Erlebtes erfunden

Matthias Brandt erzählt in „Raumpatrouille“ von seiner Kanzlerkind-Kindheit

brandt-raumpatrouille-lowres-b8ce18d8d4687ff6b5eb1cada6eb4febAl­les, was ich er­zäh­le, ist er­fun­den. Ei­ni­ges da­von ha­be ich er­lebt, man­ches von dem, was ich er­lebt ha­be, hat statt­ge­fun­den.“

Wer soll die Ge­schich­ten le­sen, die in Mat­thi­as Brandts „Raum­pa­trouil­le“ ver­sam­melt sind? Al­le, die den Au­tor als Schau­spie­ler schät­zen? Le­ser von Bio­gra­phien, ge­schrie­ben von Schau­spie­lern — man den­ke an Mey­er­hoff — oder von Nach­kom­men der Po­li­tik­pro­mi­nenz? Oder die Al­ters­ge­nos­sen des Au­tors, die, so der Klap­pen­text, „li­te­ra­ri­sche Rei­sen in ei­nen Kos­mos, den je­der kennt, den Kos­mos der ei­ge­nen Kind­heit (…) in den Sieb­zi­ger­jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts“ un­ter­neh­men kön­nen?

Schnell wird klar, daß in die­sen 178 Sei­ten mehr steckt. Brandt mischt nicht nur Au­to­bio­gra­phi­sches mit Sym­bo­len der Sieb­zi­ger. Er wid­met die­se vier­zehn Ge­schich­ten der Phan­ta­sie, der des da­ma­li­gen Jun­gen und der des jet­zi­gen Schrift­stel­lers Mat­thi­as Brandt. Schließ­lich kennt Er­in­ne­rung kei­ne Au­then­ti­zi­tät.

Sein Va­ter, Wil­ly Brandt, Bun­des­kanz­ler von 1969 bis 1974 war ein viel­be­schäf­tig­ter, „Er­leb­tes er­fun­den“ wei­ter­le­sen

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­rer­in­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fra­gen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehn­te.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008

Wenn der Vater mit dem Sohne

Eine gelungene Moselreise des jungen Hanns-Josef Ortheil

Wä­re es be­reits Früh­ling, wür­de ich am liebs­ten so­fort zu ei­ner klei­nen Mo­sel­wan­de­rung auf­bre­chen. Es wä­re ei­ne Nost­al­gie­fahrt, denn in Trier auf­ge­wach­sen und in ei­nem Mo­sel­städt­chen ge­bo­ren ver­brach­te ich vie­le Jah­re zwi­schen Rö­mern, Wein­ber­gen und Bur­gen.

Im vor­lie­gen­den Buch mit dem schnör­kel­lo­sen Ti­tel „Die Mo­sel­rei­se“ han­delt es sich um ein Rei­se­ta­ge­buch, wel­ches der jun­ge Hanns-Jo­sef Ortheil im Jahr 1963 ver­fasst hat. Der Text ent­stand aus Be­schrei­bun­gen, Auf­zeich­nun­gen und Ge­sprächs­no­ti­zen, die der Elf­jäh­ri­gen am En­de der Rei­se zu­sam­men­füg­te. Ortheil be­schreibt die Ge­ne­se des Tex­tes, der auch als Er­gän­zung sei­nes au­to­bio­gra­phi­schen Ro­mans „Die Er­fin­dung des Le­bens“ ge­le­sen wer­den kann, aus­führ­lich im Vor- und Nach­wort.

Die Rei­se be­ginnt mit ei­ner Bahn­fahrt nach Ko­blenz. Sei­ne ver­trau­te Hei­mat­stadt Köln mit dem präch­ti­gen Dom und der ge­lieb­ten Mut­ter lässt der Jun­ge zu­rück und tauscht sie ge­gen „Wenn der Va­ter mit dem Soh­ne“ wei­ter­le­sen

Vatersorgen

Vermurkste Winterreise in Thomas Hettches Roman „Die Liebe der Väter

Ein Va­ter reist mit sei­ner Toch­ter nach Sylt, um die Win­ter­fe­ri­en im an­ge­mie­te­ten Reet­dach­do­mi­zil von Be­kann­ten zu ver­brin­gen. Das dor­ti­ge Kli­ma ist zu die­ser Jah­res­zeit rauh und un­ge­müt­lich und lässt die ent­ste­hen­de At­mo­sphä­re in der be­son­de­ren Fa­mi­li­en­kon­stel­la­ti­on zwi­schen dem un­ver­hei­ra­te­ten Va­ter und sei­ner zwi­schen den sich nicht lie­ben­den El­tern zer­rie­be­nen Toch­ter be­reits er­ah­nen. Zu­dem spielt die Hand­lung aus­ge­rech­net an den Ta­gen, de­ren Näch­te eben­falls die­ses un­heil­ver­hei­ßen­de Prä­fix tra­gen.

Die drei­zehn­jäh­ri­ge An­ni­ka und Pe­ter ver­le­ben die­se dem All­tag ab­ge­run­ge­ne ge­mein­sa­me Zeit als Zaun­gäs­te in ei­ner Bil­der­buch­fa­mi­lie aus Va­ter, Mut­ter, Toch­ter, Sohn und BMW. Zwi­schen Su­san­ne, der Ehe­frau des Or­tho­pä­den Achim, und Pe­ter be­stand einst ei­ne Schü­ler­lie­be, die sich „Va­ter­sor­gen“ wei­ter­le­sen

Literaturkreis 9/2010 — Plädoyer für Toleranz

Rassismus als Reaktion in „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Die­ses Buch in sei­nem ver­blass­ten blau­en Ein­band steht schon seit Jahr­zehn­ten im Buch­re­gal mei­ner El­tern. Über die Zeit sind sei­ne Sei­ten fle­ckig ge­wor­den, sein In­halt, der für Frei­heit, To­le­ranz und Ge­rech­tig­keit steht, scheint je­doch an­ge­sichts ak­tu­el­ler po­pu­lis­ti­scher Pa­ro­len le­sens­wer­ter denn je.

Die Ge­schich­te of­fen­bart zu­nächst ei­ne be­zau­bern­de Er­in­ne­rung an ein Kind­heits­idyll in May­comb, ei­nem klei­nen Ort in Ala­ba­ma. Dort le­ben zu Be­ginn der 30er Jah­re die Er­zäh­le­rin, die neun­jäh­ri­ge Scout, und ihr äl­te­rer Bru­der Jem. Mut­ter­los wer­den sie von ih­rem be­nei­dens­wert lie­be­vol­len und to­le­ran­ten Va­ter, dem Rechts­an­walt At­ti­cus Fink (im Ori­gi­nal Finch), zu Mit­mensch­lich­keit und Auf­ge­schlos­sen­heit er­zo­gen. Sie spie­len um­sorgt von der schwar­zen Haus­häl­te­rin und der Nach­bar­schaft mit „Li­te­ra­tur­kreis 9/2010 — Plä­doy­er für To­le­ranz“ wei­ter­le­sen

Dichtung und Wahrheit

Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

In Die Er­fin­dung des Le­bens er­zählt Ortheil die Ent­wick­lungs­ge­schich­te ei­nes Künst­lers, vom wort­los auf­ge­wach­se­nen Kind über das Wer­den ei­nes Pia­nis­ten bis hin zu sei­nen schrift­stel­le­ri­schen An­fän­gen. In die­sen Hand­lungs­strang fü­gen sich Pas­sa­gen ein, die das Le­ben des ge­al­ter­ten Er­zäh­lers in Rom und sei­ne Ar­beit an die­sem Buch schil­dern.

Trotz des ho­hen An­teils von Selbst­er­leb­tem wird die Ro­man­haf­tig­keit die­ses Bu­ches nicht nur durch sei­ne Gen­re­bezeich­nung, son­dern vor al­lem durch den Ti­tel sug­ge­riert. Auf Le­sun­gen, ich hat­te das Ver­gnü­gen sei­ne Buch­vor­stel­lung auf der letzt­jäh­ri­gen Karls­ru­her Bü­cher­schau mit zu er­le­ben, und in In­ter­views of­fen­bart Ortheil je­doch die ho­he Au­then­ti­zi­tät des Dar­ge­stell­ten.

Von den Sta­tio­nen sei­ner Bio­gra­phie, die der Le­ser chro­no­lo­gisch mit­er­lebt, be­ein­druck­ten mich die ers­ten Ka­pi­tel am stärks­ten. Zu Be­ginn steht die Mut­ter-Kind-Sym­bio­se zwi­schen der „Dich­tung und Wahr­heit“ wei­ter­le­sen

Literaturkreis 6/2010 — Heldejaads hellije Böcher

Schöne Wörter, schöne Sätze” — Das verborgene Wort von Ulla Hahn

Wie es ist die Lie­be zur Spra­che in ei­nem bil­dungs­fer­nen El­tern­haus zu fin­den und durch­zu­set­zen und sich in den fünf­zi­ger Jah­ren von Ar­bei­ter­mi­lieu und ka­tho­li­schem Pro­vin­zia­lis­mus zu eman­zi­pie­ren, zeigt Ul­la Hahn ein­drucks­voll in ih­rem Ro­man Das ver­bor­ge­ne Wort. In die­sem ers­ten Teil ei­ner Tri­lo­gie, er­le­ben wir die be­we­gend emo­tio­na­le Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Hil­de­gard Palm, dem wort- und satz­be­geis­ter­ten Mäd­chen, das in frü­her Kind­heit durch die Phan­ta­sie des Groß­va­ters die trös­ten­de Kraft von Buch- und Wut­stei­nen ent­deckt. In der ge­gen den Wil­len der El­tern durch­ge­setz­ten Re­al­schu­le lernt Hil­de­gard die Li­te­ra­tur der Klas­si­ker lie­ben. In de­ren Spra­che fin­det sie oft neue Hoff­nung nach den Schlä­gen des Va­ters. Die Pas­sa­gen im rhei­ni­schen Dia­lekt, der von Fa­mi­lie und Nach­barn, aber im­mer we­ni­ger von „Li­te­ra­tur­kreis 6/2010 — Hel­de­jaads hel­li­je Bö­cher“ wei­ter­le­sen