Sie streiten um den Bachmannpreis – TDDL 2013

Bachmannpreis

Larissa Boeh­ning, Han­nah Düb­gen, Roman Ehr­lich, Verena Günt­ner, Heinz Helle, Nadine Kegele, Ben­ja­min Maack, Nikola Anne Mehl­horn, Joa­chim Mey­er­hoff, Anousch Muel­ler, Katja Petrow­skaja, Zé do Rock, Phil­ipp Schöntha­ler, Cor­dula Simon.

So lau­ten die Namen der Bewer­ber um den dies­jäh­ri­gen Bach­mann­preis. Die Liste liegt seit ges­tern Nach­mit­tag auf der offi­zi­el­len Seite vor. Die acht Auto­rin­nen und sechs Auto­ren, die bei den „Tagen der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur 2013“ aus ihren unver­öf­fent­lich­ten Tex­ten lesen, sind deut­scher, öster­rei­chi­scher und schwei­zer Natio­na­li­tät. Viele besit­zen aller­dings mul­ti­na­tio­nale Bio­gra­phien, dar­un­ter die aus Kiew stam­mende Katja Petrow­skaja, die als Jour­na­lis­tin in Ber­lin lebt, oder der in Mün­chen behei­ma­tete Bra­si­lia­ner Zé do Rock. Auch den Wie­ner Burg­schau­spie­ler Joa­chim Mey­er­hoff könnte man als mul­ti­eth­nisch geprägt bezeich­nen, Lebens­sta­tio­nen vom saar­län­di­schen Hom­burg über Schleswig-Holstein und Enga­ge­ments an meh­re­ren deut­schen Thea­tern bis zu sei­ner jet­zi­gen Wahl­hei­mat Wien legen dies nahe. Die­ser Autor ist mir durch seine bio­gra­phisch geprägte Roman­tri­lo­gie „Alle Toten flie­gen hoch“ der bekann­teste von der Liste. Auch von den meis­ten der ande­ren Kan­di­da­ten lie­gen erste Romane vor oder ste­hen kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung. Einen hohen Bekannt­heits­grad erreich­ten „Lichte Stoffe“ von Larissa Boeh­ning, der 2007 für den Deut­schen Buch­preis nomi­niert war, und „Nach oben ist das Leben offen“, für den Phil­ipp Schöntha­ler den dies­jäh­ri­gen Cle­mens Bren­tano Preis erhält. Die Lebens­läufe zei­gen, daß Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler den größ­ten Anteil der Bewer­ber bil­den. Zwei stu­dier­ten in renom­mier­ten Schreib­schu­len, Roman Ehr­lich am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig und Nadine Kegele in der Schreib­klasse Schau­spiel­haus Wien. Doch auch Künst­ler ande­rer Spar­ten stel­len sich dem lite­ra­ri­schen Wett­streit, die Musi­ke­rin Nikola Anne Mehl­horn und die Schau­spie­ler Verena Günt­ner, Zé do Rock und Joa­chim Mey­er­hoff. Viel­leicht besit­zen sie dadurch einen Vor­teil beim Vor­sin­gen oder auch einen Nach­teil, da eine pro­fes­sio­nelle Per­for­mance erwar­tet wird.

Die Jury setzt sich wie im Vor­jahr aus sie­ben Juro­ren zusam­men, von denen jeder zwei Wett­be­werbs­bei­träge vor­schlägt. Unter dem Vor­sitz von Burk­hard Spin­nen wer­den Daniela Strigl, Paul Jandl, Meike Feß­mann, Hubert Win­kels und Hil­de­gard Kel­ler dis­ku­tie­ren. Den Platz der aus­ge­schie­de­nen Cor­ne­lia Caduff über­nimmt Juri Stei­ner. Der schwei­zer Kul­tur­wis­sen­schaft­ler war lange Kri­ti­ker in der Sen­dung „Literaturclub“.

Ich erwarte alle Lesun­gen aller Auto­ren mit gro­ßer Span­nung und freue mich beson­ders auf die anschlie­ßen­den Dis­kus­sio­nen der Kri­ti­ker. Sie fin­den vom 4. bis zum 6. Juli in Kla­gen­furt am Wör­ther­see statt und wer­den von 3sat live über­tra­gen. Die Eröff­nungs­rede am 3. Juli hält Michael Köhl­meier, die Preis­ver­lei­hung am 7. Juli schließt das dies­jäh­rige Event ab.

Wie in den letz­ten Jah­ren werde ich auch heuer über die ein­zel­nen Tage berich­ten und die Tweets und Bei­träge der Blog­ger­kol­le­gen verfolgen.

 

 

Bachmann-Preis LIVE auf 3sat

Don­ners­tag, 4. Juli, 10.15 bis 15.15 Uhr LESUNGEN und Diskussionen

Frei­tag, 5. Juli, 10.15 bis 15.15 Uhr LESUNGEN und Diskussionen

Sams­tag, 6. Juli, 9.35 bis 14.00 Uhr
 LESUNGEN und Diskussionen

Sonn­tag, 7. Juli, 11.00 Uhr
 PREISVERLEIHUNG

Veröffentlicht in Allgemein, Literaturpreis am | Getaggt , , , , | 2 Kommentare

Reisehandbuch für Nichtreisende

Pierre Bayard ver­tei­digt den fer­nen Blick

Bayard, OrteWie man über Bücher spricht, die man nicht gele­sen hat“, die­ses Essay des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Psy­cho­ana­ly­ti­kers Pierre Bayard hat mich vor kur­zem sehr beein­druckt. Begeis­tert von sei­nen Theo­rien zum Lesen erwar­tete ich neue geist­rei­che Aus­füh­run­gen zum Thema „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewe­sen ist“.

Nicht nur äußer­lich gleicht das im Kunstmann-Verlag erschie­nene neue Buch sei­nem Vor­gän­ger. Das schlichte beige Cover ziert ein gal­li­scher Hahn, der dies­mal nicht auf einem Sta­pel Bücher son­dern auf einem Glo­bus Posi­tion bezo­gen hat. Auch der Auf­bau des Essays wurde über­nom­men. Von Arten des Nicht­le­sen über Gesprächs­si­tua­tio­nen bis zu Emp­foh­le­nen Hal­tun­gen äußert sich Bayard zu Orten, die man nicht kennt (UB), die man über­flo­gen hat (ÜO), die man vom Hören­sa­gen kennt (EO) und die man ver­ges­sen hat (VO). Dar­aus erge­ben sich ent­spre­chende Kate­go­rien, die man ähnlich aus dem Vor­gän­ger­buch kennt. Die Fol­ge­ka­pi­tel tra­gen den glei­chen Titel wie im ers­ten Essay, tei­len sich aber dem Sujet ent­spre­chend in ver­schie­dene Unter­punkte. Die Wahl der Gesprächs­si­tua­tio­nen unter­schei­det sich aller­dings, der Autor wählt zum Thema Rei­sen Sze­na­rien aus der Anthro­po­lo­gie, dem Jour­na­lis­mus, Sport und Fami­lie. Dem Nicht­rei­sen­den emp­fiehlt er im letz­ten Kapi­tel fol­gende Hal­tun­gen, Gren­zen öffnen, in der Zeit zir­ku­lie­ren, durch den Spie­gel gehen und sich lie­ben.

Bayard betont im Vor­wort, daß die Par­al­le­li­tät zwi­schen sei­nen bei­den Essays beab­sich­tigt sei. Er möchte zei­gen, daß „unsere par­ti­elle oder auch voll­stän­dige Unwis­sen­heit über einen Gegen­stand nicht unbe­dingt ein Han­di­cap sein muss, um sach­kun­dig über ihn zu reden, (…).“ (S. 16) Gespannt begann ich die Lek­türe. Auch wenn ich viel Wohl­be­kann­tem begeg­nete, über­raschte mich die Richtung.

Marco Polos Rei­se­be­richt aus China bil­det den Ein­stieg in die­ses Rei­se­hand­buch für Nicht­rei­sende. Ob der Vene­zia­ner tat­säch­lich das ferne Land durch­querte, wird in der his­to­ri­schen For­schung kon­tro­vers dis­ku­tiert. Bayard ver­mu­tet, daß Marco Polo seine Chi­na­phan­ta­sien einer Schö­nen ins Ohr flüs­terte ohne sich jemals von sei­ner Hei­mat­stadt weg bewegt zu haben.

Die anschlie­ßende Betrach­tung ana­ly­siert die Rei­se­ge­wohn­hei­ten des Phi­leas Fogg. Es erstaunt kaum, daß diese Figur Jules Ver­nes als Exem­pel des Rei­sen­den dient, der Orte ledig­lich über­fliegt. Fogg, des­sen Ziel eine Welt­um­run­dung mit fes­tem Zeit­li­mit ist, sei nicht auf Orts­be­ge­hun­gen aus. Die­ser Rei­sende „dreht sich viel­mehr wie ein see­len­lo­ser Gegen­stand um die Erde.“ (S. 39) Der Autor zieht hier die Par­al­lele zum Quer­le­sen von Büchern. Doch ist die­ser Ver­gleich ange­mes­sen? Wäre Foggs Wette nicht eher mit einer Ankün­di­gung ver­gleich­bar, ein Buch in einer vor­her fest­ge­leg­ten Zeit zu durch­blät­tern? Beim Quer­le­sen wird noch gele­sen aber lässt sich ein Schnell­trans­port um die Erde noch als Reise bezeichnen?

Was macht eine Reise aus? Der Autor defi­niert sei­nen Unter­su­chungs­ge­gen­stand nicht. Darin liegt mei­nes Erach­tens das Grund­pro­blem des Essays. Bayard ent­wi­ckelt viel­mehr anhand fast aus­schließ­lich lite­ra­ri­scher Bei­spiele eine dif­fuse Theo­rie des Über­blicks. So gelinge ein Über­blick über einen Ort nur ohne sich „auf irgend­ein zweit­ran­gi­ges Detail zu fokus­sie­ren“ (S. 47), dies sei bei hoher Rei­se­ge­schwin­dig­keit gege­ben und schütze vor Ste­reo­ty­pen und Ver­all­ge­mei­ne­run­gen. Wirklich?

Wer hat nicht schon von den berühm­ten Lehn­stuhl­rei­sen­den der Ver­gan­gen­heit gehört? Bayard führt einen moder­nen Ver­tre­ter an, Édouard Glis­sant, dem Alter und Krank­heit ver­wehr­ten sein Traum­ziel zu berei­sen und der darum seine jün­gere Frau zu den Oster­in­seln schickte. Sie recher­chierte vor Ort, Glissart schrieb zu Hause das Rei­se­buch. Diese merk­wür­dige Auf­ga­ben­tei­lung, sie Kör­per, er Kopf, besitzt, so Bayard „zahl­rei­che Vor­teile, dar­un­ter jenen, dass sämt­li­che kör­per­li­chen Gefah­ren auf eine Per­son ver­sam­melt wer­den, wäh­rend sich die zweite Hälfte des Paa­res auf das Wesent­li­che kon­zen­trie­ren kann: eine genaue Erfas­sung des Ortes und seine Rekon­struk­tion durch das Schrei­ben.“ (S. 55)

Die viel­fäl­ti­gen Umfor­mun­gen, wel­che das Erle­ben einer Per­son durch Erin­ne­rungs­vor­gänge und Erzäh­len per­ma­nent ver­än­dert, schei­nen dem Autor und Psy­cho­lo­gen fern. Oder doch nicht? Denn im nächs­ten Kapi­tel berück­sich­tigt er, daß Orte ver­wech­selt und ver­ges­sen wer­den. Sein unzu­ver­läs­si­ger Zeuge ist Cha­teau­bri­and, der viele der ver­ges­se­nen Orte nur durch Rei­se­be­richte und lite­ra­ri­schen Tex­ten kennt, die er in seine Betrach­tun­gen der unbe­such­ten Orte verwebt.

Nach die­sem ers­ten Kapi­tel ist klar, daß Bayard vor­wie­gend das lite­ra­ri­sche Rei­sen betrach­tet, er geht nicht von der prak­ti­schen Situa­tion aus, ver­sucht aber für diese Rat­schläge von den bis­her vor­ge­stell­ten Nicht­rei­sen­den abzuleiten.

Im Kapi­tel Gesprächs­si­tua­tio­nen setzt er die­ses Vor­ha­ben aller­dings nicht um, wie im Bücher­es­say, son­dern führt die Reihe sei­ner Rei­se­ent­sa­ger fort. Auch hier hört der erfah­rene Leser bekannte Geschich­ten, wie die von Mar­ga­ret Meads Samoa-Studie. Obwohl gerade diese ein gutes Bei­spiel dafür ist, wes­halb Eth­no­lo­gen eine sen­si­ble teil­neh­mende Beob­ach­tung als Grund­lage ihrer Beschrei­bun­gen durch­füh­ren soll­ten, argu­men­tiert Bayard vehe­ment gegen diese Methode der Feld­for­schung. Sie mag bis­wei­len zu Ein­flüs­sen oder gar Pan­nen füh­ren, die das Ergeb­nis ver­fäl­schen, aber ihr die Ima­gi­na­tio­nen und Phan­ta­sien eines Abwe­sen­den vor­zu­zie­hen ist absurd.

Mit Augen­zwin­kern phi­lo­so­phiert Bayard über das Phä­no­men des Nicht­rei­sens, sein Buch „ver­steht sich als eine Ver­tei­di­gung der (…) dis­tan­zier­ten Beob­ach­tung“. (S. 100) Wis­sen­schaft­lich ist dies nicht, aber es amü­siert, wenn er von dem ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Jason Blair berich­tet, der eines Tages voll­kom­men dar­auf ver­zich­tet seine Woh­nung zu ver­las­sen und seine Arti­kel aus frem­den Quel­len speist. Ebenso wie Rosie Riuz, die 1980 den Bos­ton Mara­thon mit einer pfif­fi­gen Eulen­spie­ge­lei gewann. Die anschlie­ßende Über­le­gung, daß auch Phil­ip­pi­des, der erste Marathon-Läufer, gerne die Bequem­lich­keit eines öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tels der elen­den Ren­ne­rei vor­ge­zo­gen hätte, kommt gleich­falls aus der Argu­men­ta­ti­ons­kiste eines Eulenspiegels.

Einem Baron von Münch­hau­sen hin­ge­gen gleicht der Zeuge, mit dem Bayard uns die erste sei­ner emp­foh­le­nen Hal­tun­gen nahe­brin­gen will. Georg Psal­ma­na­zar erfreute zu Beginn des 18. Jahr­hun­derts ganz Lon­don mit den Berich­ten über seine Hei­mat For­mosa. Ob man in die­sen Zusam­men­hän­gen den Begriff des von Freud gepräg­ten inne­ren Rau­mes anfüh­ren muss oder den ato­pi­schen Raum als Locus sine qua non idea­li­sie­ren sollte, sei bezweifelt.

Auch Karl May halte ich nicht für ein gut gewähl­tes Bei­spiel eines erfolg­rei­chen Nicht­rei­sen­den. Die von Bayard ange­führte fort­schritt­li­che Kri­tik am Umgang mit der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung hat May eben nicht intui­tiv aus der Dis­tanz erspürt, son­dern wie seine prä­zi­sen Land­schafts­bil­der schlicht und ein­fach abge­schrie­ben. Die Lese­rin begeg­net mit Blaise Cen­dar und Nina Ber­berova wei­te­ren Ima­gi­na­ti­ons­rei­sen­den und ver­zwei­felt an Sät­zen wie: „Der Geist des Ortes, der in der Spra­che ange­sie­delt ist, ist untrenn­bar von der Kom­mu­ni­ka­tion mit dem ande­ren und hängt nicht ein­zig vom ima­gi­nä­ren Land des Autors ab.“ (S. 185)

Das Essay schließt mit einem Glos­sar, des­sen Stich­worte fol­gen­des Resü­mee ergeben:

Bayards ato­pi­sche Kri­tik zum ato­pi­schen Raum setzt auf die dis­tan­zierte Beob­ach­tung um den Geist des Ortes zu erfas­sen. Ein ima­gi­nä­res Land ermög­licht uns durch Infor­man­ten unser inne­res Land und des­sen lite­ra­ri­sche Wahr­heit auf­zu­spü­ren ohne jede phy­si­sche Prä­senz. Der plu­rale Sin­gu­lar der psy­chi­schen Prä­senz ermög­licht dem sess­haf­ten Rei­sen­den ohne Reise in ein rea­les Land und ohne teil­neh­mende Beob­ach­tung einen Über­blick sowie uni­ver­selle Erfah­rung. Nur die Unreise garan­tiert die Rück­kehr in das ursprüng­li­che Land der ers­ten Kindheitsträume.

Ein anre­gen­des Gedan­ken­spiel bie­ten Bayards Aus­füh­run­gen trotz allem. Lei­der fehlt im Buch die Lite­ra­tur­liste. Wer sich mit sei­nen Quel­len aus­ein­an­der setz­ten möchte, fin­det sie im fol­gen­den ergänzt mit wei­te­ren Angaben.

Nina Ber­berova, Das schwarze Übel. Ber­lin 2003.

Jason Blair, Burning down my Master’S House. Beverly Hills 2004.

Emma­nuel Car­rèrre, Amok. Frank­furt 2003.

François René de Cha­teau­bri­and, Iti­né­r­aire de Paris à Jeru­sa­lem, Paris 2005.
                                                     id., Mémoi­res d’outre-tombe I. Paris 2009.
                                                     id., Ètudes his­to­ri­que et Voyage en Ame­ri­que, Paris 1860.

zu Cha­teau­bri­and: Michel de Jaeg­her, Le Men­teur magni­fi­que. Paris 2006.

Blaise Cen­drars, Auf allen Mee­ren.. Basel 2008

zu Cen­drars: Miriam Cen­drars, Blaise Cen­drars: Eine Bio­gra­phie. Basel 1986.

Édouard Glis­sant, Das magne­ti­sche Land: Die Irr­fahrt der Oster­in­sel Rapa Nui. In Zusam­men­ar­beit mit Syl­vie Séma. Hei­del­berg 2010.

Karl May, Win­ne­tou 1. Rei­se­er­zäh­lung. Bam­berg 1951.

zu May: Karl Mar­kus Kreis, Rot­häute, Schwarz­rö­cke und Hei­lige Frauen. Deut­sche berich­ten aus der India­ner Mis­sion in South Dakota. Bochum 2000.

Mar­ga­ret Mead, Jugend und Sexua­li­tät in pri­mi­ti­ven Gesell­schaf­ten, I. Kind­heit und Jugend in Samoa.. Mün­chen 1970.

zu Mead: Derek Free­man, Liebe ohne Aggres­sion. Mar­ga­ret Meads Legende von der Fried­fer­tig­keit der Natur­völ­ker.  Mün­chen 1983.

George Psal­ma­na­zar, Memoi­res of ****. Com­monly kon­own by the name of Geroge Psal­ma­na­zar; a repu­ted native of For­mosa. Writ­ten by him­self in order tob e publis­hed after his death, Lon­don 2011.

zu Psal­ma­na­zar: Richard M. Swi­der­ski, The False For­mo­san: Georg Psal­ma­na­zar and the Eighteenth-Century Expe­ri­ment of Iden­tity. San Fran­cisco 1991.

Marco Polo, Die Wun­der der Welt: Il Milione: Die Reise nach China an den Hof des Kublai Khan. Frank­furt 2003

zu Polo: Fran­ces Wood, Marco Polo kam nicht bis China. Mün­chen 1996.

Jules Verne, In 80 Tagen um die Welt. Mün­chen 2011.

Pierre Bayard, Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewe­sen ist, übers. v. Lis Künzli. Kunstmann Ver­lag, 1. Aufl. 2013.
Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , , , | 2 Kommentare

Mücken, Mythen, Mussolini

Anto­nio Pen­nac­chis “Canale Mus­so­lini” — Oral History als Epos

Was bitte, was sagen Sie? Warum sie dann bis hier­her gekom­men sind? Ja, wegen dem Hun­ger, ich bitte Sie, aus wel­chem Grund denn sonst? Wegen dem Hun­ger ist einer zu allem bereit (…).

Der Roman, Canale Mus­so­lini, ver­wan­delt sofort. Er macht aus dem Leser einen Zuhö­rer und ver­setzt ihn vom Ses­sel in einen Stall, wo Frauen, Kin­der, Män­ner sich am Abend ver­sam­meln. Das anwe­sende Vieh wärmt, ebenso das Glas Wein, alle lau­schen einem Ein­zi­gen, der ebenso wie die Frauen einen Faden spinnt, den Filò einer lan­gen Geschichte.

Anto­nio Pen­nac­chis Epos beginnt vor hun­dert Jah­ren und erzählt von Not und Mut der Fami­lie Per­uzzi. Kein Geheim­nis bleibt den Zuhö­rern ver­bor­gen, denn der Erzäh­ler, selbst ein Mit­glied der viel­köp­fi­gen Sippe, kennt sie alle. Auch von der beson­de­ren Bezie­hung der Per­uzzi zum Fascio weiß er eini­ges zu berich­ten. Da gibt es nichts dran zu rüt­teln, sie waren Schwarz­hem­den von Anfang an.

Die alten Per­uzzi zeu­gen 17 Kin­der, nichts Unge­wöhn­li­ches zu ihrer Zeit. Das erste, Temisto­cle, wird 1898 gebo­ren, und dann folgt fast jedes Jahr ein wei­te­res. Als Klein­päch­ter die­nen sie in der Poebene unter­schied­li­chen Her­ren und kön­nen jede Hand gebrau­chen. Doch viele Hände haben viel Hun­ger. Er wurde nicht gerin­ger, als die Ein­künfte zurück gehen. Die von Mus­so­lini aus­ge­ge­bene Quota 90 führt schließ­lich zum exis­ten­ti­el­len Ruin der Per­uzzi. Ihr letz­ter Päch­ter, Graf  Zorzi Vila, ver­jagte sie, nicht ohne ihnen vor­her das letzte Stück Vieh weg zuneh­men. Der junge Adel­chi will dies mit einer Pis­tole ver­hin­dern, aber das bringt ihn nur in den Knast. Auf nach Rom, die älte­ren Brü­der schwin­gen sich aufs Fahr­rad, Rossoni wird ihn schon wie­der raushauen.

Es ist das Jahr 1931, der Duce sitzt bereits im Palazzo Vene­zia und neben ihm Rossoni. Der Sekre­tär hatte als sozia­lis­ti­scher Streik-Redner auf den Dorf­plät­zen der Padana begon­nen. Dort erwies ihm Per­uzzi einst einen Dienst. Als es auf einer Kund­ge­bung zu einer Prü­ge­lei kam, eilte er ihm mit sei­nem Fuhr­werk zur Hilfe. Sie lan­de­ten im Gefäng­nis und seit­dem ver­bin­det sie eine Freund­schaft, die auch die Nach­kom­men des alten Per­uzzi ein­be­zog. Sein Zweit­äl­tes­ter, Peri­cle, ist seit der Grün­dung 1919 Mit­glied des Fascio,1922 nimmt er mit sei­nen Brü­dern am Marsch auf Rom teil und erweist der Bewe­gung auch spä­ter gewisse Dienste. So erstaunt es nicht, daß die Per­uzzi tat­säch­lich Gehör im Palazzo Vene­zia fin­den. Der kleine Bru­der kommt frei, aber gegen die Zorzi Vila kann auch Ros­sini nichts aus­rich­ten. Als Lösung bie­tet er den Per­uzzi die Umsied­lung in die Pon­ti­ni­schen Sümpfe.

Zusam­men mit 30 000 ande­ren Klein­bau­ern aus Vene­tien, Fri­aul und der Emi­lia wer­den sie Neu­sied­ler im Agro Pon­tino. Seit der Antike wider­setz­ten sich die mala­ria­ver­seuch­ten Sümpfe jedem Ver­such der Tro­cken­le­gung. Der Canale Mus­so­lini, tau­sende Euka­lyp­tus­bäume und noch mehr Flie­gen­git­ter mach­ten sie zu bewohn­ba­rem Land, das sich unter den Hän­den der flei­ßi­gen Cis­pa­da­nier in äußerst frucht­bare Äcker ver­wan­deln wird. Cis­pa­da­nier, so wur­den die Neu­an­kömm­linge von den Bewoh­nern der umlie­gen­den Hügel genannt, was diese noch ernied­ri­gen­der fan­den als Polen­t­afres­ser. Aber was, so dach­ten sie, könne man schon von Marok­ka­nern, die Oli­ven essen, erwar­ten. Die Hang­be­woh­ner sehen mit Stau­nen und Neid, wie in der einst mala­ria­ver­seuch­ten Ebene, Städte und Stra­ßen erbaut wer­den, an denen Bor­ghi und Gehöfte ent­ste­hen. Auch die Per­uzzi bezie­hen eines der bereits fer­tig errich­te­ten Podere.

Mit den Jah­ren ver­mehrt sich die Zahl der Podere Per­uzzi, man ver­stän­digt sich sogar mit den Oli­ven­fres­sern und hei­ra­tet unter­ein­an­der. Und doch füh­len sich die Sied­ler immer noch als Pada­ner. Als sie in den Kriegs­jah­ren, die auch unter den Per­uzzi Sol­da­ten­dienste for­dern, den Trost der Kir­che benö­ti­gen, ver­lan­gen sie nach eige­nen Pries­tern. Es soll­ten Vene­zia­ner sein, die ihre Spra­che ver­ste­hen. Man schickt ihnen tat­säch­lich Lands­leute, wie Don Fede­rico, einen ehe­ma­li­gen Haupt­mann des 1. Welt­krie­ges oder Don Bro­dino, der zu einem Süpp­chen nie nein sagt. Die Kriege offen­ba­ren das Macht­ge­ba­ren Mus­so­li­nis, der einst gegen das ita­lie­ni­sche Kolo­ni­al­stre­ben in Äthio­pien ein­trat, und sich nun als Ver­tre­ter des Impe­ri­ums zu Glei­chem berech­tigt sieht. Pen­nac­chi schil­dert die­sen Wider­spruch und er schil­dert ebenso ohne Scheu die Gräu­el­ta­ten in Abessinien.

Dies ist nur einer der vie­len Hin­weise, die den Vor­wurf wider­le­gen, es han­dele sich um einen geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Roman, der die Ära Mus­so­lini ver­harm­lose oder gar ver­herr­li­che. Das Gegen­teil ist der Fall. Canale Mus­so­lini ist ein his­to­ri­scher Roman, im bes­ten Sinne des Wor­tes. Er schil­dert die Geschichte einer Fami­lie ein­fa­cher Leute und zeigt wie sie ver­führt wur­den. Der kom­men­tie­rende Erzäh­ler mäan­dert sich durch Jahre und Gescheh­nisse in schel­men­haft, iro­ni­schen Ton und kri­ti­scher Sicht­weise. Manch­mal ver­gleicht er pro­vo­ka­tiv die faschis­ti­schen Zustände mit den aktu­el­len der nicht nur ita­lie­ni­schen Politik.

Der Erzäh­ler sitzt in einem Filò, dies bedingt den ein­fa­chen Satz­bau, die Rück­griffe und Wie­der­ho­lun­gen, aber auch die leben­di­gen Dia­loge, die Anspie­lun­gen und der­ben Scherze. Pen­nac­chi bet­tet die Fami­li­en­chro­nik in ein Stück ita­lie­ni­sche Geschichte ein. Sein His­to­rien­epos, das der eins­tige Fabrik­ar­bei­ter und beken­nende Linke, im Vor­wort als sein Meis­ter­werk bezeich­net, erhält nicht nur durch die Namens­ge­bung der ältes­ten Per­uz­zi­söhne, Temisto­cle und Peri­cle Anklänge an die grie­chi­sche Tra­gö­die. Im letz­ten Teil die­ses drei­tei­li­gen Werks voll­en­det sie sich im Lie­bes­ver­häng­nis des Paride, das am Ende auch die Iden­ti­tät des Erzäh­lers ent­hüllt. Pen­nac­chi ver­eint vie­les in sei­nem Roman, für den er 2010 den Pre­mio Strega erhielt. Wir fin­den magi­schen Rea­lis­mus, bib­li­sche Sze­nen, Natur­kunde, Tech­nik und Poli­tik, und wir erfah­ren so eini­ges in die­sem unter­halt­sa­men Filò, der zudem ziem­lich schlau ist.

Anto­nio Pen­nac­chi, Canale Mus­so­lini, Carl Han­ser Ver­lag, 1. Aufl. 2012

 

Wei­ter­füh­rende Literatur:

Schie­der, Wolf­gang: Der ita­lie­ni­sche Faschis­mus 1919–1945. Mün­chen 2010

Mat­tioli, Aram; Stein­acher, Gerald: Für den Faschis­mus bauen: Archi­tek­tur und Städ­te­bau im Ita­lien Mus­so­li­nis. Zürich 2009

Veröffentlicht in Lauter Lob, Literaturpreis, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , | 3 Kommentare

Wer hat hier die Hosen an?

In ihrem neuen Bild­band „Die Erste“ illus­trie­ren Bar­bara Sich­ter­mann und Ingo Rose Kämp­fe­rin­nen um die Geschlechtergerechtigkeit

Die ErsteDie Erste“, das klingt nach Wett­be­werbs­wunsch und Durch­set­zungs­ver­mö­gen. Bei­des war sicher­lich im Ver­hal­ten der Frauen vor­han­den, die Bar­bara Sich­ter­mann und Ingo Rose im vor­lie­gen­den Bild­band vor­stel­len. Sich­ter­mann wid­met sich seit vie­len Jah­ren  den gesell­schaft­li­chen und pri­va­ten Rol­len der Frau. In 18 Kurz­por­träts stellt sie nun, zusam­men mit ihrem Part­ner Rose, bekannte und weni­ger bekannte Frauen unter­schied­li­cher Gene­ra­tio­nen und Fach­ge­biete vor. Gemein­sam ist die­sen Frauen eines, sie erober­ten sich Posi­tio­nen, deren Zugang dem weib­li­chen Geschlecht ver­wehrt war. Neben der berühm­ten Lise Meit­ner, die im Schat­ten von Otto Hahn als Kern­phy­si­ke­rin forschte, fin­den sich der heu­ti­gen Öffent­lich­keit bekannte Per­sön­lich­kei­ten, wie die Jour­na­lis­tin Wiebke Bruhns, die Theo­lo­gin Mar­got Käß­mann, die Finanz­ex­per­tin Chris­tine Lag­arde und die ehe­ma­lige, vor kur­zem ver­stor­bene, bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Mar­ga­ret That­cher.

Die bei­den Auto­ren gehen aber auch in der His­to­rie zurück und berich­ten von den Medi­zi­ne­rin­nen, Fran­ziska Tibur­tius und Emi­lie Leh­mus. Diese hat­ten um 1870 in der Schweiz stu­diert und eröff­ne­ten spä­ter eine Pra­xis in Ber­lin. Das Tür­schild, Dr. med in der Schweiz, offen­barte aller­dings die restrik­ti­ven deut­schen Ver­hält­nisse. Die Schweiz war fort­schritt­li­cher, wenigs­tens ließ sie seit der zwei­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts Frauen zum Uni­ver­si­täts­stu­dium zu. Aller­dings ver­wehrte die­ses Land der Juris­tin Emi­lie Kempin-Spyri ihr Recht auf Berufs­aus­übung. Eben­falls in der Schweiz stu­dierte Alex­an­dra Kol­lon­tai, die 1918 einen Minis­ter­pos­ten in ihrer Hei­mat Russ­land besetzte. Im Wei­te­ren begeg­nen wir Schrift­stel­le­rin­nen und Frauen beim Mili­tär, auch sehr jun­gen, der Gon­do­liera Gior­gia Boscolo in Vene­dig und Han­nah Zeit­lho­fer, Berei­te­rin der Spa­ni­schen Hofreitschule.

Wäh­rend die bis­her Genann­ten, sich eine gesell­schaft­li­che oder beruf­li­che Män­ner­do­mäne erobert haben, half Lene­lotte von Both­mer bei der Durch­set­zung einer heute ganz selbst­ver­ständ­li­chen Gleich­be­rech­ti­gung. Sie trat als erste Abge­ord­nete in Hosen im Bun­des­tag auf. Die­ses Kapi­tel zeigt sehr schön die Vor­ge­hens­weise der Auto­ren. Nach der prin­zi­pi­el­len Frage, in wel­cher Weise Klei­dung den Sta­tus defi­niert, bie­ten sie einen kur­zen, mode­his­to­ri­schen Blick auf die Hose. Anschlie­ßend schil­dern sie den Eklat, den von Both­mer aus­löste als sie trotz des Ver­bots des dama­li­gen Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­den­ten Richard Jae­ger die Hosen anhatte. Die Idee, sich die­sem patri­ar­cha­li­schen Klei­der­ge­bot zu wider­set­zen, stammte eigent­lich von Lie­se­lotte Funke, die sich dem Anzug „figür­lich nicht gewach­sen“ sah. Am Ende berich­tet das Kapi­tel über die wei­tere Ent­wick­lung der Klei­der­ord­nung die­ser Insti­tu­tion. Hier wäre es inter­es­san­ter gewe­sen mehr über diese Pro­test­ak­tion und die Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit zu erfahren.

Die drei bis fünf Sei­ten lan­gen Kurz­por­träts die­ses schön gestal­te­ten Bands wer­den von zahl­rei­chen Foto­gra­fien und Zita­ten ergänzt. Sie eig­nen sich als Ein­stieg in die­ses The­men­feld und regen zu einer wei­te­ren Aus­ein­an­der­set­zung an.

Bar­bara Sich­ter­mann, Ingo Rose, Die Erste, Mutige Frauen ver­än­dern die Welt, Kne­s­e­beck Ver­lag, 1. Aufl. 2013
Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , | 2 Kommentare

Die Traumblätter des Trafikanten

Robert Seet­ha­lers melan­cho­li­scher Wien­ro­man “Der Trafikant”

seethaler_trafikant_3D„15. April 1938

Im Pra­ter geht ein Mäd­chen, es steigt ins Rie­sen­rad, über­all blit­zen Haken­kreuze, das Mäd­chen steigt immer höher, plötz­lich bre­chen die Wur­zeln, und das Rie­sen­rad rollt über die Stadt und walzt alles nie­der, das Mäd­chen juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein Wolkenfetzen.“(S. 180)

Jeder träumt, viele erin­nern sich ihrer Träume, man­cher erzählt sie wei­ter. Doch wer kommt schon auf die Idee seine Träume in der Öffent­lich­keit aus­zu­hän­gen? Da müsste man lange suchen, erst recht in Wien vor acht­zig Jah­ren. Auch wenn dort zu die­ser Zeit der Traum­fach­mann des Jahr­hun­derts lebt, Sig­mund Freud. Nach des­sen Anwei­sung notiert der junge Franz seine Träume und hängt diese an das Fens­ter der Trafik.

Wie es soweit kam und was danach geschah, schil­dert Robert Seet­ha­ler in sei­nem neuen Roman Der Tra­fi­kant. Von Hei­mat und Liebe, von Freund­schaft und Tod, kurz vom Leben erzählt diese Geschichte eines sieb­zehn­jäh­ri­gen Jun­gen aus der öster­rei­chi­schen Pro­vinz. Diese liegt am Atter­see, wo Franz mit sei­ner Mut­ter lebt bis die Umstände ihn in die Welt zwin­gen. Die Mut­ter schickt ihn nach Wien zu ihrem alten Bekann­ten Otto. Der führt einen Laden für Zeit­schrif­ten und Räu­cher­wa­ren, in der Tra­fik soll Franz arbei­ten. Zunächst ver­wirrt ihn das Wie­ner Gewim­mel. Auch die Post­kar­ten­grüße der Mut­ter, alle mit einem ein­zi­gen Motiv, dem silb­rig glän­zen­den See, lin­dern sein Heim­weh kaum. Als Tra­fi­kan­ten­bur­sche lernt er vom ein­bei­ni­gen Welt­kriegs­ve­te­ran Otto vor allem eines, die Zeitungslektüre.

„Franz’ haupt­säch­li­cher Arbeits­platz würde der kleine Hocker neben der Ein­gangs­tür sein. Dort solle er – wenn gerade nichts Dring­li­che­res anstehe – ruhig sit­zen, nicht reden, auf Anwei­sun­gen war­ten und ansons­ten etwas für Hirn und Hori­zont tun, sprich: Zei­tung lesen. Die Zei­tungs­lek­türe näm­lich sei über­haupt das ein­zig Wich­tige, das ein­zig Bedeut­same und Rele­vante am Tra­fi­kan­ten­da­sein; keine Zei­tun­gen zu lesen hieße ja auch, kein Tra­fi­kant zu sein, wenn nicht gar; kein Mensch zu sein.“

Da die Tra­fik an der Ecke zur Berg­gasse liegt, kauft auch der berühm­teste Anwoh­ner die­ser Wie­ner Straße dort Zei­tung und Zigarre. So macht Franz Bekannt­schaft mit Sig­mund Freud, und die­ser rät ihm, sich ein Mäd­chen zu suchen. Franz fin­det schnell eines, Anezka aus Böh­men. Ebenso schnell tau­chen Schwie­rig­kei­ten auf, auch in der Tra­fik, denn der miss­güns­tige Flei­scher von nebenan hetzt dem roten Otto die Gestapo auf den Hals. Zur glei­chen Zeit, am 15. März 1938, recken auf dem Hel­den­platz Zehn­tau­sende den Arm zum Deut­schen Gruß, der Anschluss ist voll­zo­gen, auch Öster­reich steckt in Schwie­rig­kei­ten. Die kleine Welt des Tra­fi­kan­ten­bur­schen gerät der­art durch­ein­an­der, daß er den Rat des Pro­fes­sors sucht. Hart­nä­ckig war­tet er auf der Bank gegen­über, zwei Zigar­ren für Freud in der Tasche. Es ent­steht ein Aus­tausch zwi­schen bei­den, der aller­dings nur von kur­zer Dauer ist. 1939 ver­lässt Sig­mund Freud Wien und zieht in sein letz­tes Domi­zil nach London.

Franz bleibt, er ist inzwi­schen erwach­sen gewor­den. Davon kün­den auf anrüh­rende Weise die Kar­ten und Briefe zwi­schen Mut­ter und Sohn. Franz ist nicht mehr der Bur­sche vom Atter­see son­dern der Tra­fi­kant, der es weiß Zei­tung zu lesen und Zigarre zu rauchen.

Seet­ha­ler beschreibt die Gefühle sei­ner Figu­ren so ein­dring­lich, daß sie für den Leser nach­voll­zieh­bar wer­den, sub­til ver­mit­telt er die poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Bedro­hung durch das Hit­ler­re­gime. Oft möchte man dem naiv agie­ren­den Franz eine War­nung zuru­fen. Orte und ihre Atmo­sphäre wer­den in einer bild­haf­ten Spra­che leben­dig. Bemer­kens­wert sind Ankunfts– und Abschieds­szene am Haupt­bahn­hof. Wäh­rend Franz in sei­nen ers­ten Augen­bli­cken in Wien die Gerü­che der Groß­stadt als Gestank wahr­nimmt, „Es roch nach Abwas­ser, nach Urin, nach bil­li­gem Par­füm, altem Fett, ver­brann­tem Gummi, Die­sel, Pfer­de­scheiße, Ziga­ret­ten­qualm, Stra­ßen­teer.“ (S.21), genießt er spä­ter die­ses Aroma, „Er atmete tief ein. Die Stadt roch nach Som­mer, Pfer­den, Die­sel und Teer.“ (S. 236)

Diese bei­den Sze­nen, sie umklam­mern fast die gesamte Hand­lung, zei­gen den kon­stru­ier­ten Auf­bau die­ses Romans. Seet­ha­ler ver­wen­det oft Sym­bole, die Sze­nen ein­füh­ren oder umschlie­ßen. Anezka juchzt auf dem Pra­ter in einer Schau­kel bevor sie sich mit Franz ver­gnügt. Eine Motte ver­brennt an der Stra­ßen­la­terne wäh­rend Franz sei­ner Lie­besent­täu­schung ent­ge­gen sieht. Ein „Pest­vo­gel“ ver­kün­det die dunk­len Zei­ten. Wenn dann auf den letz­ten Sei­ten einer Gera­nie bru­tal ihr blü­hen­des Haupt abge­schnit­ten wird und leise das Tra­fik­glöck­lein klin­gelt, weiß man, daß es kein gutes Ende neh­men wird.

 

Robert Seet­ha­ler, Der Tra­fi­kant. Kein & Aber. 1. Aufl. 2012
Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

Pierre Bayard plä­diert in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gele­sen hat für einen neuen Umgang mit Literatur

Pierre Bayard„Noch bevor ein gebil­de­ter, neu­gie­ri­ger Mensch ein Buch auf­ge­schla­gen hat, kann schon sein Titel oder ein kur­zer Blick auf den Umschlag eine Reihe von Bil­dern und Ein­drü­cken bei ihm her­vor­ru­fen, die nur dar­auf war­ten, in eine erste Mei­nung ver­wan­delt zu werden.“

Mit einer mei­ner Freun­din­nen rede ich gerne über Lite­ra­tur, auch wenn die Schnitt­menge unse­rer gele­se­nen Bücher rela­tiv klein ist. Sie greift zwi­schen­durch gerne mal zum aktu­el­len Schwe­den­thril­ler oder zum ange­sag­ten Jugend­ro­man, um an ihrer Schule mit Kol­le­gen und  Kli­en­tel mit­re­den zu kön­nen, wäh­rend mein Lese­fut­ter manch­mal in ihren Pflicht­be­reich fällt. Doch wir beschrän­ken unsere Dis­kus­sio­nen nicht auf diese tat­säch­lich gemein­sam gele­se­nen Bücher. Es bleibt auch nicht bei einem gegen­sei­ti­gen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, bei Lese­tipps oder War­nun­gen. Nein, jede hat ihre eigene Mei­nung zu dem jewei­li­gen Buch, ob gele­sen oder nicht. Nicht sel­ten gera­ten wir sogar in eine leb­hafte Debatte.

Ist dies nun statt­haft? Darf man über Dinge reden, die man nicht mit eige­nen Augen gese­hen hat? Sind wir durch unsere offe­nen Augen und Ohren nicht tat­säch­lich so infor­miert, daß ein Dar­über­re­den auch als Nicht­le­ser durch­aus ver­tret­bar ist?

Ant­wor­ten auf diese Fra­gen gibt der fran­zö­si­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Pierre Bayard. Sein Essay Wie man über Bücher spricht, die man nicht gele­sen hat öffnet die Augen für den Umgang mit Lite­ra­tur. Bayard bezeich­net sich darin selbst als Nicht­le­ser, als Lite­ra­tur­pro­fes­sor ist er ein sol­cher qua pro­fes­sione. Seine Grund­these besagt, daß unmit­tel­bar nach dem Lesen das Ver­ges­sen ein­setzt. Dem­zu­folge sor­tiert er Bücher in fol­gende Kate­go­rien: unbe­kannte Bücher, quer­ge­le­sene Bücher, Bücher, die man vom Hören­sa­gen kennt und Bücher, deren Inhalt wir wie­der ver­ges­sen haben.

Sei­ner Argu­men­ta­tion die­nen zahl­rei­che Auto­ren und ihre Werke. Seine Bezie­hung zu die­sen zeigt ein Kür­zel­sys­tem nach sei­nen Kriterien:

UB      unbe­kann­tes Buch

QB      quer­ge­le­se­nes Buch

EB       erwähn­tes Buch

VB      ver­ges­se­nes Buch

++       sehr posi­tive Einschätzung

+         posi­tive Einschätzung

-          nega­tive Einschätzung

–         sehr nega­tive Einschätzung

Folg­lich änderte auch ich den Sta­tus des vor­lie­gen­den Buchs, als ich sei­nem Her­um­lun­gern in mei­nem Regal ein Ende machte, aus einem UB+ wurde ein QB++.

Ich las das Buch Seite um Seite, Wort für Wort, wie jedes, wel­ches ich hier prä­sen­tiere. Da das Schrei­ben jedoch nach dem Lesen erfolgt, habe ich nicht mehr alle Details im Kopf, so daß nach Bayard aus die­sem, wie aus jedem ande­ren, kein Gele­se­nes son­dern ein Quer­ge­le­se­nes wer­den muss. Sein Autor wäre sogar ein­ver­stan­den, wenn ich sein Werk kom­men­tie­ren würde ohne jeden Buch­sta­ben gele­sen zu haben. Als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Dozent fin­det er dies statt­haft und in den meis­ten Fäl­len sogar unvermeidlich.

Vor der Lek­türe die­ses Lese­rat­ge­bers ver­tei­digte ich meine Mei­nung über ein nicht­ge­le­se­nes Buch, beson­ders wenn sie nega­tiv aus­fiel, gerne mit dem Hin­weis, daß man auch die Bild­zei­tung nicht lesen müsse, um die Qua­li­tät des dort Publi­zier­ten beur­tei­len zu können.

Unsere Lese­zeit ist begrenzt. Soll­ten wir also nur noch Klas­si­ker lesen? Für deren Qua­li­tät spricht immer­hin, daß sie im Sieb der Zeit und des Ver­ges­sen hän­gen geblie­ben sind. Um aus den vie­len, täg­li­chen Neu­er­schei­nun­gen aus­zu­wäh­len, ori­en­tie­ren wir uns bis­wei­len am Urteil ande­rer. Aller­dings, wer weiß, ob so man­cher Lite­ra­tur­kri­ti­ker all’ diese Werke ins­be­son­dere die der Best­sel­ler­lis­ten tat­säch­lich Monat für Monat liest, bevor er von ihnen abrät? Selbst, wenn er es nicht täte, sei dies, so Bayard, erlaubt, schließ­lich ver­füge ein Kri­ti­ker über ein jah­re­lan­ges Lite­ra­tur­le­ben, da dürfe er schon mal über ein nicht­ge­le­se­nes Buch urtei­len. Zu Recht, denke auch ich, denn um den neuen Coelho (UB–) ein­zu­schät­zen, reicht meine bis­he­rige Leseerfahrung.

Was ver­steht man über­haupt unter Lesen? Zwi­schen dem voll­stän­di­gen Erfas­sen, einem nie erreich­ba­ren Ideal, und dem Nicht­le­sen gibt es, laut Bayard, vie­ler­lei Zwi­schen­for­men. Wir ken­nen sie alle, sie rei­chen von der akti­ven Aus­ein­an­der­set­zung, dem schon erwähn­ten Quer­le­sen bis zum Über­flie­gen eines Inhalts­ver­zeich­nis­ses oder allei­ni­ger Lek­türe von Vor– und Nach­wort. Wei­tere Infor­ma­tio­nen schnap­pen wir in Gesprä­chen auf oder durch Kon­takt mit den Medien.

Pierre Bayard, der auch als Psy­cho­ana­ly­ti­ker arbei­tet, gibt Rat, wie man mit der Zeit und von Buch zu Buch zum erfah­re­nen Nicht­le­ser wird. Beson­de­res Augen­merk legt er auf die Vor­züge des Nicht­le­sens. Es befreit von Zwän­gen. Kein von wem auch immer erson­ne­ner Kanon muss abge­ar­bei­tet wer­den, um zu den Bele­se­nen zu zäh­len. Es ist nicht not­wen­dig, –das gilt beson­ders für uns Blogger-, alle Aktua­li­tä­ten zu bespre­chen, zumal sie durch gut­ge­ölte Mar­ke­ting­ma­schi­nen bereits all­ge­gen­wär­tig scheinen.

Man­ches kann ein­fach nur quer­ge­le­sen wer­den, sei es aus Zeit– oder ande­ren Grün­den. Bayard bekennt sich zu Proust, mein Proust ist Dos­t­o­jew­ski. Trotz­dem dür­fen wir dar­über reden. Wie der Nicht­le­ser dies in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen meis­tert, erläu­tert Bayard im zwei­ten Teil sei­nes Essays. Ihm zur Seite ste­hen neben ande­ren Der dritte Mann (EG+) und Ham­let (QG+). Letz­te­rer bot dem west­afri­ka­ni­schen Volk der Tiv in aller gegen­sei­ti­ger Unkennt­nis meh­rere unter­halt­same Abende.

Doch wie ver­hält man sich bei der plötz­li­chen Begeg­nung mit dem Schrift­stel­ler, des­sen neus­ten Titel man nicht gele­sen hat? Keine Sorge, viel­leicht ergeht es die­sem wie Mon­tai­gne und er erin­nert sich selbst kaum an sein Geschriebenes.Wenn doch, emp­fiehlt Bayard viel­deu­ti­ges Lob. Viel­leicht ergibt sich sogar eine Dis­kus­sion? Schließ­lich liest jeder sein eige­nes Buch. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Bayard nennt dies Deck­buch, es ist wie das Phan­tom­buch, wel­ches zwar unge­le­sen, aber mit einer dezi­dier­ten Vor­stel­lung aus­ge­stat­tet ist, (um einen Titel zu nen­nen, bei mir wäre dies Fifty Shades of Grey EB–) Bestand­teil der Kol­lek­ti­ven Biblio­thek. Also all’ der­je­ni­gen Bücher, von denen wir gehört und gele­sen, über die wir gespro­chen und gestrit­ten haben, in Feuille­tons, im Fern­se­hen, in Blogs, inklu­sive der Exem­plare, die wir tat­säch­lich gele­sen und meist wie­der ver­ges­sen haben.

Wie wir diese Kol­lek­tive Biblio­thek für uns sor­tie­ren und im Dschun­gel der unend­li­chen Bücher­sta­pel Con­ten­ance bewah­ren, davon spre­chen Pierre Bayards Erfah­run­gen aus sei­nem lan­gen Leben als Nichtleser.

 

Seine Lite­ra­tur­zeu­gen in alpha­be­ti­scher Reihenfolge:

Honoré de Bal­zac, Ver­lo­rene Illusionen.

Sig­mund Freud, Über Träume und Traumdeutung.

Gra­ham Greene, Der dritte Mann.

Umberto Eco, Der Name der Rose.

David Lodge, Schnitzeljagd.

id., Orts­wech­sel.

Michel de Mon­tai­gne, Essais.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften.

Mar­cel Proust, Die wie­der­ge­fun­dene Zeit.

Nat­sume Sôseki, Ich der Kater.

Paul Valéry, Zur Lite­ra­tur.

Oscar Wilde, Kri­tik als Kunst

 

Ernied­ri­gungs­spiel:

Um das scham­freie Beken­nen sei­ner Lese­bil­dungs­lü­cken zu üben schlägt Bayard ein von David Lodge erfun­de­nes Gesell­schafts­spiel vor. Man nennt eine Buch, wel­ches man nicht gele­sen hat, was aber gleich­wohl sehr bekannt ist. Für jeden Mit­spie­ler, der die­sen Titel gele­sen hat, erhält man einen Punkt. Die Figu­ren in Lod­ges „Orts­wech­sel“ machen mit der Nen­nung von „Step­pen­wolf“ und „Oli­ver Twist“ viele Punkte. Den Vogel schießt natür­lich der­je­nige ab, der „Hamlet“ wählt.

Ich hatte noch nicht die Gele­gen­heit, die­ses neue Spiel in einer grö­ße­ren Runde aus­zu­pro­bie­ren, rechne mir aber mit „Der Herr der Ringe“ ganz gute Chan­cen aus. Und ihr?

Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gele­sen hat, Kunst­mann, 1. Aufl. 2007
Veröffentlicht in Allgemein, Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , , , , | 9 Kommentare

Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erin­nert Sig­rid Damm an ihre Ent­de­ckung des Südens

dammIm hohen Nor­den fühle ich mich sofort auf mein gan­zes Leben beru­higt, bin mit­ten im Leben, mit­ten in die­ser Unend­lich­keit, hier aber, in Rom, emp­finde ich mich am äußers­ten Rand einer begra­be­nen Zeit.“

Wohin mit mir“, die­ser Titel erin­nert an frau­en­be­wegte Selbst­fin­dungs­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger Jahre, der­ar­ti­ges klingt in die­sem römi­schen Rei­se­buch durch­aus an. Die aus der DDR stam­mende Auto­rin Sig­rid Damm wurde mit Büchern über his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen Lite­ra­tur bekannt, vor allem mit ihrem 1998 erschie­nen Titel „Chris­tiane und Goe­the“.

Die Fer­tig­stel­lung die­ses Wer­kes liegt 1999 gerade ein Jahr hin­ter ihr und sie plant bereits ein neues Pro­jekt. In ihrer neuen Wahl­hei­mat Nord­schwe­den will sie zusam­men mit ihren bei­den Söh­nen ein Buch über Lapp­land schrei­ben, da erhält sie ein Sti­pen­dium der Casa di Goe­the.

Ein hal­bes Jahr in Rom, grö­ßer könnte der Gegen­satz zu ihren jet­zi­gen Lebens­um­stän­den nicht sein. Er offen­bart sich auch in ihren Erwar­tun­gen und in den ers­ten Erfah­run­gen mit der Ewi­gen Stadt. Aus der Stille und Natur Nord­schwe­dens kommt sie in die ita­lie­ni­sche Haupt­stadt vol­ler Geräu­sche und Kul­tur. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft trifft sie auf junge Schwe­den, die die­sen Gegen­satz posi­tiv erlebt haben. Sie berich­ten ihr, in weni­gen Tagen so viel Kul­tur gese­hen zu haben wie nie zuvor in ihrem schwe­di­schen Leben. Doch Sig­rid Damm ver­spürt kei­nen Kul­tur­hun­ger. Die­ses Arka­dien aller Bil­dungs­bür­ger ist nicht ihr Sehnsuchtsort. Sie läuft nicht wie andere sofort zum Forum Roma­num oder in den Peters­dom. Ahnungs­los nähert sie sich der dar­ge­bo­te­nen Fülle, vor­sich­tig erkun­det sie die nächste Umge­bung und wird schließ­lich doch ver­führt. Oft genug von den Kunst­wer­ken selbst. So fas­zi­nie­ren sie die Caravaggio-Gemälde in Santa Maria del Popolo. Sie wird ganz naiv beein­druckt, ohne zu wis­sen, wem sie hier zum ers­ten Mal begeg­net. Bald begeg­net sie aber auch leib­haf­ti­gen Men­schen, die ihr die Stadt und die Kunst nahe brin­gen, der Buch­händ­le­rin der deut­schen Buch­hand­lung Her­der an der Piazza di Mon­te­ci­to­rio, einem alten römi­schen Ehe­paar auf dem Pin­cio, Baschal dem afri­ka­ni­schen Klos­ter­pfört­ner oder einem Kunst­his­to­ri­ker und Raffaelspezialisten.

Diese römi­schen Erfah­run­gen schil­dert sie in einem Text, der zuwei­len unver­stellt tage­buch­ar­tig bleibt. Davon zeu­gen vor allem die ers­ten Sei­ten. Doch neben unspe­zi­fi­schen Noti­zen zum All­tag, wie dem tech­ni­schen Zustand des Rei­se­fahr­zeugs oder der Zusam­men­set­zung eines Früh­stücks, lässt Damm ihre Leser spä­tes­tens nach der Ankunft in Rom an tie­fe­ren Emp­fin­dun­gen teilhaben. Es gelin­gen ihr atmo­sphä­ri­sche Beschrei­bun­gen, die vom Tru­bel auf der Via del Corso bis zum Fal­ten­wurf einer kopf­lo­sen Gewand­sta­tue zwi­schen den Bäu­men der Villa Bor­ghese rei­chen. In poe­ti­schen Ein­drü­cken nähert sie sich der Stadt als eine pri­vate Entdeckerin.

Zugleich öffnet die Auto­rin ihr Wis­sen und ihre Erin­ne­run­gen an berühmte deut­sche Rom­dich­ter. Wir lesen natür­lich von Goe­the, aber auch von Inge­borg Bach­mann, der sie wie­der begeg­net, als sie auf einer Ver­an­stal­tung Bach­manns Freund Hans Wer­ner Henze antrifft. Damm denkt an ihre staat­lich beschränk­ten frü­he­ren ita­lie­ni­schen Rei­sen und frischt diese nun in aller Frei­heit auf.

Eine Ein­la­dung zu Sieg­fried Unselds Geburts­tag erlaubt ihr die Bekannt­schaft mit Vene­dig und mit lite­ra­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten, unter ihnen Inge Fel­t­ri­nelli, die in ihr wie­der­rum Remi­nis­zen­zen an ihre Hoch­zeits­reise nach Kuba weckt. Durch die­sen Romauf­ent­halt ent­steht gleich­zei­tig ein Netz von Erin­ne­run­gen, die Sig­rid Damm mit den neuen Rei­se­ein­drü­cken sehr anschau­lich ver­bin­det. Zwi­schen ihren Abste­chern nach Sper­longa, wo sie das antike Figu­ren­en­sem­ble in der Grotte des Tibe­rius erkun­det, nach Mai­land, wo sie völ­lig uner­war­tet ein Bigli­etto für Leo­nar­dos Abend­mahl erhält, nach Sizi­lien und zum Lago Mag­giore, berich­tet sie auch über eine kur­zen Besuch bei den Söh­nen. Sie offen­bart auf dis­krete Weise viel Pri­va­tes in die­sem Rei­se­buch, nicht nur über ihre Fami­lie, auch über ihre Art zu schrei­ben und sich die Welt anzueignen.

Sig­rid Damm, Wohin mit mir, Insel Ver­lag, 3. Aufl. 2012
Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgend­wann ist Schluss“ – neue Erzäh­lun­gen von Mar­kus Orths über Wahn, Sehn­sucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_Schluss“Und der Com­pu­ter bringt mir alles ins Haus: Filme, Infor­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bücher, Thea­ter­stü­cke, alles, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein Inter­esse ist wie ein Schwamm. Es unter­schei­det nicht nach der Farbe des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sauber.”

Span­nung, die anfangs sub­til anklingt und sich dann in unge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Roman Die Tarn­kappe, der mir aus­ge­spro­chen gut gefal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Erzäh­lun­gen vor, die in unge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­elle Fra­gen berühren.

In jeder sei­ner Geschich­ten wirft Orths seine Leser zunächst ins Unge­wisse. Die Motive der Figu­ren erschei­nen unklar, erst nach und nach wer­den Indi­zien auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt uner­war­tete Vol­ten und endet sel­ten mit einer ein­deu­ti­gen Lösung. Der Aus­gang ist eher eine Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, begreif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Autors und der Vor­stel­lung des Lesers.

Dies ist schon in der ers­ten Erzäh­lung, Erich, Erich, erfahr­bar. Ihr Prot­ago­nist Erich flieht vor einer Bedro­hung in das Haus sei­ner Eltern. Er baut es zur Fes­tung aus und war­tet in die­sem Panikroom dar­auf, daß seine schlimmste Vor­stel­lung Rea­li­tät wird. Doch garan­tiert eine Über­wa­chung mit allen Mit­teln der moder­nen Tech­nik abso­lute Sicher­heit? Ist diese über­haupt mög­lich? Die span­nende Geschichte einer Bedro­hung kann als Kri­tik am unre­flek­tier­ten Gebrauch der neuen Medien gele­sen wer­den. Sie schnei­den Erich von der Außen­welt ab und machen ihn ein­sam. In Erwar­tung der töd­li­chen Gefahr hat er bereits vor dem Leben kapituliert.

Auch die ande­ren Erzäh­lun­gen ver­fü­gen über meh­rere Ebe­nen. So wirkt die Schil­de­rung wie Karl Bisch­off gegen die BRD vor Gericht zieht, die auf einem rea­len Fall basiert, zunächst als Wutbürger-Satire. Die­ser alternde LOHA, man sieht unwei­ger­lich einen S21-Demonstranten vor sich, mobi­li­siert sein poli­ti­sches Enga­ge­ment wegen der Sehn­sucht nach sei­nem Sohn. Er fühlt die Ein­sam­keit und möchte die ver­meint­lich ver­lo­rene Zunei­gung zurück gewin­nen. Doch über dem Ein­satz für die Welt ver­nach­läs­si­gen beide die Bezie­hun­gen zu ihren Nächs­ten. In die­ser Geschichte sym­bo­li­siert eine Hal­ma­fi­gur auf der Waag­schale die mög­li­che Macht der Vie­len. Es ist eines der star­ken Bil­der, die zum Stil Mar­kus Orths’ zäh­len, der in span­nungs­rei­chen Sze­nen mit kur­zen, prä­gnan­ten Sätze ein unge­heu­res Tempo erzeugt.

In Löwes Welt erzählt er wie die Suche nach einem Ghost­wri­ter, der in genia­ler Weise Dis­ser­ta­tio­nen für andere schreibt, zu einem Evan­ge­lium des wah­ren Den­kens führt. Er schil­dert in Pyg­ma­lion Soap wie einem Mann erfun­dene und erlebte irr­wit­zige Lie­bes­ge­schich­ten wider­fah­ren. In Shot to Not­hing, einer Snooker­par­tie auf Leben und Tod, führt Orths den Leser nicht nur in die Regeln die­ses Spiels ein. Schließ­lich begeg­nen wir in Die Stimme einem Glücks­pilz, der plötz­lich aus der Rolle und aus sei­nem Leben fällt.

Doch hin­ter allem Sus­pense die­ser Geschich­ten wirft Orths, der stu­dierte Phi­lo­soph, grund­sätz­li­che Fra­gen auf, die zur wei­te­ren Beschäf­ti­gung anre­gen. Er blickt auf den unbe­re­chen­ba­ren Wahn, dem jeder, auch ein Zim­mer­mäd­chen, plötz­lich begeg­nen kann, nicht ohne Iro­nie und bis­wei­len mit Humor.

Mar­kus Orths, Irgend­wann ist Schluss. Schöff­ling Ver­lag. 1. Aufl. 2013
Veröffentlicht in Lauter Lob, Rezensionen am | Getaggt , , , , | 4 Kommentare

Die Königin der Smartcrackers – Dorothy Parker

In „Noch ein Mar­tini und ich lieg unterm Gast­ge­ber“ cha­rak­te­ri­siert Michaela Karl die amü­san­teste Kri­ti­ke­rin New Yorks


„If I abs­tain from fun and such, 

I’ll pro­bably amount to much,

But I shall stay the way I am, 

Because I do not give a damm.“ (Par­ker, Com­plete Poems)

Unlängst beklagte der ame­ri­ka­ni­sche Autor Dwight Gar­ner in The New York Times die Über­hand­nahme von Kuschel­kri­ti­ken. Viel­leicht dachte er bei sei­nem Ruf nach wah­ren Rezen­sen­ten, die neben Lob auch harte Kri­tik äußern, an die berühm­teste Kri­ti­ke­rin New Yorks zurück, Doro­thy Par­ker? Ihr fiel es nie schwer eine Rezen­sion fol­gen­der­ma­ßen zu been­den, „Die­sen Roman sollte man nicht ein­fach so weg­le­gen, man sollte ihn vol­ler Hin­gabe in die Ecke feuern.“

Doro­thy Par­ker, die nicht nur Kri­ti­ken, son­dern auch Gedichte, Dreh­bü­cher und Kurz­ge­schich­ten ver­fasste, wid­met die Poli­to­lo­gin und His­to­ri­ke­rin Michaela Karl eine Bio­gra­phie, deren Titel “Noch ein Mar­tini und ich lieg unterm Gast­ge­ber sie nicht bes­ser hätte wäh­len kön­nen. Er weist auf die gro­ßen Lei­den­schaf­ten Par­kers hin, den Hang zu Män­nern und die Liebe zum Alko­hol, sowie die Gabe deren bei­der Nach­wir­kun­gen mit sar­kas­ti­schen Bon­mots zu kurie­ren. Wei­tere Rol­len spiel­ten neben dem Schrei­ben nur noch Hunde und Hüte.

Das trotz all die­ser Umstände immer­hin über sieb­zig Jahre wäh­rende Leben der 1893 gebo­re­nen Doro­thy Roth­schild ver­folgt Karl in zehn Kapi­teln auf 233 Sei­ten. Sie schil­dert in chro­no­lo­gi­scher Abfolge wie die scharf­zün­gige Par­ker zur „geist­reichs­ten Frau New Yorks“ wurde. Zudem zeigt sie anhand zahl­rei­cher Zitate den intel­lek­tu­el­len Sar­kas­mus die­ser Auto­rin, der das Ein­füh­len in das Unglück nicht fremd war, da es sich oft genug um ihr eige­nes handelte.

Ihre jour­na­lis­ti­sche Kar­riere beginnt Doro­thy Par­ker bei der Vogue mit äußerst unkon­ven­tio­nel­len Berich­ten über Ein­rich­tungs­stile und Moden­eu­hei­ten. Bei Vanity Fair wird sie als Nach­fol­ge­rin von P. G. Wode­house die erste weib­li­che Thea­ter­kri­ti­ke­rin der Stadt. Sie schreibt außer­dem für Esquire, Life und für The New Yor­ker. Dort ver­fasst sie als „The Con­stant Rea­der“ die Kolumne „Recent Books“. Einige der amü­san­tes­ten dort publi­zier­ten Ver­risse zitiert die Biographie.

Doro­thy Par­ker ist für ihren Sar­kas­mus berüch­tigt. Ein täg­li­ches Trai­ning in die­ser Dis­zi­plin war der Round-Table im Hotel Algon­quin, wo sie zur Happy Hour im Vicious Cir­cle mit befreun­de­ten Jour­na­lis­ten und viel Spott die Tages­er­eig­nisse kommentiert.

Neben ihren jour­na­lis­ti­schen Schrif­ten ver­fasst sie Gedichte und Kurz­ge­schich­ten. Sie schreibt über Abhän­gig­kei­ten in Lie­bes­be­zie­hun­gen, über die Dumm­heit der Män­ner wie die der Frauen, nimmt die Ver­hal­tens­wei­sen  der Upper Class aufs Korn, bei­des mit Selbst­iro­nie, denn auch sie strau­chelt oft in Lie­bes­wir­ren und lebt die Rituale der Groß­stadt. Gleich­zei­tig kämpft sie gegen Ras­sis­mus an, sam­melt für jüdi­sche Flücht­linge, unter­stützt ihre unter McCar­thy ver­folg­ten Kol­le­gen. Die Rechte an ihren Schrif­ten ver­erbt sie Mar­tin Luther King, sie gehen nach des­sen Tod an die schwarze Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­tion NAACP.

In der vor­lie­gen­den Bio­gra­phie schil­dert Karl auch die pri­va­ten Bezie­hun­gen Par­kers. Es erstaunt wie viele lite­ra­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten mit ihr in Kon­takt stan­den, unter ihnen Fitz­ge­rald, Somer­set Maug­ham und Heming­way. Die inti­men Bezie­hun­gen zu ihren Män­nern und Lieb­ha­bern blei­ben natür­lich nicht uner­wähnt. Lei­der sind diese Dar­stel­lun­gen manch­mal von Wie­der­ho­lun­gen und küchen­psy­cho­lo­gisch anmu­ten­den Pau­schal­ur­teile durch­zo­gen, wie „Wie so viele Frauen fühlt sich Doro­thy Par­ker ange­zo­gen von gut­aus­se­hen­den Män­nern, die ihr intel­lek­tu­ell nicht das Was­ser rei­chen kön­nen“. Den­noch bie­tet sich eine inter­es­sante Lek­türe vol­ler Infor­ma­tio­nen, deren Beleg­stel­len in den ange­häng­ten Anmer­kun­gen auf­ge­führt sind. Hier hätte die Lese­rin sich noch man­che wei­ter­füh­rende Erläu­te­rung gewünscht. Aber viel­leicht hätte dies den Rah­men die­ser Bio­gra­phie gesprengt, die immer­hin noch eine umfang­rei­che Lite­ra­tur­liste und ein Per­so­nen­re­gis­ter bie­tet. Ob aller­dings Georg Cloo­ney und so manch’ andere moderne Berühmt­heit etwas in einer Bio­gra­phie über Doro­thy Par­ker zu suchen haben, sei bezweifelt.

Es ist sicher­lich nicht ver­kehrt, diese Bio­gra­phie zu lesen. Voll­kom­men rich­tig ist aber die Lek­türe der Werke Doro­thy Par­kers. Bei ihren Gedich­ten muss man zum Ori­gi­nal grei­fen. Die Kurz­ge­schich­ten sind bei Kein&Aber neu auf­ge­legt. Einige fin­den sich in einer von Elke Hei­den­reich gele­se­nen Hör­buch­fas­sung.

Last but not least, für alle, die weder lesen noch hören möch­ten, sei auf den 1994 erschie­ne­nen Film von Alan Rudolph „Mrs. Par­ker and the Vicious Cir­cle“ ver­wie­sen.

 

Michaela Karl, Noch ein Mar­tini und ich lieg unterm Gast­ge­ber. Doro­thy Par­ker. Eine Bio­gra­phie. Resi­denz Ver­lag, 4. Aufl. 2011
Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , | 2 Kommentare

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwind­le­rin­nen“ spielt Kers­tin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwin­del befal­len weiß man nicht wo oben und unten. Ob links oder rechts, alles dreht sich, die Ori­en­tie­rung ist ver­wirrt, manch­mal ganz und gar ver­lo­ren. Als Schwin­del wer­den auch Lügen bezeich­net, harm­lose, läss­li­che. Sie offen­ba­ren nicht jedem alles, ber­gen min­des­tens ein Geheim­nis, sei es auch nur ein klei­ner Trick. Aber wer kann schon ohne diese klei­nen Tricks leben?  Sie die­nen der Lebens­be­wäl­ti­gung und nicht sel­ten sind sie ein wich­ti­ger Bestand­teil des Metiers. Auch Schrift­stel­ler bedie­nen sich als Illu­si­ons­künst­ler krea­ti­ver Schwin­de­leien, die nicht nur ihr Werk son­dern auch ihre Per­son betref­fen. Wenn auch der Groß­teil der Schreib­künst­ler inzwi­schen ihr öffent­li­ches Ego als Bestand­teil der Erfolgs­stra­te­gie begreift, so gibt es immer noch Auto­ren, die ihre Anony­mi­tät zu wah­ren wis­sen. Das Geheim­nis um ihre Per­son scheint der Selbst­schutz, ohne den keine Kunst ent­ste­hen kann.

So ergeht es auch Babro Anders­son, kurz Babba, der Schrift­stel­le­rin in Kers­tin Ekmans „Schwind­le­rin­nen“. Von unat­trak­ti­vem Äuße­ren bewegt sich die in einer Arbei­ter­fa­mi­lie groß­ge­wor­dene Babba unsi­cher zwi­schen Men­schen. Als stu­dierte Phi­lo­lo­gin bevor­zugt sie die Gegen­wart der Bücher. Sie arbei­tet als Biblio­the­ka­rin in der Stadt­bü­che­rei, auf deren Kar­tei­kar­ten sie ihre Schrei­b­ideen notiert. Als sie eines Tages aus die­sen Ein­fäl­len eine Geschichte spinnt, schickt ihr Freund diese ohne ihr Wis­sen an eine Zeit­schrift. Das Ableh­nungs­schrei­ben offen­bart ihr nicht nur den Ver­rat, son­dern ebenso die Erkennt­nis, daß sie, Babba Anders­son, so wie sie wirk­lich ist, nie­mals als Schrift­stel­le­rin zu Ruhm gelan­gen könne. Dazu sei sie nun mal ein­fach weder flott noch attrak­tiv genug. „Leute, die schrift­stel­lernde Frauen rühm­ten, lieb­ten die­ses Wort. Frauen soll­ten flott schrei­ben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die andere Haupt­fi­gur des Romans ins Spiel, Lil­lemor Troj. Sie erfüllt die auf­ge­stell­ten Kri­te­rien, wes­halb Babba sie zur Stell­ver­tre­te­rin wählt. Sie wird ihr öffent­li­ches Alias, unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht erscheint Bab­bas Lite­ra­tur. Lil­lemor ist nicht nur äußerst vor­zeig­bar. Als Toch­ter aus gutem Haus weiß sie sich auf öffent­li­chem Par­kett zu bewe­gen. Per­fekt in Mode wie Manie­ren bewäl­tigt sie den schrift­stel­le­ri­schen Small­talk. Zudem tippt und redi­giert sie, was Babba auf die Sei­ten des Spi­ral­blocks schreibt. Lil­lemor ach­tet auf Logik und Struk­tur und spä­tes­tens, wenn beide Frauen die Feri­en­wo­chen in einer ent­le­ge­nen Kate im Wald ver­brin­gen, wird Lil­lemor zu Bab­bas Co-Autorin.

Aller­dings erfor­dert ihre gemein­same Autor­schaft immer stär­kere Geheim­hal­tung. Nicht nur die Män­ner der bei­den erwei­sen sich als Gefahr, auch ihre eige­nen Müt­ter. Immer ver­deckt vor­der­grün­dig die Wahr­heits­liebe die eigent­li­chen ego­is­ti­schen Antriebe der Neu­gie­ri­gen. Den­noch gelingt es Bei­den die Preis­gabe ihres Tricks zu ver­hin­dern bis sie selbst zu Ver­rä­tern wer­den. In ihrem neu­es­ten Roman­ent­wurf ent­hüllt Babba die wahre Geschichte und sen­det sie unter ihrem eige­nen Namen an einen Ver­lag. Die­ser ver­mu­tet Lil­lemor Troj hätte unter Pseud­onym ihre Bio­gra­phie ver­fasst und ver­mit­telt den Text an deren Ver­lag, der wie­der­rum die ver­meint­li­che Auto­rin damit konfrontiert.

Hier setzt „Schwind­le­rin­nen“ ein. Wir lesen mit Lil­lemor Kapi­tel um Kapi­tel der unge­heu­er­li­chen Wahr­heit, die Babba Ander­son in der Ich-Perspektive erzählt. Dazwi­schen erfah­ren wir, was Lil­lemor dar­über denkt. Ihre Ver­sion schil­dert der all­wis­sende Erzäh­ler. Die Gegen­über­stel­lung die­ser bei­den Wahr­hei­ten erzeugt nicht nur den gro­ßen Reiz der Kon­struk­tion, son­dern auch eine Span­nung, die durch den immer­hin an die 500 Sei­ten star­ken Roman trägt. Kers­tin Ekman, die in die­sem Jahr acht­zig Jahre alt wird, und deren voll­stän­di­ger Name Kers­tin Lil­lemor Hjorth Ekman aus Grün­den der Wahr­heit nicht uner­wähnt blei­ben soll, hat einen umfang­rei­chen Roman geschrie­ben. Immer­hin schil­dert sie über sech­zig Jahre eines erfolg­rei­chen Auto­rin­nen­le­bens oder bes­ser dreier erfolg­rei­cher Auto­rin­nen­le­ben, Bab­bas, Lil­lemors, wie ihr eige­nes, wel­ches in Facet­ten in denen ihrer Stell­ver­tre­te­rin­nen auf­scheint. Wie Lil­lemor wurde auch Ekman zum Mit­glied der Schwe­di­schen Aka­de­mie erko­ren, besitzt also aus­rei­chende Infor­ma­tion um die­sen Aspekt in ihrer Lite­ra­tur­be­triebs­sa­tire sub­til aus­zu­leuch­ten. Sie zeigt, wie nicht nur in die­sem Gre­mium Preise ver­ge­ben und anhand wel­cher Kri­te­rien Preis­trä­ger gemacht wer­den. In die­sem letzt­end­lich poli­ti­schen Geschäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahr­lich keine neue Erkennt­nis, wird aber in die­sem Roman sehr schön in Szene gesetzt. Gleich­zei­tig gelingt Ekman ein Gesell­schafts­pan­orama, in dem sie ihre Hel­din­nen von den restrik­ti­ven Fünf­zi­gern über die Alter­na­tiv­kul­tur der nach­fol­gen­den Jahr­zehnte bis in die heu­tige Zeit beglei­tet. In eine Zeit, in der das Lesen eines rich­ti­gen Buches zu einem sub­ver­si­ven Akt wer­den kann, vor des­sen Fol­gen Babba Ander­son warnt:

„Lite­ra­tur schä­digt das Gehirn und ver­min­dert die Fruchtbarkeit.“

Kers­tin Ekman, Schwind­le­rin­nen, übers. v. Hed­wig Bin­der, Piper Ver­lag, 1. Aufl. 2012
Veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen am | Getaggt , , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar