Über Manipulation

T.C. Boyle vereint in seinem neuen Roman „Terranauten“ Ökologie und Gruppendynamik

„Nichts rein, nichts raus“ so lautet das Prinzip, dem das Setting in T.C. Boyles neuem Roman „Die Terranauten“ zugrunde liegt. Als Projekt Ecosphere 2 sollen acht Menschen autark zwei Jahre in einer Gewächshaus-Welt leben oder besser überleben. Inspiriert hat Boyle ein ganz ähnliches Unternehmen, das in den 90er Jahre in der Sonora Wüste unweit von Tucson gestartet wurde. Biosphere 2 lief über die Planzeit von zwei Jahren, aber nicht in vollkommener Abgeschlossenheit und damit entgegen den Vorschriften. Dies lag nicht an der existentiellen Dringlichkeit von Nahrungsbeschaffung oder Sauerstoffversorgung, sondern an einem simplen medizinischen Notfall, der eine, wenn auch nur kurzzeitige, Öffnung der Schleuse verlangte. Das 1994 gestartete Folgeexperiment war sogar schon nach sechs Monaten zu Ende. Ausschlaggebend für den Abbruch dieses Menschenversuchs war ein Mitglied der Außencrew. Er irritierte seine eingeschlossenen Kollegen derart, daß das Projekt scheiterte. Sein Name ist Steve Bannon.

Auch ohne einen solchen desaströsen Provokateur stellt dauerndes Zusammenleben eine Gruppe vor große Herausforderungen. Dieser psychologische Aspekt interessiert mich sehr. Wie verhalten Lesen fortsetzen

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„Der Arm weiß, wo’s langgeht“

„1933 war ein schlimmes Jahr“ – John Fantes 1963 entstandenes Werk über Träume und Lebenswirklichkeiten von Immigranten

„Wie ich so in der Garderobe auf Kenny wartete, döste ich auf der Bank ein. Der Raum war warm und roch nach Dampf, Schweiß und Desinfektionsmitteln. Ich spürte, wie meine Zukunft sich näherte, die Verheißung kommender Tage, die aufregenden Jahre, die vor mir lagen. Alle großen Männer vor mir hatten dieses gleiche Sirren in den Knochen gehabt, diese geheimnisvolle Energie, die sie vom Rest der Menschheit unterschied. Sie wussten es! Sie waren anders.“

1933 war ein schlimmes Jahr muss man lesen! Zum einen droht angesichts grassierender Potentatitis auch das Jahr 2017 so zu werden. Zum anderen stellt John Fante (1909-1983) das Schicksal von Einwanderern in den Mittelpunkt seines Romans.

Der in Colorado geborene Schriftsteller aus einer Familie italienischer Migranten kannte deren Träume und Sehnsüchte ebenso so gut wie das Gefühl des Fremdseins in einem anderen Land. Diese universellen Themen der Migration bestimmen seit jeher die Geschichte der Menschheit, die durch permanente Ein- und Auswanderung erst richtig in Schwung kam und kommt. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Einen guten Anstoß bietet Lesen fortsetzen

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Amerika und Europa – Eitelkeit und Leidenschaft

„Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ – fünf Erzählungen von Henry James

„Auf jeden Fall war sie für mich das fesselndste; es ist nicht meine Schuld, wenn ich nun einmal so veranlagt bin, dass ich an Situationen, die zweifelhaft sind und der Interpretation bedürfen, vielfach mehr Leben ausmachen kann als am offenkundigen Geklapper im Vordergrund. Und es steckten alle möglichen Dinge, anrührende, amüsante, rätselhafte Dinge – und vor allem eine solche Gelegenheit, wie sie sich mir zuvor noch nie geboten hatte – in diesem lustigen kleinen Schicksal (…).“

Warum man gute Literatur – und dazu zählen zweifellos die Werke Henry James’ – lesen sollte, zeigt dieses Zitat des Autors, dessen hundertster Todestag im vergangenen Jahr viele Verlage mit Neuausgaben ehrten. So hatte ich mit Daisy Miller und Eine Dame von Welt zum ersten Mal das Vergnügen, diesem Autor zu begegnen. Vor allem seine ironischen, schnellen Dialoge garantieren eine kurzweilige Lektüre. Sein Hauptthema, die kulturellen Differenzen zwischen den USA und Europa, scheint heute aktueller denn je. Die Ansichten des neunjährigen, neureichen Amerikaners über europäische Verhältnisse würde POTUS45 sicher goutieren.

Der 1843 geborene Amerikaner Henry James war ein ausgezeichneter Europa-Experte. Seit seiner Jugend bereiste er den Kontinent, auf dem er bald seine Wahlheimat fand. Die gegenseitigen Lesen fortsetzen

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Das Ende der Maxim-Biller-Show

Maxim Biller verlässt das Literarische Quartett – Schade!

„Ich weiß ja nicht, was ich am Schrecklichsten an diesem Buch finde“, diesen Satz wird so wohl nicht mehr zu hören sein. Wenigstens nicht von Maxim Biller, der dieser Provokation stets eine fundierte Meinung folgen ließ. Er hat keine Lust mehr auf Das Literarische Quartett. Er wird fehlen.

Biller brachte Spannung in die Bücherrunde. In scharfem Schlagabtausch verfocht er seine literaturkritische Position. Inhaltlich und rhetorisch konnte der interessierte Zuschauer viel lernen. Zugegeben, die erste Folge des im Oktober 2015 neuaufgelegten Literarischen Quartetts hatte ich noch als Maxim-Biller-Show abgetan. Doch schnell entwickelte sie sich zu einem der interessantesten Literatur-Formate im Fernsehen, trotz oder wegen Billers Präsenz.

Im Schweizer Literaturclub besitzen sie viel Sendezeit, in der ARD Denis Scheck. Es macht also gar nichts, wenn das Quartett viel Biller zeigt. Damit ist es vorbei. Liegt es an den Lesen fortsetzen

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Leseschonkost

Mit der Ausgrabung von J. L. Carrs „Ein Monat auf dem Land“  erschliesst Dumont sanften Lesestoff

„Und wer weiß, vielleicht könnte ich anschließend einen Neuanfang machen und vergessen, was der Krieg und die Streitereien mit Vinny bei mir angerichtet hatten, und ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Das war es, was ich brauchte, dachte ich – einen Neuanfang, und hinterher würde ich vielleicht kein allzu Versehrter mehr sein. Nur die Hoffnung hält uns aufrecht.“

Wer vor 30 Jahren ein konfessionelles Krankenhaus meiner bischöflichen Heimatstadt aufsuchte, tat gut daran seine eigene Lektüre dabei zu haben. Die Auswahl der Angebote im Wartezimmer beschränkte sich neben Bibeln und Gebetbüchern auf die kleinformatigen Magazine, in denen Reader’s Digest das vermeintlich Beste seinen Lesern präsentierte: gekürzte Romane und kleine Geschichten, denen alles Ungute fehlte. Passend für das Milieu dieses Ortes zeigte so bereits der Lesestoff Sedierung und präzise Chirurgie.

Heutzutage findet man diese Hefte kaum noch, einen Ersatz Lesen fortsetzen

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Konstrukt Weltliteratur

„Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ – Tim Parks über Literatur

Es ist eine Weile her, da habe ich unter dem Titel „Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden“ ein Buch besprochen, welches nicht nur wie das vorliegende im Kunstmann Verlag erscheint, sondern dessen Autor, Pierre Bayard wie Tim Parks auch wissenschaftlich der Literatur zugewandt ist. Während Bayard zur Lücke anleitet unter dem originalgetreu übersetzten Titel „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“, erläutert Parks in „Where I’m Reading from“ seine Sicht aufs Lesen. Seine Essays zu fast allen Aspekten des Lesens und Schreibens liegen nun in der Übersetzung von Ulrike Becker und Ruth Keen als „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ vor. Ein wirklich schöner Titel.

Parks Buch ist nur unwesentlich länger als die charmante Schummelfibel seines französischen Kollegen. Gut 230 Seiten, portioniert in vier Teile mit 33 Kapiteln, widmen sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Roman gemacht? Wieso wird er ein Erfolg? Was macht uns auf ihn so aufmerksam, daß wir ihn lesen und über ihn reden wollen? Parks Kernthema wird bald klar. In der globalisierten Welt drohe eine Lesen fortsetzen

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Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285„Während der gesamten nächsten drei Jahre wohnte ich bei ihnen und die Zeit mit meinen Großeltern war vielleicht sogar intensiver und prägender für mich als die Ausbildung selbst. Drei Jahre lang sollten diese beiden komplett verschiedenen Welten meine Leben bestimmten.“

Bevor ich mit der Besprechung des Romans beginne, muss ich beim Autor Abbitte leisten. 2013 als der damals an der Wiener Burg engagierte Schauspieler beim Bachmann-Wettbewerb aus dem vorliegenden Roman las, hat mir dies ganz und gar nicht gefallen. Es lag zum einen an der Szene, die mir als pubertäre Ladendiebfarce erschien und die ich auch jetzt nach der Lektüre des kompletten Romans noch als schwach erachte. Doch noch viel mehr störte mich die Präsenz von Meyerhoffs Vortrag, der geradezu unanständig gut zwischen den Bemühungen seiner Mitbewerber hervorstach. Diese Professionalität hat für mich den Text stark überlagert. Ich war also nicht auf seiner Seite. Nie hätte ich gedacht, dass der Roman zu diesem Stück mich so beeindrucken würde.

Kennengelernt hatte ich den Autor bereits einige Jahre zuvor. Damals empfahl mir eine Freundin den ersten, 2011 erschienenen Roman „Amerika“. Da lag er und ich las und Lesen fortsetzen

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Verlangen nach Bedeutsamkeit

„Außer uns spricht niemand über uns“ erkennen die Helden in Wilhelm Genazinos Roman

Genazino_25273_MR1.indd„Vielleicht gab es die Krücken nur deswegen, weil die Menschen zwischendurch an ihrem Bewusstsein litten, dass ihnen geholfen werden musste. Allgemeine Mangelgefühle waren auch mir seit der Kindheit vertraut. Seit etwa vierzehn Tagen litt ich wieder an einem Drang. Von dem ich nicht wusste, ob er mich irgendwann ins Unglück stürzen würde: Ich wollte endlich ein bedeutsames Leben führen. Ich ahnte, dass die menschliche Bedeutsamkeit in zahllosen Einzelheiten des wirklichen Lebens aufbewahrt war und dass es an den Menschen lag, diese Bedeutsamkeit in ihr Leben einzubauen; aber wie? Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh.“

Das Leben des Einzelnen ist kaum spürbar im Getriebe der Welt, das mit oder ohne ihn weiterläuft. Die Sinnsuche bleibt Sache des Subjekts. Mancher Lebensplan erweist sich als Illusion und droht seinen Protagonisten der Bedeutungslosigkeit auszusetzen. Dies ist kurz gefasst das Leid des Ich-Erzählers in Wilhelm Genazinos neuem Roman mit dem prägnanten Titel „Außer uns spricht niemand über uns“. Bedrückt von seiner Belanglosigkeit wird der Hauptfigur bewusst „mein Leben verlief nicht so, wie ich es mir einmal vorgestellt hatte“.

Als typischer Genazino-Held lässt er seinen Entwurf davon schwimmen und ergibt sich in seine Geworfenheit. Beobachtend nimmt er das alltäglich Banale hin, nicht Lesen fortsetzen

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Damnatio Memoriae

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ – über Schuld und den Versuch der Erinnerung zu entfliehen

jpeg_1718_160429Widerfahrnis ist mein erstes Buch von Bodo Kirchhoff und ich weiß gar nicht so recht, warum? Aber ich weiß nach der Lektüre, daß es nicht mein letztes sein wird.

Gewählt habe ich Kirchhoffs neuestes Werk nicht, weil er damit den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sondern weil mir die Leseprobe im zugehörigen Heft sehr gut gefiel. Zudem steht der Titel in zwei Diskussionsrunden auf dem Programm. Die eine findet virtuell bei Whatchareadin statt, die andere demnächst in unserem Literaturkreis.

Auch im vorliegenden Buch taucht eine solche Runde auf. Leonie Palm, eine der beiden Hauptfiguren, ist deren „treibende Kraft“. So bezeichnet sie jedenfalls Julius Reither, an dessen Tür Leonie eines Abends klopft. Der 70jährige hat vor kurzem seinen Verlag geschlossen und sich in ein nobles Apartment in den Bergen zurückgezogen. Hier lebt er in der Natur und in den Erinnerungen, die er redigiert wie einst als Lektor neue Texte. Ein schmerzhafter Prozess. Reither Lesen fortsetzen

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Erlebtes erfunden

Matthias Brandt erzählt in „Raumpatrouille“ von seiner Kanzlerkind-Kindheit

brandt-raumpatrouille-lowres-b8ce18d8d4687ff6b5eb1cada6eb4feb„Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt, manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“

Wer soll die Geschichten lesen, die in Matthias Brandts „Raumpatrouille“ versammelt sind? Alle, die den Autor als Schauspieler schätzen? Leser von Biographien, geschrieben von Schauspielern – man denke an Meyerhoff – oder von Nachkommen der Politikprominenz? Oder die Altersgenossen des Autors, die, so der Klappentext, „literarische Reisen in einen Kosmos, den jeder kennt, den Kosmos der eigenen Kindheit (…) in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts“ unternehmen können?

Schnell wird klar, daß in diesen 178 Seiten mehr steckt. Brandt mischt nicht nur Autobiographisches mit Symbolen der Siebziger. Er widmet diese vierzehn Geschichten der Phantasie, der des damaligen Jungen und der des jetzigen Schriftstellers Matthias Brandt. Schließlich kennt Erinnerung keine Authentizität.

Sein Vater, Willy Brandt, Bundeskanzler von 1969 bis 1974 war ein vielbeschäftigter, Lesen fortsetzen

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