­sen Sie Das grö­ße­re Wun­der, den neu­en Ro­man von Tho­mas Gla­vi­nic. Wie be­reits in Die Ar­beit der Nacht und Das Le­ben der Wün­sche trägt die Haut­pfi­gur den Na­men Jo­nas und denkt über den Sinn sei­ner Exis­tenz nach. Dies­mal be­fin­det er sich auf ei­ner Ex­pe­di­ti­on zum Mount Everest.

Glavinic_24332_MR1.inddWer, wie ich, bei ei­ner Acht­tau­sen­der­be­zwin­gung an Rein­hold Mess­ner oder gar an die gams­bär­ti­ge Berg­stei­ger­ro­man­tik ei­nes Lou­is Tren­ker denkt, sieht der Aus­sicht ei­ne sol­che Un­ter­neh­mung gut 500 Sei­ten lang zu be­glei­ten eher skep­tisch ent­ge­gen. Doch er wird po­si­tiv über­rascht wer­den, denn ihn er­war­tet ei­ne span­nen­de Mix­tur aus Gip­fel­stür­me­rei und Ma­fia­ge­ba­ren, Co­ming-of-Age-Sto­ry und Phi­lo­so­phie. Die­se ver­ab­reicht Gla­vi­nic sei­nem Le­ser in zwei von Ka­pi­tel zu Ka­pi­tel wech­seln­den Er­zähl­strän­gen, Jo­nas’ Be­stei­gung des Ever­est-Gip­fels und sein bis­he­ri­ges Le­ben, das sei­ne zu­nächst schlim­me Kind­heit, sei­nen Ein­zug ins Schla­raf­fen­land und sein Er­wach­sen­wer­den umfasst.

Bei­de Er­zäh­lun­gen sind von zahl­rei­chen glück­li­chen Zu­fäl­len, man mag sie auch Wun­der nen­nen, ge­prägt. Hoff­nungs­los er­scheint das Le­ben der ver­nach­läs­sig­ten Zwil­lings­brü­der Jo­nas und Mi­ke bei ih­rer al­ko­hol­kran­ken Mut­ter und de­ren ge­walt­tä­ti­gen Män­nern, als ei­ne gu­te Fee sie aus die­ser Si­tua­ti­on ret­tet. Pic­co ist der Groß­va­ter von Jo­nas” bes­tem Freund Wer­ner, eher ei­nem Ma­fia­pa­ten „Be­ses­se­ne Sinn­su­che“ weiterlesen

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­r­erin­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fragen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehnte.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008

Survival of the Fittest?

Von verödeten Biotopen und vereinsamten Frauen — Judith Schalansky in „Der Hals der Giraffe

Gar kei­ne Staats­form wä­re das Al­ler­bes­te. Es wür­de sich al­les schon von al­lei­ne organisieren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin In­ge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ih­re Um­ge­bung mit ei­nem durch Dar­win ge­schul­ten Blick. Sie ist die for­schen­de Be­ob­ach­te­rin, ihr be­vor­zug­tes Are­al das Bio­top Schu­le. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch We­ni­ge, die kaum Nach­wuchs er­zeu­gen, woh­nen dort. Die Schu­le schrumpft und wird dem­nächst schließen.

Wie in ei­nem al­ten Na­tur­kun­de­buch hat Ju­dith Schal­an­sky ih­ren Ro­man ge­stal­tet. Die Ka­pi­tel Na­tur­haus­hal­te, Ver­er­bungs­vor­gän­ge und Ent­wick­lungs­leh­re, wer­den durch Ko­lum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Da­zwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Au­torin, die Sche­ma­ta, Tie­re und viel Bio­lo­gie zeigen.

All’ das er­in­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Ty­pen von Schü­lern und Leh­rern die Schal­an­sky via Loh­mark so ge­nüss­lich se­ziert als lä­gen sie auf den Plätt­chen ei­nes Mi­kro­skops, sind nicht un­ver­traut. Man ge­nießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Er­leich­te­rung die­se Pha­se sei­nes Le­bens nun end­gül­tig hin­ter sich zu ha­ben. Doch wir be­fin­den uns nicht in ei­ner Schul­sa­ti­re. Im­mer stär­ker of­fen­bart In­ge Loh­mark ih­re Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zy­nis­mus ist nur ein Mit­tel zur Di­stanz. Sie will Ab­stand schaf­fen, Ab­stand zu den Men­schen, vor al­lem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ih­ren Re­flek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ih­rer Toch­ter Clau­dia. Die­se lebt in Ame­ri­ka und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ih­rer Hoch­zeit er­fährt In­ge Loh­mark nur auf die­se un­per­sön­li­che Wei­se. Sie lei­det un­ter dem Ver­lust ih­rer Toch­ter und kann die Ur­sa­che kaum er­ken­nen. Liegt es an ih­rem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strau­ße, die düm­mer als Schü­ler sind, war je­doch einst auch ab­ge­hau­en, ei­ne Frau und Kin­der zu­rück­las­send. Oder liegt es an ih­rem ei­ge­nen Re­pro­duk­ti­ons­geiz? Hät­te sie mehr Kin­der be­kom­men, wä­re ihr viel­leicht ei­nes geblieben.

In­ge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ih­rer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­ne­ke. Die­se be­klagt ih­re Kin­der­lo­sig­keit oh­ne zu ah­nen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ih­re Trau­er teilt. Die ei­ne kann kei­ne Kin­der be­kom­men, die an­de­re hat zwei ver­lo­ren, ein ge­bo­re­nes und ein un­ge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt kei­ne Ge­füh­le zu. We­der die po­si­ti­ven, wenn sie zu ei­ner Schü­le­rin ei­ne be­son­de­re Zu­nei­gung ver­spürt, noch die ne­ga­ti­ven, wenn sie ge­gen das Mob­bing ei­nes Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräf­te der Natur.

Dass auch die Na­tur, ins­be­son­de­re ih­re ent­wi­ckel­te Form der Le­be­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sor­ge hat, er­kennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Er­in­ne­rung an ein längst zu­rück­lie­gen­des Ereignis.

Ju­dith Schal­an­sky schil­dert in ih­rem Ro­man sehr ein­fühl­sam, was die Un­fä­hig­keit Ge­füh­le zu zei­gen an­rich­ten kann, mit dem an­de­ren und mit ei­nem selbst. Auch die Psy­che un­ter­liegt dem Kreis­lauf der Natur.

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Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen El­tern sei auf das Buch und die Web­site von An­ge­li­ka Kindt verwiesen.