Angst und Schrecken in Nord-Irland

In ihrem stilistisch außergewöhnlichen Roman „Milchmann“ erzählt Anna Burns die spannende Geschichte von einem „Mädchen, das im Gehen liest“ und ihrem zudringlichem Verfolger

Aber dum­mer­wei­se wa­ren – we­gen der lo­sen Na­tur un­se­rer Be­zie­hung; weil er am an­de­ren En­de der Stadt wohn­te und da­her noch nicht ge­hört hat­te, dass ich der neue Schwarm die­ses Milch­manns war; weil ich ver­wirrt war und lang­sam die Kraft ver­lor, mich von den Tak­ti­ken des Milch­manns au­ßer Ge­fecht ge­setzt fühl­te; und weil ich acht­zehn war und nie vor­ge­lebt be­kom­men hat­te, wie man Ge­dan­ken, Be­dürf­nis­se und Ge­füh­le auf ge­sun­de Wei­se zum Aus­druck brach­te – al­le mei­ne Er­klä­run­gen zu­sam­men­hang­los, und nichts, was ich zu sa­gen ver­such­te, woll­te rich­tig rü­ber­kom­men.“

Die Schil­de­run­gen der 18-Jäh­ri­ge Ich-Er­zäh­le­rin kön­nen als Co­m­ing-of-Age-Ro­man ge­le­sen wer­den, als ei­ne Ge­schich­te von Män­nern und vor al­lem von Frau­en und als ei­ne Ge­schich­te von Un­ter­drü­ckung und Wi­der­stand, was das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis wie die Zeit­um­stän­de be­trifft . Der Ro­man spielt mit­ten in der Hoch­pha­se des Nord-Ir­land-Kon­flikts, im ka­tho­li­schen Teil Bel­fasts. Man kann ihn aber auch als Lie­bes­ro­man le­sen, ei­ner der klü­ge­ren Sor­te, der au­ßer von der Schwie­rig­keit, den rich­ti­gen Part­ner zu fin­den, von dem Mut er­zählt, sich zu die­sem zu be­ken­nen.

Die The­men ver­eint An­na Burns auf den 400 Sei­ten ih­res Ro­mans „Milch­mann“, de­ren An­lass und Mo­vens die phy­si­sche und psy­chi­sche Be­dro­hung ei­ner jun­gen Frau durch ei­nen we­sent­lich äl­te­ren, mäch­ti­gen Mann dar­stellt. Als An­füh­rer des pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stands — ei­ne Rol­le, die ihn das Le­ben kos­tet, kün­det der ers­te Satz des Ro­mans — ver­fügt er über je­des Mit­tel, be­vor­zugt je­doch „Angst und Schre­cken in Nord-Ir­land“ wei­ter­le­sen

Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Mei­ne Vor­stel­lun­gen von Schick­lich­keit wa­ren va­ge und un­be­stimmt, wie all mei­ne Vor­stel­lun­gen des­sen, was mit Ge­schlecht­lich­keit zu tun hat­te. Aber sie wa­ren be­stimmt ge­nug, dass ich mich da­nach sehn­te, sie zu­sam­men mit mei­nen Sa­chen ab­zu­wer­fen und wie ein Baum oder ei­ne Blu­me zu sein, nackt, mit nichts mehr zwi­schen mir und der Na­tur.“

Ich war ver­liebt in die Hit­ze, ich emp­fand für sie das­sel­be wie ein Kon­ver­tit für sei­ne neue Re­li­gi­on.“

Nein, als An­ti­dot ge­gen die auf­zie­hen­de Glut­hit­ze emp­feh­le ich nichts, was auf ei­si­gen Hö­hen oder im tie­fen Win­ter spielt. Ge­mäß der ho­möo­pa­thi­schen Ma­xi­me, Glei­ches mit Glei­chen zu be­han­deln, ra­te ich zu „Ein Som­mer in Brand­ham Hall“. Der Ro­man von Les­lie Po­les Hart­ley er­schien im Jahr 1953 un­ter dem Ti­tel „The Go-Bet­ween“ und wur­de zum größ­ten Er­folg des be­kann­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­kers und Schrift­stel­lers. In der Neu­über­set­zung von Wib­ke Kuhn liegt er nun im Ei­sele Ver­lag vor und ist das Som­mer­buch schlecht­hin. Leicht, vol­ler Charme und stets stil­voll.

Hart­leys Ge­schich­te über den Som­mer des Jah­res 1900 im eng­li­schen Nor­folk wird be­son­ders Fans von Down­town Ab­bey ge­fal­len. Wie die be­kann­te Se­rie spielt auch er auf ei­nem weit­läu­fi­gen An­we­sen, un­ter des­sen Be­woh­nern, Be­diens­te­ten und der um­lie­gen­den Dorf­be­völ­ke­rung.

In die­se so­zi­al streng sor­tier­ten Ver­hält­nis­se ge­rät der 12-jäh­ri­ge Leo Cols­ton auf Ein­la­dung sei­nes Freun­des Mar­cus. Für Leo öff­net sich ei­ne neue, teil­wei­se be­droh­lich „Kli­ma­wan­del der Ge­füh­le“ wei­ter­le­sen

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahn­te nicht, dass mich nach Er­schei­nen des Ar­ti­kels ein Ver­le­ger kon­tak­tie­ren wür­de, um mich zu fra­gen, ob ich nicht ein Buch schrei­ben woll­te. Ob ich nicht ir­gend­wel­che Ge­schich­ten über Leu­te ge­hört hät­te, die ich ger­ne er­zäh­len wür­de. Ge­nau die­ses Ge­spräch brach­te mich dann auf die Idee, mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len – von mei­nem Un­fall, den Jah­ren in der Ein­sam­keit und mei­ner lang­wie­ri­gen, merk­wür­di­gen Su­che nach mei­nem Platz in der Welt, nach ei­nem neu­en Ver­ständ­nis der Rea­li­tät, nach ei­ner neu­en Per­spek­ti­ve.“

Die­ses Be­kennt­nis im letz­ten Ka­pi­tel des vor­lie­gen­den Buchs be­schreibt bes­ser als der Ti­tel, daß Al­lein in den Wäl­dern nicht nur vom (Über)leben in der Na­tur er­zählt. Howard Axel­rod schil­dert in sei­nem als Me­moir zu be­zeich­nen­dem Werk kei­ne mo­der­ne Ver­si­on von Tho­re­aus Wal­den“ , auch wenn er die­sen Klas­si­ker zi­tiert.

Par­al­le­len im Ver­hal­ten der bei­den Prot­ago­nis­ten be­stehen durch­aus. Wie Tho­reau so ist auch Axel­rod kein Selbst­ver­sor­ger und den Lau­nen der Na­tur nicht ganz und gar aus­ge­setzt wie ein ein­sa­mer Na­tur­bur­sche fern der Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­se ist mü­he­los zu er­rei­chen, von Axel­rod so­gar mit dem ei­ge­nen Au­to, um sich mit dem Nö­tigs­ten zu ver­sor­gen oder auch mal ein­zu­keh­ren. Wäh­rend Tho­reau bis­wei­len „Me­moir in Na­tur­ku­lis­se“ wei­ter­le­sen

Kaffeeklatsch und Ku-Klux-Klan

Harper Lees wiederentdeckter Erstling „Gehe hin, stelle einen Wächter” erzählt vom Erwachsenwerden

9783421047199_CoverDie Höl­le war und wür­de, was Jean Loui­se be­traf, im­mer ein feu­ri­ger Pfuhl sein, des­sen Aus­ma­ße un­ge­fähr ge­nau­so groß wie May­comb, Ala­ba­ma, wa­ren und der von ei­ner fünf­zig Me­ter ho­hen Mau­er um­schlos­sen wur­de.(…)

Die Höl­le, das ist ewi­ges Ge­trennt­sein. Was hat­te sie bloß ge­tan, dass sie sich den Rest ih­res Le­ben (sic!) nach ih­nen se­hen muss­te, heim­li­che Ab­ste­cher in ei­ne lang zu­rück­lie­gen­de Zeit un­ter­nahm, aber kei­ne Rei­se in die Ge­gen­wart? Ich bin ihr Blut und ih­re Kno­chen, ich ha­be in die­ser Er­de ge­gra­ben, das hier ist mein zu­hau­se. Aber nein, ich bin nicht ihr Blut, und der Er­de ist es egal, wer in ihr gräbt, ich bin ei­ne Frem­de auf ei­ner Cock­tail­par­ty.

Har­per Lee wur­de durch ih­ren bis­lang ein­zi­gen, 1960 ver­öf­fent­lich­ten Ro­man Wer die Nach­ti­gall stört welt­be­rühmt. Dar­in kämpft der An­walt At­ti­cus Finch in ei­nem klei­nen Pro­vinz­ort in Ala­ba­ma ge­gen den Ras­sis­mus der Süd­staa­ten. Die­ses May­comb ist un­schwer mit Mon­ro­evil­le zu iden­ti­fi­zie­ren, wo Har­per Lee 1926 ge­bo­ren wur­de und heu­te noch lebt.

Den vor­lie­gen­den Ro­man „Ge­he hin, stel­le ei­nen Wäch­ter“ voll­ende­te Lee 1957, er ging dem ei­gent­li­chen De­büt der Au­torin vor­aus. Das Ma­nu­skript wur­de je­doch von ih­rer Lek­to­rin The­re­sa von Ho­hoff „Kaf­fee­klatsch und Ku-Klux-Klan“ wei­ter­le­sen

Auf eine Zigarre mit Schlemihl

In seinem neuen Roman Pfaueninsel hinterfragt Thomas Hettche die Exotik des Anderen

pfaueninselIch wer­de mir mei­ne Sie­ben­mei­len­stie­fel un­ter­schnal­len und nach Grie­chen­land rei­sen. Tun Sie mir den Ge­fal­len und rau­chen in mei­ner Ab­we­sen­heit kei­nen tür­ki­schen Ta­bak?“
„Am liebs­ten“, sag­te sie, „kä­me ich mit.“
„Aber Ma­de­moi­sel­le!“ pro­tes­tier­te Schle­mi­hl lä­chelnd, „Ihr Platz ist doch hier.“
„Und wes­halb?“ ent­geg­ne­te sie. „Weil ich ein Mons­ter bin? Ein­ge­sperrt auf die­ser In­sel für mein gan­zes Le­ben?“
„Ein Mons­ter?“ Schle­mi­hl sah sie ent­setzt an. „Wer sagt das?“
Ma­rie schüt­tel­te den Kopf. Es war ihr pein­lich, das Wort aus­ge­spro­chen zu ha­ben. Daß Schle­mi­hl sie nun schon wie­der ver­ließ, in die Welt hin­aus­zog, die sie nie­mals se­hen wür­de, hat­te sie auf­ge­wühlt.

Was de­fi­niert den His­to­ri­schen Ro­man? Daß sei­ne Hand­lung in der Ver­gan­gen­heit spielt, fer­ne Or­te und Er­eig­nis­se in un­se­rer Phan­ta­sie er­neut zum Le­ben er­weckt? Da­mit es die­ser nicht zu fad wird, set­zen die tri­via­len Ver­tre­ter die­ses Gen­res ger­ne auf Sex&Crime. Mord und Tot­schlag meist als Fol­gen krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung zäh­len zum Tag­werk, schwie­ri­ge Ge­bur­ten wie schlim­me Schick­sa­le für Mut­ter und Kind ge­hen auf das Kon­to bar­ba­ri­scher Zu­stän­de. Der­ar­ti­ges webt auch Tho­mas Hett­che in sein ak­tu­el­les Werk Pfau­en­in­sel, al­ler­dings er­füllt er nicht nur li­te­ra­risch hö­he­re An­sprü­che. „Auf ei­ne Zi­gar­re mit Schle­mi­hl“ wei­ter­le­sen

Die Traumblätter des Trafikanten

Robert Seethalers melancholischer Wienroman „Der Trafikant”

seethaler_trafikant_3D15. April 1938

Im Pra­ter geht ein Mäd­chen, es steigt ins Rie­sen­rad, über­all blit­zen Ha­ken­kreu­ze, das Mäd­chen steigt im­mer hö­her, plötz­lich bre­chen die Wur­zeln, und das Rie­sen­rad rollt über die Stadt und walzt al­les nie­der, das Mäd­chen juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein Wolkenfetzen.“(S. 180)

Je­der träumt, vie­le er­in­nern sich ih­rer Träu­me, man­cher er­zählt sie wei­ter. Doch wer kommt schon auf die Idee sei­ne Träu­me in der Öf­fent­lich­keit aus­zu­hän­gen? Da müss­te man lan­ge su­chen, erst recht in Wien vor acht­zig Jah­ren. Auch wenn dort zu die­ser Zeit der Traum­fach­mann des Jahr­hun­derts lebt, Sig­mund Freud. Nach des­sen An­wei­sung no­tiert der jun­ge Franz sei­ne Träu­me und hängt die­se an das Fens­ter der Tra­fik.

Wie es so­weit kam und was da­nach ge­schah, schil­dert Ro­bert Seet­ha­ler in sei­nem neu­en Ro­man Der Tra­fi­kant. Von Hei­mat und Lie­be, von Freund­schaft und Tod, kurz „Die Traum­blät­ter des Tra­fi­kan­ten“ wei­ter­le­sen

Die Sicht der kleinen Schwester

Ab jetzt ist Ruhe“ — Marion Braschs Roman ihrer fabelhaften Familie

Das ist ein Ro­man, ein so­ge­nann­ter bio­gra­phi­scher. Ei­ne Au­to­bio­gra­phie soll er par­tout nicht sein, ob­wohl die Au­torin Ma­ri­on Brasch von sich und ih­rer Fa­mi­lie er­zählt. War­um? Zu vie­le Aus­las­sun­gen, Un­ge­nau­ig­kei­ten, Phan­ta­sie? Viel­leicht, weil nicht al­le und al­les ex­akt be­nannt wur­de? Viel­leicht, weil man­che, der knapp Ver­klau­su­lier­ten noch le­ben und Un­ge­nau­es be­kla­gen könn­ten? Wohl kaum.

Der Ro­man, der sei­ne Haupt­fi­gur Ma­ri­on Brasch in chro­no­lo­gi­scher Fol­ge von ih­ren El­tern, ih­ren Brü­dern und na­tür­lich von sich selbst er­zäh­len lässt, liest sich wie die Ge­schich­te ei­ner Ju­gend in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern.

Nur fand die­se Ju­gend in der DDR statt, dort wur­de Ma­ri­on Brasch 1961 ge­bo­ren. Ih­re El­tern, über­zeug­te Kom­mu­nis­ten, die sich im Lon­do­ner Exil ken­nen­ge­lernt hat­ten, emi­grier­ten 1946 in die DDR. Der Va­ter Horst Brasch mach­te po­li­ti­sche Kar­rie­re als stell­ver­tre­ten­der Kul­tur­mi­nis­ter, wäh­rend sei­ne drei her­an­wach­sen­den Söh­ne im­mer stär­ker ge­gen das Re­gime der SED re­bel­lier­ten. Die um et­li­che Jah­re jün­ge­re Ma­ri­on Brasch schil­dert die­se kon­flikt­rei­che Fa­mi­li­en­ent­wick­lung aus der Sicht der klei­nen Schwes­ter. Fast über die gan­ze Län­ge des Buchs spricht ein Kind, ei­ne Ju­gend­li­che, ei­ne jun­ge Er­wach­se­ne. Über Po­li­tik oder das Le­ben in der DDR wird folg­lich kaum re­flek­tiert. Eben­so we­nig ste­hen die Be­weg­grün­de des Va­ters, des­sen po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen im Vor­der­grund. Über die Brü­der, Tho­mas Brasch, den Schrift­stel­ler und Re­gis­seur, den Schau­spie­ler Klaus Brasch und den Dra­ma­ti­ker Pe­ter Brasch, die sie nicht beim Na­men nennt, son­dern als äl­te­rer, mitt­le­rer und jün­ge­rer Bru­der be­zeich­net, er­fah­ren wir nicht mehr als be­reits be­kannt. Im Vor­der­grund steht die Ent­wick­lung der jun­gen Frau, ih­re Pu­ber­tät, der Tod der Mut­ter und das Zu­sam­men­le­ben mit dem Va­ter nach­dem die Brü­der aus­ge­zo­gen wa­ren. Der Al­ko­hol- und Dro­gen­kon­sum der drei Künst­ler­brü­der nimmt im Buch grö­ße­ren Raum ein als po­li­ti­sche Ein­stel­lung oder be­ruf­li­che Er­fol­ge. Auch die Frau­en der Brü­der wer­den mit kind­li­chem Blick ge­schil­dert. Die Schau­spie­le­rin mit den wun­der­schö­nen, tie­fen Au­gen, die mit war­men Ar­men und ei­ner kind­li­chen Stim­me, die hel­le Tän­ze­rin und die mit vie­len dunk­len Lo­cken und schö­nem Ge­sicht, sie tau­chen nur am Ran­de auf. Die flüch­ti­gen Be­schrei­bun­gen, de­nen ei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung fehlt, ma­chen sie aus­tausch­bar. Eben­so wie die vie­len Lieb­schaf­ten der jun­gen Prot­ago­nis­tin, de­ren En­de stets auf die glei­che Wei­se er­zählt wird. „Als das Jahr zu En­de ging, lie­ßen wir uns los.”

Ma­ri­on Braschs Ju­gend war kei­ne be­lie­bi­ge Ju­gend in den letz­ten Jahr­zehn­ten des letz­ten Jahr­hun­derts, kei­ne Ju­gend ist dies je. Aber sie war tra­gisch, denn das Schick­sal be­stimm­te sie zur Ein­zi­gen noch Le­ben­den ih­rer Fa­mi­lie.

Ih­re Schil­de­run­gen glei­chen ta­ge­buch­ar­ti­gen Er­in­ne­run­gen, sie mö­gen der Auf­ar­bei­tung die­nen, aber es fehlt an Tie­fe. Sie en­den da, wo man ger­ne mehr ge­wusst hät­te. Un­ver­ständ­lich wirkt die Be­zeich­nung Ro­man. In ei­nem In­ter­view be­zeich­net die Ra­dio­jour­na­lis­tin Ma­ri­on Brasch ih­re Angst vor der feh­len­den Ob­jek­ti­vi­tät als Grund kei­ne Bio­gra­phie ge­wagt zu ha­ben. Als ob ei­ne Au­to­bio­gra­phie ei­ne ob­jek­ti­ve An­ge­le­gen­heit wä­re. Mehr Sub­jek­ti­vi­tät hin­ge­gen hät­te nicht ge­scha­det, ein we­nig da­von fin­det man in ih­rem Web­log, der Bil­der und Na­men der im Buch er­wähn­ten Freun­de und Künst­ler nach­lie­fert.

Ein leicht les­ba­rer Ro­man, der mich ent­fernt an die Bü­cher der von mir sehr ge­schätz­ten ös­ter­rei­chi­schen Au­torin Chris­ti­ne Nöst­lin­ger er­in­nert. Viel­leicht ist es aber auch die­ser Sound des Deutsch­pops, der in Sät­zen mit­schwingt wie „Wir lieb­ten uns im Dun­keln und dann ver­lieb­ten wir uns im Hel­len“ oder „Al­les war gut, bis es nicht mehr gut war“ und den Le­ser in die Zeit der Acht­zi­ger ver­setzt. Da der Gret­chen Sack­mei­er-Ho­ri­zont kaum über­schrit­ten wird, eig­net sich der Ro­man auch sehr gut als Lek­tü­re für Ju­gend­li­che.

 

Zwischen Kanälen und Karpfenluftmatratzen

In „Fische füttern” erzählt Fabio Genovesi vom Erwachsenwerden in der italienischen Provinz

Zu­ge­ge­ben we­der Sport­fi­schen noch Rad­ren­nen zäh­len zu den mich en­thu­si­as­mie­ren­den Be­schäf­ti­gun­gen, den­noch ha­be ich „Fi­sche füt­tern“ des ita­lie­ni­schen Au­tors Fa­bio Ge­no­ve­si ger­ne ge­le­sen. Auch die­ser Ro­man wid­met sich dem Lieb­lings­the­ma der dies­jäh­ri­gen Li­te­ra­tur, dem Er­wach­sen­wer­den.

Die gan­ze Ebe­ne ist von Ka­nä­len durch­zo­gen, Was­ser­grä­ben, die al­le mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie füh­ren mehr oder we­ni­ger das­sel­be Was­ser, sind schnur­ge­ra­de, schmal, voll Schlick und mit Schilf an den Ufern. Da­zwi­schen die Fel­der, auf de­nen nichts Grü­nes wächst. Tat­säch­lich spre­chen man­che von den „Ka­nä­len”, an­de­re vom „Ka­nal”. Wenn man je­des Teil­stück für sich nimmt, sind es vie­le, aber von oben be­trach­tet ist es ein rie­si­ges dunk­les Netz, das wie ein schwar­zes Git­ter über dem Ort und der Land­schaft liegt.“

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem klei­nen Dorf in der von Ka­nä­len durch­zo­ge­nen Ebe­ne na­he Pi­sa. Ge­no­ve­si nennt sei­nen fik­ti­ven Hand­lungs­ort Muglio­ne, was wie er auf sei­nem Blog er­läu­tert mit Mur­meln, Brum­men, Rau­schen über­setzt wer­den kann. Muglio­ne exis­tiert al­so nicht, aber zahl­lo­se Or­te, die ihr Schick­sal mit ihm tei­len. Sie ha­ben we­der ih­ren Be­woh­nern noch Tou­ris­ten viel zu bie­ten, aber trotz­dem ei­nen spe­zi­el­len Reiz. Si­cher hat mir die­se Ge­schich­te auch ge­fal­len, weil ich das Buch in ei­nem ganz ähn­li­chen ita­lie­ni­schen Pro­vinz­nest ge­le­sen ha­be. Wäh­rend al­ler­dings dort noch zwei Bars als dörf­li­che Treff­punk­te dien­ten, so muss­te die ein­zi­ge Bar Muglio­nes schlie­ßen. Der Be­sit­zer war auf der Wild­schwein­jagd ver­un­glückt. Ein Trau­er­fall, be­son­ders für sei­ne vor­wie­gend äl­te­ren Stamm­kun­den. Sie fin­den je­doch bald ei­nen Er­satz­treff­punkt auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Dort hat vor kur­zem un­ter der Lei­tung von Ti­zia­na der Ju­gend­treff er­öff­net. Ti­zia­na ist nach dem En­de ih­res Stu­di­ums in ih­ren Ort zu­rück­ge­kehrt, sie möch­te et­was für ihn tun und vor al­lem den Ju­gend­li­chen ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben. Zu die­sen zählt der 19-jäh­ri­ge Fio­ren­zo und wie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen denkt er gar nicht dar­an den Ju­gend­treff zu be­tre­ten. Er trifft sich lie­ber mit den Jungs sei­ner Band, Me­tal De­vas­ta­ti­on. Ge­mein­sam träu­men sie vom gro­ßen Durch­bruch auf dem kom­men­den Rock­fes­ti­val in Pon­te­de­ra. Die rea­len Din­ge des Le­bens, Schu­le und Fa­mi­lie schei­nen Fio­ren­zo ab­han­den ge­kom­men. Vor al­lem die Be­zie­hung zu sei­nem Va­ter, mit dem er seit dem Tod der Mut­ter al­lei­ne aus­kom­men muss. Die­ser be­sitzt den ein­zi­gen An­gel­la­den  in Muglio­ne, das Ma­gic Fi­shing. Sei­ne zwei­te Lei­den­schaft ge­hört dem Rad­sport. Als Ju­gend­trai­ner gilt sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit dem vier­zehn­jäh­ri­gen Mir­ko aus dem Mo­li­se. Un­ter skur­ri­len Um­stän­den hat­te er ihn dort ent­deckt und für sei­nen Ver­ein an­ge­wor­ben. Mir­ko wohnt nun in Fio­ren­zos Zim­mer, das die­ser un­ter Pro­test ge­gen das Hin­ter­zim­mer im Ma­gic Fi­shing ge­tauscht hat. Dort schläft er auf Sä­cken vol­ler Fisch­kö­der und träumt von der Zu­kunft.

Ich lag mit of­fe­nen Au­gen im Dun­keln, und es wur­de im­mer lau­ter. Zum Glück fing ab und zu der Kühl­schrank an zu brum­men, oder ein Au­to fuhr vor­bei und über­tön­te es kurz. Aber dann kam es wie­der, ein gleich­för­mi­ges Rau­schen, ver­mischt mit ei­nem leich­ten Krat­zen. Mil­lio­nen Wür­mer und Mil­li­ar­den Füß­chen schar­ren die gan­ze Nacht im Dun­keln in ih­ren klei­nen Kis­ten und su­chen nach ei­nem Aus­weg, den es nicht gibt.“

Was wie der un­spek­ta­ku­lä­re All­tag ei­ner Dorf­ju­gend klingt baut Ge­no­ve­si zu ei­ner span­nen­den Ge­schich­te aus, der es al­ler­dings nicht an nach­denk­li­chen Mo­men­ten fehlt. Er über­rascht mit un­er­war­te­ten Wen­dun­gen und amü­siert mit skur­ri­len De­tails. Wir er­fah­ren, wie die nächt­li­chen Ge­räu­sche von Fisch­fut­ter zu Ge­dan­ken an den To­de füh­ren kön­nen oder ge­fälsch­te Por­no­bil­der zu ei­nem Auf­trag für den Va­ti­kan. In sprit­zi­gen Dia­lo­gen ver­mag Ge­no­ve­si auf sehr ita­lie­ni­sche Art mit Iro­nie und Ge­fühl Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten sei­ner Fi­gu­ren zu schil­dern. Er be­glei­tet sie auf ih­rer Su­che nach den Din­gen, die sie wirk­lich tun möch­ten, selbst­be­stimmt oh­ne die Er­war­tun­gen der an­de­ren er­fül­len zu müs­sen.

Wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che The­men wie Mi­gra­ti­on, Spit­zen­sport und Jour­na­lis­mus wer­den kri­tisch an­ge­spro­chen. Ei­nen gro­ßen Raum nimmt die sehr le­ben­dig er­zähl­te Er­fah­rung der ers­ten Lie­be und Se­xua­li­tät ein.

Aber dies ist nicht nur ein Ro­man­zo di For­ma­zio­ne, der die Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten der jun­gen Ge­nera­ti­on auf­greift. Ge­no­ve­si zeigt in ihm sei­ne Lie­be zur Hei­mat und sei­ne Lei­den­schaf­ten. Das Ge­dicht Der Re­gen im Pi­ni­en­hain des ita­lie­ni­schen Li­te­ra­ten Ga­brie­le D’Annunzio wird durch Fio­ren­zos In­ter­pre­ta­ti­on zum Lie­bes­bo­ten und kul­mi­niert in ei­ner ge­träum­ten Pro­phe­tie.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel Esche vi­ve, Le­ben­de Kö­der. Die spie­len ganz kon­kret als Schlaf­stät­te im Ma­gic Fi­shing, aber auch im über­tra­ge­nen Sin­ne ei­ne Rol­le. Doch ich will nicht zu viel ver­ra­ten.

Der Au­tor Fa­bio Ge­no­ve­si, der in sei­nem Blog Esche vi­ve viel von sich und sei­nem Buch be­rich­tet, macht sei­ne Pas­sio­nen zu den Ge­gen­stän­den des Ro­mans. Er schreibt nicht nur Bü­cher und Thea­ter­stü­cke, son­dern auch für Mu­sik­jour­na­le. Au­ßer­dem ist er  Sport­ang­ler, Rad­sport­trai­ner und in­ter­es­siert sich für Hor­ror­fil­me.

Er kennt sich al­so aus mit den The­men des Le­bens.

Ein Un­ter­hal­tungs­ro­man mit Sub­stanz und viel Ita­lia­ni­tà, in dem nicht nur Ju­gend­li­che noch et­was ler­nen kön­nen.

Fa­bio Ge­no­ve­si, Fi­sche füt­tern (Esche vi­ve), über. v. Ri­ta Seuß u. Wal­ter Kög­ler, Lüb­be, 1. Aufl. 2012

Dichtung und Wahrheit

Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

In Die Er­fin­dung des Le­bens er­zählt Ortheil die Ent­wick­lungs­ge­schich­te ei­nes Künst­lers, vom wort­los auf­ge­wach­se­nen Kind über das Wer­den ei­nes Pia­nis­ten bis hin zu sei­nen schrift­stel­le­ri­schen An­fän­gen. In die­sen Hand­lungs­strang fü­gen sich Pas­sa­gen ein, die das Le­ben des ge­al­ter­ten Er­zäh­lers in Rom und sei­ne Ar­beit an die­sem Buch schil­dern.

Trotz des ho­hen An­teils von Selbst­er­leb­tem wird die Ro­man­haf­tig­keit die­ses Bu­ches nicht nur durch sei­ne Gen­re­bezeich­nung, son­dern vor al­lem durch den Ti­tel sug­ge­riert. Auf Le­sun­gen, ich hat­te das Ver­gnü­gen sei­ne Buch­vor­stel­lung auf der letzt­jäh­ri­gen Karls­ru­her Bü­cher­schau mit zu er­le­ben, und in In­ter­views of­fen­bart Ortheil je­doch die ho­he Au­then­ti­zi­tät des Dar­ge­stell­ten.

Von den Sta­tio­nen sei­ner Bio­gra­phie, die der Le­ser chro­no­lo­gisch mit­er­lebt, be­ein­druck­ten mich die ers­ten Ka­pi­tel am stärks­ten. Zu Be­ginn steht die Mut­ter-Kind-Sym­bio­se zwi­schen der „Dich­tung und Wahr­heit“ wei­ter­le­sen

Literaturkreis 6/2010 — Heldejaads hellije Böcher

Schöne Wörter, schöne Sätze” — Das verborgene Wort von Ulla Hahn

Wie es ist die Lie­be zur Spra­che in ei­nem bil­dungs­fer­nen El­tern­haus zu fin­den und durch­zu­set­zen und sich in den fünf­zi­ger Jah­ren von Ar­bei­ter­mi­lieu und ka­tho­li­schem Pro­vin­zia­lis­mus zu eman­zi­pie­ren, zeigt Ul­la Hahn ein­drucks­voll in ih­rem Ro­man Das ver­bor­ge­ne Wort. In die­sem ers­ten Teil ei­ner Tri­lo­gie, er­le­ben wir die be­we­gend emo­tio­na­le Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Hil­de­gard Palm, dem wort- und satz­be­geis­ter­ten Mäd­chen, das in frü­her Kind­heit durch die Phan­ta­sie des Groß­va­ters die trös­ten­de Kraft von Buch- und Wut­stei­nen ent­deckt. In der ge­gen den Wil­len der El­tern durch­ge­setz­ten Re­al­schu­le lernt Hil­de­gard die Li­te­ra­tur der Klas­si­ker lie­ben. In de­ren Spra­che fin­det sie oft neue Hoff­nung nach den Schlä­gen des Va­ters. Die Pas­sa­gen im rhei­ni­schen Dia­lekt, der von Fa­mi­lie und Nach­barn, aber im­mer we­ni­ger von „Li­te­ra­tur­kreis 6/2010 — Hel­de­jaads hel­li­je Bö­cher“ wei­ter­le­sen