Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn Beat Ster­chis Buch war­tet. „Ein Som­mer in mei­nem Gar­ten“ will be­spro­chen wer­den. „Ca­pri­cho“ liegt schon län­ger hier, ge­le­sen und im Li­te­ra­tur­kreis dis­ku­tiert, wo es fast al­len ge­fal­len hat. Auch mir. Bald kann ich raus, in den Gar­ten. Beat Ster­chi ging zu­erst in den Gar­ten, dann an den Schreib­tisch. Dort ver­such­te er ver­geb­lich sei­nen Text vor­an­zu­brin­gen. Al­so ma­che ich es lie­ber umgekehrt.

Ster­chis Gar­ten liegt im Sü­den Ka­ta­lo­ni­ens, da muss ge­gos­sen wer­den und we­gen der Hit­ze ist das Ha­cken in der Früh an­ge­neh­mer. Es dient, wie ich ges­tern im Ra­dio von ei­ner Gar­ten­fach­frau hör­te, dem Auf­bre­chen der Ka­pil­la­re. So ver­duns­tet das Was­ser we­ni­ger und kann bes­ser auf­ge­nom­men wer­den. Ster­chis spa­ni­sche Nach­barn wis­sen das seit Jahr und Tag. Al­le ha­ben ei­nen Hu­er­to, ei­ne klei­ne Par­zel­le am Dorf­rand, wo sie Ge­mü­se züch­ten, vor al­lem Kar­tof­feln. Die klei­nen Kar­tof­feln, die mit Oli­ven­öl, Kräu­tern und Salz so gut schme­cken, die sol­len auch in sei­nem Hu­er­to wach­sen. Ster­chi schil­dert sei­ne Mü­hen, die von den Dorf­ge­nos­sen be­ob­ach­tet und mit ma­li­zi­ös ge­lä­chel­ten Rat­schlä­gen be­glei­tet werden.

Doch ist dies nur ein Buch über Kar­tof­fel­an­bau? Schil­dert Ster­chi nur ei­nen Som­mer in sei­nem Gar­ten? Nein, er er­lebt sei­ne pro­duk­ti­ve Pro­kras­ti­na­ti­on als ein Ca­pri­cho, ei­ne Lau­ne. Er schreibt, auch wenn er fürch­tet, in die­sem Som­mer in sei­nem Fe­ri­en­haus gar nichts schrei­ben zu kön­nen. Der Schreib­tisch hemmt und der Gar­ten för­dert. Dort lie­gen zwi­schen den Mau­er­rit­zen nicht nur die Ei­dech­sen in der Son­ne, son­dern auch die Stif­te. Ster­chis klei­ne No­tiz­bü­cher fül­len sich, er muss sich Nach­schub besorgen.

(…) es wur­de mit klar, dass ich in mei­nem hu­er­to of­fen­sicht­lich je­de Glüh­würm­chen­exis­tenz als er­wäh­nens­wert er­ach­te­te, (…), was aber mein ei­gent­li­ches Schreib­vor­ha­ben be­traf, starr­te ich noch im­mer in ein trost­lo­ses, schwar­zes Loch.“

Bei sei­nen Be­sor­gun­gen in der Stadt be­merkt er Ver­än­de­run­gen, an den Ge­bäu­den wie an den Be­kann­ten, die seit dem letz­ten Jahr ge­al­tert sind. Die Zeit ver­geht, auch im Dorf, über die Jah­re und über den Som­mer. „Así es la vi­da!“ kom­men­tiert Ma­ría An­ge­les. Im Klei­nen zeigt dies sein Gar­ten oder bes­ser die Kar­tof­feln, die trotz al­ler Wi­der­nis­se, trotz al­ler Un­bill ge­dei­hen. Manch­mal spült das Un­wet­ter sie vor der Zeit her­aus. Doch klei­ne Kar­tof­feln sind gut. Eben­so wie die klei­nen Ka­pi­tel die­ses Buchs.

Der Mar­der, die Gei­er und die Ha­cke“, „Die Ro­se, die Pal­me und das Meer“ aber auch „Die Gül­le, der Zür­gel­baum und der He­li­ko­pter“. Es sind Be­ob­ach­tun­gen, Be­schrei­bun­gen, Be­geg­nun­gen, die sich im Ti­tel-Ter­zett vor­stel­len. Das klingt schlicht und ent­spricht Ster­chis un­prä­ten­tiö­sem Stil. In klei­nen Schrit­ten macht er den Le­ser nach und nach mit dem Dorf und sei­nen Be­woh­nern be­kannt. Wir fol­gen ihm auf den We­gen, strei­fen die Häu­ser, sit­zen abends im Gast­haus oder beim Gril­len hin­term Haus. Es herrscht ei­ne be­trieb­sa­me und den­noch ge­las­se­ne At­mo­sphä­re in die­sem Dorf in der spa­ni­schen Pro­vinz. In vie­lem er­in­nern mich Ster­chi Schil­de­run­gen an Fa­bio An­di­nas „Ta­ge mit Fe­li­ce“. Doch an­ders als An­di­na spielt bei Ster­chi sein ver­meint­li­ches Schei­tern am Schreib­pro­jekt ei­ne Rol­le. Stets ist er auf „der Su­che nach dem ro­ten Fa­den“, den ihm be­reits die kleins­te Maus ab­bei­ßen kann. Dann flieht zum Ha­cken in sei­nen Hu­er­to und wünscht sich solch‘ ste­ten Rhyth­mus für sein Schrei­ben. Was heu­te als Acht­sam­keit ge­prie­sen wird, be­schreibt be­reits Tol­stoi. An des­sen Heu­maht in An­na Ka­re­ni­na denkt Ster­chi nicht. Sei­ne li­te­ra­ri­schen Be­zü­ge fin­det er bei Jo­sef Pla, Iwan Bu­nin oder Lu­is Se­púl­ve­da.

Manch­mal er­in­nern Ster­chis Tex­te an Ta­ge­buch-No­ta­te, knapp er­zählt er von sei­nen Wan­de­run­gen, von Tie­ren und Men­schen. Die Na­tur — das Dorf Mo­rel­la lie­ße sich oh­ne wei­te­res als be­sie­del­te Na­tur be­schrei­ben — ist ihm am liebs­ten. Doch er ro­man­ti­siert es eben­so we­nig als Idyll, wie sei­ne Nach­barn als glück­li­che Land­leu­te. Prag­ma­tisch, bis­wei­len hart wie ih­re Ar­beit sind der Schwei­ne­züch­ter Ra­mon oder Joa­quin, eben­so wie die al­te Do­na Mará, de­ren im Wind we­hen­des Kü­chen­hand­tuch dem Au­tor, wie „ei­ne Fah­ne je­ner Ar­mut“ er­scheint, „die vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit in die­sem Dorf ge­herrscht ha­ben muss“. Haupt­säch­lich herrscht hier Ru­he, die Ster­chi für sein Schrei­ben sucht. Wer hät­te ge­dacht, daß ein Hu­er­to ihn ab­lenkt. Erst spät er­kennt er des­sen in­spi­rie­ren­de Kraft.

Beat Ster­chi, Ca­pri­cho. Ein Som­mer in mei­nem Gar­ten, Dio­ge­nes 2021

…als wäre das Ende der Welt da“

Charles Ferdinand Ramuz hat mit „Derborence“ ein Sprachkunstwerk in antiker Tradition erschaffen

Ah! Der­bo­rence, du warst so schön, du warst schön in je­ner Zeit, wenn du dich schmück­test von En­de Mai an, für die Män­ner, die kom­men wür­den. Und sie lie­ßen nicht war­ten; so­bald du das Zei­chen gabst, ka­men sie.“

Charles Fer­di­nand Ra­muz (1878–1947) gilt als ei­ner der be­deu­tends­ten Schrift­stel­ler der Schweiz. 1936 er­hielt er den Gro­ßen Preis der Schwei­ze­ri­schen Schil­ler­stif­tung, 2005 wur­den sei­ne Ro­ma­ne in die Bi­blio­t­hè­que de la Plé­ia­de in Pa­ris auf­ge­nom­men, so­gar der No­bel­preis wur­de für ihn gefordert.

Der vor­lie­gen­de 1934 er­schie­ne­ne Ro­man Der­bo­rence lag be­reits ein Jahr spä­ter in deut­scher Über­set­zung un­ter dem Ti­tel „Berg­sturz auf Der­bo­rence“ vor.  Der Ti­tel ist Pro­gramm. Die Alp Der­bo­rence, un­ter­halb des Berg­mas­sivs Les Dia­blerets, liegt auf ei­ner Hö­he von an­nä­hernd 1500 Me­tern zwi­schen den Tä­lern der Rho­ne und des Wal­lis. In den Som­mer­mo­na­ten wei­de­ten die Tal­be­woh­ner dort ihr Vieh. In den Dör­fern zu­rück blie­ben nur die Frau­en und die Al­ten. Am 23. Ju­ni 1749 er­eig­ne­te sich auf die­ser von Fels­wän­den ein­ge­kes­sel­ten Hoch­alp ein Berg­sturz. Er be­grub Le­be­we­sen und …als wä­re das En­de der Welt da““ wei­ter­le­sen

Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost”

In „La pozza del Felice“ feiert Fabio Andina die Zufriedenheit am Ende des Lebens

Che poi, che la po­li­ti­ca l’è tut­ta una gran por­ca­da, e che il mondo è in ma­no ai so­li­ti due o tre fa­ra­but­ti, ques­to lo san­no an­che i pe­sci di ques­to fi­ume, per con­to mio, ir­rom­pe il Fe­li­ce guar­d­an­do l’aqua.” – Und au­ßer­dem, dass die Po­li­tik ei­ne ein­zi­ge Saue­rei ist und die Welt in den Hän­den der üb­li­chen zwei oder drei Schur­ken liegt, das wis­sen so­gar die Fi­sche in die­sem Fluss, wenn man mich fragt, un­ter­brach Fe­li­ce und blick­te aufs Wasser.

Je äl­ter wir wer­den, um­so mehr wird un­ser Le­ben von Ri­tua­len ge­prägt. Es meh­ren sich die im­mer­glei­chen We­ge, Be­geg­nun­gen und Hand­lun­gen, die den All­tag struk­tu­rie­ren. Im Val­le di Ble­nio, ein­ge­bet­tet in die Berg­zü­ge des Schwei­zer Tes­sin, sind es die Glo­cken der zahl­rei­chen Dorf­kir­chen, die Ori­en­tie­rung in Raum und Zeit bie­ten, auch den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes Le­on­ti­ca. Dort ver­bringt Fa­bio An­di­na, der Au­tor von La poz­za del Fe­li­ce”, seit sei­ner Kind­heit die Fe­ri­en, ganz wie sein Erzähler.

An­di­na ist ver­traut mit dem Ort und der Na­tur, die er als Sze­ne­rie für sei­nen Ro­man über­nimmt. Sei­ne Fi­gu­ren je­doch hat er Wenn wir kre­pie­ren, wer­den wir al­le zu Kom­post”“ wei­ter­le­sen

Vom Auswildern einer Familie

Andrea Hejlskov schildert in „Wir hier draussen“ die Bekämpfung einer Existenzkrise mit natürlichen Mitteln

Als wir weg­ge­gan­gen wa­ren, hat­ten wir das nicht ge­tan, um vor den Pro­ble­men oder Kon­flik­ten weg­zu­lau­fen. Es war ein Ka­mi­kaze­an­griff ge­we­sen, der mit­ten ins Herz der Fa­mi­lie ge­zielt hat­te, ins Pri­va­te, di­rekt in die Pro­ble­me – wir hat­ten die Pro­ble­me an der Gur­gel pa­cken wol­len, sie auf den Kopf stel­len und sie schüt­teln, bis sie zit­tern und ver­schwin­den wür­den. Uns war klar ge­we­sen, dass es hart wer­den wür­de, dass es schreck­lich wer­den wür­de, das hat­ten wir ge­wusst, aber das war es uns wert gewesen.“

Raus aus der Zi­vi­li­sa­ti­on, zu­rück zur Na­tur, zum Ur­sprüng­li­chen, die ei­ge­nen Res­sour­cen ent­de­cken, wie­der Ge­mein­schaft er­le­ben. Die­se Mo­ti­ve ha­ben vor der dä­ni­schen Au­torin An­drea He­jls­kov und ih­rer Fa­mi­lie schon an­de­re be­wegt. Zu Be­ginn des vor­letz­ten Jahr­hun­derts wa­ren es Na­tur­jün­ger, die auf Süd­see­inseln oder im Tes­sin ihr Le­bens­glück such­ten. Ih­nen folg­ten an­de­re, die sich vom Auf­ge­zwun­ge­nen ab­kehr­ten um sich selbst zu fin­den. Hen­ry Da­vid Tho­reau be­zog ei­ne ab­seits ge­le­ge­nen Hüt­te und schlug aus die­ser Er­fah­rung auch li­te­ra­risch Ka­pi­tal. Sein „Wal­den“ wur­de zum Kult­buch. Ähn­li­che Aben­teu­er, aus de­nen ein Buch her­vor­ging, gibt es noch in heu­ti­ger Zeit. Sie rei­chen von der Re­por­ta­ge des Jour­na­lis­ten Jür­gen Kö­nig, der gut vor­be­rei­tet ein Jahr auf ei­ner Schwei­zer Hoch­alm ver­bringt, bis zum ame­ri­ka­ni­schen Jung­au­tor und sei­nem Ver­such ein­sam die Ado­les­zenz aus­zu­sit­zen. Sprachmäch­ti­ger sind „Vom Aus­wil­dern ei­ner Fa­mi­lie“ wei­ter­le­sen

Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

Das ist der Ge­sang der Spin­ne im Netz. Das ist das Wach­sen von Grä­sern und Moos auf den Steinen.“

In ih­rem Ro­man „Al­les Ver­wand­te“ nimmt Sa­bi­ne Pe­ters ih­re Le­ser mit auf ei­ne Rei­se. Sie führt nach Por­tu­gal in das Berg­dorf Fei­tal. In der kar­gen Pro­vinz ab­seits der Küs­te be­su­chen sich zwei Frau­en um ih­rer al­ten Freund­schaft wil­len. Dies führt bei­de zu­rück in die Ver­gan­gen­heit ge­mein­sa­mer wie sub­jek­ti­ver Erinnerungen.

Mit gro­ßer Em­pa­thie be­schreibt Sa­bi­ne Pe­ters die Frau­en und die Re­gi­on. Im stei­ni­gen Fei­tal, fern von Fort­schritt und Be­trieb, scheint die Zeit still zu ste­hen. Doch die Aus­wir­kun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che sind spür­bar. Die Fi­nanz­kri­se schwächt die ab­seits ge­le­ge­nen Klein­be­trie­be. Das In­ter­net ist er­reich­bar, wenn auch mit ab­ge­schwäch­ter Kraft.

Die por­tu­gie­si­sche Künst­le­rin Li­no lebt nach Jah­ren in Deutsch­land und der Tren­nung von ih­rem Mann wie­der in ih­rem Hei­mat­dorf. Dort er­war­tet sie Ma­rie, ih­re Freun­din aus „Jar­dim de Pe­dras“ wei­ter­le­sen

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahn­te nicht, dass mich nach Er­schei­nen des Ar­ti­kels ein Ver­le­ger kon­tak­tie­ren wür­de, um mich zu fra­gen, ob ich nicht ein Buch schrei­ben woll­te. Ob ich nicht ir­gend­wel­che Ge­schich­ten über Leu­te ge­hört hät­te, die ich ger­ne er­zäh­len wür­de. Ge­nau die­ses Ge­spräch brach­te mich dann auf die Idee, mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len – von mei­nem Un­fall, den Jah­ren in der Ein­sam­keit und mei­ner lang­wie­ri­gen, merk­wür­di­gen Su­che nach mei­nem Platz in der Welt, nach ei­nem neu­en Ver­ständ­nis der Rea­li­tät, nach ei­ner neu­en Perspektive.“

Die­ses Be­kennt­nis im letz­ten Ka­pi­tel des vor­lie­gen­den Buchs be­schreibt bes­ser als der Ti­tel, daß Al­lein in den Wäl­dern nicht nur vom (Über)leben in der Na­tur er­zählt. Howard Axel­rod schil­dert in sei­nem als Me­moir zu be­zeich­nen­dem Werk kei­ne mo­der­ne Ver­si­on von Tho­re­aus Wal­den“ , auch wenn er die­sen Klas­si­ker zitiert.

Par­al­le­len im Ver­hal­ten der bei­den Prot­ago­nis­ten be­stehen durch­aus. Wie Tho­reau so ist auch Axel­rod kein Selbst­ver­sor­ger und den Lau­nen der Na­tur nicht ganz und gar aus­ge­setzt wie ein ein­sa­mer Na­tur­bur­sche fern der Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­se ist mü­he­los zu er­rei­chen, von Axel­rod so­gar mit dem ei­ge­nen Au­to, um sich mit dem Nö­tigs­ten zu ver­sor­gen oder auch mal ein­zu­keh­ren. Wäh­rend Tho­reau bis­wei­len „Me­moir in Na­tur­ku­lis­se“ wei­ter­le­sen

Mit Schnaps und Proviant ein Jahr auf der Hochalm

Am schönsten ist’s bei schlechtem Wetter“ – Jürgen Königs Jahr auf Medalges

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… daß es kei­nen Baum gibt, ist gut so. Ich woll­te ja ei­ne Hüt­te ober­halb der Baum­gren­ze, da, wo nur noch kar­ge Alm­wie­sen und Fel­sen sind, al­so weit über 2000 Me­ter, da, wo ich die Ein­sam­keit ver­mu­te und wo man weit­ge­hend si­cher ist vor den Büch­sen schnei­di­ger Nim­rods und ih­rer um­trie­bi­gen Jagdgäste.

Die Hüt­te – sie heißt Fur­cia; das be­deu­tet auf la­di­nisch „Ga­bel“ – ist auf den ers­ten Blick recht ge­müt­lich. Auf den zwei­ten ist sie es nicht mehr. Sie be­steht aus vier Räu­men, aus Kü­che, Stu­be, Schlaf- und Speisekammer.“

 

Un­ten ist schon Früh­som­mer, oben noch kein Früh­ling, als Jür­gen Kö­nig im Mai 1989 für ein Jahr in die Do­lo­mi­ten zieht. Sein Zu­hau­se auf Zeit, die Fur­cia-Hüt­te, be­fin­det sich auf Me­dal­ges in 2300 m Hö­he, mit­ten im Na­tur­park Pu­ez-Geis­ler.

Doch was mo­ti­viert den Jour­na­list und Schrift­stel­ler Kö­nig, der sonst ei­nen Bau­ern­hof in Bay­ern be­wohnt? Ist er Ein­zel­gän­ger? Treibt ihn die Sehn­sucht nach der Na­tur? Oder will er ein­fach Ru­he vor dem Wahn­sinn un­tern Men­schen? Sein von Tho­reau ent­lehn­tes Mot­to legt dies na­he: „Mit Schnaps und Pro­vi­ant ein Jahr auf der Hoch­alm“ wei­ter­le­sen

Endzeit-Elegie

Valerie Fritsch beschreibt in „Winters Garten“ mit pathetisch schönen Bildern die Vergänglichkeit

fritschEr er­in­ner­te sich an die Som­mer bei den Groß­el­tern wie an ein Kö­nig­reich, aus dem man ver­trie­ben wor­den war. Er dach­te an die But­ter­blu­men und die Ma­ril­len­knö­del. Die hand­tel­ler­gro­ßen Hol­ler­blü­ten ein­ge­legt in Zu­cker. (…) Er rief die Bil­der der Wie­sen zu­rück, und ihm schien, als sä­he er, wie im Gar­ten glei­cher­ma­ßen die Köp­fe der Lö­wen­zäh­ne und die Häup­ter der Groß­el­tern erst weiß wur­den und dann kahl im Wind der Jah­re. Wie die­se ge­sun­den Men­schen mit den Ap­fel­ba­cken und den Zahn­lü­cken schrumpf­ten. Wie die led­ri­gen Bau­ern­hän­de auf­ris­sen und blaue Adern im Mar­mor der blei­chen Haut der Al­ten wuch­sen. Wie al­les alt wur­de. Wie vie­les verschwand.“

Bild­reich, wort­ge­wal­tig und poe­tisch klin­gen be­reits die ers­ten Sei­ten von Va­le­rie Fritschs Ro­man Win­ters Gar­ten. Sie kon­fron­tie­ren den Men­schen mit sei­ner ei­ge­nen Ver­gäng­lich­keit, mit der sei­nes Kör­pers und mit der des Geis­tes, ge­spie­gelt in sei­ner Haut, was die Au­torin über­zeu­gend aus­zu­drü­cken weiß.

Das scheint er­staun­lich an­ge­sichts des Al­ters von Fritsch, die als weit­ge­reis­te Fo­to­gra­fin auf un­ge­wöhn­li­che Er­fah­run­gen blickt. Auch ihr un­längst auf dem Bach­mann-Wett­be­werb vor­ge­stell­ter Text spie­gel­te dies.

Mit „Win­ters Gar­ten“ legt sie ei­nen End­zeit­ro­man vor, bei dem die Zi­vi­li­sa­ti­ons­flucht das „End­zeit-Ele­gie“ wei­ter­le­sen

Landlust

Doris Knecht erzählt in Wald wie sich eine Stadtmaus zur Landmaus wandelt

U1_978-3-87134-769-6.inddDas Le­ben am Land ist nicht zärt­li­cher als das Le­ben in der Stadt. Die Men­schen sind nicht net­ter zu­ein­an­der, weil sie sich bes­ser und län­ger ken­nen oder al­le ir­gend­wie mit­ein­an­der ver­wandt sind. Die schö­ne Na­tur um sie her­um macht sie nicht dank­bar und weich, im Gegenteil.“

Als ich in der Vor­schau des Ro­wohlt-Ver­lags den neu­en Ro­man von Do­ris Knecht ent­deck­te, er­in­ner­te mich nicht nur sein Ti­tel „Wald“ so­fort an das be­kann­te Buch ei­ner an­de­ren ös­ter­rei­chi­schen Au­torin, „Die Wand“ von Mar­le­ne Haus­ho­fer. Hier wie dort wird ei­ne Frau auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen, auf ein ein­sa­mes, be­schei­de­nes Le­ben als Selbst­ver­sor­ge­rin. Ei­ne Hüt­te in der Na­tur dient auch dem Prot­ago­nis­ten ei­nes an­de­ren ak­tu­el­len und eben­falls ös­ter­rei­chi­schen Ro­mans als Zu­flucht, Er­win Uhr­manns „Ich bin die Zu­kunft“. In bei­den Ro­ma­nen spielt die Fi­nanz­kri­se ei­ne Rol­le, doch wäh­rend sie in Uhr­manns Dys­to­pie glo­ba­le Ka­ta­stro­phen be­glei­tet, wirkt sie bei Knecht im Privaten.

Die Hel­din Ma­ri­an Ma­lin macht in Mo­de bis sie die Leh­man Bro­thers, ein un­fä­hi­ger Bank­be­ra­ter und dum­me Ge­schäf­te in den Ru­in stür­zen. Ihr sat­tes Le­ben im LO­HA-Lu­xus „Land­lust“ wei­ter­le­sen