Von Verlust und Vertrauen

In „Dankbarkeiten“ erzählt Delphine de Vigan mit zärtlicher Zuneigung von Verlust und Freundschaft

Es dau­ert nicht mehr lan­ge bis zum En­de, das weißt du, Ma­rie. Ich mei­ne das En­de des Ver­stands, der ist dann futsch und al­le Wör­ter ver­flo­gen. Wann mit dem Kör­per Schluss ist, weiß man na­tür­lich nicht, aber es hat an­ge­fan­gen, mit dem Ver­stand zu En­de zu ge­hen.“

Wer je er­lebt hat, wie ein al­ter Mensch Ab­schied von sei­ner Woh­nung nimmt und in ein Heim ein­zieht, für den wird „Dank­bar­kei­ten“ von Del­phi­ne de Vi­gan ei­ne sehr be­we­gen­de Lek­tü­re sein. Vol­ler Em­pa­thie und den­noch mit kla­ren Wor­ten schil­dert die Au­torin, wie ih­re Prot­ago­nis­tin Misch­ka, ei­ne al­lein­le­ben­de, selbst­be­wuss­te Frau, ih­re Un­ab­hän­gig­keit ge­gen stän­dig prä­sen­te Un­ter­stüt­zung ein­tauscht. Ver­trau­te Be­glei­ter ih­res neu­en Le­bens sind Ma­rie und Jé­ro­me, die ne­ben Misch­ka die Er­zähl­stim­men des klei­nen Ro­mans bil­den.

Die jun­ge Ma­rie fand als ver­nach­läs­sig­tes Kind Hil­fe und Für­sor­ge bei Misch­ka, ih­rer da­ma­li­gen Nach­ba­rin. Die Bin­dung der Bei­den blieb über die Jah­re be­stehen. So ist es auch Ma­rie, die in­for­miert wird, als Misch­ka hilf­los den Not­ruf alar­miert. Ma­rie er­kennt, daß ih­re Freun­din nicht mehr al­lei­ne le­ben kann, und ahnt, daß die ge­mein­sa­me „Zeit von nun an be­mes­sen sein wür­de“. Sie er­zählt in der Rück­schau, eben­so wie der jun­ge Lo­go­pä­de Jé­rô­me, der Misch­ka im Heim be­treut.

Ma­rie und Jé­rô­me be­schrei­ben die Er­eig­nis­se als em­pa­thi­sche Be­ob­ach­ter. Die Per­spek­ti­ve der Ich-Er­zäh­ler glei­tet da­bei fast un­be­merkt in die Rol­le des aukt­o­ria­len Er­zäh­lers, wenn Vi­gan Misch­kas So­lo­sze­nen schil­dert. Misch­ka selbst kommt in da­zwi­schen­ge­schal­te­ten Traum­sze­nen zu Wort, was auf­grund ih­rer fort­schrei­ten­den Apha­sie ein klug ge­wähl­tes Kon­strukt ist. Dar­in er­lebt sie ih­re Ängs­te, bei­spiels­wei­se vor ei­nem Be­wer­bungs­ge­sprä­che für das Heim, gleich­zei­tig aber auch schö­ne Mo­men­te des Spiels oder Tan­zes, die sie in die hei­len Zei­ten von Kind­heit und Ju­gend zu­rück­ver­set­zen.

Ge­füh­le prä­gen auch die Hal­tung von Ma­rie und Jé­rô­me. Ma­rie be­merkt bei ih­ren Be­su­chen trau­rig die fort­schrei­ten­den Ver­lus­te. Misch­ka, die frü­her als Kor­rek­to­rin bei ei­nem Ma­ga­zin ar­bei­te­te und Li­te­ra­tur­lieb­ha­be­rin war, liest nicht mehr. Was bleibt, wenn nicht ein­mal das Te­le­fo­nie­ren funk­tio­niert? „Das er­war­tet dich al­so, Michk‘: klei­ne Schrit­te, klei­ne Schläf­chen, klei­ne Im­biss­chen, klei­ne Spa­zier­gän­ge, klei­ne Be­su­che. Ein re­du­zier­tes, ein­ge­eng­tes, aber per­fekt or­ga­ni­sier­tes Le­ben.“

Jé­rô­me, der mit ihr ge­mein­sam ge­gen den Ver­lust der Wor­te an­kämpft, er­lebt sie als Su­chen­de nach Wor­ten wie nach Or­ten der Er­in­ne­rung. Ei­ne gro­ße Sen­si­bi­li­tät aber auch die ei­ge­ne Angst schei­nen auf, wenn er sich sei­ne Kli­en­ten als jun­ge Men­schen ima­gi­niert, die ge­liebt und ge­tanzt ha­ben wie er.

In der Rol­le des Lo­go­pä­den ge­lingt es Vi­gan ein­fühl­sam und zu­gleich scho­nungs­los Misch­kas schwin­den­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­kei­ten dar­zu­stel­len. „Sie be­ginnt ei­nen Satz, und schon feh­len ihr die Wör­ter, sie kippt, als fie­le sie in ein Loch. Es gibt kei­ne Weg­mar­ken und An­halts­punk­te mehr, denn kein Pfad ver­mag die­se un­frucht­ba­ren Bö­den zu durch­que­ren (…) Die Stra­ße ist ge­sperrt. Der Fa­den des Aus­tauschs mit den an­de­ren reißt ab.“

Be­vor das Al­ler­letz­te ein­tritt, möch­te Misch­ka sich bei den Men­schen be­dan­ken, die sie als Kind auf­ge­nom­men hat­ten. Un­ter­stüt­zung er­hält sie da­bei von Ma­rie und Jé­rô­me, die sie trotz ei­ge­ner Schwie­rig­kei­ten nach Kräf­ten un­ter­stüt­zen. Die Wün­sche und Sor­gen der bei­den jun­gen Men­schen be­deu­ten der al­ten Frau nicht we­ni­ger als ih­re ei­ge­nen.

Vi­gan ge­lingt es, die Ge­schich­te die­ser drei Schick­sa­le zu ei­nem sen­ti­men­ta­len, den­noch nie tri­via­len Ge­flecht von Dank­bar­kei­ten zu ar­ran­gie­ren.

Delphine de Vigan, Dankbarkeiten, übers. v. Doris Heinemann, Dumont Verlag 2020

Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost”

In „La pozza del Felice“ feiert Fabio Andina die Zufriedenheit am Ende des Lebens

Che poi, che la po­li­ti­ca l’è tut­ta una gran por­ca­da, e che il mondo è in ma­no ai so­li­ti due o tre fa­ra­but­ti, ques­to lo san­no an­che i pe­sci di ques­to fi­ume, per con­to mio, ir­rom­pe il Fe­li­ce guar­d­an­do l’aqua.” – Und au­ßer­dem, dass die Po­li­tik ei­ne ein­zi­ge Saue­rei ist und die Welt in den Hän­den der üb­li­chen zwei oder drei Schur­ken liegt, das wis­sen so­gar die Fi­sche in die­sem Fluss, wenn man mich fragt, un­ter­brach Fe­li­ce und blick­te aufs Was­ser.

Je äl­ter wir wer­den, um­so mehr wird un­ser Le­ben von Ri­tua­len ge­prägt. Es meh­ren sich die im­mer­glei­chen We­ge, Be­geg­nun­gen und Hand­lun­gen, die den All­tag struk­tu­rie­ren. Im Val­le di Ble­nio, ein­ge­bet­tet in die Berg­zü­ge des Schwei­zer Tes­sin, sind es die Glo­cken der zahl­rei­chen Dorf­kir­chen, die Ori­en­tie­rung in Raum und Zeit bie­ten, auch den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes Le­on­ti­ca. Dort ver­bringt Fa­bio An­di­na, der Au­tor von La poz­za del Fe­li­ce”, seit sei­ner Kind­heit die Fe­ri­en, ganz wie sein Er­zäh­ler.

An­di­na ist ver­traut mit dem Ort und der Na­tur, die er als Sze­ne­rie für sei­nen Ro­man über­nimmt. Sei­ne Fi­gu­ren je­doch hat er er­fun­den, wenn sie auch viel ge­mein ha­ben mit ih­ren Vor­bil­dern. Sie füh­ren ein kar­ges und be­schei­de­nes Le­ben mit der Na­tur. Als zu­frie­de­ne Selbst­ver­sor­ger ver­zich­ten sie auf Kon­sum, Ab­wechs­lung auf dem Tisch brin­gen Tausch und Jah­res­zei­ten. Die Dorf­ge­mein­schaft, vor­wie­gend Al­te, aber auch ei­ni­ge Fa­mi­li­en mit Teen­agern und klei­nen Kin­dern, be­ruht auf ge­gen­sei­ti­ger Un­ter­stüt­zung. Frei von Un­ei­nig­keit ist sie nicht, doch man be­geg­net sich mit Re­spekt und Ak­zep­tanz. Dies ist auch die Ma­xi­me des al­ten Fe­li­ce, der je­den Tag mit ei­nem Marsch zur hoch­ge­le­ge­nen Poz­za be­ginnt, um in ihr eis­kal­tes Was­ser ein­zu­tau­chen. Zu je­der Jah­res­zeit, bei je­dem Wet­ter und trotz sei­ner neun­zig Le­bens­jah­re. „Se la bat­te­ria non mi sca­ri­ca“So­lan­ge mei­ne Bat­te­rie nicht leer ist, sagt er. Um die­ses Ri­tu­al zu ver­ste­hen, be­schließt der Er­zäh­ler, ei­ni­ge Ta­ge mit Fe­li­ce zu ver­brin­gen.

Er be­glei­tet ihn durch den Tag und weicht ihm kaum von der Sei­te. In al­ler Frü­he, mit­ten in der No­vem­ber­dun­kel­heit, be­gin­nen sie den Auf­stieg. Der noch som­mer­lich ge­klei­de­te Fe­li­ce geht vor­an, bar­fuß, mit kur­zer Ho­se und of­fe­nen Hemd. Vor­bei an den letz­ten Häu­sern der Ort­schaft, am Esel und dem Kuh­stall führt sie der Weg durch ei­nen fins­te­ren Wald, über Ge­röll und Stei­ne bis sie schließ­lich die Poz­za er­rei­chen. Das Was­ser­loch liegt zwi­schen den Fel­sen, auf ei­nem Pla­teau, das in der Mor­gen­däm­me­rung ei­nen gran­dio­sen Blick auf die um­lie­gen­den Gip­fel und Tä­ler frei­gibt.

Fe­li­ce voll­zieht sein Ri­tu­al, taucht un­ter in der Poz­za und lässt sei­nen nack­ten Kör­per an­schlie­ßend auf ei­nem Fel­sen ho­ckend vom Wind trock­nen. Sei­nen Be­glei­ter hin­ge­gen kos­tet das Bad gro­ße Über­win­dung. An­di­nas Be­schrei­bun­gen ver­mit­teln dies ein­dring­lich, eben­so wie sie das sen­so­ri­sche Glücks­ge­fühl da­nach glaub­haft zei­gen. In den fol­gen­den Ta­gen, so er­fährt der Le­ser, wird dar­aus auch für Fe­li­ces Be­glei­ter ei­ne Ge­wohn­heit, den Mor­gen zu be­grü­ßen.

Da­nach stei­gen sie ab, neh­men ein Schluck Milch bei Sos­ta, dem Milch­bau­ern, und keh­ren zu ei­nem fru­ga­len Früh­stück in Fe­li­ces Hüt­te ein. Nüs­se, Ho­nig, Jo­ghurt ste­hen auf dem Tisch, da­zu Kräu­ter­tee mit ei­ner Bri­se Salz. Den Caf­fè gibt es erst spä­ter in der Bar Gal­lo Cedro­ne. Am Abend ver­sam­melt sich dort im Au­er­hahn fast das gan­ze Dorf zum Aus­tausch der neu­es­ten Nach­rich­ten oder auf ei­ne Par­tie Scopa.

Bei ei­nem Caf­fè oder ei­ner Grap­pa sit­zen dort Emi­lio Co­nig­lio, Ka­nin­chen­züch­ter und Fe­li­ces bes­ter Freund, Ke­vin, Mis­ter Con­ta­di­no Ti­ci­ne­se, mit sei­ner neus­ten Er­obe­rung, Ora­zio Pi­cas­so, der An­sich­ten vom Dorf und den Ber­gen malt, aber auch Sa­bi­na, die Leh­re­rin, mit ih­ren Zwil­lin­gen Pris­ka und Dus­ka. An­de­re hin­ge­gen, be­son­ders die al­ten Da­men des Dor­fes blei­ben abends in ih­ren Häu­sern. Der Er­zäh­ler kommt auch ih­nen in Be­glei­tung Fe­li­ces nä­her und lernt ih­re Ei­gen­hei­ten ken­nen. Die Nach­ba­rin Vit­to­ri­na, Wit­we von Os­val­do, oder La Mu­ta, de­ren Wort­karg­heit das Ge­gen­teil von La Ra­dio ist.

Nicht we­ni­ger schö­ne Na­men gibt An­di­na den im Wort­sin­ne un­ge­bun­de­nen Hun­den Le­on­ti­cas. Wir be­geg­nen dem Bern­ha­di­ner-Bas­tard Fu­ria, den Hun­den des Milch­bau­ern, Sub­a­ru und Ford und dem Kläf­fer Bo­bi.

Al­le ha­ben ih­ren Platz in An­di­nas Al­pen­idyll und al­len steht, wenn es nach Fe­li­ce geht, das glei­che En­de be­vor. „Quan­do crepia­mo div­en­ti­am tut­ti del com­post­ag­gio, tut­ti ugua­le, che il san­gue è ros­so per tut­ti, ser­vi e pa­dro­ni, bel­li e brut­ti, creti­ni dot­to­ri con­ta­di­ni e pre­ti, tut­ti den­tro un bu­co, due me­tri sot­to ter­ra e amen, e ques­ta qui è una gran bel­la ve­ri­tà che è semp­re esis­t­i­ta e mai cam­bierà.“Wenn wir kre­pie­ren wer­den wir al­le zu Kom­post, al­le glei­cher­ma­ßen, das Blut ist bei al­len rot, bei Die­nern und Her­ren, Schö­nen und Häss­li­chen, Dumm­köp­fen, Ge­lehr­ten, Bau­ern und Pries­ter, al­le lan­den in ei­nem Loch, zwei Me­ter tief und Amen, das ist die schö­ne und ein­zi­ge Wahr­heit, so war es schon im­mer und dar­an wird sich nichts än­dern.

Mit der Kir­che hat Fe­li­ce nichts am Hut, nicht erst seit sei­nen Mo­na­ten in Mos­kau. Dort be­ob­ach­te­te er einst zwei Män­ner, die in der Mo­skwa ihr Mor­gen­bad nah­men. Wie die­ser fer­ne, lan­ge und ru­hi­ge Fluss, so sieht Fe­li­ce sein Le­ben im Al­ter. Wie der Er­zäh­ler bin ich ihm ger­ne ge­folgt und ha­be mich an der Ru­he, der Na­tur, aber auch an den hu­mor­vol­len Weis­hei­ten Fe­li­ces er­freut. An­ders als vie­le Al­te kennt er kein Frü­herwar­al­les­bes­ser. Im Ge­gen­teil, als sein Be­glei­ter ihn zu ei­nem Be­such Bel­lin­zo­nas ein­lädt, ant­wor­tet Fe­li­ce auf die Fra­ge, wie es frü­her dort war. „Era co­me ades­so. Una bot­te­ga pie­na die creti­ni che si fan mun­ge­re co­me dei mer­luz­zi.” – Es war wie jetzt. Ein La­den vol­ler Dumm­köp­fe, die sich wie die Dor­sche mel­ken las­sen.

An­di­nas Le­on­ti­ca hin­ge­gen wird durch die Bin­dung sei­ner Be­woh­ner an die Na­tur ein mys­ti­scher Ort der Be­sin­nung, des Träu­mens und der Sehn­sucht.

Fabio Andina, La pozza del Felice, 2018, Rubbettino Editore. Die deutsche Ausgabe „Tage mit Felice“ erschien 2020 in der Übersetzung von Karin Diemerling im Rotpunktverlag. Die Übersetzungen in der Rezension stammen von mir.

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht tot­schlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Ber­lin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ wei­ter­le­sen

Angst und Schrecken in Nord-Irland

In ihrem stilistisch außergewöhnlichen Roman „Milchmann“ erzählt Anna Burns die spannende Geschichte von einem „Mädchen, das im Gehen liest“ und ihrem zudringlichem Verfolger

Aber dum­mer­wei­se wa­ren – we­gen der lo­sen Na­tur un­se­rer Be­zie­hung; weil er am an­de­ren En­de der Stadt wohn­te und da­her noch nicht ge­hört hat­te, dass ich der neue Schwarm die­ses Milch­manns war; weil ich ver­wirrt war und lang­sam die Kraft ver­lor, mich von den Tak­ti­ken des Milch­manns au­ßer Ge­fecht ge­setzt fühl­te; und weil ich acht­zehn war und nie vor­ge­lebt be­kom­men hat­te, wie man Ge­dan­ken, Be­dürf­nis­se und Ge­füh­le auf ge­sun­de Wei­se zum Aus­druck brach­te – al­le mei­ne Er­klä­run­gen zu­sam­men­hang­los, und nichts, was ich zu sa­gen ver­such­te, woll­te rich­tig rü­ber­kom­men.“

Die Schil­de­run­gen der 18-Jäh­ri­ge Ich-Er­zäh­le­rin kön­nen als Co­m­ing-of-Age-Ro­man ge­le­sen wer­den, als ei­ne Ge­schich­te von Män­nern und vor al­lem von Frau­en und als ei­ne Ge­schich­te von Un­ter­drü­ckung und Wi­der­stand, was das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis wie die Zeit­um­stän­de be­trifft . Der Ro­man spielt mit­ten in der Hoch­pha­se des Nord-Ir­land-Kon­flikts, im ka­tho­li­schen Teil Bel­fasts. Man kann ihn aber auch als Lie­bes­ro­man le­sen, ei­ner der klü­ge­ren Sor­te, der au­ßer von der Schwie­rig­keit, den rich­ti­gen Part­ner zu fin­den, von dem Mut er­zählt, sich zu die­sem zu be­ken­nen.

Die The­men ver­eint An­na Burns auf den 400 Sei­ten ih­res Ro­mans „Milch­mann“, de­ren An­lass und Mo­vens die phy­si­sche und psy­chi­sche Be­dro­hung ei­ner jun­gen Frau durch ei­nen we­sent­lich äl­te­ren, mäch­ti­gen Mann dar­stellt. Als An­füh­rer des pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stands — ei­ne Rol­le, die ihn das Le­ben kos­tet, kün­det der ers­te Satz des Ro­mans — ver­fügt er über je­des Mit­tel, be­vor­zugt je­doch „Angst und Schre­cken in Nord-Ir­land“ wei­ter­le­sen

Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Mei­ne Vor­stel­lun­gen von Schick­lich­keit wa­ren va­ge und un­be­stimmt, wie all mei­ne Vor­stel­lun­gen des­sen, was mit Ge­schlecht­lich­keit zu tun hat­te. Aber sie wa­ren be­stimmt ge­nug, dass ich mich da­nach sehn­te, sie zu­sam­men mit mei­nen Sa­chen ab­zu­wer­fen und wie ein Baum oder ei­ne Blu­me zu sein, nackt, mit nichts mehr zwi­schen mir und der Na­tur.“

Ich war ver­liebt in die Hit­ze, ich emp­fand für sie das­sel­be wie ein Kon­ver­tit für sei­ne neue Re­li­gi­on.“

Nein, als An­ti­dot ge­gen die auf­zie­hen­de Glut­hit­ze emp­feh­le ich nichts, was auf ei­si­gen Hö­hen oder im tie­fen Win­ter spielt. Ge­mäß der ho­möo­pa­thi­schen Ma­xi­me, Glei­ches mit Glei­chen zu be­han­deln, ra­te ich zu „Ein Som­mer in Brand­ham Hall“. Der Ro­man von Les­lie Po­les Hart­ley er­schien im Jahr 1953 un­ter dem Ti­tel „The Go-Bet­ween“ und wur­de zum größ­ten Er­folg des be­kann­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­kers und Schrift­stel­lers. In der Neu­über­set­zung von Wib­ke Kuhn liegt er nun im Ei­sele Ver­lag vor und ist das Som­mer­buch schlecht­hin. Leicht, vol­ler Charme und stets stil­voll.

Hart­leys Ge­schich­te über den Som­mer des Jah­res 1900 im eng­li­schen Nor­folk wird be­son­ders Fans von Down­town Ab­bey ge­fal­len. Wie die be­kann­te Se­rie spielt auch er auf ei­nem weit­läu­fi­gen An­we­sen, un­ter des­sen Be­woh­nern, Be­diens­te­ten und der um­lie­gen­den Dorf­be­völ­ke­rung.

In die­se so­zi­al streng sor­tier­ten Ver­hält­nis­se ge­rät der 12-jäh­ri­ge Leo Cols­ton auf Ein­la­dung sei­nes Freun­des Mar­cus. Für Leo öff­net sich ei­ne neue, teil­wei­se be­droh­lich „Kli­ma­wan­del der Ge­füh­le“ wei­ter­le­sen

Trauerschwestern und Flügelwesen

Kerstin Hensel gelingt mit ihrer Novelle „Regenbeins Farben“ ein kunstvolles Trauerbuch

Im Halb­durch­sich­ti­gen drei Nerei­den, aus ih­ren Höh­len am Grun­de des Mee­res ge­stie­gen, hoch zu ih­rem Gott, der auf ei­nem Fa­bel­we­sen über Wel­len rei­tet, vor­ne Pferd, hin­ten Fisch. Nym­phen um­krei­sen ihn, und er er­fleht ih­re Ge­sell­schaft, spielt den Schiff­brü­chi­gen, den sie be­schüt­zen, be­sin­gen, be­glei­ten soll­ten. Doch die Nym­phen trei­ben an­de­re Spie­le. Im Was­ser schwes­ter­lich schwe­bend, sind die See­frau­en, die nur sich selbst un­ter­hal­ten, in ke­cken Spie­len plau­dernd, mit Del­fi­nen sin­gend. Wäh­rend der Gott um Ret­tung sei­ner Mäch­tig­keit fleht, zwingt er sein Reit­tier zu ei­ner schaum­schla­gen­den Le­va­de. Po­sei­don, der Po­ser! Der Hip­po­kamp trägt in durch die bro­deln­de Brü­he der Ge­schich­te (…)“

Die­se laut- und wort­schö­nen Sät­ze ver­ra­ten Kers­tin Hen­sel als Ly­ri­ke­rin, die ih­re poe­ti­sche Spra­che auch in der No­vel­le „Re­gen­beins Far­ben“ ver­wen­det. Dar­in ver­eint sie vier Per­so­nen zu ei­ner be­son­de­ren Ge­mein­schaft. Fast ein vol­les Jahr währt die­se, le­dig­lich drei Mi­nu­ten feh­len, wie die punkt­ge­nau­en Da­tie­run­gen im ers­ten und letz­ten Ka­pi­tel zei­gen.

Auch wenn der Tod als Mo­tiv die­se No­vel­le durch­zieht und ein Teil der Hand­lung kam­mer­spiel­ar­tig auf ei­nem Fried­hof statt­fin­det, han­delt es sich kei­nes­wegs um ein trau­ri­ges Buch. Als Trau­er­buch hin­ge­gen lie­ße es sich sehr wohl be­zeich­nen, denn es er­zählt, wie man Trau­er be­wäl­tigt und sich von der Ver­gan­gen­heit be­freit. Die Kunst ist da­bei das Mit­tel der Wahl. Dies zei­gen schon die ers­ten Ka­pi­tel, in de­nen uns die Fried­hofs­ge­mein­schaft vor­ge­stellt wird.

Die Ma­le­rin Kar­line Re­gen­bein ist die Jüngs­te, an Al­ter wie an der Dau­er ih­rer Trau­er ge­mes­sen. Es fol­gen Edu­ard Wet­ten­gel, der Ga­le­rist, Lo­re Mül­ler-Ki­li­an, die ihr Mä­ze­na­ten­tum dem ver­stor­be­nen Gat­ten ver­dankt und schließ­lich die Äl­tes­te, Zi­va Schlott, die Kunst­pro­fes­so­rin mit „Kipp­chen“. Al­le vier „Trau­er­schwes­tern und Flü­gel­we­sen“ wei­ter­le­sen

Die Grundfarben der Vorvergangenheit

In „Die Bagage“ ordnet Monika Helfer ihre Familiengeschichte mit Gefühl und Phantasie

So viel ge­schieht, und es ge­schieht ne­ben­ein­an­der, auch wenn es nach­ein­an­der ge­schieht. Wie auf den Bil­dern von Pie­ter Brue­gel dem Äl­te­ren. Ich ha­be es pro­biert. Ein biss­chen kann ich ma­len. Aber ich war nie da­mit zu­frie­den. Wä­re ich doch ei­ne Mu­si­kan­tin! Die Grund­far­ben mei­ner Vor­ver­gan­gen­heit sind fast al­le im Be­reich von Braun. Ocker, Kuh­stall­warm, die Far­be der Kuh­stäl­le ist braun. Weich. Oder ge­fro­re­ne Er­de, ei­sig und ei­sen­hart, über­zo­gen mit ei­nem Ei­sen­hauch von Grau. Mit der Zun­ge blieb ich an ei­nem ei­si­gen Mor­gen im Jän­ner an der Tür­schnal­le hän­gen, an­ge­fro­ren, und ha­be mit ein Stück Haut ab­ge­ris­sen. (…)
Die Er­in­ne­rung muss als heil­lo­ses Durch­ein­an­der ge­se­hen wer­den. Erst wenn man ein Dra­ma dar­aus macht, herrscht Ord­nung.“

Die­se Ge­dan­ken Mo­ni­ka Hel­fers fin­den sich in „Die Ba­ga­ge“, dem Ro­man, der ih­re ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te zum Ge­gen­stand hat. Sie zei­gen Hel­fers Ver­such, den Er­in­ne­run­gen na­he zu kom­men, die fa­mi­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen zu er­fas­sen, und zu­gleich ih­re Vor­ge­hens­wei­se, Er­zähl­tes mit Er­dach­tem zu ver­bin­den. Ei­ne gro­ße Rol­le spie­len ih­re As­so­zia­tio­nen, die sie beim Er­zäh­len und Be­ob­ach­ten be­fal­len. Und auch beim Hö­ren, denn in vie­len De­tails stützt die Au­torin sich auf die Er­zäh­lun­gen ih­rer „Die Grund­far­ben der Vor­ver­gan­gen­heit“ wei­ter­le­sen

Alte Freundinnen

Charlotte Wood konfrontiert in „Ein Wochenende“ drei Freundinnen mit sich selbst und ihrer in die Jahre gekommenen Freundschaft

So wür­den die Ta­ge oh­ne Syl­vie al­so sein, mit die­ser Di­stanz zwi­schen ih­nen, die sich aus­wei­te­te und ver­tief­te. Sie blieb ste­hen und be­ob­ach­te­te, wie der Ab­stand zu den bei­den an­de­ren im­mer grö­ßer wur­de. Auch sie gin­gen nicht ge­mein­sam. Bis jetzt hat­te sie nie dar­über nach­ge­dacht, dass sich das aus­ge­lei­er­te Gum­mi­band ih­rer Freund­schaft ei­nes Ta­ges auf­lö­sen könn­te. Es schien un­mög­lich. Aber et­was To­tes hat­te sich in ih­re Ge­füh­le für­ein­an­der ein­ge­schli­chen und schien sich aus­zu­deh­nen.“

Die meis­ten Men­schen ha­ben ei­ne Hand­voll en­ger Freun­de, oft so­gar we­ni­ger. Al­les, was die Zahl drei über­steigt, so scheint es, sprengt den Rah­men. Oft er­wei­sen sich die un­ter­schied­li­chen Ei­gen­ar­ten, Vor­lie­ben, kurz die Per­sön­lich­kei­ten der Freun­de als Stör­fak­tor. Dies zeigt sich bei ge­mein­sa­men Un­ter­neh­mun­gen. Und was macht erst das Al­ter dar­aus? Die lan­gen Jah­re des Le­bens? Die zu­neh­men­de Starr­köp­fig­keit?

Von ei­ner der­ar­ti­gen Ge­menge­la­ge er­zählt der neue Ro­man der aus­tra­li­schen Au­torin Char­lot­te Wood. Mit sei­nen knapp 300 Sei­ten hat er die rich­ti­ge Län­ge, um sei­ne Le­se­rin­nen wie sei­ne Le­ser — auch wenn im Buch be­haup­tet wird, daß Män­ner kaum „Al­te Freun­din­nen“ wei­ter­le­sen

Halb gekonnter Corona-Roman

Phillip Lewis‘ Rückkehr nach Old Buckram ist das mysteriöse Debüt eines Poe-Adepten

Ich rief den Kell­ner und be­stell­te zwei Co­ro­na mit Li­met­ten­schnitz. Ich woll­te den Ball flach hal­ten.
„Mit wem bist du hier?“, frag­te ich sie. Ich deu­te­te auf mei­nen Tisch, wo J.P., Ty­ler und Will jetzt doch Ra­batz mach­ten. Aber dann frag­te Be­thAnn Sto­ry et­was, die dreh­te sich zu ihr, und ich wuss­te na­tür­lich nicht, ob sie sich wie­der mit mir un­ter­hal­ten wür­de. Trotz­dem war­te­te ich am Tisch, bis das Bier kam. Sto­ry und ich drück­ten un­se­re Li­met­ten in die Fla­schen und pros­te­ten uns zu.““

Co­ro­na-Ro­man könn­te man ka­lau­ernd das De­büt von Phil­lip Le­wis nen­nen, denn es wird ganz schön viel Bier der be­kann­ten me­xi­ka­ni­schen Mar­ke ge­trun­ken, stets ver­se­hen mit ei­nem Schnitz Li­met­te, was der Au­tor nicht mü­de wird zu be­to­nen. Gleich­zei­tig ist der Un­ter­hal­tungs­ro­man ge­eig­net, um oh­ne An­stren­gung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on zu ent­flie­hen.

Den jun­gen Prot­ago­nis­ten ver­trei­ben die fa­mi­liä­ren Ver­hält­nis­se aus sei­ner Hei­mat in den Blue Moun­tains. Doch, Es­ka­pis­mus ist kei­ne Lö­sung, nach ei­ni­gen Jah­ren ent­schließt er sich zur „Rück­kehr nach Old Buck­ram“, um die Ge­scheh­nis­se sei­ner Ver­gan­gen­heit zu klä­ren.

Auf den Ro­man bin ich zu­fäl­lig ge­sto­ßen, es ist mo­men­tan ja aus­rei­chend Zeit zu stö­bern. Als ich ihn dann in Hän­den hielt und die ers­ten Sei­ten ge­le­sen hat­te, stieß ich auf die glei­chen The­men wie im zu­vor ge­le­se­nen Ro­man „Der Freund“, auf Ein­sam­keit, das Schrei­ben und die Li­te­ra­tur, letz­te­res mit zahl­rei­chen Ver­wei­sen auf Schrift­stel­ler und ih­re Wer­ke un­ter­legt. Ne­ben Ed­gar All­an Poe gilt die be­son­de­re Auf­merk­sam­keit des Au­tors Tho­mas Wol­fe und Wil­liam Faulk­ner.

Das Haupt­su­jet al­ler­dings, von dem der Prot­ago­nist Hen­ry in der Rück­schau er­zählt, ist sein Va­ter Hen­ry L As­ter. Im Lau­fe des Ro­mans wird noch ei­ne wei­te­re Va­ter­fi­gur „Halb ge­konn­ter Co­ro­na-Ro­man“ wei­ter­le­sen

Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf die­sen Sei­ten fin­det sich vie­les, von dem ich nie je­man­dem er­zählt ha­be. Es ist selt­sam, wie der Akt des Schrei­bens zu Ge­ständ­nis­sen führt. Nicht, dass es nicht auch da­zu führt, das Blaue vom Him­mel her­un­ter­zu­lü­gen.“

Man­chem Le­ser mag beim Blick auf das Buch un­wohl wer­den, wenn auch nicht so sehr wie mei­nem Freund. Mit Schre­cken denkt die­ser dar­an zu­rück, wie ein paar mun­te­re Er­wach­se­ne, al­len vor­an sei­ne El­tern, ihn auf den Rü­cken ei­nes rie­si­gen Hun­des hiev­ten. Das Ge­schrei des Drei­jäh­ri­gen war groß, das Reit­tier blieb je­doch ge­las­sen. Es war ei­ne Dog­ge, und da die Ge­schich­te im süd­li­chen Skan­di­na­vi­en spiel­te, ei­ne dä­ni­sche, auch wenn, wie Sig­rid Nu­n­ez in ih­rem Ro­man Der Freund er­klärt, die­se Ras­se als deutsch be­zeich­net wird. Ob der sanf­te Rie­se von da­mals, wie der Hund im Ro­man ei­ne Har­le­kin­dog­ge mit schwar­zen Fle­cken auf wei­ßem Fell  war, ist nicht mehr im Ge­dächt­nis. Ge­blie­ben ist je­doch die Pho­bie. Mein Freund wür­de al­so nie­mals das tun, was in Nu­n­ez‘ Buch ge­schieht, ei­nen hin­ter­las­se­nen Hund auf­neh­men.

Sig­rid Nu­n­ez‘ Ich-Er­zäh­le­rin, wie die­se Schrift­stel­le­rin und Do­zen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben, steht zu­nächst wi­der­wil­lig die­sem Er­be ge­gen­über, nach­dem ihr bes­ter Freund den Tod ge­wählt hat. Noch wäh­rend sie trau­ert und nach Ant­wor­ten sucht, er­hält sie die Bot­schaft, daß „Dich­ter-Dog­ge“ wei­ter­le­sen