Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit“

Sándor Márai entfacht in „Die Glut“ ein grandioses Drama im Kopf

Die GlutJa, du hast wohl viel er­lebt. In der Welt drau­ßen. Da ver­gißt man rasch.“ „Nein“, sagt der an­de­re. „Die Welt ist nichts. Das Wich­ti­ge ver­gißt man nie. Das ha­be ich erst spä­ter ge­merkt. Als ich schon um ei­ni­ges äl­ter war.“

Auch Hen­rik, der 75jährige Prot­ago­nist in Sán­dor Márais Ro­man Die Glut kann das ein­schnei­den­de Er­eig­nis sei­nes Le­bens nicht ver­ges­sen. Es ba­siert auf ei­nem Ver­dacht, für den dem al­ten Ge­ne­ral aber je­der Be­weis fehlt. Lie­fern könn­te ihn der ein­zi­ge noch le­ben­de Zeu­ge, sein Freund Kon­rád, der sich nach sei­nem Ver­schwin­den vor 41 Jah­ren zu ei­nem Be­such an­kün­digt. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren füg­ten sich Er­in­ne­run­gen und Phan­ta­si­en zu ei­nem Dra­ma in Hen­riks Kopf, das Márai als psy­cho­lo­gi­sches Kam­mer­spiel in­sze­niert. 1942 er­schien der Ro­man in Un­garn, wur­de 1950 mit dem Ti­tel „Die Ker­zen bren­nen ab“ von Eu­gen Gör­cz ins Deut­sche über­tra­gen und 1999 in der Neu­über­set­zung von Chris­ti­na Vi­ragh vom Pi­per Ver­lag wie­der­ent­deckt und be­rühmt. Ein Jahr­zehnt zu­vor hat­te Sán­dor Márai den Frei­tod ge­wählt. Ein Welt­bür­ger, den es nach Deutsch­land, Pa­ris, Ita­li­en und den USA führ­te und der doch im­mer ein Un­gar blieb. „Die Glut“ spielt in der Ver­gan­gen­heit sei­nes Hei­mat­lan­des, im ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Glanz der Jahr­hun­dert­wen­de und dem we­nig glanz­vol­len gro­ßen Krieg. Doch die­se po­li­ti­schen Er­eig­nis­se sind Mar­gi­na­li­en in ei­nem Werk, in dem ein 75jähriger Mann die Fra­gen sei­nes Le­bens stellt.

Mit die­sen kon­fron­tiert er sei­nem Gast, den gleich­alt­ri­gen Kon­rád. Der hat­te die Freund­schaft jäh ver­ra­ten, als er vor 41 Jah­ren oh­ne Er­klä­rung die Ge­gend ver­ließ. Es war im Ju­li 1899 als das Un­ge­heu­re ge­schah. Die bei­den Freun­de sind bei der Jagd ei­nem Hirsch auf der Fähr­te. Als das be­gehr­te Tier auf­taucht, spürt Hen­rik, wie der hin­ter ihm ste­hen­de Kon­rád mit dem Ge­wehr auf ihn zielt. Tat­sa­che oder Täu­schung? Das Wild springt fort, die Waf­fe sinkt, die Ge­fahr ist ge­bannt. Es herrscht wie­der Ru­he. Am Abend er­war­ten Hen­rik und sei­ne Frau Kriszti­na wie im­mer den Freund zum Di­ner. Doch das Un­aus­ge­spro­che­ne lässt Hen­rik kei­ne Ru­he. Als Kon­rád an nächs­ten Tag ver­schwun­den ist und er bei ei­nem Be­such in des­sen Woh­nung un­er­war­tet auf Kriszti­na stößt, wächst in Hen­rik ein un­ge­heu­er­li­cher Ver­dacht. Sei­ne Frau und sein bes­ter Freund ha­ben ihn be­tro­gen, plan­ten sei­nen Tod und ei­ne ge­mein­sa­me Flucht. Tief ver­letzt zieht sich Hen­rik in das Jagd­haus zu­rück, wäh­rend er Kriszti­na das Schloss über­lässt.

Es ist nicht al­lei­ne der Be­trug, der an Hen­rik nagt. Ver­un­si­chert grü­belt er „War­um ist es ge­sche­hen? Wel­che Schuld tra­ge ich dar­an?“. Die Ant­wor­ten sucht er in der Er­in­ne­rung, in die er ein­taucht, wenn die ver­dräng­ten Ge­füh­le ihn über­flu­ten. Er denkt an sei­ne ers­te Be­geg­nung mit Kon­rád in der k.u.k. Ka­det­ten­an­stalt, wo sie bei­de ih­re Aus­bil­dung zum Sol­dat be­gan­nen. Ih­re Freund­schaft er­hielt den Se­gen von Hen­riks Va­ters und wur­de so zum hei­li­gen Bund, der die Un­ter­schie­de zwi­schen dem Sohn des wohl­ha­ben­den Gar­de­of­fi­ziers und dem Sproß ar­mer El­tern über­wand, und er bleibt be­stehen als Hen­rik beim Mi­li­tär Kar­rie­re macht, wäh­rend Kon­rád hin­ter sei­ner Uni­form ein Künst­ler bleibt.

Die­sem An­ders­sein be­geg­ne­te Hen­rik vor vie­len Jah­ren, als beim Kla­vier­spiel der Freund und sei­ne Mut­ter ei­nen Zu­stand er­reich­ten, der den Zu­hö­rern fremd blieb. Kon­rád sei kein rich­ti­ger Sol­dat, son­dern „ein Mensch an­de­rer Art“, lau­te­te die Er­kennt­nis des Va­ters, die ei­ni­ge Jah­re spä­ter Kriszti­na fast wört­lich wie­der­hol­te. Hen­rik ver­steht dies zu­nächst nicht, doch mit den Jah­ren sieht auch er „daß es zwi­schen Män­nern und Frau­en, un­ter Freun­den und Be­kann­ten im­mer um die­ses An­ders­sein geht, das die Men­schen in zwei Par­tei­en auf­spal­tet“.

Ist al­so die­ses An­ders­sein der ei­gent­li­che Grund für das Schei­tern sei­ner Freund­schaft und sei­ner Ehe? Sind nicht auch sei­ne El­tern an die­sem An­ders­sein ge­schei­tert? Sei­ne Mut­ter, die fein­sin­ni­ge Fran­zö­sin, wur­de zu­erst von ei­nem k.u.k. Of­fi­zier in die un­ga­ri­sche Step­pe ver­schleppt und dann von Kai­ser Franz Jo­seph zum Wei­nen ge­bracht. In der Fol­ge ließ sich der Va­ter ein Jagd­haus er­rich­ten und über­ließ sei­ner Frau und ih­rem fran­zö­si­schen Chic das Schloss.

Es ist der Hand­lungs­ort des Ro­mans. Die Hand­lungs­zeit, das Jahr 1940, von dem Hen­rik auf das Ver­gan­ge­ne zu­rück­blickt, macht „Die Glut“ für heu­ti­ge Le­ser zur his­to­ri­schen Lek­tü­re. Im Er­schei­nungs­jahr war er ein Ro­man der Ge­gen­wart.

In sei­nen An­fangs­ka­pi­teln führt Ma­rai die Grund-Kon­stel­la­ti­on ein. Ein ein­sa­mer Mann er­war­tet Be­such, durch den er die Klä­rung ei­nes zu­rück­lie­gen­den Er­eig­nis­ses er­hofft. In Rück­bli­cken, die zeit­wei­se in ei­nen Mo­no­log an den Zu­hö­rer Kon­rád und die Le­ser mün­den, ver­sucht Hen­rik die Wahr­heit er­grün­den. Das Vor­ge­hen, Ge­sche­he­nes nach und nach aus Frag­men­ten zu­sam­men­zu­set­zen, ma­chen „Die Glut“ zu ei­nem Buch der wie­der­ge­fun­de­nen Zeit. So ver­wun­dert es nicht, in Márais Ro­man Proust, den gro­ßen Re­cher­cheur der Er­in­ne­rung, an­zu­tref­fen. Nicht al­lei­ne der Lin­den­blü­ten­tee, den die fran­zö­si­sche Groß­mut­ter dem klei­nen Hen­rik beim Be­such in Pa­ris ver­ab­reicht, zi­tiert Prousts Ro­man­werk, auch im Ver­hält­nis von Hen­rik und Kon­rád fin­den sich Par­al­le­len zu dem von Mar­cel und St. Loup. Er­gänzt wird die Hand­lung durch at­mo­sphä­ri­sche Skiz­zen, in de­nen Márai das Wien der Jahr­hun­dert­wen­de oder die ko­lo­nia­len Ver­hält­nis­se in Asi­en be­schreibt.

Ne­ben der Mu­sik, die nicht nur in Form von Cho­pins „Po­lo­nai­se fan­ta­i­sie“ den Ro­man durch­zieht, va­ri­iert Márai auch das To­des-Mo­tiv. Im Schloss, dem „gro­ßen, stei­ner­nen Prunk­grab“ zwei­er an Lie­be ver­stor­be­nen Frau­en, tref­fen sich zwei al­te Män­ner, um ih­re letz­ten Din­ge zu re­geln. Die Trau­er „von der die Her­zen der Men­schen krank wer­den, als wä­re das Her­ze­leid ei­ne Fol­ge der Ent­täu­schun­gen der un­ver­ständ­li­chen Un­glücks­fäl­le des Le­bens“ kann­te Sán­dor Márai nur zu gut.

Sándor Márai, Die Glut, übers. v. Christina Viragh, 21. Aufl. 2015, Piper Verlag
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