Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst augenblicklich ein. Spürst unter dir die träge Last der meterdicken Torfschwämme, den schweren, fetten Leib, der dich umarmt. Ich schließe dich ein, in Wasser, in Erde oder ein Gemenge aus beidem: feuchte Krume, zäher Wurzelfilz, verzweigte Adern über halbverrotteten Ästen wie Knochen, darunter das Herz der Tiefe, breiig, kalt pulsierend, noch vor zweihundert Jahren fürchteten mich die Fenndorfer als schwarzes, schleimiges Tier, das unter den Häusern lebt und ihre Kinder verschlingt.“

Mit dem Moor verbinden wir Geheimnis und Gefahr. Die Gedanken an Moorleichen, Zeugen längst vergangener Rituale, machen eine Wanderung über den Knüppeldamm zu einem unheimlichen Abenteuer. Was, wenn man vom Weg abkommt und versinkt? Muss man vermodern, wenn man sich nicht am eigenen Schopf wieder heraus ziehen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Unheimliches, es bietet Schutz, besonders den Lebewesen, die in der Zivilisation keinen Platz finden.

In diesem Biotop leben die Libellen, die Begleiter Dions, des 13-jährigen stotternden Protagonisten in Gunther Geltingers neuem Roman Moor. Das Moor ist nicht nur Dions Heimat, es ist „Metamorphosen im Moor“ weiterlesen

Teltower Krähen

Hartmut Lange erkundet in neuen Novellen die „Ewigkeit des Augenblicks“

Durch eine Leihgabe, für die ich nicht zuletzt durch diesen Blogbeitrag danken möchte, wurde ich auf einem mir bis dato unbekannten Schriftsteller aufmerksam, den am 31. März 1937 geborenen Schriftsteller und Dramaturg Hartmut Lange. Für sein literarisches Werk, Lange gilt als Meister der Novelle, erhielt er 2003 den Italo-Svevo-Preis.

Sein neues Buch „Das Haus in der Dorotheenstraße“ umfasst fünf Novellen, von denen nicht nur die titelgebende äußerst beeindruckt. Gemeinsam ist allen die Handlungsregion. Sie liegt im Südwesten Berlins am Teltowkanal und wird bis auf einzelne Straßennamen präzisiert. Allgegenwärtig ist außerdem die Melancholie. Sie „Teltower Krähen“ weiterlesen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Computer bringt mir alles ins Haus: Filme, Informationen, Neuigkeiten, Bücher, Theaterstücke, alles, was ich will. Ich muss nicht hinaus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein Interesse ist wie ein Schwamm. Es unterscheidet nicht nach der Farbe des Wassers, das es aufsaugt, oder ob es schmutzig ist oder sauber.”

Spannung, die anfangs subtil anklingt und sich dann in ungewöhnlichen Handlungsverläufen entwickelt, kennzeichnet das neue Buch von Markus Orths. Nach dem Roman Die Tarnkappe, der mir ausgesprochen gut gefallen hat, liegt nun im Schöffling Verlag ein Band mit acht meist längeren Erzählungen vor, die in ungeheuerlicher Art existentielle Fragen berühren.

In jeder seiner Geschichten wirft Orths seine Leser zunächst ins Ungewisse. Die Motive der Figuren erscheinen unklar, erst nach und nach werden Indizien aufgedeckt, die Handlung schlägt unerwartete Volten und endet selten mit einer eindeutigen Lösung. Der Ausgang ist eher eine Aufforderung weiter zu denken, begreifbar als Tür zwischen der Phantasie des Autors und der Vorstellung des Lesers.

Dies ist schon in der ersten Erzählung, Erich, Erich, erfahrbar. Ihr Protagonist „Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens“ weiterlesen

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwindel befallen weiß man nicht wo oben und unten. Ob links oder rechts, alles dreht sich, die Orientierung ist verwirrt, manchmal ganz und gar verloren. Als Schwindel werden auch Lügen bezeichnet, harmlose, lässliche. Sie offenbaren nicht jedem alles, bergen mindestens ein Geheimnis, sei es auch nur ein kleiner Trick. Aber wer kann schon ohne diese kleinen Tricks leben?  Sie dienen der Lebensbewältigung und nicht selten sind sie ein wichtiger Bestandteil des Metiers. Auch Schriftsteller bedienen sich als Illusionskünstler kreativer Schwindeleien, die nicht nur ihr Werk sondern auch ihre Person betreffen. Wenn auch der Großteil der Schreibkünstler inzwischen ihr öffentliches Ego als Bestandteil der Erfolgsstrategie begreift, so gibt es immer noch Autoren, die ihre Anonymität zu wahren wissen. Das Geheimnis um ihre Person scheint der Selbstschutz, ohne den keine Kunst entstehen kann.

So ergeht es auch Babro Andersson, kurz Babba, der Schriftstellerin in Kerstin Ekmans „Schwindlerinnen“. Von unattraktivem Äußeren bewegt sich die in einer Arbeiterfamilie großgewordene Babba unsicher zwischen Menschen. Als studierte Philologin bevorzugt sie die Gegenwart der Bücher. Sie arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei, auf deren Karteikarten sie ihre Schreibideen notiert. Als sie eines Tages aus diesen Einfällen eine Geschichte spinnt, schickt ihr Freund diese ohne ihr Wissen an eine Zeitschrift. Das Ablehnungsschreiben offenbart ihr nicht nur den Verrat, sondern ebenso die Erkenntnis, daß sie, Babba Andersson, so wie sie wirklich ist, niemals als Schriftstellerin zu Ruhm gelangen könne. Dazu sei sie nun mal einfach weder flott noch attraktiv genug. „Leute, die schriftstellernde Frauen rühmten, liebten dieses Wort. Frauen sollten flott schreiben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die andere Hauptfigur des Romans ins Spiel, Lillemor Troj. Sie erfüllt die aufgestellten Kriterien, weshalb Babba sie zur Stellvertreterin wählt. Sie wird ihr öffentliches Alias, unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht erscheint Babbas Literatur. Lillemor ist nicht nur äußerst vorzeigbar. Als Tochter aus gutem Haus weiß sie sich auf öffentlichem Parkett zu bewegen. Perfekt in Mode wie Manieren bewältigt sie den schriftstellerischen Smalltalk. Zudem tippt und redigiert sie, was Babba auf die Seiten des Spiralblocks schreibt. Lillemor achtet auf Logik und Struktur und spätestens, wenn beide Frauen die Ferienwochen in einer entlegenen Kate im Wald verbringen, wird Lillemor zu Babbas Co-Autorin.

Allerdings erfordert ihre gemeinsame Autorschaft immer stärkere Geheimhaltung. Nicht nur die Männer der beiden erweisen sich als Gefahr, auch ihre eigenen Mütter. Immer verdeckt vordergründig die Wahrheitsliebe die eigentlichen egoistischen Antriebe der Neugierigen. Dennoch gelingt es Beiden die Preisgabe ihres Tricks zu verhindern bis sie selbst zu Verrätern werden. In ihrem neuesten Romanentwurf enthüllt Babba die wahre Geschichte und sendet sie unter ihrem eigenen Namen an einen Verlag. Dieser vermutet Lillemor Troj hätte unter Pseudonym ihre Biographie verfasst und vermittelt den Text an deren Verlag, der wiederrum die vermeintliche Autorin damit konfrontiert.

Hier setzt „Schwindlerinnen“ ein. Wir lesen mit Lillemor Kapitel um Kapitel der ungeheuerlichen Wahrheit, die Babba Anderson in der Ich-Perspektive erzählt. Dazwischen erfahren wir, was Lillemor darüber denkt. Ihre Version schildert der allwissende Erzähler. Die Gegenüberstellung dieser beiden Wahrheiten erzeugt nicht nur den großen Reiz der Konstruktion, sondern auch eine Spannung, die durch den immerhin an die 500 Seiten starken Roman trägt. Kerstin Ekman, die in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird, und deren vollständiger Name Kerstin Lillemor Hjorth Ekman aus Gründen der Wahrheit nicht unerwähnt bleiben soll, hat einen umfangreichen Roman geschrieben. Immerhin schildert sie über sechzig Jahre eines erfolgreichen Autorinnenlebens oder besser dreier erfolgreicher Autorinnenleben, Babbas, Lillemors, wie ihr eigenes, welches in Facetten in denen ihrer Stellvertreterinnen aufscheint. Wie Lillemor wurde auch Ekman zum Mitglied der Schwedischen Akademie erkoren, besitzt also ausreichende Information um diesen Aspekt in ihrer Literaturbetriebssatire subtil auszuleuchten. Sie zeigt, wie nicht nur in diesem Gremium Preise vergeben und anhand welcher Kriterien Preisträger gemacht werden. In diesem letztendlich politischen Geschäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis, wird aber in diesem Roman sehr schön in Szene gesetzt. Gleichzeitig gelingt Ekman ein Gesellschaftspanorama, in dem sie ihre Heldinnen von den restriktiven Fünfzigern über die Alternativkultur der nachfolgenden Jahrzehnte bis in die heutige Zeit begleitet. In eine Zeit, in der das Lesen eines richtigen Buches zu einem subversiven Akt werden kann, vor dessen Folgen Babba Anderson warnt:

Literatur schädigt das Gehirn und vermindert die Fruchtbarkeit.“

Kerstin Ekman, Schwindlerinnen, übers. v. Hedwig Binder, Piper Verlag, 1. Aufl. 2012

Wenn Philosophieprofessoren nach Portugal pilgern

Stephan Thome erzählt in Fliehkräfte von einer verspäteten Midlife Crisis

Als ich zum ersten Mal von Stephan Thomes neuem Roman Fliehkräfte hörte, dachte ich unweigerlich an den älteren Roman des unter Pseudonym schreibenden Philosophieprofessors Peter Bieri. Beide schicken ihre Protagonisten in der Krise der späten Lebensmitte nach Portugal. Ihre Figuren sind der Philosophie nahe, der eine als Philosophie-Professor der Uni Bonn, der andere als Philosophie lesender Lateinlehrer in Basel. Sie versuchen beide aus ihrem Alltag zu fliehen. Einer mit dem Nachtzug, unterbrochen von Versatzstücken einer Pessoa-Adaption, der andere im Auto mit viel Zeit für Erinnerungen und für Besuche.

Während Nachtzug nach Lissabon eine in mancher Hinsicht anstrengende Lektüre darstellt, schildert Stephan Thome die Lebenssinnkrise anschaulich und angenehm lesbar. Seine Figur, Hartmut Hainbach, hat es trotz kleiner Verhältnisse in der hessischen Provinz zum Professor für Philosophie gebracht. Jetzt zweifelt er an dieser Karriere und an seinem bisherigen Leben. War alles nur „eine Parodie seiner Träume“?

Seine Tochter studiert in Spanien und meldet sich nur selten, seine Frau arbeitet in Berlin und ruft manchmal an. Beide haben sich von ihrem Versorger emanzipiert, sie sind aus dem Haus, in dem dieser noch lebt noch da zu im provinziellen Bonn. Das entbehrt nicht gewisser Ironie, die Thome auch in der Figur Hainbachs aufscheinen lässt.

Da macht eine vermeintlich zweite Chance Hainbach seine Unzufriedenheit bewusst. Vor der Entscheidung seine Professur zugunsten einer neuen Stelle im unsicheren Verlagswesen aufzugeben flieht Hainbach auf eine Reise. Sie führt ihn zunächst nach Paris, wo er Sandrine trifft, seine große Liebe während der Semester in Amerika. Später erreicht er einen Ort an der südfranzösischen Atlantik-Küste, wo ein ehemaliger Kollege und Freund, seine Professur gegen eine Strandbar eingetauscht hat.

Hainbach wägt die neuen Lebensmodelle der alten Freunde gegen sein eigenes ab, im Verlauf seiner ihn ausgerechnet nach Santiago de Compostela führenden Sinnsuche begegnen ihm noch weitere. Auch seine Rückblicke erzählen von Personen, die völlig anders leben als er. Hainbach denkt an die „kleine, dumme Ruth“, seine jüngere Schwester, der in der hessischen Heimat mit Mann, Haus und Zwillingen ein für ihn kaum nach vollziehbares kleinbürgerliches Leben glückt. Einer dieser Neffen wählt später den geraden Weg mit akademischer Karriere, Ehe und Kind, während der andere das Abenteuer der wechselnden Chance sucht.

Wie Hainbach im Spiegel all dieser zurückliegenden und aktuellen Erfahrungen seine bisherige Lebensweise bewertet und ob es für ihn, für sein Glück eine zweite Chance gibt, davon handelt dieser Roman. Man kann ihn auch als Abbild der momentanen gesellschaftlichen Verhältnisse lesen. Über die Krise der mies gelungenen Universitätsreform, der des Verlags- und Kulturwesens insgesamt, über die schwierige Stellung der Geisteswissenschaften im Gegensatz zu neuen Praxis nahen Studienfächern, greift Thome auch das Thema transnationaler Familien und offen gelebter gleichgeschlechtlicher Liebe auf. Wie bereits in seinem ersten Roman Grenzgang spielen Heimat und Fremde eine Rolle. Auch der Rückblick auf die Deutsche Vergangenheit fehlt nicht. Vielleicht ein bisschen viel für einen knapp fünfhundert Seiten langen Roman, der mich zwar während der Lektüre keine Längen verspüren, aber dennoch indifferent ließ.

Vielleicht lag es daran, wie die Figur Hainbach die Frauen seines Lebens beurteilt. Sofern es sich um Hausfrauen handelt, werden sie als treusorgend, lieb aber dumm dargestellt, so schätzt er seine Mutter und Schwester, aber auch die portugiesische Schwiegermutter ein. Auch der geliebten Tochter droht, kaum der väterlichen intellektuellen Sphäre entronnen, seiner Ansicht nach, die Dominanz der lesbischen Lebensgefährtin und geistige Verflachung. Diese erlitt einst auch seine Frau, die als desperate Housewife hospitalisiert ihrem Hirn nur noch die Schicksale ihrer Serienschwestern zumuten konnte. Die Verblüffung des Philosophieprofessors über die Entdeckung des Videoverstecks seiner Gattin mag noch verständlich sein, es aber auf den letzten Seiten der Selbstsuche zum schockierenden Erlebnis einer langjährigen Ehe zu stilisieren, wirkt unfreiwillig komisch.

Das Ende bleibt offen und so besteht für Hainbach die Chance sich trotz Professorenbürde einmal locker zu machen, notfalls mit einem zweiten Joint, und für Maria trotz Erwerbslosigkeit mal ein gutes Buch zu lesen, notfalls ein weniger gutes.

Stephan Thome befindet sich mit Fliehkräfte auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2012, es besteht Aussicht auf den Gewinn.

Stephan Thome, Fliehkräfte, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl. 2012

Herz am falschen Fleck

Fabelhafte Konfabulationen in Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss

Ja, werfen Sie noch einen letzten Blick zurück, schauen Sie nur, Doktor, da oben haben wir Hyperboreer gelebt, in azurner Einsamkeit, in Höhen, die kein Vogel je erflog, auf dem Dach der klinischen Welt, um Erlösung vom Ekel zu finden. Und ist es nicht schön, dass dieses Dach zugleich auch schon das ganze Haus, pardon die ganze Welt war?“

Dieser Satz, der gegen Ende fällt, formuliert das Setting des Romans. An einem enthobenen Ort, einer als Wellness-Ashram getarnten psychiatrischen Klinik, leben Patienten und Ärzte in eigentümlicher Symbiose. Abgeschottet von der übrigen Welt, sofern sie noch existiert, verbringen sie ihre Tage nach salutorischen Maßstäben. Yoga steht auf der Tagesordnung ganz oben, die Laufbänder im hellrosa Ambiente eines Oktagons. Abends wird stilvoll gespeist, tagsüber beruhigen sich die Betreuten mit Rhabarber-Opium, die Betreuer mit einer Zigarette. Zwischen dem Sport, wird Stimmenhören oder Sex verordnet. Falls es gar nicht mehr geht, begibt man sich zwecks Inspektion zum Kernanatom oder direkt auf die letzte Reise.

In dieser Welt doktert Franz von Stern. Ganz auf sich allein gestellt ist er allerdings nie. Sein steter Begleiter ist ein Referent, Ergebnis eines implantierten Über-Ichs, ein persönlicher Regulator, der den geordneten Betrieb durchführt. Dieser soll die Erstarkung des alten Egos mit allen seinen Erinnerungen verhindern, während Stern doch gerade darin herumwühlt um einen guten ersten Satz für den von der Klinikleitung geforderten Eigenbericht zu finden.

Angelika Meier schildert in ihrem zweiten Roman eine Gesundheitsdystopie, deren Bewohner nicht nur medizinisch überwacht und durchleuchtet werden. Dies unternimmt die promovierte Philosophin auf äußerst anregende Weise. Querverweise und Zitate aus allen Bereichen der Kulturgeschichte fordern den Leser und bereiten großes Lesevergnügen.

Bereits die Namen der anwesenden Götter in Weiß amüsieren. Wenn Dr. Tulp, „der beste Kernanatom der klinischen Welt“, den Brustkorb zum Mediatorcheck öffnet, fühlt man sich unweigerlich in die Haarlemer Anatomie versetzt, die Rembrandt einst abbildete. Rembrandts Tulp seziert einen Toten, auch die Körper unter dem Skalpell von Meiers Tulp haben kaum noch Leben in sich. Die gebrochenen Herzen wurden zwischen Därme gebettet und durch ein Mediator-System ersetzt.

Lediglich bei Stern scheint dieses nicht mehr rund zu laufen, er träumt sogar sein früheres Leben. Verstärkt wird dies durch die Begegnung mit einer neuen, ambulanten Patientin, die er als seine frühere Frau erkennt. Grund ihrer Einweisung ist eine akute mangelnde Gesundheitseinsicht und ein durch und durch sympathisches Nervensystem. Nach und nach werden auf dem Klinikhügel weitere Familienbande erkennbar, Sohn, Großvater und Großmutter, die reinste Idylle. Doch dieser will Stern entfliehen, weil sie eben nicht gelebt werden kann.

Angelika Meiers Roman stellt für mich die komplexeste Lektüre seit langem dar. In der Anlage ihrer schizoid anmutenden Figur Stern ergibt sich eine doppelte Erzählperspektive. Mal berichtet der Referent, mal fühlt und erinnert der wahre Stern. So entstehen  Rückblenden, in denen sich vermeintlich real Geschehenes mit surreal wirkenden Szenen vermischt. Meiers Sprache ist geistreich und fabelhaft formuliert. Mit mannigfaltigen Referenzen setzt sie ihre Satiren in absurdes Licht. Dies fordert und amüsiert zugleich. Kursiv gesetzt finden sich Zitate von Augustinus, der Bibel, Marx, Puschkin, Rilke und anderen. Mit Arno Schmidt kalauert sie Goethes Italiensehnsucht zu Gen-italien. Eine besondere Referenz erweist die Autorin Gottfried Benn. Sie zitiert nicht nur viele seiner Werke, seiner Novelle Gehirne scheinen die hoch oben gelegene Klinik und der junge Arzt entlehnt.

Meier entwickelt in ihrer Dystopie eine ungeheure Vielfalt an Handlungs- und Wortideen. Zwischen Hallodriegedächtnis und Himmelwasserblau vermischt sie irrwitzigen Medizinjargon mit Therapeutengefasel. Ein schöner Spott über den heilbringenden Gesundheitsglauben und seine Jünger. Er stößt jedoch im Lachen bereits so bitter auf wie zu viel Opium-Rhabarber-Saft. Dieser galt übrigens anno 1814 als Mittel gegen die Ruhr.  Darüber kann man bei der Recherche lachen, vorher, also während des Lesens lacht man laut und garantiert über die Quallenpest der Aquagymnastik und den am Beckenrand vorturnenden Arzt. Erst recht über Pfleger Pflügers Fußreflexzonen Fellatio. Sowie schließlich und endlich über die grünschwarz tätowierten schlangengleichen Arme des Schlafforschers und Wachoffiziers Dr. Dankevicz, der seine wahre Berufung in der Phallologie fand.

Eine klitzekleine Kritik habe ich dennoch an diesem Buch, welches ich sicherlich noch einmal lesen werde, da ich längst nicht alles verstanden habe. Asklepios, der griechische Gott der Heilkunst, und somit in diesem Roman gut platziert auf S. 32, besaß zwar den Stab mit der Schlange, eigentlich war er ja selbst eine, aber ganz bestimmt wurde er nicht mit seinen beiden Söhnen, die er nicht besaß, von Schlangen erwürgt. Das war Laokoon, den Asklepios hat Zeus blitzschnell erledigt mit einem Schlag.

Angelika Meier, Heimlich, heimlich mich vergiss, diaphanes, Zürich, 1. Aufl. 2012
 

Vorläufiges Verzeichnis der Zitate

 

Donau vs. America

 In „Tod auf der Donau“ schildert Michal Hvorecky eine handlungsreiche Donauflussfahrt

Nicht nur in der Slowakei sind die Verdienstmöglichkeiten literarischer Übersetzer rar und schlecht. Dies treibt manchen Jungakademiker unter ein berufsfernes, aber pekuniär einträgliches Joch jenseits seines geistigen Niveaus. Auch Martin Roy, der Protagonist in Michal Hvoreckys Donauroman, ist trotz beruflicher Erfolge gezwungen einen derartigen Job anzunehmen. Dieser bringt Geld, ihn jedoch oft genug an den Rand seiner Geduld. Anstatt sich um Worte und Intentionen von Dichtern zu kümmern, bindet er nun Banausen Bären auf den Wohlstandsbauch. Ist Martin der Fährmann über den Acheron? Jede Menge Todgeweihter nimmt er in seinen Nachen auf und lässt sich dies in Münze und guten Bewertungen vergelten. Nur das sichert seinen Posten. Seine wahren Passionen verleugnet er professionell und verdingt sich als Kreuzfahrtknecht. Freundlichst zu Diensten, jederzeit ein exzellent säuselnd, organisiert und erklärt er, hilft weiter, auch wo es kaum mehr geht, besorgt übergewichtigen Behinderten helfende Hände für die Triebabfuhr und erläutert den Ahnungslosen verblüffende Fakten.

Martin, bitte, was ist Barock? Die Frau Reiseführerin hat es einige Male erwähnt“, fragt Jeffrey und beugt sich über den Schalter.

Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen. Das habt ihr in Amerika nicht.“

Wirklich nicht?“

Barock war eine italienisch-politische Diktatur, die noch vor der Gotik in Europa herrschte. Sehr böse, obskur und gefährlich!“

Gut, dass wir das in Amerika nicht haben! So was brauchen wir auch nicht. Was wir jetzt brauchen ist eine gute Wirtschaftslage und Ordnung.“

Sein Sarkasmus scheint die einzige Notwehr gegen die verordnete zuckersüße Freundlichkeit. Diese stößt ihm jedoch umso bitterer auf je länger die Reise von Regensburg bis zum Schwarzen Meer dauert. Auch unter der Besatzung fühlt sich Martin fremd.

An Bord lebte Martin in einer Männergesellschaft. Von morgens bis abends atmete er eine Luft, die mit Männergerüchen gesättigt war. Er gewöhnte sich an ihre Gesten, den schnellen Gang, die verrauchten Stimmen und versoffenen Augen. Die meisten mochte er auch auf gewisse Art und Weise, allerdings war dies mehr eine Zweckgemeinschaft, ihm blieb gar nichts anderes übrig, er wollte nicht verrückt werden.“

Einzig der Fluss, die Donau, entschädigt ihn. Sie verströmt eine Anziehung, die er seit seiner Kindheit in Bratislava gespürt hat.

Die Donau erinnerte an eine lang gezogenen Schlange, deren Kopf im Schwarzen Meer lag, ihr Körper breitete sich über den gesamten Kontinent aus, und die Schwanzspitze verlor sich irgendwo im Schwarzwald. Der Fluss faszinierte ihn. Dorthin musste er mal fahren! Die Schlange hatte ihn fasziniert.“

Martin taucht ein in die Erinnerungen an seine Kindheit in Bratislava, sein Versteck an der Uferböschung, seine Liebe zum Fluss und zu einer Frau. Genau diese erscheint plötzlich an Bord, Mona, die Martin noch mehr demütigte als seine Passagiere es je vermögen, und deren vitale Erotik auf diesem Greisenschiff keinen unpassendere Bühne hätte finden können. Sie löst nicht nur in Martin ein Chaos aus. Ihr Handeln führt ins Absurde, ist unberechenbar und gefährlich wie die Strudel der Donau.

Doch die MS America hält unbeirrbar ihren Kurs seit Regensburg, der Stadt mit der Steinernen Brücke an den drei Flüssen, die sehr wohl weiß, was Barock bedeutet. Auf all ihrer schönen Geschichte prangt jedoch ein Makel, dem Hvorecky im Verlauf seines Buches nachgeht, die Verfolgung der Juden. Die Donau spielt als Retterin wie als tödliches Verhängnis eine schicksalhafte Rolle. Es überzeugen die stillen historischen Mementi. Erschütternde Erinnerungen von Verfolgung und Angst, in denen die schöne, blaue Donau oft schwarz und hässlich wirkt.

Vielfältig sind auch die literarischen Zitate, darunter sei vor allem Donau, Biographie eines Flusses von Claudio Magris genannt.

Allerdings fragt man sich gegen Ende, ob die Morde nicht eher ein Nebenbei sind. Schließlich lösen sie sich zwar nicht in Wohlgefallen aber in elementarer Weise auf. Erfreulicher als die vereinzelten Schwarz-Weiß-Fotos wäre eine Donaukarte gewesen.

Doch das sind nur äußere Kritikpunkte an diesem erfrischend andersartigen Donauroman, dessen Lektüre fast jedem empfohlen sei.

Mit dem Buchtitel, im Original „Dunaj v Amerike“, der nicht wie seine deutsche Version auf den bekannten Klassiker Agatha Christies anspielt, evoziert Hvorecky einen Wettkampf. Dessen Verlauf, die Kontrahenten, ihre Auf und Ab, erzählt er mit vielen Nebensträngen, nicht ohne ein fulminantes Showdown auszusparen.

Der von der Robert Bosch Stiftung Grenzgänger geförderte Roman ist bei Tropen/Klett-Cotta erschienen und von Michal Stavaric aus dem Slowakischen übersetzt.

Interviews und weitere Details zum Roman finden sich auf dem Blog des Autors zum Buch.

Michal Hvorecky, Tod auf der Donau, übers. v. Michal Stavaric, Tropen/Klett-Cotta, 1. Aufl. 2012

Zwischen Kanälen und Karpfenluftmatratzen

In „Fische füttern” erzählt Fabio Genovesi vom Erwachsenwerden in der italienischen Provinz

Zugegeben weder Sportfischen noch Radrennen zählen zu den mich enthusiasmierenden Beschäftigungen, dennoch habe ich „Fische füttern“ des italienischen Autors Fabio Genovesi gerne gelesen. Auch dieser Roman widmet sich dem Lieblingsthema der diesjährigen Literatur, dem Erwachsenwerden.

Die ganze Ebene ist von Kanälen durchzogen, Wassergräben, die alle miteinander verbunden sind. Sie führen mehr oder weniger dasselbe Wasser, sind schnurgerade, schmal, voll Schlick und mit Schilf an den Ufern. Dazwischen die Felder, auf denen nichts Grünes wächst. Tatsächlich sprechen manche von den „Kanälen”, andere vom „Kanal”. Wenn man jedes Teilstück für sich nimmt, sind es viele, aber von oben betrachtet ist es ein riesiges dunkles Netz, das wie ein schwarzes Gitter über dem Ort und der Landschaft liegt.“

Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf in der von Kanälen durchzogenen Ebene nahe Pisa. Genovesi nennt seinen fiktiven Handlungsort Muglione, was wie er auf seinem Blog erläutert mit Murmeln, Brummen, Rauschen übersetzt werden kann. Muglione existiert also nicht, aber zahllose Orte, die ihr Schicksal mit ihm teilen. Sie haben weder ihren Bewohnern noch Touristen viel zu bieten, aber trotzdem einen speziellen Reiz. Sicher hat mir diese Geschichte auch gefallen, weil ich das Buch in einem ganz ähnlichen italienischen Provinznest gelesen habe. Während allerdings dort noch zwei Bars als dörfliche Treffpunkte dienten, so musste die einzige Bar Mugliones schließen. Der Besitzer war auf der Wildschweinjagd verunglückt. Ein Trauerfall, besonders für seine vorwiegend älteren Stammkunden. Sie finden jedoch bald einen Ersatztreffpunkt auf der anderen Straßenseite. Dort hat vor kurzem unter der Leitung von Tiziana der Jugendtreff eröffnet. Tiziana ist nach dem Ende ihres Studiums in ihren Ort zurückgekehrt, sie möchte etwas für ihn tun und vor allem den Jugendlichen eine Perspektive geben. Zu diesen zählt der 19-jährige Fiorenzo und wie seine Altersgenossen denkt er gar nicht daran den Jugendtreff zu betreten. Er trifft sich lieber mit den Jungs seiner Band, Metal Devastation. Gemeinsam träumen sie vom großen Durchbruch auf dem kommenden Rockfestival in Pontedera. Die realen Dinge des Lebens, Schule und Familie scheinen Fiorenzo abhanden gekommen. Vor allem die Beziehung zu seinem Vater, mit dem er seit dem Tod der Mutter alleine auskommen muss. Dieser besitzt den einzigen Angelladen  in Muglione, das Magic Fishing. Seine zweite Leidenschaft gehört dem Radsport. Als Jugendtrainer gilt seine besondere Aufmerksamkeit dem vierzehnjährigen Mirko aus dem Molise. Unter skurrilen Umständen hatte er ihn dort entdeckt und für seinen Verein angeworben. Mirko wohnt nun in Fiorenzos Zimmer, das dieser unter Protest gegen das Hinterzimmer im Magic Fishing getauscht hat. Dort schläft er auf Säcken voller Fischköder und träumt von der Zukunft.

Ich lag mit offenen Augen im Dunkeln, und es wurde immer lauter. Zum Glück fing ab und zu der Kühlschrank an zu brummen, oder ein Auto fuhr vorbei und übertönte es kurz. Aber dann kam es wieder, ein gleichförmiges Rauschen, vermischt mit einem leichten Kratzen. Millionen Würmer und Milliarden Füßchen scharren die ganze Nacht im Dunkeln in ihren kleinen Kisten und suchen nach einem Ausweg, den es nicht gibt.“

Was wie der unspektakuläre Alltag einer Dorfjugend klingt baut Genovesi zu einer spannenden Geschichte aus, der es allerdings nicht an nachdenklichen Momenten fehlt. Er überrascht mit unerwarteten Wendungen und amüsiert mit skurrilen Details. Wir erfahren, wie die nächtlichen Geräusche von Fischfutter zu Gedanken an den Tode führen können oder gefälschte Pornobilder zu einem Auftrag für den Vatikan. In spritzigen Dialogen vermag Genovesi auf sehr italienische Art mit Ironie und Gefühl Einstellungen und Verhalten seiner Figuren zu schildern. Er begleitet sie auf ihrer Suche nach den Dingen, die sie wirklich tun möchten, selbstbestimmt ohne die Erwartungen der anderen erfüllen zu müssen.

Wichtige gesellschaftliche Themen wie Migration, Spitzensport und Journalismus werden kritisch angesprochen. Einen großen Raum nimmt die sehr lebendig erzählte Erfahrung der ersten Liebe und Sexualität ein.

Aber dies ist nicht nur ein Romanzo di Formazione, der die Orientierungsschwierigkeiten der jungen Generation aufgreift. Genovesi zeigt in ihm seine Liebe zur Heimat und seine Leidenschaften. Das Gedicht Der Regen im Pinienhain des italienischen Literaten Gabriele D’Annunzio wird durch Fiorenzos Interpretation zum Liebesboten und kulminiert in einer geträumten Prophetie.

Im Original trägt der Roman den Titel Esche vive, Lebende Köder. Die spielen ganz konkret als Schlafstätte im Magic Fishing, aber auch im übertragenen Sinne eine Rolle. Doch ich will nicht zu viel verraten.

Der Autor Fabio Genovesi, der in seinem Blog Esche vive viel von sich und seinem Buch berichtet, macht seine Passionen zu den Gegenständen des Romans. Er schreibt nicht nur Bücher und Theaterstücke, sondern auch für Musikjournale. Außerdem ist er  Sportangler, Radsporttrainer und interessiert sich für Horrorfilme.

Er kennt sich also aus mit den Themen des Lebens.

Ein Unterhaltungsroman mit Substanz und viel Italianità, in dem nicht nur Jugendliche noch etwas lernen können.

Fabio Genovesi, Fische füttern (Esche vive), über. v. Rita Seuß u. Walter Kögler, Lübbe, 1. Aufl. 2012

Das Leben ein Glück?

Anna Katharina Hahn schildert in „Am Schwarzen Berg“ gegensätzliche Lebenserwartungen

Warum kann man nicht einfach nur dasein? Bücher lesen? Vögel beobachten und rumspazieren?“(Peter)

…sie haßte diese Typen, ihren Gestank, aus dem sie all die Schrecklichkeiten anwehten, die passieren konnten, wenn man sich nicht zusammen riß, die schmutzigen Arten von Armut und Versagertum.“ (Mia)

Wie schon ihr vorheriger Roman „Kürzere Tage“ spielt Anna Katharina Hahns neues Buch in Stuttgart. Zeitgemäß spielt er zwischen guten und schlechteren Wohngegenden, zwischen Baumschützern und Bibliotheksbenutzern. Das besondere Augenmerk gilt drei Paaren, Mia und Peter, Emil und Veronika, Clara und Hajo. Sie sind durch den aus der Bahn geworfenen Peter aneinander gebunden und bleiben trotzdem auf sich allein gestellte Einzelwesen. Jeder muss auf seine Weise mit dem Leben zurecht kommen.

Die Eingangsszene zeigt Peter, die Kernperson des Geschehens, als gebrochenen Mann. Von Frau und Kindern verlassen, macht ihn die Depression erneut zum Kind, das folgerichtig ins elterliche Haus zurück geholt wird. Der Nachbar und einstige Ziehvater Emil Bub beobachtet dies und fühlt sich ebenso hilflos wie Peter. Auf diesen besaß er einst großen Einfluss. Emil prägte Peters romantische Liebe zur Natur und führte ihn an sein Idol Mörike heran, dem Hahn in vielfältiger Weise in ihrem Roman Reverenz erweist. Auch Emil sieht trotz Lehrerkarriere und Paarbeziehung seine Erwartungen an das Leben nicht erfüllt. Darauf deutet seine Abhängigkeit vom Alkohol, der auch von Veronika geschätzt wird. Die unkonventionelle, kinderlos gebliebene Bibliothekarin, kann so leicht nichts beeindrucken, lediglich damals das Kind Peter und heute die gebildeten Penner, die sich winters in der Bibliothek zwischen und an den Büchern wärmen.

Neben diesem eigenwilligen Paar wohnen die Raus, Peters Eltern. Carla, die fürsorgliche Übermutter und der vielbeschäftigte Arzt Hajo, welcher sich klischeegemäß mehr anderen Menschen als der eigene Familie widmet. Als Peter selbst Vater wird beschließt er, es anders zu machen. Ganz das Gegenbild seines Vaters verzichtet er zugunsten seiner kleinen Söhne auf Karriere. Bei seiner Freundin Mia, die ein großes finanzielles Sicherheitsbedürfnis verspürt, erzeugt dies jedoch Ängste. In Armut aufgewachsen, wünscht sie sich von Peter, dem Arztsohn, geregelte finanzielle Verhältnisse für die Familie. Peter kannte keine materiellen Nöte, von vier Erwachsenen verwöhnt, auch mit Liebe und Geborgenheit, scheint er nun die Chancen, die sich ihm bieten, nicht ergreifen zu wollen. Mia hingegen wuchs ohne den türkischen Vater alleine bei ihrer deutschen Mutter auf, die mit Putzen das Nötigste verdiente.

Wie diese verschiedenen Ursprungswelten unterschiedliche Entwürfen und Interpretationen des Lebens bedingen, führt Hahn in ihrem Roman eindrücklich aus. Sie stellt Fragen nach Schuld und Verantwortung und lässt sie realistisch unbeantwortbar. Zugleich zeigt sie aber auch an kleinen Beispielen die unüberbrückbaren Verständnisschwierigkeiten. So ist die Zweitnutzung einer Eisverpackung als Brotdose für Mia eine Erinnerung an die armen Verhältnisse der Mutter, für Peter hingegen umweltbewusstes Verhalten. Er, der mit Ragout fin aufgewachsen ist, legt keinen Wert auf Materielles, während Mia, deren Ragout fin aus Wurstgulasch bestand, von bescheidenem Wohlstand träumt.

Hahn schildert in ihrem Roman verschiedene Bewältigungsstrategien verschiedener Menschen. Jeder ihrer Protagonisten, die sie als Einzelpersonen mit jeweils unterschiedlichem Glücksanspruch charakterisiert, wird im Laufe der Geschichte einmal zur Hauptfigur. „Am schwarzen Berg“ zeigt vielschichtige Probleme und dies äußerst kurzweilig und bisweilen trotz der Thematik auch amüsant. Nicht zuletzt dann, wenn sich dieser Stuttgartroman in die Cafeterien bekannter Bibliotheken oder in die Zeltstädte der S21-Baumschützer wagt.

Eduard Mörike taucht nicht nur als romantisches Dichteridol von Emil Bub und dessen Zögling Peter auf. Er ist auch mit seinen Gedichten in diesem Roman gegenwärtig. Den Biographen Carl Fridolin Weinsteiger wird man vergeblich suchen, von Hermann Lenz lassen sich jedoch einige Werke finden, die sich auf Mörike beziehen.

Die größte Ehrerbietung an diesen Dichter der Romantik hat Hahn jedoch durch die Figur der Maria Mia Müller geschaffen. In Biographie und Erscheinungsbild ist sie ein Zitat der Maria Mayer, einer dunkelhaarigen Schönheit mit braunen Augen und einem Hang zum Stehlen, der Mörike in seiner Jugend verfallen war und die er in seinen Peregrina Gedichten verewigte.

Vom Raum mit Riss zum Raum der Freundschaft

Ich nannte ihn Krawatte“ Milena Michiko Flasar erzählt von Formen der Ausgrenzung

Unsere Freundschaft war der größere Raum, in den ich eingetreten war. Seine Wände hatte ich mit den Bildern derer tapeziert, von denen wir einander erzählt hatten.…“

Eigentlich wollte ich diesen Band aus dem Wagenbach-Verlag zunächst nicht lesen. Die Japanbegeisterung ist meine Sache nicht und die Koi-Karpfen auf dem Titel schienen klischeehafte Vorstellungen bestens zu bedienen. Doch die Begeisterung, die ich sowohl in Buzzaldrins Blog wie auch bei der Leselust fand, machte mich neugierig. Vor allem darauf, inwiefern das japanische Phänomen der Hikikomori übertragbar auf europäische Gesellschaftserscheinungen sei. Die in Wien lebende Autorin, Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, gibt in ihrem Roman auf diese Frage eine Antwort.

Sie erzählt darin von Hiro, einem jungen Mann, der seit zwei Jahren sein Zimmer im Haus der Eltern nicht verlassen hat. Aus Ekel vor der Welt, vor den Anderen und vor allem vor sich selbst verweigert er sich allem. Auch der Ablenkung. Er will für sich sein, niemandem begegnen, keinem Blickkontakt ausgesetzt sein. Sein einziger einsamer Blick fällt auf einen Riss in der Wand. „Hinter geschlossenen Augen hatte ich seine gebrochene Linie nachgezeichnet. Sie war in meinem Kopf gewesen, hatte sich darin fortgesetzt, war mir ins Herz und die Adern eingegangen.“

Eines Tages wagt er sich dennoch hinaus, druchbricht den selbstgeschmiedeten Käfig und schafft es bis in den Park. Dort auf der Bank bei der Zeder, wo er einst als kleines Kind neben seiner Mutter saß, dort hält er sie aus, die Blicke und Anblicke der Anderen. Kaum erträglich wird es ihm jedoch als die Bank gegenüber von einem Geschäftsmann, einem dieser Krawattenträger, besetzt wird. Dessen Seufzen entlarvt ihn als Lebensmüden, Hiro duldet das Gegenüber eines Gleichgesinnten. Tag für Tag verbringen sie dort auf den Bänken. Vom scheu zugenickten Gruß bis zu gegenseitigen Geständnissen entsteht schließlich Nähe. Sie, die an der Erwartungshaltung der Anderen und ihrer eigenen fast zu Grunde gegangen wären, kommen ins Gespräch und erleben wie ihre Begegnung zu Veränderungen führt. Ihre Erfahrungen mit dem Anderssein, dem inneren, dem sozialen, dem physischen, bedingen das Verhalten. Sie sind alle Hikikomori, denkt Hiro an einer Stelle. Zu viele wählen den Rückzug, den verdeckten, den zeitweisen oder den finalen.

Trotz der Thematisierung der Vereinzelung in unserer Gesellschaft, die vielleicht für die japanische noch stärker gelten mag, aber mir trotzdem universal erscheint, hat Flasar kein bedrückendes Buch geschrieben. In ihrer klaren Sprache schildert sie unpathetisch und in prägnanten Sätzen wie Freundschaft entsteht. In kurzen Kapiteln, die uns die Erinnerungsmomente der beiden Protagonisten näher bringen, begegnen wir dieser Annäherung. Der schmale aber schöne Roman endet mit dem ANFANG, dorthin kehrt man gerne noch einmal zurück um abermals dieses Buch voll wahrer Sätze zu lesen.

 

Milena Michiko Flasar, Ich nannte ihn Krawatte, Verlag Klaus Wagenbach, 1. Aufl. 2012