Die Jungfrau Maria von Sidcup

Clare Chambers unterhält in ihrem Roman „Kleine Freuden“ mit erwartbaren wie unerwarteten Wendungen

Kleine Freuden — die erste Zigarette des Tages, ein Glas Sherry vor dem Mittagessen am Sonntag, eine Tafel Schokolade, so aufgeteilt, dass sie eine Woche hielt, ein neu erschienenes Buch aus der Bibliothek, noch unberührt und makellos, die ersten Hyazinthen des Frühlings, ein sauber gefalteter Stapel Bügelwäsche, der Geruch des Sommers, der Garten im Schnee, ein Briefpapier-Spontankauf für ihre Schublade – das alles war belebend genug gewesen.“

Kleine Freuden, so der Titel von Chambers Roman, empfindet die Journalistin Jean ebenso, wenn sie in ihrer Kolumne die skurrilen Tipps der Leserinnen veröffentlicht. Jean lebt mit ihrer Mutter in Hayes nahe London und arbeitet als einzige weibliche Reporterin in der Redaktion des ansässigen Lokalblatts „The Kent Echo“. Im Jahr 1957, der Handlungszeit des Romans, sind die Rollen klar verteilt. Neben den Haushalts-Kolumnen fallen der Journalistin stets die weiblichen Themen zu, so auch als eines Tages ein besonderer Leserbrief die Zeitung erreicht.

Er stammt von Gretchen Tilbury und bezieht sich auf einen wenige Tage zuvor erschienenen Bericht über Parthenogenese bei Tieren. Die Leserin behauptet, sie sei ohne männliche Mitwirkung schwanger geworden. Sollte sich „Die Jungfrau Maria von Sidcup“ weiterlesen

Exempla docent

In „Die Schlange im Wolfspelz“ legt Michael Maar die sprachlichen Lebensadern der Literatur frei

Wenn wir uns lesend treiben lassen (…) dann immer in der Hoffnung, man komme, exempla docent, dem Geheimnis des Stils und der großen Literatur nur durch Beispiele nah.“

Der gleichsam belesene wie wortgewandte Michael Maar versucht in seinem neuen Buch dem „Geheimnis großer Literatur“ mehr als auf die Spur zu kommen. Als Proustkenner leuchtet er mir schon lange den Weg und auch als Romancier ist er nicht unbekannt, um nicht zuerst auf seine Verwandtschaft mit einem gewissen gepunkteten Wesen zu verweisen. Mit „Die Schlange im Wolfspelz“ legt Maar nun eine vergnüglich zu lesende Betrachtung der deutschen Literatur vor. So wie Vergil Dante durch die Wälder und Windungen der Unterwelt bis fast ans Licht führt – die letzte Etappe übernimmt bekanntlich Beatrice –, führt Maar seine Leser zunächst in sein Sprach- und Stilverständnis ein und später durch seine Bibliothek. Manche bisher unbekannten Titel wird man nach der Lektüre lesen wollen, dank der Vorbereitung auch ohne jede Beatrice.

Im ersten Teil der Stilkunde fragt Maar nicht, was gut geschrieben ist. Was gefällt, könne nur ein Geschmacksurteil sein und das hatte schon bei Kant keinen Bestand: „Denn jeder ästhetisch von etwas Überzeugte sinnt an, sein subjektives Geschmacksurteil als allgemeingültig zu akzeptieren.“ Jeder, der mit anderen über Literatur diskutiert „Exempla docent“ weiterlesen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich musste mich durch Erinnern wiederbeleben, mir selbst eine Hirnmassage verpassen. Nimm einfach alles, was aufblitzt, forderte ich mich auf, und präzisiere es! Was kleines Heiteres, damit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürzlich las ich, der Unterschied zwischen deutschem und österreichischem Humor sei, daß ein Deutscher schadenfroh über andere lache, ein Österreicher aber am liebsten über sich selbst. Falls sich dies überhaupt so sagen lässt, wäre Joachim Meyerhoff ein Österreicher. Tatsächlich lebte und arbeitete der deutsche Autor und Schauspieler zum Zeitpunkt der Romanhandlung bereits etliche Jahre in Wien und wechselte erst danach vom Burgtheater an die Schaubühne in seine neue Heimat Berlin.

Ein Jahr zuvor, so berichtet er im Vorwort dieses Memoires, erlitt er einen Schlaganfall. Meyerhoff verwendet lieber das österreichische Diminutiv Schlagerl, was dennoch nur unzureichend seinen Schreck verdeckt. Die einschneidende existentielle Erfahrung, die er in „Hamster im hinteren Stromgebiet“ verarbeitet, geht ihm an die Nieren oder um medizinisch korrekt zu bleiben ins Hirn, genauer „Humor gegen Hirnkatastrophe“ weiterlesen

Vergiften für Verheiratete

Ein effektives Mittel gegen den Horst in deinem Bett liefert Sara Paborn in „Beim Morden bitte langsam vorgehen“

Gift. Im Schwedischen hat das Wort zwei sehr verschiedene Bedeutungen. Gibt es eigentlich irgendeine andere Sprache, in der das Wort für Ehe dasselbe ist wie das für einen gesundheitsschädlichen bis tödlichen Stoff?“

Auf der Suche nach einer Sommerlektüre, einem Antidot gegen nächtliche Gluthitze, stieß ich auf das neueste Werk der schwedischen Autorin Sara Paborn. Im Original trägt es den Titel Blybröllop, Bleihochzeit, die wackere Traditionalisten nach 43 Jahren Ehe feiern. In der Übersetzung wurde daraus eine Anweisung wie aus dem Kochbuch „Beim Morden bitte langsam vorgehen“. Die Leserin ahnt, woran sie ist, denkt an „Arsen mit Spitzenhäubchen“ oder an jene findige Dame, die unliebsames Verhalten stets mit Blaubeerpudding belohnte. Erst viele Jahre und etliche Ehemänner später wurde die durchschlagende Kraft ihres Desserts entdeckt und Blaubeer-Mariechen fand ihren Platz in der Liste legendärer Mörderinnen. Paborns Blei-Ilse hingegen kann nur ein singuläres Ergebnis vorweisen, doch ihre Methode birgt großes Potential.

Eine ausführliche Anleitung liefert die Heldin in ihrem Memoir, das sie sechs Jahre nach der Tat hinterlässt. Ein Geständnis, das nie in die Hände der Kinder fallen wird, denn Ilse lebt nach „Vergiften für Verheiratete“ weiterlesen