Kunstgeschichtliche Mystifizierungen“

In „Dius“ erzählt Stefan Hertmans von einer Freundschaft, die von schöpferischen und geistigen Kunsterfahrungen geprägt wird

Darf ich rein­kom­men? Ich ha­be ei­ne Über­ra­schung für Sie.

Dass ein Stu­dent an der Tür des Do­zen­ten klin­gelt, als wä­re er ein rei­cher, frei­gie­bi­ger On­kel, war der­art un­ge­wöhn­lich, dass es mich ei­nen Mo­ment lang ver­wirr­te. Di­us sah mich mit ei­nem An­flug hei­te­rer Ar­ro­ganz ab­war­tend an. Ich hät­te ihn jetzt höf­lich weg­schi­cken und streng ta­deln kön­nen, dass es höchst un­an­ge­bracht sei, auf die­se Wei­se in die Pri­vat­sphä­re ei­nes Do­zen­ten ein­zu­drin­gen, doch be­vor ich merk­te, was ich tat, hat­te ich ihn mit ei­ner Ges­te, die zum Aus­druck brin­gen soll­te, dass ich wohl kei­ne an­de­re Wahl hät­te, schon auf­ge­for­dert ein­zu­tre­ten. Da­mit war der Ton gesetzt.“

In un­wi­der­steh­li­cher Selbst­ge­wiss­heit tritt Di­us in Ste­fan Hertmans gleich­na­mi­gen Ro­man sei­nem Do­zen­ten An­ton ge­gen­über. Bei­de ken­nen sich aus der Kunst­aka­de­mie. Wäh­rend der me­lan­cho­li­sche An­ton Vor­le­sun­gen in Kunst­phi­lo­so­phie hält und an sei­ner Dis­ser­ta­ti­on ar­bei­tet, ver­steht sich der 15 Jah­re Jün­ge­re als künst­le­ri­sches Ge­nie. Sie­ges­ge­wiss und wie selbst­ver­ständ­lich trägt er An­ton sei­ne Freund­schaft an und bie­tet dem in sei­nen Au­gen hoff­nungs­los über­ar­bei­te­ten Aka­de­mi­ker sein Ate­lier an. „Ich ha­be in den Pol­dern ein Mal­ate­lier, sag­te er, es ist ein al­tes Dorf­haus, das nicht mehr be­nutzt wird. Es grenzt an ei­nen ver­wahr­los­ten Park mit ei­nem klei­nen Schloss.“ Der sonst so zau­dern­de An­ton er­liegt und emp­fin­det „ein ver­hei­ßungs­vol­les Auf­schim­mern un­ver­hoff­ter Mög­lich­kei­ten“.

Die Le­se­rin er­staunt dies nicht, denn Di­us Pra­ti, wie sich der Kunst­stu­dent Egi­di­us De Blae­ser nennt, um­gibt ei­ne gött­li­che All­machts-Au­ra. Kein Wun­der, lässt sich sein Na­me doch mit Gott der Wie­sen über­set­zen. Dass ein sol­cher sich in ei­nem wil­den Wäld­chen na­he den Über­schwem­mungs­wie­sen der bel­gi­schen Küs­te wohl­fühlt, liegt nicht fern.

An­ton be­folgt, was Di­us wünscht. „Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was mich ritt – ich konn­te mir Nou­kas be­denk­li­ches Kopf­schüt­teln be­reits blen­dend vor­stel­len; sie wür­de mich fra­gen, ob ich noch al­le Tas­sen im Schrank hät­te: Ich, der über­ar­bei­te­te Do­zent, der für nichts Zeit hat­te, und schon gar nicht für ro­man­ti­sche Aus­flü­ge mit ihr, plan­te ei­ne Land­par­tie, und das no­ta be­ne mit ei­nem Stu­den­ten, statt die wert­vol­le Zeit für et­was Sinn­vol­le­res zu nutzen?“ 

Der aka­de­mi­sche Theo­re­ti­ker fin­det im Do­mi­zil des schöp­fungs­wü­ti­gen Künst­lers in­ne­re Ru­he und In­spi­ra­ti­on. Dort, in dem bau­fäl­li­gen Häus­chen mit Heu­bo­den, des­sen Am­bi­en­te und La­ge Hertmans so sinn­lich be­schreibt, daß es vor Au­gen steht, ist es an­ders als in An­tons ak­ku­ra­tem Stu­dier­zim­mer. Un­zäh­li­ge Werk­zeu­ge fin­den sich dort, ein Schin­ken hängt von der De­cke, auf dem Tisch lie­gen „zwei exo­ti­sche Kris, ein klei­ner Schä­del, wohl von ei­ner Zie­ge, da­ne­ben der grö­ße­re ei­nes Men­schen; ein rau­er, wie ei­ne Ing­wer­knol­le ge­form­ter Gra­nit­stein, auf dem ein di­ckes Brett aus un­be­ar­bei­te­tem Holz lag – das al­les kam mir in sei­ner zu­fäl­li­gen Form und Will­kür wie ei­ne ge­hei­me Schatz­kam­mer vor.“

An­ton, der in Form und Ord­nung Äs­the­tik und Er­kennt­nis sucht, trifft auf ei­ne At­mo­sphä­re sinn­li­cher Schöp­fungs­lust. Die­se Ge­gen­sät­ze, die doch so gut zu­sam­men­pas­sen, füh­ren zur Freund­schaft zwi­schen dem Künst­ler und dem Kunst­phi­lo­so­phen. Im Mot­to sei­nes Ro­mans greift Hertmans die­ser Ent­wick­lung vor und zi­tiert Tho­mas von Aquin, „Nichts ist im Ver­stand, was nicht vor­her in den Sin­nen wä­re“.

Wer bei den Stich­wor­ten Ver­stand und Sin­ne an das Apol­li­ni­sche und das Dio­ny­si­sche Prin­zip denkt, liegt da­mit nicht falsch. Nicht nur er­wähnt Hertmans in sei­nem von Ver­wei­sen ge­ra­de­zu über­quel­len­den Ro­man Nietz­sche so­wie die an­ti­ken dio­ny­si­schen Ri­tua­le, sei­ne bei­den Prot­ago­nis­ten äh­neln auch den Göt­ter­fi­gu­ren. Mit Haa­ren „wie ein dunk­ler Strah­len­kranz“, dem Ha­bi­tus ei­nes „Kleinkriminelle(n) mit der Hal­tung ei­nes Aris­to­kra­ten­sohns“ er­scheint Di­us mit At­tri­bu­ten und Ver­hal­ten des Dio­ny­sos. Zwar ist er nicht der Sohn ei­nes Got­tes und ei­ner Kö­nigs­toch­ter, son­dern nur der ei­nes si­zi­lia­ni­schen Ge­la­tie­re und ei­ner bel­gi­schen Schuh­ver­käu­fe­rin, ist aber wie sein gött­li­ches Ur­bild Sin­nen­freu­den al­ler Art äu­ßerst zu­ge­neigt. Manch­mal al­ler­dings wird Di­us auch zum Lamm Got­tes, „Bes­ser ich als du, sag­te er, (…) Erst da sah ich das ge­ron­ne­ne Blut in sei­ner Hand­flä­che.“ Oder in con­tra­rio zum Dia­vo­lo. „Im nächt­li­chen Däm­mer er­blick­te ich in ihm die Frat­ze ei­nes al­ten Ge­mäl­des und um sein Ge­sicht mit dem däm­li­chen Grin­sen ei­nen Kranz aus schwar­zem Haar. Der Teu­fel. Ich hat­te es schon im­mer ge­ahnt: Me­phis­to, der leib­haf­ti­ge Teu­fel.

An­ton hin­ge­gen lei­det wie einst Apoll an der Lie­be. Nicht al­lei­ne sei­ne Un­ent­schlos­sen­heit ver­hin­dert de­ren Er­fül­lung. Wie bei Apoll und Daph­ne sind es die Pfei­le Amors, die in An­ton nicht en­den wol­len­de Lie­be er­zeu­gen, sei­ne An­ge­be­te­te je­doch in die Flucht schlagen.

Ei­ner der Schwer­punk­te des Ro­mans liegt auf den tie­f­emo­tio­na­len Be­zie­hun­gen Freund­schaft und Lie­be. Hertmans lässt kei­ne ih­rer viel­fäl­ti­gen Fa­cet­ten aus. Sein Er­zäh­ler An­ton be­ob­ach­tet und fühlt An­zie­hung und Ab­sto­ßung, Sehn­sucht und Streit, Ero­tik und Ei­fer­sucht. Und macht sich sei­ne Ge­dan­ken. „Da­bei emp­fand ich den Ver­rat der Freund­schaft viel in­ten­si­ver und schmerz­vol­ler als den der Lie­be; schließ­lich wis­sen wir, dass uns die Lie­be blind macht, dass wir vom Eros ge­trie­ben sind und dass das, was wir er­stre­ben, letzt­end­lich nur auf Il­lu­si­on und Selbst­täu­schung be­ruht. Die Freund­schaft aber, vor al­lem je­ne, die auf dem ge­mein­sa­men Emp­fin­den von Schön­heit und Frei­heit grün­det, hal­ten wir für rein, un­ge­trübt von Lei­den­schaft und Begehren.“

Hier kommt die an­de­re Spe­zia­li­tät des Buchs und sei­nes Au­tors in Spiel, die Kunst in al­len ih­ren For­men. An­ton, der Kunst­ken­ner und Phi­lo­soph, kann ein­fach nichts be­trach­ten, sei es ei­ne Land­schaft, ei­ne Per­son, ei­ne Si­tua­ti­on oder ein Ge­fühl, oh­ne ein pas­sen­des Kunst­werk zu as­so­zi­ie­ren. „Ganz lang­sam ver­wan­del­te sich der Him­mel in das pracht­vol­le Fir­ma­ment ei­nes nie­der­län­di­schen Ge­mäl­des aus dem 17. Jahr­hun­dert. Ich kann nur noch in Ge­mäl­den den­ken, dach­te ich mir. Ähn­lich wie der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Stendhal nur die­je­ni­gen Land­schaf­ten als sol­che wahr­nahm, die er vor­her auf Kup­fer­sti­chen ge­se­hen hat­te.“ Die Frau sei­nes Le­bens be­zeich­net dies als „kunst­ge­schicht­li­che Mys­ti­fi­zie­run­gen“.

Wir be­glei­ten An­ton auf sei­nen Ge­dan­ken­flü­gen und be­geg­nen Wer­ken der Bil­den­den Kunst, der Mu­sik und der Li­te­ra­tur. Ih­re kur­siv ge­setz­ten Ti­tel ma­chen den Ro­man mit di­gi­ta­ler Hil­fe zu ei­nem im­mersi­ven Kunst­er­leb­nis. Hertmans, der als Kunst­do­zent lehr­te, ge­lin­gen nicht nur an­schau­li­che Dar­stel­lun­gen der ein­zel­nen Kunst­wer­ke, sei­en es der Rit­ter des Re­nais­sance-Ma­lers Vit­to­re Car­pac­cio oder ein mo­der­nes Ge­mäl­de von As­ger Jorn, er in­te­griert sie in die Hand­lung sei­nes Ro­mans. „Ich be­trach­te­te die gan­ze Kunst­ge­schich­te als ei­nen ein­zi­gen in­ter­ak­ti­ven Raum, in dem al­les auf al­les ein­wirkt. (…) In mei­nen Au­gen bil­de­te al­les ein gro­ßes Gan­zes, und je län­ger ich dar­über nach­dach­te, des­to un­zu­läng­li­cher fand ich das his­to­ri­sche Den­ken in Strö­mun­gen, Rich­tun­gen, in Ma­ni­fes­ten und al­ler­lei Ka­te­go­rien – die­se führ­ten mei­ner Mei­nung nach nur zu Vor­ur­tei­len, die die Men­schen dar­an hin­der­ten, auf­merk­sam und ganz kon­kret zu be­trach­ten.“, legt er sei­nem Kunst­phi­lo­so­phen in den Mund.

Wäh­rend An­ton über Kunst sin­niert, zeigt Di­us, wie er sie macht. Un­ter sei­nen Hän­den ent­ste­hen die un­ter­schied­lichs­ten Ar­te­fak­te. Sein be­son­de­res Au­gen­merk gilt der per­fek­ten Il­lu­si­on des In­kar­nats, des von der Haut um­ge­be­nen Fleischs. Er kre­iert Mö­bel­stü­cke in aus­ge­fal­le­nem De­sign und fer­tigt sie, was ihm ei­nes Ta­ges zum Ver­häng­nis wer­den wird. Ein be­son­de­res Stück, der Schreib­tisch mit Vo­gel­au­gen-Ahorn-Fur­nier, wird sei­ne Freund­schafts­ga­be für An­ton. In der Plat­te hat Di­us ei­ne un­sicht­ba­re Bot­schaft für den Freund versteckt.

Es gibt noch wei­te­re Rät­sel und Fra­gen in die­sem Ro­man. Man­che er­schlie­ßen sich oder wer­den vom Au­tor im Nach­wort ge­löst. An­de­re blei­ben An­ge­bo­te zum Nach­den­ken. „Was ich tue, be­stim­me nicht ich, es sieht nur so aus, als ob ich selbst ent­schei­de und hand­le.“ Oder „Wo und wann wohl der An­fang der Küns­te ge­we­sen sein mag?“

Dass der Au­tor sei­ne Le­ser nicht aus den Au­gen ver­liert, zeigt er in der di­rek­ten An­spra­che. Nicht nur die­se spo­ra­di­schen Äu­ße­run­gen be­wei­sen Hu­mor. Wir be­geg­nen ihm auch in der Cha­rak­te­ri­sie­rung ei­nes igno­ran­ten Prü­fers, der sich schließ­lich aufs Pein­lichs­te selbst ent­larvt, in der Schil­de­rung ei­ner ver­lust­rei­chen, aber äu­ßerst krea­ti­ven Haus­halts­tei­lung nach dem En­de ei­ner Be­zie­hung so­wie in den Sei­ten­hie­ben auf zeit­ge­nös­si­sche For­men der Kunst.

Ste­fan Hertmans legt sein Ro­man-Kunst­werk als Rück­blick sei­nes Er­zäh­lers An­ton an, der als Kunst­wis­sen­schaft­ler und Freund über das Le­ben und Werk ei­nes Kunst­ge­nies schreibt und so­mit zum Va­sa­ri für Di­us Pra­ti wird.

In sol­chen Mo­men­ten weiß ich, war­um Di­us in mein Le­ben tre­ten muss­te: weil wir bei­de den Durst nach längst ver­gan­ge­nen Zei­ten tei­len, die uns durch die frü­hen Er­in­ne­run­gen ir­gend­wie in die Kör­per ein­ge­schrie­ben sind und uns un­be­haust wer­den las­sen im Lärm un­se­rer Gegenwart.“

Ste­fan Hertmans, Di­us, Dio­ge­nes Ver­lag 2025

Vom Schatten ins Licht

In „Moosland“ findet Katrin Zipse eine poetische Form, um von Unerträglichem zu erzählen

Es kom­men Näch­te, da hält sie es nicht mehr im Haus. Sie zieht die Strick­ja­cke über und schleicht aus der Tür, hin­aus ins schat­ten­lo­se Licht. Der ge­tram­pel­te Pfad vom Hof weg führt an den mah­len­den Pfer­den vor­bei zum Gras­so­den­haus und en­det, wo die auf­ge­häng­ten Fi­sche im Wind klap­pern. Aber sie geht wei­ter über das feuch­te Gras, über Frau­en­man­tel, Schaf­gar­be und Pols­ter aus Thy­mi­an, am Fuß des Hoch­pla­teaus ent­lang, und erst dort, wo der Fels in mäch­ti­gen Qua­dern aus­läuft und schwarz-wei­ße Vö­gel mit oran­ge­far­be­nen Schnä­beln krei­sen, steigt sie auf und läuft bis an die Klippen. (…)
Hier ist der Him­mel im­mer zu weit. Es hilft nichts, wenn sie die Au­gen schließt. Es ist ein Him­mel, dem man nicht ent­rin­nen kann, un­ter dem das Le­ben er­bar­mungs­los weitergeht.“

Wer an Is­land denkt, denkt an die wei­te Land­schaft die­ser In­sel, wald­los, was­ser­reich, von Meer um­ge­ben und spär­lich be­sie­delt von Men­schen, die sich die frucht­ba­ren Re­gio­nen mit Scha­fen und Is­land­pfer­den teilen.

In Kat­rin Zip­ses neu­em Ro­man „Moos­land“ ist Is­land mehr als ein Hand­lungs­ort. Sei­ne Land­schaf­ten und sein Licht prä­gen das Ge­sche­hen. Sei­ne Spra­che wird zum Mit­tel der An­nä­he­rung. Kat­rin Zip­se, die als Sti­pen­dia­tin der Künst­ler­re­si­denz Ska­gast­rönd die In­sel ken­nen­lern­te, er­zählt vom Schick­sal ei­ner jun­gen Deut­schen, die im Jahr 1949 auf An­wer­bung des Is­län­di­schen Bau­ern­ver­bands die In­sel er­reich­te, um für ein Jahr Hilfs­kraft ei­ner Bau­ern­fa­mi­lie zu werden.

Be­reits auf den ers­ten Sei­ten deu­tet sich die ho­he Ver­letzt­heit der jun­gen El­sa an. Wäh­rend ih­re Be­glei­te­rin Ger­da, de­ren Plan sie man­gels Le­bens­kraft folgt, die In­sel als Chan­ce für ein neu­es Le­ben be­greift, ver­harrt El­sa in Schwei­gen, das sie nicht ab­zu­le­gen ver­mag. Ein Zu­stand, den sie vor­erst hin­ter der ihr un­be­kann­ten Spra­che ver­steckt. Kaum ver­ber­gen kann sie je­doch ih­re Un­ru­he, die sie nachts be­fällt, wenn sie von Alb­träu­men ge­plagt auf­wacht. „Ein Nacht­ge­spenst, ein Alb, aus der Tie­fe ge­kro­chen, ein grin­sen­des Es-war-ein­mal.“ Die Bäue­rin ahnt El­sas Not und be­geg­net ihr mit Für­sor­ge, al­ler­dings in ei­ner Zu­rück­hal­tung, die „Vom Schat­ten ins Licht“ wei­ter­le­sen

Retrograde Dystopie

Selina Holešinsky entwickelt in ihrem Debüt „Schaltiere am Waldboden“ ein atemraubendes Pilot-Projekt

Va­ti er­klär­te mir das mit den Au­tos so, dass der Staat woll­te, dass die Men­schen ih­re Au­tos auf­ga­ben, weil je­mand, der noch grö­ßer war als der Staat, es so ver­lang­te. Da­her konn­te man auch dem Staat nicht die Schuld ge­ben. Je wei­ter man aber nach dem Schul­di­gen such­te, des­to hö­her hin­auf muss­te man, und ir­gend­wann lan­de­te man beim Wet­ter. Und dort liegt das ei­gent­li­che Pro­blem, weißt du, Ma­rill­chen? Al­so hat­te der Staat un­ser Dorf aus­ge­wählt, weil es al­lei­ne war, ein­sa­mer und ru­hi­ger als al­le an­de­ren Dör­fer zu­sam­men. So ru­hig so­gar, dass vor ei­ni­ger Zeit ei­ne Wel­le Stadt­men­schen die­ses Dorf auf­grund sei­ner Idyl­le ge­flu­tet hat­te. Das Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge hat­te das Dorf nach fieb­ri­ger Su­che als Ku­lis­se für sei­nen Gar­ten­ka­ta­log aus­ge­wählt, wäh­rend al­le Dorf­men­schen und al­le Stadt­men­schen wo­chen­lang spe­ku­lier­ten, wel­ches Dorf ge­win­nen wür­de. Dör­fer wur­den auf Lis­ten ge­setzt, Bil­der ver­schickt, das Für und das Wi­der an saf­ti­gen Gras­hal­men her­bei­ge­zo­gen und ver­wor­fen. Den Dörf­lern ging es um ih­ren Stolz, den Städ­tern um den Traum von Idyl­le am Land, dem nur ein klei­ner Teil der Stadt­men­schen tat­säch­lich nach­ging. Die­ser klei­ne Teil aber be­völ­ker­te das aus­er­ko­re­ne Ge­win­ner­dorf in ei­ner Dich­te, wie es die Dorf­men­schen nicht er­war­tet hat­ten. Die Neu­en, sie ka­men mit ver­klär­ten Au­gen und träu­men­den Wor­ten. Sie ka­men mit Bil­dern, die sie über das brö­ckeln­de Ge­mäu­er, die tropf­nas­sen Dä­cher, die lee­ren Spei­se­kam­mern stülp­ten und die ein Glück mit­brach­ten, das den Hie­si­gen nicht an­ge­nehm war.“

Gibt es ei­gent­lich noch den Ma­nu­fac­tum-Ka­ta­log, die Welt der schö­nen, al­ten Din­ge, wo we­der Ther­mo­mix noch Saug­ro­bo­ter zu fin­den sind, son­dern But­ter­fäss­chen mit Hand­kur­bel und ähn­li­cher Re­tro­schick? Se­li­na Ho­lešin­sky macht in ih­rem De­büt „Schal­tie­re am Wald­bo­den“ ein Dorf zum Schau­platz ih­rer Dys­to­pie, des­sen na­tur­na­hes Idyll es zu­nächst zur Ku­lis­se für das „Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge“ kürt und es dann zum Mo­dell für das Kli­ma­pro­jekt der Re­gie­rung macht. Sei­ne Be­woh­ner hat­ten Auf­la­gen zu er­fül­len, de­nen sie we­gen der gro­ßen Kri­se, höchst „Re­tro­gra­de Dys­to­pie“ wei­ter­le­sen

A hard-boiled Sheep Story

Scott Preston erzählt in „Über dem Tal“ vom prägenden Einfluss der Lebenswelt

Der Hof lag in ei­ner der vier­zehn feuch­ten, grün­vio­let­ten Ein­öden, ei­ner knapp zehn Ki­lo­me­ter brei­ten Sen­ke, von Ge­röll­hö­hen be­grenzt, Re­gen­zeit zwölf Mo­na­te im Jahr, stets Säu­re im Was­ser, Es­sig in der Er­de. Ein stei­les Land, be­kannt für sei­ne Seen, wir aber le­ben in den Hü­geln. Wol­ken­zer­fres­se­ne Ber­ge, Fells ge­nannt. Kei­ner groß, al­le steil, das Land von Zwerg­gras über­zo­gen, die Kru­me dünn wie Teeflecken. (…)
Un­se­re Her­de leb­te wild auf den frei­en Fells tau­send Fuß überm Tal. Wir über­lie­ßen die Tie­re sich selbst, so dass sie auf den Hän­gen und Klip­pen jen­seits der letz­ten Tro­cken­stein­mau­ern stromern konn­ten. Zu fut­tern fan­den sie, was sich auf Stei­nen krin­gel­te oder klum­pig am Baum wuchs, Flecht­krus­te auf Fels­vor­sprün­gen; man­ches da­von glüh­te grü­ner als die Ab­was­ser von Sellafield.(…)
Die Fells sind ein lee­res Land, wes­halb es ver­zeih­lich ist, wenn man es für sein ei­ge­nes Reich hält, für uns aber war es das wirk­lich und erst recht für William.“

Im Nor­den Eng­lands, in Cum­bria an der Gren­ze zu Schott­land, liegt die Ge­gend, aus der Scott Pres­ton stammt. Die­sem kar­gen Land und den Men­schen, die dort ih­re Scha­fe züch­ten, wid­met er sei­nen Ro­man „Über dem Tal“. Die Tie­re ha­ben sich der wid­ri­gen Na­tur an­ge­passt, meis­tern das kar­ge Fut­ter und den ewi­gen Re­gen. Der Maul- und Klau­en­seu­che je­doch, die 2001 über das Tal ein­bricht, er­lie­gen sie. Dar­über will ich ei­gent­lich nichts le­sen, über das Elend der Schä­fer und die Aus­mer­zung gan­zer Her­den. Aber die Art, wie Pres­ton da­von er­zählt, von den Fells, den Scha­fen und den Men­schen, zieht mich ab der ers­ten Sei­te in die Ge­schich­te hin­ein. In epi­scher Wei­se stimmt ein zu­nächst na­men­lo­ser Er­zäh­ler die­se Sa­ga an. „Ich er­zäh­le dir die­se Ge­schich­te über uns, über Leu­te, die ge­stor­ben sind, und ich er­zäh­le sie, als hät­te ich sie so er­lebt und hin­ter mir ge­las­sen. Ein Teil von mir hat das auch, an­de­re Tei­le aber tra­ge ich zer­bro­chen mit mir her­um und die war­ten dar­auf, mit dem Rest be­gra­ben zu wer­den.“ Sei­ne Sa­ga han­delt vom Schick­sal Wil­liam Her­nes, das im Aus­bruch der Seu­che sei­nen An­fang nahm.

An­ders als Her­ne, der über 1000 Scha­fe und viel Land sein Ei­gen nennt, lebt der Er­zäh­ler, Ste­ve El­li­man, auf ei­ner klei­nen Farm. Er ar­bei­te­te als Fern­fah­rer, sein Va­ter hat ihn zu­rück­ge­holt, um „A hard-boi­led Sheep Sto­ry“ wei­ter­le­sen

Io sono una forza del passato”

In „Sinkende Sterne“ schreibt Thomas Hettche gegen das an, „was die puritanische Welt der Angst, die gerade entsteht, mit ihren Vorstellungen von Schuld und Reinheit zum Verschwinden bringen will“

»Wenn wir le­sen, Dschamīl«, sag­te ich lei­se, »ist das so, als ob wir je­man­den an­sä­hen. Wir schau­en ei­nem Frem­den ins Ge­sicht. Und Fremd­heit ist fast das Wich­tigs­te an Li­te­ra­tur. Mo­ral hat da­bei nichts ver­lo­ren, gar nichts.«

Wer sich wie ich über die um sich grei­fen­de Bü­cher-Be­rei­ni­gung är­gert und die­se Ein­grif­fe als gleich­sam ahis­to­risch wie ali­te­ra­risch emp­fin­det, wird „Sin­ken­de Ster­ne“, den neu­en Ro­man von Tho­mas Hett­che, als Plä­doy­er für die Frei­heit der Kunst le­sen. Als Zeu­gen ruft Hett­che die be­rühm­tes­ten Ver­tre­ter der Welt­li­te­ra­tur auf und schafft durch ge­schickt ge­knüpf­te Er­zähl­fä­den ein ge­lehr­tes und gut zu le­sen­des Buch.

Zu­nächst kommt die­ses als Dys­to­pie da­her, wel­che ei­ne durch Kli­ma­wan­del aus­ge­lös­te Na­tur­ge­walt be­schreibt, die mich an Sze­nen von Fer­di­nand Ra­muz er­in­nert. Auch Hett­ches Ro­man spielt in den Schwei­zer Ber­gen. Ein un­ge­heu­rer Berg­sturz hat die Rho­ne ge­staut, die Dör­fer im Tal ver­san­ken in ih­rem Was­ser, im Ober­wal­lis le­ben die Men­schen seit­dem in ei­ner ab­ge­schot­te­ten Welt.

Seit der Lötsch­berg­tun­nel ge­flu­tet ist und der Weg tal­ab­wärts ver­sperrt, ist es fast wie­der wie frü­her (…) Zwölf Päs­se füh­ren aus dem Ober­wal­lis hin­aus, Nufe­nen, Gries, Al­b­run, Rit­ter, Sim­plon, An­tro­na, Mon­te Mo­ro und Theo­dul nach Sü­den, nach Nor­den Grims­el, Lötschen und Gem­mi und nach Os­ten die Fur­ka. Doch fast sechs Mo­na­te im Jahr sind al­le ver­schneit, und das Tal ist verschlossen.“

In die­ses kommt der deut­sche Er­zäh­ler nicht als Ein­dring­ling, son­dern auf An­ord­nung. Ein Fe­ri­en­cha­let, ober­halb von Leuk ge­le­gen, das letz­te Do­mi­zil sei­nes Va­ters, ist nach des­sen Tod in sei­nem Be­sitz. Da die neu ent­stan­de­ne Ge­mein­schaft Iso­la­ti­on als Ide­al be­trach­tet, be­steht Io so­no una for­za del pas­sa­to”“ wei­ter­le­sen

Eros und Thanatos

Über den Wald als Ort des Werdens und Vergehens schreibt Anaïs Barbeau-Lavalette in „Sie und der Wald“

Ich las­se mich vom Wald auf­sau­gen. Spü­re, dass ich zu die­sem Bo­den da­zu­ge­hö­ren kann. Zu der Flä­che zwi­schen zwei Bä­chen, der Bie­gung hin­ter dem Fel­sen, der aus­sieht wie ein Ge­sicht, zu dem Erd­pfad, der sich zum Gip­fel schlän­gelt. Ich wer­de für al­les durch­läs­sig, das sich be­wegt, das bebt. Aber nicht mein Kopf in­ter­es­siert sich da­für, son­dern mein Blut. Der feuch­te, süß­li­che Duft der Bal­sam­tan­ne, der er­di­ge, in­ten­si­ve Ge­ruch der Ei­chen. Der per­fekt phra­sier­te Tanz des Perl­farns, der sei­nem Na­men – Ono­clea sen­si­bi­lis – al­le Eh­re macht, wenn er mit sei­nen fi­li­gra­nen Zwei­gen in ei­ner Wel­le von oben nach un­ten so ele­gant mit der Reg­lo­sig­keit bricht. Al­les ist gleich­zei­tig hauch­zart und üp­pig. Ich las­se mich ver­schlu­cken. Kei­ne Haut mehr zwi­schen mir und den Bäu­men. Ich set­ze mich auf ei­nen to­ten Baum, den das Un­wet­ter aus der Er­de ge­ris­sen hat. Die Ber­ge sind zer­furcht von die­sen ge­wal­ti­gen Nar­ben, wie lau­ter mo­nu­men­ta­le Knie­fäl­le vor dem lei­sen Wü­ten der jüngs­ten Zeit. Ein Wald oh­ne ge­ra­de We­ge ist ein glück­li­cher Wald. Er ge­deiht präch­tig, wenn man im Zick­zack zwi­schen den Bäu­men und to­ten Stümp­fen lau­fen muss, in de­nen neu­es Le­ben ge­deiht. Sa­la­man­dern und un­zäh­li­gen In­sek­ten bie­ten sie Un­ter­schlupf und Nah­rung. Ein to­ter Baum trägt ge­nau­so zum Lauf des Le­bens bei wie ein lebendiger.“

Wer mein Blog ver­folgt, weiß, daß ich sehr ger­ne Bü­cher über Men­schen le­se, die sich der Na­tur aus­set­zen. Sie dient dem Rück­zug, wie bei Ho­ward Axel­rod und Do­ris Knecht oder ei­nem Ex­pe­ri­ment, wie es Jür­gen Kö­nig auf ei­ner Hoch­alm un­ter­nahm. Manch­mal liegt in ihr der ein­zi­ge Ort zum Über­le­ben, wie in Er­win Uhr­manns span­nen­der Dys­to­pie „Ich bin die Zu­kunft“.

Ei­ne sol­che ret­ten­de Zu­flucht bie­tet die Na­tur der in Mon­tré­al ge­bo­re­nen Film­re­gis­seu­rin, Dreh­buch­au­to­rin und Schrift­stel­le­rin Anaïs Bar­beau-La­va­let­te. Zu Be­ginn der Co­ro­na-Epi­de­mie zieht sie in die ka­na­di­schen Wäl­der. Dort steht das Blaue Haus, wo sie ge­mein­sam mit ih­rem Mann, ei­nem Freun­des­paar und fünf Kin­dern die Zeit der Iso­la­ti­on über­ste­hen will. Nicht weit ent­fernt, aber doch weit ge­nug in Zei­ten des Ab­stands, ist Bar­beau-La­va­let­te im Ro­ten Haus auf­ge­wach­sen, wo ih­re El­tern nach wie vor le­ben. „Sie und der Wald“ er­zählt folg­lich von ei­ner au­then­ti­schen Be­ge­ben­heit. Wer je­doch denkt, es han­de­le sich um ei­nen Be­richt über die Her­aus­for­de­run­gen, die Zi­vi­li­sa­ti­ons­fer­ne „Eros und Tha­na­tos“ wei­ter­le­sen

Der Mensch träumt oft vom Ort, aus dem er floh

In „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“ erzählt Usama Al Shahmani vom Erinnern und Suchen

In ei­nem Baum ent­deckt er klei­ne Vö­gel, die sich stumm zwi­schen den Äs­ten be­we­gen, dann flie­gen sie ei­ner nach dem an­de­ren zum nächs­ten. Sie sind die ein­zi­ge Be­we­gung in der kal­ten Win­ter­land­schaft. Von Baum zu Baum ver­las­sen sie ih­ren Schat­ten in den Äs­ten und ver­schwin­den all­mäh­lich in der Fer­ne. Wie ver­stän­di­gen sie sich? Wo­hin sind sie unterwegs?“

Vö­gel spie­len ei­ne be­son­de­re Rol­le in Usa­ma Al Sh­ah­ma­nis neu­em Ro­man. Sei es der Riff­rei­her, den die Ira­ker Gar­nuk, Vo­gel des Glücks, nen­nen, oder Tat­ua, der Vo­gel des Un­glücks, oder sei­en es die klei­nen Vö­gel auf ei­nem Baum in der Schweiz. Laut dem Ti­tel „Der Vo­gel zwei­felt nicht am Ort, zu dem er fliegt“ wis­sen sie ge­nau, wo­hin sie zie­hen wer­den, wenn der Wech­sel der Jah­res­zei­ten be­vor­steht. Ihr ge­ne­ti­scher Kom­pass ist un­fehl­bar. Er wird ih­nen al­ler­dings zum Ver­häng­nis, wenn der Mensch ih­re Le­bens­be­din­gun­gen in den Ziel­ge­bie­ten zer­stört. Als Bei­spiel er­in­nert Al Sh­ah­ma­ni an „Der Mensch träumt oft vom Ort, aus dem er floh“ wei­ter­le­sen

Keine Frau ihrer Zeit

Aline Valangin erzählt in „Casa Conti“ von Frauen im Tessin der Zwischenkriegszeit

Die Ca­sa Con­ti stand am An­fang ei­nes Dor­fes, al­lein, in­mit­ten ei­nes sanft an­stei­gen­den und in Ter­ras­sen ge­ord­ne­ten Ge­län­des, auf wel­chem zu­un­terst Re­ben, wei­ter oben Kar­tof­feln und ums Haus her­um Ge­mü­se und Blu­men wuch­sen. Zwei Rei­hen Pal­men säum­ten den brei­ten, ge­ra­den Trep­pen­weg vom gro­ßen Tor der Be­sit­zung bis zur obers­ten Platt­form. Links ne­ben dem Hau­se wa­ren klei­ne­re Ge­bäu­de, Stäl­le und Re­mi­sen zu­sam­men­ge­drängt, rechts da­von zog sich der Gar­ten ei­ner ho­hen Mau­er ent­lang, die ihn ge­gen Nor­den schütz­te, dem Obst­gar­ten zu, der wei­ter drü­ben in Wie­sen und klei­ne Äcker aus­lief. Das gan­ze An­we­sen war et­was ver­wahr­lost. (…) Doch tat das der Schön­heit und dem Stolz des Hau­ses we­nig Ab­bruch. Es stand mit di­cken Mau­ern wie für die Ewig­keit ge­schaf­fen da, schau­te et­was hoch­mü­tig aus sei­nen durch Ma­le­rei­en ver­zier­ten und er­höh­ten Fens­tern übers Land hin­aus, und das Wap­pen der Con­ti über der Haus­tü­re war frisch wie am ers­ten Tag.“

Das Cas­tel­lo ist Al­bas El­tern­haus, in das sie ge­zwun­gen durch die ge­schäft­li­che Mi­se­re ih­res Man­nes Vi­to aus Mai­land zu­rück­kehrt. Al­ba ist dar­auf an­ge­wie­sen, daß ihr Va­ter sie wie­der auf­nimmt. Der No­tar und Holz­händ­ler Giu­lio Mor­si­ni hat auf sei­ne al­ten Ta­ge nichts ge­gen die Ge­sell­schaft sei­ner äl­tes­ten Toch­ter ein­zu­wen­den. Küh­ler wird Al­ba von ih­rer Schwes­ter emp­fan­gen. Seit ih­rem letz­ten Wie­der­se­hen bei Li­set­tas Hoch­zeit vor zehn Jah­ren ist die­se ist nicht nur dick, son­dern Al­ba fremd ge­wor­den. Ein un­ehe­li­ches „Kei­ne Frau ih­rer Zeit“ wei­ter­le­sen

Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn „Vom Ha­cken und Schrei­ben“ wei­ter­le­sen

…als wäre das Ende der Welt da“

Charles Ferdinand Ramuz hat mit „Derborence“ ein Sprachkunstwerk in antiker Tradition erschaffen

Ah! Der­bo­rence, du warst so schön, du warst schön in je­ner Zeit, wenn du dich schmück­test von En­de Mai an, für die Män­ner, die kom­men wür­den. Und sie lie­ßen nicht war­ten; so­bald du das Zei­chen gabst, ka­men sie.“

Charles Fer­di­nand Ra­muz (1878–1947) gilt als ei­ner der be­deu­tends­ten Schrift­stel­ler der Schweiz. 1936 er­hielt er den Gro­ßen Preis der Schwei­ze­ri­schen Schil­ler­stif­tung, 2005 wur­den sei­ne Ro­ma­ne in die Bi­blio­t­hè­que de la Plé­ia­de in Pa­ris auf­ge­nom­men, so­gar der No­bel­preis wur­de für ihn gefordert.

Der vor­lie­gen­de 1934 er­schie­ne­ne Ro­man „Der­bo­rence“ lag be­reits ein Jahr spä­ter in deut­scher Über­set­zung un­ter dem Ti­tel „Berg­sturz auf Der­bo­rence“ vor.  Der Ti­tel ist Pro­gramm. Die Alp Der­bo­rence, un­ter­halb des Berg­mas­sivs Les Dia­bler­ets, liegt auf ei­ner Hö­he von an­nä­hernd 1500 Me­tern zwi­schen den Tä­lern der Rho­ne und des Wal­lis. In den Som­mer­mo­na­ten wei­de­ten die Tal­be­woh­ner dort ihr Vieh. In den Dör­fern zu­rück blie­ben nur die Frau­en und die Al­ten. Am 23. Ju­ni 1749 er­eig­ne­te sich auf die­ser von Fels­wän­den ein­ge­kes­sel­ten Hoch­alp ein Berg­sturz. Er be­grub Le­be­we­sen und …als wä­re das En­de der Welt da““ wei­ter­le­sen