Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahn­te nicht, dass mich nach Er­schei­nen des Ar­ti­kels ein Ver­le­ger kon­tak­tie­ren wür­de, um mich zu fra­gen, ob ich nicht ein Buch schrei­ben woll­te. Ob ich nicht ir­gend­wel­che Ge­schich­ten über Leu­te ge­hört hät­te, die ich ger­ne er­zäh­len wür­de. Ge­nau die­ses Ge­spräch brach­te mich dann auf die Idee, mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len – von mei­nem Un­fall, den Jah­ren in der Ein­sam­keit und mei­ner lang­wie­ri­gen, merk­wür­di­gen Su­che nach mei­nem Platz in der Welt, nach ei­nem neu­en Ver­ständ­nis der Rea­li­tät, nach ei­ner neu­en Per­spek­ti­ve.“

Die­ses Be­kennt­nis im letz­ten Ka­pi­tel des vor­lie­gen­den Buchs be­schreibt bes­ser als der Ti­tel, daß Al­lein in den Wäl­dern nicht nur vom (Über)leben in der Na­tur er­zählt. Howard Axel­rod schil­dert in sei­nem als Me­moir zu be­zeich­nen­dem Werk kei­ne mo­der­ne Ver­si­on von Tho­re­aus Wal­den“ , auch wenn er die­sen Klas­si­ker zi­tiert.

Par­al­le­len im Ver­hal­ten der bei­den Prot­ago­nis­ten be­stehen durch­aus. Wie Tho­reau so ist auch Axel­rod kein Selbst­ver­sor­ger und den Lau­nen der Na­tur nicht ganz und gar aus­ge­setzt wie ein ein­sa­mer Na­tur­bur­sche fern der Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­se ist mü­he­los zu er­rei­chen, von Axel­rod so­gar mit dem ei­ge­nen Au­to, um sich mit dem Nö­tigs­ten zu ver­sor­gen oder auch mal ein­zu­keh­ren. Wäh­rend Tho­reau bis­wei­len „Me­moir in Na­tur­ku­lis­se“ wei­ter­le­sen

Von alten Säcken und roten Ferraris

Sex ist verboten“ und nicht nur das — der neue Meditationsroman von Tim Parks

Stun­den­lang Sit­zen, bei Räu­cher­werk und Sphä­ren­klän­gen auf den nack­ten Bauch ei­nes über­ge­wich­ti­gen Glatz­kop­fes star­ren um in Tran­ce zu fal­len? Me­di­ta­ti­on liegt aus mei­ner Sicht öst­lich und sehr fern. Trotz­dem wähl­te ich die­sen Ti­tel bei ei­ner Vor­stel­lung neu­er Bü­cher. Er soll­te den erns­ten Hi­ki­ko­m­ori-Ro­man Flasars be­glei­ten, als leicht­fü­ßi­ge Lek­tü­re in iro­ni­schem Ton. Wäh­rend des Le­sens wan­del­ten sich gleich­sam im Fluss der Me­di­ta­ti­on die­se Er­war­tun­gen in über­ra­schen­der Wei­se.

Wir be­fin­den uns im Das­gupta-In­sti­tut, ei­nem bud­dhis­ti­schen Me­di­ta­ti­ons­zen­trum in Eng­land. Dort leis­tet Eli­sa­beth Mar­ri­ot, die jun­ge, weib­lich wohl ge­run­de­te Haupt­fi­gur be­reits seit neun Mo­na­ten ih­ren Dham­ma-Ser­vice. Sie ar­bei­tet als Hel­fe­rin in der Kü­che, wäscht Sa­lat und Tel­ler. So me­di­tiert sie nur nach­mit­tags, wäh­rend die an­de­ren Teil­neh­mer des Retre­ats den gan­zen Tag da­mit ver­brin­gen sich im Still­sit­zen, At­men und Nicht­den­ken zu üben. Ein Retre­at dau­ert zehn Ta­ge, da­nach keh­ren al­le wie­der in ihr stres­si­ges west­li­ches Le­ben zu­rück. Beth je­doch bleibt, frei­wil­lig und un­schlüs­sig, die Un­ord­nung in ih­rem Le­ben, in der Lie­be und mit den Män­nern hat sich noch nicht in Er­kennt­nis ge­löst.

Me­di­ta­ti­ons­pra­xis und Ta­ges­ab­lauf im Das­gupta-In­sti­tut schil­dert Tim Parks de­tail­reich nach ei­ge­nen Er­fah­run­gen. Der Au­tor litt lan­ge un­ter chro­ni­schen Schmer­zen. Me­di­ta­ti­on war sein letz­ter und er­folg­rei­cher Ver­such sich von ih­nen zu be­frei­en. In dem Buch „Die Kunst still­zu­sit­zen“ be­schreibt er die­sen Pro­zess.

Sex ist kei­ne Lö­sung“ ist die fik­tio­na­le Frucht die­ser Hei­lung. Im eng­li­schen Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel „The Ser­ver“. Der deut­sche Ti­tel ist eben­so pas­send, denn die dem Sex genuß­voll zu­ge­neig­ten Beth denkt ger­ne an das Ver­bo­te­ne. Zu­gleich führt er in die Re­geln des In­sti­tuts ein, die je­de Ab­len­kung ver­hin­dern sol­len. Nach au­ßen herrscht Kon­takt­sper­re. Im Zen­trum wird die­se durch Schwei­ge­ge­bot, Ge­schlech­ter­tren­nung und Be­rüh­rungs­ver­bot ge­re­gelt. Als ein­zi­ge da­von aus­ge­nom­men sind die Hel­fer in der Kü­che. Dort hält al­ler­dings die Zu­be­rei­tung ve­ge­ta­ri­schen Es­sens an­de­re Kom­pen­sa­tio­nen be­reit. Das Wa­schen von Reis und gel­ben Boh­nen ent­wi­ckelt sich zur ero­ti­schen Be­rüh­rung, wäh­rend Ag­gres­sio­nen beim Ha­cken und Schnet­zeln schwin­den. Au­ßer­dem er­for­dert die Ar­beit Wor­te. Um die­se ist Beth trotz al­ler Vor­schrif­ten nie ver­le­gen, sie kom­men­tiert iro­nisch die klei­nen Re­gel­ver­stö­ße ih­rer Kol­le­gen und das ego­is­ti­sche Stre­ben der Selbst­los­ler­ner im Kampf um die Ba­na­nen. Beth be­zeich­net sich als bö­ses Mäd­chen, war­um er­fah­ren wir wäh­rend der Me­di­ta­ti­on.

Die­se fin­det mehr­mals täg­lich un­ter An­lei­tung Das­gupt­as statt, der via CD sei­nen Adep­ten den Atem­fluss lei­tet. Wie schwie­rig und lä­cher­lich dies sein kann teilt uns ein Ta­ge­buch­schrei­ber mit.

Er pre­digt ge­gen den Ego­is­mus, er er­rich­tet ein re­li­giö­ses Sys­tem ge­gen den Ego­is­mus, und be­frie­digt da­bei sein ei­ge­nes Ego, in­dem er Schü­ler um sich schart und ih­nen völ­li­ge Hin­ga­be ab­ver­langt. Die be­ring­ten Fin­ger, die wei­ßen Kis­sen, der di­cke Bauch un­ter der sau­be­ren Baum­woll­klei­dung. Mei­ne Freun­de hier, mei­ne Freun­de da. KAUM ZU GLAUBEN, DASS WIR ALLE ABEND FÜR ABEND DA SITZEN UND DIESEM WICHSER ZUHÖREN.“

Die Auf­zeich­nun­gen die­ses Me­di­ta­ti­ons­an­fän­gers ent­deckt Beth als sie ver­bo­te­ner­wei­se den Män­nertrakt be­tritt und in sein Zim­mer blickt. Aus dem Kof­fer leuch­ten ro­te Schul­hef­te und Beth kann der Ver­su­chung nicht ver­ste­hen. Sie liest sich fest und ent­wen­det seit­dem re­gel­mä­ßig ein Heft zur ge­hei­men Klo­lek­tü­re. Selbst­iro­nisch va­ri­iert ihr Ver­fas­ser in Klap­pen­tex­ten die Grün­de für sein Me­di­ta­ti­ons­be­dürf­nis. Sei­ne Ein­trä­ge bie­ten zu­dem ei­ne sar­kas­ti­sche Sicht auf die Heils­ver­spre­chun­gen nicht nur bud­dhis­ti­scher Er­lö­ser.

Beth ist be­geis­tert, die Le­se­rin stimmt zu. Wäh­rend sie mit dem Ta­ge­buch­schrei­ber zwei­felt, ob Still­sit­zen und At­men der rich­ti­ge Weg zur ei­ge­nen Klar­heit sei, er­lebt sie Beth, die im­pul­siv und di­rekt ist, aber gleich­zei­tig vol­ler Selbst­zwei­fel.

Über­ra­schend wirkt, daß Parks ei­ne weib­li­che Ich-Er­zäh­le­rin wählt. Ein äl­te­rer Mann, der sich in die Ge­füh­le und Ge­dan­ken und in den Kör­per ei­ner jun­gen Frau hin­ein­lebt? Es funk­tio­niert meist ganz gut. Die star­ke Fi­xie­rung auf ih­re bei­den ro­ten Fer­ra­ris neh­me ich al­ler­dings eher dem äl­te­ren Schrift­stel­ler als sei­ner Prot­ago­nis­tin ab. Sein Ro­man spie­le, so Tim Parks, „das Ver­lan­gen nach Stil­le und Be­frei­ung von sich selbst ge­gen die äl­tes­te und nächst­lie­gen­de al­ler Ge­schich­ten (aus), Mann trifft Frau.“

Beth er­zählt von ih­ren Män­nern und dem Sex, von ih­rer Band und der Trau­er, vom Reis­wa­schen und der Lek­tü­re ro­ter Ta­ge­buch­hef­te. Von den dar­in zu fin­den­den iro­ni­schen Selbst- und Fremd­ana­ly­sen hät­te ich ger­ne mehr ge­le­sen, viel­leicht folgt ja noch ein Buch von Mr. Ta­ge­buch­schrei­ber.?

Tim Parks, Sex ist ver­bo­ten, Kunst­mann Ver­lag, 1. Aufl. 2012