Von Verlust und Vertrauen

In „Dankbarkeiten“ erzählt Delphine de Vigan mit zärtlicher Zuneigung von Verlust und Freundschaft

Es dau­ert nicht mehr lan­ge bis zum En­de, das weißt du, Ma­rie. Ich mei­ne das En­de des Ver­stands, der ist dann futsch und al­le Wör­ter ver­flo­gen. Wann mit dem Kör­per Schluss ist, weiß man na­tür­lich nicht, aber es hat an­ge­fan­gen, mit dem Ver­stand zu En­de zu ge­hen.“

Wer je er­lebt hat, wie ein al­ter Mensch Ab­schied von sei­ner Woh­nung nimmt und in ein Heim ein­zieht, für den wird „Dank­bar­kei­ten“ von Del­phi­ne de Vi­gan ei­ne sehr be­we­gen­de Lek­tü­re sein. Vol­ler Em­pa­thie und den­noch mit kla­ren Wor­ten schil­dert die Au­torin, wie ih­re Prot­ago­nis­tin Misch­ka, ei­ne al­lein­le­ben­de, selbst­be­wuss­te Frau, ih­re Un­ab­hän­gig­keit ge­gen stän­dig prä­sen­te Un­ter­stüt­zung ein­tauscht. Ver­trau­te Be­glei­ter ih­res neu­en Le­bens sind Ma­rie und Jé­ro­me, die ne­ben Misch­ka die Er­zähl­stim­men des klei­nen Ro­mans bil­den.

Die jun­ge Ma­rie fand als ver­nach­läs­sig­tes Kind Hil­fe und Für­sor­ge bei Misch­ka, ih­rer da­ma­li­gen Nach­ba­rin. Die Bin­dung der Bei­den blieb über die Jah­re be­stehen. So ist es auch Ma­rie, die in­for­miert wird, als Misch­ka hilf­los „Von Ver­lust und Ver­trau­en“ wei­ter­le­sen

Angst und Schrecken in Nord-Irland

In ihrem stilistisch außergewöhnlichen Roman „Milchmann“ erzählt Anna Burns die spannende Geschichte von einem „Mädchen, das im Gehen liest“ und ihrem zudringlichem Verfolger

Aber dum­mer­wei­se wa­ren – we­gen der lo­sen Na­tur un­se­rer Be­zie­hung; weil er am an­de­ren En­de der Stadt wohn­te und da­her noch nicht ge­hört hat­te, dass ich der neue Schwarm die­ses Milch­manns war; weil ich ver­wirrt war und lang­sam die Kraft ver­lor, mich von den Tak­ti­ken des Milch­manns au­ßer Ge­fecht ge­setzt fühl­te; und weil ich acht­zehn war und nie vor­ge­lebt be­kom­men hat­te, wie man Ge­dan­ken, Be­dürf­nis­se und Ge­füh­le auf ge­sun­de Wei­se zum Aus­druck brach­te – al­le mei­ne Er­klä­run­gen zu­sam­men­hang­los, und nichts, was ich zu sa­gen ver­such­te, woll­te rich­tig rü­ber­kom­men.“

Die Schil­de­run­gen der 18-Jäh­ri­ge Ich-Er­zäh­le­rin kön­nen als Co­m­ing-of-Age-Ro­man ge­le­sen wer­den, als ei­ne Ge­schich­te von Män­nern und vor al­lem von Frau­en und als ei­ne Ge­schich­te von Un­ter­drü­ckung und Wi­der­stand, was das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis wie die Zeit­um­stän­de be­trifft . Der Ro­man spielt mit­ten in der Hoch­pha­se des Nord-Ir­land-Kon­flikts, im ka­tho­li­schen Teil Bel­fasts. Man kann ihn aber auch als Lie­bes­ro­man le­sen, ei­ner der klü­ge­ren Sor­te, der au­ßer von der Schwie­rig­keit, den rich­ti­gen Part­ner zu fin­den, von dem Mut er­zählt, sich zu die­sem zu be­ken­nen.

Die The­men ver­eint An­na Burns auf den 400 Sei­ten ih­res Ro­mans „Milch­mann“, de­ren An­lass und Mo­vens die phy­si­sche und psy­chi­sche Be­dro­hung ei­ner jun­gen Frau durch ei­nen we­sent­lich äl­te­ren, mäch­ti­gen Mann dar­stellt. Als An­füh­rer des pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stands — ei­ne Rol­le, die ihn das Le­ben kos­tet, kün­det der ers­te Satz des Ro­mans — ver­fügt er über je­des Mit­tel, be­vor­zugt je­doch „Angst und Schre­cken in Nord-Ir­land“ wei­ter­le­sen

Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren

André Aciman öffnet in „Fünf Lieben lang“ ein Kaleidoskop des Begehrens

Wir lie­ben nur ein­mal im Le­ben, hat­te mei­ne Va­ter ge­sagt, manch­mal zu spät, manch­mal zu früh; die an­de­ren Ma­le ist die Lie­be im­mer ein biss­chen her­bei­ge­zwun­gen.“

Der in den USA le­ben­de Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler An­dré Aci­man wur­de in Alex­an­dria ge­bo­ren. Dort fand sei­ne aus Ita­li­en stam­men­de Fa­mi­lie se­phar­di­scher Ju­den zu Be­ginn des letz­ten Jahr­hun­derts ein Exil bis sie Mit­te der sech­zi­ger Jah­re wie­der nach Ita­li­en zu­rück­kehr­te. We­nig spä­ter zog der mehr­spra­chig auf­ge­wach­se­ne An­dré in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo er Ro­ma­nis­tik und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te. Ei­nes sei­ner For­schungs­ge­bie­te ist die Fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur, dar­un­ter die Me­moi­ren­li­te­ra­tur der Neu­zeit und, wie könn­te es an­ders sein, Proust.

Dies merkt man dem in der Über­set­zung von Chris­tia­ne Buch­ner und Mat­thi­as Tei­t­ing vor­lie­gen­dem Buch „Fünf Lie­ben lang“ an. Aus­ge­schrie­ben ist die Neu­erschei­nung als Ro­man, durch die Ich-Per­spek­ti­ve und durch das am Er­in­nern kon­stru­ier­te Er­zäh­len gleicht sie eher ei­nem Me­moir. Dar­aus soll na­tür­lich nicht ge­fol­gert wer­den, daß der Au­tor mit dem „Auf der Su­che nach dem Un­er­füll­ba­ren“ wei­ter­le­sen

Mütter in Missouri

Gregor Hens sinniert in seinem Roman „Missouri“ über unterschiedliche Wahrnehmungen von Liebe

Zwi­schen den Zei­len im­mer die Fra­ge: Was der Mensch wahr­nimmt und was nicht. Wo ver­lau­fen die Gren­zen un­se­rer Welt? Dei­ner Um­welt, mei­ner Um­welt. Die Son­ne ist ein Him­mels­licht, las ich. Und der Him­mel ist ein Er­zeug­nis des Au­ges.“

Gre­gor Hens neu­er Ro­man „Mis­sou­ri“ kann auf vie­le Ar­ten ge­le­sen wer­den. Sein Ich-Er­zäh­ler, der 23-jäh­ri­ge Karl un­ter­rich­tet, wie Hens einst selbst, Deutsch an ei­ner ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tät. In Ame­ri­ka er­hofft er sich ein „lich­tes Le­ben“, nach dem Auf­wach­sen im von Schuld und Dun­kel­heit ge­präg­tem Deutsch­land. Wir ver­fol­gen al­so die Ge­schich­te ei­nes Ein­wan­de­rers, die zu­gleich vom Er­wach­sen­wer­den er­zählt. Der Hand­lungs­ort macht den Ro­man zum Cam­pus­ro­man mit Stu­den­ten und Uni­que­re­len, gleich­zei­tig zu ei­nen Ame­rika­ro­man, der vom Ge­gen­satz zu deut­schen Ver­hält­nis­sen be­rich­tet.

Sein vor­der­grün­di­ges The­ma je­doch ist das Schick­sal, was pa­the­tisch klingt. Pa­thos be­sitzt die ge­schil­der­te Lie­bes­ge­schich­te durch­aus, Gre­gor Hens er­zählt sie al­ler­dings oh­ne je­den Kitsch. Schon im ers­ten Satz er­fah­ren wir, daß die­se Lie­be nicht glück­lich en­det. Der mitt­ler­wei­le fünf­zig­jäh­ri­ge, wie­der in Köln le­ben­de Karl blickt zu­rück und lässt uns an die­sem „schlicht un­aus­weich­li­chen“ „Müt­ter in Mis­sou­ri“ wei­ter­le­sen

Psychische Landvermessung

In Hanns-Josef Ortheils „Das Kind, das nicht fragte“ sucht ein Scheuer sich selbst und wird nicht nur vom Fruchtkörper Siziliens beglückt

-(…) mein Wis­sen ist ganz und gar in­tui­tiv.
-In­tui­tiv?! Aber das ist ja un­glaub­lich.
-Manch­mal weiß ich be­stimm­te Din­ge durch In­tui­ti­on. Im Deut­schen gab es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten da­für ein­mal das schö­ne Wort ‚Ahn­dung‘.
-‚Ahn-dunk‘? Spre­che ich es rich­tig aus?
-Per­fekt.
-‚Ahn-dunk‘, ‑das ist ein ge­hei­mes Wis­sen, das die an­de­ren nicht ha­ben? Wis­sen, an das man durch Über­le­gung nicht her­an­kommt?
-Ja, es ist Wis­sen, das aus dem Dun­keln kommt, Dun­kel­wis­sen.“

Sel­ten hat mich ein Ro­man so zwie­ge­spal­ten zu­rück­ge­las­sen! Es han­del­te sich um mei­nen zwei­ten An­lauf, denn ich hat­te „Das Kind, das nicht frag­te“ von Hanns-Jo­sef Ortheil schon ein­mal bei­sei­te ge­legt. Zu stark er­in­ner­ten mich die An­fangs­sze­nen und Ei­gen­hei­ten der Haupt­fi­gur an den 2011 er­schie­nen Ro­man „Lie­bes­nä­he“. Da­zu zähl­ten das Mö­bel­rü­cken in der frem­den Un­ter­kunft, das Ein­rich­ten des Schreib­plat­zes mit Stif­ten, Pa­pier und ei­nem zu Zweck und Ta­ges­zeit pas­sen­dem Ge­tränk. Ge­wohn­hei­ten, zu de­nen sich Ortheil selbst in In­ter­views be­kennt.

Ei­ne Rei­se in den Süd­os­ten Si­zi­li­ens, der Hand­lungs­re­gi­on des Ro­mans, hat mich al­ler­dings er­neut zur Lek­tü­re be­wo­gen. Um es vor­ab zu sa­gen, ich ha­be es nicht be­reut, mich aber oft ge­wun­dert.

Das Kind, das nicht frag­te“ ist ein Ro­man vol­ler Ge­gen­sät­ze, was sei­ne Hand­lung, die Art der Dar­stel­lung und die Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur an­ge­hen. Die Ei­tel­keit des Prot­ago­nis­ten, die „Psy­chi­sche Land­ver­mes­sung“ wei­ter­le­sen

Einseitige Verhältnisse

Lena Andersson analysiert in ihrem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ erneut das emotionale Ungleichgewicht eines Paares

-Gast­re­zen­si­on von Lea Pis­to­ri­us-

Es­ter hät­te sich sehr viel Zeit und Mü­he spa­ren kön­nen, wenn sie ihn beim Wort ge­nom­men hät­te, aber sie hät­te auch viel Wun­der­ba­res ver­passt.“

Wer Le­na An­ders­sons ers­ten Ro­man „Wi­der­recht­li­che In­be­sitz­nah­me“ ge­le­sen hat, dem ist die Haupt­fi­gur ih­res neu­en Wer­kes „Un­voll­kom­me­ne Ver­bind­lich­kei­ten“ be­reits be­kannt. Nicht nur die Wort­paa­re in den Ti­teln äh­neln ein­an­der. Er­neut stellt An­ders­son die kom­pro­miss­los lie­ben­de Es­ter Nils­son in den Mit­tel­punkt ih­rer Er­zäh­lung. Fünf Jah­re ge­al­tert, schei­nen sich Es­ters Vor­lie­ben und Ver­hal­tens­wei­sen nicht son­der­lich ge­än­dert zu ha­ben. Er­neut ver­liebt sie sich in ei­nen Künst­ler, dies­mal ei­nen Schau­spie­ler na­mens Olof Sten. Er­neut han­delt es sich um ei­nen be­reits ver­ge­be­nen, dies­mal ver­hei­ra­te­ten Mann. Und er­neut ist die­ser deut­lich äl­ter als die 37-jäh­ri­ge Es­ter. Ist al­so al­les schon ein­mal da­ge­we­sen?

Die Ge­schich­te um Es­ter Nils­sons Lie­be zeigt das Rin­gen ei­ner Frau um ei­nen Mann, den sie nie­mals wirk­lich be­sit­zen wird. Be­reits zu Be­ginn ih­res Ken­nen­ler­nens er­öff­net sie ihm, dass sie „Ein­sei­ti­ge Ver­hält­nis­se“ wei­ter­le­sen

Lügen machen schöne Beine

Ayelet Gundar-Goshen konstruiert ihren neuen Roman „Die Lügnerin“ nach dem Aschenputtelprinzip

Die Faust­schlä­ge be­ein­druck­ten we­der die bei­den Be­am­ten ihm ge­gen­über noch den Holz­tisch. Der hat­te in sei­nem Le­ben schon so vie­le Hie­be ein­ste­cken müs­sen, mal von den Ver­hör­ten, mal von den Ver­hö­ren­den, dass er seit Lan­gem je­de Hoff­nung auf Ret­tung ver­lo­ren hat­te. Sei­ne Brü­der vom Fließ­band stan­den in öf­fent­li­chen Bü­che­rei­en, bei der Post, ei­ner hat­te es so­gar ins Ein­woh­ner­mel­de­amt ge­schafft, aber die­ses Ex­em­plar hat­te Pech ge­habt und war im Po­li­zei­re­vier an der Haupt­stra­ße ge­lan­det.“

Die 1982 ge­bo­re­ne Is­rae­lin Aye­let Gundar-Gos­hen kennt als Psy­cho­lo­gin das mensch­li­che Ver­hal­ten und die Fall­stri­cke, in die es sich ge­le­gent­lich ver­fängt. Eben­so be­herrscht sie als Dreh­buch­au­torin die Kon­struk­ti­on ei­nes span­nen­den Plots. Be­wie­sen hat sie dies in ih­rem vor­letz­ten Ro­man „Lö­wen we­cken“, der was na­he liegt zur Zeit als TV-Se­rie pro­du­ziert wird. Die­se Kar­rie­re, wenn man es so be­zeich­nen möch­te, könn­te auch dem ak­tu­el­len Werk, Die Lüg­ne­rin“ , be­vor­ste­hen. Das Er­geb­nis wird je­doch bes­ten­falls in der All-Age-Ab­tei­lung zu fin­den sein. Al­ler­dings ist es nicht nur die ju­gend­li­che Haupt­fi­gur, die den Ro­man der gleich­alt­ri­gen Ziel­grup­pe zu­ord­net.

Die 17-jäh­ri­ge Nu­phar, ein von äu­ße­ren wie in­ne­ren Pro­ble­men ge­plag­ter Teen­ager, jobbt in den Fe­ri­en an der Eis­the­ke. Dort muss sie ei­nes Ta­ges nicht nur ih­re ehe­mals bes­te Freun­din und de­ren neue Cli­que der be­lieb­tes­ten Kids der Schu­le be­die­nen. Sie trifft nach die­ser De­mü­ti­gung zu­dem „Lü­gen ma­chen schö­ne Bei­ne“ wei­ter­le­sen

Unter dem Vulkan

Verena Carls sprachschöner Roman „Die Lichter unter uns“ erstickt stilsicher am Pathos

Wer will was von wem wor­aus.“

Die­ser im Ro­man zi­tier­te ju­ris­ti­sche Merk­satz könn­te als sein Leit­mo­tiv durch­ge­hen, denn fast al­le Fi­gu­ren in Ve­re­na Carls „Die Lich­ter un­ter uns“ be­fin­den sich auf der Su­che. Wo­nach scheint ih­nen je­doch selbst ver­bor­gen.

An­na sucht Auf­merk­sam­keit, ihr Mann Jo Si­cher­heit, Alex­an­der sei­ne Vi­ta­li­tät und sei­ne jun­ge Ge­lieb­te so­wie sein er­wach­se­ner Sohn su­chen nicht un­ähn­lich der 11-jäh­ri­gen Ju­dith, Toch­ter von An­na und Jo, den Aus­weg aus dem Dschun­gel des Er­wach­sen­wer­dens. Ein­zig Bru­no, Ju­diths klei­ner Bru­der, sucht und fin­det mit kind­li­cher Sorg­lo­sig­keit in ei­ner Tau­cher­bril­le mit Schnor­chel sein einst­wei­li­ges Glück.

An­na, die nach zwölf Jah­ren Ehe, mit ih­rer Fa­mi­lie ei­ni­ge Ta­ge in Ta­or­mi­na ver­bringt, dem Ort ih­rer Flit­ter­wo­chen, steht im Mit­tel­punkt der mul­ti­per­spek­tiv er­zähl­ten Ge­schich­te. Sie son­diert ih­re Be­find­lich­kei­ten, ‑wann fän­de man bes­ser Zeit als im Urlaub‑, und stellt ihr Fa­mi­li­en­le­ben wie „Un­ter dem Vul­kan“ wei­ter­le­sen

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wie­viel mei­ner Ge­schich­te mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Pe­ter Stamm be­vor­zugt in sei­nem Schrei­ben das Spiel mit den Ebe­nen. Sei­ne Fi­gu­ren chan­gie­ren in ih­ren Funk­tio­nen, be­wusst oder un­be­wusst. Der Prot­ago­nist wird zum Er­zäh­ler, der Er­zäh­ler zur Fi­gur, zu­wei­len so­gar mit den Zü­gen des Au­tors. So ent­steht ei­ne Mi­schung aus Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, die Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern Le­se­freu­de be­rei­tet, und mit der sich seit ge­rau­mer Zeit auch vie­le Schü­ler und de­ren Leh­rer aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Nach­dem Agnes zu­min­dest in den Schu­len hier im Länd­le tur­nus­be­dingt als Abi-Stoff aus­sor­tiert wur­de, bie­tet sich Stamms neu­er Ro­man als Nach­fol­ger an, denn „Die sanf­te Gleich­gül­tig­keit der Welt“ nimmt deut­lich Be­zug auf Stamms be­rühm­tes De­büt. Hier wie dort ver­schie­ben sich Er­zähl­ebe­nen und Fi­gu­ren in par­al­le­len Wel­ten. Hier wie dort steht ein Schrift­stel­ler im Mit­tel­punkt, der sei­ne Lie­be zum Ge­gen­stand sei­ner Fik­ti­on macht.

Stamm stellt wie so oft in sei­nen Ro­ma­nen die Fra­ge nach der Au­then­ti­zi­tät von Er­in­ne­rung. Kön­nen wir ihr und da­mit uns selbst ver­trau­en? Oder for­men wir, in­dem wir uns er­in­nern, nicht stän­dig al­les um? Wel­che Rol­le spielt da­bei die Li­te­ra­tur?

In sei­ner Re­de zum So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis, bie­tet Pe­ter Stamm ei­nen Schlüs­sel „Mein Ich ist ein An­de­rer“ wei­ter­le­sen

Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich ha­be ei­nen Mann ge­kannt, der hieß Hans, und er war an­ders als al­le an­de­ren. Noch ei­nen kann­te ich, der war auch an­ders als al­le an­de­ren. Dann ei­nen, der war ganz an­ders als al­le an­de­ren und er hieß Hans, ich lieb­te ihn.“

Die­se Zei­len in In­ge­borgs Bach­manns Er­zäh­lung „Un­di­ne geht“ wei­sen auf die gro­ßen Lie­ben der Au­torin hin, Hans We­igel, Paul Ce­lan und Hans Wer­ner Hen­ze. Ih­nen räumt auch Hel­mut Böt­ti­ger in sei­nem neu­en Buch „Wir sa­gen uns Dunk­les“ ei­nen Platz ein. Das Er­geb­nis von Böt­tin­gers viel­fäl­ti­gen Ana­ly­sen zeigt al­ler­dings, daß Paul Ce­lan, der Mitt­le­re in Bach­manns Zi­tat, wie kein an­de­rer die Frau und die Schrift­stel­le­rin In­ge­borg Bach­mann präg­te et vice ver­sa.

Hel­mut Böt­ti­ger, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Ver­fas­ser meh­re­rer Wer­ke zur deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, wid­met sich in sei­ner neu­es­ten Stu­die der Be­zie­hung von In­ge­borg Bach­mann und Paul Ce­lan. Er be­leuch­tet dar­in die Sta­tio­nen ih­rer Vi­ta als Lie­ben­de wie als Schrift­stel­ler, ih­re ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung und die Aus­wir­kung auf ih­re Li­te­ra­tur. Die, so zeigt Böt­ti­ger, oft­mals in Chif­fren Re­ak­tio­nen auf die Äu­ße­run­gen des „Ge­mein­sam an­ders“ wei­ter­le­sen