Atalantes Historien

Literatur Geschichte

Die Alters-Sex-Lüge

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In “Der letzte Geschlechts­ver­kehr” beklagt Helke San­der die unge­rechte Rollenverteilung

„Für Leute in ihrem Alter gab es den Aus­druck „Jen­seits von Gut und Böse“. Frü­her, vor noch nicht allzu lan­ger Zeit, sagte man das schon von Vierzigjährigen.“

Die Fil­me­ma­che­rin und Auto­rin Helke San­der,„gebil­dete Mit­tel­eu­ro­päe­rin der Mit­tel­klasse“ und „Teil­neh­me­rin am sexu­el­len Auf­bruch“, hat ein Buch über den letz­ten Geschlechts­ver­kehr und andere Aus­sich­ten aufs Altern ver­fasst. Ihre jewei­li­gen Geschich­ten sind ebenso abwechs­lungs­reich wie ihre Prot­ago­nis­tin­nen. Diese sind auf der Suche nach Sex, lau­schen Tan­tra­tö­nen, sin­nie­ren über exis­ten­ti­elle Ein­sam­keit und all­mäh­li­che Triebverflüchtigungen.

Die Hel­din der ers­ten Geschichte arbei­tet als Biblio­the­ka­rin. Sie möchte gerne einen Mann ken­nen­ler­nen, was ihr im behaup­tet män­ner­fer­nen Buch­mi­lieu kaum gelin­gen will. Da nüt­zen auch keine Lesun­gen über Schwarz­wald­sur­vi­val oder ähnli­che ver­meint­lich män­neraf­fine The­men. Sie greift in ihrer Not schließ­lich zum aller­letz­ten Mit­tel und ant­wor­tet gänz­lich unro­man­tisch auf eine Annonce. Was dann geschieht, erzählt San­der kurz­wei­lig und nicht ohne Selbst­iro­nie und zum Glück nicht ganz aus. Aber?

Wie es der Lese­teu­fel will wurde mir einige Tage zuvor der Roman „Alte Liebe“ von Hei­den­reich und Schro­eder zuge­steckt. Auch hier lei­tet die Prot­ago­nis­tin eine Büche­rei und orga­ni­siert Lesun­gen. Einen Mann hat sie zwar zu Hause sit­zen, mit dem ist es aber nicht mehr sehr auf­re­gend. Als die bei­den ihre alte Liebe neu ent­deck­ten,  war’s bam­bus­blü­tengleich dann auch bald voll­kom­men aus und vor­bei. Erstaunt hat mich die Häu­fung von Kli­schees in die­sen bei­den the­men­na­hen, aber in Stil und Anspruch doch sehr unter­schied­li­chen Werken.

San­der dringt tie­fer in das Sujet ein. Ihr Haupt­an­lie­gen ist die Situa­tion der älte­ren, meist allein­ste­hen­den Frau, die ver­sucht ihre nicht nur kör­per­li­che Ein­sam­keit zu bewäl­ti­gen. Oft erin­nern die neun Geschich­ten des 144 Sei­ten zäh­len­den Ban­des an die Fall­bei­spiele der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Ver­stärkt wird dies durch die meist nur mit Initia­len bezeich­ne­ten Figu­ren. Die titel­ge­bende Erzäh­lung über­zeugt mit einer dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf die von den Medien pro­pa­gierte Anti-Aging-Sexualität und die Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen. Doch nicht in allen Geschich­ten ste­hen diese Aspekte im Vordergrund.

Wir lesen auch von einer cou­ra­gier­ten Alten, –sofort erscheint Inge Mey­sel in der Rolle-, die selbst­be­wusst und vol­ler Chuzpe den Rollator-Rambo gibt. In einer der letz­ten Geschich­ten ver­brin­gen zwei alternde Hoch­schul­do­zen­ten ihre Erste Klasse Bahn­fahrt bei Wein und Schum­mer­licht und bekla­gen die man­gelnde Ortho­gra­fie­fes­tig­keit und sexu­elle Abge­klärt­heit ihrer Stu­den­ten. Frü­her war alles besser.

Viel­leicht sind die­sem kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Credo auch die übri­gen Bezie­hungs­ge­schich­ten geschul­det. Wie zu Zei­ten der Frau­en­li­te­ra­tur erzäh­len sie von geschei­ter­ten Ehen und bin­dungs­un­fä­hi­gen Män­nern. Über­haupt die Män­ner, hier bleibt kein Kli­schee unge­nannt. Beson­ders stört mich, die immer wie­der auf­tau­chende Unter­stel­lung alle Män­ner über 50 wür­den sich von ihren gleich­alt­ri­gen Part­ne­rin­nen tren­nen und sich den schon begie­rig auf sie war­ten­den jun­gen Fri­schen zuwen­den. Das hat weder etwas mit Frau­en­be­we­gung und schon gar nichts mit Frau­en­so­li­da­ri­tät zu tun.

Nichts­des­to­trotz habe ich San­ders Buch nicht ohne Ver­gnü­gen gele­sen und dachte an die gute alte Zeit, als alle Män­ner noch per naturam unzu­läng­lich waren.

Geschrieben von Atalante

18 Januar 2012 um 18:52

Proust — Faubourg Saint-Germain

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Hôtel de Guermantes

Der dritte Band trägt den Titel „Guer­man­tes“, den Namen des Adels­ge­schlechts, des­sen Her­zo­gin der Erzäh­ler einst als über­na­tür­li­che Erschei­nung in der Kir­che wahr­ge­nom­men hatte. Wir erin­nern uns nur zu gut an die Wie­der­er­we­ckung die­ser Emp­fin­dung im ers­ten Band der Recher­che. Anlass für die­sen Rück­blick bie­tet der Umzug der Fami­lie in eine Woh­nung im Sei­ten­flü­gel des Hôtel de Guer­man­tes. Die­ses im Fau­bourg Saint-Germain gele­gene Stadt­pa­lais weckt in Mar­cel viel­fäl­tige Erin­ne­run­gen. Sie krei­sen um den Namen Guer­man­tes, der die kaum bekannte Per­son in ein uner­reich­ba­res Idol ver­wan­delte. Jetzt rückt sie in räum­li­che Nähe und gibt sich dadurch der Gefahr preis, ihren Zau­ber im All­täg­li­chen zu ver­lie­ren. Der Erzäh­ler befürch­tet die oft erfah­rene Dis­kre­panz zwi­schen Vor­stel­lung und Rea­li­tät auch hier. Doch zunächst bleibt Madame de Guer­man­tes eine Erin­ne­rung, die den jun­gen Mar­cel mit syn­äs­the­ti­scher Kraft nach Com­bray ver­setzt. Nicht nur die leuch­ten­den Farb­spiele von Mauve bis Gera­ni­en­rosa, die im Licht der Kir­chen­fens­ter Feuer fan­gen, auch die Luft Com­brays in ihrer Früh­lings­fri­sche und der unver­gess­li­che Weiß­dorn­duft meint der Erzäh­ler wahr­zu­neh­men. Selbst die Tau­ben auf dem Dach schei­nen als Boten des Kind­heits­glücks direkt von dort nach Paris geflo­gen zu sein. Das ferne Schloß der Guer­man­tes bei Com­bray mit all sei­nen Wand­tep­pi­chen und wert­vol­lem Inte­ri­eur mate­ria­li­siert sich in die­sem Stadt­pa­lais, in dem Hand­wer­ker und Putz­ma­cher, kleine Geschäfte und Bür­ger ange­sie­delt sind. Durch den Umzug wird Mar­cel zwar nicht Teil der Welt der Guer­man­tes, aber er rückt in die Nähe ihres Mys­te­ri­ums. Die Neu­gier der Köchin Françoise, die in leut­se­li­gem Klatsch Kon­takte knüpft, hilft ihm dabei. Zu die­sem Zweck ver­setzt sich der Erzäh­ler in die Welt Françoi­ses, er beschreibt das Leben der Dienst­bo­ten, dar­un­ter mit köst­li­cher Iro­nie das sakro­sankte Ritual der Mit­tags­mahl­zeit, „jene Art von fei­er­li­chem Pas­sah­mal (…), das nie­mand unter­bre­chen darf, eine hei­lige, „ihr Mit­tag­es­sen“ genannte Hand­lung, S. 18“.

Gleich­zei­tig betont er die sym­bio­ti­sche Bezie­hung der Haus­an­ge­stell­ten zur Fami­lie des Erzäh­lers, deren gesell­schaft­li­chen Sta­tus sie auch für sich annimmt und den sie in der neuen Nach­bar­schaft gewahrt wis­sen möchte. Einen Ver­bün­de­ten fin­det sie in Jupien, dem Wes­ten­ma­cher, des­sen melan­cho­lisch bli­ckende Augen seine Gesichts­züge domi­nie­ren. Man meint in die­ser klei­nen Cha­rak­terskizze ein Selbst­por­trät Prousts zu erken­nen, „…seine Augen, deren mit­lei­di­ger, ver­zwei­fel­ter und ver­sun­ke­ner Blick gleich­sam über­quoll, unter gänz­li­cher Auf­he­bung des Ein­drucks, den ohne ihn seine dicken Wan­gen und seine blü­hende Gesichts­farbe gemacht hät­ten, den Gedan­ken auf­kom­men, er sei sehr krank oder soeben von einem schwe­ren Trau­er­fall heim­ge­sucht wor­den. Nicht nur konnte davon keine Rede sein, viel­mehr wirkte er, sobald er sprach, in makel­lo­ser Weise übri­gens, eher spöt­tisch und kalt.…Als Ent­spre­chung viel­leicht zu jener Über­flu­tung sei­nes Gesichts durch die Augen (…) stellte ich tat­säch­lich sehr bald bei ihm eine unge­wöhn­li­che Intel­li­genz fest, zudem eine der natür­lichs­ten lite­ra­risch gepräg­ten, S. 23f.“

Die anfäng­li­chen Befürch­tun­gen, durch die Nähe könnte der Name Guer­man­tes an Glanz ver­lie­ren erfüllt sich bei­nah als der Erzäh­ler erfährt, daß es sich bei dem Palais nicht um einen alt­ehr­wür­di­gen Fami­li­en­sitz han­dele, son­dern um eine noch nicht allzu lange wäh­rende Miet­sa­che. Doch als er hört, die Her­zo­gin führe das ele­gan­teste Haus im Fau­bourg Saint-Germain, hält er an sei­nem Ziel fest, eines Tages zum Salon de Guer­man­tes gela­den zu werden.

Die­ser erste Abschnitt des drit­ten Ban­des bie­tet einen Ein­blick in das Milieu eines vor­neh­men Pari­ser Wohn­vier­tels, gespie­gelt durch den Blick der Dienst­bo­ten, Ange­stell­ten und Hand­wer­ker, der, wenn auch iro­ni­siert vie­les von dem Selbst­ver­ständ­nis der jewei­li­gen Gruppe ver­rät. Nicht zuletzt zeigt er die noch immer beste­hende Fas­zi­na­tion, die der Adel auf das „gemeine“ Volk aus­übte, man möchte hin­zu­fü­gen, nicht nur damals, nicht nur dort.

„Offen­sicht­lich ist die Ver­eh­rung des Adels, mit einem gewis­sen Geist der Auf­leh­nung gemischt und auf ihn abge­stimmt, dem Volk aus dem fran­zö­si­schen Boden als Erb­teil mit­ge­ge­ben und wirkt kräf­tig wei­ter in ihm. Denn Françoise, zu der man über Napo­le­ons Genia­li­tät oder über draht­lose Tele­gra­phie spre­chen konnte, ohne ihre Auf­merk­sam­keit zu erre­gen und ohne da sie auch nur einen Augen­blick ihre Bewe­gun­gen ver­lang­samt hätte, wäh­rend sie die Asche aus dem Kamin holte oder den Tisch deckte, brach, wenn ihr sol­che Beson­der­hei­ten zu Ohren kamen, wie daß der jüngste Sohn des Her­zogs von Guer­man­tes gewöhn­lich Fürst von Olé­ron hieß, in die Worte aus: „Das ist aber schön!“ und blieb ver­zückt ste­hen wie vor einem far­bi­gen Kir­chen­fens­ter, S. 43.“

Lei­der läßt sich nicht sagen, wel­ches der vie­len Pari­ser Stadt­pa­lais Proust vor Augen hatte als er das Hôtel de Guer­man­tes schuf. Es besitzt den Plan eines “Hôtel par­ti­cu­lier”, eines mehr­stö­cki­gen Gebäu­des, des­sen Stra­ßen­front über ein Por­tal Zugang zum Ehren­hof und den Sei­ten­flü­geln gewährt. Der Haupt­wohn­trakt, Corps de logis, mit der im ers­ten Stock gele­ge­nen Etage noble schließt den Hof ab, dahin­ter liegt der Gar­ten. Die Fami­lie Proust lebte von 1871–1909 in einer Woh­nung am Bou­le­vard Male­s­her­bes Nr. 9, auch dort befand sich die Schnei­de­rei eines Wes­ten­ma­chers, so daß man geneigt ist auch das Palais Guer­man­tes in die­ser Gegend anzu­sie­deln. Rai­ner Moritz, der den schö­nen klei­nen Band „Mit Proust durch Paris“ ver­fasst hat, bezwei­felt dies jedoch und ver­mu­tet eine Lage auf der ande­ren Seite des Flu­ßes im Fau­bourg Saint-Honoré.

Geschrieben von Atalante

13 Januar 2012 um 18:43

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Surreale Odyssee

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Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wie­der­ent­de­ckung eines gro­ßen fran­zö­si­schen Romans

„Und was habe ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Eine ver­fal­lene Kind­heit, eine nie­der­ge­hauene Land­schaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“

Anläss­lich des hun­derts­ten Geburts­tags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag des­sen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu auf­ge­legt, in der beein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­rige François ist aus Paris auf­ge­bro­chen um sei­nen Vater zu besu­chen. Die­ser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chau­vi­gny umbe­nannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit anbahnt. François ver­lässt den Zug eine Sta­tion vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Vater von Bahn­hof abge­holt zu wer­den und so eine öffent­li­che Umar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begeg­nung mit dem Vater graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­kelnde Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Straße wis­send sich in die­sem „Schier­lings– und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Begeg­nung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz gra­ben, lösen Erin­ne­run­gen an seine eigene, vom Glück weit ent­fernte Kind­heit aus.

„Ich sah ein, daß es unmög­lich war, aus eige­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich errun­gene Sieg mei­nes Vaters, die harte Lek­tion einer knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Suche nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von einem her­ren­lo­sen Hund, erin­nert er sich an sei­nen letz­ten Besuch beim Vater, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trauer um ihre Mut­ter ver­bo­ten hatte.

„Arme Mut­ter, nie habe ich sie anders gekannt als ange­schmie­det an ihren Tod. Vater hatte sie ein­ge­ker­kert, ein­gesargt in einem unzu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durfte ihrer geden­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er gehörte ihm und nur ihm allein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Melan­cho­lie erscheint François sein Glück mit Juli­ette. Er denkt an ihre erste Begeg­nung, an ihre beschei­dene Woh­nung in Paris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor allem, weil sie nicht „den ande­ren mit irgend­wel­chen alten Bin­dun­gen behel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich leben zu kön­nen. „Darf man den ande­ren Dinge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Ein­zi­ger eine sol­che Last mit sich, auch Juli­ette hat eine Erin­ne­rung zu ver­schwei­gen. Deren Zeu­gen, die Briefe Fer­n­ands, könnte sie jedoch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. François hin­ge­gen holen seine Alb­träume an jedem Weg­wei­ser ein. Seine eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den ande­ren Mit­glie­dern die­ser unglück­li­chen Fami­lie nicht fern lagen, und die todes­nahe Atmo­sphäre, deren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

„Als Kind war ihm kaum etwas ande­res beige­bracht wor­den als Angst; eine Angst, der man mit kei­ner­lei Argu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früchte einer streng reli­giö­sen Erzie­hung. „Die­ses Fri­kas­see von Teu­fe­leien, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­weile von Kälte, Hun­ger und Erin­ne­run­gen zer­mürbte François von einer Auto­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwi­schen Vater und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

„Es gibt immer zwei Wege neben­ein­an­der, einen fal­schen und einen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wis­sen will. Der rich­tige Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“

François’ Weg zurück führt wei­ter durch seine Kind­heit, die er gemein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ver­brin­gen musste, nur ein­mal durf­ten sie einen unbe­schwer­ten Tag in Frei­heit erleben. Da zeigt sich dem erwach­se­nen François plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Sicher­heit, ima­gi­niert eine „anhei­melnde, rege, hei­tere Wohn­stätte“, for­mu­liert schon den Bericht sei­ner nächt­li­chen, unheim­li­che Irr­fahrt an Juli­ette, als er beim Betre­ten des Hau­ses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Erin­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Bewusst­sein. Die Bewoh­ner bet­ten ihn auf ein Sofa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Neben­raum aus lauscht er den Gesprä­chen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die seine Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Vaters ihn end­gül­tig  befreien würde, ob er dann mit Juli­ette ein neues Leben anfan­gen könne oder ob er durch die Befrei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch seine Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der erwacht hört er die Schnei­de­rin Ray­monde und ihre Toch­ter Claire, spä­ter trifft Simon ein, und bringt Unfrie­den in seine Fami­lie. Eine Fami­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Höhe­punkt des Strei­tes mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird auf­ge­for­dert bei der Suche zu hel­fen. Diese gilt aller­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Claire zur Probe über­ge­wor­fen hatte, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. François irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Claire schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zuflucht gebo­ten hat. Das Haus des alten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lösung sei­ner Fra­gen und damit das Ende die­ser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vor­letz­ten Seite des Romans.

Jean Cayrol beschreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten François zu einem Ziel, wel­ches er eigent­lich gar nicht errei­chen will. Immer wie­der unter­bre­chen Erin­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Suche. Fet­zen, die sich nach und nach zusam­men fügen. Dane­ben gibt es Gedan­ken an sein jet­zi­ges Leben, seine Liebe zu Juli­ette. Von ihrer Situa­tion berich­tet der Autor in zwei kur­zen Kapi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von einer Erin­ne­rung belas­tet wird.

Jean Cayrol schil­dert die Suche nach dem rech­ten Weg, der sich in einer vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­störte Orte und ver­wil­derte Natur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und obsku­ren Begeg­nun­gen. Trotz sei­nes bedrü­cken­den Inhalts, fes­selt der Roman, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­rere Bewusst­seins­ströme kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Cayrol ein inten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Erfah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Erin­ne­rung. So erzeugt die­ser Roman, dem ich noch viele wei­tere Leser wün­sche, einen unge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Roma­nis­tin Ursula Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mit­glied der Résis­tance 1943 im Lager Maut­hau­sen inter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Gedichte von Racine und Rim­baud, sowie eigene Werke vor­trug. Diese erschie­nen 1997 unter dem Titel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Cayrol ver­le­ge­risch tätig. 1973 wurde er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ihrer Ana­lyse des Romans betont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, sowie die sub­text­ua­len Anspie­lun­gen auf die Erin­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Cayrol hat in allen sei­nen Wer­ken seine Erfah­run­gen mit Krieg und Shoah ver­ar­bei­tet, diese aber immer im Lite­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemein­same Arbeit gegen das Ver­ges­sen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Über­set­zung sei­nes Buches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, erläu­tert die Autorin.

Geschrieben von Atalante

2 Januar 2012 um 19:01

Abschied von Onkel Paul

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Küchen­ge­sprä­che unter Schwes­tern in Gila Lus­ti­gers neuem Roman “Woran denkst du jetzt

„Sie hatte ein Geschick dafür ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht behel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach einer guten hal­ben Stunde immer noch nicht her­aus­ge­fun­den hatte, worum es eigent­lich ging, berei­tete ihr Vergnügen.“

Der Leser ver­bringt womög­lich mehr Zeit mit weni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine bei­den Nich­ten sind für diese Nacht in das Eltern­haus zurück­ge­kehrt. Die­ses Haus hatte Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ihren bei­den Töch­tern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seit­dem immer für sie da, in den letz­ten Mona­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fra­gen, die sich Lisa und ihrer Schwes­ter Tanja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der Toten­wa­che, die sie in der Küche des Hau­ses ver­brin­gen. Sie reden und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eige­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses alter­nie­rende Prin­zip führt Gila Lus­ti­ger die jewei­li­gen Erin­ne­run­gen der unter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So erlebt der Leser das Fami­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­lyse der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Lisa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tanja. Lisa, das Empa­thie­ge­nie, und Tanja, das Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tanja, die sich ihre Pro­bleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Pro­bleme ande­rer lösen möchte. Beide sind „wahre Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ damals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch inner­lich von­ein­an­der ent­fernt hatte, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der anzu­nä­hern. Doch sie reden nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren neben­ein­an­der über ihr Leben. Vor allem dar­über, wel­che Rolle Onkel Paul darin spielte. Die­ser erscheint als dan­dy­haf­ter Zam­pano, der immer genau wusste, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Geschen­ken und Lebens­weis­hei­ten über­häufte. Die Erin­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht unin­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fami­li­en­ge­schichte ver­misst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans gedul­dig den Erin­ne­run­gen und, da immer noch kein Geheim­nis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich weder Miss­brauch, noch Inzest son­dern ein bana­ler Ehe­bruch als causa scri­bendi. Die­ser bestimmt fol­gen­reich das Bezie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum Tode von Onkel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen bezeich­nen könnte. Er hatte einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre spä­ter die Ehe durch seine Indis­kre­tion zer­stört. Wei­tere Geständ­nisse fol­gen und erlau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Roman die Frage nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht inten­si­ver und endet hoff­nungs­voll milde. Dabei erzählt Gila Lus­ti­ger ihre Geschichte eines Ver­rats in einem durch­aus anspruchs­vol­len Kon­strukt aus Gefüh­len und Erin­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trübte jedoch mein Lese­ver­gnü­gen. Der Auto­rin gelingt es nicht immer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den ange­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der abzu­gren­zen. Beson­ders in der wört­li­chen Rede ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­finde ich die sehr umgangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung eini­ger Sätze, die dadurch oft unklar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man jedoch dar­über hin­weg zu lesen ver­mag, öffnen sich für den an fami­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen Inter­es­sier­ten inten­sive Ein­bli­cke in eine nicht immer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemer­kung zur Gestal­tung. Die Fuß­zeile ist ziem­lich breit, wäh­rend die Kopf­zeile und die Rand­be­rei­che sehr schmal blei­ben, in Kom­bi­na­tion mit dem wei­ten Zei­len­ab­stand emp­finde ich das als unschön. Inkon­se­quent wirkt, daß im ers­ten Kapi­tel die erin­ner­ten Gedan­ken kur­siv erschei­nen, dies jedoch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Dafür gibt es als hüb­schen und zugleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deau­xro­tes Lesebändchen.

Geschrieben von Atalante

19 Dezember 2011 um 13:34

Mythos Kilimandscharo

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Kolo­nia­les Wettklettern

Mit ihrem im Wagenbach-Verlag erschie­ne­nen Buch „Kili­man­dscharo“ legen die bei­den Auto­ren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Hamann und der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Honold die „deut­sche Geschichte eines afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Kapi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen Aspekte der Fas­zi­na­tion her­aus, die die­ser Berg von der Antike bis in die heu­tige Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mikro­kos­mos ver­schie­denste Bedürf­nisse ver­eint, Natur– und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ideal und die Abkehr von der Zivi­li­sa­tion zeigt das Anfangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Gehalt mythi­scher Berg­phan­ta­sien, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der eine Sitz der Göt­ter, der andere Hain der Musen, wer­den ebenso wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg berück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­dende Sti­li­sie­rung der Alpen zum „Hoch­ge­birge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Auto­ren anhand der Spu­ren von Albrecht von Hal­ler und Jean-Jacques Rous­seau. Als wei­tere Pio­niere der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­cesco Petrarca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht ungenannt.

Das zweite Kapi­tel führt in die Vor­ge­schichte des „Schnee­ber­ges“ ein. Mythen, aber auch geo­gra­phi­sche Beob­ach­tun­gen, die in der anti­ken Über­lie­fe­rung von Hero­dot bis Pto­le­maios von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der gegen­über­ge­stellt und durch anek­do­ten­haft anmu­tende Berichte anti­ker Expe­di­ti­ons­trupps ergänzt.

Wel­che Rolle das Pres­tige eines Erst­ent­de­ckers gerade wäh­rend des „Run of Africa“ ein­nimmt zeigt das dritte Kapi­tel. Geo­gra­phie wurde zwar weni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuille­ton­thema wahr­ge­nom­men, den­noch war das Inter­esse gerade am unent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folgte das deut­sche Lese­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­laube“ und  „Westermann’s Monats­hefte“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Nigers. Beliebte Lek­türe waren auch die Berichte deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­nare, die auf ihren Wegen zu den „Ungläu­bi­gen“ bis in unbe­kannte Regio­nen vor­dran­gen. So berich­te­ten die Mis­sio­nare Johan­nes Reb­mann und sein Kol­lege Johann Lud­wig Krapf über ihre Unter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­nary Intel­li­gen­zer. Sie beschrie­ben als erste neu­zeit­li­che Euro­päer einen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nähe. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als Aner­ken­nung ein. Der eng­li­sche Gelehrte Wil­liam Debo­rough Coo­ley wirft ihnen über­bor­dende Phan­ta­sie und Unpro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hämisch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Brillenträger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und reli­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch kolo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Erfor­schung Afri­kas und ins­be­son­dere des Kili­man­dscha­ros eine Rolle spiel­ten, schil­dern die Auto­ren im Fol­gen­den. „Die Bestei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und poli­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Kibo eine Unter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afrika“. Neben den Deut­schen Carl Claus von der Decken, Edu­ard Vogel und Gus­tav Adolf Fischer tra­ten die Bri­ten Joseph Thom­son und Harry Johns­ton an. Alle schei­ter­ten. Erst Hans Meyer und Lud­wig Purt­schel­ler erreich­ten 1889 im drit­ten Anlauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flagge und einem drei­fa­chen Hurra zur Kaiser-Wilhelm-Spitze und damit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die große Fas­zi­na­tion, die der Kili­man­dscharo aus­übte, das schnee­be­deckte Hoch­ge­birge in Äqua­tor­nähe, seine sin­gu­läre Erhe­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­gene Gip­fel und seine unter­schied­li­chen Kli­mate und Vege­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die geschickte mediale Prä­sen­ta­tion den Berg im fer­nen Afrika zu einem Sym­bol deut­schen Natio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Auto­ren in den nach­fol­gen­den Kapi­teln. Seien es nun die umfas­sende lite­ra­ri­sche Rezep­tion, unter denen Jules Ver­nes Fünf Wochen im Bal­lon das popu­lärste Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Werke der Bil­den­den Künste. Beson­ders deut­sche Künst­ler tru­gen dazu bei, daß kolo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süchte noch lange nach Ende der kur­zen deut­schen Kolo­ni­al­phase wei­ter­leb­ten. Und das bis heute, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Kulisse des Kili­man­dscharo beweisen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­to­ren bezeich­nen, und doch mit­un­ter bei gemein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­tion ihres Buches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­tige Aspekte des berühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die kolo­niale Geschichte des Gip­fels und wer­fen zudem einem Blick auf die kul­tu­relle Bedeu­tung des Berg­stei­gens und die Motive der Akteure. Dem Leser öffnet sich so die his­to­ri­sche aber auch die lite­ra­ri­sche Perspektive.

Zahl­rei­che Abbil­dun­gen und ein ebenso nütz­lich wie aus­führ­li­cher Anmer­kungs­ap­pa­rat ergän­zen die­sen Band aus der schön gestal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Reihe des Wagenbach-Verlages.

Zur Rolle Reb­manns und Krapfs als erste euro­päi­sche Schneegipfel-Boten sei fol­gende Bege­ben­heit ergän­zend erzählt. Es war nicht nur der Brite Beke, wie Hamann und Honold berich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Peter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­meine Erd­kunde“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­berge setz­ten die bei­den der­art in den Fokus, daß ihnen zu Beginn des Jah­res 1851, wie Jochen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf berich­tet, eine Audi­enz bei Friedrich-Wilhelm IV. gewährt wurde. Dort schil­der­ten sie ihre Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Gelehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neues Spiel­zeug“ gefreut haben soll (Eber, S. 148).

Geschrieben von Atalante

2 Dezember 2011 um 20:03

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

mit 2 Kommentaren

Pro­log

Um es vor­weg zu sagen, die­ser Autor beglei­tet schon seit lan­gem mein Lese­le­ben. Die Bekannt­schaft begann mit der römi­schen Goethe-Historie „Faus­ti­nas Küsse“. Es folg­ten die übri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Juan“ und „Im Licht der Lagune“. Bis auf wenige Aus­nah­men habe ich auch andere alte und neue Bücher Ortheils gele­sen. So auch nach „Die große Liebe“ und „Das Ver­lan­gen nach Liebe“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bestri­lo­gie „Lie­bes­nähe“.

Fast eben solange stellt sich mir die Frage, was mir an sei­nen Büchern denn nun so gefällt. Sicher ist es die Liebe zu Ita­lien, viel­leicht auch eine gewisse roman­ti­sche Melan­cho­lie. Bis­her war ich, abge­se­hen von eini­gen Eitel­kei­ten des erwach­se­nen Johan­nes in „Die Erfin­dung des Lebens“ und von stär­ke­ren Arro­gan­zen in Ortheils Rom­füh­rer immer ange­nehm angetan.

Sich schwei­gend ver­lie­ben als Performance

„Wer ist diese Schwim­me­rin“ mit die­sem Notat läu­tet Hanns-Josef Ortheil ein, was der Titel sei­nes neuen Romans „Lie­bes­nähe“ bereits vor­weg nimmt.

Behut­sam ent­wi­ckelt der Autor die Annä­he­rung zweier sich zunächst unbe­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die anschei­nend zufäl­lig im all­tags­fer­nen Milieu eines ein­sam gele­ge­nen Luxus­ho­tels ein­an­der bemer­ken. Der Schrift­stel­ler Johan­nes Kirch­ner und die Installations-Künstlerin Jule Dan­ner ver­mei­den zunächst direkte Begeg­nun­gen und bevor­zu­gen sich aus der Dis­tanz zu ent­de­cken. Kleine Bot­schaf­ten, die Ahnun­gen bestä­ti­gen, gehen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder modern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Gegen­über. Diese Bewe­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äußerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den Insze­nie­run­gen der Video­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur eines fin­det nie­mals statt, das gespro­chene Wort. Die­ses rich­ten beide jeweils sepa­rat an Katha­rina, die die kleine Buch­hand­lung des Hotels führt. Sie berät ihre Kun­den nach deren Befind­lich­keit und führt außer die­ser Lite­ra­tur­the­ra­pie nur Bücher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut gefal­len. Sie unter­hält zu Bei­den eine ganz beson­dere Bezie­hung, man könnte sie als müt­ter­li­che Freun­din bezeich­nen. Die Details der Per­so­nen­kon­stel­la­tion offen­bart der Autor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in einer Zen-Meditation. Über­haupt gibt es viel Japa­ni­sches. Lite­ra­ri­sche Inspi­ra­tion bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Japa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Kimono, Tusche, Tee und Kama­su­tra ergän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­tige Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ortheil sei­nen Roman. Mal kom­men­tiert Johan­nes, mal Jule ihr auf­ein­an­der Zuge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem jeweils ande­ren Blick­win­kel erzählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn jedoch Ereig­nisse wie die berühmte Per­for­mance der Künst­le­rin Marina Abra­mo­vić, die als Vor­lage für eine Begeg­nung dem Leser  mehr­fach erklärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an die­sem Buch sehr mag

Wie Hanns-Josef Ortheil genaue Wahr­neh­mung und Beschrei­bung in Sätze ver­wan­delt. Er beherrscht diese Fähig­keit so gut, daß der Leser sich sofort in das Ambi­ente sei­ner Romane hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räume, Natur und Inte­ri­eur, Gau­men– und Lese­freu­den stellt er auf diese Weise zum unmit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der umge­hen und wie empa­thisch Ortheil Gefühle zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die Inspi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Bewe­gung bewegt auch den Geist. Das mit sich Allein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Natur und Kunst in ihren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht werden.

Was ich an die­sem Buch über­haupt nicht mag

Wie die Wahl des Milieus das Gesche­hen weit über das nor­male Leben habt, ein eska­pis­ti­scher Wun­der­ort inmit­ten saf­tig grü­ner Almen, wo sogar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch gerös­tet bleiben.

Wie dadurch das Schloss­ho­tel Elmau, unver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Para­die­ses, als ein Ort irdi­scher Ver­hei­ßun­gen bewor­ben wird.

Wie die Rol­le­ne­be­nen gewahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Hotel­an­ge­stell­ten die­nen als gute Geis­ter und wer­den von oben herab cha­rak­te­ri­siert. Die übri­gen Gäste sind läs­tige Geräusch­ku­lisse. Katha­rina ver­mit­telt zwi­schen allen und die junge Emp­fangs­dame des Hotels seufzt der gro­ßen Künst­ler­liebe in frem­den Laken nach.

Wie bei man­chen Beschrei­bun­gen doch des Guten zu viel gebo­ten wird. Der starke, gelbe Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von denen ich gerne lesen möchte.

Wie der Leser belehrt wird über die rich­tige Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), authen­tisch Cam­pari zu genie­ßen (ohne Eis, dafür rand­voll), über gute Würste (ins­be­son­dere die Milz­wurst), über das rich­tige Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu arbei­ten und mehr.

Wie der Autor sein Buch­kon­zept erklärt „eine ero­ti­sche und bei­nahe uner­träg­li­che Span­nung, die auf einer streng ein­ge­hal­te­nen Dis­tanz der bei­den Lie­ben­den basiert“ (S. 129).

Fazit

Weni­ger Eitel­keit wäre mir lie­ber gewe­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Damit nicht aus blon­dem Haar mit roten Spit­zen am Ende blon­des Haar mit roten Ansät­zen wird, und aus einem hell­grü­nen Bade­man­tel inner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Roman wie „Hecke“ oder „Mosel­reise“ oder etwas Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zuletzt noch die Abbil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­rige Schöne kann weder die blonde Jule noch die japa­ni­sche Hof­dame sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Geschrieben von Atalante

22 November 2011 um 18:18

Resümäum-Jubilee

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Zwan­zig Monate gibt es nun die­ses Blog. Mir macht es immer noch Spaß.

Wie es denen ergeht, die sich hier­her ver­wir­ren, weiß ich nicht immer. Sie sind so schweig­sam. Einige Besu­cher geste­hen mir im rea­len Leben manch­mal, daß es gefällt. Was soll­ten sie auch sonst sagen, wenn sie mir gegen­über stehen?

Mein ers­ter Ama­zo­no­bo­lus ist eben­falls vor ein paar Tagen ein­ge­trof­fen. Wäre ich dar­auf ange­wie­sen, könnte ich genau ein Buch pro Jahr bespre­chen. Aber das bin ich ja nicht, zum Glück. Zudem gibt es nette Ver­lage, die auf höf­li­che Anfrage ein Lese­ex­em­plar schi­cken. Genannt seien zu die­sem Anlass beson­ders der Wagenbach-Verlag, weil er unüber­trof­fen schnell ist und unbe­dingt auch der Berlin-Verlag, der sogar nach­fragte, ob Bedarf da sei. Ist er, wenn auch nicht für alles. Wei­tere Titel kamen von Schöff­ling, Antje Kunst­mann, Kne­s­e­beck, Eich­born, Heyne und dem Han­ser Ver­lag. Ein­zig ein von mir ange­ti­cker­ter Riese bekannte offen, nichts an Blog­ger zu ver­schi­cken. Kann ich auch ver­ste­hen, bei man­chem Weblog-Rezensenten geht ja die Puste bereits nach dem Klap­pen­text aus. Von der Kon­di­tion der Schrei­ber könnte man sich aller­dings mit einem kur­zen Klick überzeugen.

Viel inter­es­san­ter ist die Frage nach der meist besuch­ten Seite. Das war lange Zeit  aus­ge­rech­net „Die Bücher­die­bin“. Ein Buch, wel­ches mir nicht ganz so gut gefiel und mit dem ich mir aus die­sem Grund einen klei­nen Jux erlaubte. Die­ser erwies sich wie­der­rum als äußerst gefragt. Wer wollte nicht alles wis­sen, wel­che Bücher die Bücher­die­bin erbeu­tet? Es ent­spann sich sogar eine kleine Dis­kus­sion, so daß aus Spaß dann plötz­lich doch Ernst wurde. Soll ja passieren.

Über­trof­fen wurde die Kli­ck­quote die­ses Arti­kels jedoch von „Tschick“. Liebe Schöler, die ihr nolens volens jetzt auch hier lan­den wer­det, lest es doch selbst, das Buch. Es erscheint mir, im Ver­gleich zur “Ver­su­chung des Pes­cara” eine wesent­lich und in jeder Hin­sicht ange­neh­mere Auf­gabe. In die­sem Inter­view vom 31.01.2011 stellte Kath­rin Pas­sig dem Autor Wolf­gang Herrn­dorf die Frage, was er davon hielte, wenn sein Roman in 30 Jah­ren zum Schul­stoff aus­er­ko­ren sein werde. Drei­ßig Jahre? Such­an­fra­gen von „Zusam­men­fas­sung“ bis „Inter­pre­ta­tion“ kün­den ande­res. Und noch eins, kopiert doch nicht ein­fach mei­nen Ein­trag. Ers­tens ist er viel zu mick­rig und zwei­tens kann euer Leh­rer auch goo­geln. Oder wollt ihr Bun­des­mi­nis­ter wer­den? Dann will ich nichts gesagt haben.

Neu­este Neue­run­gen sind nun end­lich ein „Blo­groll“, in dem sich nicht nur die Blogs befin­den, die ich tat­säch­lich neben all’ den Büchern auch lese, son­dern auch „Die Lese­lust“, in deren Forum es sich ange­regt dis­ku­tie­ren lässt.

Dis­ku­tie­ren könnte man auch hier, die Kom­men­tar­funk­tion steht immer allen offen, nur Dosen­fleisch wird entsorgt.

Danke für den Besuch und nur Mut. ;)

Geschrieben von Atalante

17 November 2011 um 16:59

Veröffentlicht in Allgemein

Noch einen Tag und eine Nacht — Wortschatzbildung mit Fabio Volo

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Il giorno in più” — Let­te­ra­tura gal­lina di un galletto

Ob die­ses Buch mit dem deut­schen Titel Noch ein Tag und eine Nacht hier auf mei­ner Seite einen Platz fin­den wird, habe ich mich lange gefragt. Es ist zwar kein Romanzo rosa, ein ita­lie­ni­scher Heft­chen­ro­man, aber unbe­streit­bar ein Romanzo sentimentale.

Gia­como, Turi­ner, Sin­gle um die 30, sieht eines Mor­gens eine Unbe­kannte in der S-Bahn. Er ist fas­zi­niert, sie tau­schen Bli­cke und ein Lächeln. Zu einem Kon­takt kommt es jedoch nicht. Gia­como, der sonst schnell einen Spruch für eine Frau fin­det, ist sich selbst ein Rät­sel. Auch die auf­mun­tern­den Rat­schläge sei­ner Freun­din Sil­via ermu­ti­gen ihn nicht. So lebt er über Wochen für die­ses stumme Ren­dez­vous am Mor­gen, das nur einige Hal­te­stel­len dau­ert. Eines Tages jedoch spricht Sie ihn an, Michela. Und bei einem Kaf­fee in der Bar, stellt sich her­aus, daß die­ses erste Tref­fen wohl auch das letzte blei­ben wird. Michela ver­lässt die Stadt, sie hat eine neue Arbeits­stelle in New York gefunden.

Was sich wie der kit­schige und banale Plot einer Sto­ria d’Amore anhört, erzählt Fabio Volo auf unge­wöhn­li­che Weise und durch­aus span­nend. So kam ich rasch einige Sei­ten wei­ter und zu der Erkennt­nis, daß das Buch mehr zu bie­ten hat. Gia­como erweist sich als Mann, der über sich selbst nach­den­ken und über Gefühle spre­chen kann. Sonst wäre er auch kaum mit Sil­via befreun­det, einer eins­ti­gen Affäre, die sich aber bald in eine beste Freun­din ver­wan­delte. Die Bei­den bera­ten sich gegen­sei­tig in ihren Lie­bes­que­re­len, was neben allem Wah­ren und All­ge­mei­nem auch amü­sante Momente hat. Erns­ter und melan­cho­li­scher wir­ken Gia­co­mos Erin­ne­run­gen an die schwie­rige Bezie­hung sei­ner Eltern, und ebenso die Scham über einen klei­nen Betrug unter Kin­dern. Wir wären nicht in Ita­lien, gäbe es nicht auch eine Nonna. Von die­ser gelieb­ten Groß­mut­ter, deren Beine stär­kere prä­ko­gni­tive Fähig­kei­ten haben als die Madonna, hat Gia­como Eini­ges zu erzählen.

Wie Gia­como und Michela ihr Ren­dez­vous fort­set­zen, sei hier nicht ver­ra­ten. Nur soviel, wer plant sich in ita­lie­ni­sche Lie­bes­aben­teuer zu stür­zen, ist am Ende des Buches für alle Situa­tio­nen sprach­lich präpariert.

Gedacht als leichte Lek­türe, um mein Ita­lie­nisch auf­zu­po­lie­ren, erwies sich Fabio Volos Romanzo als gut les­bare Unter­hal­tung. Und zudem als Lehr­stück in kul­tu­rel­ler Dif­fe­renz, ist mir in mei­nem Leben als Frau und in mei­nem Leben als Lese­rin doch sel­ten jemand begeg­net, der so ein­fühl­sam seine inne­ren Vor­gänge schil­dert ohne seine viel­fäl­ti­gen Unzu­läng­lich­kei­ten zu ver­ber­gen. Die Sto­ria d’amore ist nicht glatt und ober­fläch­lich, son­dern wird durch oft skur­rile Ansich­ten und Beob­ach­tung gebro­chen. Manch­mal gibt es gen­re­be­dingt natür­lich auch ein wenig Kitsch und Klischee.

Aber allen, die eine gefühl­volle Lie­bes­ge­schichte aus männ­li­cher Sicht lesen wol­len, sei die­ser Roman emp­foh­len. Allen Ita­lie­ni­scha­ma­teu­ren sowieso.

Wer hin­ein­schnup­pern möchte, lese das erste Kapi­tel. Wer keine Lust zu lesen hat, warte auf den Film, der in Ita­lien im Dezem­ber ins Kino kommt.

Geschrieben von Atalante

21 Oktober 2011 um 16:43

Survival of the Fittest?

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Von ver­öde­ten Bio­to­pen und ver­ein­sam­ten Frauen — Judith Schal­ansky in “Der Hals der Giraffe

„Gar keine Staats­form wäre das Aller­beste. Es würde sich alles schon von alleine organisieren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin Inge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ihre Umge­bung mit einem durch Dar­win geschul­ten Blick. Sie ist die for­schende Beob­ach­te­rin, ihr bevor­zug­tes Areal das Bio­top Schule. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch Wenige, die kaum Nach­wuchs erzeu­gen, woh­nen dort. Die Schule schrumpft und wird dem­nächst schließen.

Wie in einem alten Natur­kun­de­buch hat Judith Schal­ansky ihren Roman gestal­tet. Die Kapi­tel Natur­haus­halte, Ver­er­bungs­vor­gänge und Ent­wick­lungs­lehre, wer­den durch Kolum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Dazwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Auto­rin, die Sche­mata, Tiere und viel Bio­lo­gie zeigen.

All’ das erin­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Typen von Schü­lern und Leh­rern die Schal­ansky via Loh­mark so genüss­lich seziert als lägen sie auf den Plätt­chen eines Mikro­skops, sind nicht unver­traut. Man genießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Erleich­te­rung diese Phase sei­nes Lebens nun end­gül­tig hin­ter sich zu haben. Doch wir befin­den uns nicht in einer Schul­sa­tire. Immer stär­ker offen­bart Inge Loh­mark ihre Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zynis­mus ist nur ein Mit­tel zur Dis­tanz. Sie will Abstand schaf­fen, Abstand zu den Men­schen, vor allem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ihren Reflek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ihrer Toch­ter Clau­dia. Diese lebt in Ame­rika und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ihrer Hoch­zeit erfährt Inge Loh­mark nur auf diese unper­sön­li­che Weise. Sie lei­det unter dem Ver­lust ihrer Toch­ter und kann die Ursa­che kaum erken­nen. Liegt es an ihrem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strauße, die düm­mer als Schü­ler sind, war jedoch einst auch abge­hauen, eine Frau und Kin­der zurück­las­send. Oder liegt es an ihrem eige­nen Repro­duk­ti­ons­geiz? Hätte sie mehr Kin­der bekom­men, wäre ihr viel­leicht eines geblieben.

Inge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ihrer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­neke. Diese beklagt ihre Kin­der­lo­sig­keit ohne zu ahnen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ihre Trauer teilt. Die eine kann keine Kin­der bekom­men, die andere hat zwei ver­lo­ren, ein gebo­re­nes und ein unge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt keine Gefühle zu. Weder die posi­ti­ven, wenn sie zu einer Schü­le­rin eine beson­dere Zunei­gung ver­spürt, noch die nega­ti­ven, wenn sie gegen das Mob­bing eines Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräfte der Natur.

Dass auch die Natur, ins­be­son­dere ihre ent­wi­ckelte Form der Lebe­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sorge hat, erkennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Erin­ne­rung an ein längst zurück­lie­gen­des Ereignis.

Judith Schal­ansky schil­dert in ihrem Roman sehr ein­fühl­sam, was die Unfä­hig­keit Gefühle zu zei­gen anrich­ten kann, mit dem ande­ren und mit einem selbst. Auch die Psy­che unter­liegt dem Kreis­lauf der Natur.

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Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen Eltern sei auf das Buch und die Web­site von Ange­lika Kindt verwiesen.

Geschrieben von Atalante

19 Oktober 2011 um 23:59

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Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

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Fluch und Trost der Gospa erfährt Tho­mas Gla­vi­nic in „Unter­wegs im Namen des Herrn“ 

„Wer nach Med­ju­g­o­rje fährt und auf kei­nen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBENUND FALLT.“ (S. 77)

Begeis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Lite­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 erschie­ne­nen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neuen Buch. Schon der Titel „Unter­wegs im Namen des Herrn“ ver­spricht eine ähnlich amü­sante Annä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sagen, die­ses post­mo­derne Pil­gern, das mit dem Hape-Hype sei­nen Höhe­punkt aber lei­der nicht End­punkt erreicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Legion, wir brau­chen ein Anti­dot, wie Jean-Dominique Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder der Film der öster­rei­chi­schen Regis­seu­rin Jes­sica Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teuer, wes­halb er sich beglei­tet von Freund und Foto­graf Ingo nach Med­ju­g­o­rje auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pedes, son­dern wer­den in einer from­men Bus­la­dung nach Bosnien-Herzegowina ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­dige Fahrt mit Beten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Erwe­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen suchen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim ungläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren Ingo löst sie eine unstill­bare Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch– und Betäu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Abschnitt der Reise fällt die­ser Bericht nicht ganz so bis­sig böse aus, wie es die Lese­rin erwar­tet. Spä­tes­tens nach der Ankunft in Med­ju­g­o­rje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klärte Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der Anna­linda Anti­lopa, Nonne. Dar­auf hätte er gefasst sein kön­nen. Er rea­giert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Anna­linda Hypo­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um wei­tere Ein­bli­cke in örtli­che Kulte und Rituale. Den­noch schil­dert der Geplagte flott und unter­halt­sam seine Erfah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen gegen die nächt­li­che Aus­gangs­sperre revol­tiert und glänzt mit einer gehö­ri­gen Por­tion Apo­the­ker­wis­sen. Etli­che Xanor und andere Pil­len wei­ter, mit Nied­rig– und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Foto­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Vater zum nächs­ten Flug brin­gen zu lassen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei einem Mann, des­sen Art und Anwe­sen nach dubio­sen Geschäf­ten riecht. Es folgt eine durch­ge­knallte Nacht, anstren­gend für den kran­ken Autor wie für die Lese­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­ju­g­o­rje. Sind Krank­heit und Chaos tat­säch­lich der Fluch der Gospa, den der Kap­pen­mann den ungläu­bi­gen Pil­gern prophezeite?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Bro­thers zum Aus­gangs­punkt ihrer Mis­sion und an das Ende eines ebenso tur­bu­len­ten Fas­tan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und einer Sache kön­nen wir ganz sicher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nirgends.

Eine Lese­probe und zwei Videos fin­den sich beim Hanser-Verlag.

Geschrieben von Atalante

18 Oktober 2011 um 13:04