Versuch einer Selbstbefreiung

Kerstin Holzer ergründet in „Monascella“ Monika Manns Lebenskrisen

Man muss sich ver­här­ten, sonst geht man kaputt.“

Die­ser Satz fiel 1986 auf Ca­pri in der Vil­la Mo­na­co­ne, die ih­ren Na­men nicht von Mo­ni­ka Mann, der da­ma­li­gen Be­woh­ne­rin er­hielt, son­dern we­gen ih­res Aus­blicks auf den „Sco­glio di Mo­na­co­ne“, ei­nen Mee­res-Fel­sen vor der Süd­ost­spit­ze der In­sel. Die mitt­le­re Toch­ter aus der be­rühm­ten Fa­mi­lie Mann zog die bit­te­re Bi­lanz nach 75 Le­bens­jah­ren und of­fen­bar­te sie der Jour­na­lis­tin Hel­ga Schalk­häu­ser. Sie schloß den Wunsch an, die­se mö­ge nicht nur ei­nen Ar­ti­kel schrei­ben, son­dern ein gan­zes Buch über sie. Was die Jour­na­lis­tin da­mals ab­lehn­te, er­füllt Kers­tin Hol­zer mit „Mo­nas­cel­la“, ei­nem Buch, das ent­ge­gen sei­nem Un­ter­ti­tel, weit­aus mehr als „Mo­ni­ka Mann und ihr Le­ben auf Ca­pri“ be­han­delt. Zwar war ei­ne per­sön­li­che Be­geg­nung ver­wehrt, Mo­ni­ka Mann starb 1992, doch Hol­zer konn­te auf Brie­fe und an­de­re Text­quel­len zu­rück­grei­fen und führ­te Ge­sprä­che mit Zeit­zeu­gen, un­ter an­de­ren mit Fri­do Mann und ih­rer Vor­gän­ge­rin Schalkhäuser.

In „Mo­nas­cel­la“ steht nicht nur Mo­ni­ka Manns Le­ben auf Ca­pri im Vor­der­grund, das sie von 1954 bis 1986 fast von An­fang an mit An­to­nio Spa­da­ro teil­te, ei­nem Ca­p­re­ser, des­sen Fa­mi­lie Ei­gen­tü­me­rin der Vil­la war, und der eben­falls dort ei­ne Woh­nung be­saß. Zu­nächst nur als Zu­flucht ge­dacht bot Ca­pri Mo­ni­ka die längs­te Pe­ri­ode ei­ner Be­hei­ma­tung. Die Be­zie­hung zu dem Fi­scher­sohn und Mau­rer, der auf­grund ei­ner Herz­schwä­che je­doch eher kon­tem­pla­ti­ven Tä­tig­kei­ten nach­ging, trug da­zu bei. Die­se Span­ne in Mo­ni­kas Le­ben war fried­voll, pro­duk­tiv und wahr­schein­lich ei­ne glück­li­che.  Sie bil­det den Dreh- und An­gel­punkt für Hol­zer, die ähn­lich wie in ih­rem spä­te­ren Buch über den Te­gern­see-Som­mer der Manns, in das Ge­rüst ei­ner bio­gra­phi­schen Epi­so­de Rück­bli­cke und Ein­ord­nun­gen, aber auch Land­schafts­pan­ora­men und lo­kal­his­to­ri­sche Fak­ten ein­fügt. Da­bei va­ri­iert sie je nach Quel­len­la­ge un­ter­schied­li­che Blick­win­kel und In­ter­pre­ta­tio­nen. Hol­zer schil­dert Mo­ni­kas Um­gang mit psy­chi­schen Kri­sen und blickt auf Ur­sa­chen. „Die ers­ten Sät­ze von Ver­gan­ge­nes und Ge­gen­wär­ti­ges lau­ten: »Ich le­be auf ei­ner In­sel. Es ist still da, und die Men­schen ma­chen sich Ge­dan­ken.« Über das Le­ben na­tür­lich, über den »ewi­gen Kampf um das Ge­lin­gen« und über das, was es wirk­lich be­deu­te: »ei­ne Selbstbefreiung«.“

Be­reits als Kind hat­te Mo­ni­ka ei­nen schwe­ren Stand in der Fa­mi­lie. Nicht nur fühl­te sie sich als Mitt­le­re in ste­ter Kon­kur­renz zur äl­te­ren, selbst­be­wuss­ten Eri­ka und zu Va­ters Lieb­ling Eli­sa­beth. Es ge­lang ihr we­ni­ger gut als den an­de­ren Ge­schwis­tern el­ter­li­che An­er­ken­nung zu er­lan­gen. Das „Mön­le“ galt als wun­der­li­che Au­ßen­sei­te­rin. Die fa­mi­liä­re Ab­leh­nung und ei­ne durch häu­fi­ge Tren­nun­gen ge­stör­te Mut­ter­bin­dung führ­ten zu Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und De­pres­sio­nen der Ju­gend­li­chen. „Häus­li­ches Idyll, Wohl­stand, Ge­schwis­ter, Per­so­nal – es ist al­les da. Nur die Mut­ter fehlt oft mo­na­te­lang, vor al­lem in Mo­ni­kas ers­ten Le­bens­jah­ren.“ Auf­ent­hal­te fern der Fa­mi­lie, zu­nächst im Bo­den­see-In­ter­nat Sa­lem, spä­ter in Ber­lin oder Flo­renz wa­ren ver­geb­li­che Ver­su­che der Ab­na­be­lung, die schließ­lich in die Ehe mit dem Kunst­his­to­ri­ker Je­nö Lá­nyi mün­de­ten. Durch die Schiffs­ka­ta­stro­phe von 1940, in der ihr Ehe­mann er­trank und sie nur knapp über­leb­te, wur­de Mo­ni­ka schwer trau­ma­ti­siert. Durch ih­re Fa­mi­lie er­fuhr sie we­der Ver­ständ­nis noch Un­ter­stüt­zung, ab­ge­se­hen von fi­nan­zi­el­ler, die die El­tern al­len ih­ren Kin­dern stets groß­zü­gig ge­währ­te. Dies er­mög­lich­te Mo­ni­ka ein Le­ben auf Ca­pri, das den­noch nicht das glück­lichs­te war, da sie im­mer wie­der ver­such­te, ei­ne Be­zie­hung zum Va­ter, den Ge­schwis­tern und be­son­ders zu ih­rer Mut­ter Ka­tia zu knüp­fen und doch im­mer wie­der aufs Neue dar­an scheiterte.

Ih­re frü­hen Am­bi­tio­nen als Pia­nis­tin wur­den in der Fa­mi­lie kaum ernst­ge­nom­men. Man sprach „hin­ter ih­rem Rü­cken von ei­ner »künst­le­ri­schen Ober­flä­chen­be­ga­bung« (der Va­ter) und ih­rem »Halb­ta­lent­chen« (die Mut­ter).“ Mo­ni­kas Vor­schlag zu ei­ner Fa­mi­li­en-An­tho­lo­gie nach dem Tod des Va­ters wur­de miss­ach­tet und als „Li­kör­idee“ lä­cher­lich ge­macht. Und doch wur­de Mo­ni­ka in ih­rer Zeit auf Ca­pri zur Schrift­stel­le­rin, wie, bis auf Ka­tia, al­le an­de­ren Mit­glie­der der Kern­fa­mi­lie Mann, und wie die­se schrieb sie über ihr Le­ben. Ihr Werk „Ver­gan­ge­nes und Ge­gen­wär­ti­ges“ wid­met sich der Kin­der- und Ju­gend­zeit. „Sehn­süch­tig spürt sie dar­in ih­rer Kind­heit nach, der At­mo­sphä­re im El­tern­haus. Der Si­cher­heit, die die Mut­ter ver­mit­tel­te. Der Au­ra des Va­ters.“ Die­se au­to­bio­gra­phi­sche In­ter­pre­ta­ti­on Mo­ni­kas stellt Hol­zer ei­ner li­te­ra­ri­schen Tho­mas Manns ge­gen­über, den sei­ne Kin­der­schar zu der Er­zäh­lung „Un­ord­nung und frü­hes Leid“ in­spi­rier­te.

Zwi­schen den Rück­bli­cken auf die fa­mi­liä­ren Ver­wer­fun­gen setzt die Au­torin das Le­ben auf Ca­pri in Sze­ne. Mal die per­sön­li­chen Er­fah­run­gen Mo­ni­kas, die vor al­lem durch ih­re Brie­fe fass­bar wer­den. „»Wir ste­hen dar­auf, an­ein­an­der­ge­lehnt, vom Sma­ragd der Wo­gen um­ge­ben, und schau­en den Mö­wen zu: oh­ne die Schwin­gen zu re­gen, ste­hen sie in den Lüf­ten wie wei­ße Fal­ken oder Ad­ler und äu­gen auf den Grund, bis sie sich mit ei­nem Schrei in die Tie­fe stürzen.«“

Mal er­gänzt ein Ka­pi­tel mit dem schö­nen Ti­tel „Ca­pri und Cam­pa­ri“ His­to­ri­sches zu die­sem „Place to Be“ nicht nur der Rei­chen und Schö­nen, son­dern auch der in­tel­lek­tu­el­len Pro­mi­nenz, die wie Sart­re und Gra­ham Gree­ne, spä­tes­tens ab den Fünf­zi­gern die In­sel ansteuern.

Mo­ni­ka Mann ent­zog sich weit­ge­hend die­sem Tru­bel. Sie be­vor­zug­te die Ru­he, die sie auf lan­gen Spa­zier­gän­gen und im Schrei­ben fand. Doch auch dies führ­te zu fa­mi­liä­rer Un­ru­he. Die Ver­öf­fent­li­chung von Mo­ni­kas Au­to­bio­gra­phie kurz nach dem Tod des Va­ters mün­de­te in ei­nen Streit mit Schwes­ter Eri­ka. Die­se fürch­te­te um die von ihr be­an­spruch­te Deu­tungs­ho­heit und muss­te den­noch hin­neh­men, daß Mo­ni­kas Er­in­ne­rungs­buch mehr Er­folg be­schie­den war als ih­rem eigenen.

Nicht nur dar­an er­in­nert Kers­tin Holz­ers le­sens­wer­tes Buch zu Recht. „Der Buch­erfolg er­mög­licht ihr (Mo­ni­ka) re­gel­mä­ßi­ge Bei­trä­ge in deutsch­spra­chi­gen Pu­bli­ka­tio­nen, meist in Schwei­zer Zei­tun­gen, hin und wie­der auch in der ita­lie­ni­schen Zei­tung Il Mun­do, in der Ta­ges­zei­tung Welt oder spä­ter in Kon­kret. Ins­ge­samt 500 Feuil­le­tons und fünf Bü­cher wer­den auf Ca­pri entstehen.“

Kerstin Holzer, Monascella. Monika Mann und ihr Leben auf Capri. Dtv 2022

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