Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild län­ge­re Ge­schich­ten schwie­rig fin­det. Spra­che scheint sei­ne In­stink­te zu ver­wir­ren, sie er­schwert das blind Ver­ste­hen, das Fin­den, dar­über hin­aus fehlt ihm die Ge­duld, er hat kei­ne Ner­ven für ei­ne län­ge­re Ge­schich­te, letzt­lich hat er viel­leicht schlicht kei­ne Lust. Aber er hat den Blick für das We­sent­li­che, er kann auf den Punkt kommen.“

Die­se Aus­sa­ge der Ich-Er­zäh­le­rin in Ju­dith Her­manns neu­em Ro­man klingt wie das Kon­zept der Au­torin. Da­heim ist wie schon ih­re vo­ri­gen Bü­cher ein Ro­man der kur­zen Stre­cke. Auf knapp zwei­hun­dert Sei­ten er­zählt er ei­ne Ge­schich­te, de­ren selt­sam se­dier­te Stim­mung sich in der Spra­che spie­gelt. Hier schla­gen Sät­ze kei­ne Ka­prio­len, son­dern kom­men in kar­ger Not­wen­dig­keit da­her. Die sprach­li­che La­ko­nie ent­larvt er­schre­ckend klu­ge An­sich­ten über die Be­zie­hun­gen zwi­schen Men­schen, dar­in liegt die Kunst.

Die Er­in­ne­run­gen der un­zu­ver­läs­si­gen Ich-Er­zäh­le­rin, „mög­li­cher­wei­se träu­me ich und ha­be al­les nur ge­träumt“, ste­hen am An­fang. Sie blickt zu­rück auf ihr Le­ben in ei­ner klei­nen Woh­nung an der Aus­fall­stra­ße und der Ar­beit in der Zi­ga­ret­ten­fa­brik. Ei­nes Ta­ges un­ter­bricht ein aben­teu­er­li­ches An­ge­bot die Gleich­för­mig­keit. Bei dem Zau­ber­trick der Zer­säg­ten Jung­frau soll die jun­ge Frau in die Kis­te stei­gen, drei Mo­na­te lang, wäh­rend ei­ner Kreuz­fahrt. In die­sem Rück­blick ent­hüllt Her­mann den Cha­rak­ter der Prot­ago­nis­tin durch de­ren Tun und Nichts­tun. Das Le­ben der jun­gen Frau scheint im War­te­zu­stand. Ein­ge­rich­tet im Pro­vi­so­ri­um ver­ge­hen ih­re Ta­ge. Sie macht ih­re Ar­beit und bleibt auch dort in der Fa­brik die Frem­de. Sie ver­wei­gert sich den Un­ter­hal­tun­gen der an­de­ren eben­so wie dem mit­täg­li­chen Mahl­zeit-Gruß. „Es ging nicht um das Wort, es ging um die Re­geln und die Macht“, die soll­te nie­mand über sie ha­ben. Nachts sitzt die Ein­zel­gän­ge­rin in der Som­mer­hit­ze auf dem Bal­kon, in des­sen Käs­ten das Un­kraut wu­chert. Ihr Blick geht auf die er­leuch­te­te Tank­stel­le, dort kauft sie sich manch­mal ein Eis und steht vor der Kas­se mit den an­de­ren Kun­den, die für sie Durch­rei­sen­de sind. Die Stim­mung die­ser Sze­nen er­in­nert Ge­mäl­de Ed­ward Hoppers.

Ei­nes Abends spricht ein al­ter Mann sie in der Tank­stel­le an und macht ihr das An­ge­bot, bei ei­nem Zau­ber­trick mit­zu­wir­ken. Sie zö­gert, ist aber schließ­lich zu ei­ner Pro­be be­reit. Ihr scheint der Job wie für sie ge­macht, denn „seit­dem ich den­ken kann, ha­be ich die Fä­hig­keit, mich in mich selbst zu­rück­zu­zie­hen, ei­ne Schne­cke, die in ihr Haus kriecht, ei­nes die­ser Spin­nen­tie­re, das sich zu ei­ner Ku­gel zu­sam­men­rollt“.

Es kommt an­ders. Viel­leicht scheut sie vor der Ab­hän­gig­keit und doch ge­rät sie in an­de­re. Was sich in den drei­ßig Jah­ren seit die­sem Som­mer er­eig­ne­te, schil­dert Her­mann in drei Sät­zen. Ih­re Hel­din reist, hei­ra­tet, be­kommt ei­ne Toch­ter. Sie trennt sich und lebt nun in ei­nem klei­nen Ort an der „öst­li­chen Küs­te“, wo sie in der Ha­fen­k­nei­pe ih­res Bru­ders bedient.

In der Fest­stel­lung, sie le­be nun das ers­te Mal al­lein in ei­nem Haus, schwin­gen glei­cher­ma­ßen Über­ra­schung wie Stolz über die wie­der­erlang­te Un­ab­hän­gig­keit. We­gen Ge­räu­schen in der Nacht ver­rie­gelt sie das Schlaf­zim­mer und legt Waf­fen un­ter das Bett. Ih­rem Ex­mann Otis be­rich­tet sie in kur­zen Brie­fen von ih­ren Ängs­ten, sel­ten mel­det sich Toch­ter Ann von ih­ren Reisen.

Bald tre­ten an­de­re Men­schen in ihr Le­ben. In das Häus­chen ne­ben­an zieht die Ma­le­rin Mi­mi, die sie mit ih­rem Bru­der Arild, dem Schwei­ne­züch­ter, be­kannt macht. Ihr ei­ge­ner Bru­der sucht ih­ren Rat, weil er mit sei­ner jun­gen Ge­lieb­ten Ni­ke nicht mehr wei­ter­weiß. Al­le Fi­gu­ren stat­tet Her­mann mit gro­ßer Ei­gen­stän­dig­keit aus, die meis­ten mit ei­nem deut­li­chen De­fekt. Otis sam­melt ge­gen die Apo­ka­lyp­se an, ihr Bru­der lei­det un­ter sei­ner Be­zie­hungs­un­fä­hig­keit, Arild er­füllt sto­isch sei­ne Pflicht, bei Ni­ke setzt sich der als Kind er­leb­ter Miss­brauch fort. Ein­zig Mi­mi scheint mitt­ler­wei­le nach ih­ren Be­dürf­nis­sen zu leben.

Ge­quält, miss­braucht, mas­sa­kriert wird in „Da­heim“, sei es auf der Zau­ber­büh­ne, im Schwei­ne­stall, im Kin­der­zim­mer oder im Trai­ler­park. Her­mann er­zeugt ein Pan­op­ti­kum des Grau­ens. Ihr Mo­tiv der Kis­te spielt sie da­bei in vie­len Va­ri­an­ten. Ob harm­los in sei­ner vor­ge­täusch­ten Be­droh­lich­keit als Zau­ber­re­qui­sit oder bru­tal als Ver­lies für ein Kind. Ein Kas­ten dient als Fal­le für ei­nen Mar­der, ei­ne Schach­tel als Sar­ko­phag für ei­nen Frosch. So­gar Arilds Zim­mer, in dem er schon frü­her schlief, er­in­nert an ei­nen Kel­ler-Ker­ker. Die Käs­ten ver­brei­ten ei­ne „Au­ra von Wahn­sinn und Ra­se­rei“.

Als sei dies nicht ge­nug an Ge­walt und Trau­ma, er­fah­ren wir vom grau­sa­men Tod ei­ner Ni­xe. Ein Schick­sal, das ih­rer na­mens­na­hen Re­inkar­na­ti­on nicht aus­bleibt. Es en­det mit Par­ti­keln von Mee­res­leuch­ten und ist mir da­mit ein­deu­tig ein Par­ti­kel zu viel in die­sem an­deu­tungs­rei­chen Roman.

Un­klar bleibt mir, wel­che Bot­schaft sich in dem Ro­man ver­birgt. Ach, wä­re ich doch wie Arild! „Er wür­de nie sa­gen – war­um er­zählst du mir das. Oder – wie kommst du ge­ra­de dar­auf. Er denkt nicht, dass du was be­zweckst, es kommt ihm nicht in den Sinn, dass du mit ei­ner Ge­schich­te ir­gend­et­was be­ab­sich­ti­gen würdest.“

Viel­leicht ist „Da­heim“ ein Ro­man über fa­mi­liä­re Ge­walt, über Miss­brauch an Frau­en und Kin­dern. Viel­leicht er­zählt er, was ein Da­heim al­les sein kann, Hor­ror, Idyll, ein Pro­vi­so­ri­um oder auch ganz nor­mal. Viel­leicht stellt er aber auch die Au­then­ti­zi­tät un­se­rer Er­in­ne­run­gen in­fra­ge, wor­auf nicht nur die Selbst­be­zich­ti­gung der Er­zäh­le­rin weist. Oder zeigt er, wie ei­ne Frau ih­re Frei­heit fin­det, in­dem sie die Klap­pe der Kis­te öffnet?

Wo vie­les frag­lich, ist ei­nes si­cher, die­ser bis­wei­len ver­stö­ren­de Ro­man ist lesenswert.

Der Ro­man ist 2021 für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se in der Spar­te Bel­le­tris­tik nominiert.

Judith Hermann, Daheim, S. Fischer 2021

 

Im Ro­man er­wähn­te Au­toren und Werke:

Ger­brand Bakker

Hei­mi­to von Do­de­rer, Die Strudl­hof­stie­ge

Iwan Tur­gen­jew, Auf­zeich­nun­gen ei­nes Jägers

Knut Ham­sun, Vic­to­ria

Mura­ka­mi (Ann stellt sich die Fra­ge, ob Mura­ka­mi ein Sa­dist sei.)

 

Er­ra­tum:

Mi­mi be­zeich­net Arilds Frau als Fu­rie und will sie als „He­tä­re mit Fang­ar­men und Reiß­zäh­nen“ zeichnen. 

Ei­ne sol­che Auf­ma­chung wä­re He­tä­ren wohl kaum in den Sinn ge­kom­men. Ge­meint ist wohl ei­ne „Me­gä­re“.

Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst

In seinem neuen Erzählungsband „Wenn es dunkel wird“ dreht Peter Stamm seine Figuren „nur um eine Seltsamkeit mehr“ ins Surreale

Es fühlt sich an wie je­ner Mo­ment, wenn man auf der Schau­kel nach oben ge­schwun­gen ist und für ei­nen Mo­ment lang schwe­re­los ist und glaubt, da­von­flie­gen zu kön­nen, be­vor die Schwer­kraft wie­der über­hand­nimmt und ei­nen zu­rück­zieht ins Leben.“

Wenn ein Träu­men­der sich be­wusst wird, daß er sich in ei­nem Traum und nicht in der Rea­li­tät be­fin­det, nennt man dies lu­zi­de. Wenn die Fi­gur ei­ner er­fun­de­nen Ge­schich­te durch die ihr zu­ge­schrie­be­ne Fan­ta­sie in ei­ne wei­te­re Fik­ti­on rutscht, wur­de sie höchst­wahr­schein­lich von Pe­ter Stamm er­schaf­fen. Spä­tes­tens seit sei­nem zur Schul­lek­tü­re er­ko­re­nem Ro­man „Agnes“ ist der Schwei­zer Schrift­stel­ler ein aus­ge­wie­se­ner Spe­zia­list für das Spiel mit den Ebe­nen. Rea­li­tät und Fan­ta­sie, Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, zahl­reich sind die Vol­ten, de­nen die Fi­gu­ren sei­ner Wer­ke aus­ge­setzt sind. Auf der Su­che nach sich selbst ma­nö­vrie­ren sie durch das Di­ckicht ih­rer Be­zie­hun­gen und fin­den nicht sel­ten kei­nen Aus­gang, nicht nur, „Wenn es dun­kel wird“ .

Schon die ers­te der elf Er­zäh­lun­gen mit dem ver­meint­lich or­tho­gra­phisch auf­fäl­li­gen Ti­tel „Nah­ti­gall“ hat es in sich. Der jun­ge Da­vid fühlt „Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst“ wei­ter­le­sen

Memoir in Naturkulisse

Howard Axelrod erzählt in „Allein in den Wäldern“ von der Suche nach sich selbst

Und ich ahn­te nicht, dass mich nach Er­schei­nen des Ar­ti­kels ein Ver­le­ger kon­tak­tie­ren wür­de, um mich zu fra­gen, ob ich nicht ein Buch schrei­ben woll­te. Ob ich nicht ir­gend­wel­che Ge­schich­ten über Leu­te ge­hört hät­te, die ich ger­ne er­zäh­len wür­de. Ge­nau die­ses Ge­spräch brach­te mich dann auf die Idee, mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len – von mei­nem Un­fall, den Jah­ren in der Ein­sam­keit und mei­ner lang­wie­ri­gen, merk­wür­di­gen Su­che nach mei­nem Platz in der Welt, nach ei­nem neu­en Ver­ständ­nis der Rea­li­tät, nach ei­ner neu­en Perspektive.“

Die­ses Be­kennt­nis im letz­ten Ka­pi­tel des vor­lie­gen­den Buchs be­schreibt bes­ser als der Ti­tel, daß Al­lein in den Wäl­dern nicht nur vom (Über)leben in der Na­tur er­zählt. Howard Axel­rod schil­dert in sei­nem als Me­moir zu be­zeich­nen­dem Werk kei­ne mo­der­ne Ver­si­on von Tho­re­aus Wal­den“ , auch wenn er die­sen Klas­si­ker zitiert.

Par­al­le­len im Ver­hal­ten der bei­den Prot­ago­nis­ten be­stehen durch­aus. Wie Tho­reau so ist auch Axel­rod kein Selbst­ver­sor­ger und den Lau­nen der Na­tur nicht ganz und gar aus­ge­setzt wie ein ein­sa­mer Na­tur­bur­sche fern der Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­se ist mü­he­los zu er­rei­chen, von Axel­rod so­gar mit dem ei­ge­nen Au­to, um sich mit dem Nö­tigs­ten zu ver­sor­gen oder auch mal ein­zu­keh­ren. Wäh­rend Tho­reau bis­wei­len „Me­moir in Na­tur­ku­lis­se“ wei­ter­le­sen

Mit Schnaps und Proviant ein Jahr auf der Hochalm

Am schönsten ist’s bei schlechtem Wetter“ – Jürgen Königs Jahr auf Medalges

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… daß es kei­nen Baum gibt, ist gut so. Ich woll­te ja ei­ne Hüt­te ober­halb der Baum­gren­ze, da, wo nur noch kar­ge Alm­wie­sen und Fel­sen sind, al­so weit über 2000 Me­ter, da, wo ich die Ein­sam­keit ver­mu­te und wo man weit­ge­hend si­cher ist vor den Büch­sen schnei­di­ger Nim­rods und ih­rer um­trie­bi­gen Jagdgäste.

Die Hüt­te – sie heißt Fur­cia; das be­deu­tet auf la­di­nisch „Ga­bel“ – ist auf den ers­ten Blick recht ge­müt­lich. Auf den zwei­ten ist sie es nicht mehr. Sie be­steht aus vier Räu­men, aus Kü­che, Stu­be, Schlaf- und Speisekammer.“

 

Un­ten ist schon Früh­som­mer, oben noch kein Früh­ling, als Jür­gen Kö­nig im Mai 1989 für ein Jahr in die Do­lo­mi­ten zieht. Sein Zu­hau­se auf Zeit, die Fur­cia-Hüt­te, be­fin­det sich auf Me­dal­ges in 2300 m Hö­he, mit­ten im Na­tur­park Pu­ez-Geis­ler.

Doch was mo­ti­viert den Jour­na­list und Schrift­stel­ler Kö­nig, der sonst ei­nen Bau­ern­hof in Bay­ern be­wohnt? Ist er Ein­zel­gän­ger? Treibt ihn die Sehn­sucht nach der Na­tur? Oder will er ein­fach Ru­he vor dem Wahn­sinn un­tern Men­schen? Sein von Tho­reau ent­lehn­tes Mot­to legt dies na­he: „Mit Schnaps und Pro­vi­ant ein Jahr auf der Hoch­alm“ wei­ter­le­sen

Fern voneinander fühlt man sich nah

Peter Stamm führt seine Leser „Weit über das Land“ und sehr schön in die Irre

u1_978-3-10-002227-1Sei­ne ab­ge­leg­ten So­cken wa­ren der ers­te Be­weis da­für, dass er sei­ne al­te Exis­tenz ab­ge­streift hat­te. Er wür­de nicht zu­rück­kom­men, er hat­te sich aus dem Le­ben ent­fernt und hat­te, nackt wie ein Neu­ge­bo­re­nes, ein an­de­res Le­ben begonnen.“

Die­ser Ge­dan­ke be­fällt As­trid als Tho­mas schon seit meh­re­ren Ta­gen ver­schwun­den ist. Voll­kom­men spur­los hat er sich je­doch nicht aus Ehe und Fa­mi­li­en­le­ben fort ge­macht. Da­von kün­den die Hin­ter­las­sen­schaf­ten, die As­trid von der Po­li­zei ent­ge­gen nimmt. Wie das ge­mein­sa­me On­line­kon­to ver­rät, hat Tho­mas sich für sei­nen Weg Weit über das Land mit Wan­der­sa­chen ver­sorgt. Der neue Ro­man des be­kann­ten Schwei­zer Au­tors Pe­ter Stamm spielt in des­sen Hei­mat. Es ist aus ver­schie­de­nen Grün­den da­mit zu rech­nen, daß die­se li­te­ra­ri­sier­te Flucht­be­we­gung bald in hö­he­re Ge­fil­de führt.

Die Grün­de für Tho­mas’ Ver­hal­ten lie­gen zu­nächst of­fen und sind für sei­ne Frau As­trid rät­sel­haft. Lang­jäh­ri­ge Be­zie­hung nei­gen nun mal da­zu, Kon­flikt­ma­te­ri­al im Hin­ter­grund zu sta­peln, wo „Fern von­ein­an­der fühlt man sich nah“ wei­ter­le­sen

Endzeit-Elegie

Valerie Fritsch beschreibt in „Winters Garten“ mit pathetisch schönen Bildern die Vergänglichkeit

fritschEr er­in­ner­te sich an die Som­mer bei den Groß­el­tern wie an ein Kö­nig­reich, aus dem man ver­trie­ben wor­den war. Er dach­te an die But­ter­blu­men und die Ma­ril­len­knö­del. Die hand­tel­ler­gro­ßen Hol­ler­blü­ten ein­ge­legt in Zu­cker. (…) Er rief die Bil­der der Wie­sen zu­rück, und ihm schien, als sä­he er, wie im Gar­ten glei­cher­ma­ßen die Köp­fe der Lö­wen­zäh­ne und die Häup­ter der Groß­el­tern erst weiß wur­den und dann kahl im Wind der Jah­re. Wie die­se ge­sun­den Men­schen mit den Ap­fel­ba­cken und den Zahn­lü­cken schrumpf­ten. Wie die led­ri­gen Bau­ern­hän­de auf­ris­sen und blaue Adern im Mar­mor der blei­chen Haut der Al­ten wuch­sen. Wie al­les alt wur­de. Wie vie­les verschwand.“

Bild­reich, wort­ge­wal­tig und poe­tisch klin­gen be­reits die ers­ten Sei­ten von Va­le­rie Fritschs Ro­man Win­ters Gar­ten. Sie kon­fron­tie­ren den Men­schen mit sei­ner ei­ge­nen Ver­gäng­lich­keit, mit der sei­nes Kör­pers und mit der des Geis­tes, ge­spie­gelt in sei­ner Haut, was die Au­torin über­zeu­gend aus­zu­drü­cken weiß.

Das scheint er­staun­lich an­ge­sichts des Al­ters von Fritsch, die als weit­ge­reis­te Fo­to­gra­fin auf un­ge­wöhn­li­che Er­fah­run­gen blickt. Auch ihr un­längst auf dem Bach­mann-Wett­be­werb vor­ge­stell­ter Text spie­gel­te dies.

Mit „Win­ters Gar­ten“ legt sie ei­nen End­zeit­ro­man vor, bei dem die Zi­vi­li­sa­ti­ons­flucht das „End­zeit-Ele­gie“ wei­ter­le­sen

Mangelmann auf Schlingerkurs

In seinem neuen Roman „Bei Regen im Saal“ überwindet Genazino die Zumutungen des Alltags

Genazino_978-3-446-24596-9_MR1.inddVon Be­ruf war ich Re­zep­tio­nist, ge­le­gent­lich Bar­mi­xer, aber in letz­ter Zeit ar­bei­te­te ich über­wie­gend als Über­win­der. Ich half Men­schen, ih­re zu­wei­len auf­dring­li­chen oder dümm­li­chen Er­leb­nis­se schnel­ler als ge­wohnt zu ver­ges­sen. Ich ging mit den Leu­ten spa­zie­ren, wir be­such­ten Floh­märk­te, wir schau­ten uns Kunst­aus­stel­lun­gen an und re­de­ten über sie. Ich gab den Men­schen Tipps für Er­leb­nis­se, die ih­nen al­lein ge­hör­ten. (…) Das meis­te, was Men­schen heu­te zu­stieß, er­leb­ten sie als Teil ei­ner rie­si­gen Mas­se; des­we­gen konn­te man al­len­falls von Kon­fek­ti­ons­er­leb­nis­sen sprechen.“

Der Ich-Er­zäh­ler, des­sen Vor­na­men Rein­hard der Le­ser erst ge­gen En­de er­fährt, ist nicht der ein­zi­ge Mann im neu­en Ro­man Bei Re­gen im Saal von Wil­helm Ge­n­azi­no. Zwei wei­te­re männ­li­che Ne­ben­fi­gu­ren, oder bes­ser Ne­ben­buh­ler, be­ein­flus­sen das Schick­sal des Mit­te Vier­zig­jäh­ri­gen, der oft­mals schon viel äl­ter wirkt.

Rein­hard lebt in ei­ner Zwei­er-Be­zie­hung mit Son­ja ei­ner Fi­nanz­be­am­tin im ge­ho­be­nen Dienst. Trotz ge­trenn­ter Woh­nun­gen be­fin­det sich ihr Ver­hält­nis in ei­nem „Man­gel­mann auf Schlin­ger­kurs“ wei­ter­le­sen

Glücks-Reigen

In „Glücklich die Glücklichen“ schreibt Yasmina Reza von der Veranlagung zum Glück

Reza_24482_MR.inddGlück­lich die Ge­lieb­ten und die Lie­ben­den und die auf die Lie­be ver­zich­ten kön­nen. Glück­lich die Glück­li­chen.“ (Jor­ge Lu­is Borges)

Was ist Glück? Was macht ei­nen glück­li­chen Men­schen aus? Was un­ter­schei­det ihn von anderen?

Ant­wor­ten gibt die be­kann­te Dra­ma­ti­ke­rin, Yas­mi­na Re­za, die mit ih­rem Thea­ter­stück „KUNST“ und dem von Polan­ski ver­film­ten „Der Gott des Ge­met­zels“ auch ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt wur­de, in ih­rem kürz­lich er­schie­ne­nen Ro­man „Glück­lich die Glück­li­chen“. Ihm stellt sie ei­nen Satz von Bor­ges vor­an, der die Viel­ge­stal­tig­keit des Phä­no­mens Glück andeutet.

Mit Witz und mit viel Me­lan­cho­lie prä­sen­tiert sie in star­ken Dia­lo­gen ihr Per­so­nal und des­sen Hang zur Es­ka­la­ti­on. Be­zie­hun­gen ste­hen im Vor­der­grund, die zwi­schen Paa­ren, zwi­schen El­tern und Kin­dern, Freun­den oder Be­kann­ten. Doch ein Ro­man ist die­se „Glücks-Rei­gen“ wei­ter­le­sen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Com­pu­ter bringt mir al­les ins Haus: Fil­me, In­for­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bü­cher, Thea­ter­stü­cke, al­les, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein In­ter­es­se ist wie ein Schwamm. Es un­ter­schei­det nicht nach der Far­be des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sauber.”

Span­nung, die an­fangs sub­til an­klingt und sich dann in un­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Ro­man Die Tarn­kap­pe, der mir aus­ge­spro­chen gut ge­fal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Er­zäh­lun­gen vor, die in un­ge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­el­le Fra­gen berühren.

In je­der sei­ner Ge­schich­ten wirft Orths sei­ne Le­ser zu­nächst ins Un­ge­wis­se. Die Mo­ti­ve der Fi­gu­ren er­schei­nen un­klar, erst nach und nach wer­den In­di­zi­en auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt un­er­war­te­te Vol­ten und en­det sel­ten mit ei­ner ein­deu­ti­gen Lö­sung. Der Aus­gang ist eher ei­ne Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, be­greif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Au­tors und der Vor­stel­lung des Lesers.

Dies ist schon in der ers­ten Er­zäh­lung, Erich, Erich, er­fahr­bar. Ihr Prot­ago­nist „Von Ver­lie­rern und Ver­kün­dern des wah­ren Den­kens“ wei­ter­le­sen

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­rer­in­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fragen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehnte.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008