Streben nach Selbstgeißelung

In „Der gewöhnliche Mensch“ erzählt Lena Andersson Gesellschaftsgeschichte als Individualgeschichte

Er ging hin­aus in den Werk­raum, um sau­ber zu ma­chen, und fühl­te sich ein­sam, wäh­rend er dort stand und das Werk­zeug zu­rück an die rich­ti­gen Ha­ken häng­te. Er hat­te die Stim­mung ver­dor­ben, und es war an ihm, al­les wie­der­gut­zu­ma­chen. Er hat­te nicht dar­um ge­be­ten, so viel Macht zu ha­ben. Die Fa­mi­lie be­griff nicht, wie macht­los er sich fühl­te, wie tief ihn sei­ne Angst vor der Welt durch­drang, in der sie al­le vier leb­ten und er nichts an­de­res woll­te, als dass sei­ne Kin­der nicht vom Weg ab­ka­men. Er ver­such­te die Fall­gru­ben auf­zu­zei­gen, ih­nen recht­zei­tig klar­zu­ma­chen, dass es für nor­ma­le Men­schen kei­nen Spiel­raum zum Trö­deln und für Neu­an­fän­ge gab.“

Wer kennt nicht so eine*n? Ge­rech­tig­keit und Kor­rekt­heit ste­hen bei ihm an ers­ter Stel­le. Al­les wird re­gu­liert und re­gle­men­tiert. Er trinkt nicht, isst ge­sund, fährt nie weg und gibt kaum Geld aus. Sein Hang zur As­ke­se zeigt sich je­doch nicht nur im Kon­sum, son­dern auch im Den­ken, das durch in­ne­re Selbst­kon­trol­le auf engs­ten Bah­nen ver­läuft. Ein sol­ches Le­ben ver­kör­pert das pie­tis­ti­sche Ide­al des Schma­len Wegs. Steil und stei­nig führt er auf den An­dachts­bil­dern ganz nach oben, wo die Folg­sa­men im Him­mel das er­hof­fen, was sie sich auf Er­den ver­sa­gen. An­de­re fin­den auf be­que­me­ren Pfa­den Lust, Ge­nuss und Freu­de. Es mag sein, daß sie das pie­tis­ti­sche Pa­ra­dies nie er­rei­chen, doch wie heißt es so schön, der Weg ist das Ziel.

Rag­nar Jo­hans­son, der Held in Le­na An­ders­sons neu­em Ro­man „Der ge­wöhn­li­che Mensch“ lebt, ob­schon als schwe­di­scher So­zi­al­de­mo­krat athe­is­tisch, die kar­ge Va­ri­an­te. Am Bei­spiel die­ses Zeit­ge­nos­sen liest die zwi­schen Mit­leid und Ab­nei­gung schwan­ken­de Le­se­rin ei­ne Chro­nik der „schwe­di­schen Men­ta­li­täts­ge­schich­te der Mo­der­ne“. Rag­nars Toch­ter El­sa hat­te die Idee, den Va­ter für ei­ne Eth­no­lo­gi­sche Stu­die zu mel­den, wie wir im Pro­log er­fah­ren. Als dar­aus nichts wird, scheint Le­na An­ders­son in die selbst ge­schla­ge­ne Bre­sche zu sprin­gen und er­zählt im Haupt­teil an­hand von Rag­nars Le­ben die Ge­schich­te des Schwe­di­schen Volks­heim.

Den Wohl­fahrts­staat rich­te­te die Schwe­di­sche So­zi­al­de­mo­kra­tie im Jahr 1932 nach ih­rem Wahl­sieg ein. Ihn prä­gen bis heu­te Gleich­heit, Für­sor­ge und Hilfs­be­reit­schaft, aber auch ei­ne nicht zu un­ter­schät­zen­de Päd­ago­gik. Man den­ke nur an das staat­li­che Al­ko­hol­ver­kaufs­mo­no­pol als Re­vo­lu­ti­ons-Prä­ven­ti­on. „Dort, wo Angst vor den Aus­wir­kun­gen star­ker al­ko­ho­li­scher Ge­trän­ke auf die Ar­beits­leis­tung herrscht, müs­sen Ent­span­nung und Glück aus an­de­ren Quel­len kom­men.“ Al­so be­treibt Rag­nar schwe­di­sche Kaf­fee­kul­tur al­ler­dings we­ni­ger opu­lent als sei­ne Sah­ne­tor­ten auf­tür­men­de Mut­ter Svea. Der Sohn trinkt drei­mal am Tag zur im­mer­glei­chen Stun­de ei­ne Tas­se des am Mor­gen ge­brüh­ten Ge­tränks. Dar­über wie über das stets glei­che Früh­stück aus zwei Schei­ben Toast könn­te man la­chen, wenn es nicht so de­pri­mie­ren wür­de. Noch trau­ri­ger macht mich Rag­nar, der al­le sich bie­ten­den Chan­cen zu­rück­weist, um sei­nem Le­bens­plan zu fol­gen, wenn er die­se Selbst­be­schnei­dung durch groß­fah­ren­de Plä­ne für sei­ne Kin­der zu kom­pen­sie­ren sucht. Sport­ler­kar­rie­ren schwe­ben ihm vor und er stellt sich als Trai­ner ganz in de­ren Dienst, das ent­spricht sei­nem Leis­tungs­den­ken. Er muss im­mer et­was tun, das Le­ben zu ge­nie­ßen, kä­me ihm nicht in den Sinn.

An­ders­son glie­dert ih­ren Ro­man in drei Tei­le, die sie ih­ren Haupt­fi­gu­ren El­sa, Rag­nar und Svea wid­met. Wäh­rend Pro- und Epi­log nur we­ni­ge Sei­ten zäh­len, schil­dert der Kern des Ro­mans mit 259 Sei­ten die Ge­schich­te des Schwe­di­schen Volks­heim an­hand ei­nes Män­ner­le­bens, Sei­ten­bli­cke auf wei­te­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der in­be­grif­fen. An­ders­son deckt da­durch zwar Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und ei­nen Blick auf die Zu­kunft der schwe­di­schen Ge­sell­schaft ab, aber die Er­zähl­kon­struk­ti­on bleibt bie­der. Sie be­ginnt in der Kind­heit von Groß­mutter Svea, die sich el­tern­los als Magd ver­dingt, schließ­lich ei­nen Fuhr­mann hei­ra­tet und Rag­nar zur Welt bringt. Die­sen be­glei­ten wir durch sei­ne Ju­gend und sei­ne ers­ten Aus­lands­rei­sen als Er­wach­se­ner. Wir er­fah­ren, wie aus dem Tisch­ler ein Werk­leh­rer wird und wie er schließ­lich ei­ne Fa­mi­lie grün­det. In die­se Vi­ta bin­det An­ders­son Er­run­gen­schaf­ten des schwe­di­schen Wohl­fahrts­staa­tes, zeigt aber auch des­sen Wi­der­sprü­che. Fa­mi­lie Jo­hans­son er­hält ei­ne der be­gehr­ten Neu­bau-Woh­nun­gen in der „zweck­dien­li­chen Vor­stadt Pa­ra­dies“. Mit den Jah­ren wird aus der Ide­al­sied­lung ein über­füll­ter Au­ßen­be­zirk, in dem die Frem­den­feind­lich­keit wächst. Ein Pro­blem, das An­ders­son nur an­deu­tet, streng aus der Per­spek­ti­ve des Leh­rers Rag­nar, der mit Kol­le­gen ge­gen die Über­frem­dung der Schu­le pro­tes­tiert. Mehr als die Fremd­heit sei­ner Schü­ler stört ihn die Un­kon­trol­lier­bar­keit und Un­plan­bar­keit die­ses Phä­no­mens. Er fühlt sich nicht mehr im Volks­heim ge­bor­gen, son­dern vom Staat al­lein­ge­las­sen. Als Mann der Mit­te sieht er sich ge­gen­über der Ober- und der Un­ter­schicht, der die um­fas­sen­de Für­sor­ge des Staa­tes gilt, benachteiligt.

An­ders­son schil­dert dies mit psy­cho­lo­gi­schem Ge­spür. Sie zeigt, wie die in pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen wur­zeln­de Ein­stel­lung „sich sein Le­ben ver­die­nen zu müs­sen“ Rag­nar prägt. Dar­aus er­wach­sen Min­der­wer­tig­keit und Scham, die ihm die Freu­de an neu­en Er­fah­run­gen und das In­ter­es­se an an­de­ren Le­bens­ent­wür­fen ver­der­ben. Rag­nar wird streng, vor al­lem ge­gen­über sich selbst, er un­ter­drückt sei­ne Ge­füh­le, die manch­mal ex­plo­si­ons­ar­tig her­vor­schnel­len. Kaum scheint er der Em­pa­thie fä­hig und über­rascht doch, wenn er mit ei­nem Schü­ler, der sei­ne in­ti­men Ge­dan­ken ver­ber­gen möch­te, ei­ne ge­hei­me Schub­la­de baut. Rag­nars stren­ges Stre­ben nach ei­nem ge­re­gel­ten, an­ge­pass­ten Le­ben weicht nur dann auf, wenn der Tod un­kon­trol­lier­bar da­zwi­schen­tritt. Dann be­fürch­tet er, daß „das Le­ben nur ein lee­res Ge­fäß war, in das man ge­sperrt wur­de, bis man starb“. Als Ge­gen­stück zu Rag­nars Ri­gi­di­tät er­weist sich El­sa, die sich mit zu­neh­men­dem Selbst­be­wusst­sein von ih­rem Va­ter eman­zi­piert. Doch lei­der dringt An­ders­son nicht tie­fer in die­se Fi­gur. Auch Rag­nars Ehe­frau Eli­sa­bet und sein Sohn Erik blei­ben blass. Das ist scha­de, denn Le­na An­ders­son hat be­reits ge­zeigt, wie sie Per­so­nen durch de­ren in­ne­re Vor­gän­ge zum Le­ben er­we­cken kann.

Lena Andersson, Der gewöhnliche Mensch, übers. v. Antje Rávik Strubel, Luchterhand Literaturverlag 2022

Scheinbar ausheimisch“

Warum Anna Kims „Geschichte eines Kindes“ auch als Roman über das Recht auf Abtreibung gelesen werden kann

Ent­we­der be­lü­ge ich mich selbst und ver­leug­ne mei­ne Her­kunft, er­klär­te sie, oder – sie woll­te sich nicht da­von über­zeu­gen las­sen, dass ich in mir haupt­säch­lich mich selbst sah, we­der ei­ne Asia­tin noch ei­ne asia­ti­sche Ös­ter­rei­che­rin, son­dern Fran, sim­ply Fran (…)“

Ich ha­be nie ver­stan­den, war­um die Her­kunft mei­ner Mut­ter schwe­rer wie­gen soll als die mei­nes Vaters.“

Der nüch­tern klin­gen­de Ti­tel, „Ge­schich­te ei­nes Kin­des“, ent­spricht der Form des neu­en Ro­mans von An­na Kim. Sie ver­knüpft dar­in die Er­leb­nis­se der Ich-Er­zäh­le­rin Fran­zis­ka, ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Au­torin, die 2013 ein Jahr als Wri­ter in Re­si­dence am St. Ju­li­an Col­lege in Green Bay ver­bringt, mit Ak­ten­ein­trä­gen aus den 1950er Jah­ren. Die­se schil­dern das Schick­sal Dan­nys, ei­nes zur Ad­op­ti­on frei­ge­ge­be­nen Jun­gen un­kla­rer Her­kunft. Bei­de, Fran­zis­ka und Dan­ny, ver­bin­det, daß sie Schein­bar aus­hei­misch““ weiterlesen

Das Erbe der Voortrekker

Damon Galgut erzählt in „Das Versprechen” von der Last der kolonialen Vergangenheit

…die Fa­mi­lie Swart hat so gar nichts Be­son­de­res oder Be­mer­kens­wer­tes, o nein, sie gleicht der Fa­mi­lie von der Nach­bar­farm und der Nach­bar­farm der Nach­bar­farm, nur ein ge­wöhn­li­cher Hau­fen wei­ßer Süd­afri­ka­ner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur ein­mal dar­auf zu ach­ten, wie wir spre­chen. Wir klin­gen nicht an­ders als die an­de­ren Stim­men, wir klin­gen ganz ge­nau­so, und wir er­zäh­len die­sel­ben Ge­schich­ten, in ei­nem brei­igen Ak­zent, mit ge­köpf­ten Kon­so­nan­ten und ge­quetsch­ten Vo­ka­len. Un­se­re See­le ist ir­gend­wie ver­ros­tet, re­gen­fle­ckig und ver­beult, und das hört man un­se­rer Stim­me an.“

Wie im vor kur­zem hier be­spro­che­nen Ro­man von Ali­ne Valang­in spielt ein Haus ei­ne Rol­le. Kein pracht­vol­ler Pa­laz­zo, son­dern ei­ne rui­nö­se Hüt­te, ab­ge­le­gen auf dem weit­läu­fi­gen Ge­län­de ei­ner Farm au­ßer­halb Pre­to­ri­as. Dort lebt Sa­lo­me, das schwar­ze Haus­mäd­chen, die der Be­sit­zer „beim Kauf gra­tis da­zu­be­kom­men hat“. Auch wenn sie von den Swarts als In­ven­tar und kaum als In­di­vi­du­um be­trach­tet wird, spielt sie ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Fa­mi­li­en­ge­fü­ge. Sie hat die Kin­der An­ton, As­trid und Amor auf­ge­zo­gen und pfleg­te de­ren Mut­ter Ra­chel. Als die­se stirbt, nimmt Ra­chel ih­rem Mann das Ver­spre­chen ab, „Das Er­be der Vo­ortrek­ker“ weiterlesen

Liebe und Schmerz

Itō Hiromi erzählt in „Dornauszieher“ von den ambivalenten Gefühlen eines alternden Ichs

Mut­ters Qual. Va­ters Qual. Ehe­manns Qual.
Ein­sam­keit, Angst, Frustration.
Die­se Qua­len be­fal­len mich zwar, aber neu­er­dings quä­len sie mich nicht wirk­lich. All die Qua­len, mit de­nen ich mich her­um­schla­ge, so wur­de mir klar, sind ja mein Stoff. Ich bin da­mit be­schäf­tigt, die­se Qua­len zu fi­xie­ren und von ih­nen zu er­zäh­len, und in­dem ich von ih­nen er­zäh­le, ver­ges­se ich die Qua­len, ist das nicht doch der Se­gen von Ji­zō, dem Dornauszieher?“

Dorn­aus­zie­her“, der Ti­tel des Ro­mans der Ja­pa­ne­rin Itō Hi­ro­mi, weckt bei mir die As­so­zia­ti­on zu ei­ner be­rühm­ten Skulp­tur der An­ti­ke. Mei­ne west­li­che, durch Vor­lie­ben ge­präg­te Ver­knüp­fung liegt der von Itō in­ten­dier­ten Fi­gur räum­lich wie my­tho­lo­gisch ziem­lich fern. Sie denkt an den im Un­ter­ti­tel ge­nann­ten Ji­zō von Su­ga­mo, ei­nen Gott, an den sich der Gläu­bi­ge wen­det, um ei­ne Pla­ge los­zu­wer­den. Ich den­ke an den Jüng­ling, der ei­nen Dorn aus sei­nem Fuß zieht. Bei­den ge­mein­sam ist der Schmerz, der zu­gleich als Haupt­mo­tiv des Ro­mans ge­se­hen wer­den kann.

Hi­ro­mi Itō oder bes­ser Itō Hi­ro­mi, ge­mäß der ja­pa­ni­schen Na­mens­fol­ge, wur­de 1955 in To­kyo ge­bo­ren. Eben­so wich­tig wie die kor­rek­te Stel­lung des Vor- und Nach­na­mens, die be­wusst für die Haupt­fi­gur des Ro­mans ge­tauscht wur­de, ist die Be­to­nung. Die west­li­che Ge­wohn­heit, die zwei­te Sil­be her­vor­zu­he­ben, bringt Hi­ro­mi be­son­ders auf die Pal­me, wenn ihr eng­li­scher Ehe­mann dies nicht be­herrscht. Die­se und an­de­re, schmerz­vol­le­re „Lie­be und Schmerz“ weiterlesen

A🏆ypse now”

Daniel Wisser schreibt in „Wir bleiben noch“ über das Schräge und das Schöne unserer Zeit

Vic­tor wur­de klar, dass er die Re­ak­ti­on der Fa­mi­lie un­ter­schätzt hat­te. Doch er hat­te auch sei­nen ei­ge­nen Wi­der­stands­geist un­ter­schätzt. In dem Mo­ment, in dem sei­ne ei­ge­ne Mut­ter ihm sei­ne Kind­heits­fo­tos aus­hän­dig­te, weil sie da­für nach ei­ge­nen Wor­ten kei­nen Platz mehr hat­te, in dem Mo­ment, in dem sie zu­sam­men mit sei­ner Tan­te mit al­len recht­li­chen Mit­teln ge­gen den Letz­ten Wil­len der ei­ge­nen Mut­ter vor­ging, be­gann Vic­tor, sie und ih­re gan­ze Ge­ne­ra­ti­on zu ver­ach­ten. Ih­re El­tern hat­ten kämp­fen müs­sen, da­mit die Kin­der über­leb­ten, da­mit sie zur Schu­le, zur Uni­ver­si­tät ge­hen und im Wohl­stand le­ben konn­ten. Doch als die Ge­ne­ra­ti­on von Vic­tors Mut­ter und Tan­te Mar­ga­re­te in ih­rer Ju­gend ih­re Schein­idea­le aus­ge­lebt hat­te, wähl­te sie Rechts­par­tei­en und for­der­te die Schein­mo­ral, die sie an ih­ren El­tern kri­ti­siert hat­te, neu­er­dings von ih­ren Nach­kom­men. Da­bei sprach sie über ih­re Ju­gend so we­nig wie die Kriegs­ge­nera­ti­on, der sie ihr Schwei­gen im­mer zum Vor­wurf ge­macht hat­te. Sie hat­te ei­nen ma­xi­ma­len Ge­winn aus dem wach­sen­den Wohl­stand in ih­rer Ju­gend, aus den Ar­beits­be­din­gun­gen der 60er- bis 90er-Jah­re und schließ­lich aus ih­ren Pen­sio­nen, von de­nen die Ge­ne­ra­ti­on ih­rer Kin­der nur träu­men konn­te. Das Frie­dens- und Frei­heits­ge­schwätz, mit dem sie ih­ren El­tern und sich selbst auf die Ner­ven ge­fal­len war, küm­mer­te sie nicht mehr. Die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, die ih­nen ih­ren Wohl­stand ver­schafft hat­ten, küm­mer­ten sie nicht mehr. Sie wa­ren Rechts­po­pu­lis­ten ge­wor­den, weil nun kein Platz mehr war. Ei­ne trä­ge, selbst­ge­rech­te, un­mensch­li­che Generation.“

Wie wür­de Vic­tor die neu­es­ten po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in sei­nem Hei­mat­land Ös­ter­reich kom­men­tie­ren? Über­rascht vom Kor­rup­ti­ons­ver­dacht ge­gen Kurz und Co wä­re der über­zeug­te So­zi­al­de­mo­krat wohl kaum. Des­sen Sicht auf Po­li­tik und un­se­re west­li­che Ge­sell­schaft würzt Wis­ser mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie. Sei­nen Hu­mor gab Wis­ser be­reits in „Die Let­ten wer­den die Es­ten sein“ zu er­ken­nen, ei­ne Pro­duk­ti­on sei­ner Band „Ers­tes Wie­ner Heim­or­ge­l­or­ches­ter“ und er ver­sieht ihn mit bit­te­ren An­klän­gen in sei­nem neu­en Ro­man „Wir blei­ben noch“.

Die Lust an der sprach­spie­le­ri­schen Sa­ti­re scheint et­was Ös­ter­rei­chi­sches zu sein. Sie prägt die Li­te­ra­tur von Wolf Haas eben­so wie die von Mi­cha­el Zie­gel­wag­ner. Es muss an der Luft oder am viel be­sun­ge­nen Wie­ner-Blut A🏆ypse now”“ weiterlesen

Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schick­sal ge­wollt und es hat kei­nen an­de­ren Weg gegeben.“

Auch der ak­tu­el­le Ro­man der is­rae­li­schen Au­torin Ze­ru­ya Shalev be­han­delt die po­li­ti­schen wie re­li­giö­sen Ge­gen­sät­ze ih­res Hei­mat­lan­des. Sie schü­ren die Kon­flik­te zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ne, Auf­klä­rung und or­tho­do­xem Glau­ben, Be­sat­zern und Be­setz­ten so­wie die Kluft zwi­schen Mann und Frau. Ist dies al­les un­ab­wend­ba­res „Schick­sal“, wie der Ti­tel des Ro­mans insinuiert?

Schick­sal­haft ver­bun­den schil­dert Shalev das Le­ben, man könn­te auch sa­gen das Lei­den, ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen Ra­chel und Ata­ra, de­ren per­so­na­le Er­zähl­stim­men in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln zu Wort kom­men. Da ist zum ei­nen die be­tag­te Ra­chel, de­ren Ge­schich­te in die An­fän­ge des mo­der­nen Is­ra­els führt. Sie er­zählt, was sie als jun­ge Frau bei den Lechi er­leb­te, ei­ner Un­ter­grund­be­we­gung, die mit ter­ro­ris­ti­schen Mit­teln ge­gen die „Das Lei­den der Sün­den­bö­cke“ weiterlesen

Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild län­ge­re Ge­schich­ten schwie­rig fin­det. Spra­che scheint sei­ne In­stink­te zu ver­wir­ren, sie er­schwert das blind Ver­ste­hen, das Fin­den, dar­über hin­aus fehlt ihm die Ge­duld, er hat kei­ne Ner­ven für ei­ne län­ge­re Ge­schich­te, letzt­lich hat er viel­leicht schlicht kei­ne Lust. Aber er hat den Blick für das We­sent­li­che, er kann auf den Punkt kommen.“

Die­se Aus­sa­ge der Ich-Er­zäh­le­rin in Ju­dith Her­manns neu­em Ro­man klingt wie das Kon­zept der Au­torin. Da­heim ist wie schon ih­re vo­ri­gen Bü­cher ein Ro­man der kur­zen Stre­cke. Auf knapp zwei­hun­dert Sei­ten er­zählt er ei­ne Ge­schich­te, de­ren selt­sam se­dier­te Stim­mung sich in der Spra­che spie­gelt. Hier schla­gen Sät­ze kei­ne Ka­prio­len, son­dern kom­men in kar­ger Not­wen­dig­keit da­her. Die sprach­li­che La­ko­nie ent­larvt er­schre­ckend klu­ge An­sich­ten über die Be­zie­hun­gen zwi­schen Men­schen, dar­in liegt die Kunst.

Die Er­in­ne­run­gen der un­zu­ver­läs­si­gen Ich-Er­zäh­le­rin, „mög­li­cher­wei­se träu­me ich und ha­be al­les nur ge­träumt“, ste­hen am An­fang. Sie blickt zu­rück auf ihr Le­ben in ei­ner klei­nen Woh­nung an der Aus­fall­stra­ße und der Ar­beit in der Zi­ga­ret­ten­fa­brik. Ei­nes Ta­ges un­ter­bricht ein aben­teu­er­li­ches An­ge­bot die „Zu­hau­se als Zu­flucht und Zucht­haus“ weiterlesen

Zwischen den Zeiten

In „Das Gartenzimmer“ konstruiert Andreas Schäfer kunstvoll Geschichte

Bei der Vor­stel­lung, dass El­sa Ro­sen den Brief in sei­nem spä­te­ren Zim­mer ge­schrie­ben hat­te, schau­der­te ihm, als kleb­te et­was von den da­ma­li­gen Er­eig­nis­sen an ihm, weil er jah­re­lang in den glei­chen Räu­men ge­lebt und die Aus­düns­tun­gen ih­rer Wän­de ge­at­met hatte.“

Man mag „Das Gar­ten­zim­mer“ von An­dre­as Schä­fer als his­to­ri­schen Ro­man le­sen, der an­hand sei­nes Su­jets, ei­ner Ar­chi­tek­ten­vil­la in Ber­lin-Dah­lem, den Um­bruch vom lan­gen Neun­zehn­ten Jahr­hun­dert in die Wir­ren des Zwan­zigs­ten in Sze­ne setzt. Doch das wä­re zu kurz ge­grif­fen, denn die Ge­schich­te der Vil­la Ro­sen bil­det den An­gel­punkt, um den sich vie­le wei­te­re Ge­schich­ten des Ro­mans drehen.

Er­baut wur­de das Haus, in dem das ti­tel­ge­ben­de Gar­ten­zim­mer ei­ne be­son­de­re Rol­le spielt, im Jahr 1909 von Max Tau­bert. Um­stän­de und Fi­gur hat Schä­fer an den Ar­chi­tek­ten Mies van der Ro­he an­ge­lehnt. Ei­ne Vil­la Ro­sen wird man folg­lich in Ber­lin-Dah­lem ver­geb­lich su­chen. Doch ähn­lich wie die­se „Zwi­schen den Zei­ten“ weiterlesen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Berlin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ weiterlesen

Angst und Schrecken in Nord-Irland

In ihrem stilistisch außergewöhnlichen Roman „Milchmann“ erzählt Anna Burns die spannende Geschichte von einem „Mädchen, das im Gehen liest“ und ihrem zudringlichem Verfolger

Aber dum­mer­wei­se wa­ren – we­gen der lo­sen Na­tur un­se­rer Be­zie­hung; weil er am an­de­ren En­de der Stadt wohn­te und da­her noch nicht ge­hört hat­te, dass ich der neue Schwarm die­ses Milch­manns war; weil ich ver­wirrt war und lang­sam die Kraft ver­lor, mich von den Tak­ti­ken des Milch­manns au­ßer Ge­fecht ge­setzt fühl­te; und weil ich acht­zehn war und nie vor­ge­lebt be­kom­men hat­te, wie man Ge­dan­ken, Be­dürf­nis­se und Ge­füh­le auf ge­sun­de Wei­se zum Aus­druck brach­te – al­le mei­ne Er­klä­run­gen zu­sam­men­hang­los, und nichts, was ich zu sa­gen ver­such­te, woll­te rich­tig rüberkommen.“

Die Schil­de­run­gen der 18-Jäh­ri­ge Ich-Er­zäh­le­rin kön­nen als Co­ming-of-Age-Ro­man ge­le­sen wer­den, als ei­ne Ge­schich­te von Män­nern und vor al­lem von Frau­en und als ei­ne Ge­schich­te von Un­ter­drü­ckung und Wi­der­stand, was das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis wie die Zeit­um­stän­de be­trifft . Der Ro­man spielt mit­ten in der Hoch­pha­se des Nord-Ir­land-Kon­flikts, im ka­tho­li­schen Teil Bel­fasts. Man kann ihn aber auch als Lie­bes­ro­man le­sen, ei­ner der klü­ge­ren Sor­te, der au­ßer von der Schwie­rig­keit, den rich­ti­gen Part­ner zu fin­den, von dem Mut er­zählt, sich zu die­sem zu bekennen.

Die The­men ver­eint An­na Burns auf den 400 Sei­ten ih­res Ro­mans „Milch­mann“, de­ren An­lass und Mo­vens die phy­si­sche und psy­chi­sche Be­dro­hung ei­ner jun­gen Frau durch ei­nen we­sent­lich äl­te­ren, mäch­ti­gen Mann dar­stellt. Als An­füh­rer des pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stands — ei­ne Rol­le, die ihn das Le­ben kos­tet, kün­det der ers­te Satz des Ro­mans — ver­fügt er über je­des Mit­tel, be­vor­zugt je­doch „Angst und Schre­cken in Nord-Ir­land“ weiterlesen