Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst au­gen­blick­lich ein. Spürst un­ter dir die trä­ge Last der me­ter­di­cken Torf­schwäm­me, den schwe­ren, fet­ten Leib, der dich um­armt. Ich schlie­ße dich ein, in Was­ser, in Er­de oder ein Ge­men­ge aus bei­dem: feuch­te Kru­me, zä­her Wur­zel­filz, ver­zweig­te Adern über halb­ver­rot­te­ten Äs­ten wie Kno­chen, dar­un­ter das Herz der Tie­fe, brei­ig, kalt pul­sie­rend, noch vor zwei­hun­dert Jah­ren fürch­te­ten mich die Fenn­dor­fer als schwar­zes, schlei­mi­ges Tier, das un­ter den Häu­sern lebt und ih­re Kin­der ver­schlingt.“

Mit dem Moor ver­bin­den wir Ge­heim­nis und Ge­fahr. Die Ge­dan­ken an Moor­lei­chen, Zeu­gen längst ver­gan­ge­ner Ri­tua­le, ma­chen ei­ne Wan­de­rung über den Knüp­pel­damm zu ei­nem un­heim­li­chen Aben­teu­er. Was, wenn man vom Weg ab­kommt und ver­sinkt? Muss man ver­mo­dern, wenn man sich nicht am ei­ge­nen Schopf wie­der her­aus zie­hen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Un­heim­li­ches, es bie­tet Schutz, be­son­ders den Le­be­we­sen, die in der Zi­vi­li­sa­ti­on kei­nen Platz fin­den.

In die­sem Bio­top le­ben die Li­bel­len, die Be­glei­ter Di­ons, des 13-jäh­ri­gen stot­tern­den Prot­ago­nis­ten in Gun­ther Gel­tin­gers neu­em Ro­man Moor. Das Moor ist nicht nur Di­ons Hei­mat, es ist „Me­ta­mor­pho­sen im Moor“ wei­ter­le­sen

Sex an Drugs and Boring School

Nachts werden wir erwachsen – Ben Brooks neuer Roman über die Bewältigungsstrategien der heutigen Jugend

Ich hö­re, dass Die Ant­woord im Wohn­zim­mer läuft. Die Ant­woord ist Rap aus Süd­afri­ka. Sie sa­gen Sa­chen wie „next-le­vel shit“. In der Be­rufs­be­ra­tung woll­te ich das in mei­nem „Er­war­tun­gen für die Zukunft“-Fragebogen schrei­ben. Tena­ya sag­te, wenn ich das tä­te, wür­de die Be­rufs­be­ra­te­rin den­ken, ich hät­te LSD ge­nom­men, und Mum an­ru­fen. Ich nick­te und schrieb statt­des­sen „Mo­de­ra­tor beim Kin­der­fern­sehn“.

Ist dies nun die bri­ti­sche Ant­wort auf „ Ax­olo­tl Road­kill“, oder bes­ser auf „Stro­bo“, oder soll­te man den vier­ten Ro­man des 19-jäh­ri­gen Bri­ten Ben Brooks als Nach­fol­ger von „Der Fän­ger im Rog­gen“ be­trach­ten? Auf Houl­den Caul­field be­zieht sich der Er­zäh­ler Jasper selbst am En­de des Ro­mans. Doch zu­nächst schil­dert er Ta­ge und vor al­lem Näch­te, „Sex an Drugs and Bo­ring School“ wei­ter­le­sen

Pickel, Priester, Partydrogen

Skippy stirbt, eine Internats- und Gesellschaftskritik von Paul Murray


Zu die­sem Buch, wel­ches der Kunst­mann-Ver­lag in ei­ner bi­blio­gra­phisch auf­wen­dig ge­stal­te­ten Aus­ga­be edi­tiert hat, ha­be ich mich von ei­nem be­geis­ter­ten Bü­cher­vo­gel über­re­den las­sen, denn Er­leb­nis­se pu­ber­tä­rer In­ter­nats­in­sas­sen sind nicht un­be­dingt mein Me­tier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich ge­ra­de­zu lo­cker run­ter le­sen lässt, was man von dem 780 Sei­ten star­ken Schwer­ge­wicht Paul Mur­rays, der die Träu­me und Alb­träu­me sei­ner Prot­ago­nis­ten auf dras­ti­sche Wei­se schil­dert, schwer­lich sa­gen kann. Der Ro­man wird zwar man­cher­or­ten als äu­ßerst kurz­wei­lig ge­lobt, für mei­nen Ge­schmack weist er je­doch deut­li­che Län­gen auf.

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem ka­tho­li­schen In­ter­nat Dub­lins zu Zei­ten der Fi­nanz­kri­se. Die Schü­ler­schaft spie­gelt das üb­li­che Bild männ­li­cher Ju­gend­li­cher wäh­rend das Leh­rer­kol­le­gi­um äl­te­re Pries­tern und halb­her­zi­ges Per­so­nal auf­weist. Ei­ner sei­ner jün­ge­ren, welt­li­chen Mit­glie­der ist der ehe­ma­li­ge Ban­ker Howard. Aus sei­nem al­ten Job ge­feu­ert, un­ter­rich­tet er nun an sei­ner eins­ti­gen Schu­le Ge­schich­te. Es ge­lingt ihm kaum sich und sei­ne The­men durch­zu­set­zen, wor­an nicht nur der ver­meint­lich drö­ge Stoff und sei­ne un­in­spi­rier­te Ver­mitt­lung, son­dern auch sein Ruf als „Howard the Co­ward“, Howard Ha­sen­herz, zählt. Wie er zu die­sem Spott­na­men kam, er­schließt sich im Lauf des Ro­mans. Erst als Howard von ei­ner schö­nen Fee, ei­ner eben­falls aus dem Ban­ken­mi­lieu in die Schu­le ge­ra­te­nen at­trak­ti­ven Aus­hilfs­kraft, ei­nen ent­schei­den­den Lek­tü­re­tipp er­hält, er­fah­ren so­wohl er wie die Schü­ler ei­nen Mo­ti­va­ti­ons­schub.

Von den Schü­ler, die al­le von Pu­ber­täts­nö­ten ge­plagt wer­den, lei­det der trau­ri­ge Skip­py be­son­ders. Trau­ma­ti­siert durch die schwe­re Krank­heit sei­ner Mut­ter herr­schen zwi­schen ihm und sei­nem Va­ter Sprach­lo­sig­keit. Nö­te, die die Leh­rer nicht er­ken­nen kön­nen, weil sie zu sehr mit ih­ren ei­ge­nen Pro­ble­men be­schäf­tigt sind. So sind auch all die an­de­ren Jungs auf sich al­lei­ne ge­stellt, das di­cke Ge­nie, der Mi­ni­ma­cho ita­lie­ni­scher Ab­stam­mung, die rital­in­ver­seuch­ten Un­ter­stu­fen­schü­ler, die so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Pau­sen­hof­dea­ler. Ih­re weib­li­chen Al­ters­ge­nos­sen in der vis-à-vis ge­le­ge­nen Non­nen­schu­le ha­ben es nicht leich­ter. Sie ha­dern mit ih­rem Äu­ße­ren bis zur Ma­ger­sucht, sind se­xu­el­lem Druck aus­ge­setzt, in­tri­gie­ren ge­gen­ein­an­der. Auch sie fin­den bei den Er­wach­se­nen kei­nen Halt.

Paul Mur­ray, des­sen Ro­man mit dem Tod sei­nes Hel­den ein­setzt, er­zählt nicht nur des­sen Mar­ty­ri­en, zu de­nen auch ei­ne Love­sto­ry ge­hört, son­dern  er schil­dert vor al­lem ein Dra­ma von Grup­pen­zwang, Schuld und Heu­che­lei. Aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven er­fährt der Le­ser von Ver­nach­läs­si­gung und Er­pres­sung, von de­bi­len Di­rek­to­ren, de­nen der Ruf der Schu­le über al­les geht, von Müt­tern, die ih­re Töch­ter an­statt mit Zu­wen­dung mit ei­nem Fri­seur­be­such trös­ten, von dum­men Sport­leh­rern und ver­meint­lich fei­gen, aber ei­gent­lich ganz schön mu­tig schlau­en Ge­schichts­leh­rern, von pä­do­phi­len Pries­tern, kurz von per­sön­li­cher und ge­sell­schaft­li­cher Kri­se.

Das geht, wie die Auf­zäh­lung zeigt, nicht oh­ne die üb­li­chen Kli­schees zu be­mü­hen. Viel­leicht liegt es dar­an, viel­leicht auch an der Län­ge des Bu­ches, ganz be­stimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut ge­fal­len hat. Der Ro­man war mir zu lang und mir fehl­te die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Al­lei­ne Howard fühl­te ich mich manch­mal na­he, be­son­ders bei sei­ner Lek­tü­re von Ro­bert Ran­ke-Gra­ves, Good­bye to All That , über des­sen Er­leb­nis­se im 1. Welt­krieg. Mit Die Wei­ße Göt­tin zi­tiert Mur­ray noch ein wei­te­res emp­feh­lens­wer­tes Buch die­ses Schrift­stel­lers.

Für Ju­gend­li­che und al­len an­de­ren, die noch mit der Schu­le le­ben, kann die­ser Ro­man ei­ne loh­nen­de Lek­tü­re sein. Den­je­ni­gen, die da­von nichts mehr wis­sen wol­len, sei­en die Bü­cher von Ro­bert Ran­ke-Gra­ves ans Herz ge­legt.

Tschick und Maik auf Lada-Tour

Skurrile Abenteuer zweier Jungs in Wolfgang Herrndorfs neuem Roman „Tschick

Dies ist ein gu­tes Buch, ein un­ter­halt­sa­mes Buch, flott und amü­sant, an man­chen Stel­len nach­denk­lich. Ein Buch für Ju­gend­li­che, wel­che den ewi­gen Vam­pirsch­mon­zes leid sind. Ein Buch eben nicht nur für Mäd­chen, son­dern auch für Jungs. Denn um die­se geht es.

Ge­nau­er, um zwei Vier­zehn­jäh­ri­ge, die im wirk­lich nicht leich­ten Zu­stand der Pu­ber­tät ih­re Iden­ti­täts­su­che be­wäl­ti­gen. Bei­de sind Au­ßen­sei­ter. Aus un­ter­schied­li­chen Grün­den sind sie we­der in ih­rer Klas­se noch in ei­ner Cli­que in­te­griert und be­sit­zen auch kei­nen sta­bi­len fa­mi­liä­ren Rück­halt. Sie kämp­fen mit den Lei­den der un­er­wi­der­ten ers­ten Lie­be, trin­ken sich die Schu­le schön und wol­len nie so wer­den wie ih­re El­tern. Sie glau­ben, an­ders zu sein als al­le an­de­ren, und dies führt sie in den gro­ßen Fe­ri­en schließ­lich zu­ein­an­der.

Der pas­si­ve Ma­ik, der Haus, Swim­ming­pool, Tief­kühl­tru­he und vor al­lem sich „Tschick und Ma­ik auf La­da-Tour“ wei­ter­le­sen

Vatersorgen

Vermurkste Winterreise in Thomas Hettches Roman „Die Liebe der Väter

Ein Va­ter reist mit sei­ner Toch­ter nach Sylt, um die Win­ter­fe­ri­en im an­ge­mie­te­ten Reet­dach­do­mi­zil von Be­kann­ten zu ver­brin­gen. Das dor­ti­ge Kli­ma ist zu die­ser Jah­res­zeit rauh und un­ge­müt­lich und lässt die ent­ste­hen­de At­mo­sphä­re in der be­son­de­ren Fa­mi­li­en­kon­stel­la­ti­on zwi­schen dem un­ver­hei­ra­te­ten Va­ter und sei­ner zwi­schen den sich nicht lie­ben­den El­tern zer­rie­be­nen Toch­ter be­reits er­ah­nen. Zu­dem spielt die Hand­lung aus­ge­rech­net an den Ta­gen, de­ren Näch­te eben­falls die­ses un­heil­ver­hei­ßen­de Prä­fix tra­gen.

Die drei­zehn­jäh­ri­ge An­ni­ka und Pe­ter ver­le­ben die­se dem All­tag ab­ge­run­ge­ne ge­mein­sa­me Zeit als Zaun­gäs­te in ei­ner Bil­der­buch­fa­mi­lie aus Va­ter, Mut­ter, Toch­ter, Sohn und BMW. Zwi­schen Su­san­ne, der Ehe­frau des Or­tho­pä­den Achim, und Pe­ter be­stand einst ei­ne Schü­ler­lie­be, die sich „Va­ter­sor­gen“ wei­ter­le­sen

Sissy meets Beatle

Eine Komposition aus Stimmen — Judith Zanders neuer Roman „Dinge, die wir heute sagten

Tris­tesse be­geg­net uns nicht nur in der ost­deut­schen Pro­vinz, son­dern über­all in Deutsch­land und wahr­schein­lich auch an­ders­wo. Doch ist die­ses Le­ben wirk­lich so er­eig­nis­los und oh­ne Span­nung. Gibt es wirk­lich über­haupt nichts?

Ju­dith Zan­der ver­setzt den Le­ser durch Spra­che und Zeit­ge­schich­te in die DDR einst und das neue Bun­des­land jetzt, vor­ge­führt an Bre­se­kow, ei­nem „häss­li­chen End­lein der Welt“. Die Um­stän­de ha­ben sich ge­än­dert, die Ver­hält­nis­se je­doch nicht, was der Blick auf die drei Ge­nera­tio­nen des Or­tes zeigt.

Die al­te An­na Hans­ke ist nicht mehr und In­grid, die ver­lo­re­ne Toch­ter, kehrt pflicht­ge­mäß heim um „Sis­sy meets Beat­le“ wei­ter­le­sen

Lüge oder Wahrheit

Madalyn — ein Lügengespinst von Michael Köhlmeier

Zu Be­ginn die­ses klei­nen, fa­bel­haft for­mu­lier­ten und äu­ßerst span­nend kon­stru­ier­ten Ro­mans er­zählt uns sein Au­tor, Mi­cha­el Köhl­mei­er, wor­auf tie­fes Ver­trau­en grün­den kann. Auf ei­ner Le­bens­ret­tung zum Bei­spiel wie in die­ser Ge­schich­te, ver­übt durch den Er­zäh­ler Se­bas­ti­an Lu­kas­ser an dem Mäd­chen Ma­da­lyn. Die­ser Akt steht am An­fang ei­ner be­son­de­ren Be­zie­hung zwi­schen ei­nem er­wach­se­nen Mann und ei­nem Kind. Köhl­mei­er in­sze­niert dies mit ei­ner Blut­la­che aus der Un­ter­arm­wun­de au­gen­fäl­lig als Bluts­bru­der­schaft .

Die­ser Ein­stieg in den Ro­man er­laubt dem Au­tor ei­ne ta­ge­buch­ar­ti­ge Schil­de­rung des an­schlie­ßen­den Ge­sche­hens, oh­ne daß die un­glei­che Freund­schaft zu ei­ner Rah­men­hand­lung ver­küm­mert. De­ren Mot­to of­fen­bart sich in dem zu­nächst ver­wor­fe­nen Satz „Ein Herz ist dem an­de­ren ein Spie­gel“, denn das Ver­trau­en liegt nicht nur auf der Sei­te der Ge­ret­te­ten. Auch Lu­kas­ser ver­spürt die „Lü­ge oder Wahr­heit“ wei­ter­le­sen