Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schicksal gewollt und es hat keinen anderen Weg gegeben.“

Auch der aktuelle Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev behandelt die politischen wie religiösen Gegensätze ihres Heimatlandes. Sie schüren die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, Aufklärung und orthodoxem Glauben, Besatzern und Besetzten sowie die Kluft zwischen Mann und Frau. Ist dies alles unabwendbares „Schicksal“, wie der Titel des Romans insinuiert?

Schicksalhaft verbunden schildert Shalev das Leben, man könnte auch sagen das Leiden, ihrer Protagonistinnen Rachel und Atara, deren personale Erzählstimmen in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen. Da ist zum einen die betagte Rachel, deren Geschichte in die Anfänge des modernen Israels führt. Sie erzählt, was sie als junge Frau bei den Lechi erlebte, einer Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die „Das Leiden der Sündenböcke“ weiterlesen

Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Meine Vorstellungen von Schicklichkeit waren vage und unbestimmt, wie all meine Vorstellungen dessen, was mit Geschlechtlichkeit zu tun hatte. Aber sie waren bestimmt genug, dass ich mich danach sehnte, sie zusammen mit meinen Sachen abzuwerfen und wie ein Baum oder eine Blume zu sein, nackt, mit nichts mehr zwischen mir und der Natur.“

Ich war verliebt in die Hitze, ich empfand für sie dasselbe wie ein Konvertit für seine neue Religion.“

Nein, als Antidot gegen die aufziehende Gluthitze empfehle ich nichts, was auf eisigen Höhen oder im tiefen Winter spielt. Gemäß der homöopathischen Maxime, Gleiches mit Gleichen zu behandeln, rate ich zu „Ein Sommer in Brandham Hall“. Der Roman von Leslie Poles Hartley erschien im Jahr 1953 unter dem Titel „The Go-Between“ und wurde zum größten Erfolg des bekannten Literaturkritikers und Schriftstellers. In der Neuübersetzung von Wibke Kuhn liegt er nun im Eisele Verlag vor und ist das Sommerbuch schlechthin. Leicht, voller Charme und stets stilvoll.

Hartleys Geschichte über den Sommer des Jahres 1900 im englischen Norfolk wird besonders Fans von Downtown Abbey gefallen. Wie die bekannte Serie spielt auch er auf einem weitläufigen Anwesen, unter dessen Bewohnern, Bediensteten und der umliegenden Dorfbevölkerung.

In diese sozial streng sortierten Verhältnisse gerät der 12-jährige Leo Colston auf Einladung seines Freundes Marcus. Für Leo öffnet sich eine neue, teilweise bedrohlich „Klimawandel der Gefühle“ weiterlesen

Damnatio Memoriae

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ — über Schuld und den Versuch der Erinnerung zu entfliehen

jpeg_1718_160429Widerfahrnis ist mein erstes Buch von Bodo Kirchhoff und ich weiß gar nicht so recht, warum? Aber ich weiß nach der Lektüre, daß es nicht mein letztes sein wird.

Gewählt habe ich Kirchhoffs neuestes Werk nicht, weil er damit den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sondern weil mir die Leseprobe im zugehörigen Heft sehr gut gefiel. Zudem steht der Titel in zwei Diskussionsrunden auf dem Programm. Die eine findet virtuell bei Whatchareadin statt, die andere demnächst in unserem Literaturkreis.

Auch im vorliegenden Buch taucht eine solche Runde auf. Leonie Palm, eine der beiden Hauptfiguren, ist deren „treibende Kraft“. So bezeichnet sie jedenfalls Julius Reither, an dessen Tür Leonie eines Abends klopft. Der 70jährige hat vor kurzem seinen Verlag geschlossen und sich in ein nobles Apartment in den Bergen zurückgezogen. Hier lebt er in der Natur und in den Erinnerungen, die er redigiert wie einst als Lektor neue Texte. Ein schmerzhafter Prozess. Reither „Damnatio Memoriae“ weiterlesen

Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit“

Sándor Márai entfacht in „Die Glut“ ein grandioses Drama im Kopf

Die GlutJa, du hast wohl viel erlebt. In der Welt draußen. Da vergißt man rasch.“ „Nein“, sagt der andere. „Die Welt ist nichts. Das Wichtige vergißt man nie. Das habe ich erst später gemerkt. Als ich schon um einiges älter war.“

Auch Henrik, der 75jährige Protagonist in Sándor Márais Roman Die Glut kann das einschneidende Ereignis seines Lebens nicht vergessen. Es basiert auf einem Verdacht, für den dem alten General aber jeder Beweis fehlt. Liefern könnte ihn der einzige noch lebende Zeuge, sein Freund Konrád, der sich nach seinem Verschwinden vor 41 Jahren zu einem Besuch ankündigt. In den vergangenen Jahren fügten sich Erinnerungen und Phantasien zu einem Drama in Henriks Kopf, das Márai als psychologisches Kammerspiel inszeniert. 1942 erschien der Roman in Ungarn, wurde 1950 mit dem Titel „Die Kerzen brennen ab“ von Eugen Görcz ins Deutsche übertragen und 1999 in der Neuübersetzung von Christina Viragh vom Piper Verlag wiederentdeckt und berühmt. Ein Jahrzehnt zuvor hatte Sándor Márai den Freitod gewählt. Ein Weltbürger, den es nach Deutschland, Paris, Italien und den USA führte und der doch immer ein Ungar blieb. „Die Glut“ spielt in der Vergangenheit seines Heimatlandes, im österreichisch-ungarischen Glanz der Jahrhundertwende und dem wenig glanzvollen großen Krieg. Doch diese politischen Ereignisse sind Marginalien in einem Werk, in dem ein 75jähriger Mann die Fragen seines Lebens stellt.

Mit diesen konfrontiert er seinem Gast, den gleichaltrigen Konrád. Der hatte die Freundschaft jäh verraten, als er vor 41 Jahren ohne Erklärung die Gegend verließ. Es war im Juli 1899 als das Ungeheure Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit““ weiterlesen

Tiger träumen

Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen ist ein Roman für schlaflose Nächte

löwen weckenLöwen wecken, der Roman der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen, inszeniert hochdramatisch den Wendepunkt einer Biographie. Der Neurochirurg Etan Grien, verheiratet und Vater zweier Kinder, ist von der renommierten Tel Aviver Großstadt-Klinik strafversetzt in ein Krankenhaus am Rande der Wüste. Der junge und hochmoralische Arzt hat das korrupte Verhalten seines Lehrers, einer Kapazität auf seinem Gebiet, öffentlich gemacht. Sein neuer Job frustriert ihn, so daß er eines abends nach Schichtende eine nächtliche Jeeptour unternimmt. Doch aus der Entspannungsfahrt wird ein Horrortrip. Mitten im dunklen Nirgendwo der Wüste überfährt Etan mit seinem Mercedes einen Eritreer, ausgerechnet zur Musik von Janis Joplin. Der Hirnspezialist erkennt sofort, der Mann kann nicht gerettet werden. Er selbst schon. Aus Angst, Job und Familie zu verlieren, begeht er Fahrerflucht. Diese Szene am Anfang des Romans lässt die nachfolgenden Konflikte erahnen. Sie steigern sich, als Etans Frau, die Polizeikommissarin Liat, diesen Fall übernimmt und potenzieren sich in ungeahntem Maße, als am nächsten Morgen eine schwarze Frau an Etans Haustür klingelt. Es ist Sirkit, die Frau des Eritreers, sie hat den Unfall beobachtet, den Fahrer anhand der verlorenen Brieftasche identifiziert und nun erpresst sie ihn. Der Arzt soll die Illegalen versorgen, jeden Abend in einer ausgedienten Auto-Werkstatt in der Wüste.

Dieser Roman berührt große Themen. Wer trägt die Schuld an dem Unfall, der Fahrer oder der Fußgänger? Wer verschuldet die Not der Flüchtlinge, die Verhältnisse im Herkunftsland, die „Tiger träumen“ weiterlesen

Suche nach Frieden

Bernhard Schlinks Roman Die Frau auf der Treppe über Dinge, die nicht zu Ende gebracht wurden

Ich neide der Jugend nicht, dass sie das Leben noch vor sich hat; ich will es nicht noch mal vor mir haben. Aber ich neide ihr, dass die Vergangenheit, die hinter ihr liegt, kurz ist. Wenn wir jung sind, können wir unsere Vergangenheit überschauen. Wir können ihr einen Sinn geben, auch wenn es immer wieder ein anderer ist. Wenn ich jetzt auf die Vergangenheit zurückschaue, weiß ich nicht, was Last ist und was Geschenk war, ob der Erfolg den Preis wert war und was sich in meinen Begegnungen mit Frauen erfüllt und was sich mir versagt hat.“

Der Motor dieser Geschichte ist ein Gemälde, der Akt einer Frau, die „nackt, blass, blond vor graugrünem Hintergrund“ eine Treppe herab schreitet. Ein modernes, Ende der Sechziger Jahre geschaffenes Werk will ein Gegenentwurf zu Marcel Duchamps abstraktem „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ sein. Ein Beleg, daß auch in der modernen Kunst Gegenständlichkeit darstellbar ist. Das Motiv und „Suche nach Frieden“ weiterlesen

Literatur versus Religion

Norbert Gstrein erzählt in Eine Ahnung vom Anfang von der Last der Verantwortung

DBLIch hatte ihm vom ersten Schuljahr an, in dem ich sein Lehrer war, Bücher geliehen, und wenn man wollte, fand man darunter auch Titel, die angetan waren, ihn für einen normalen Alltag untauglich zu machen, aber Hunderte, Tausende von Leuten lieben dieselben Bücher und wissen damit umzugehen, fühlen sich jedenfalls nicht aufgerufen, das eigene Leben zu sabotieren, wie er es getan hat.“ S. 45

Bücher können helfen, die großen Sinnfragen zu beantworten, die sich fast jedem ab Beginn der Pubertät stellen. Eine Alternative jenseits der Literatur bietet die Religion. Wie ein Gleichnis über Macht und Ohnmacht dieser beiden Imaginationswelten und den Desillusionierungen, denen sie gegenüber der Realität ausgesetzt sind, liest sich Norbert Gstreins Roman Eine Ahnung vom Anfang. Er zeigt auch die Schwierigkeiten des Erinnerns, das im Wunsch Kausalitäten zu konstruieren, subjektiver Interpretation und Psychologisierung unterliegt.

Gstrein_24334_MR.inddSo ergeht es dem Deutsch- und Geschichtslehrer Anton, als er den Bericht über eine Bombendrohung liest und auf dem unscharfen Bild der Überwachungskamera einen ehemaligen Schüler zu erkennen glaubt. Daniel, hypersensibel und hochbegabt, war ihm nicht nur als sehr guter Schüler aufgefallen, sondern durch ein paar gemeinsam verbrachte Sommerwochen vertraut geworden. Daniels zögerliche Orientierung nach dem Abitur, sein religiöser Tick und seine Schwierigkeiten mit Frauen, scheinen Grund und Folge für Daniels Ausderweltgefallensein. Doch steckt er auch hinter dem angedrohten Attentat?

In den drei Teilen seines Romans schildert Gstrein in atmosphärischer Sprache die äußeren Gegebenheiten eines abgelegenen Naturidylls und die inneren Zustände von Freiheit und Restriktion. Damals im Sommer genoss Anton die Einsamkeit auf einem Mühlengrundstück am Fluss. Dorthin zog er sich zurück, an den Nachmittagen kurz vor den Sommerferien, um „Literatur versus Religion“ weiterlesen

Der Tennisballwecker des Zeitungsdompteurs

Existenzialistisches Grauen in Markus Orths’ neuem Roman „Die Tarnkappe

Man ist in den Knast des Lebens geboren und tigert darin auf und ab, lebenslänglich, und wartet auf den Tag der Entlassung, den Tod, man wartet mit Schrecken darauf und mit Sehnsucht.“ (S. 100)

Auch Simon Bloch wartet nur noch darauf, daß ihm sein eigener Ziegel auf den Kopf fällt. Der 45-jährige, vor kurzem verwitwet und als Beschwerdebeschwichtiger tätig, hat bereits mit seinem Leben abgeschlossen. Als einziges Überraschungsmoment bleibt ihm die Reihenfolge der einzeln gefalteten Zeitungsblätter bei der morgendlichen Lektüre im Bus.

Vor etlichen Jahren bereits hatte er seinen Lebenstraum vom Filmkomponisten aufgegeben. Damals, bei der Beobachtung eines Paares, das in „ödester Mittelmäßigkeit“ bei Apfelsaftschorle und Kirsch-Bananensaft seinen Improvisationen in der Jazzkneipe Walfisch lauschte. Er fühlte sich entlarvt, erkannte „Der Tennisballwecker des Zeitungsdompteurs“ weiterlesen