Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst

In seinem neuen Erzählungsband „Wenn es dunkel wird“ dreht Peter Stamm seine Figuren „nur um eine Seltsamkeit mehr“ ins Surreale

Es fühlt sich an wie je­ner Mo­ment, wenn man auf der Schau­kel nach oben ge­schwun­gen ist und für ei­nen Mo­ment lang schwe­re­los ist und glaubt, da­von­flie­gen zu kön­nen, be­vor die Schwer­kraft wie­der über­hand­nimmt und ei­nen zu­rück­zieht ins Le­ben.“

Wenn ein Träu­men­der sich be­wusst wird, daß er sich in ei­nem Traum und nicht in der Rea­li­tät be­fin­det, nennt man dies lu­zi­de. Wenn die Fi­gur ei­ner er­fun­de­nen Ge­schich­te durch die ihr zu­ge­schrie­be­ne Fan­ta­sie in ei­ne wei­te­re Fik­ti­on rutscht, wur­de sie höchst­wahr­schein­lich von Pe­ter Stamm er­schaf­fen. Spä­tes­tens seit sei­nem zur Schul­lek­tü­re er­ko­re­nem Ro­man „Agnes“ ist der Schwei­zer Schrift­stel­ler ein aus­ge­wie­se­ner Spe­zia­list für das Spiel mit den Ebe­nen. Rea­li­tät und Fan­ta­sie, Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, zahl­reich sind die Vol­ten, de­nen die Fi­gu­ren sei­ner Wer­ke aus­ge­setzt sind. Auf der Su­che nach sich selbst ma­nö­vrie­ren sie durch das Di­ckicht ih­rer Be­zie­hun­gen und fin­den nicht sel­ten kei­nen Aus­gang, nicht nur, „Wenn es dun­kel wird“ .

Schon die ers­te der elf Er­zäh­lun­gen mit dem ver­meint­lich or­tho­gra­phisch auf­fäl­li­gen Ti­tel „Nah­ti­gall“ hat es in sich. Der jun­ge Da­vid fühlt „Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst“ wei­ter­le­sen

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahn­te nicht, dass mich nach Er­schei­nen des Ar­ti­kels ein Ver­le­ger kon­tak­tie­ren wür­de, um mich zu fra­gen, ob ich nicht ein Buch schrei­ben woll­te. Ob ich nicht ir­gend­wel­che Ge­schich­ten über Leu­te ge­hört hät­te, die ich ger­ne er­zäh­len wür­de. Ge­nau die­ses Ge­spräch brach­te mich dann auf die Idee, mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len – von mei­nem Un­fall, den Jah­ren in der Ein­sam­keit und mei­ner lang­wie­ri­gen, merk­wür­di­gen Su­che nach mei­nem Platz in der Welt, nach ei­nem neu­en Ver­ständ­nis der Rea­li­tät, nach ei­ner neu­en Per­spek­ti­ve.“

Die­ses Be­kennt­nis im letz­ten Ka­pi­tel des vor­lie­gen­den Buchs be­schreibt bes­ser als der Ti­tel, daß Al­lein in den Wäl­dern nicht nur vom (Über)leben in der Na­tur er­zählt. Howard Axel­rod schil­dert in sei­nem als Me­moir zu be­zeich­nen­dem Werk kei­ne mo­der­ne Ver­si­on von Tho­re­aus Wal­den“ , auch wenn er die­sen Klas­si­ker zi­tiert.

Par­al­le­len im Ver­hal­ten der bei­den Prot­ago­nis­ten be­stehen durch­aus. Wie Tho­reau so ist auch Axel­rod kein Selbst­ver­sor­ger und den Lau­nen der Na­tur nicht ganz und gar aus­ge­setzt wie ein ein­sa­mer Na­tur­bur­sche fern der Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­se ist mü­he­los zu er­rei­chen, von Axel­rod so­gar mit dem ei­ge­nen Au­to, um sich mit dem Nö­tigs­ten zu ver­sor­gen oder auch mal ein­zu­keh­ren. Wäh­rend Tho­reau bis­wei­len „Me­moir in Na­tur­ku­lis­se“ wei­ter­le­sen

Mit Schnaps und Proviant ein Jahr auf der Hochalm

Am schönsten ist’s bei schlechtem Wetter“ – Jürgen Königs Jahr auf Medalges

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… daß es kei­nen Baum gibt, ist gut so. Ich woll­te ja ei­ne Hüt­te ober­halb der Baum­gren­ze, da, wo nur noch kar­ge Alm­wie­sen und Fel­sen sind, al­so weit über 2000 Me­ter, da, wo ich die Ein­sam­keit ver­mu­te und wo man weit­ge­hend si­cher ist vor den Büch­sen schnei­di­ger Nim­rods und ih­rer um­trie­bi­gen Jagd­gäs­te.

Die Hüt­te – sie heißt Fur­cia; das be­deu­tet auf la­di­nisch „Ga­bel“ – ist auf den ers­ten Blick recht ge­müt­lich. Auf den zwei­ten ist sie es nicht mehr. Sie be­steht aus vier Räu­men, aus Kü­che, Stu­be, Schlaf- und Spei­se­kam­mer.“

 

Un­ten ist schon Früh­som­mer, oben noch kein Früh­ling, als Jür­gen Kö­nig im Mai 1989 für ein Jahr in die Do­lo­mi­ten zieht. Sein Zu­hau­se auf Zeit, die Fur­cia-Hüt­te, be­fin­det sich auf Me­dal­ges in 2300 m Hö­he, mit­ten im Na­tur­park Pu­ez-Geis­ler.

Doch was mo­ti­viert den Jour­na­list und Schrift­stel­ler Kö­nig, der sonst ei­nen Bau­ern­hof in Bay­ern be­wohnt? Ist er Ein­zel­gän­ger? Treibt ihn die Sehn­sucht nach der Na­tur? Oder will er ein­fach Ru­he vor dem Wahn­sinn un­tern Men­schen? Sein von Tho­reau ent­lehn­tes Mot­to legt dies na­he: „Mit Schnaps und Pro­vi­ant ein Jahr auf der Hoch­alm“ wei­ter­le­sen

Fern voneinander fühlt man sich nah

Peter Stamm führt seine Leser „Weit über das Land“ und sehr schön in die Irre

u1_978-3-10-002227-1Sei­ne ab­ge­leg­ten So­cken wa­ren der ers­te Be­weis da­für, dass er sei­ne al­te Exis­tenz ab­ge­streift hat­te. Er wür­de nicht zu­rück­kom­men, er hat­te sich aus dem Le­ben ent­fernt und hat­te, nackt wie ein Neu­ge­bo­re­nes, ein an­de­res Le­ben be­gon­nen.“

Die­ser Ge­dan­ke be­fällt As­trid als Tho­mas schon seit meh­re­ren Ta­gen ver­schwun­den ist. Voll­kom­men spur­los hat er sich je­doch nicht aus Ehe und Fa­mi­li­en­le­ben fort ge­macht. Da­von kün­den die Hin­ter­las­sen­schaf­ten, die As­trid von der Po­li­zei ent­ge­gen nimmt. Wie das ge­mein­sa­me On­line­kon­to ver­rät, hat Tho­mas sich für sei­nen Weg Weit über das Land mit Wan­der­sa­chen ver­sorgt. Der neue Ro­man des be­kann­ten Schwei­zer Au­tors Pe­ter Stamm spielt in des­sen Hei­mat. Es ist aus ver­schie­de­nen Grün­den da­mit zu rech­nen, daß die­se li­te­ra­ri­sier­te Flucht­be­we­gung bald in hö­he­re Ge­fil­de führt.

Die Grün­de für Tho­mas’ Ver­hal­ten lie­gen zu­nächst of­fen und sind für sei­ne Frau As­trid rät­sel­haft. Lang­jäh­ri­ge Be­zie­hung nei­gen nun mal da­zu, Kon­flikt­ma­te­ri­al im Hin­ter­grund zu sta­peln, wo „Fern von­ein­an­der fühlt man sich nah“ wei­ter­le­sen

Endzeit-Elegie

Valerie Fritsch beschreibt in „Winters Garten“ mit pathetisch schönen Bildern die Vergänglichkeit

fritschEr er­in­ner­te sich an die Som­mer bei den Groß­el­tern wie an ein Kö­nig­reich, aus dem man ver­trie­ben wor­den war. Er dach­te an die But­ter­blu­men und die Ma­ril­len­knö­del. Die hand­tel­ler­gro­ßen Hol­ler­blü­ten ein­ge­legt in Zu­cker. (…) Er rief die Bil­der der Wie­sen zu­rück, und ihm schien, als sä­he er, wie im Gar­ten glei­cher­ma­ßen die Köp­fe der Lö­wen­zäh­ne und die Häup­ter der Groß­el­tern erst weiß wur­den und dann kahl im Wind der Jah­re. Wie die­se ge­sun­den Men­schen mit den Ap­fel­ba­cken und den Zahn­lü­cken schrumpf­ten. Wie die led­ri­gen Bau­ern­hän­de auf­ris­sen und blaue Adern im Mar­mor der blei­chen Haut der Al­ten wuch­sen. Wie al­les alt wur­de. Wie vie­les ver­schwand.“

Bild­reich, wort­ge­wal­tig und poe­tisch klin­gen be­reits die ers­ten Sei­ten von Va­le­rie Fritschs Ro­man Win­ters Gar­ten. Sie kon­fron­tie­ren den Men­schen mit sei­ner ei­ge­nen Ver­gäng­lich­keit, mit der sei­nes Kör­pers und mit der des Geis­tes, ge­spie­gelt in sei­ner Haut, was die Au­torin über­zeu­gend aus­zu­drü­cken weiß.

Das scheint er­staun­lich an­ge­sichts des Al­ters von Fritsch, die als weit­ge­reis­te Fo­to­gra­fin auf un­ge­wöhn­li­che Er­fah­run­gen blickt. Auch ihr un­längst auf dem Bach­mann-Wett­be­werb vor­ge­stell­ter Text spie­gel­te dies.

Mit „Win­ters Gar­ten“ legt sie ei­nen End­zeit­ro­man vor, bei dem die Zi­vi­li­sa­ti­ons­flucht das „End­zeit-Ele­gie“ wei­ter­le­sen

Mangelmann auf Schlingerkurs

In seinem neuen Roman „Bei Regen im Saal“ überwindet Genazino die Zumutungen des Alltags

Genazino_978-3-446-24596-9_MR1.inddVon Be­ruf war ich Re­zep­tio­nist, ge­le­gent­lich Bar­mi­xer, aber in letz­ter Zeit ar­bei­te­te ich über­wie­gend als Über­win­der. Ich half Men­schen, ih­re zu­wei­len auf­dring­li­chen oder dümm­li­chen Er­leb­nis­se schnel­ler als ge­wohnt zu ver­ges­sen. Ich ging mit den Leu­ten spa­zie­ren, wir be­such­ten Floh­märk­te, wir schau­ten uns Kunst­aus­stel­lun­gen an und re­de­ten über sie. Ich gab den Men­schen Tipps für Er­leb­nis­se, die ih­nen al­lein ge­hör­ten. (…) Das meis­te, was Men­schen heu­te zu­stieß, er­leb­ten sie als Teil ei­ner rie­si­gen Mas­se; des­we­gen konn­te man al­len­falls von Kon­fek­ti­ons­er­leb­nis­sen spre­chen.“

Der Ich-Er­zäh­ler, des­sen Vor­na­men Rein­hard der Le­ser erst ge­gen En­de er­fährt, ist nicht der ein­zi­ge Mann im neu­en Ro­man Bei Re­gen im Saal von Wil­helm Ge­n­azi­no. Zwei wei­te­re männ­li­che Ne­ben­fi­gu­ren, oder bes­ser Ne­ben­buh­ler, be­ein­flus­sen das Schick­sal des Mit­te Vier­zig­jäh­ri­gen, der oft­mals schon viel äl­ter wirkt.

Rein­hard lebt in ei­ner Zwei­er-Be­zie­hung mit Son­ja ei­ner Fi­nanz­be­am­tin im ge­ho­be­nen Dienst. Trotz ge­trenn­ter Woh­nun­gen be­fin­det sich ihr Ver­hält­nis in ei­nem „Man­gel­mann auf Schlin­ger­kurs“ wei­ter­le­sen

Glücks-Reigen

In „Glücklich die Glücklichen“ schreibt Yasmina Reza von der Veranlagung zum Glück

Reza_24482_MR.inddGlück­lich die Ge­lieb­ten und die Lie­ben­den und die auf die Lie­be ver­zich­ten kön­nen. Glück­lich die Glück­li­chen.“ (Jor­ge Lu­is Bor­ges)

Was ist Glück? Was macht ei­nen glück­li­chen Men­schen aus? Was un­ter­schei­det ihn von an­de­ren?

Ant­wor­ten gibt die be­kann­te Dra­ma­ti­ke­rin, Yas­mi­na Re­za, die mit ih­rem Thea­ter­stück „KUNST“ und dem von Polan­ski ver­film­ten „Der Gott des Ge­met­zels“ auch ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt wur­de, in ih­rem kürz­lich er­schie­ne­nen Ro­man „Glück­lich die Glück­li­chen“. Ihm stellt sie ei­nen Satz von Bor­ges vor­an, der die Viel­ge­stal­tig­keit des Phä­no­mens Glück an­deu­tet.

Mit Witz und mit viel Me­lan­cho­lie prä­sen­tiert sie in star­ken Dia­lo­gen ihr Per­so­nal und des­sen Hang zur Es­ka­la­ti­on. Be­zie­hun­gen ste­hen im Vor­der­grund, die zwi­schen Paa­ren, zwi­schen El­tern und Kin­dern, Freun­den oder Be­kann­ten. Doch ein Ro­man ist die­se „Glücks-Rei­gen“ wei­ter­le­sen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Com­pu­ter bringt mir al­les ins Haus: Fil­me, In­for­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bü­cher, Thea­ter­stü­cke, al­les, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein In­ter­es­se ist wie ein Schwamm. Es un­ter­schei­det nicht nach der Far­be des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sau­ber.”

Span­nung, die an­fangs sub­til an­klingt und sich dann in un­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Ro­man Die Tarn­kap­pe, der mir aus­ge­spro­chen gut ge­fal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Er­zäh­lun­gen vor, die in un­ge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­el­le Fra­gen be­rüh­ren.

In je­der sei­ner Ge­schich­ten wirft Orths sei­ne Le­ser zu­nächst ins Un­ge­wis­se. Die Mo­ti­ve der Fi­gu­ren er­schei­nen un­klar, erst nach und nach wer­den In­di­zi­en auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt un­er­war­te­te Vol­ten und en­det sel­ten mit ei­ner ein­deu­ti­gen Lö­sung. Der Aus­gang ist eher ei­ne Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, be­greif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Au­tors und der Vor­stel­lung des Le­sers.

Dies ist schon in der ers­ten Er­zäh­lung, Erich, Erich, er­fahr­bar. Ihr Prot­ago­nist „Von Ver­lie­rern und Ver­kün­dern des wah­ren Den­kens“ wei­ter­le­sen

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­rer­in­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fra­gen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehn­te.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008

Survival of the Fittest?

Von verödeten Biotopen und vereinsamten Frauen — Judith Schalansky in „Der Hals der Giraffe

Gar kei­ne Staats­form wä­re das Al­ler­bes­te. Es wür­de sich al­les schon von al­lei­ne or­ga­ni­sie­ren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin In­ge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ih­re Um­ge­bung mit ei­nem durch Dar­win ge­schul­ten Blick. Sie ist die for­schen­de Be­ob­ach­te­rin, ihr be­vor­zug­tes Are­al das Bio­top Schu­le. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch We­ni­ge, die kaum Nach­wuchs er­zeu­gen, woh­nen dort. Die Schu­le schrumpft und wird dem­nächst schlie­ßen.

Wie in ei­nem al­ten Na­tur­kun­de­buch hat Ju­dith Schalan­sky ih­ren Ro­man ge­stal­tet. Die Ka­pi­tel Na­tur­haus­hal­te, Ver­er­bungs­vor­gän­ge und Ent­wick­lungs­leh­re, wer­den durch Ko­lum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Da­zwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Au­torin, die Sche­ma­ta, Tie­re und viel Bio­lo­gie zei­gen.

All’ das er­in­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Ty­pen von Schü­lern und Leh­rern die Schalan­sky via Loh­mark so ge­nüss­lich se­ziert als lä­gen sie auf den Plätt­chen ei­nes Mi­kro­skops, sind nicht un­ver­traut. Man ge­nießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Er­leich­te­rung die­se Pha­se sei­nes Le­bens nun end­gül­tig hin­ter sich zu ha­ben. Doch wir be­fin­den uns nicht in ei­ner Schul­sa­ti­re. Im­mer stär­ker of­fen­bart In­ge Loh­mark ih­re Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zy­nis­mus ist nur ein Mit­tel zur Di­stanz. Sie will Ab­stand schaf­fen, Ab­stand zu den Men­schen, vor al­lem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ih­ren Re­flek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ih­rer Toch­ter Clau­dia. Die­se lebt in Ame­ri­ka und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ih­rer Hoch­zeit er­fährt In­ge Loh­mark nur auf die­se un­per­sön­li­che Wei­se. Sie lei­det un­ter dem Ver­lust ih­rer Toch­ter und kann die Ur­sa­che kaum er­ken­nen. Liegt es an ih­rem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strau­ße, die düm­mer als Schü­ler sind, war je­doch einst auch ab­ge­hau­en, ei­ne Frau und Kin­der zu­rück­las­send. Oder liegt es an ih­rem ei­ge­nen Re­pro­duk­ti­ons­geiz? Hät­te sie mehr Kin­der be­kom­men, wä­re ihr viel­leicht ei­nes ge­blie­ben.

In­ge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ih­rer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­ne­ke. Die­se be­klagt ih­re Kin­der­lo­sig­keit oh­ne zu ah­nen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ih­re Trau­er teilt. Die ei­ne kann kei­ne Kin­der be­kom­men, die an­de­re hat zwei ver­lo­ren, ein ge­bo­re­nes und ein un­ge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt kei­ne Ge­füh­le zu. We­der die po­si­ti­ven, wenn sie zu ei­ner Schü­le­rin ei­ne be­son­de­re Zu­nei­gung ver­spürt, noch die ne­ga­ti­ven, wenn sie ge­gen das Mob­bing ei­nes Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräf­te der Na­tur.

Dass auch die Na­tur, ins­be­son­de­re ih­re ent­wi­ckel­te Form der Le­be­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sor­ge hat, er­kennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Er­in­ne­rung an ein längst zu­rück­lie­gen­des Er­eig­nis.

Ju­dith Schalan­sky schil­dert in ih­rem Ro­man sehr ein­fühl­sam, was die Un­fä­hig­keit Ge­füh­le zu zei­gen an­rich­ten kann, mit dem an­de­ren und mit ei­nem selbst. Auch die Psy­che un­ter­liegt dem Kreis­lauf der Na­tur.

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Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen El­tern sei auf das Buch und die Web­site von An­ge­li­ka Kindt ver­wie­sen.