Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst au­gen­blick­lich ein. Spürst un­ter dir die trä­ge Last der me­ter­di­cken Torf­schwäm­me, den schwe­ren, fet­ten Leib, der dich um­armt. Ich schlie­ße dich ein, in Was­ser, in Er­de oder ein Ge­men­ge aus bei­dem: feuch­te Kru­me, zä­her Wur­zel­filz, ver­zweig­te Adern über halb­ver­rot­te­ten Äs­ten wie Kno­chen, dar­un­ter das Herz der Tie­fe, brei­ig, kalt pul­sie­rend, noch vor zwei­hun­dert Jah­ren fürch­te­ten mich die Fenn­dor­fer als schwar­zes, schlei­mi­ges Tier, das un­ter den Häu­sern lebt und ih­re Kin­der ver­schlingt.“

Mit dem Moor ver­bin­den wir Ge­heim­nis und Ge­fahr. Die Ge­dan­ken an Moor­lei­chen, Zeu­gen längst ver­gan­ge­ner Ri­tua­le, ma­chen ei­ne Wan­de­rung über den Knüp­pel­damm zu ei­nem un­heim­li­chen Aben­teu­er. Was, wenn man vom Weg ab­kommt und ver­sinkt? Muss man ver­mo­dern, wenn man sich nicht am ei­ge­nen Schopf wie­der her­aus zie­hen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Un­heim­li­ches, es bie­tet Schutz, be­son­ders den Le­be­we­sen, die in der Zi­vi­li­sa­ti­on kei­nen Platz fin­den.

In die­sem Bio­top le­ben die Li­bel­len, die Be­glei­ter Di­ons, des 13-jäh­ri­gen stot­tern­den Prot­ago­nis­ten in Gun­ther Gel­tin­gers neu­em Ro­man Moor. Das Moor ist nicht nur Di­ons Hei­mat, es ist „Me­ta­mor­pho­sen im Moor“ wei­ter­le­sen

Teltower Krähen

Hartmut Lange erkundet in neuen Novellen die „Ewigkeit des Augenblicks“

Durch ei­ne Leih­ga­be, für die ich nicht zu­letzt durch die­sen Blog­bei­trag dan­ken möch­te, wur­de ich auf ei­nem mir bis da­to un­be­kann­ten Schrift­stel­ler auf­merk­sam, den am 31. März 1937 ge­bo­re­nen Schrift­stel­ler und Dra­ma­turg Hart­mut Lan­ge. Für sein li­te­ra­ri­sches Werk, Lan­ge gilt als Meis­ter der No­vel­le, er­hielt er 2003 den Ita­lo-Sve­vo-Preis.

Sein neu­es Buch „Das Haus in der Do­ro­the­en­stra­ße“ um­fasst fünf No­vel­len, von de­nen nicht nur die ti­tel­ge­ben­de äu­ßerst be­ein­druckt. Ge­mein­sam ist al­len die Hand­lungs­re­gi­on. Sie liegt im Süd­wes­ten Ber­lins am Tel­tow­ka­nal und wird bis auf ein­zel­ne Stra­ßen­na­men prä­zi­siert. All­ge­gen­wär­tig ist au­ßer­dem die Me­lan­cho­lie. Sie „Tel­tower Krä­hen“ wei­ter­le­sen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Com­pu­ter bringt mir al­les ins Haus: Fil­me, In­for­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bü­cher, Thea­ter­stü­cke, al­les, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein In­ter­es­se ist wie ein Schwamm. Es un­ter­schei­det nicht nach der Far­be des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sau­ber.”

Span­nung, die an­fangs sub­til an­klingt und sich dann in un­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Ro­man Die Tarn­kap­pe, der mir aus­ge­spro­chen gut ge­fal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Er­zäh­lun­gen vor, die in un­ge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­el­le Fra­gen be­rüh­ren.

In je­der sei­ner Ge­schich­ten wirft Orths sei­ne Le­ser zu­nächst ins Un­ge­wis­se. Die Mo­ti­ve der Fi­gu­ren er­schei­nen un­klar, erst nach und nach wer­den In­di­zi­en auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt un­er­war­te­te Vol­ten und en­det sel­ten mit ei­ner ein­deu­ti­gen Lö­sung. Der Aus­gang ist eher ei­ne Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, be­greif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Au­tors und der Vor­stel­lung des Le­sers.

Dies ist schon in der ers­ten Er­zäh­lung, Erich, Erich, er­fahr­bar. Ihr Prot­ago­nist „Von Ver­lie­rern und Ver­kün­dern des wah­ren Den­kens“ wei­ter­le­sen

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwin­del be­fal­len weiß man nicht wo oben und un­ten. Ob links oder rechts, al­les dreht sich, die Ori­en­tie­rung ist ver­wirrt, manch­mal ganz und gar ver­lo­ren. Als Schwin­del wer­den auch Lü­gen be­zeich­net, harm­lo­se, läss­li­che. Sie of­fen­ba­ren nicht je­dem al­les, ber­gen min­des­tens ein Ge­heim­nis, sei es auch nur ein klei­ner Trick. Aber wer kann schon oh­ne die­se klei­nen Tricks le­ben?  Sie die­nen der Le­bens­be­wäl­ti­gung und nicht sel­ten sind sie ein wich­ti­ger Be­stand­teil des Me­tiers. Auch Schrift­stel­ler be­die­nen sich als Il­lu­si­ons­künst­ler krea­ti­ver Schwin­de­lei­en, die nicht nur ihr Werk son­dern auch ih­re Per­son be­tref­fen. Wenn auch der Groß­teil der Schreib­künst­ler in­zwi­schen ihr öf­fent­li­ches Ego als Be­stand­teil der Er­folgs­stra­te­gie be­greift, so gibt es im­mer noch Au­toren, die ih­re An­ony­mi­tät zu wah­ren wis­sen. Das Ge­heim­nis um ih­re Per­son scheint der Selbst­schutz, oh­ne den kei­ne Kunst ent­ste­hen kann.

So er­geht es auch Bab­ro An­ders­son, kurz Bab­ba, der Schrift­stel­le­rin in Kers­tin Ek­mans „Schwind­le­rin­nen“. Von un­at­trak­ti­vem Äu­ße­ren be­wegt sich die in ei­ner Ar­bei­ter­fa­mi­lie groß­ge­wor­de­ne Bab­ba un­si­cher zwi­schen Men­schen. Als stu­dier­te Phi­lo­lo­gin be­vor­zugt sie die Ge­gen­wart der Bü­cher. Sie ar­bei­tet als Bi­blio­the­ka­rin in der Stadt­bü­che­rei, auf de­ren Kar­tei­kar­ten sie ih­re Schrei­b­ideen no­tiert. Als sie ei­nes Ta­ges aus die­sen Ein­fäl­len ei­ne Ge­schich­te spinnt, schickt ihr Freund die­se oh­ne ihr Wis­sen an ei­ne Zeit­schrift. Das Ab­leh­nungs­schrei­ben of­fen­bart ihr nicht nur den Ver­rat, son­dern eben­so die Er­kennt­nis, daß sie, Bab­ba An­ders­son, so wie sie wirk­lich ist, nie­mals als Schrift­stel­le­rin zu Ruhm ge­lan­gen kön­ne. Da­zu sei sie nun mal ein­fach we­der flott noch at­trak­tiv ge­nug. „Leu­te, die schrift­stel­lern­de Frau­en rühm­ten, lieb­ten die­ses Wort. Frau­en soll­ten flott schrei­ben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die an­de­re Haupt­fi­gur des Ro­mans ins Spiel, Lil­lemor Troj. Sie er­füllt die auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en, wes­halb Bab­ba sie zur Stell­ver­tre­te­rin wählt. Sie wird ihr öf­fent­li­ches Ali­as, un­ter ih­rem Na­men und mit ih­rem Ge­sicht er­scheint Bab­bas Li­te­ra­tur. Lil­lemor ist nicht nur äu­ßerst vor­zeig­bar. Als Toch­ter aus gu­tem Haus weiß sie sich auf öf­fent­li­chem Par­kett zu be­we­gen. Per­fekt in Mo­de wie Ma­nie­ren be­wäl­tigt sie den schrift­stel­le­ri­schen Small­talk. Zu­dem tippt und re­di­giert sie, was Bab­ba auf die Sei­ten des Spi­ral­blocks schreibt. Lil­lemor ach­tet auf Lo­gik und Struk­tur und spä­tes­tens, wenn bei­de Frau­en die Fe­ri­en­wo­chen in ei­ner ent­le­ge­nen Ka­te im Wald ver­brin­gen, wird Lil­lemor zu Bab­bas Co-Au­torin.

Al­ler­dings er­for­dert ih­re ge­mein­sa­me Au­tor­schaft im­mer stär­ke­re Ge­heim­hal­tung. Nicht nur die Män­ner der bei­den er­wei­sen sich als Ge­fahr, auch ih­re ei­ge­nen Müt­ter. Im­mer ver­deckt vor­der­grün­dig die Wahr­heits­lie­be die ei­gent­li­chen ego­is­ti­schen An­trie­be der Neu­gie­ri­gen. Den­noch ge­lingt es Bei­den die Preis­ga­be ih­res Tricks zu ver­hin­dern bis sie selbst zu Ver­rä­tern wer­den. In ih­rem neu­es­ten Ro­man­ent­wurf ent­hüllt Bab­ba die wah­re Ge­schich­te und sen­det sie un­ter ih­rem ei­ge­nen Na­men an ei­nen Ver­lag. Die­ser ver­mu­tet Lil­lemor Troj hät­te un­ter Pseud­onym ih­re Bio­gra­phie ver­fasst und ver­mit­telt den Text an de­ren Ver­lag, der wie­der­rum die ver­meint­li­che Au­torin da­mit kon­fron­tiert.

Hier setzt „Schwind­le­rin­nen“ ein. Wir le­sen mit Lil­lemor Ka­pi­tel um Ka­pi­tel der un­ge­heu­er­li­chen Wahr­heit, die Bab­ba An­der­son in der Ich-Per­spek­ti­ve er­zählt. Da­zwi­schen er­fah­ren wir, was Lil­lemor dar­über denkt. Ih­re Ver­si­on schil­dert der all­wis­sen­de Er­zäh­ler. Die Ge­gen­über­stel­lung die­ser bei­den Wahr­hei­ten er­zeugt nicht nur den gro­ßen Reiz der Kon­struk­ti­on, son­dern auch ei­ne Span­nung, die durch den im­mer­hin an die 500 Sei­ten star­ken Ro­man trägt. Kers­tin Ek­man, die in die­sem Jahr acht­zig Jah­re alt wird, und de­ren voll­stän­di­ger Na­me Kers­tin Lil­lemor Hjorth Ek­man aus Grün­den der Wahr­heit nicht un­er­wähnt blei­ben soll, hat ei­nen um­fang­rei­chen Ro­man ge­schrie­ben. Im­mer­hin schil­dert sie über sech­zig Jah­re ei­nes er­folg­rei­chen Au­torin­nen­le­bens oder bes­ser drei­er er­folg­rei­cher Au­torin­nen­le­ben, Bab­bas, Lil­lemors, wie ihr ei­ge­nes, wel­ches in Fa­cet­ten in de­nen ih­rer Stell­ver­tre­te­rin­nen auf­scheint. Wie Lil­lemor wur­de auch Ek­man zum Mit­glied der Schwe­di­schen Aka­de­mie er­ko­ren, be­sitzt al­so aus­rei­chen­de In­for­ma­ti­on um die­sen Aspekt in ih­rer Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re sub­til aus­zu­leuch­ten. Sie zeigt, wie nicht nur in die­sem Gre­mi­um Prei­se ver­ge­ben und an­hand wel­cher Kri­te­ri­en Preis­trä­ger ge­macht wer­den. In die­sem letzt­end­lich po­li­ti­schen Ge­schäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahr­lich kei­ne neue Er­kennt­nis, wird aber in die­sem Ro­man sehr schön in Sze­ne ge­setzt. Gleich­zei­tig ge­lingt Ek­man ein Ge­sell­schafts­pan­ora­ma, in dem sie ih­re Hel­din­nen von den re­strik­ti­ven Fünf­zi­gern über die Al­ter­na­tiv­kul­tur der nach­fol­gen­den Jahr­zehn­te bis in die heu­ti­ge Zeit be­glei­tet. In ei­ne Zeit, in der das Le­sen ei­nes rich­ti­gen Bu­ches zu ei­nem sub­ver­si­ven Akt wer­den kann, vor des­sen Fol­gen Bab­ba An­der­son warnt:

Li­te­ra­tur schä­digt das Ge­hirn und ver­min­dert die Frucht­bar­keit.“

Kers­tin Ek­man, Schwind­le­rin­nen, übers. v. Hed­wig Bin­der, Pi­per Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Wenn Philosophieprofessoren nach Portugal pilgern

Stephan Thome erzählt in Fliehkräfte von einer verspäteten Midlife Crisis

Als ich zum ers­ten Mal von Ste­phan Tho­mes neu­em Ro­man Flieh­kräf­te hör­te, dach­te ich un­wei­ger­lich an den äl­te­ren Ro­man des un­ter Pseud­onym schrei­ben­den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors Pe­ter Bie­ri. Bei­de schi­cken ih­re Prot­ago­nis­ten in der Kri­se der spä­ten Le­bens­mit­te nach Por­tu­gal. Ih­re Fi­gu­ren sind der Phi­lo­so­phie na­he, der ei­ne als Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor der Uni Bonn, der an­de­re als Phi­lo­so­phie le­sen­der La­tein­leh­rer in Ba­sel. Sie ver­su­chen bei­de aus ih­rem All­tag zu flie­hen. Ei­ner mit dem Nacht­zug, un­ter­bro­chen von Ver­satz­stü­cken ei­ner Pes­soa-Ad­ap­ti­on, der an­de­re im Au­to mit viel Zeit für Er­in­ne­run­gen und für Be­su­che.

Wäh­rend Nacht­zug nach Lis­sa­bon ei­ne in man­cher Hin­sicht an­stren­gen­de Lek­tü­re dar­stellt, schil­dert Ste­phan Thome die Le­bens­sinn­kri­se an­schau­lich und an­ge­nehm les­bar. Sei­ne Fi­gur, Hart­mut Hain­bach, hat es trotz klei­ner Ver­hält­nis­se in der hes­si­schen Pro­vinz zum Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie ge­bracht. Jetzt zwei­felt er an die­ser Kar­rie­re und an sei­nem bis­he­ri­gen Le­ben. War al­les nur „ei­ne Par­odie sei­ner Träu­me“?

Sei­ne Toch­ter stu­diert in Spa­ni­en und mel­det sich nur sel­ten, sei­ne Frau ar­bei­tet in Ber­lin und ruft manch­mal an. Bei­de ha­ben sich von ih­rem Ver­sor­ger eman­zi­piert, sie sind aus dem Haus, in dem die­ser noch lebt noch da zu im pro­vin­zi­el­len Bonn. Das ent­behrt nicht ge­wis­ser Iro­nie, die Thome auch in der Fi­gur Hain­bachs auf­schei­nen lässt.

Da macht ei­ne ver­meint­lich zwei­te Chan­ce Hain­bach sei­ne Un­zu­frie­den­heit be­wusst. Vor der Ent­schei­dung sei­ne Pro­fes­sur zu­guns­ten ei­ner neu­en Stel­le im un­si­che­ren Ver­lags­we­sen auf­zu­ge­ben flieht Hain­bach auf ei­ne Rei­se. Sie führt ihn zu­nächst nach Pa­ris, wo er Sandri­ne trifft, sei­ne gro­ße Lie­be wäh­rend der Se­mes­ter in Ame­ri­ka. Spä­ter er­reicht er ei­nen Ort an der süd­fran­zö­si­schen At­lan­tik-Küs­te, wo ein ehe­ma­li­ger Kol­le­ge und Freund, sei­ne Pro­fes­sur ge­gen ei­ne Strand­bar ein­ge­tauscht hat.

Hain­bach wägt die neu­en Le­bens­mo­del­le der al­ten Freun­de ge­gen sein ei­ge­nes ab, im Ver­lauf sei­ner ihn aus­ge­rech­net nach Sant­ia­go de Com­pos­te­la füh­ren­den Sinn­su­che be­geg­nen ihm noch wei­te­re. Auch sei­ne Rück­bli­cke er­zäh­len von Per­so­nen, die völ­lig an­ders le­ben als er. Hain­bach denkt an die „klei­ne, dum­me Ruth“, sei­ne jün­ge­re Schwes­ter, der in der hes­si­schen Hei­mat mit Mann, Haus und Zwil­lin­gen ein für ihn kaum nach voll­zieh­ba­res klein­bür­ger­li­ches Le­ben glückt. Ei­ner die­ser Nef­fen wählt spä­ter den ge­ra­den Weg mit aka­de­mi­scher Kar­rie­re, Ehe und Kind, wäh­rend der an­de­re das Aben­teu­er der wech­seln­den Chan­ce sucht.

Wie Hain­bach im Spie­gel all die­ser zu­rück­lie­gen­den und ak­tu­el­len Er­fah­run­gen sei­ne bis­he­ri­ge Le­bens­wei­se be­wer­tet und ob es für ihn, für sein Glück ei­ne zwei­te Chan­ce gibt, da­von han­delt die­ser Ro­man. Man kann ihn auch als Ab­bild der mo­men­ta­nen ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se le­sen. Über die Kri­se der mies ge­lun­ge­nen Uni­ver­si­täts­re­form, der des Ver­lags- und Kul­tur­we­sens ins­ge­samt, über die schwie­ri­ge Stel­lung der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im Ge­gen­satz zu neu­en Pra­xis na­hen Stu­di­en­fä­chern, greift Thome auch das The­ma trans­na­tio­na­ler Fa­mi­li­en und of­fen ge­leb­ter gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be auf. Wie be­reits in sei­nem ers­ten Ro­man Grenz­gang spie­len Hei­mat und Frem­de ei­ne Rol­le. Auch der Rück­blick auf die Deut­sche Ver­gan­gen­heit fehlt nicht. Viel­leicht ein biss­chen viel für ei­nen knapp fünf­hun­dert Sei­ten lan­gen Ro­man, der mich zwar wäh­rend der Lek­tü­re kei­ne Län­gen ver­spü­ren, aber den­noch in­dif­fe­rent ließ.

Viel­leicht lag es dar­an, wie die Fi­gur Hain­bach die Frau­en sei­nes Le­bens be­ur­teilt. So­fern es sich um Haus­frau­en han­delt, wer­den sie als treu­sor­gend, lieb aber dumm dar­ge­stellt, so schätzt er sei­ne Mut­ter und Schwes­ter, aber auch die por­tu­gie­si­sche Schwie­ger­mut­ter ein. Auch der ge­lieb­ten Toch­ter droht, kaum der vä­ter­li­chen in­tel­lek­tu­el­len Sphä­re ent­ron­nen, sei­ner An­sicht nach, die Do­mi­nanz der les­bi­schen Le­bens­ge­fähr­tin und geis­ti­ge Ver­fla­chung. Die­se er­litt einst auch sei­ne Frau, die als de­spe­ra­te House­wi­fe hos­pi­ta­li­siert ih­rem Hirn nur noch die Schick­sa­le ih­rer Se­ri­en­schwes­tern zu­mu­ten konn­te. Die Ver­blüf­fung des Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors über die Ent­de­ckung des Vi­deo­ver­stecks sei­ner Gat­tin mag noch ver­ständ­lich sein, es aber auf den letz­ten Sei­ten der Selbst­su­che zum scho­ckie­ren­den Er­leb­nis ei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe zu sti­li­sie­ren, wirkt un­frei­wil­lig ko­misch.

Das En­de bleibt of­fen und so be­steht für Hain­bach die Chan­ce sich trotz Pro­fes­so­ren­bür­de ein­mal lo­cker zu ma­chen, not­falls mit ei­nem zwei­ten Joint, und für Ma­ria trotz Er­werbs­lo­sig­keit mal ein gu­tes Buch zu le­sen, not­falls ein we­ni­ger gu­tes.

Ste­phan Thome be­fin­det sich mit Flieh­kräf­te auf der Short­list zum Deut­schen Buch­preis 2012, es be­steht Aus­sicht auf den Ge­winn.

Ste­phan Thome, Flieh­kräf­te, Suhr­kamp Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Herz am falschen Fleck

Fabelhafte Konfabulationen in Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss

Ja, wer­fen Sie noch ei­nen letz­ten Blick zu­rück, schau­en Sie nur, Dok­tor, da oben ha­ben wir Hy­per­bo­re­er ge­lebt, in azur­ner Ein­sam­keit, in Hö­hen, die kein Vo­gel je er­flog, auf dem Dach der kli­ni­schen Welt, um Er­lö­sung vom Ekel zu fin­den. Und ist es nicht schön, dass die­ses Dach zu­gleich auch schon das gan­ze Haus, par­don die gan­ze Welt war?“

Die­ser Satz, der ge­gen En­de fällt, for­mu­liert das Set­ting des Ro­mans. An ei­nem ent­ho­be­nen Ort, ei­ner als Well­ness-Ashram ge­tarn­ten psych­ia­tri­schen Kli­nik, le­ben Pa­ti­en­ten und Ärz­te in ei­gen­tüm­li­cher Sym­bio­se. Ab­ge­schot­tet von der üb­ri­gen Welt, so­fern sie noch exis­tiert, ver­brin­gen sie ih­re Ta­ge nach salut­o­ri­schen Maß­stä­ben. Yo­ga steht auf der Ta­ges­ord­nung ganz oben, die Lauf­bän­der im hell­ro­sa Am­bi­en­te ei­nes Okta­gons. Abends wird stil­voll ge­speist, tags­über be­ru­hi­gen sich die Be­treu­ten mit Rha­bar­ber-Opi­um, die Be­treu­er mit ei­ner Zi­ga­ret­te. Zwi­schen dem Sport, wird Stim­men­hö­ren oder Sex ver­ord­net. Falls es gar nicht mehr geht, be­gibt man sich zwecks In­spek­ti­on zum Kern­anatom oder di­rekt auf die letz­te Rei­se.

In die­ser Welt dok­tert Franz von Stern. Ganz auf sich al­lein ge­stellt ist er al­ler­dings nie. Sein ste­ter Be­glei­ter ist ein Re­fe­rent, Er­geb­nis ei­nes im­plan­tier­ten Über-Ichs, ein per­sön­li­cher Re­gu­la­tor, der den ge­ord­ne­ten Be­trieb durch­führt. Die­ser soll die Er­star­kung des al­ten Egos mit al­len sei­nen Er­in­ne­run­gen ver­hin­dern, wäh­rend Stern doch ge­ra­de dar­in her­um­wühlt um ei­nen gu­ten ers­ten Satz für den von der Kli­nik­lei­tung ge­for­der­ten Ei­gen­be­richt zu fin­den.

An­ge­li­ka Mei­er schil­dert in ih­rem zwei­ten Ro­man ei­ne Ge­sund­heits­dys­to­pie, de­ren Be­woh­ner nicht nur me­di­zi­nisch über­wacht und durch­leuch­tet wer­den. Dies un­ter­nimmt die pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin auf äu­ßerst an­re­gen­de Wei­se. Quer­ver­wei­se und Zi­ta­te aus al­len Be­rei­chen der Kul­tur­ge­schich­te for­dern den Le­ser und be­rei­ten gro­ßes Le­se­ver­gnü­gen.

Be­reits die Na­men der an­we­sen­den Göt­ter in Weiß amü­sie­ren. Wenn Dr. Tulp, „der bes­te Kern­anatom der kli­ni­schen Welt“, den Brust­korb zum Me­diator­check öff­net, fühlt man sich un­wei­ger­lich in die Haar­le­mer Ana­to­mie ver­setzt, die Rem­brandt einst ab­bil­de­te. Rem­brandts Tulp se­ziert ei­nen To­ten, auch die Kör­per un­ter dem Skal­pell von Mei­ers Tulp ha­ben kaum noch Le­ben in sich. Die ge­bro­che­nen Her­zen wur­den zwi­schen Där­me ge­bet­tet und durch ein Me­dia­tor-Sys­tem er­setzt.

Le­dig­lich bei Stern scheint die­ses nicht mehr rund zu lau­fen, er träumt so­gar sein frü­he­res Le­ben. Ver­stärkt wird dies durch die Be­geg­nung mit ei­ner neu­en, am­bu­lan­ten Pa­ti­en­tin, die er als sei­ne frü­he­re Frau er­kennt. Grund ih­rer Ein­wei­sung ist ei­ne aku­te man­geln­de Ge­sund­heits­ein­sicht und ein durch und durch sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem. Nach und nach wer­den auf dem Klinik­hü­gel wei­te­re Fa­mi­li­en­ban­de er­kenn­bar, Sohn, Groß­va­ter und Groß­mutter, die reins­te Idyl­le. Doch die­ser will Stern ent­flie­hen, weil sie eben nicht ge­lebt wer­den kann.

An­ge­li­ka Mei­ers Ro­man stellt für mich die kom­ple­xes­te Lek­tü­re seit lan­gem dar. In der An­la­ge ih­rer schi­zo­id an­mu­ten­den Fi­gur Stern er­gibt sich ei­ne dop­pel­te Er­zähl­per­spek­ti­ve. Mal be­rich­tet der Re­fe­rent, mal fühlt und er­in­nert der wah­re Stern. So ent­ste­hen  Rück­blen­den, in de­nen sich ver­meint­lich re­al Ge­sche­he­nes mit sur­re­al wir­ken­den Sze­nen ver­mischt. Mei­ers Spra­che ist geist­reich und fa­bel­haft for­mu­liert. Mit man­nig­fal­ti­gen Re­fe­ren­zen setzt sie ih­re Sa­ti­ren in ab­sur­des Licht. Dies for­dert und amü­siert zu­gleich. Kur­siv ge­setzt fin­den sich Zi­ta­te von Au­gus­ti­nus, der Bi­bel, Marx, Pusch­kin, Ril­ke und an­de­ren. Mit Ar­no Schmidt ka­lau­ert sie Goe­thes Ita­li­en­sehn­sucht zu Gen-ita­li­en. Ei­ne be­son­de­re Re­fe­renz er­weist die Au­torin Gott­fried Benn. Sie zi­tiert nicht nur vie­le sei­ner Wer­ke, sei­ner No­vel­le Ge­hir­ne schei­nen die hoch oben ge­le­ge­ne Kli­nik und der jun­ge Arzt ent­lehnt.

Mei­er ent­wi­ckelt in ih­rer Dys­to­pie ei­ne un­ge­heu­re Viel­falt an Hand­lungs- und Wort­ideen. Zwi­schen Hal­lo­d­rie­ge­dächt­nis und Him­mel­was­ser­blau ver­mischt sie irr­wit­zi­gen Me­di­zin­jar­gon mit The­ra­peu­ten­ge­fa­sel. Ein schö­ner Spott über den heil­brin­gen­den Ge­sund­heits­glau­ben und sei­ne Jün­ger. Er stößt je­doch im La­chen be­reits so bit­ter auf wie zu viel Opi­um-Rha­bar­ber-Saft. Die­ser galt üb­ri­gens an­no 1814 als Mit­tel ge­gen die Ruhr.  Dar­über kann man bei der Re­cher­che la­chen, vor­her, al­so wäh­rend des Le­sens lacht man laut und ga­ran­tiert über die Qual­len­pest der Aquagym­nas­tik und den am Be­cken­rand vor­tur­nen­den Arzt. Erst recht über Pfle­ger Pflü­gers Fuß­re­flex­zo­nen Fel­la­tio. So­wie schließ­lich und end­lich über die grün­schwarz tä­to­wier­ten schlan­gen­glei­chen Ar­me des Schlaf­for­schers und Wa­ch­of­fi­ziers Dr. Dan­ke­vicz, der sei­ne wah­re Be­ru­fung in der Phal­l­o­lo­gie fand.

Ei­ne klit­ze­klei­ne Kri­tik ha­be ich den­noch an die­sem Buch, wel­ches ich si­cher­lich noch ein­mal le­sen wer­de, da ich längst nicht al­les ver­stan­den ha­be. As­kle­pi­os, der grie­chi­sche Gott der Heil­kunst, und so­mit in die­sem Ro­man gut plat­ziert auf S. 32, be­saß zwar den Stab mit der Schlan­ge, ei­gent­lich war er ja selbst ei­ne, aber ganz be­stimmt wur­de er nicht mit sei­nen bei­den Söh­nen, die er nicht be­saß, von Schlan­gen er­würgt. Das war Lao­ko­on, den As­kle­pi­os hat Zeus blitz­schnell er­le­digt mit ei­nem Schlag.

An­ge­li­ka Mei­er, Heim­lich, heim­lich mich ver­giss, dia­pha­nes, Zü­rich, 1. Aufl. 2012
 

Vor­läu­fi­ges Ver­zeich­nis der Zi­ta­te

 

Donau vs. America

 In „Tod auf der Donau“ schildert Michal Hvorecky eine handlungsreiche Donauflussfahrt

Nicht nur in der Slo­wa­kei sind die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten li­te­ra­ri­scher Über­set­zer rar und schlecht. Dies treibt man­chen Jung­aka­de­mi­ker un­ter ein be­rufs­fer­nes, aber pe­ku­ni­är ein­träg­li­ches Joch jen­seits sei­nes geis­ti­gen Ni­veaus. Auch Mar­tin Roy, der Prot­ago­nist in Mi­chal Hvor­eckys Do­nau­ro­man, ist trotz be­ruf­li­cher Er­fol­ge ge­zwun­gen ei­nen der­ar­ti­gen Job an­zu­neh­men. Die­ser bringt Geld, ihn je­doch oft ge­nug an den Rand sei­ner Ge­duld. An­statt sich um Wor­te und In­ten­tio­nen von Dich­tern zu küm­mern, bin­det er nun Ba­nau­sen Bä­ren auf den Wohl­stands­bauch. Ist Mar­tin der Fähr­mann über den Ache­ron? Je­de Men­ge Tod­ge­weih­ter nimmt er in sei­nen Na­chen auf und lässt sich dies in Mün­ze und gu­ten Be­wer­tun­gen ver­gel­ten. Nur das si­chert sei­nen Pos­ten. Sei­ne wah­ren Pas­sio­nen ver­leug­net er pro­fes­sio­nell und ver­dingt sich als Kreuz­fahrt­knecht. Freund­lichst zu Diens­ten, je­der­zeit ein ex­zel­lent säu­selnd, or­ga­ni­siert und er­klärt er, hilft wei­ter, auch wo es kaum mehr geht, be­sorgt über­ge­wich­ti­gen Be­hin­der­ten hel­fen­de Hän­de für die Trieb­ab­fuhr und er­läu­tert den Ah­nungs­lo­sen ver­blüf­fen­de Fak­ten.

Mar­tin, bit­te, was ist Ba­rock? Die Frau Rei­se­füh­re­rin hat es ei­ni­ge Ma­le er­wähnt“, fragt Jef­frey und beugt sich über den Schal­ter.

Dar­über brauchst du dir nicht den Kopf zu zer­bre­chen. Das habt ihr in Ame­ri­ka nicht.“

Wirk­lich nicht?“

Ba­rock war ei­ne ita­lie­nisch-po­li­ti­sche Dik­ta­tur, die noch vor der Go­tik in Eu­ro­pa herrsch­te. Sehr bö­se, ob­skur und ge­fähr­lich!“

Gut, dass wir das in Ame­ri­ka nicht ha­ben! So was brau­chen wir auch nicht. Was wir jetzt brau­chen ist ei­ne gu­te Wirt­schafts­la­ge und Ord­nung.“

Sein Sar­kas­mus scheint die ein­zi­ge Not­wehr ge­gen die ver­ord­ne­te zu­cker­sü­ße Freund­lich­keit. Die­se stößt ihm je­doch um­so bit­te­rer auf je län­ger die Rei­se von Re­gens­burg bis zum Schwar­zen Meer dau­ert. Auch un­ter der Be­sat­zung fühlt sich Mar­tin fremd.

An Bord leb­te Mar­tin in ei­ner Män­ner­ge­sell­schaft. Von mor­gens bis abends at­me­te er ei­ne Luft, die mit Män­ner­ge­rü­chen ge­sät­tigt war. Er ge­wöhn­te sich an ih­re Ges­ten, den schnel­len Gang, die ver­rauch­ten Stim­men und ver­sof­fe­nen Au­gen. Die meis­ten moch­te er auch auf ge­wis­se Art und Wei­se, al­ler­dings war dies mehr ei­ne Zweck­ge­mein­schaft, ihm blieb gar nichts an­de­res üb­rig, er woll­te nicht ver­rückt wer­den.“

Ein­zig der Fluss, die Do­nau, ent­schä­digt ihn. Sie ver­strömt ei­ne An­zie­hung, die er seit sei­ner Kind­heit in Bra­tis­la­va ge­spürt hat.

Die Do­nau er­in­ner­te an ei­ne lang ge­zo­ge­nen Schlan­ge, de­ren Kopf im Schwar­zen Meer lag, ihr Kör­per brei­te­te sich über den ge­sam­ten Kon­ti­nent aus, und die Schwanz­spit­ze ver­lor sich ir­gend­wo im Schwarz­wald. Der Fluss fas­zi­nier­te ihn. Dort­hin muss­te er mal fah­ren! Die Schlan­ge hat­te ihn fas­zi­niert.“

Mar­tin taucht ein in die Er­in­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit in Bra­tis­la­va, sein Ver­steck an der Ufer­bö­schung, sei­ne Lie­be zum Fluss und zu ei­ner Frau. Ge­nau die­se er­scheint plötz­lich an Bord, Mo­na, die Mar­tin noch mehr de­mü­tig­te als sei­ne Pas­sa­gie­re es je ver­mö­gen, und de­ren vi­ta­le Ero­tik auf die­sem Grei­sen­schiff kei­nen un­pas­sen­de­re Büh­ne hät­te fin­den kön­nen. Sie löst nicht nur in Mar­tin ein Cha­os aus. Ihr Han­deln führt ins Ab­sur­de, ist un­be­re­chen­bar und ge­fähr­lich wie die Stru­del der Do­nau.

Doch die MS Ame­ri­ca hält un­be­irr­bar ih­ren Kurs seit Re­gens­burg, der Stadt mit der Stei­ner­nen Brü­cke an den drei Flüs­sen, die sehr wohl weiß, was Ba­rock be­deu­tet. Auf all ih­rer schö­nen Ge­schich­te prangt je­doch ein Ma­kel, dem Hvor­ecky im Ver­lauf sei­nes Bu­ches nach­geht, die Ver­fol­gung der Ju­den. Die Do­nau spielt als Ret­te­rin wie als töd­li­ches Ver­häng­nis ei­ne schick­sal­haf­te Rol­le. Es über­zeu­gen die stil­len his­to­ri­schen Me­men­ti. Er­schüt­tern­de Er­in­ne­run­gen von Ver­fol­gung und Angst, in de­nen die schö­ne, blaue Do­nau oft schwarz und häss­lich wirkt.

Viel­fäl­tig sind auch die li­te­ra­ri­schen Zi­ta­te, dar­un­ter sei vor al­lem Do­nau, Bio­gra­phie ei­nes Flus­ses von Clau­dio Magris ge­nannt.

Al­ler­dings fragt man sich ge­gen En­de, ob die Mor­de nicht eher ein Ne­ben­bei sind. Schließ­lich lö­sen sie sich zwar nicht in Wohl­ge­fal­len aber in ele­men­ta­rer Wei­se auf. Er­freu­li­cher als die ver­ein­zel­ten Schwarz-Weiß-Fo­tos wä­re ei­ne Do­nau­kar­te ge­we­sen.

Doch das sind nur äu­ße­re Kri­tik­punk­te an die­sem er­fri­schend an­ders­ar­ti­gen Do­nau­ro­man, des­sen Lek­tü­re fast je­dem emp­foh­len sei.

Mit dem Buch­ti­tel, im Ori­gi­nal „Dun­aj v Ame­ri­ke“, der nicht wie sei­ne deut­sche Ver­si­on auf den be­kann­ten Klas­si­ker Aga­tha Chris­ties an­spielt, evo­ziert Hvor­ecky ei­nen Wett­kampf. Des­sen Ver­lauf, die Kon­tra­hen­ten, ih­re Auf und Ab, er­zählt er mit vie­len Ne­ben­strän­gen, nicht oh­ne ein ful­mi­nan­tes Show­down aus­zu­spa­ren.

Der von der Ro­bert Bosch Stif­tung Grenz­gän­ger ge­för­der­te Ro­man ist bei Tro­pen/­Klett-Cot­ta er­schie­nen und von Mi­chal Sta­va­ric aus dem Slo­wa­ki­schen über­setzt.

In­ter­views und wei­te­re De­tails zum Ro­man fin­den sich auf dem Blog des Au­tors zum Buch.

Mi­chal Hvor­ecky, Tod auf der Do­nau, übers. v. Mi­chal Sta­va­ric, Tro­pen/­Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2012

Zwischen Kanälen und Karpfenluftmatratzen

In „Fische füttern” erzählt Fabio Genovesi vom Erwachsenwerden in der italienischen Provinz

Zu­ge­ge­ben we­der Sport­fi­schen noch Rad­ren­nen zäh­len zu den mich en­thu­si­as­mie­ren­den Be­schäf­ti­gun­gen, den­noch ha­be ich „Fi­sche füt­tern“ des ita­lie­ni­schen Au­tors Fa­bio Ge­no­ve­si ger­ne ge­le­sen. Auch die­ser Ro­man wid­met sich dem Lieb­lings­the­ma der dies­jäh­ri­gen Li­te­ra­tur, dem Er­wach­sen­wer­den.

Die gan­ze Ebe­ne ist von Ka­nä­len durch­zo­gen, Was­ser­grä­ben, die al­le mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie füh­ren mehr oder we­ni­ger das­sel­be Was­ser, sind schnur­ge­ra­de, schmal, voll Schlick und mit Schilf an den Ufern. Da­zwi­schen die Fel­der, auf de­nen nichts Grü­nes wächst. Tat­säch­lich spre­chen man­che von den „Ka­nä­len”, an­de­re vom „Ka­nal”. Wenn man je­des Teil­stück für sich nimmt, sind es vie­le, aber von oben be­trach­tet ist es ein rie­si­ges dunk­les Netz, das wie ein schwar­zes Git­ter über dem Ort und der Land­schaft liegt.“

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem klei­nen Dorf in der von Ka­nä­len durch­zo­ge­nen Ebe­ne na­he Pi­sa. Ge­no­ve­si nennt sei­nen fik­ti­ven Hand­lungs­ort Muglio­ne, was wie er auf sei­nem Blog er­läu­tert mit Mur­meln, Brum­men, Rau­schen über­setzt wer­den kann. Muglio­ne exis­tiert al­so nicht, aber zahl­lo­se Or­te, die ihr Schick­sal mit ihm tei­len. Sie ha­ben we­der ih­ren Be­woh­nern noch Tou­ris­ten viel zu bie­ten, aber trotz­dem ei­nen spe­zi­el­len Reiz. Si­cher hat mir die­se Ge­schich­te auch ge­fal­len, weil ich das Buch in ei­nem ganz ähn­li­chen ita­lie­ni­schen Pro­vinz­nest ge­le­sen ha­be. Wäh­rend al­ler­dings dort noch zwei Bars als dörf­li­che Treff­punk­te dien­ten, so muss­te die ein­zi­ge Bar Muglio­nes schlie­ßen. Der Be­sit­zer war auf der Wild­schwein­jagd ver­un­glückt. Ein Trau­er­fall, be­son­ders für sei­ne vor­wie­gend äl­te­ren Stamm­kun­den. Sie fin­den je­doch bald ei­nen Er­satz­treff­punkt auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Dort hat vor kur­zem un­ter der Lei­tung von Ti­zia­na der Ju­gend­treff er­öff­net. Ti­zia­na ist nach dem En­de ih­res Stu­di­ums in ih­ren Ort zu­rück­ge­kehrt, sie möch­te et­was für ihn tun und vor al­lem den Ju­gend­li­chen ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben. Zu die­sen zählt der 19-jäh­ri­ge Fio­ren­zo und wie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen denkt er gar nicht dar­an den Ju­gend­treff zu be­tre­ten. Er trifft sich lie­ber mit den Jungs sei­ner Band, Me­tal De­vas­ta­ti­on. Ge­mein­sam träu­men sie vom gro­ßen Durch­bruch auf dem kom­men­den Rock­fes­ti­val in Pon­te­de­ra. Die rea­len Din­ge des Le­bens, Schu­le und Fa­mi­lie schei­nen Fio­ren­zo ab­han­den ge­kom­men. Vor al­lem die Be­zie­hung zu sei­nem Va­ter, mit dem er seit dem Tod der Mut­ter al­lei­ne aus­kom­men muss. Die­ser be­sitzt den ein­zi­gen An­gel­la­den  in Muglio­ne, das Ma­gic Fi­shing. Sei­ne zwei­te Lei­den­schaft ge­hört dem Rad­sport. Als Ju­gend­trai­ner gilt sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit dem vier­zehn­jäh­ri­gen Mir­ko aus dem Mo­li­se. Un­ter skur­ri­len Um­stän­den hat­te er ihn dort ent­deckt und für sei­nen Ver­ein an­ge­wor­ben. Mir­ko wohnt nun in Fio­ren­zos Zim­mer, das die­ser un­ter Pro­test ge­gen das Hin­ter­zim­mer im Ma­gic Fi­shing ge­tauscht hat. Dort schläft er auf Sä­cken vol­ler Fisch­kö­der und träumt von der Zu­kunft.

Ich lag mit of­fe­nen Au­gen im Dun­keln, und es wur­de im­mer lau­ter. Zum Glück fing ab und zu der Kühl­schrank an zu brum­men, oder ein Au­to fuhr vor­bei und über­tön­te es kurz. Aber dann kam es wie­der, ein gleich­för­mi­ges Rau­schen, ver­mischt mit ei­nem leich­ten Krat­zen. Mil­lio­nen Wür­mer und Mil­li­ar­den Füß­chen schar­ren die gan­ze Nacht im Dun­keln in ih­ren klei­nen Kis­ten und su­chen nach ei­nem Aus­weg, den es nicht gibt.“

Was wie der un­spek­ta­ku­lä­re All­tag ei­ner Dorf­ju­gend klingt baut Ge­no­ve­si zu ei­ner span­nen­den Ge­schich­te aus, der es al­ler­dings nicht an nach­denk­li­chen Mo­men­ten fehlt. Er über­rascht mit un­er­war­te­ten Wen­dun­gen und amü­siert mit skur­ri­len De­tails. Wir er­fah­ren, wie die nächt­li­chen Ge­räu­sche von Fisch­fut­ter zu Ge­dan­ken an den To­de füh­ren kön­nen oder ge­fälsch­te Por­no­bil­der zu ei­nem Auf­trag für den Va­ti­kan. In sprit­zi­gen Dia­lo­gen ver­mag Ge­no­ve­si auf sehr ita­lie­ni­sche Art mit Iro­nie und Ge­fühl Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten sei­ner Fi­gu­ren zu schil­dern. Er be­glei­tet sie auf ih­rer Su­che nach den Din­gen, die sie wirk­lich tun möch­ten, selbst­be­stimmt oh­ne die Er­war­tun­gen der an­de­ren er­fül­len zu müs­sen.

Wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che The­men wie Mi­gra­ti­on, Spit­zen­sport und Jour­na­lis­mus wer­den kri­tisch an­ge­spro­chen. Ei­nen gro­ßen Raum nimmt die sehr le­ben­dig er­zähl­te Er­fah­rung der ers­ten Lie­be und Se­xua­li­tät ein.

Aber dies ist nicht nur ein Ro­man­zo di For­ma­zio­ne, der die Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten der jun­gen Ge­nera­ti­on auf­greift. Ge­no­ve­si zeigt in ihm sei­ne Lie­be zur Hei­mat und sei­ne Lei­den­schaf­ten. Das Ge­dicht Der Re­gen im Pi­ni­en­hain des ita­lie­ni­schen Li­te­ra­ten Ga­brie­le D’Annunzio wird durch Fio­ren­zos In­ter­pre­ta­ti­on zum Lie­bes­bo­ten und kul­mi­niert in ei­ner ge­träum­ten Pro­phe­tie.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel Esche vi­ve, Le­ben­de Kö­der. Die spie­len ganz kon­kret als Schlaf­stät­te im Ma­gic Fi­shing, aber auch im über­tra­ge­nen Sin­ne ei­ne Rol­le. Doch ich will nicht zu viel ver­ra­ten.

Der Au­tor Fa­bio Ge­no­ve­si, der in sei­nem Blog Esche vi­ve viel von sich und sei­nem Buch be­rich­tet, macht sei­ne Pas­sio­nen zu den Ge­gen­stän­den des Ro­mans. Er schreibt nicht nur Bü­cher und Thea­ter­stü­cke, son­dern auch für Mu­sik­jour­na­le. Au­ßer­dem ist er  Sport­ang­ler, Rad­sport­trai­ner und in­ter­es­siert sich für Hor­ror­fil­me.

Er kennt sich al­so aus mit den The­men des Le­bens.

Ein Un­ter­hal­tungs­ro­man mit Sub­stanz und viel Ita­lia­ni­tà, in dem nicht nur Ju­gend­li­che noch et­was ler­nen kön­nen.

Fa­bio Ge­no­ve­si, Fi­sche füt­tern (Esche vi­ve), über. v. Ri­ta Seuß u. Wal­ter Kög­ler, Lüb­be, 1. Aufl. 2012

Das Leben ein Glück?

Anna Katharina Hahn schildert in „Am Schwarzen Berg“ gegensätzliche Lebenserwartungen

War­um kann man nicht ein­fach nur da­sein? Bü­cher le­sen? Vö­gel be­ob­ach­ten und rum­spa­zie­ren?“(Pe­ter)

…sie haß­te die­se Ty­pen, ih­ren Ge­stank, aus dem sie all die Schreck­lich­kei­ten an­weh­ten, die pas­sie­ren konn­ten, wenn man sich nicht zu­sam­men riß, die schmut­zi­gen Ar­ten von Ar­mut und Ver­sa­ger­tum.“ (Mia)

Wie schon ihr vor­he­ri­ger Ro­man „Kür­ze­re Ta­ge“ spielt An­na Ka­tha­ri­na Hahns neu­es Buch in Stutt­gart. Zeit­ge­mäß spielt er zwi­schen gu­ten und schlech­te­ren Wohn­ge­gen­den, zwi­schen Baum­schüt­zern und Bi­blio­theks­be­nut­zern. Das be­son­de­re Au­gen­merk gilt drei Paa­ren, Mia und Pe­ter, Emil und Ve­ro­ni­ka, Cla­ra und Ha­jo. Sie sind durch den aus der Bahn ge­wor­fe­nen Pe­ter an­ein­an­der ge­bun­den und blei­ben trotz­dem auf sich al­lein ge­stell­te Ein­zel­we­sen. Je­der muss auf sei­ne Wei­se mit dem Le­ben zu­recht kom­men.

Die Ein­gangs­sze­ne zeigt Pe­ter, die Kern­per­son des Ge­sche­hens, als ge­bro­che­nen Mann. Von Frau und Kin­dern ver­las­sen, macht ihn die De­pres­si­on er­neut zum Kind, das fol­ge­rich­tig ins el­ter­li­che Haus zu­rück ge­holt wird. Der Nach­bar und eins­ti­ge Zieh­va­ter Emil Bub be­ob­ach­tet dies und fühlt sich eben­so hilf­los wie Pe­ter. Auf die­sen be­saß er einst gro­ßen Ein­fluss. Emil präg­te Pe­ters ro­man­ti­sche Lie­be zur Na­tur und führ­te ihn an sein Idol Mö­ri­ke her­an, dem Hahn in viel­fäl­ti­ger Wei­se in ih­rem Ro­man Re­ve­renz er­weist. Auch Emil sieht trotz Leh­rer­kar­rie­re und Paar­be­zie­hung sei­ne Er­war­tun­gen an das Le­ben nicht er­füllt. Dar­auf deu­tet sei­ne Ab­hän­gig­keit vom Al­ko­hol, der auch von Ve­ro­ni­ka ge­schätzt wird. Die un­kon­ven­tio­nel­le, kin­der­los ge­blie­be­ne Bi­blio­the­ka­rin, kann so leicht nichts be­ein­dru­cken, le­dig­lich da­mals das Kind Pe­ter und heu­te die ge­bil­de­ten Pen­ner, die sich win­ters in der Bi­blio­thek zwi­schen und an den Bü­chern wär­men.

Ne­ben die­sem ei­gen­wil­li­gen Paar woh­nen die Raus, Pe­ters El­tern. Car­la, die für­sorg­li­che Über­mut­ter und der viel­be­schäf­tig­te Arzt Ha­jo, wel­cher sich kli­schee­ge­mäß mehr an­de­ren Men­schen als der ei­ge­ne Fa­mi­lie wid­met. Als Pe­ter selbst Va­ter wird be­schließt er, es an­ders zu ma­chen. Ganz das Ge­gen­bild sei­nes Va­ters ver­zich­tet er zu­guns­ten sei­ner klei­nen Söh­ne auf Kar­rie­re. Bei sei­ner Freun­din Mia, die ein gro­ßes fi­nan­zi­el­les Si­cher­heits­be­dürf­nis ver­spürt, er­zeugt dies je­doch Ängs­te. In Ar­mut auf­ge­wach­sen, wünscht sie sich von Pe­ter, dem Arzt­sohn, ge­re­gel­te fi­nan­zi­el­le Ver­hält­nis­se für die Fa­mi­lie. Pe­ter kann­te kei­ne ma­te­ri­el­len Nö­te, von vier Er­wach­se­nen ver­wöhnt, auch mit Lie­be und Ge­bor­gen­heit, scheint er nun die Chan­cen, die sich ihm bie­ten, nicht er­grei­fen zu wol­len. Mia hin­ge­gen wuchs oh­ne den tür­ki­schen Va­ter al­lei­ne bei ih­rer deut­schen Mut­ter auf, die mit Put­zen das Nö­tigs­te ver­dien­te.

Wie die­se ver­schie­de­nen Ur­sprungs­wel­ten un­ter­schied­li­che Ent­wür­fen und In­ter­pre­ta­tio­nen des Le­bens be­din­gen, führt Hahn in ih­rem Ro­man ein­drück­lich aus. Sie stellt Fra­gen nach Schuld und Ver­ant­wor­tung und lässt sie rea­lis­tisch un­be­ant­wort­bar. Zu­gleich zeigt sie aber auch an klei­nen Bei­spie­len die un­über­brück­ba­ren Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten. So ist die Zweit­nut­zung ei­ner Eis­ver­pa­ckung als Brot­do­se für Mia ei­ne Er­in­ne­rung an die ar­men Ver­hält­nis­se der Mut­ter, für Pe­ter hin­ge­gen um­welt­be­wuss­tes Ver­hal­ten. Er, der mit Ra­gout fin auf­ge­wach­sen ist, legt kei­nen Wert auf Ma­te­ri­el­les, wäh­rend Mia, de­ren Ra­gout fin aus Wurst­gu­lasch be­stand, von be­schei­de­nem Wohl­stand träumt.

Hahn schil­dert in ih­rem Ro­man ver­schie­de­ne Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gien ver­schie­de­ner Men­schen. Je­der ih­rer Prot­ago­nis­ten, die sie als Ein­zel­per­so­nen mit je­weils un­ter­schied­li­chem Glücks­an­spruch cha­rak­te­ri­siert, wird im Lau­fe der Ge­schich­te ein­mal zur Haupt­fi­gur. „Am schwar­zen Berg“ zeigt viel­schich­ti­ge Pro­ble­me und dies äu­ßerst kurz­wei­lig und bis­wei­len trotz der The­ma­tik auch amü­sant. Nicht zu­letzt dann, wenn sich die­ser Stutt­gar­t­ro­man in die Ca­fe­te­ri­en be­kann­ter Bi­blio­the­ken oder in die Zelt­städ­te der S21-Baum­schüt­zer wagt.

Edu­ard Mö­ri­ke taucht nicht nur als ro­man­ti­sches Dich­ter­idol von Emil Bub und des­sen Zög­ling Pe­ter auf. Er ist auch mit sei­nen Ge­dich­ten in die­sem Ro­man ge­gen­wär­tig. Den Bio­gra­phen Carl Fri­do­lin Wein­stei­ger wird man ver­geb­lich su­chen, von Her­mann Lenz las­sen sich je­doch ei­ni­ge Wer­ke fin­den, die sich auf Mö­ri­ke be­zie­hen.

Die größ­te Ehr­er­bie­tung an die­sen Dich­ter der Ro­man­tik hat Hahn je­doch durch die Fi­gur der Ma­ria Mia Mül­ler ge­schaf­fen. In Bio­gra­phie und Er­schei­nungs­bild ist sie ein Zi­tat der Ma­ria May­er, ei­ner dun­kel­haa­ri­gen Schön­heit mit brau­nen Au­gen und ei­nem Hang zum Steh­len, der Mö­ri­ke in sei­ner Ju­gend ver­fal­len war und die er in sei­nen Pe­re­gri­na Ge­dich­ten ver­ewig­te.

Vom Raum mit Riss zum Raum der Freundschaft

Ich nannte ihn Krawatte“ Milena Michiko Flasar erzählt von Formen der Ausgrenzung

Un­se­re Freund­schaft war der grö­ße­re Raum, in den ich ein­ge­tre­ten war. Sei­ne Wän­de hat­te ich mit den Bil­dern de­rer ta­pe­ziert, von de­nen wir ein­an­der er­zählt hat­ten.…“

Ei­gent­lich woll­te ich die­sen Band aus dem Wa­gen­bach-Ver­lag zu­nächst nicht le­sen. Die Ja­pan­be­geis­te­rung ist mei­ne Sa­che nicht und die Koi-Karp­fen auf dem Ti­tel schie­nen kli­schee­haf­te Vor­stel­lun­gen bes­tens zu be­die­nen. Doch die Be­geis­te­rung, die ich so­wohl in Buzz­al­d­rins Blog wie auch bei der Le­se­lust fand, mach­te mich neu­gie­rig. Vor al­lem dar­auf, in­wie­fern das ja­pa­ni­sche Phä­no­men der Hi­ki­ko­m­ori über­trag­bar auf eu­ro­päi­sche Ge­sell­schafts­er­schei­nun­gen sei. Die in Wien le­ben­de Au­torin, Toch­ter ei­ner Ja­pa­ne­rin und ei­nes Ös­ter­rei­chers, gibt in ih­rem Ro­man auf die­se Fra­ge ei­ne Ant­wort.

Sie er­zählt dar­in von Hi­ro, ei­nem jun­gen Mann, der seit zwei Jah­ren sein Zim­mer im Haus der El­tern nicht ver­las­sen hat. Aus Ekel vor der Welt, vor den An­de­ren und vor al­lem vor sich selbst ver­wei­gert er sich al­lem. Auch der Ab­len­kung. Er will für sich sein, nie­man­dem be­geg­nen, kei­nem Blick­kon­takt aus­ge­setzt sein. Sein ein­zi­ger ein­sa­mer Blick fällt auf ei­nen Riss in der Wand. „Hin­ter ge­schlos­se­nen Au­gen hat­te ich sei­ne ge­bro­che­ne Li­nie nach­ge­zeich­net. Sie war in mei­nem Kopf ge­we­sen, hat­te sich dar­in fort­ge­setzt, war mir ins Herz und die Adern ein­ge­gan­gen.“

Ei­nes Ta­ges wagt er sich den­noch hin­aus, druch­bricht den selbst­ge­schmie­de­ten Kä­fig und schafft es bis in den Park. Dort auf der Bank bei der Ze­der, wo er einst als klei­nes Kind ne­ben sei­ner Mut­ter saß, dort hält er sie aus, die Bli­cke und An­bli­cke der An­de­ren. Kaum er­träg­lich wird es ihm je­doch als die Bank ge­gen­über von ei­nem Ge­schäfts­mann, ei­nem die­ser Kra­wat­ten­trä­ger, be­setzt wird. Des­sen Seuf­zen ent­larvt ihn als Le­bens­mü­den, Hi­ro dul­det das Ge­gen­über ei­nes Gleich­ge­sinn­ten. Tag für Tag ver­brin­gen sie dort auf den Bän­ken. Vom scheu zu­ge­nick­ten Gruß bis zu ge­gen­sei­ti­gen Ge­ständ­nis­sen ent­steht schließ­lich Nä­he. Sie, die an der Er­war­tungs­hal­tung der An­de­ren und ih­rer ei­ge­nen fast zu Grun­de ge­gan­gen wä­ren, kom­men ins Ge­spräch und er­le­ben wie ih­re Be­geg­nung zu Ver­än­de­run­gen führt. Ih­re Er­fah­run­gen mit dem An­ders­sein, dem in­ne­ren, dem so­zia­len, dem phy­si­schen, be­din­gen das Ver­hal­ten. Sie sind al­le Hi­ki­ko­m­ori, denkt Hi­ro an ei­ner Stel­le. Zu vie­le wäh­len den Rück­zug, den ver­deck­ten, den zeit­wei­sen oder den fi­na­len.

Trotz der The­ma­ti­sie­rung der Ver­ein­ze­lung in un­se­rer Ge­sell­schaft, die viel­leicht für die ja­pa­ni­sche noch stär­ker gel­ten mag, aber mir trotz­dem uni­ver­sal er­scheint, hat Fla­sar kein be­drü­cken­des Buch ge­schrie­ben. In ih­rer kla­ren Spra­che schil­dert sie un­pa­the­tisch und in prä­gnan­ten Sät­zen wie Freund­schaft ent­steht. In kur­zen Ka­pi­teln, die uns die Er­in­ne­rungs­mo­men­te der bei­den Prot­ago­nis­ten nä­her brin­gen, be­geg­nen wir die­ser An­nä­he­rung. Der schma­le aber schö­ne Ro­man en­det mit dem ANFANG, dort­hin kehrt man ger­ne noch ein­mal zu­rück um aber­mals die­ses Buch voll wah­rer Sät­ze zu le­sen.

 

Mi­le­na Mi­chi­ko Fla­sar, Ich nann­te ihn Kra­wat­te, Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, 1. Aufl. 2012