Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht tot­schlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Ber­lin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ wei­ter­le­sen

Pinkelbaum und Schnarchmuseum

Was ein amerikanisches Journalisten-Trio beeindruckt

Groß­ar­tig las sich der An­kün­di­gungs­text des Ver­lags. Als dem Skur­ri­lem zu­ge­neig­te His­to­ri­ke­rin be­kam ich so­fort Lust, die­se Samm­lung der „selt­sams­ten, ab­ge­le­gens­ten (sic!) und son­der­bars­ten Or­te“ zu stu­die­ren.„Lie­be­voll aus­ge­stat­tet“ ver­sprach sie, die trü­be Jah­res­zeit un­ter­halt­sam und an­re­gend zu er­hel­len. Doch das Bun­te ist in Wirk­lich­keit meist grau, das er­kann­te schon der Er­zäh­ler in Mar­cel Prousts Er­in­ne­rungs­werk, so­bald er zu den Or­ten ge­lang­te, von de­nen er ge­träumt hat­te.

So er­geht es mir auch im At­las Ob­scu­ra. Als Lehn­stuhl­rei­sen­de be­nö­ti­ge ich fast ei­ne Lu­pe, um die we­nig qua­li­tät­vol­len Fo­to­gra­fien zu er­kun­den, die oft in ge­rin­gem For­mat ab­ge­bil­det sind. Die schlech­te Pa­pier­qua­li­tät ver­geigt die Op­tik noch mehr und nicht nur das. Das beige Re­cy­cling­pa­pier ver­strömt ei­nen Ge­ruch, der das Blät­tern ver­lei­det. Nor­ma­ler­wei­se sind dies Kri­te­ri­en, die in mei­nen Re­zen­sio­nen kei­ne Rol­le spie­len. Ein groß­for­ma­ti­ges, auf Aus­stat­tung an­ge­leg­tes Hand­buch soll­te in sei­nem Auf­tritt je­doch auch olfak­to­risch ta­del­los sein, sonst gibt’s kei­nen Platz auf dem Cof­fee­ta­ble.

Das ro­te Le­se­bänd­chen des von den ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Joshua Fo­er, Dyl­an Thu­ras und El­la Mor­ton ver­fass­ten Werks, das Or­te jen­seits der „im­mer glei­chen Null­acht­fünf­zehn At­trak­tio­nen“ ent­deckt ha­ben will, mar­kiert Batt­le­ship Is­land (S. 205), ei­ne Be­ton­rui­nen­in­sel na­he Na­ga­sa­ki, die an ein „Pin­kel­baum und Schnarch­mu­se­um“ wei­ter­le­sen

Kunstvolles Spiel von Wort und Bild

Angelika Overath porträtiert in „Sie dreht sich um“ die Nebenfiguren der Kunst

9783630873497_CoverIch ha­be mich trei­ben las­sen, war in Edin­burgh, Ko­pen­ha­gen, Bos­ton, Städ­te, die ich nicht kann­te. Es war schön, zum ers­ten Mal ir­gend­wo zu sein. Ich bin viel in Ga­le­rien. Und nun wer­de ich in die Ber­ge fah­ren, ich weiß noch nicht wo­hin. Ich no­ma­di­sie­re ein biß­chen. So vie­le Jah­re ha­be ich mich ver­nünf­tig ver­hal­ten. Wann, wenn nicht jetzt wä­re Zeit für et­was Un­ge­plan­tes? Ich rei­se wie im Spiel, den Zu­fäl­len nach.“

An­ge­li­ka Over­ath ken­ne ich seit sie im Jahr 2009 mit  Flug­ha­fen­fi­sche für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert war. Dar­in er­zählt sie von der ka­pri­ziö­sen Fort­pflan­zungs­akro­ba­tik der See­pferd­chen und von mensch­li­cher Lie­bes­mü­he. Auch in ih­rem neu­en Ro­man fin­det sich ein Aqua­ri­um, doch der Schwer­punkt liegt auf Ge­mäl­den, in de­nen ih­re Haupt­fi­gur den Fi­gu­ren der Ma­ler be­geg­net.

Wie Bild­wer­ke zu Li­te­ra­tur wer­den, ha­be ich im Herbst 2013 be­reits in der Kunst­hal­le Karls­ru­he be­staunt. In der Aus­stel­lung „Un­ter vier Au­gen – Por­träts se­hen, hö­ren, le­sen“ zeig­ten Schrift­stel­ler der deut­schen Ge­gen­warts­li­te­ra­tur ih­re li­te­ra­ri­schen Bild­phan­ta­sien zu Ge­mäl­den be­kann­ter Künst­ler.

An­ge­li­ka Over­ath war ei­ne der be­tei­lig­ten Künst­le­rin­nen. Ih­rer Be­trach­tung zu „Kunst­vol­les Spiel von Wort und Bild“ wei­ter­le­sen

Buon Viaggio e Bella Giornata con Trenitalia

In „Italien in vollen Zügen“ schildert Tim Parks die Tücken und Freuden der italienischen Eisenbahn

Parks, zügen

INTERCITYSeiZe­roOt­toUGO FOSCOLO! – di-pri­ma-e-se­con­da-clas­se – del­le ore – se­di­ci – e – Ze­ro – cin­que – con­ser­vi­zio­diris­tor­an­tee­mi­ni­bar – per – VENEZIA SANTA LUCIA! – è in par­ten­za dal bi­na­rio — QUATTORDICI – si fer­ma a – Bre­scia — De­sen­za­no-Pe­schie­ra — Ve­ro­na Por­ta Nuo­va – San Bono­facio – Vicen­za – Pa­do­va- eMESTRE! – ca­roz­ze di pri­ma clas­se in set­to­ri – B — E – C.“

Ei­ne der­ar­ti­ge Durch­sa­ge hät­te Mark Twains Be­geis­te­rung für das ita­lie­ni­sche Ei­sen­bahn­we­sen, wel­ches er über die An­ti­ken stell­te, oh­ne Zwei­fel ge­stei­gert. Twain hat­te Hu­mor, der für ei­ne Rei­se im ita­lie­ni­schen Schie­nen­netz die bes­te Vor­aus­set­zung ist. Dies be­stä­ti­gen auch mei­ne Er­in­ne­run­gen an Rei­sen im Lie­ge­wa­gen durch die nächt­li­che Po-Ebe­ne oder an un­zäh­li­ge Fahr­ten mit der Cir­cum­ve­su­via­na. Man war auf al­les ge­fasst, Dieb­stäh­le, Ver­spä­tun­gen, War­te­zei­ten, und er­reich­te schließ­lich das Ziel voll in­ter­es­san­ter Be­ob­ach­tun­gen.

So war es vor vie­len Jah­ren. Neu­er­dings über­trifft, wie ich un­längst in „Buon Viag­gio e Bel­la Gior­na­ta con Tre­ni­ta­lia“ wei­ter­le­sen

Reisehandbuch für Nichtreisende

Pierre Bayard verteidigt den fernen Blick

Bayard, OrteWie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, die­ses Es­say des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Psy­cho­ana­ly­ti­kers Pierre Ba­y­ard hat mich vor kur­zem sehr be­ein­druckt. Be­geis­tert von sei­nen Theo­rien zum Le­sen er­war­te­te ich neue geist­rei­che Aus­füh­run­gen zum The­ma „Wie man über Or­te spricht, an de­nen man nicht ge­we­sen ist“.

Nicht nur äu­ßer­lich gleicht das im Kunst­mann-Ver­lag er­schie­ne­ne neue Buch sei­nem Vor­gän­ger. Das schlich­te beige Co­ver ziert ein gal­li­scher Hahn, der dies­mal nicht auf ei­nem Sta­pel Bü­cher son­dern auf ei­nem Glo­bus Po­si­ti­on be­zo­gen hat. Auch der Auf­bau des Es­says wur­de über­nom­men. Von Ar­ten des Nicht­le­sen über Ge­sprächs­si­tua­tio­nen bis zu Emp­foh­le­nen Hal­tun­gen äu­ßert sich Ba­y­ard zu Or­ten, die man nicht kennt (UB), die man über­flo­gen hat (ÜO), die man vom Hö­ren­sa­gen kennt (EO) und die man ver­ges­sen hat (VO). Dar­aus er­ge­ben sich ent­spre­chen­de Ka­te­go­rien, die man ähn­lich aus dem Vor­gän­ger­buch kennt. Die Fol­ge­ka­pi­tel tra­gen den glei­chen Ti­tel wie im ers­ten Es­say, tei­len sich aber dem Su­jet ent­spre­chend in ver­schie­de­ne Un­ter­punk­te. Die Wahl „Rei­se­hand­buch für Nicht­rei­sen­de“ wei­ter­le­sen