Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re „Lie­be und Schmerz“ weiterlesen

Bilder, Blicke, Begegnungen in Tokio

In „Tage in Tokio“ hinterfragt Christoph Peters das westliche Japanideal

Wäh­rend Ku­me­ka­wa-san den Ta­xi­fah­rer be­zahlt, ste­he ich et­was ver­lo­ren auf der Stra­ße, ne­ben mir die bei­den Kof­fern, und schaue mich um. Ein Kon­glo­me­rat aus über Jahr­zehn­ten an­ge­sam­mel­ten Bil­dern ja­pa­ni­scher Le­bens­wel­ten schim­mert wie durch ei­ne Milch­glas­schei­be aus dem Hin­ter­kopf ins Be­wusst­sein. Mir däm­mert all­mäh­lich, dass ich das, was ich se­he, hö­re, rie­che, per­ma­nent mit ein­ge­la­ger­ten Vor­stel­lun­gen ab­glei­che und dem­entspre­chend in „ty­pisch“, „un­ge­wöhn­lich“ oder „er­staun­lich“ ein­tei­le. Zu­gleich führt mir das kla­re Licht des spä­ten Vor­mit­tags schlag­ar­tig vor Au­gen, dass jetzt nichts da­von mehr gilt und dass ich von dem, was ich bräuch­te, um mich si­cher und ele­gant durch die Stadt zu be­we­gen, nicht die ge­rings­te Ah­nung habe.“

Von ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Be­geg­nung zwi­schen Ja­pan und Deutsch­land er­zählt Chris­toph Pe­ters be­reits in sei­nem 2014 er­schie­nen Ro­man. Des­sen Ti­tel, Herr Ya­ma­s­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln, deu­tet an, daß man­ches ent­ge­gen den Er­war­tun­gen ver­läuft bei der Zu­sam­men­ar­beit des an Jan Koll­witz an­ge­lehn­ten Ke­ra­mik­künst­lers mit ei­nem ja­pa­ni­schen Ofen­bau­er in der nie­der­deut­schen Provinz.

Ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik, das tra­di­tio­nel­le Tee­ze­re­mo­ni­ell und Jan Koll­witz fin­den auch in Pe­ters neu­em Buch Ta­ge in To­kio Ein­gang. Die Er­leb­nis­se, Er­fah­run­gen und Ge­dan­ken des Au­tors als Rei­se­be­richt zu be­zeich­nen, wä­re zu kurz ge­grif­fen. Für Pe­ters, den die Lei­den­schaft für ja­pa­ni­sche Cha­wan der Mo­moy­a­ma-Zeit (1573–1603) seit über drei­ßig Jah­ren nicht los­lässt, ist es der ers­te Be­such in dem Land, über das er so viel ge­le­sen und ge­hört hat. Sei­ne Be­geg­nun­gen in Kunst, Kul­tur und All­tag über­ra­schen den Rei­sen­den und ver­lei­ten ihn zu phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen. Da­zwi­schen fin­det er im­mer wie­der den Weg zur Ke­ra­mik, sei­nem Spe­zi­al­su­jet, dem wir nicht nur in Ge­stalt der Unoha­na­ga­ki be­geg­nen, ei­ner zum Kunst-Na­tio­nal­schatz Ja­pans er­ho­be­nen Tee­scha­le, die Pe­ters in To­kio bewundert.

Doch zu­nächst muss er erst ein­mal an­kom­men. Schon die ers­ten Bli­cke auf das Land sei­ner Träu­me, wie man es wohl nen­nen darf, kon­fron­tie­ren den durch Lek­tü­re und Ge­sprä­che ge­lehr­ten Be­trach­ter mit der „Bil­der, Bli­cke, Be­geg­nun­gen in To­kio“ weiterlesen

Zen oder die Kunst ein Mettbrötchen zu reichen

Christoph Peters erzählt in „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ von deutsch-japanischen Begegnungen

Die Ver­pflich­tun­gen, die ei­ner ein­geht, wenn er sich zu ei­nem Meis­ter in die Leh­re be­gibt, blei­ben ein Le­ben lang be­stehen, und es gibt un­be­grenz­te Mög­lich­kei­ten, ih­nen nicht ge­recht zu werden.“

Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln von Christoph PetersWer im neu­en Ro­man von Chris­toph Pe­ters die Wid­mung an Jan Koll­witz ent­deckt, dem wird ei­ne Re­cher­che nicht nur des­sen Ver­wandt­schaft mit Kä­the Koll­witz, er ist Ur-En­kel der be­rühm­ten Künst­le­rin, son­dern auch des­sen Freund­schaft mit Chris­toph Pe­ters auf­de­cken. Der Schrift­stel­ler Pe­ters form­te aus den Er­fah­run­gen des Ke­ra­mi­kers Koll­witz, der in Ost­hol­stein ja­pa­ni­sche Töp­fer­kunst ze­le­briert, ein li­te­ra­ri­sches Ge­bil­de mit dem Ti­tel Herr Ya­ma­s­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln.

Be­reits auf den ers­ten Sei­ten fällt ein Bon­mot, das die an Rück­schau­en rei­che Ro­man­struk­tur of­fen­bart. „Ganz gleich, an wel­cher Stel­le man an­fängt – im­mer ist vor­her schon viel pas­siert.“ Das als Pro­log zu fas­sen­de Ein­stiegs­ka­pi­tel führt zum Hand­lungs­ort, ei­nem klei­nen Kaff in der Hol­stei­ni­schen Schweiz, das ne­ben den Som­mer­tou­ris­ten ei­ne Künst­ler­ko­lo­nie be­her­bergt. Kon­kre­ter, zu ei­nem al­ten Pfarr­haus, das wie al­le Men­schen und Din­ge auf die­ser Welt, auf ei­ne nicht nur glück­li­che Ver­gan­gen­heit zu­rück blickt. Der letz­te Pfar­rer, den es be­her­berg­te, starb krank und un­glück­lich im Jahr 1979.

Die­sen gut zehn Jah­re von der ei­gent­li­chen Hand­lungs­zeit ent­fern­ten Mo­ment nutzt „Zen oder die Kunst ein Mett­bröt­chen zu rei­chen“ weiterlesen

Sushi-Murakami — Das magische Auge

FotoMan­che Lek­tü­re scheint schwie­rig, soll aber doch ge­le­sen wer­den. Die Pil­ger­jah­re des farb­lo­sen Herrn Ta­za­ki von Ha­ru­ki Mura­ka­mi ist ein sol­cher Fall. Nicht, daß ich dies schon ge­nau wüss­te. Wie auch, er liegt ja noch fast un­ge­le­sen vor mir. Das muss sich än­dern. Nach und nach wer­de ich nun je­den Tag ein klei­nes Su­shi-Mura­ka­mi kosten.

 

 1. Kapitel

Tsuku­ru Ta­za­ki denkt an den Tod. Ab­ge­se­hen von der schö­nen Al­li­te­ra­ti­on, die im Ori­gi­nal si­cher nicht gilt und dar­um so­fort wie­der ver­ges­sen wer­den muss, ist das na­tür­lich ein fa­mo­ser Ro­man­ein­stieg. Der Le­ser soll­te sich al­ler­dings nicht be­un­ru­hi­gen. Kein Ha­ra­ki­ri oder Ha­ra­ki­ri­ähn­li­ches wird fol­gen, auch wenn die­ser Schritt „so leicht für ihn ge­we­sen wä­re, wie ein ro­hes Ei zu schlu­cken“.

Ko­mi­scher Ver­gleich, ein ro­hes Ei hat im­mer­hin ei­ne Scha­le, und das be­rühm­te „Su­shi-Mura­ka­mi — Das ma­gi­sche Au­ge“ weiterlesen

Vom Raum mit Riss zum Raum der Freundschaft

Ich nannte ihn Krawatte“ Milena Michiko Flasar erzählt von Formen der Ausgrenzung

Un­se­re Freund­schaft war der grö­ße­re Raum, in den ich ein­ge­tre­ten war. Sei­ne Wän­de hat­te ich mit den Bil­dern de­rer ta­pe­ziert, von de­nen wir ein­an­der er­zählt hatten.…“

Ei­gent­lich woll­te ich die­sen Band aus dem Wa­gen­bach-Ver­lag zu­nächst nicht le­sen. Die Ja­pan­be­geis­te­rung ist mei­ne Sa­che nicht und die Koi-Karp­fen auf dem Ti­tel schie­nen kli­schee­haf­te Vor­stel­lun­gen bes­tens zu be­die­nen. Doch die Be­geis­te­rung, die ich so­wohl in Buzz­al­d­rins Blog wie auch bei der Le­se­lust fand, mach­te mich neu­gie­rig. Vor al­lem dar­auf, in­wie­fern das ja­pa­ni­sche Phä­no­men der Hi­ki­ko­m­ori über­trag­bar auf eu­ro­päi­sche Ge­sell­schafts­er­schei­nun­gen sei. Die in Wien le­ben­de Au­torin, Toch­ter ei­ner Ja­pa­ne­rin und ei­nes Ös­ter­rei­chers, gibt in ih­rem Ro­man auf die­se Fra­ge ei­ne Antwort.

Sie er­zählt dar­in von Hi­ro, ei­nem jun­gen Mann, der seit zwei Jah­ren sein Zim­mer im Haus der El­tern nicht ver­las­sen hat. Aus Ekel vor der Welt, vor den An­de­ren und vor al­lem vor sich selbst ver­wei­gert er sich al­lem. Auch der Ab­len­kung. Er will für sich sein, nie­man­dem be­geg­nen, kei­nem Blick­kon­takt aus­ge­setzt sein. Sein ein­zi­ger ein­sa­mer Blick fällt auf ei­nen Riss in der Wand. „Hin­ter ge­schlos­se­nen Au­gen hat­te ich sei­ne ge­bro­che­ne Li­nie nach­ge­zeich­net. Sie war in mei­nem Kopf ge­we­sen, hat­te sich dar­in fort­ge­setzt, war mir ins Herz und die Adern eingegangen.“

Ei­nes Ta­ges wagt er sich den­noch hin­aus, druch­bricht den selbst­ge­schmie­de­ten Kä­fig und schafft es bis in den Park. Dort auf der Bank bei der Ze­der, wo er einst als klei­nes Kind ne­ben sei­ner Mut­ter saß, dort hält er sie aus, die Bli­cke und An­bli­cke der An­de­ren. Kaum er­träg­lich wird es ihm je­doch als die Bank ge­gen­über von ei­nem Ge­schäfts­mann, ei­nem die­ser Kra­wat­ten­trä­ger, be­setzt wird. Des­sen Seuf­zen ent­larvt ihn als Le­bens­mü­den, Hi­ro dul­det das Ge­gen­über ei­nes Gleich­ge­sinn­ten. Tag für Tag ver­brin­gen sie dort auf den Bän­ken. Vom scheu zu­ge­nick­ten Gruß bis zu ge­gen­sei­ti­gen Ge­ständ­nis­sen ent­steht schließ­lich Nä­he. Sie, die an der Er­war­tungs­hal­tung der An­de­ren und ih­rer ei­ge­nen fast zu Grun­de ge­gan­gen wä­ren, kom­men ins Ge­spräch und er­le­ben wie ih­re Be­geg­nung zu Ver­än­de­run­gen führt. Ih­re Er­fah­run­gen mit dem An­ders­sein, dem in­ne­ren, dem so­zia­len, dem phy­si­schen, be­din­gen das Ver­hal­ten. Sie sind al­le Hi­ki­ko­m­ori, denkt Hi­ro an ei­ner Stel­le. Zu vie­le wäh­len den Rück­zug, den ver­deck­ten, den zeit­wei­sen oder den finalen.

Trotz der The­ma­ti­sie­rung der Ver­ein­ze­lung in un­se­rer Ge­sell­schaft, die viel­leicht für die ja­pa­ni­sche noch stär­ker gel­ten mag, aber mir trotz­dem uni­ver­sal er­scheint, hat Fla­sar kein be­drü­cken­des Buch ge­schrie­ben. In ih­rer kla­ren Spra­che schil­dert sie un­pa­the­tisch und in prä­gnan­ten Sät­zen wie Freund­schaft ent­steht. In kur­zen Ka­pi­teln, die uns die Er­in­ne­rungs­mo­men­te der bei­den Prot­ago­nis­ten nä­her brin­gen, be­geg­nen wir die­ser An­nä­he­rung. Der schma­le aber schö­ne Ro­man en­det mit dem ANFANG, dort­hin kehrt man ger­ne noch ein­mal zu­rück um aber­mals die­ses Buch voll wah­rer Sät­ze zu lesen.

 

Mi­le­na Mi­chi­ko Fla­sar, Ich nann­te ihn Kra­wat­te, Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, 1. Aufl. 2012