Die Wand – Innere Emigration oder radikale Selbstbestimmung

Mit Daniela Strigl auf den Spuren Marlen Haushofers(1920-1970)

Den Roman Die Wand habe ich nicht wie viele Frauen meiner Generation in den Achtzigern kennengelernt, sondern erst vor wenigen Jahren. Als Lektüre des Literaturkreises diskutierten wir ihn teilweise sehr kontrovers, besonders die Meinungen über den tödlichen Schuß auf den Eindringling gingen weit auseinander.

Die Wand ist das bekannteste Buch der mit knapp fünfzig Jahren an Krebs verstorbenen Marlen Haushofer. Der Roman der eher scheuen Schriftstellerin erregte bereits kurz nach Erscheinen literarisches Aufsehen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Großen Ruhm erlangte er jedoch erst als Kultbuch der feministischen Frauenliteratur nach über einem Jahrzehnt.

Dies schildert die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl im Vorwort zu ihrer 2007 erschienenen Biographie über Marlen Haushofer Wahrscheinlich bin ich verrückt. Der Anlaß mich in diese Untersuchung zu vertiefen liegt nicht allein bei Daniela Strigl, die mich stets als Jurorin des Bachmann-Wettbewerbs beeindruckt. Es ist die aktuelle Verfilmung des Romans unter der Regie von Roman Pölsler, in der Martina Gedeck auf überzeugende Weise die einzige menschlichen Hauptrolle verkörpert.

Eine Frau fährt mit einem befreundeten Ehepaar zu einer Jagdhütte in den Bergen. Als am Abend die Freunde zum Gasthaus im Dorf gehen, bleibt die Frau mit dem Hund zurück. Erst am nächsten Morgen bemerkt sie, daß ihre Freunde nicht zurück gekehrt sind. Sie bricht ins Dorf auf, erreicht dieses jedoch nie, da ihr eine unsichtbare Wand den Weg versperrt. Diese Wand schließt sie großräumig gegen den Rest der Welt ab, der versteinert und leblos da liegt. Die Frau richtet sich ein in ihrem Überleben in der Natur, nur begleitet durch den Hund und andere Tiere.

Während der ersten Szenen war ich sehr skeptisch, ob die filmische Umsetzung dieses stark in der Innenwelt der Figur spielenden Geschehens funktionieren würde. Ein Kammerspiel in der freien Natur, in dem als weitere Partner ausschließlich Tiere mitspielen. Die Gedanken, die der Einsiedlerin durch den Kopf gehen und die sie als Bericht notiert, spricht eine Stimme im Hintergrund. Doch je länger dieser ruhige Fluss der Worte das Fortschreiten des Films begleitet, umso stärker schlug er mich in seinen Bann. Die in unserem Kreis lange diskutierte Frage, warum die Frau den einzigen Menschen, den sie nach Jahren in ihrem Reservat trifft, tötet, beantwortet der Film auch für den letzten Zweifler eindeutig. Weil es eben kein Mensch war, der dort plötzlich in ihre Welt einbrach, sondern ein Unmensch.

Mich hat dieser Film sehr beeindruckt und er warf erneut die Frage auf, inwieweit seine Vorlage die innere Befindlichkeit der Autorin Marlen Haushofer widerspiegelt. Lässt sich Die Wand tatsächlich als Roman einer Depression bezeichnen oder ist diese oft kolportierte Meinung lediglich Küchenpsychologie?

Eindeutig wird sich dies wohl nie beantworten lassen, so die Biographin Strigl. Haushofer habe zwar regelmäßig Tagebuch geführt, diese Hefte jedoch genauso regelmäßig vernichtet. Es existieren dennoch Dokumente und Aufzeichnungen, kurioserweise verwaltet von der zweiten Ehefrau ihres Mannes, die aufschlussreiche Einblicke erlauben. In diesen verrät Haushofer, „alle Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten“, relativiert dies jedoch im gleichen Satz durch die sicher zutreffende, aber auch verallgemeinernde Feststellung, daß „alles, was ein Schriftsteller schreibt, autobiographisch sei“ (S. 11). Diese Offenbarung, die sofort wieder zurückgenommen wird, deutet auf die Widersprüchlichkeit der Autorin.

Der Wald mit seiner Weite und seiner Ruhe ist ein wichtiger Teil ihrer Kindheit als Förstertochter. In diese Welt kehrt sie auch in ihren Büchern immer wieder zurück. Die Handlungsorte des Romans sind die Orte ihrer Kindheit. Die Jagdhütte ist die oberhalb des Forsthauses Effertsbach gelegene Lackenhütte. Von dort aus ist die Haidenalm in 1300 Metern Höhe nach wie vor nur für Wanderer erreichbar. Allerdings war die erwachsene Marlen Haushofer keine tierliebende wandernde Naturfreundin, wie man es vermuten könnte. In einem Radioessay widerspricht sie dieser Vorstellung „einer Einsiedlerin(…), die das einfache Leben liebte und menschenscheu war“, sie liebte Pflanzen, „weil Pflanzen nicht Lärm schlagen können und immer hübsch still sind“, aber „hatte große Angst vor Hunden“ (S.252). Das im Roman geschilderte Wissen um Flora und Fauna erwarb sie sich, Fragen zu Details beantwortete ihr Bruder Rudolf, ein Forstwissenschaftler.

Die Frau in Die Wand darf folglich nicht als Charakterabbild der Marlen Haushofer gedeutet werden. In der ersten Abschrift des Romans hat Strigl allerdings viele autobiographische Hinweise entdecken können, die aus der endgültigen Version getilgt wurden. Dort denkt die Figur noch in längeren Passagen an ihre Kinder und ihren Mann. Das weitgehende Fehlen dieser Momente führte bei unserer damaligen Diskussion zu einigem Erstaunen und erschien schwer nachvollziehbar.

Die gestrichenen Passagen, darunter der Satz „Eigentlich hätte ich fast alles was ich getan habe lieber nicht getan.“ führen Strigl zu der Deutung „hier zieht eine Vierzigjährige eine absolut hoffnungslose und unerbittliche Bilanz“ (S.253). Entfremdung sei das vorherrschende Gefühl der Haushofer gewesen, das sie auch der Nur-Hausfrau der Erstfassung zugeschrieben habe. Auf sich selbst gestellt erlebe die Hauptfigur Freiheit von Fremdbestimmung, zugleich aber den Zwang zum Überleben und die daraus erwachsende Verantwortung für Tiere und Pflanzen. „Die Katastrophe hatte mir eine große Verantwortung abgenommen und, ohne daß ich es sogleich merkte, eine neue Last auferlegt.“ (Die Wand, S. 75)

Neben diesem biographischen Interpretationsansatz liegen weitere Deutungsmöglichkeiten. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte zeigt, daß Haushofer ihre Inspiration vielleicht einer ganz anderen Art von Eskapismus verdankt, dem Science-Fiction-Roman. Haushofer las diese sehr gerne und gab sie danach dem Sohn einer Bekannten. Dieser erwähnte gegenüber Strigl eine Geschichte mit dem Titel Die gläserne Kuppel, die das Überleben einer Gruppe unter einer Glasglocke schildert. Eine eindeutige Zuordnung gelang zwar nicht, doch auch ohne diese ließe sich Die Wand kulturpessimistisch als Angst vor dem Atomkrieg deuten. Eine andere, psychologische Interpretation liefert die Autorin selbst, „jene Wand, die ich meine, ist eigentlich ein seelischer Zustand, der nach außen plötzlich sichtbar wird. Haben wir nicht überall Wände aufgerichtet? Trägt nicht jeder von uns eine Wand zusammengesetzt aus Vorurteilen vor sich her?“ (S.264) Dies ist nicht hauptsächlich negativ gemeint, sondern eine natürliche Folge menschlichen Zusammenlebens. Wollte Haushofer folglich eher eine Parabel über die Distanz, die nicht nur im negativen Sinne isoliert, sondern auch notwendig ist, schreiben? Eben keine Geschichte, die mit dem Bild der unsichtbaren Wand die innere Emigration einer Depressiven darstellt? Oder ist es doch eher so, wie ihre Freundin Erika Dannenberg mit psychoanalytischem Besteck seziert, die Darstellung eines schizophrenen Schubs, der jede emotionale Beziehung zur Außenwelt zerstört und in Verachtung des Anderen und tiefer Aggression mündet?

Mich überzeugt die These Strigls, die in dem Roman die „radikalste Phantasie eines selbstbestimmten Lebens“(S. 261) sieht. Doch, um mich abermals dem Urteil dieser Biographin anzuschließen, „Man kann in dieser auf den ersten Blick so einfachen Geschichte immer noch ein bißchen tiefer graben und wird dabei auf neues Gestein, auf eine neue Erzader stoßen.“( S. 261)

Marlen Haushofer, Die Wand, List Verlag, 7. Aufl. 2005
Daniela Strigl, „Wahrscheinlich bin ich verrückt…“ Marlen Haushofer – die Biographie, List Verlag, 3. Aufl. 2009
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35 Responses to Die Wand – Innere Emigration oder radikale Selbstbestimmung

  1. Liebe atalante

    Hab vielen Dank für deinen grossartigen Bericht und für die Verlinkungen, vor allem auch zum Film. Ohne vorher den Trailer gesehen zu haben, kann ich nur sagen: wenn eine die Hauptrolle in „Die Wand“ spielen kann, dann ist es Martina Gedeck. Für mich ist sie eine der grossartigsten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Ich werde mir den Film auf alle Fälle ansehen, denn ich bin überzeugt, dass er genau nach meinem Sinn sein wird. Das Interview mit dem Regisseur Julian Pölsler hat mir das noch bestätigt.

    Das Buch möchte ich unbedingt einmal lesen, wenn ich in der Alphütte bin – am liebsten, wenn es draussen viel Schnee hat und den Weg noch einmal weniger Menschen finden.

  2. Atalante sagt:

    Mit oder ohne Hund, liebe Büchermaniac? Ich würde auf jeden Fall einen mitnehmen und ein Gewehr, man weiß ja nie. 😉

    Vielleicht schaust Du noch mal vorbei, wenn Du den Roman gelesen hast.

  3. Liebe atalante,

    interessant, dass ich die Besprechung zum Buch und zum Film bei Dir finde. Mein Vater hat das Buch erst vor wenigen Monaten gelesen und gerade jetzt den Film gesehen. Seitdem schwärmt er davon und versucht mich anzustecken, bisher ohne Erfolg. Habe ihm aber gleich den Link zu deinem Beitrag weiter geleitet.
    Das Buch werde ich sicher nicht lesen und für den Film kann ich mich auch nicht so richtig erwärmen – zu bedrückend und schon nach knapp 2 Minuten überkommt mich ein beklemmendes Gefühl.
    Solche Filme beschäftigen mich dann immer Wochen; meist in der Nacht. Dich nicht?
    Du schreibst, sie bringt nicht einen Mensch sondern einen Unmensch um. Woher weiß sie denn das? Kennen sie sich?

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

    • Atalante sagt:

      Liebe Bücherliebhaberin,

      zunächst zu Deiner wichtigsten Frage. Der „Unmensch“ ist meine Interpretation. Aber natürlich kann man die grundlegende Frage stellen, welcher Grund es rechtfertig einen anderen Menschen zu töten. Ich habe noch mal das Buch an der entsprechenden Stelle aufgeschlagen. Als die Frau und der Hund den Fremden entdecken hatte er bereits den Stier erschlagen, der Hund stellt den Mann, sie pfeift ihn noch von einem Angriff zurück, läuft in die Hütte um das Gewehr zu holen. Als sie wieder am Tatort ist hat der Mann auch den Hund erschlagen und sie drückt ab. Etwas später vergewissert sie sich, ob er auch wirklich tot sei. „Ich war froh, dass er tot war; es wäre mir schwergefallen, einen verletzten Menschen töten zu müssen. Und am Leben hätte ich ihn doch nicht lassen können. Oder doch, ich weiß nicht.“ (S. 273)
      Früher stellte man Kriegsdienstverweigerer vor die Frage, ob sie das Leben eines ihnen nahestehenden Menschen notfalls gewaltsam verteidigen würden. Haushofers Protagonistin steht in einer vergleichbaren Situation. Hund und Stier waren ihre Gefährten, deren Leben sie nicht mehr retten konnte, aber im Affekt rächt. Sie hätte das nächste Opfer sein können? Natürlich könnte man einwenden, es sei ihr sicherlich bewusst, daß dies der einzige weitere Überlebende wäre. Aber möchtest Du mit dem Mörder Deines Lebensgefährten oder Deines Kindes die nächsten Jahre gemeinsam verbringen?
      Dieser Mann hatte keine friedlichen Absichten, sonst hätte er gewartet bis sich der Mensch, auf den die bewirtschaftete Wiese, das Vieh und die bewohnte Hütte hinweisen, zurückkehrt.

      Für mich ist die Reaktion dieser Frau sehr gut nachvollziehbar. Aber wir können gerne weiter diskutieren.

      Natürlich ließe sich der tödliche Schuss auf den schweren Mann mit Beil auch biographisch deuten. Marlen Haushofer lebte bevor sie diesen Roman schrieb einige Jahre in einem Haus, in dessen Erdgeschoss eine Schlachterei war. Sie störte sich sehr an dem Geschrei der Tiere im Hof. Vielleicht also eine späte Rache?

      Der Film hat mich in der Tat ziemlich runter gezogen, meiner Freundin ging es ebenso. Alle Zuschauer verließen das Kino in einer stillen Prozession.
      Das Buch finde ich jedoch, bis auf den Tod des Hundes, sehr zuversichtlich, besonders gefällt mir, wie Haushofer das Leben mit der Natur schildert.

  4. caterina sagt:

    Vielen Dank für die Buch- und Filmvorstellung, den Hinweis auf die Haushofer-Biographie von Daniela Strigl und die überaus interessanten Interpretationsansätze, die du gleich mitgeliefert hast. Leider habe ich weder das Buch gelesen noch den Film gesehen, beides wird allerdings noch nachgeholt, da mich – im Gegensatz zur Bücherliebhaberin – gerade das beklemmende Gefühl, das diese Geschichte offenbar auslöst, sehr reizt.

    • Atalante sagt:

      Ich finde, es handelt sich um einen wichtigen Roman. Strigl setzt Haushofer mit Ingeborg Bachmann gleich, sie sei nur wesentlich scheuer gewesen und habe darum nicht so viel Aufmerksamkeit erregt.
      Ob der Roman tatsächlich beklemmend oder vielleicht gar befreiend ist, das kann jeder Leser nur selbst entscheiden.

  5. Deine Erläuterung, warum du den Eindringling Unmensch genannt hast, ist einleuchtend. Da ich weder Buch noch Film kenne, war es für mich nicht ganz nachvollziehbar.
    Durch deinen Artikel angeregt, hatte ich eine sehr interessante Diskussion mit meinem Vater. Danke dafür!

  6. Rideronthestorm sagt:

    Ich unterstütze die These des schi­zo­phre­nen, autistischen Schubs, da es für mich die einfachste „Erklärung“ darstellt.
    Ich gehe davon aus, dass der angefangene Urlaub mit den Freunden auf der Alm noch bewusst von ihr erlebt wird, sie dann aber im Laufe des Urlaubs diesen Schub bekommt, der sie in eine für sie von der Aussenwelt völlig abgeschnittenen eigenen Welt „sperrt“.
    Meiner Meinung nach war der Hund von Anfang an real und vielleicht das einzige Lebewesen, das Zugang zu ihr findet. Aus irgendeinem Grund wird ihr dieser Hund während einer Therapie von einem Arzt, der sie vielleicht durch Medikamente oder eine Verhaltenstherapie versucht aus Ihrer Welt zu holen, entzogen. Er dringt in ihre Welt ein und versuchst sie von innen zu zerstören. Sie wiedersetz sich aktiv diesen Versuchen, um in Ihrer Welt bleiben zu können.

  7. Julia sagt:

    „Atalante“:
    Der Film hat mich in der Tat ziem­lich run­ter gezo­gen, mei­ner Freun­din ging es ebenso. Alle Zuschauer ver­lie­ßen das Kino in einer stil­len Pro­zes­sion.
    Das Buch finde ich jedoch, bis auf den Tod des Hun­des, sehr zuver­sicht­lich, beson­ders gefällt mir, wie Haus­ho­fer das Leben mit der Natur schildert.

    Habe das Buch heute ausgelesen.
    Der Tod des Hundes, ich denke, das ist es, was einen so sehr „runterzieht“.
    Denn die Einsamkeit der namenlosen Frau wurde mir jedesmal bei ihren Worten: „Seit Luchs tot ist…“ so gegenwärtig , dass ich Luchs ebenso schmerzlich vermißt und um ihn geweint habe. Und das nicht zu knapp… Schade, dass sie ihn hat sterben lassen. Dann wäre es für mich ein grossartiges Buch.
    Ich werde eine Zeitlang brauchen, um Luchs, die Frau und all die Tiere und den wundenvollen Einklang mit
    der Natur vergessen zu können!

    • Atalante sagt:

      Hi Julia, erst mal vielen Dank für Deinen Kommentar. Vielleicht ging es Haushofer auch darum ihre Heldin schließlich in die absolute Isolation zu schicken. Alle ihre Begleiter sind gestorben und mit dem “Agressor Mann“ auch alle potentiellen Begleiter. Diese Wendungen sind es, die eine Auseinandersetzung mit diesem Buch anregen.

  8. Regina sagt:

    Warum denkt Ihr nur an denHund? Ist es nicht ebenso tragisch, was Tier und Perle zugestoßen ist? Die „Heldin“ liebte auch ihre anderen Tiere, jeden auf seine Weise. Die „Katze“ hat ihr jeden Abend, wenn sie ins Bett kam, zu einem guten Schlaf verholfen. Und sie wartete sehr auf die Katze. Nix für ungut – aber ich liebe alle Tiere!!

  9. Regina sagt:

    Sorry, meinte natürlich „Tiger“ und nicht „Tier“.

  10. Atalante sagt:

    Hallo Regina, soweit ich mich erinnere, hat die Protagonistin auch den Tod ihrer Katzen betrauert, dies aber gleichzeitig als Lauf der Natur akzeptiert. Perles schneeweißes Fell machte sie bei ihren nächtlichen Streifzügen zum leichten Fang.
    Der Tod des Hundes ist deshalb so tragisch, weil er kein natürlicher war. Das Tier wurde nicht im Kampf mit einem anderen Tier getötet, sondern durch einen aggressiven Mann.
    Aus diesem Grund, so scheint mir, bietet dieser Tod mehr Diskussionsstoff als der der Katzen. Ob man natürlich Herr-und-Hund Kinovorstellungen anbieten muss, wie dies wohl in einigen großen Städten geschehen ist, sei dahin gestellt.

  11. Eni sagt:

    Ich hab die Wand gerade frisch gelesen und bin verliebt in in Sie und ihre Tiere und dieses Gefühl, welches dueses wundervolle Buch in mir ausgelöst hat. Ich vermisse sie alle und muss eine Pause einlegen bis zu meinem nächsten Buch … Das muss ich nur ganz selten .
    Aber ich könnte mich noch in keine neue Geschichte reinleben . Ich bin noch zu sehr auf der Alm.
    Den Film Schau ich mir noch an, hab aber bisschen „Angst“ davor. Ich hab mit schon so meine eigenen Bilder gemalt und will die nicht zerstören .
    Ein ganz wunderbares, stilles und unglaublich mitreißenderes Buch .

    herzlichen Dank an euch , für die interessanten Erläuterungen . Sehr spannend zum lesen .

    • Atalante sagt:

      Hallo Eni, die von Dir geschilderten Gefühle kenne ich auch. Die Unlust auf einen neuen Roman und die Scheu, die eigenen Leseeindrücke durch eine fremde Filmphantasie zu verdrängen. Vielleicht wäre die vorgestellte Biographie ja eine gute Anschlusslektüre?

  12. Thomas Taubenmann sagt:

    Guten Abend zusammen!
    Ich habe gestern den Film gesehen, also 1 Jahr nach Euren Beiträgen, die ich allesamt besonders interessant finde. Auch haben meine Frau und ich den ganzen Tag über immer wieder mögliche Erklärungen besprochen – sie ist allerdings nicht so begeistert von diesem Psychodrama wie ich.
    Noch während des Schauens fiel mir Kafka ein……
    Heute sehe ich die ins Dorf fahrenden Bekannten als ihre Eltern, die Glaskuppel als deren Erziehungsstrukturen und den Hund ist ihr erster Freund. Zu Beginn ihrer Beziehung schnappt er nach ihr, ein schmerzlicher Anfang einer dann sehr intensiven Partnerschaft.
    Spontan fällt mir in dem auftauchenden Unmenschen/Mörder der zurückkehrende, eifersüchtige Vater ein.
    Jetzt, wo ich das schreibe, meine ich in der Katze ihre Mutter sehen zu können….
    Was meint Ihr? Zuviel des Guten oder brauchbarer Ansatz?
    Bin gespannt !!
    Th.Taubenmann

  13. Atalante sagt:

    Hallo Thomas, herzlich willkommen auf meinem Blog und in dieser Diskussion. Seitdem der Film gestern bei Arte lief, sind viele Leser vorbei gekommen. Haltet ruhig diese Diskussion in Gang.

    Deine Thesen finde ich sehr interessant, geradezu von Freud inspiriert, könnte man meinen. Aber wie vieles in der Psychologie ist auch dies Interpretation und wird es wohl bleiben. Marlen Haushofer hat vor ihrem Tod ihre Tagebücher zerstört. Die wenigen Aufzeichnungen, die Daniela Strigl zugänglich waren, hat sie in ihrer Biographie „Wahrscheinlich bin ich verrückt“ berücksichtigt.
    Aus dieser geht hervor, daß alle ihre Figuren Persönlichkeitsmerkmale der Autorin tragen. Aber bei welchem Schriftsteller ist dies nicht so? Interessanter finde ich ihre Angst vor Hunden und die Wohnung über einem Schlachter. Das mag Dir zwar ganz profan erscheinen, aber manchmal haben auch tiefgründige Romanmotive ganz lebenspraktische Hintergründe. Natürlich nichts gegen Deine tiefenpsychologische Analyse. 😉

    Für mich bleibt, auch in der Nachschau, die Freiheit das beeindruckende Motiv. Im Alleinsein mit sich selbst entfällt ihr Gefühl „nicht dazu zu gehören“ und damit der Druck, den sie sich natürlich selbst auferlegt, sich in die soziale Gemeinschaft einzufügen, den allgemeinen Erwartungen zu entsprechen. Dies gilt aus meiner Sicht für die Protagonistin des Romans, inwieweit dies auch für die Autorin galt, sei dahin gestellt.

    • Hagen Krakow sagt:

      Hallo, wollt mich nur mal kurz einklinken, nachdem ich den Film „Die Wand“ auf arte gesehen habe. Die Sache mit dem Hund hat mir von Anfang an zu Denken gegeben:
      Zuerst wollte der Hund mit den beiden älteren Freunden (?) nicht mit ins Dorf gehen sondern lieber in der Hütte bei der Frau bleiben, zum Anderen schnappt er nach ihr, zu Beginn. Mir kam bei diesen Szenen sofort der Gedanke, daß der Hund geahnt haben muß, daß etwas Schlimmes passieren würde, wenn er mit ins Dorf ginge. Und das Schnappen nach der Hand der Frau könnte das Wissen oder Ahnen des Hundes sein, daß die Ursache für die von ihm geahnte Katastrophe die Frau ist…
      Da sich der Hund aber dann doch voll an die Frau gewöhnt, akzeptiert er ihre „Schuld“ und macht den gleichen Verwandlungsprozeß durch wie die Frau.

      • Atalante sagt:

        Hallo Hagen und vielen Dank für Deinen Interpretationsansatz. Ich habe mir extra noch mal die entsprechende Stelle im Roman angesehen. Dort nehmen die Beiden, es handelt sich um die Cousine und deren Mann, den Hund mit ins Dorf -er wurde zuvor beim Jagdpächter abgeholt habe, es handelt sich also sozusagen um einen Wochend-Jagdhüttenhund-. Er kehrt jedoch nach einiger Zeit zurück, die Frau glaubt, daß ihre Cousine ihn zurück geschickt habe, weil er nicht gehorchte. Aber natürlich könnte es auch sein, so wie Du es auslegst, daß sein sechster Sinn ihn gewarnt hat.
        Was ich in der Romanvorlage nicht gefunden habe, ist das Schnappen nach der Hand. Frau und Hund scheinen von Anfang an ganz gut miteinander ausgekommen zu sein.

  14. Thomas Taubenmann sagt:

    Guten Abend zusammen,
    dass Hunde „mehr“ von ihrer Umwelt mitbekommen als wir wissen, besonders was ihre engsten Bezugspersonen angeht, steht ganz außer Frage! Trotzdem neige ich zu einer bildlichen Interpretation, wie auch beim Thema Glaskuppel.
    Bei dieser vermuten manche, es handle sich um selbstgewählte Isolation, Rückzug -warum aber dann, zumindest im Film, ihr sichtbar deutliches Erschrecken bei Feststellung dieser unsichtbaren Grenze u n d die damit verbundene dominant-bedrohliche Musik?
    Steht denn im Buch – auch zwischen den Zeilen – etwas, welches den Einsatz des akustischen Stilmittels rechtfertigt? Ich hab das Buch(noch)nicht gelesen, kann mir da jemand weiterhelfen?
    Warum ist die Frau die Ursache dieser Katastrophe, welche Schuld hat sie? Das hab ich noch nicht verstanden…
    Interessierte Grüße,

    Thomas Taubenmann

  15. Pega Mund sagt:

    Vielen Dank für diese Besprechung!

  16. Pingback: Träume im Jardin caché » Atalantes Historien

  17. ingrid welsch sagt:

    ich habe das buch in den 80ern 2x gelesen und war fasziniert…habe es aber nicht verstanden…fühlte nur, dass es mir ähnlich ging und dass sich jemand noch so innerlich einsam fühlte wie ich….ich habs dann meiner mutter, die etwas älter war als ich heute ( 63), zum lesen empfohlen, weil ich sie auch für sehr depressiv hielt,- aber sie weigerte sich, es zu lesen. es war ihr zu „dunkel“, wie sie sagte.

    heute weiß ich, dass es ihr angst machte zu lesen, was diese frau dachte und aufschrieb, da sie selber ihre eigenen gedanken immer so stark unter kontrolle hielt und das ganze kriegselend verdrängte, nie darüber sprach, solange sie lebte…
    seitdem bin ich 3x umgezogen und hab das buch immer wieder nachdenklich in der hand gehalten, wenn ich es aus einem umzugskarton holte…es war etwas ganz wichtiges für mich, das ich auf k e i n en fall velieren wollte…
    Jahre später einmal sprach ich mit einer freundin über den roman. weil ich die andeutungen die es im buch gibt, und die im film realstisch gezeigt werden( der mann, der plötzlich auftaucht und den sie tötet), im buch nicht einordnen konnte. ich war zu der zeit enttäuscht von dem offenen ende, finde es heute aber genau richtig…sie meinte, das sei nur symbolisch gemeint und jeder könne diese stelle deuten ,wie er wolle….für mich war das zu dem zeitpunkt als „brave bürgerstochter“ noch nicht nachvollziehbar….heute bevorzuge ich diese art von darstellung, die mir mehr eigene freiheit beim lesen lässt…

    ich fand die umsetzung im film eben ganz toll…beeindruckend,- erstaunlich, wieviel empathie da vom regisseur mitschwang.und die dann an frau gedecks gesicht und händen abzulesen war…..und ich empfehle ihn jedem menschen, der keine schnelle,spannende äußere handlung beim lesen / film gucken braucht, sondern der die leisen töne hinter den wörtern spürt und sie bewußt sucht und selber interpretiert….
    ..
    von dem film mit dieser genialen schauspielerin martina gedeck hatte ich wohl gehört, aber nie zeit dafür gehabt, ihn zu sehen…heute erinnerte ich mich daran, dass er neulich im tv gezeigt wurde, als ich ihn nicht
    sehen konnte…und ich war sofort in seinem bann…konnte meine augen nicht von den szenen lösen…..lauschte begierig aufg jedes folgende wort, fast wie in trance, der erzählerin,…wartete die ganze zeit auf die erklärung, wann die frau sich die haare abgeschnitten hatte…. bei ihr vielleicht ein letzter schritt zum dazustehen, dass sie
    nun „allein“war, was sie schaffen wollte…wo ich mich damals schon fragte:“warum?“…., warum bringt sie sich nicht um? ich hatte als kind und jugendliche oft diese phantasie, war jedoch zu feige, es zu tun…worüber ich heute auch, nach jahrelangen gesprächen froh bin, denn jetzt lebe ich seit ca. 10 jahren gerne…nachdem ich die traumata meiner eltern und mir abgearbeitet habe…..

    dirgni aus barmstedt, 2.10.16

    • Atalante sagt:

      Danke, Dirgni, daß Du die Diskussion mit Deinen Gedanken zu diesem Roman bereicherst. Ich könnte mir vorstellen, daß auch die Biographie von Daniela Strigl interessant für Dich wäre.

  18. Beate Kruse sagt:

    Hallo zusammen,
    gestern lief der Film erneut in Fernsehen, ich habe ihn erstmals gesehen, das Buch habe ich bisher nicht gelesen. Da er mich sehr bewegte, bin ich auf der Suche nach möglichen Interpretationen auf diesen Blog gestoßen.
    Zu der Szene der ersten Annäherung der Frau an den Hund möchte ich etwas sagen. Ich habe die plötzliche Bewegung des Hundes nicht als Schnappen gedeutet. Er war vielmehr über die plötzliche Berührung erschrocken. Die Frau hatte sich ihm ungeschickterweise von hinten genähert, das sollte man bei einem Hund nicht tun (bei anderen Tieren vermutlich auch nicht). Hund und Frau waren sich noch fremd, es war eher ein Mißverständnis – ihre ungeschickte Annäherung und sein vermeintliches „Schnappen“ – das Unglück war noch nicht geschehen, oder sie wußten zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon. Erst durch das gemeinsame Schicksal der Isolation kamen sich sich näher und banden sich sehr allmählich eng aneinander.
    So habe ich es verstanden.
    Beate

    • Atalante sagt:

      Herzlich willkommen auf meiner Seite, Beate.
      Dein Eindruck klingt plausibel. Ich könnte mir vorstellen, daß dies ein unbeabsichtigter Moment war, der nicht im Drehbuch stand. Auf jeden Fall steht diese Reaktion nicht im Roman.
      Ich finde es gut, daß Film und Buch nach wie vor ein so großes Interesse wecken.

  19. Gabi G. sagt:

    Ich habe den Film gestern gesehen und er beschäftigt mich sehr. Allerdings beschäftigt mich anscheinend etwas ganz anderes als die Mehrheit. Vielleicht kann mir hier jemand eine schlüssige Antwort geben:
    Zwei Dinge:
    Wieso hat sich der Mann über zwei Jahre nicht gezeigt obwohl es sich ja nicht um ein sooo großes Gebiet handelte.
    Und wieso war er offensichtlich ein Unmensch? Für mich wäre eher schlüssig, dass er den Stier aus Hunger und den Hund aus “Notwehr“ getötet hat. Wieso erschießt sie ihn ohne ein Wort mit ihm zu wechseln wenn er der einzige weitere Mensch ist?
    Das beschäftigt mich nun schon die ganze Zeit. Wer kann mir da seine Sicht erläutern?

    • Atalante sagt:

      Darüber könnte man diskutieren, Gabi, dazu gibt sicherlich unterschiedliche Standpunkte.

      Ich bin mir nicht sicher, ob Haushofer etwas über das Ausmaß des Gebiets geschrieben hat. Man könnte auch die Frage stellen, ob das Geschehen in einem Roman logisch oder realistisch sein muss.

    • Jaques Bagios sagt:

      Ein Mensch, der ganz offensichtlich verwahrlost war und das einzig (richtige – aus seiner Sicht, in dieser Situation) tat, was ein Mensch, der hungert, tun muss, um zu überleben, wird in Ihrem “Kreis” als UNmensch diffamiert. Feministische Sicht hin, psychologische Deutung her: was anderes hätte er tun sollen?? Verdient er deshalb den Tod? Er tat doch nur das, wozu sich die Protagonistin auch nicht zu schade war; und sie würde es wieder tun: Wild jagen. Wie verstiegen also muss man sein, um diesen tödlichen Schuss auf einen Mitmenschen zu rechtfertigen? Sind denn dann nach Ansicht Ihres “Kreises” SÄMTLICHE Raubtiere, die in der Natur vorkommen, ebenfalls UNtiere?

      • Atalante sagt:

        Ich empfehle einfach mal den Roman zu lesen sowie die vorhergehenden Kommentare zu diesem Beitrag.

      • Gabi G. sagt:

        Ganz deiner Meinung, Jaques!
        Vor allem wenn man so vereinsamt ist…

        • Atalante sagt:

          Nach wie vor finde ich, daß der Roman der Frau keine andere Handlungsmöglichkeit gibt. Auch der Film gibt dies deutlich wieder.

          Die Frau lebte mit den Tieren zusammen. Sie waren vielleicht mehr als ihre Lebensgefährten, man könnte sie als ihre Familie bezeichnen. Sie kommt hinzu, als ein Fremder diese Familie brutal zerschlägt.

          Der Mann ist dick und groß, er wird also nicht kurz vor dem Verhungern gestanden haben. Er muss erkannt haben, daß die Alm bewirtschaftet ist, schließlich gab es dort einen Stier und eine Kuh sowie eine aufgeräumte Hütte. Beweis genug, daß es außer ihm noch mindestens einen anderen Menschen gibt. Er wartet nicht ab, bis dieser andere Mensch kommt, sondern erschlägt den Stier. Die Möglichkeit, daß ein Stier und eine Kuh noch viele weitere Rinder, und damit Futter für hungrige Männer, hätten zeugen können, ignoriert er. Ist er zu dumm? Hat ihn die Situation überfordert und er ist durchgedreht?

          Was würdet ihr tun, wenn ihr auf einen Verrückten mit Beil treffen würdet, der euer wertvolles Zuchttier und anschließend euren Hund, der schon zurück gepfiffen war und ihn nicht angreift, erschlagen hätte? Abwarten? Ihn fragen, ob er einsam ist? Oder Hunger hat?

          Was hätte dieser Mann wohl als nächstes getan? Sein blutiges Beil beiseite gelegt und freundlich lächelnd gesagt: „Grüß Gott, ich bin der Huber Sepp. Die Viecher sind tot, aber wir können ja ein paar Kinder machen! Ob du willst oder nicht! Ach lassen wir’s, ich bin eh grad im Blutrausch! Mein Beil ist noch scharf!“

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